XIV. Erziehung zur Tat.
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Unsere ganze Erziehung muß jetzt eine Erziehung zur Tat werden, um vorerst ein Gegengewicht zu schaffen gegen die durch Jahrhunderte gepflegte rein verstandsmäßig-abstrakte Erziehung. Das war auch Goethes Wunsch schon. Dahin drängt jetzt unser ganzes öffentliches Leben und die Erkenntnis aller neuen Pädagogen aller Länder. Kein Mensch hat in Deutschland für diese Erkenntnis früher und lebhafter gewirkt als der eminente, noch lange nicht genügend geschätzte Kinderfreund Friedrich Fröbel, der einzige deutsche Erzieher, der den Amerikanern auch heute noch Respekt einflößt und vorbildlich erscheint.
Mit Recht sagte von ihm Dr. Wichard Lange: »Ich erkenne in diesem Mann den dereinstigen Reformator der Erziehung kleiner Kinder im Elternhause sowie den Bildner des weiblichen Geschlechts, um es für seine hohe erziehliche Mission zu befähigen«, aber damit sagt er noch nicht genug. Fröbels Grundsätze, die sich mit denen Pestalozzis vielfach berühren, verdienen noch eine Erweiterung auch auf die Erziehung größerer Kinder. Er klagte, daß die herrschende Erziehung zur Körperträgheit und Denkfaulheit führe; unsägliche Menschenkraft gehe dabei verloren, unsägliche Menschenkraft bleibe dabei unentwickelt. Richtig gewählte Arbeit aber mache das Kind glücklich und artig.
Adele von Portugall, die bei Teubner in der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« das Lebensbild Fröbels gezeichnet hat, sagt sehr richtig: »Ich glaube nicht, daß ein entsprechend beschäftigtes Kind jemals unartig ist.« Ich möchte aber auch diesen Satz verallgemeinern und sagen: Der entsprechend beschäftigte Mensch, jung oder alt, ist nicht böse und unartig.
Das ganze Geheimnis der Erziehung beruht also darin, die Saite der Seele zu finden, die auf die äußeren Anregungen am lebhaftesten anklingt. Dazu gehört nur ruhige, geduldige und feine Beobachtung. Oft ist für ein Menschenleben ein einziger Augenblick entscheidend. Ludwig Richter wurde zum Künstler, als er einen wandernden Maler bei der Arbeit sah: das Bildchen auf dem Tabakpaket seines Vaters war seine erste Vorlage. Wie ein Funke genügt, eine ganze Stadt in Brand zu setzen, so oft ein Wort, eine menschliche Seele zu entzünden. Aber man muß zu warten wissen und auf die armen Kinder nicht einen wahren Feuerregen von Pech und Schwefel herablassen.
Für Kinder ist die entsprechende Beschäftigung zunächst – das selbstgewählte Spiel, die freie, ungebundene Tätigkeit. »Spiel«, sagt Fröbel, »hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Es ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung; Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis des Menschen, auf dieser Stufe; es gebiert darum Freude, Friede und Zufriedenheit. Die Quellen alles Guten ruhen in ihm, gehen aus von ihm. Ein Kind, das tüchtig, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiß auch ein tüchtiger, ausdauernder Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung fördernder Mensch – –« »Friede und Freude, Gesundheit und Lebensfülle findet da in bezug auf das Kind statt, wo die Entwicklung im Einklang mit dem Alleben steht.«
