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Erziehung zur Mannhaftigkeit

II. Begrenzung des Themas.

Reading edition

Die Deutschen zur »Mannhaftigkeit« erziehen, heißt, sie ihrer eignen Natur zuführen. Bismarck, der seine Deutschen wie wenige kannte, teilte die Völker in männliche und weibliche. Den männlichen zählte er die Deutschen zu. Dabei handelt es sich, wie schon gesagt, nicht allein um Tapferkeit vorm Feinde, scheinbar die männlichste aller Tugenden, sondern um die ganze innere Kraft und Beharrlichkeit, um die ruhige, sichere Lebensführung. »Tapfer«, sagt derselbe Bismarck, »sind alle Völker.« Tapfer sind in Wahrheit die Franzosen und nicht minder die Japaner, tapfer die Türken und die Hereros. Einer unserer Afrikaner erzählte mir, daß er nach dem Gefechte tote Hereros gefunden habe, die sich selbst in die Wunden Grasbolzen gestopft hatten, um bis zum letzten Atemzuge mitzukämpfen. Wer also könnte die Tapferkeit dieser »Wilden« noch überbieten? Tapfer sind alle die Völker, die für ihre Freiheit, ihren Glauben, ihren Herd und ihre Heimat kämpfen. Feig sind nur Sklaven, die nichts zu verteidigen haben, was den Einsatz des Lebens lohnte. Je mehr unabhängige, freie Männer ein Volk hat, um so waffengewaltiger und unwiderstehlicher wird es sein. Das wußten die großen Volkserzieher sehr wohl, die vor jetzt hundert Jahren in Preußen aus Leibeigenen freie deutsche Bauern machten.

Eine Erziehung zur Tapferkeit gibt es eigentlich nicht. Schon Sokrates legte sich die Frage zweifelnd vor, ob es möglich sei, aus einem feigen Menschen einen tapferen zu machen. Er erkannte richtig, daß man ihn dahin bringen könne, durch Gewandtheit und Kraft die Gefahren und damit die Furcht zu vermindern. Er war aber der Meinung, daß ein in schwerer Rüstung erprobter Spartaner seinen Mut verlieren würde, wenn man ihn plötzlich leichtbewaffnet mit Pfeil und Bogen auf ein wildes Pferd setzen wollte – und umgekehrt. Das ist ganz richtig. Ich beobachte hier die verwegensten Bergsteiger unter den steierischen Bauern, die durch keine Bitten und Vorstellungen dazu zu bringen wären, bei Sturm ein Boot zu besteigen.

Tapfer vor dem Feinde oder im Wogendrang sind die Deutschen und werden es ihrer Natur nach im wesentlichen auch immer bleiben, wenn sie zu Land und zu Wasser eine tüchtige Ausbildung erhalten und wenn sie nicht durch eine ungeschickte Regierung und durch eine ungünstige wirtschaftliche Entwicklung wieder tiefer in eine menschenunwürdige Abhängigkeit gebracht werden. Die Gefahr ist allerdings vorhanden, und die Bahn, in der sich unsere sogenannte Kultur entwickelt, führt unsere Volksmasse eher in die Tiefe, als in die Höhe. Drei starke Mächte untergraben unbewußt und unbeabsichtigt, aber de facto doch die Mannhaftigkeit unseres Volkes: Hierarchie, Bureaukratismus, Kapitalismus.

Mit diesen drei Mächten werden wir uns auch in dieser Schrift herumschlagen müssen. Das sieht aus wie eine Abweichung vom Thema, ist es aber nicht. Kein Erzieher, der den allgemeinen Erziehungsfragen nachgeht, kommt um diese Probleme herum.

Es ist überhaupt ein gar wunderlich Ding mit der Erziehung. Wo immer man ansetzt, um irgendeiner Erziehungsfrage auf den Grund zu gehen, da gerät man sofort in die allgemeinen großen und letzten Fragen der Menschheit, des sozialen und staatlichen Lebens. Man wirft uns pädagogischen Schriftstellern vor, daß wir anmaßend und geschwätzig wären. Mag sein, daß wir es sind, aber es ist fast eine Notwendigkeit, denn unser Studiengebiet ist die gesamte Menschheit, und es hängt darin wie in einem großen Gewebe eines mit allem zusammen.

