Charles Baudelaire
Joseph Jaffé translation

1821-1867

Mißgeschick
Zu schwer wiegt dieser Last Gewicht, Kaum kann ein Sisyphus sie heben, Die Kunst währt lang und kurz das Leben, Selbst wenn es nicht an Mut gebricht. Nie hab an ruhmbekränzten Särgen Ich aufgeschluchzt, mich packt das Weh, Der Gram, wenn ich an Gräbern steh, Die namenlose Tote bergen. Manch Kleinod ward in Nacht versenkt Und Finsternis, kein Spaten denkt Nach dem vergessenen Schatz zu schürfen; Still haucht manch Blüte in die Luft Wie ein Geheimnis ihren Duft, Den tiefe Einsamkeiten schlürfen.


Das Ideal
O nein, sie sind es nicht, die leicht umrissnen Fratzen, Die tauben Früchte dieser Zeit, vermorscht, verrucht, Die hohlen Puppen, die geschmeidig falschen Katzen, Sie sind es nicht, o nein, die meine Seele sucht. Ich gönne Gavarni,[3] dem Dichter der Chlorosen, Dies Volk und sein Gekreisch, ihm und dem Hospital, Nie blüht in wilder Pracht bei diesen bleichen Rosen, Nie blüht auf diesem Beet mein rotes Ideal. Es lebt ein andres Bild auf meines Herzens Grunde, Der Lady Macbeth gleicht’s in ihrer Schicksalsstunde, Dem Traum, der Aeschylus groß vor der Seele stand. Dir gleicht es, ewige Nacht, wie einst in stolzen Tagen Dich Michelangelo hat aus dem Stein geschlagen, Dir, deren düsterer Reiz Giganten zwingt und bannt.


Der Vampyr
Die du gleich einem scharfen Stahl Mir in das zage Herz gedrungen, Die du, ein Dämon, mir zur Qual Hast gleißend meinen Sinn bezwungen, Du, die der Seele Schwung mir brach, Die sie entweiht zum Lotterbette, Die mich gefesselt an die Schmach, Wie den Verbrecher an die Kette, Wie Spieler an des Teufels Buch, Wie Säufer an die vollen Gläser, Wie ekle Maden an die Äser ... Verfluchte, dafür meinen Fluch! Ich bat das Schwert: Hilf schnell und ehrlich Mit einem Hieb, der offen trifft! Verzweifelnd heischte und begehrlich Erlösung ich vom feigen Gift. Umsonst! sie höhnen und versagen, Das schlechte Gift, das gute Schwert: Du sollst die Ketten ewig tragen, Du bist der Freiheit nicht mehr wert. Füg Feigling dich! du wirst es müssen, Denn brächten wir Erlösung dir, Erwecktest du mit deinen Küssen Zu neuem Leben den Vampyr.


Die Katze
Mein Kätzchen, zieh die scharfen Krallen ein, Du liebes Ding darfst mich nicht kränken, Ich will in deiner schönen Augen Schein, In Stahl mich und Achat versenken. Wenn meiner Finger Spiel dich niederzwingt, Wenn aus dem Rücken, der sich windet, Ein Funken in die Hand mir überspringt, Den sie gleich einem Blitz empfindet, Seh ich mein Weib. Ihr Blick trifft wie ein Pfeil, Dem deinen ähnlich, scharf und frostig, Er schneidet und er spaltet wie ein Beil; Des leisen Duftes Zauber kost ich, Der so gefährlich ist, so sicher siegt, Der ihren braunen Leib umschmiegt.


