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Erziehung zur Mannhaftigkeit

IX. Der Gebildete.

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Der deutsche »Ehrenmann« ist neben dem Gentleman ein achtbarer Philister, der »Kavalier« ein Mann von Standesdünkel und Standesenge, speziell der österreichische Kavalier, zwar von gefälligsten Formen und von großer Liebenswürdigkeit, aber oft ein Mann ohne Grundsätze, Lebemann, bei dem Volke beliebt, weil leichtlebig und gut zum »Hochnehmen«, auch bei aller Lustigkeit oft schon unterwegs zum Bankrott. Der österreichische junge Aristokrat hat jetzt das ganz unglaubliche Bestreben, »décadent« auszusehen. Die Witzblätter übertreiben nicht, wenn sie ihn, wie eine Vogelscheuche, mit krummem Rücken, schlappen Beinen, Hängelippe und müden Augen darstellen. Das ist jetzt das Modernste und Eleganteste. Als ich einen jungen Offizier fragte, wie es meinem ehemaligen Schüler, einem blühenden Bürschchen von damals zwölf Jahren, gehe, sagte er im vollsten Ernste: »Ein vornehmer, décadenter Kavalier!«.

Bei uns will der junge Mann »forsch« sein, will für einen Leutnant in Zivil gelten. Deshalb Brust raus, Nase hoch, Beine stramm durchgedrückt und den stolzen, unzufriedenen Mann gespielt, auf daß man denke, er sei aus einem hohen Haus oder doch von einem feinen »Rement«. So bei den Hohen und denen, die gesellschaftlich hoch hinaus wollen.

Der »bessere« Bürger aber erstrebt »Bildung«. Der schlichtere Bürgersjüngling will ein gebildeter Mensch sein. Das ist heute bei uns wohl das am meisten begehrte Erziehungsergebnis. Das Höchste ist ein Gelehrter und höherer Beamter. Man sieht daraus, daß wir den Stolz, ein Volk der Denker zu sein, tief in der Seele tragen.

Uns fehlt bis heute ein rechtes Wort für die Summen von Eigenschaften, die das Wesen eines echten deutschen Mannes ausmachen. Das ist ein großer, sehr schmerzlicher Mangel. Am besten paßt eben noch »Mannhaftigkeit«, nur daß wir diese nicht für uns Deutsche allein in Anspruch nehmen dürfen.

Die Römer erzogen ihre Knaben und Jünglinge zur virtus. In der Schule lernen unsere Kinder, daß virtus Tugend bedeute. Eine vollgültige Übersetzung ist das nicht, wie sich ja überhaupt Wörter der einen Sprache fast nie getreu in die einer anderen übersetzen lassen. Es sind nicht konzentrische Kreise, sondern Kreise, die sich schneiden. Tugend ist weniger und etwas anderes als virtus. Tugend ist stammverwandt mit taugen, bedeutet zunächst Brauchbarkeit. Unser Volk, jahrhundertelang arm, hatte für Müßiggänger keinen Raum. Nur der tüchtige, brauchbare Mensch genoß Achtung. Und das ist bis heute trotz des gesteigerten Wohlstandes gottlob so geblieben. Unsere Erziehung sieht immer noch mehr auf den handgreiflichen Erfolg, auf die Tüchtigkeit zum Erwerb und zur Arbeit überhaupt, als auf die Entwicklung allgemein männlicher Vorzüge. Unsere Schulen sind noch mehr Lehr- und Lern- als Bildungs-, zumal Charakterbildungsstätten. Früh hat übrigens unter dem Einflusse der Kirche das Wort Tugend bei uns einen etwas weichlich-sentimentalen Sinn angenommen, so daß heute einer als »tugendhafter« Jüngling fast mit einer spöttischen Empfindung benannt wird. Man denkt dabei leicht an einen Mangel an männlicher Kraft, denkt etwa an christlich-sittliche Jünglingsvereine. Ein junger Offizier, der auf sich und seine Ehre hält, würde schwerlich dulden, daß man ihn »tugendhaft« nenne. Um den Ruhm der virtus bewarb sich aber jeder Römer, selbst der Anhänger der jeunesse d'oré. Virtus ist Mannesart, virtus umfaßt alle die Eigenschaften, die nach römischem Begriffe das Wesen eines echten Mannes ausmachen, Tapferkeit, Beharrlichkeit, Ruhe, Kraft und Stolz. Der Begriff mag im Laufe der Jahrhunderte in seinen Grenzgebieten auch geschwankt haben, aber im Kern blieb er allezeit unverändert. Die Mannestugenden, die das zähe Bauernvolk, das einen gefaßten Plan nicht wieder fallen ließ – propositi tenax, wie Horaz sagt –, zur Weltherrschaft geführt hatten, ehrte selbst der décadente Epigone, der sie selbst nicht mehr aufbringen konnte. Ein solches Erziehungsideal, das von dem ganzen Volke anerkannt und angestrebt wird, ist, wie wir auch von Rom lernen, ein nationaler Schatz von unberechenbarem Werte.