Ein besonderes Thema aus der ethischen Erziehung herauszugreifen ist, wie ich zu spät einsehe, eigentlich etwas Halbes, Einseitiges, Verkehrtes. Es ist, als wollte einer z. B. über die Gesundheit oder Pflege der menschlichen Hand ein Lehrbuch schreiben, ohne zugleich den gesamten übrigen Leib zu behandeln und ohne Kenntnis alles organischen Lebens und Wachstums. Ist der ganze Leib gesund, so wird es auch die Hand sein oder werden. Dagegen kann die Hand nie gesund sein und werden, wenn der übrige Leib krank ist. Ein Leib ist eben ein geschlossener Organismus. Ebenso ist das menschliche Geistesleben eine Einheit, ist ein Volk eine Einheit, ist Volkserziehung ein einheitliches Thema. Wo immer man ansetzt, stets führt die Untersuchung vom Einzelnen ins Allgemeine, und ehe der Schulmann sich versieht, eilt sein Geist und seine Feder aus der Schul- und Kinderstube hinaus in die weite Welt und sucht ringsum, selbst in der alten Geschichte und in entfernten Gegenden, die notwendigen Ergänzungen und Belehrungen.

So wird sich auch dieses Buch, dem ich enge Grenzen und ausschließliche Beschränkung auf das Gebiet der Jugenderziehung zugedacht hatte, auf sein eigenstes Thema nicht beschränken lassen. Vor allem stellt sich immer wieder heraus, daß Jugenderziehung und allgemeine Menschenerziehung nicht zu trennen sind. Schon deshalb nicht, weil nur selbst erzogene Menschen erziehen können, weil jede Erziehungsschrift sich an die Erwachsenen wenden muß und weil notwendige Voraussetzung einer jeden guten Erziehung die rechte Organisation von Staat, Haus, Schule und öffentlichem Leben ist.

Die größten Philosophen und Staatsmänner waren deshalb auch in der Regel zugleich die besten Erzieher ihres Volkes. Bismarck hat für die moralische Erziehung unseres Geschlechtes mehr geleistet als zahlreiche Erzieher von Beruf zusammengenommen. Ebenso Kaiser Wilhelm I. Das Vorbild gilt mehr als die Lehre, »exempla trahunt« sagten die Römer.

Wenn Plato lehrt, der weiseste Philosoph müsse König sein, so müßte der Weiseste zugleich Erzieher sein. Stillschweigend wird das auch durch die Praxis schon anerkannt, denn die Erziehung holt sich ihre geistigen Hilfstruppen nur aus den Regionen der höchsten menschlichen Kraft. Das Tiefste, Edelste, Größte und Schönste, was je gebildet, gedacht und geleistet worden ist, ist uns für unsere Erziehungszwecke eben gut genug. Nichts liegt uns so fern, nichts so hoch, wonach wir Lehrer nicht unsere Hände ausstreckten.

Wir haben ein Recht dazu, denn wir walten in Wahrheit eines königlichen Amtes und unser Reich ist nicht minder groß und schön, als das der Mächtigsten unter den gekrönten Häuptern. Die Berechtigung aber, auch an der Erziehung der Eltern zu arbeiten, wird man uns nicht zugestehen. Dem Prediger ist sie nie bestritten worden. Er hat die höhere Weihe. So auch der Jurist, der den ererbten, nicht immer begründeten Ruf allumfassender Kenntnisse und Fähigkeiten genießt, zumal wenn er sich mit dem Scheine eines Staatsmannes zu umkleiden weiß. Dahinter wittert der gewöhnliche Sterbliche eine ganz profunde geistige Kapazität und deutet selbst das Schweigen als ein Siegel tiefer Gedanken. Dabei ist es oft das ganz natürliche Zeugnis geistiger Impotenz. Wir wissen, wie geringschätzig Bismarck über diese Zunft der Völkerlenker dachte. Bauern, Zolleinnehmer und Krämer kamen ihm mit ihnen verglichen als wahre Leuchten vor. Mir erzählte einmal Exzellenz v. Oehlschläger, Bismarck habe ihn zum Unterstaatssekretär mit der Begründung gemacht, daß er ein Jäger (!) sei. Jäger hätten ein gutes Auge und ein gesundes Urteil. Man lese, wie verächtlich auch Maximilian Harden von der Zunft spricht, die die Welt mit so wenig Verstand regiert.