Ganz und gar
Heut morgen, als die Hähne krähten, Hat der Versucher mich beehrt, Mit List ist er herangetreten, Zu wissen hat er schlau begehrt: „Von allen Reizen, die sie schmücken, Von Farben, die an ihrem Leib Dich so bezaubern und berücken, Sag mir, was ist an diesem Weib Das süßeste? Laß mich’s erkennen.“ Da sprachst du, liebe Seele mein: „Ich kann nicht scheiden, kann nicht trennen, Denn Balsam ist ihr ganzes Sein. Da alles siegt, mag ich nicht sorgen, Welch Zauber mich zum Sklaven macht, Sie leuchtet, wie der helle Morgen, Sie tröstet, wie die dunkle Nacht. Wie könnte ich von tausend Liedern, Die meines Ohres Muschel fing, Die Harmonieen je zergliedern? Mein Witz ist dafür zu gering. Ein Traum erscheint mir ihre Nähe, Doch welchem Sinn, ich weiß es nicht, Musik ist alles, was ich sehe, Ein Blütenhauch ist, was sie spricht.“


Nachmittagslied
Sonderbar ist dein Gesicht, Hexe mit den bösen Brauen, Mit den Augen, mit den schlauen, Einem Engel gleichst du nicht. Doch du reizest mich, Frivole, Schreckliche, weckst meine Gier, Schauernd nahe ich mich dir, Wie der Priester dem Idole. Balsam strömt aus deinem Haar, Strömt aus des Gewandes Falten, Deine Art, den Kopf zu halten, Zeigt mir, wie die Sphinx einst war. Schwülen Weihrauchduftes Wellen Hüllen deinen Körper ein, Schmeichelnd, wie im Dämmerschein Warme Abendlüfte schwellen. Ha! kein Liebestränklein schmeckt Wie der Trank aus deinen Händen, Künste weißt du anzuwenden, Deren jede Tote weckt. Liebe ist es, die dein Rücken, Die dein Busen wild ersehnt, Wenn dein Leib sich lässig dehnt, Lacht das Kissen vor Entzücken. Wenn dich Lüsternheit zerreißt, Ihre Flammen dich verzehren, Suchst du wütend dich zu wehren, Und dein Mund, er küßt und beißt. Lächelst du, dann gräbt ein Stichel, Senkt ein Dolch sich in mein Herz, Doch dein Auge heilt den Schmerz, Milde wie des Mondes Sichel. Meine Zukunft zwängest du, Meinen Genius, du süße, Siegreich unter deine Füße, Unter deinen Atlasschuh. Bin durch dich gesund geworden! Aus dem kalten Erdreich sproßt Leben, du bezwingst den Frost Wie die Geiser fern im Norden.


Das Gespenst
Ein Engel, dessen Blick erblichen, Komm ich in dein Gemach geschlichen, Geräuschlos nahe ich und sacht Als Schatten dir in tiefer Nacht. Mein Lieb, du wirst gewiß erschrecken, Wenn Küsse, kalt wie Eis, dich wecken, Wenn einer Schlange feuchter Glast Den braunen Leib umspielt, umfaßt. Naht dann des Morgens blasser Schimmer, Du findest deinen Liebsten nimmer, Der Platz bleibt bis zum Abend kalt. Was liebend andere erringen, Soll Furcht und Schrecken mir erzwingen, In meinem Reiche herrscht Gewalt.


Die Eulen
Die Eulen sitzen stumm, versenken Den Blick in Nacht, ihr Auge flieht Des Lichtes Strahl. In Reih und Glied Wie Hexen hocken sie und ... denken. Bewegungslos ist ihre Rast, Die Augen blinzeln müd, die matten, Bis in der Dämmerung die Schatten Sich recken, bis das Licht verblaßt. Der Weisheit Vogel will uns lehren, Die wir uns ruhelos verzehren, Was unserm wilden Leben fehlt. Ein Tropfen schon kann uns berauschen, Wir stoßen uns, gehetzt, gequält, Begierig stets, den Platz zu tauschen.