Sehr richtig, aber weshalb wieder nur auf das Kind beschränkt? Diese Wahrheit gilt ganz allgemein: denn die Arbeit des größeren Schülers und des Erwachsenen ist oder sollte auch nichts anderes sein als die Fortsetzung des Spieles. Sie wird das auch, wenn man dem Menschen freie Berufswahl und eine unbeschränkte Entwicklungsfähigkeit gibt. Sowie der Mensch eine ihm entsprechende Beschäftigung findet, ist er dabei fleißig und in jeder Hinsicht mannhaft. Er mutet sich dann selbst mehr zu, als ihm andere zutrauen und von ihm verlangen. Jede Arbeit muß der anderen gleich bewertet werden. Es ist nicht verdienstlicher griechische Grammatik zu lernen, als ein Pferd zu zeichnen. Eines paßt aber nicht für alle. Jeder suche sich sein Gebiet, jeder folge seiner Natur. Sie wird ihn besser leiten als Eltern und Lehrer. Schlechte Psychologen sagen: »Alle Jungen sind von Natur faul und müssen zu Arbeit angehalten werden.« Deshalb hat man von jeher bei der Erziehung Gewalt und Strafen angewandt. Ich las eben in den Bekenntnissen des heiligen Augustin, daß auch ihm deshalb der Stock nicht erspart blieb. Ich sage dagegen: »Alle Kinder sind von Natur fleißig« – fleißig freilich nach eigener Wahl; fleißig im Wandern, Schmetterlingfangen, Rudern, Klettern, Reiten, wenn ihr Herz sie dazu treibt, faul in all dem, wenn sie das Verlangen haben, im Robinson zu lesen oder sich einen Pfeil zu schnitzen. Zu lateinischer Grammatik hat noch kein Zehnjähriger einen eigenen Antrieb gehabt. Die Aufgabe ist eben falsch gestellt. Sprachprobleme sind Kindern gleichgültig. Deshalb verschone man sie damit, bis der Wissenstrieb sich meldet.
Unsere Schulerziehung ist deshalb falsch, weil sie diese Forderung nicht genügend befolgt. Gesundheit, Kraft, Mannhaftigkeit können nur aus einer solchen Harmonie des eigenen Lebens mit dem Alleben erwachsen.
In England und Amerika können wir lernen, wie Männer herangebildet werden: nicht sowohl durch gelehrte Vorträge, durch den Anblick der großen Vorbilder in Athen und Rom, durch Stubenfleiß, als durch Körperkultur und moralisch-sittliche Zucht, die von klein auf besonders eben durch das Spiel geübt wird. Bei uns wollte man die sittlichen Kräfte durch strenge Pflichtgebote stählen und setzte auf alle Übergriffe harte Strafen, forderte zumal ein geistiges Arbeitsmaß, das die Gedanken vor unmoralischen Abschweifungen bewahren sollte.
Realschuldirektor Franz Kemény in Budapest hat das amerikanische Erziehungswesen anlässig der Weltausstellung in St. Louis 1904 studiert. Er berichtet über seine Beobachtungen an den österreichischen Unterrichtsminister:
»Um selbst der studierenden Jugend Amerikas auch außerhalb der Schule Gelegenheit zu körperlicher Kurzweil zu bieten, werden dort unter der Leitung und Aufsicht von Schul- und Fachmännern Anstaltssportvereine und Jugendverbände organisiert. An den Hochschulen gibt es drüben ausnahmslos einen, ja selbst mehrere Sportklubs, die sich als stärkstes und sicherstes Bindeglied der Studentenschaft erweisen, der Kartenspielen und »Lumpen« fremd ist.«
Gehorsam aber und Selbstzucht lernen die Kinder dort nicht sowohl an der Arbeit als im Spiele. Auch für diese bekannte Tatsache das Zeugnis von Kemény:
»Sowohl in den Schulen als in den Vereinen wird innerhalb der Körperkultur ein großes Gewicht auf die moralischen und sittlichen Faktoren gelegt. Der aus Selbstzucht und Unterordnung quellende Gehorsam, die Pflege kameradschaftlicher Tugenden und der Wahrheitsliebe haben edle Spielweise (fair play) zur Folge (umgekehrt!).
So umsichtig im öffentlichen Leben mit der Zeit hausgehalten wird, so verschwenderisch ist man damit in der Schule, wo das Gespenst der geistigen Überbürdung unbekannt ist, da die Lehrpläne nicht mit überflüssigen Einzelheiten überladen sind und das sogenannte elective System (wahlfreies System) bereits von der Mittelstufe aufwärts neben wenigen verbindlichen Unterrichtsfächern die Wahl nach Neigung, Bedürfnis und Zeit freistellt. Der Unterricht beginnt in der Regel um ½9 oder 9 Uhr. Samstag oder Donnerstag sind ganz frei, die Ferien ausgiebig. Die freie Zeit wird fast ausschließlich den Bewegungsspielen und der körperlichen Abhärtung gewidmet.« – Hört! hört!