Man wird vielleicht, wie nach dem Schmerzenstage von Tilsit, noch einmal zu der Überzeugung kommen, die Fichte den verzagten Deutschen predigte, daß alles Heil von der Erziehung kommen müsse. »Unsere Verfassung wird man uns machen,« sagte er damals in seinen Reden an die deutsche Nation, »unsere Bündnisse und die Anwendung unserer Streitkräfte wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird man uns leihen, selbst Gericht und Urteilsspruch und Ausübung desselben wird man uns bisweilen abnehmen. Mit diesen Sorgen werden wir auf die nächste Zukunft verschont bleiben. Bloß an die Erziehung hat man nicht gedacht: suchen wir ein Geschäft, so laßt uns dieses ergreifen! Es ist zu erwarten, daß man in demselben uns ungestört lassen werde. Ich hoffe, daß ich einige Deutsche überzeugen und sie zur Einsicht bringen werde, daß es allein die Erziehung sei, die uns retten könne vor allen Übeln.«

Wir leben bei allem äußeren Glanze und bei aller Selbstgefälligkeit in Zeiten, die uns durch die schwüle Stimmung an den Niedergang Preußens, an die Vorboten von Jena und Auerstedt erinnern. Jedenfalls ist die Klage Dr. Heinrich Ilgensteins (Blaubuch 1906 Nr. 34) berechtigt, daß seit den Zeiten des seligen Metternich nie so dunkel, so öde, so entwicklungsfeindlich, so gegen das Volk und seine vitalsten Bedürfnisse regiert worden ist. Wo die Staatsinstitute so schmerzlich versagen und aus den Behörden heraus kein befreiendes Wort zu vernehmen ist, wird man wohl wieder nach freien »Männern« Ausschau halten. Vielleicht findet man den einen oder den anderen unter den Lehrern, den berufensten Kulturträgern, der sich seiner Mission bewußt wird. Schon der »Rembrandt-Deutsche« sprach die Überzeugung aus, daß wir, um ein einiges Volk zu werden, noch einen zweiten Bismarck brauchten, und das müsse ein pädagogischer (oder, wie er unzutreffend sich ausdrückt, ein philologischer) sein. Vielleicht helfen auch diese Rufe mit, ihn aufzuwecken und zur Tat zu begeistern. Den Lehrer aber hat man leider nie nach seiner Bedeutung bewertet. Deshalb vor allem ist er in der Regel hinter seiner wahren Aufgabe auch weit zurückgeblieben. Jetzt vielleicht noch mehr als in früheren Zeiten. Denn jetzt ist der Lehrer mehr als je – Beamter. Als solcher hat er ein Amt, aber keine Meinung. Der Mensch wird eben schließlich zu dem, wofür man ihn nimmt.

Friedrich der Große, sonst wirklich groß und ehrlich gewillt, ein freidenkendes Volk zu beherrschen, dachte doch so niedrig über die geistigen Ansprüche, die au deutsche Jugenderziehung zu stellen seien, daß er Unteroffiziere dazu glaubte abkommandieren zu können. Das war vielleicht schon ein Fortschritt. Denn der Unterricht lag damals noch in den Händen von Handwerkern, die ihn im Nebenamt betrieben. Der Lehrer rangierte auf dem Lande jahrhundertelang in einer Linie mit den Kuhhirten und den Totengräbern. Sein Gehalt ist auch jetzt noch in Preußen das eines Subalternbeamten, obschon Luther, der große Lehrmeister der protestantischen Welt, gesagt hatte: »Einen fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister oder wer es ist, der Knaben getreulich zeucht und lehret, den kann man nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen: noch ist's bei uns so schändlich veracht, als sei es gar nichts, und wollen dennoch Christen sein. Und ich, wenn ich vom Predigtamt und andern Sachen ablassen könnte und müßte, so wollte ich kein Amt lieber haben, denn Schulmeister und Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dieses Werk nächst dem Predigtamte das allernützlichste, größeste und beste ist, und weiß dazu noch nicht, welches unter beiden das beste ist.« So also sprach Luther. In unseren Herrscherhäusern aber ist man dem Lehrerstande nicht aufrichtig gewogen, auch heute noch nicht. Ja, heute vielleicht weniger als vordem. Friedrich Wilhelm IV. hielt ihn für verantwortlich für den durch die Aufklärung »verirrten Zeitgeist« und erklärte, daß die Lehrer nicht auf Bildung, sondern auf Gesinnung ihrer Schüler zu halten hätten.