Trauriges Madrigal
Bist du nur klug? Taugt das den Frauen? Sei traurig und sei schön, mein Kind! Die Zähren, die den Blick betauen, Sie schmücken, wie der Bach die Auen, Wie Regen, der auf Blüten rinnt. Ich hab es gern, wenn düsteres Schweigen Die Stirne dir umkränzt und Leid, Wenn plötzlich in gespenstigem Reigen Empor die finstern Schatten steigen, Die Schatten der Vergangenheit. Ich hab es gern, wenn deine Wangen Die Träne, warm wie Blut, verschönt, Wenn deine Brust, von mir umfangen, In Ängsten keucht, wenn voller Bangen Sie wie im Todeskampfe stöhnt. Ich trinke sie in vollen Zügen, Die Seufzer ...., Götter, welch ein Fest .... Mehr, mehr, ich kenne kein Genügen, Wie sie zum Diadem sich fügen, Die Perlen, die sie fallen läßt! Ich kenne es, das alte Feuer, Das dir noch tief im Busen flammt, An Manen zahlst du Zoll und Steuer, Den Stolz, ihn kenn ich auch, der teuer Nur solchen ist, die Gott verdammt! So lang dein Herz im Traum nicht fühlte Der ganzen Hölle heiße Last, So lang das Schwert darin nicht wühlte, Nicht Gift die Pulse dir durchspülte, So lang du dies erlebt nicht hast, So lang vom Albdruck, der dich quälte, Dich nicht erlöst ein wilder Schrei, So lang die Qual dein Herz nicht stählte, Sich nicht der Ekel ihr vermählte, So lange bist du noch nicht frei. So lange ist dir’s nicht gegeben, Die du mich liebst, vor Schrecken bleich, Dich, Sklavin, Herrin, zu erheben, Zu jauchzen in verjüngtem Leben: Mein König du, ich bin dir gleich!


Der Mahner
Wer wirklich wert ist, Mensch zu sein, Fühlt ewig eine Schlange nagen, Sie hemmt sein Hoffen und sein Wagen, So oft er ja sagt, sagt sie nein. Wenn Nixenaugen dich berücken, Wenn sie dich locken und umstricken, Mahnt stechend sie: Denk an die Pflicht. Sei Dichter, träume Liebesträume, Belebe Marmor, pflanze Bäume, Sie höhnt: Du siehst den Abend nicht. Beginne du nur und verlange! In der Minute mahnt sie dich, Und schaudernd fühlst du ihren Stich, Den Stich der widerlichen Schlange.


Lösegeld
Zwei Felder sind es, die nach Fug Und Recht, um Lösegeld zu zahlen, Wir düngen unter Müh und Qualen, Und die Vernunft ist unser Pflug. Damit nur ein paar Rosen sprießen, Vielleicht gar nur ein kärglich Reis, Muß unsere Träne, unser Schweiß Den Acker immerfort begießen. Es ist die Liebe und die Kunst! Wenn einst des jüngsten Tages Licht Erstrahlt, wenn einst das Weltgericht Beginnt, dann wird des Richters Gunst Nur dem zu Teil, der dann inmitten Der Scheuern reiche Ernten weist, Denn wenn die Frucht den Sämann preist, Dann werden Engel für ihn bitten.


Der Mensch und das Meer
O Mensch, du liebst das Meer, wie trotzig, frei und groß Liegt es zu Füßen dir! in seinen Wellenhügeln, In seinen Tälern siehst du sich die Seele spiegeln, Die in dir wohnt, gleich ihm unendlich, ruhelos. Du suchst in Not und Qual, o Mensch, dein eigen Bildnis, Du hältst es in der Hand, dein scharfes Ohr, es lauscht Der Flut, die in dir selber wogt und schäumt und rauscht, Dem ungestillten Schmerz in dieser grausen Wildnis. Was ihr nicht zeigen wollt, das ruht in guter Hut, Ihr seid ja alle beide finster und verschwiegen! Du hüllst die Schätze ein, die in der Tiefe liegen, Und du verbirgst, was tief dir in der Seele ruht. Trotzdem bekämpft ihr euch seit Anbeginn der Zeiten, Ihr, die ihr doch so ganz einander ähnlich seid, Gemetzel liebt ihr, Mord und grimmen Haß und Neid, Geschwister eines Bluts, müßt ihr denn ewig streiten?