Dazu lese man als stark kontrastierendes Gegenstück die Darstellung des erbitterten und erfolglosen Kampfes, den deutsche Lehrer gegen geheimes Verbindungswesen der Schüler mit seinem Sauf- und Lumpwesen, seinen Heimlichkeiten, Lügnereien und Ausschweifungen führen.
Es bildet dieses Schattenbild eine Ausnahme, aber immerhin – es besteht in Wirklichkeit, daneben tritt jetzt freilich ein – von der Jugend selbst ausgehender – Heilprozeß, der sich in Wander-, Ruder-, Gesangvereinen u. a. m. äußert. Ich würde den hohen erziehlichen Wert dieser Neuschöpfungen hier eingehend behandeln müssen, wenn diese Aufgabe nicht in dem schon wiederholt genannten Buche von Direktor Nath erschöpfend erfüllt wäre. Dort möge man nachlesen!
Hier muß auch einmal mit aller Schärfe ausgesprochen werden, daß die Schule mit ihren zu hoch geschraubten Ansprüchen an die Nervenkraft der Kinder die Hauptschuld trägt oder doch bisher getragen hat an dem Leiden der Selbstbefleckung, an der nach Aussage unserer Ärzte die Mehrzahl der deutschen Kinder (manche Ärzte sagen etwa 90%) kranken.
Wir dürfen dieser Kardinalfrage nicht länger ausweichen. Sie wird von der Lehrerschaft fast durchgehend falsch beurteilt und falsch behandelt. Spricht man von einer nervösen Jugend, so sagt der orthodoxe Schulmann mit einem höhnischen Tone: »Vom Arbeiten wird der Mensch nicht nervös, Arbeit stärkt und kräftigt: die Nervosität wird wohl von etwas anderem herkommen.« Richtig! Sie kommt auch von etwas anderem her, aber dieses andere hat eben wieder seine Ursache in dem langen Sitzen auf harten Bänken, in der geistigen Erschöpfung und Überreizung infolge zu langer geistiger Arbeit. Darüber hat Dr. Liebe sein unumstößlich richtiges ärztliches Gutachten abgegeben (vgl. die Verhandlungen des zweiten allgemeinen deutschen Erziehungstages in Weimar, 1905; Arthur Schulz, Birkenwerder bei Berlin). Weiß man das wirklich noch nicht, daß es keine bessere Verleitung, fast hätte ich gesagt: Anleitung zur Selbstbefleckung gibt als Stubenhockerei und große seelische Erregung, zumal Furcht vor Strafe? Ich habe in der Nervenheilanstalt des Herrn Dr. Starcke in Berka bei Weimar mit diesem auf dem Gebiete der Nervenleiden erfahrenen Ärzte eingehend über dieses Kapitel gesprochen, das jedem Vater heranwachsender Kinder zu denken gibt. Er bestätigte Dr. Liebes Angaben vollständig und äußerte sich mit Entrüstung über den noch immer so gesundheitswidrigen, weil nervenzerrüttenden Schulbetrieb. Darin wären sich doch alle Nervenärzte einig. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß auch Gefangene zumeist Onanisten sind und zum großen Teil eben an diesem Laster – die Ärzte sagen lieber Leiden – zugrunde gehen.
Also diese Schädigungen der Gesundheit und der sittlichen Kraft hat die Schule mit ihren übertriebenen Ansprüchen auch zu verantworten und damit eine Fülle gestörten Lebensglückes, die kaum zu ermessen und auszudenken ist. Schwer ringt ein Mensch sich wieder empor zu Gesundheit, Kraft und Mut, der lange Zeit und schon in jungen Jahren so gegen die eigene Natur gefrevelt hat. Vielfach ist auch Selbstmord die Folge solcher Jugendverirrungen und der durch eine gewissenlose Presse genährten Angst vor ihren Folgen. Lauter bekannte, höchst trübe, aber meist scheu verschwiegene Tatsachen!