Auch unser Kaiser hat die Überzeugung, daß die Sozialdemokratie mit ihrem mangelnden kirchlichen Sinne und ihrer gegen die Regierung ablehnenden Haltung zu solcher Macht nicht hätte gelangen können, wenn die Lehrer ihre »Pflicht« getan hätten. Sie haben auch bisher vom Kaiser kaum noch Beweise der Gnade erhalten. Wir bewegen uns eben noch in den Bahnen der von Friedrich Wilhelm IV. begonnenen Reaktion. Ziel des Schulunterrichtes ist nicht sowohl die freie Entfaltung aller eingeborenen menschlichen Kräfte, als die Heranzüchtung von brauchbaren Beamten und ruhigen Bürgern oder lieber noch – »Untertanen«. Denn daß es bei uns vor dem Gesetze nur noch Bürger, nicht mehr Untertanen gibt, davon will man in den höchsten Regionen nicht viel wissen. Leider lassen sich unsere Zeitgenossen die Freiheiten und Rechte, die ihnen ihre Väter erkämpft haben, in ihrer beschämenden Untertanengesinnung ohne Widerrede wieder wegnehmen. Daher sprechen unsere Zeitungen in unseren konstitutionellen Staaten immer noch von Monarchen und Untertanen und die Leser nehmen es hin ohne Erröten und ohne Erbitterung.

Es steckt eben dem armen, durch Jahrhunderte hindurch so miserabel behandelten Deutschen leider die Bedientengesinnung noch zu tief in den Knochen. Sie lebendig zu erhalten und recht gründlich zu pflegen, scheint man als Hauptaufgabe des Lehrerstandes anzusehen, dem selbst vor allem Gehorsam und Bescheidenheit zur Pflicht gemacht wird. Davon unten mehr! – Unsere Regierungen geben auch heute noch Gesetze für die Volksschulen, ohne deren Lehrer selbst zu hören. Die Erzieher der deutschen Jugend können bis jetzt, wenn sie nur Volksschullehrer sind – »Volk« bedeutet nämlich bei uns noch etwas Niedriges –, in unserem Volksheere nicht einmal Reserveoffizier werden. Das sagt alles![1]. Das beweist, wie niedrig man den Bildungsstand und die moralische Tüchtigkeit dieser Herren einschätzt, die nach meinen Erfahrungen jetzt in ihren besten Vertretern den Vergleich mit unseren Linien- und Gardeoffizieren kaum zu scheuen brauchen. Ich bin überzeugt, daß sie ganz besonders tüchtige Offiziere abgeben würden. Denn sie kennen das Volk und haben die Jugend gründlich studiert, viel gründlicher jedenfalls als der adlige Offizier, der vor seiner Dienstzeit mit dem niederen Volke selten in einem lebendigen Verkehr steht. Sie haben auch alle sonstigen geistigen und moralischen Qualitäten dazu. Wer das bezweifelt, der besuche die Verhandlungen dieser Lehrer und höre ihre Vorträge an. Auf den »Kunsterziehungstagen« wußten wir Zuhörer, wenn wir nicht das gedruckte Programm einsahen, nicht, ob da ein Hochschullehrer oder »bloß« ein Volksschullehrer spreche. Unsere Universitätsprofessoren, die jetzt die Volksschullehrer aus persönlichen Beziehungen kennen lernen, sprechen mit großer Anerkennung von ihnen. Prof. Theobald Ziegler aus Straßburg sagte ihnen auf dem Münchener Lehrertag dieses Jahres offen ins Gesicht, daß heute in dem Stande der Volksschullehrer ein höherer Bildungsdrang und idealerer Sinn wohne als in irgendeinem anderen Stande. Das ist auch meine Erfahrung. Und unter diesen mehr als 150 000 deutschen Männern sollte keiner sein, – oder jetzt doch zwei, aber nur zwei – die sich zum Reserveoffizier qualifizieren? Unglaublich! Um so unglaublicher, als unsere von Beamten, Offizieren, Königen und Fürsten mit erhobener Hand und unter Anrufung Gottes beschworenen Verfassungen anordnen, daß vor dem Gesetze jeder Bürger gleich sei, daß Ämter und Ehren nur nach Verdienst und Würdigkeit vergeben werden müssen. Das ist also Gesetz! Man beruhigt sich aber bei uns – weil wir ein militärfrommes und ein doch zu wenig mannhaftes Volk sind – mit der Tatsache, daß hier eine Rechtsbeugung vorliegt, und wenn man die Sache einmal ernstlich zur Sprache bringt, dann fehlt es nie an irgendeiner gesetzwidrigen und unhaltbaren Ausrede. Dazu gehört in unserem Falle die, daß der Volksschullehrer keine »gute Kinderstube« hinter sich habe – und doch läßt man ihn Kinder erziehen? – daß er mithin noch nicht ganz – na sagen wir mal – noch nicht ganz »stubenrein« sei. Der wahre Grund liegt aber wo anders.