Der akademische Lehrer, der zugleich in der Regel selbstforschender Gelehrter ist, nimmt unter den Erziehern zur Wahrhaftigkeit und damit Mannhaftigkeit – beides ist fast identisch – den ersten Platz ein. »Sein schönstes Vorrecht ist es, daß er nicht nur durch sein Wissen, auch durch seine Persönlichkeit die Seelen der nächsten Generation adelt.« (G. Freytag, Verlorene Handschrift, Bd. 2, S. 80.) Jedes ehrliche Streben nach Erkenntnis schafft neue sittliche Werte. Es ist einerlei, woran ein Forscher arbeitet, ob an der griechischen Grammatik, an der Textkritik eines alten Kirchenvaters, ob an geologischen Problemen, an Erforschung der kleinsten Lebewesen oder den Wundern des Sternenhimmels. Jede Arbeit, die der wahren Erkenntnis dient, trägt ihren Wert und Adel in sich selbst. Deshalb ist aber auch ein Gelehrter, der ein anderes Ziel als die Wahrheit kennt, ein Widerspruch in sich. Deshalb kann die Wissenschaft keinerlei Fesseln ertragen. Wer sie einschränkt, etwa durch Dogmen irgendwelcher Art, durch staatliche oder kirchliche Rücksichten, der geht ihr ans Leben. Eine unfreie Wissenschaft hört auf, Wissenschaft zu sein. Wer über sich einen höheren Richter kennt, als sein wissenschaftliches Gewissen, in dem sich ihm alles offenbart, was göttlich im Menschen ist, der mag ein Ehrenmann, ein Glaubensheld, ein Meister in allen erdenklichen Fertigkeiten und Künsten sein, ein Mann der Wissenschaft ist er nicht. Es gibt auch eine dichterische, künstlerische Wahrheit, auch natürlich eine Wahrhaftigkeit des Glaubens. Niemand hat ein Recht, an der subjektiven Treue ihrer Äußerungen zu zweifeln. Wenn sie sich aber dem wissenschaftlichen Beweise, in den Naturwissenschaften dem Experimente, in der Mathematik der Berechnung, in der Geschichte dem Quellenstudium und Zeit- und Sprachkenntnis entzieht – dann ist es eben keine Wissenschaft mehr. Man muß diese Gebiete des Wissens und Glaubens reinlich scheiden, darf uns aber nicht, wie das alltäglich geschieht, Glaubenssätze als Wissen anpreisen. Ich habe es schon wiederholt ausgesprochen, daß es objektive Heilswahrheiten in keiner Religion gibt, wohl aber subjektive Glaubenswahrheiten, daß Dogma »Meinung« bedeutet, nicht aber Wissen.

Nur in unserem innersten Wesen, das wie alle Natur ein Teil des Göttlichen und zugleich die höchste Offenbarungsform des Seins ist, tragen wir unseren Richter. Die Wissenschaft ist also selbstherrlich, ist eine Königin, niemandem dienstbar. Im Mittelalter meinte man, alle anderen Fakultäten seien Mägde der Theologie. Davon sollte heute nicht mehr die Rede sein können. Aber noch immer maßt sich die Kirche über sie Herrenrechte an. Noch immer glaubt auch der Staat berechtigt zu sein, die Wissenschaften und ihre Arbeiter zu überwachen, damit die Forschungsergebnisse nicht in Widerspruch mit dem »wohlverstandenen Interesse des Staates« treten.