Wer Männer mit hellem Blick, festem Tritt und frohem Mute erblühen sehen will, der verschließe die Gelehrtenkasernen, in der die Kinder gebückt über den Büchern sitzen und bei erhitzter schlechter Luft sich abängstigen müssen und lasse die Jugend nicht für länger als höchstens drei Stunden täglich ein. Auf dem Spielplatze, beim Ball- und Barlaufspiele, beim Wandern, Rudern und Schlittschuhlaufen wird sie Unsittliches vergessen und ihren Willen gegen jede Versuchung stählen. Die geistige Elastizität und körperliche Tüchtigkeit der Amerikaner ist vor allem einer auf wissenschaftlicher Grundlage fußenden rationellen körperlichen Erziehung zuzuschreiben, vermöge welcher die gesunden Kinder zu gesunden Eltern heranwachsen und diese ebensolche Nachkommen zeugen. Dazu bemerkt wieder Kemény:
»Da ich mich seit Jahren mit sexueller Pädagogik befasse, bin ich gelegentlich mit einschlägigen Fragen an dortige Schulmänner herangetreten. Die Sache erschien ihnen neu und fast unbegreiflich; ein Beweis, daß sich ihre Jugend der unsrigen gegenüber in einem glücklicheren und gesünderen Zustand befindet.«
Ich meine, dieser eine Satz, wofern er allgemeingültig ist, beweist die Überlegenheit des amerikanischen Erziehungswesens vor dem unsrigen. Was nützt wohl dem Knaben das Erlernen aller Regeln der lateinischen, griechischen, französischen Grammatik, wenn zugleich sein Körper und seine sittliche Kraft hinschwinden?
Das gleiche gilt natürlich von den Mädchen. Darüber, wenn auch nur andeutend, zu sprechen, liegt auch in meiner Aufgabe: Denn wenn wir Männer haben wollen, brauchen wir vorerst gesunde Mütter. Ich lasse auch hierzu meinem Gewährsmann das Wort über Vorbildliches, was in Amerika geleistet wird (für den schauderhaften Stil des Ungarn bin ich nicht verantwortlich; etwas gebessert habe ich ihn schon): »Körperkultur der Mädchen (insbesondere schwedische Gymnastik und Bewegungsspiele im Freien) ist unerläßlicher Bestandteil der amerikanischen Mädchenschulen sämtlicher Stufen. Es wird dem geradezu eine nationale Bedeutung zugeschrieben. Infolge der außerordentlich verbreiteten Koedukation wird an manchen Schulen sogar der Turnunterricht beiden Geschlechtern gemeinsam erteilt, und zwar, wie es heißt, ohne jede Gefahr.
Die Folgen dieser allgemeinen körperlichen Erziehung der Mädchen zeigen sich in einer seelischen und körperlichen Überlegenheit der amerikanischen Frau vor den Frauen anderer Länder. Der bekannte schöne Wuchs, die natürliche Anmut, die frische Farbe, das selbstbewußte Auftreten, die physische Widerstandskraft und die sittliche Kraft dieses Typus finden vorwiegend in der gesunden Jugenderziehung ihre Quelle und ihre Erklärung. Das im Keimen begriffene Mädchenturnen unserer Lande (Österreich) ist jenem gegenüber kaum mehr als ein ängstliches Herumtasten zu nennen.