Die Lehrer, niedere und selbst höhere, sind eben bei uns noch die Parias der gebildeten Gesellschaft. Wenn wir für unsere Schulen in einer sittlich erregten Sprache reden, dann erheitert man sich über uns. Einen Oberlehrer nimmt man ja schon ernster. Wie aber kann ein Mensch, der ein kleiner Beamter ist, jährlich kaum mehr als 1000 Mark zu verzehren hat, wie kann ein solcher Mensch sich erlauben, über allgemeine Kulturfragen, über Politik, Regierungsgeschäfte, Nationalökonomie, soziale Fragen, über Volksleben und nun vollends über Kirchenfragen mitreden zu wollen?

Auch den »höheren« Lehrer möchte man ja am liebsten auf seine Klasse und sein Studierzimmer beschränkt haben. Nur daraus ist die oben schon erwähnte Zurückhaltung dieses Standes in allen großen öffentlichen Kulturfragen zu erklären. Beamtengehorsam macht Schweigen erwünscht. Wer davon abweicht, erregt unangenehmes Aufsehen. Solche Herren kommen mit ihren sehr unerwünschten, sogenannten »ethischen« Fragen, stören mit ihrem unfruchtbaren Gerede den ruhigen Geschäftsgang. (In Deutschland ist jetzt nämlich alles zur bloßen Verwaltungssache heruntergekommen. Ethische Fragen gibt es nicht mehr!) Dazu sind die Lehrer anmaßend, nie zufrieden, für sich selbst maßlos begehrlich, drängen sich in die höheren Stände hinein und wollen vor allem eben immer über Dinge mitreden, von denen sie nichts verstehen. Da gilt der Satz: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« Der Lehrer soll den Kindern nach Anweisung seiner Behörden und unter Aufsicht eines Geistlichen den rechten Glauben, Gottesfurcht, Liebe zum Herrscherhause und dann die verschiedenen Lehrgegenstände beibringen: Schreiben, Lesen, Rechnen, Deutsch, auch Latein, Griechisch, Französisch, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Mathematik usw. Hat er damit nicht genug zu tun? Da redet ihm auch niemand hinein. Niemand macht ihm seine Lehren von den lateinischen und griechischen hypothetischen Sätzen streitig. Weshalb also bleibt nicht auch er auf seinem eignen Boden, bei seinen dienstlichen Pflichten?

