VII. Ergebnis.
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Der um die Betätigung seiner mannhaften Triebe betrogene Deutsche wurde immer wieder auf sein Gemütsleben hingewiesen. Man machte ihm weis und er glaubte es schließlich selbst, daß er von Natur mit einem besonderen Beruf nur für diese Seite des Lebens ausgestattet sei. Man behandelte ihn von Staats und Kirchen wegen wie ein krankes Kind, das vom Fenster seines armseligen Kämmerleins aus zusehen muß, wie sich draußen auf der Wiese die gesunden Bengel tummeln und balgen, wie sie singen und springen und sich die reifen Äpfel von den Bäumen schütteln. Trauernd sinkt das kranke Kind in sich zurück, baut sich im Innern seine schöne Märchenwelt und lernt ein Glück in der Selbstbeschränkung und in der Entsagung finden. Es pflanzt sich seine Blümchen auf dem Fensterbrett und fängt sorgsam die matten Sonnenstrahlen auf, die sich bis in diesen versteckten Winkel hereinwagen. So wurde aus dem Deutschen, der von Haus aus ein recht gesunder, handfester Draufgänger war und das Leben sehr praktisch und real zu leben wußte, ein Stubenhocker, ein Betbruder, ein Dichter und Denker. Bescheidenheit und Demut wurden seine Tugenden, die stille, behaglich erwärmte, enge Stube des Kleinstädtchens wurde seine Welt, in der ihm tatsächlich das Herz aufging.
Niemand führt uns in diese Stimmungssphäre besser ein als der schlichte, kindlich-fromme Ludwig Richter, der Verherrlicher des äußerlich engen, aber dabei innerlich tiefen sächsischen Philisterlebens; Richter, der nach seinen eigenen Worten darzustellen trachtet: »in aller Sichtbarkeit der Menschen Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in allem des großen Gottes Güt' und Herrlichkeit«, dem es aber nie in den Sinn kam, Äußerungen menschlichen Wagemutes, Trotzes und Kampfes darzustellen. Sein Leben war von einer rührenden Hingabe und Selbstlosigkeit, Schlichtheit und Demut, durchwärmt von einem stillen Glücke und deshalb groß, ja erhaben in seiner Beschränkung. Aber – füge ich hinzu – ein Volk, das seines Sinnes lebte, wäre dem Untergang geweiht.
Der unfreie Deutsche fand vielfach seinen Trost in der Kneipe beim Schoppen Bier. Da sah ihn die weise Behörde auch recht gerne sitzen. Am Stammtisch trank er sich seine Bierleber und sein Bierherz an, wurde satt und genügsam. »Laßt dicke Männer um mich sein,« war noch stets der Wunsch aller Autokraten. Sie lieben die Mageren und Hohläugigen nicht, die zuviel denken. Im Bier ersäuft der Deutsche seinen jugendlichen Tatendrang und jeden Untertanenärger. Beim Biere durfte man große Worte ertönen lassen, denen keine Taten zu folgen brauchten. Beim Biere konstruierte sich der Studio seinen idealen Bierstaat, der zu nichts als zu wackerem Saufen verpflichtete. Bierselig ist die ganze Poesie Victor Scheffels, der immer erst einen tüchtigen Schluck nehmen mußte, ehe seine Muse erwachen wollte. Im Biere erlosch leider auch der Ingrimm des liebenswürdigen Fritz Reuter. Ich schätze ihn unendlich hoch und danke ihm Stunden wahren Glückes – so sinnig, so echt und gesund sind seine Dichtungen –, aber ich kann ihm nicht nachempfinden, daß der so Mißhandelte wieder heiter und zufrieden werden konnte. Ich würde es natürlicher und auch männlicher gefunden haben, wenn er sein Leben der Rache und dem Kampfe für Deutschlands innere Befreiung geweiht hätte. Er war eben auch einer der unzähligen von der eigenen Mutter Germania gebrochenen, um ihr Bestes, ihr mannhaftes Herz, betrogenen Kinder. Auch er lernte schließlich beim Biere lachen und scherzen, während sein edles Herz verblutete.