Die grundlegende Vorbedingung einer jeden richtigen und erfolgreichen Körperkultur ist die Erziehung einer wissenschaftlich gebildeten Turnlehrergilde, die, fern von jedwedem Naturalistenunwesen und von extremem Muskelkultus, ein wohldurchdachtes, stets die ewig unabänderlichen Gesetze der Natur und der Gesundheit berücksichtigendes System befolgt und auch selbst über eine entsprechende allgemeine Bildung verfügt.«
Doch das führt hier zu weit, zu sehr ins Einzelne! –
Ein alter Spruch, den man unseren Schülern oft vorträgt, lautet: Qui proficit in litteris, sed deficit in moribus, plus deficit quam proficit: »Wer im Wissen vorankommt, in den Sitten aber zurück, hat mehr Schaden als Vorteil«. Das wollen wir Lehrer uns selbst besonders vorhalten und danach unsere Erziehungspraxis einrichten.
Gegenüber der deutschen akademischen Trinkunsitte bekannte sich der »Vierte deutsche Abstinententag« (Barmen-, Elberfeld, 6. Oktober 1906) mit aller Entschiedenheit zu der Auffassung, die im Februar 1906 der »Verein abstinenter Juristen des deutschen Sprachgebietes« bekannt hatte. Ich wiederhole daraus, wenn auch nicht wörtlich, einige Sätze, die auch wieder ein Stück Erziehung zur Mannhaftigkeit bedeuten:
Wer der Wahrheit die Ehre geben will, muß bekennen: Wir akademisch gebildeten Männer tragen an dem Alkoholelend in Deutschland die schwerste Schuld. Was in den höheren Kreisen der Gesellschaft geduldet, mit pietätvoller Rücksicht und Schonung gehegt und gepflegt wird, beeilen sich die unteren Klassen nachzuahmen und zu übertreffen. Die schwersten Formen der Alkoholverderbnis in Deutschland wurzeln in der Verblendung und in der Furcht der höheren sozialen Schichten; diese haben weder die Erkenntnis noch den Mut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und unwürdige Zustände aus ihrem eigenen Leben auszurotten.
Die auf dem Trinkzwange beruhenden Trinksitten des Universitätslebens, denen die Männer dieses Standes während ihrer Studienzeit fast ausnahmslos huldigen und die sie vielfach in ihr späteres Leben mit hinübernehmen, erzeugen bei dem berechtigten sozialen Ansehen ihrer Träger eine verderbliche Suggestion auf andere Kreise und verhindern viele, das Wesen der Alkoholgefahr richtig zu würdigen.
Die akademischen Trinksitten vergiften also einen großen Teil derer, aus denen sich unsere geistige Elite bilden sollte und wirken durch das böse Beispiel auch auf die anderen Stände verderbenbringend, zunächst auf die Stände der gleichen sozialen Schicht, sodann auch auf das gesamte übrige Volk.
Wer studiert hat, sollte fähig sein, auf den Höhen deutschen Geistes zu leben, sollte seinen deutschen Volksgenossen Führer sein zu idealer Lebenshaltung. Wie viele aber vegetieren nach vollbrachtem Studium in trostloser Mittelmäßigkeit dahin! Der Bierkultus, aus dem die deutsche Hochschule heute noch ein Evangelium macht, weiht unzählige in den empfänglichsten Jahren ihres Lebens dem ewigen Stumpfsinne, stempelt sie für alle Zeiten zu öden Philistern.
Wer studiert hat, sollte anderen an körperlicher Kraft und Schönheit, an Frische und an Lebensfreude voranleuchten. Denn wenigen Volksgenossen wird, wie ihm, die Muße geboten, in der Zeit stärkster Entwicklung den Körper zu stählen, die Sitten zu veredeln: Auch in der Erfüllung der Wehrpflicht sollte er daher einen andern als den gewöhnlichen Platz einnehmen. Wie viele aber legen durch den Trinkzwang des Universitätslebens den Keim zu dauerndem Siechtum! Wie viele gehen umher, vom Biere aufgeschwemmt und verunstaltet, keuchend unter der Last des Fettes, grämlich, aller Lebensfreude bar, ein Spott anderer Stände und Völker.
Wer studiert hat, sollte an gerader, furchtloser und männlicher Gesinnung vorbildlich sein. Jahrelang hat er Zeit, mit den Besten und Tapfersten der Weltgeschichte aller Zeiten im engsten geistigen Verkehr zu stehen. Bei solchem Umgange könnten und sollten ihm Menschenfurcht und knechtischer Geist fremd geworden sein.