Klage eines Icarus
Wer klug ist, muß die Liebe kaufen, Dann weiß er sicher, was er hat; Was mich betrifft, bin ich es satt, Den leeren Schatten nachzulaufen. Dank wenigen Sternen hell und klar, Die mir das Auge einst geblendet, Wird heut der Blick, zurück gewendet, Nur Sonnen überall gewahr. Vergebens wollt empor ich dringen, Im Flug durchmessen Zeit und Raum, Ein heißes Auge streift mich kaum, Und schon sind mir gelähmt die Schwingen. Versengt hat mich der Schönheit Glut, Ihr Flammenstrahl hat mich erschlagen, Ach, nie wird meinen Namen tragen Der Abgrund, wo mein Leichnam ruht!


Heauton timoroumenos
Ich will dich schlagen, doch nicht hassen, Wie Metzger schlagen, ohne Zorn, Will, wie einst Moses jenen Born Aus Fels schlug, Wasser springen lassen, Die Flut, die deinem Aug entquillt, Will meine Wüsten damit tränken, Mein Schiff durch Tränenmeere lenken, Dem voller Gier das Segel schwillt, Will deinem Schluchzen jauchzend lauschen, Dem Stöhnen, das mit wilder Macht Mich lockt, wie Trommelschall zur Schlacht, Den Seufzern, die mein Herz berauschen. Bin ich ein schriller Mißakkord Im reinen Klange ewiger Sphären, Soll Selbstgespött den Geist verzehren? Die Ironie, sie wird zum Mord! Sie kreischt in mir und beißt und wiegelt, Sie, die mein Blut vergiftet hat, Der Spiegel bin ich, trüb und matt, In dem sich die Megäre spiegelt. Ich bin die Wunde und der Pfeil, Das Opfer und der Überwinder, Der Henker und der arme Sünder, Ich bin der Hals und bin das Beil. Der Vampyr bin ich meines Lebens! Verdammt bin ich, durch alle Zeit Zu lachen bis in Ewigkeit, Und will ich lachen, ist’s vergebens.


Abel und Kain
Sohn Abels, du darfst essen, trinken, Gott schaut dir wohlgefällig zu, Brut Kains, du sollst im Schlamm versinken, Ersticken wirst im Kote du. Sohn Abels, Liebling deines Herrn, Dein Opfer duftet süß vor Gott, Brut Kains, verjährte Sünden zerren Dich täglich wieder aufs Schaffot. Sohn Abels, sieh die Saat gedeihen, Rund ist das Vieh, die Traube schwer, Brut Kains, hörst du den Hunger schreien? Sind deine Eingeweide leer? Sohn Abels, wärme dich am Herde, Füll deinen Wanst mit warmer Kost, Brut Kains, du schläfst auf kalter Erde, Der Schakal, horch, er heult vor Frost! Sohn Abels, du darfst dich vermehren, Dieweil dein Geld sich auch vermehrt, Brut Kains, bezähme dein Begehren, Solch Appetit ist dir verwehrt. Sohn Abels, saug dich voll an andern, Du Wanze, stets willkommner Gast, Brut Kains, du sollst im Staube wandern, Du findest nirgends Ruh noch Rast. * * * Sohn Abels, Mist nur auf den Saaten, Zerstieb zu Dung, du und dein Wahn! Brut Kains, von allen deinen Taten Sind erst die wenigsten getan. Sohn Abels, sieh die Schmach sich türmen, Vergeh in Schanden und in Spott, Brut Kains, du wirst den Himmel stürmen, Hinab zur Erde schleudere Gott!


Nachschrift für ein verbotenes Buch
Mein Leser, der du voll Behagen, Der du naiv und nüchtern bist, Wirf dieses Buch voll Gram und List Ins Feuer, ohne viel zu fragen. Falls du, als Satan vorgetragen, Nicht das Kolleg gehört, ermißt Du nie, was hier geschrieben ist, Ich bin hysterisch, wirst du sagen. Doch wenn mit unbestochnem Ernst In meine Tiefen du kannst dringen, Lies mich, daß du mich lieben lernst; Du Seele, die in heißem Ringen Ihr Paradies verzweifelnd sucht, Beklage mich ..., sonst sei verflucht.