Es war ein – allerdings vergeblicher – Protest gegen diesen Geist des Entsagens gewesen, der dem deutschen Volk erst aufgezwungen, dann zum Bedürfnis geworden war, als Schiller »in tyrannos« auftrat. Auch sein ganzes Leben war ein Ringen mit den Fesseln des deutschen Kleinmuts, kleinbürgerlicher Selbstgenügsamkeit und ein Trieb, aus den niedrigen Stuben mit ihrem schwülen Dunst und den »engen Gesprächen« hinaus in die freie weite Luft zu kommen.
Er hatte dem Leben wieder Schwung gegeben, den Mut zur Tat, die frohe Lust am Dasein, die Begeisterung zum Heldentod. Aber es erging ihm wie noch immer den Deutschen, die mehr und Besseres sein wollten, als still genügsame und fügsame Untertanen. Es erging ihm, wie dem Vogel, der dem Käfig entschlüpft, nun ins Freie eilen will, aber bei jedem frischen Anflug mit dem Kopf an einer harten Glasscheibe anschlägt. Er träumte von den herrlichen Alpen, von dem weiten, lockenden Meere, von dem sonnigen Süden, von einem großen, stolzen Volke, er rief es aus: »Wir wollen frei sein, wie die Väter waren«, aber auch seine Welt blieb eine Traumwelt, ein die ganze Menschheit umfassender Rausch und Freudentaumel, ein himmelstürmender Gedankenbau, dem eine Wirklichkeit nicht entsprechen wollte. Er sah nicht mit Augen all die Herrlichkeit der Erde, der seine Seele erglühte, sah vor allem kein großes stolzes Vaterland und verzehrte seine edle Natur im Kampfe und Kleinkrieg mit körperlichem Leiden, den traurigen Folgen einer echt deutschen Stuben-Erziehung, materieller Not und unzureichender Körperpflege.
Wir Deutschen sind allzeit schlecht erzogen und schlecht behandelt worden. Wir sind noch heute das unfreieste Kulturvolk der Erde. Wir leben noch immer als Untertanen und lassen uns regieren, anstatt daß wir unsere Geschicke selbst leiten lernten. Wir glauben noch, so gut es gehen will, was uns irgendeine Kirchenbehörde als rechte Seelenkost zubereitet, wir lassen uns von Zeit zu Zeit wie ungezogene Kinder bei den Ohren nehmen, lassen uns eine herbe Strafpredigt halten und nehmen sie ohne Trotz entgegen.
Wollen wir unsere besten Männer nennen, – Schiller, Arndt, Jahn, Heine, Reuter, Richard Wagner, Bucher, Miquel, Kinkel, Schurz, Laube etc. –, so müssen wir von Staat und Kirche Verfolgte nennen. Unsere Kultur- und Literaturgeschichten nehmen sich aus wie Kriminalberichte. Die besten Kräfte unseres Volkes müssen immer darauf verwandt werden, uns vor uns selbst zu schützen. Kein Wunder, wenn uns andere Völker zuvorkommen. Wenn wir die größten Namen im Gebiete des deutschen Geisteslebens im XIX. Jahrhundert suchen, so fallen auf die kleine Schweiz mit ihren freiheitlichen Einrichtungen im Verhältnisse weit mehr als auf das große Deutschland. Der größte Pädagoge – Pestalozzi – ein Schweizer, der größte Maler – Böcklin – ein Schweizer, der größte Schriftsteller – Gottfried Keller – ein Schweizer. Ebenso leben wir jetzt auf den wichtigsten Gebieten fast schon ausschließlich von Pump: Carlyle, Ruskin, Emerson, Walt Whitman, Björnson, Ibsen, Tolstoi, Gorki gelten uns mehr als unsere schriftstellernden Landsleute.
Und dieses Mal nicht deshalb, weil wir eine Sucht nach dem Fremdländischen hätten – nein, es lebt gerade jetzt in uns der lebhafte, starke Wunsch zur Heimatkunst, zur Selbstbestimmung zu kommen – aber jene fremden Autoren haben uns tatsächlich über unser eigenes Denken und Fühlen, für unsere eigenen geistigen Bedürfnisse mehr zu sagen. Sie sind nicht klüger, aber sie sind innerlich freier, gefestigter, selbstvertrauender.