Wie viele Studenten aber sehen wir dann im Berufe elendester und verächtlichster Streberei verfallen: einem ewigen Bücken vor den Vorgesetzten, einem unausgesetzten Schielen nach Beförderung, Kriechen nach oben und Treten nach unten!
Wo lernten sie das? Unter anderem doch wohl auch in der Knechtschaft des akademischen Trinkzwanges, dem ihr blühendstes Alter unterworfen war: Wer mit 20 Jahren gelernt hat, sich auf eines anderen Befehl mit Bier anzufüllen, bis er es wieder erbrechen muß, der hat damit genug das Opfer des Intellekts und freier Selbstbestimmung gelernt, der mußte Unwürdiges erdulden, gegen das sich schon der rein körperliche Stolz des Jünglings mit aller Macht auflehnen sollte; der Stolz aber wurde ihm dort gewaltsam gebrochen: er lernte, daß es nicht gut tut, stolz zu sein.
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd kein anderes germanisches Volk heute duldet. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten schädigen unser Ansehen im Auslande, hauptsächlich da, wo wir vor allem Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Ein junger Mensch zwischen 18 und 20 Jahren findet selten Kraft, Selbständigkeit und Selbstgefühl genug, um, einem moralischen Zwange entgegen, seiner besseren Erkenntnis zu folgen und einfach zu erklären: »Das tu' ich nicht! Ein freier Mann läßt sich nicht zwingen, auf anderer Befehl sich mit Bier vollzugießen.«
Ehre dem deutschen Kronprinzen, der diesen Mut gefunden hat, freilich in seiner Ausnahmestellung auch als Gesetzgeber auftreten durfte, wo andere zu strengem und stummen Gehorsam verurteilt sind.
Wer unsere Jugend zur Mannhaftigkeit erziehen will, muß sich offen als Gegner des studentischen Trinkzwanges bekennen. Es ist ein Nonsens, junge grüne Pennäler mit dem Spürsinn und der Wachsamkeit von Detektivs in ihrem »außerdienstlichen« Leben zu überwachen, gleichzeitig aber die studentische Trinksitte offen anzuerkennen und als »alter Herr« die Tyrannei des akademischen Bierzwanges zu ertragen, ja, in gehobener Feststimmung sie mitzumachen.
Ist die ganze Saufpoesie wirklich von solchem Zauber, daß darüber selbst Greise noch in Wonneschauer verfallen, dann dürfte man es jungen Burschen nicht so sehr verübeln, wenn sie bald gleichen Glückes teilhaftig werden wollen.
In meiner Jugend wußte man tatsächlich noch nicht, welche Verheerungen der Alkohol an der Gesundheit und Kraft unseres Volkes anrichtet und meinte, wenn der Rausch verraucht, dann wäre auch die Sache abgetan.
Jetzt sind wir durch Ärzte und Nationalökonomen besser belehrt, jetzt wissen wir, daß die Trunksucht unser Volk schwerer schädigt als es die blutigsten Kriege vermochten, daß dabei nicht nur Leben und Lebensglück des einzelnen, sondern auch die Gesundheit, Kraft und Ehre des ganzen Volkes auf dem Spiele stehen.
Schon meldet sich in der besseren deutschen Jugend eine heilsame Einsicht, schon gibt es viele studentische Vereine, die den Trinkzwang abgeschafft haben, ebenso allerlei Wanderbünde und sonstige Gruppen junger Leute, die sich zur Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit verpflichten. Ich selbst halte es mit Walther von der Vogelweide:
»Ich trunke gerne da man bi der maze schenket, Und da der unmaze nieman iht gedenket – – Er hat niht wol getrunken, der sich übertrinket Wie zimet daz biderbem man, daz ime diu zunge hinket Von wine? ich waene er houbetsünde und schände zuo ime winket« – –
Wir entsetzen uns jetzt in Deutschland über zunehmende Unsittlichkeit und damit herabgehende Wehrkraft und Rüstigkeit der deutschen Jugend. Ich glaube gerne, daß die Groß- und Fabrikstädte, das enge Zusammenwohnen der Menschen, die nervenzerrüttenden Wirkungen des geräuschvollen Straßen- und Fabriklebens eine Verführung zu Trunk und Unzucht begünstigen und daß die Kinder früher als sonst moralisch infiziert werden. Tacitus würde heute nicht mehr eine sera invenum Venus der Germanen rühmen können.