Nun eben aus dem Grunde, weil es unmöglich ist, über Erziehungsfragen zu sprechen, ohne zugleich Staat und Gesellschaft auf ihren Zustand zu prüfen. Wer Rousseau und Pestalozzi nur ein wenig kennt, weiß das selbst schon.

Ich will aber diese Behauptung doch durch zwei Beispiele noch begründen:

Wir nehmen an, die Lehrer haben sich dahin geeinigt, daß ihre Schüler allwöchentlich ihren arbeitsfreien Nachmittag haben und unter der Leitung eines Herrn bei Jugendspielen oder Jugendwandern in der Natur verbringen sollen. Die Eltern gestatten aber ihren Kindern nicht, daran teilzunehmen, weil sie ihre Hilfe im Hause brauchen und weil die Wege aus der Großstadt aufs Land zu weit, zu zeitraubend, zu kostspielig sind. Da werden sich also die Lehrer mit den Problemen der städtischen sozialen Not zu beschäftigen haben.

Das zweite Beispiel: Die Schule ordnet bei einem patriotischen Feste öffentlichen Umzug der Schüler an. Mehrere Eltern reichen ein Gesuch ein, ihre Kinder davon zu dispensieren, da dieses Fest gegen ihre politische Überzeugung verstoße. Gleich steckt man mitten drin in den politischen Streitfragen und in der Untersuchung, wie die Befugnisse der Schule und die des Hauses gegeneinander abzugrenzen seien.

Die Antwort auf diese Beispiele wird lauten: Darüber hat die vorgesetzte Behörde zu entscheiden. Gesetzlich – ja! Aber ist deshalb der Lehrer die Probleme los? Wird er nicht den Beruf in sich fühlen, Konflikte, die entstehen, selbst eingehend bis in die Quellen zu prüfen und sich ein selbständiges Urteil darüber zu bilden? Unterläßt er das, so wird er bald mit seinem Gewissen in Konflikte kommen oder mehr und mehr zur willenlosen Staatsmaschine werden. Wer ihm das zumutet, der entwertet den Lehrerstand und vergeht sich damit am öffentlichen Wohle. Am deutlichsten tritt das in die Erscheinung auf dem religiösen Gebiet. Auch da wollen Kirche und Staat dem Lehrer die Gesinnung vorschreiben, ihm schweigenden Gehorsam zur Pflicht machen. Ein unmögliches Ansinnen. Daran muß der Lehrerstand innerlich zugrunde gehen. Er wird daher aus dem Triebe der Selbstachtung, der Selbsterhaltung, auch aus pflichtgemäßer Fürsorge für die ihm anvertraute Jugend und damit aus patriotisch-nationalem Gewissen in die kirchenpolitische Agitation und Schriftstellerei mit eintreten, in der wir jetzt unseren Volksschullehrerstand tatsächlich finden. Das sind wahrhaftig keine Übertritte in fremdes Gebiet. Da streitet der Lehrer für sein eigenstes Feld und auf diesem. Anders denkt freilich die Geistlichkeit, die stets sehr erregt wird, wenn die Lehrerschaft sich ihrer Gängelung entziehen will. Aus Pastorenfeder stammt jedenfalls auch der köstliche Ausfall, den ich hier als Gesinnungs- und Stilprobe wiedergeben muß:

»Schulmeisterei und Schulmeister. Auf die preußische Kultur, die so zart zu sein scheint wie die Blaublümelein, droht wieder einmal ein tötlicher Reif zu fallen. Angst und bange muß es einem werden, wenn man die Klagetöne über die drohende Konfessionalisierung der Volksschulen anhört. Wir entdecken jählings die ungeheuren Segnungen der Simultanschule, deren Licht hell durch das konfessionelle Duster leuchtet, und ziehen den Kriegsmokassin an, um mannhaft für Freiheit des Geistes und Fortschritt einzutreten. Eine würdige Sache ist gefunden, in deren Dienst der mannhafte Hase seine radikalen Raubtierinstinkte austoben kann. Allen voran aber zieht, als Rufer im Streit, der freiheitsdurstige »Schulmann«. Seit die Schulmeister die Schlacht bei Sadowa gewonnen haben, ist ihnen ein gewaltiger Stolz in die Krone gefahren. Es ist mit der Würde des Volkserziehers unvereinbar, die Bälge zu treten oder dem Pastor in den Talar zu helfen. Beim Schweineschlachten vermag auch die größte Wurst den Pädagogen nicht mehr zu locken, der sich sehnt, die Bank des Kollegs zu drücken und Reserveoffizier zu sein. Statt den Bakel zu schwingen, erregt er die Aufmerksamkeit des Schülers und vertieft dessen Interesse; statt der Fibel, deren Titelblatt der stolze Hahn ziert, wälzt er dicke Schmöker, in denen die unverdaulichen und zähen Brocken aus philosophischen Schüsseln zu einem breiten, leicht eingehenden Brei verkocht sind. Er interessiert sich für alles, namentlich wenn es aus zweiter Hand kommt. Er betrachtet die Welt und ihre Probleme mit arrogant-bescheidenem Verständnis. Er begeistert sich für das Wahre, Gute und Schöne und streut mit verschwenderischer Hand Keime des Edlen aus. Und er handhabt den Idealismus wie ein geschickter Wilddieb die Flinte, um jedem individualistischen Bock das Leben auszupusten. Kurz, er wird seinem Kollegen der höheren Observanz, dem Gymnasialobermeier, immer ähnlicher. Den aber packt der bleiche Schreck, er könne mit dem Volksschulmeister verwechselt werden, und darum trachtet er nach faustdicken Titeln: Gymnasialreferendar, Gymnasialassessor, Professor – und begehrt Einlaß in die erhabene vierte Ratsklasse. So flüchtet er auf der Leiter der Würden immer vor dem Rivalen aus der unteren Schicht her – aufwärts; aber schließlich werden beide auf dem höchsten Gipfel der Wertschätzung ankommen, und wenn der Obermeier an die Stelle des Erzengels Gabriel einrückt, wird der Meister der Schule nicht säumen, die Erbschaft Rafaels anzutreten. Heilig sind die Seelen der zu erziehenden Kinder. Heilig, heilig ist die Schule. Heilig, heilig, heilig ist der Pauker. Die Welt ist ein Institut, in der einer immer den andern erzieht, und der liebe Gott ist der Oberschulmeister, obwohl er noch nach veralteten Methoden arbeitet und bei Gelegenheit feste zuhaut.« (Die Funken.)

Man sieht, dem Pfäfflein ist es betrübend, daß ihm der Lehrer über den Kopf zu wachsen droht und sich nicht mehr mit der Ehre begnügt, für ihn den Balg der Orgel zu treten und ihm mit devotem Eifer in den schwarzen Talar zu helfen. Daher die Erregung! Nichts erheiternder als so ein polternder Kapuziner! Ich sehe voraus und hoffe, daß die Geistlichkeit und die ihr allzu willfährigen Regierungen an den Lehrern, die jetzt erwacht, organisiert, zum Bewußtsein ihres nationalen und sittlichen Berufes, zugleich auch zum Bewußtsein ihrer Macht gekommen sind, noch ihr blaues Wunder erleben werden. Wir stehen im Anfange einer Entwicklung, die nicht mehr einzuhalten ist. Der Lehrer steigt in dem Maße, wie der Geistliche sinkt. Dies – in Parenthese – meine Überzeugung!

Welches also wird, um die Frage zu wiederholen und endlich auch zu beantworten, welches wird die Begrenzung dieses Themas sein? Nun, am liebsten gar keine. Schulmeisterarroganz weicht, wie wir lasen, vor keiner Schwierigkeit zurück. Es soll also nichts abgewiesen werden, was mit unserem Thema in einem inneren lebendigen Zusammenhang steht. Erschöpfen läßt sich auch bei großer Einschränkung unser Thema nicht, noch weniger zu allgemeiner Zufriedenheit lösen. Schon jetzt wissen es alle Klerikalen, alle bureaukratisch und plutokratisch infizierten Leser, daß es »lauter Unsinn« sein wird, was nun folgt.