Wie anders sollte man erklären können, daß z. B. die Erziehungschriften der Schwedin Ellen Key in Deutschland rein verschlungen werden, während hervorragende deutsche Pädagogen kaum Gehör finden. Ellen Key »Essays« sind in 11 Tausend, »Das Jahrhundert des Kindes« in 26 Tausend, »Über Liebe und Ehe« in 28 Tausend Exemplaren bei uns verbreitet. Dagegen haben der im preußischen Ministerium an führender Stelle wirkende Geh. Regierungsrat Dr. Matthias, ebenso wie der gleich anerkannte Pädagoge, Universitätsprofessor Geh. Rat Wilhelm Münch für ihre Werke, die wohl in Fremdsprachen überhaupt nicht übersetzt wurden, in Deutschland nur eine Verbreitung von 1–3 Auflagen, wobei alle höhere Schulen schon selbstverständlich als Abnehmer gelten müssen.
Die Pädagogik der höheren deutschen Lehrer aber, die nicht an leitender Stelle stehen, ist völlig mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Sie wagt sich an die Lebensprobleme nicht einmal heran, getraut sich nicht von dem zu sprechen, worum sich doch die ganze Erziehungspraxis und Erziehungsweisheit drehen sollte. Der Erziehungsbeamte versagt eben vollständig:
In früheren Zeiten boten die Abhandlungen, die den Schulprogrammen beigefügt wurden, den Lehrern, die eigene Gedanken hatten, Gelegenheit, diese in die Öffentlichkeit zu bringen.
Wenn wir die Programme lesen, die z. B. der blutjunge Herder veröffentlicht, so staunen wir über den rückhaltlosen Freimut und den geradezu übermütigen Reformationseifer, mit dem er den damals herrschenden Schulbetrieb geißelte. Ich habe aber in den eindringlichsten Lebensbeschreibungen Herders keine Zeugnisse dafür gefunden, daß ihm diese offene Aussprache verübelt worden wäre, Feindschaften und Schaden gebracht hätte. Heute sind diese Herderschen Abhandlungen vielleicht die einzigen unter vielen tausenden älterer Zeit, die noch Bedeutung haben und in dem pädagogischen Kampf unserer Tage wieder zu Worte kommen.[7]
Jene Zeit, die der Unkundige sich gerne als geistig unfrei denkt, gestattete selbst dem jüngsten Lehrer das freie Manneswort. Und so erhielt es sich bis an unsere Zeit heran, bis aus Zentralisationsbedürfnis der Beamtencharakter und damit Beamtengehorsam höhere Wertung erhielt, als die mannhafte, wenn auch unbequeme Überzeugung eines selbständigen Kopfes. Da wurde denn die Verfügung erlassen, daß die Programmabhandlungen sich möglichst eng an die Schulaufgaben anzuschließen und vor der Drucklegung einer Begutachtung von seiten des Schulleiters zu unterziehen hätten. Die höhere deutsche Lehrerschaft ließ diese wie andere Demütigungen ohne einen Laut der Klage, ohne ein Wort des Widerspruches über sich ergehen, ließ sich geduldig einen Backzahn nach dem anderen ziehen. Jetzt geht der Oberlehrer mit seinem Manuskripte zum Herrn Direktor, läßt es sich wie ein braver Tertianer durchsehen, und nachdem alle irgend bedenklichen Stellen ausgemerzt sind, setzt der Direktor sein imprimatur darunter. Daher denn die jetzigen Schulprogramme höchst sachlich, ruhig, lehrhaft und höchst langweilig sind: nahrhafte Haferschleimsuppen und gezuckerter Milchgrieß.
Unsere Zeit wird künftigen Geschlechtern trotz aller Betriebsamkeit und staunenswerten Kleinarbeit als pädagogische Wüste erscheinen.
Nur ein Gebiet gibt es, auf dem der Deutsche allzeit frei geschaltet hat. Das ist das der Musik. Da ist er denn auch unbestritten Herr der Erde; da huldigen ihm alle Völker.
In der Musik konnten sich deutscher Freiheits- und Tatendrang ungehemmt ausleben. Beethovens und Wagners gewaltige Trotz- und Siegesfanfaren unterlagen keiner Zensur, da hatte die Macht der Kirche und des Staates keine Handhabe. Töne stehen gottlob noch nicht unter polizeilicher Aufsicht. Da sieht man denn auch, daß wir Deutschen nicht unmännlich, nicht unselbständig, auch nicht Klassizisten sind, daß unser Geistesleben von Hellas und Rom nichts in sich aufgenommen hat. In dieser wahrsten, weil von keiner weltlichen oder kirchlichen Macht beschränkten Lebensäußerung der Volksseele bekennt sie sich selbst mit Stolz als selbstherrlich und unerreichbar hochstehend.