Welche Abwehr haben wir gegen diesen Verfall der Sitten? Von dem Kampf gegen den Schmutz in Wort und Bild verspreche ich mir keine starke Wirkung. Meine Gedanken fuhren auf andere Bahnen. Ich kann sie hier nur andeuten: Waldschulen, Landerziehungsheime, große öffentliche Spielplätze, Verlegung der Schulen ins Freie, eingeschränkte Stundenzahl, dafür körperliche Arbeit im Freien, allerlei maßvoll betriebener Sport, zumal kalte Bäder, Schwimmen, Rudern, regelmäßig wiederkehrende Kinderfeste mit Wettspielen, Wetturnen, Massengesang, sodann Kinderwerkstätten, Pflege der Handarbeit zumal der gärtnerischen, Halten von Haustieren (Kaninchen, Vögel), Ausstellungen von Kinderarbeiten – mit einem Worte: Steigerung des Schaffenstriebes und damit Steigerung der Lebensfreude und des Selbstbewußtseins.
Die Freude sucht den hellen Tag, weicht dem Niedrigen, Gemeinen und Dunklen aus. In Lasterhöhlen herrscht kein Frohsinn, sondern höchstens eine durch Alkohol angefachte scheue Wildheit.
Für die heranwachsende und schon erwachsene Jugend wäre eine Reform unseres ganzen sozialen Lebens zu wünschen. Wir leben in ganz kranken Zuständen. Heute bleiben, weil der Mann zu spät oder überhaupt nicht zur Ehe kommt, 40% der Mädchen besserer Stände ledig. Das ist ganz ungeheuerlich, ist ein Frevel gegen alle Vernunft und gegen die Natur. Es ließe sich ändern und müßte notwendig geändert werden.
Unsere jungen Leute müssen eher zu etwas kommen. Vor 100 Jahren heiratete der junge Deutsche mit 20–25 Jahren. So ist es auch heute noch im glücklichen England. Der Bursche von 17 Jahren hält dort schon Ausschau nach seiner Zukünftigen. Das ist normal und schützt ihn vor tausend Abgründen. Denn das Mädchen nimmt ihn in Zucht. Sie spricht wie Julia:
»Wenn deine Liebe, tugendsam gesinnt, Vermählung wünscht, dann …«
So kommt über die Jünglingsjahre der poetische Hauch einer jungen und zukunftsfrohen Liebe.
Der deutsche Studio rechnet sich aus, daß er vor dem 35. Jahre keine Frau ernähren kann, daß dann seine Lotte auch gegen 30 Jahre, also schon verblüht sein wird und sieht sich vor, daß er nicht hängen bleibt. Sein Herz sucht dann Ersatz in den niederen Regionen, wo man an Vermählung nicht zu denken braucht.
