Jean Richepin
Joseph Jaffé translation

geb. 1849

Unsere Vergnügungen
Wenn uns mal, dieweil wir jung, Lustig stimmt ein guter Trunk, Kläfft die ganze Meute. Ach, die Tage eilen so, Und nicht jeder Tag ist froh, Wir sind arme Leute. Narren nennt uns jedermann, Aber keiner denkt daran, Daß, um muntere Lügen Durchzuführen, mancher friert Und vor Hunger fast krepiert, Das ist kein Vergnügen. Kälte, Durst und Hunger sind Untertan dem Königskind, Das sie Dichter heißen. Armer König, oft gäb er Dreimal seine Krone her, Hätt er was zu beißen. Manchem, dem einst ferne Zeit Sicherlich ein Denkmal weiht, Blühen späte Rosen; Wißt ihr, was ihm besser frommt, Bis es einmal dazu kommt? Ein Paar neue Hosen. Wenn uns heller Glanz bestrahlt, Mord und Tod! Der ist bezahlt, Ist’s mit Wucherzinsen. Und der Magen, der uns zwackt, Schlägt zu der Musik den Takt, Hört sie an mit Grinsen. Die ihr heimlich trinkt und zecht, Die ihr täglich regelrecht Dreimal findet Futter, Macht nicht immer gleich Skandal, Wenn auch unsereiner mal Kommt zu Brot und Butter. Wenn ihr schon ein Lied wo hört, Das euch die Verdauung stört, Nur kein Donnerwetter! Trockne Kehle, leerer Bauch, Lieben Wein und Braten auch, Nicht bloß Lorbeerblätter. Nehmt es drum nicht zu genau, Heute ist der Himmel blau, Also lustig heute! Ach, die Tage eilen so, Und nicht jeder Tag ist froh, Wir sind arme Leute.


Unsere Rache
Der Bourgeois nährt sich, still verdaut Der brave Bursche dreimal täglich, Und wenn er einen Dichter schaut, Dann lacht er, denn dem geht es kläglich. Mitunter dreht der Spieß sich um! Dann sieht der Dichter mit Behagen Vorm Schauspielhaus das Publikum Sich um die Eintrittskarten schlagen. Und wenn sodann das Spiel beginnt, Kann man sie leicht zu Tränen rühren; Wie selten merkt das große Kind, Daß wir es an der Nase führen. Doch vom Theater abgesehn, So haben wir noch gegen Laffen, Die protzig stets im Wege stehn, Verschiedene andere gute Waffen. Wir haben Leben, Lieder, Lust, Den Geist, der schweres leicht erledigt, Den großen Stolz in unserer Brust, Der uns für manches Leid entschädigt. Dann gab ein Gott uns zweierlei, Um dessentwegen sie uns hassen: Wir sind noch jung, wir sind noch frei, Keck dürfen wir uns sehen lassen! So’n Kerl wirft sich in Positur: „Oho, Ihr seid die rechten grade, Ihr lauft ja auf die Groschen nur, Mein Kind, das ist für Euch zu schade.“ Wir mögen saure Früchte nicht, Dein Töchterlein ist dürr zum Lachen, Das Geld verschönert kein Gesicht, Es kann auch keinen Busen machen. Die Vogelscheuche! neben ihr Sitzt Deine Frau, Du armer Schächer; Ein flüchtiger Blick ..., hier sitzen wir, Und sie errötet hinterm Fächer. Das Mägdlein halte Dir getrost, Denn wir sind Kenner, unsere Zunge Verschmäht solch kümmerliche Kost — — Wir haben Deine Frau, mein Junge!


Mein Glas ist leer
Einst goß ich, ein froher Zecher, Meinen Lieblingswein In den hell geschliffnen Becher Ohne Sorgen ein. Wenig konnte nie genügen, War der Wein auch schwer, Trank ich doch in vollen Zügen .... Dieses Glas ist leer. Wein des Ruhms, an jedem Orte Wirst Du hoch gelobt! Auch ich hätte diese Sorte, Ach, wie gern geprobt. Perlen sah ich ihn und schäumen, Mehr und immer mehr Schlürfte ich — — in meinen Träumen ...! Dieses Glas ist leer. Liebe, brr! ein saurer Krätzer, Dem gar mancher flucht, Trotzdem hab ich harter Ketzer Oftmals ihn versucht, Danach stand in jungen Tagen Immer mein Begehr, Hab auch ziemlich viel vertragen .... Dieses Glas ist leer. Älter ward ich und mein Sehnen, Einsam und allein Hab ich auch aus salzigen Tränen Schon gekeltert Wein. Um mein Kreuz, da standen alle, Mancher hob den Speer, Lachend trank ich bittere Galle ... Dieses Glas ist leer. Soll ich zürnen, soll ich hadern, Tut kein Wein mir gut? Ha, das Blut in meinen Adern Kreist noch, schlechtes Blut! Muß vom eignen Blute zehren, Bringt den Becher her, Laßt mich auch noch diesen leeren ... Dieses Glas ist leer.