Richard Wagner hat das Abiturientenexamen an einem Gymnasium bestanden – aber wann erinnert er wohl auch nur mit einer Note an diese Schulvergangenheit? Das klassische Altertum ist durch seine Seele gezogen, ohne darin irgendeinen Lebenskeim zurückzulassen. Dasselbe gilt übrigens von dem Maler Moritz von Schwind. Auch er blieb völlig immun gegen die klassische Seuche und wurde dadurch der bedeutendste Seelenkünder deutschen Naturempfindens.
Wir Deutschen sind stets gegängelt und irregeführt, und groß sind nur die geworden, die ihre Schule überwanden. Den wenigsten gelang es und gelingt es heute. Es ist ein harter Kampf, wie eine Neugeburt. Wem es aber gelingt, der ist – gerettet.
Anstatt, daß wir von den Erziehungsmächten auf unsere eigene Flur geführt würden, drängte man uns immer und immer wieder in fremde Länder und machte unser Herz heimatlos. Stets sollte uns irgendeine ferne, unbekannte, unverstandene, aber »heilig gesprochene Vergangenheit« das Leben selbst ersetzen. Was aber die Geologen und Biologen längst wissen, das sollten auch Theologen und Pädagogen endlich lernen, daß es nämlich in der Welt keine Rückkehr gibt. Die Griechen wußten es schon, denn Heraklit hatte gelehrt, daß du nie in denselben Fluß steigen kannst. Denselben Sinn hatte wohl auch der Spruch: ρόδον παρέλθὼν μηκέτι ζήτει πάλιν (Wenn du an an einer Rose vorbeigegangen bist, so suche nicht wieder nach ihr) – ein Wort, so tief, daß es des Heraklit würdig scheint.
Wir Deutschen haben aber von den Griechen, die wir zu lieben vorgeben, nie etwas gelernt und sollten in der Schule von ihnen nicht viel anderes lernen als ihre Grammatik, von der sie selbst wenig wußten und über die nachzudenken sie klüglich einigen wenigen Sophisten überließen.
Wir Deutschen lernen überhaupt schwer und, weil in unserer Erziehung keine Einheit und Vernunft herrscht, vergessen wir auch wieder, was wir einmal gelernt haben. So haben wir z. B. die Lehren des Großen Fritz vollständig verloren. Denn der lehrte in Übereinstimmung mit seinem großen Lehrer Voltaire religiöse Duldung, Toleranz, Aufklärung und rief Freidenker nach Preußen.
»Kommen Sie in ein Land, wo man Sie liebt, und wo es keine Religionseiferer gibt,« schrieb er an Voltaire, und bei anderer Gelegenheit: »Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden, der Regierung können alle Religionen gleich sein, nur muß jeder ein guter Bürger sein, mehr verlange man nicht von ihm.« Und in dem Fürstenspiegel:
»Ihr Fürsten seid das Haupt der bürgerlichen Religion eures Landes. Diese besteht in Rechtlichkeit und allen sittlichen Tugenden. Es ist eure Pflicht, sie ausüben zu lassen, besonders Menschenliebe, welches die Haupttugend jedes denkenden Wesens ist. Die geistliche Religion überlasset dem höchsten Wesen! Die Politik eines Fürsten verlangt meiner Meinung nach, daß er den Glauben seines Volkes nicht berühre und vielmehr, so gut er kann, die Geistlichkeit seiner Staaten und seine Untertanen zur Sanftmut und Duldung anleite.«
So lehrte man vor 150 Jahren vom Throne herab. Wir aber erhielten ein reaktionäres Volksschulgesetz, den Seminaristen werden Ibsen und andere große Wahrheitskünder als Gesinnungsschädlinge verboten und engherzige Geistliche wollen die jungen Leute allein auf die Bibel, als einzigen Lebensquell, verpflichten. Umsonst hatte Voltaire sich gerühmt:
»Ils condamnaient le pape et voulaient l'imiter. L'Europe par eux tous fût longtemps désolée. Ils ont troublé la terre, et je l'ai consolée. J'ai dit aux disputants l'un sur l'autre acharnés; Cessez, impertinents, cessez, infortunés!«