Will man ernstlich der Prostitution steuern, so muß man die jungen Männer früher zu Erwerb und Stellung kommen lassen. Mit 20–25 Jahren sollte jeder junge Mann selbständig sein. Dazu müßten die ganz falschen Schulansprüche, das Phantom der »allgemeinen Bildung« und all die Hemmungen beseitigt werden, die jetzt dem deutschen Jüngling seine Zukunft versperren. Mein Großonkel, Johannes Gurlitt, war mit 23 Jahren (glaub ich) Gymnasialdirektor in Kloster Bergen bei Magdeburg – ging ausgezeichnet! Jetzt läßt man einen geprüften Lehrer von 25 Jahren nur mit Vorsicht unter Assistenz von älteren Lehrern gegen die Sextaner los, mit 30 Jahren wird er denn endlich mit Gottes Hilfe angestellt. Voriges Jahrzehnt kamen viele erst mit 35–40 Jahren dazu und eröffneten ihre Laufbahn mit schon ergrauendem oder kahlem Scheitel und mit erloschenem Herzen. Nachdem ihnen jahrelang der Brotkorb gezeigt und dann wieder entzogen wurde, lernten sie sich vollends den Wünschen der Vorgesetzten willenlos unterordnen. Mit gebrochenem Selbstbewußtsein wie von unten her Geräderte, und im Rückgrat geknickt, traten sie schließlich ihr Amt an, in dem nur gesunde, aufrechte und selbstbewußte Männer Großes leisten können.
So kommt jede Betrachtung zurück auf unsere nötige Erziehungsreform.
In summa; Luft, Licht, Wasser, Bewegung und Spiel im Freien, geselligheiteres Leben, körperliche Anstrengung und gute geistige Anregung – das sind die besten Waffen gegen jede Unsittlichkeit in Schule und Haus und ihre Menschenkraft und Menschenglück zerrüttenden Wirkungen.
Dafür kann man dann getrost einen ganzen Waschkorb voll Schul- und Bücherweisheit in die Rumpelkammer tragen. – –
Noch vor einigen Monaten klagte mir eine Mutter, ihr Sohn (13jähriger Gymnasiast) hätte ihr unter Tränen gesagt: »Ich erlebe im ganzen Jahr keine frohe Stunde.« – Die Schule raubt auch diesem gutartigen, aber etwas langsamen Kinde das Beste, den Sonnenschein, den Frühling des Lebens. Aber getrost. Es soll nicht mehr lange währen. Hören wir, wie die Frühlingsstürme auch schon in Österreich sich erheben (Die Schul-Reform I, Nr. 1):
– – »Was bliebe denn dem Menschen für das Grau des Daseinskampfes übrig, wenn nicht die Erinnerung an den Lenz des Lebens? Und diese Ungebundenheit soll auch schon dem werdenden Menschenkinde vergällt, vergiftet werden, indem man es jahrelang zurechtstreckt und biegt und krumm zieht! Nein, das ist Übereifer, ist Unnatur! Wenn das Übel nicht ärgere Folgen schon gezeitigt hat, so verdanken wir das der unverwüstlichen Lebenskraft der Jugend, die viele Püffe verträgt. Aber eine unnütze Behinderung der Entwicklung bleibt es trotz alledem und darum müssen neue Bahnen beschritten werden.
Lassen wir doch auch im Frühling des Lebens fröhlich alle Knospen springen, die so ein Menschlein in sich trägt! Lassen wir es natürlich heranwachsen und okulieren wir nicht immer an dem jungen Stämmchen herum. Wir werden dann an der Fülle eines neuen Geisterfrühlings auch unsere Augenweide haben.
Schon gärt und wächst es allenthalben; alte Formen zerbrechen, neue Bildungen setzen sich durch. Ein Zug der Erneuerung geht durch die Gesellschaft, seit der Geist der Naturforschung von Erkenntnis zu Erkenntnis braust. Lassen wir diese frische Lenzluft doch auch in unsere verstaubten Lehrburgen ein, wo jahrhundertalter Moder lagert! Auch in diese Jugendgefängnisse muß der Ozon des sozialen Zeitalters einströmen. Die Brillen und Schlafmützen der alten Weisheitsgreise gehören schon längst ins kulturhistorische Kabinett. Noch spuken in der Mauerschule die Gespenster der Ägypter und Assyrer herum und das Ichneumon und das Gürteltier führen ihr sagenhaftes Leben weiter in den Schulbüchern, die von einer Jugendreihe zur ändern wandern. Nein, lüften wir da gründlich, damit die bleichen, verdrossenen Hippokratengesichter uns nicht die Freude am kommenden Geistesfrühling, an den vom Schulzwang und aus Formelhaft befreiten Individualitäten, verleiden!«