Nur eine Beschränkung schließt das Thema leider schon in sich ein: den Ausschluß der Mädchenerziehung. Mir wäre es leid, wenn man daraus falsche Schlüsse zöge, als ob ich diese für minder wichtig als die Knabenerziehung hielte. Es ist auch kein gewollter, kein absichtlicher Ausschluß. Auch Mädchen sollen zu Persönlichkeiten herangezogen werden, am besten gemeinsam mit den Knaben. Zu Männern aber und »mannhaft« wünscht man sie doch nicht.

Mir fällt dabei der Pastor ein, der seiner eben ihm angetrauten Gattin, als sie sich trotz dreimaligen Signales der Bahnglocke den Armen ihrer Mutter nicht entwinden konnte, das stolze Wort zurief: »Luise, sei ein Mann!«

Wer, wie ich, Pestalozzi verehrt, der weiß, daß alle Erziehung in der Kinderstube wurzelt und daß die Mutter die erste und die wirksamste Erzieherin der Kinder ist.

Haben wir tüchtige Mütter, so wächst auch eine tüchtige Jugend heran. Das ist eine alte Weisheit und allen Völkern bekannt. Die Mütter bedürfen keines neuen Ruhmes, sie dürfen stolz sein auf die Ehrennamen, die ihnen die Sprichwörter aller Völker geben. »Muttertreu', sagt der Deutsche, wird täglich neu. – Ist die Mutter noch so arm, gibt sie doch dem Kinde warm. – Wer der Mutter nicht folgen will, muß zuletzt dem Gerichtsdiener folgen. – Besser einen reichen Vater verlieren, als eine arme Mutter. – Was der Mutter ans Herz geht, geht dem Vater nur ans Knie. – Im Hindostanschen heißt es: Mutter mein, immer mein, möge reich oder arm ich sein. – Der Venetianer sagt: Mutter, Mutter! Wer sie hat, ruft sie, wer sie nicht hat, vermißt sie. – Der Russe sagt: Das Gebet der Mutter holt vom Meeresgrund herauf. – Tscheche und Lette sagen: Mutterhand ist weich, auch wenn sie schlägt. – Fast alle Völker haben das Sprichwort: Eine Mutter kann eher sieben Kinder ernähren, als sieben Kinder eine Mutter. – Über den Verlust der Mutter sagt ein russisches Sprichwort: Ohne die Mutter sind die Kinder verloren wie die Bienen ohne Stachel.«

(Ich fand diese schöne Zusammenstellung in irgendeiner Tageszeitung, kann leider nicht mehr sagen, in welcher.)

Ich maße mir nicht an, einen Prälaten, Generalsuperintendenten oder Geheimrat irgendeines Kultusministeriums davon zu überzeugen, daß ihre Tätigkeit die Mannestugenden des deutschen Volkes schädige. Ich erwarte und finde es selbstverständlich, daß sie sich darob entrüsten oder wohl lieber mit spöttischem Lächeln daran vorübergehen. Das ist ihr gutes Recht, ebenso wie es mein gutes, mir verfassungsmäßig zustehendes Recht ist, solche Behauptungen nach meiner ehrlichen Überzeugung auszusprechen und zu verfechten.

Als ich mit meinen ersten pädagogischen Schriften hervortrat, hatte ich noch den naiven Wunsch, anders Gesinnte zu überzeugen, und den noch naiveren Glauben, von ihnen gerecht beurteilt zu werden. Beides habe ich seitdem gründlich aufgegeben.

Wenn jetzt einer kommt und sagt mir: »Sie hätten das und das nicht schreiben dürfen; Sie hätten die Sache so und so darstellen müssen,« dann habe ich für solchen Fall eine prächtige »Abfuhr« erfunden. Meine Antwort lautet:

»Mein Herr, Sie befinden sich in einem fundamentalen Irrtum!«

»Na, erlauben Sie mal! Wieso denn?«

»Ja, mein Herr, Sie meinen, daß ich Ihre Ansichten vortragen wollte. Das lag mir völlig fern. Ich wollte nur sagen, was mir richtig scheint. Das haben Sie offenbar nicht beachtet.

Auf recht baldiges Wiedersehen! Meine besten Empfehlungen an Ihre verehrte Frau Gemahlin!«

Notes in this chapter

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