Moderne Studie nach der Antike
Bah! Die Antike bleibt ein Bild von kalter Tugend, Wir respektieren sie .., ein Nachklang nur der Jugend! Ein Vorurteil, mein Freund, gleich andern ist auch dies; Nichts ist erlebt, nichts klar, nichts einfach, nichts praecis. Wir wollen heut Detail und keine leeren Phrasen, Die Alten ..., lieber Freund, da geht der Esel grasen. .... Die Hütte steht am Strand, mit Binsen leicht gedeckt, Aus Weiden ist die Wand. Dort liegen ausgestreckt Zwei Fischer auf dem Bett von Gräsern dürr und trocken. Daneben Fanggerät. Die Köder, welche locken, Die Angeln mit der Schnur, die Haken, etwas Tang, Die Netze, Körbe auch zu bergen ihren Fang. Geflochtne Reusen. Dann im Hintergrund, am Ende, Zwei Ruder mit den Spuren harter Schwielenhände, Ein wackeliges Boot auf Rollen und auf Stützen, Armselige Lumpen und zwei alte Fischermützen. Als Decken noch ein paar ganz abgenutzte Matten, Dies alles, wie sie’s grade hingeworfen hatten, Ihr ganzes Hab und Gut, ein Durcheinander bunt. Nichts weiter, keine Tür, ja nicht einmal ein Hund. Wozu denn auch? es würde kaum der Mühe lohnen, Da beide ganz allein in dieser Öde wohnen. Die Hütte liegt verlassen in der Einsamkeit, Denn ihre Armut schützt sie vor der Menschen Neid. Jetzt, Freundchen, darfst Du die Kritik zum besten geben! Ist dieses Bild praecis, natürlich, hat es Leben, Zeigt es Dir das Detail ganz einfach, ohne Schwall? Sprich Dich nur offen aus, was sagst Du zu dem Fall? Die Studie findest Du, ich will den Zweifel stillen, Als einundzwanzigste in Theokrits Idyllen.


Auf Wache[5]
Mein Junge, Du bist an der Reih, Du hast die Wache bis um drei, Wie willst Du Dir die Zeit vertreiben? Lang wird die Nacht Dir am Kompaß, Willst schlafen Du? ein schlechter Spaß! Und träumen? Junge, das laß bleiben! Horch lieber, wie die Woge braust, Und horche, wie der Sturmwind saust, Horch auf der Winde tollen Reigen; Vielleicht gelingt Dir ein Gedicht, Das wie ihr Laut zum Herzen spricht, Das Herzen peinigt, wie ihr Schweigen.


Die Küste
Eine Festung, dies Gestade! Lang gestreckt und weiß und grade Liegt es da, ein fester Wall, Und die Wogen, die Schwadronen, Brechen sich in tiefem Fall Jählings an den Mauerkronen, Wälzen sich umsonst heran, Stürmen stets von neuem an, Um die Brüstung zu erreichen. Vorwärts jetzt mit frischer Kraft, Die Besatzung kommt ins Weichen, Vorwärts jetzt, die Bresche klafft! Drauf und dran, ihr wilden Koppeln, Müßt die Kräfte jetzt verdoppeln, Horch, wie toll die Trommel schlägt! Hört ihr nicht den Sturmwind pfeifen? Schnell die Böschung blank gefegt, Wagt nur mutig anzugreifen. Stücke Erde, groß und klein, Stürzen ab und Felsgestein, So, jetzt wanken schon die Zinnen! Trümmer liegen überall, Häufen draußen sich und drinnen, Abgebröckelt ist der Wall. Dringt durch die gesprengte Mauer! Wütend flutet kalter Schauer, Immer größer wird die Not. Heulend nahen neue Gäste, Reiche Ernte hält der Tod In der fast erlegenen Veste. Leichen häufen sich zum Turm, Dämmen jetzt den wilden Sturm, Decken rings die feuchte Erde. Von Verstümmelten ein Hauf Packt die abgehetzten Pferde, Hemmt der müden Rosse Lauf. Eine Festung, dies Gestade, Lang gestreckt und weiß und grade! Ohne Zagen wirft und baut Diese Festung ohne Gleichen, Daß es allen Feinden graut, Barrikaden auf von Leichen.


Trockne Kiesel
Ach, ihr enttäuscht mich, meine Lieder, Ihr gebt die Farbenpracht nicht wieder! Sind auch die Worte noch so reich, Sie scheinen unecht und erlogen, Vergleiche ich sie mit den Wogen, Wie sind doch meine Farben bleich! Was aus dem Herzen mir geflossen, Das hab ich treu hinein gegossen In eines Mannes redlich Werk. Wie fröhlich regte ich die Hände! Jetzt da die Arbeit ging zu Ende Erscheine ich mir wie ein Zwerg. Du kannst nur leere Reime schmieden, Dir ist ja doch kein Sieg beschieden, Das freie Meer bezwingst Du nie. Der Vers, den mühsam Du erdachtest, Den zu Papier mit Fleiß Du brachtest, Hat eine andere Melodie. Sobald die Flut zurückgetreten, Dann leuchtet, wie aus Blumenbeeten, In aller Farben frohem Schein, In weißem, rotem, grünem Schimmer, In tausendfältig buntem Flimmer Aus nassem Sand der Kieselstein. Umrahmt von feuchter Tropfen Kranze Erstrahlt der Stein im hellsten Glanze, Er funkelt, wie in Gold gefaßt. Die Sonne und die Winde kommen, Schnell ist die Glut verlöscht, verglommen, Schnell ist der Diamant verblaßt. So leuchten mir auch die Gedanken, Wenn meine Träume sie umranken, Wie Kiesel auf dem feuchten Strand; Doch ach, die Träume, sie verfliegen, Seh auf dem Tisch Papier ich liegen, Das nüchtern allen Glanz verbannt. Was prächtig eben noch gefunkelt, Das ist verblichen und verdunkelt, Die bunten Farben halten nicht; Die Phantasien, die mich locken, Entschwinden, grau erscheint und trocken Der Kieselstein und mein Gedicht.