Ich bezweifle, daß ehrliche Wissenschaft je schädlich werden kann. Denn da die Wahrheit göttlicher Natur ist, da Gott selbst die Wahrheit ist, so ist jede ernste wissenschaftliche Tätigkeit ein Gottesdienst, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis eine Annäherung an Gott.

Höchst überflüssiger-, ja verbrecherischerweise hat die katholische Kirche die Wahrheitssucher auf naturwissenschaftlichem Gebiet »von je gekreuzigt und verbrannt«. Die Welt hat keinen Schaden durch die Erkenntnis erlitten, daß sich die Erde dreht, auch nicht durch Darwins Entwicklungslehren. Sie wird auch Häckels Belehrungen vertragen.

Die Wissenschaft darf überhaupt nicht fragen, ob den geistlichen oder weltlichen Fürsten oder dem Pöbel der Gasse ihre Funde brauchbar und angenehm sind. Sie kennt nur eine Herrin – die Wahrheit. Wenn ihre Ergebnisse durch Mißbrauch in der Hand von urteilslosen oder gewissenlosen Menschen wirklich gemeingefährlich werden, etwa wie Pulver und Dynamit, so mag der Staat Leben und Gut der Bürger vor Gefahren schützen, nicht aber die chemischen Studien verbieten. Wenn unreifen Kindern die Lektüre aufklärender Schriften schadet, so haben wir schon gesetzliche Handhaben, zumal haben die Eltern und Lehrer Mittel, ihre Kinder davor zu schützen. Deshalb muß aber doch jede Forschung, auch die an der Bibel, frei sein und bleiben. Wahrheitssucher sind auch sittlich ernste Menschen. Vor ihnen sollte man sich weniger fürchten als vor einer blindgläubigen und dadurch leicht fanatisierten Menge. – –

»Betrag' dich doch gebildet!« hört man oft die Eltern zu ihren Kindern sagen. Alle, die es irgend erschwingen können geben ihren Kindern eine »höhere Bildung«. Dabei kommt es besonders auf die Art der Schule und in dieser auf das Wissen an, über das die Prüfungen verläßliche Auskunft geben. Daß der Deutsche vor allem zum Denken geboren sei, das ist seit dem Reformationszeitalter und mehr noch seit dem Neuhumanismus, den uns Gelehrte schufen, ein Glaubenssatz, von dem sich kein Vertreter der höheren Schulen will abbringen lassen. Ich sehe aber nicht ein, weshalb der deutsche nicht mit gleichem Eifer bauen, malen, dichten, bilden, Handel treiben, Krieg führen, seefahren und zu all dem gleichermaßen erzogen werden soll; sehe nicht ein, weshalb man durch Beschäftigung mit diesen Dingen nicht ebensogut zu »Bildung« gelangen könnte.

Nun hat uns aber gerade in jüngster Zeit Prof. Friedrich Paulsen[8] wieder eingeschärft, daß die höheren Schulen aus dem Bedürfnisse geboren seien, die höheren Stände durch wissenschaftlichen Unterricht zu voller Freiheit und Selbständigkeit des Denkens und Handelns zu erheben. Das ist richtig, ist eine historische Tatsache. Die weitere Folgerung: Demgemäß müsse auch nach wie vor ihre Fundamentalaufgabe bleiben, die Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit in elementarer Form anzuleiten, in ihnen den Trieb zu eigener Beobachtung und Sammlung, Untersuchung und Prüfung zu wecken, den Forschertrieb und den Wahrheitssinn zu entwickeln, ließ aber einige Einschränkungen zu.

Damit soll nämlich der Gegensatz scharf gezeichnet sein zu dem rhetorischen Virtuosen, wie ihn die französische, und dem rohen Utilitarier, wie ihn die englische Erziehung angeblich züchte. Gegen den Versuch etwa, mehr künstlerische Kultur oder mehr moralische und sittliche Bildung in unsere Schulen zu tragen, ist damit aber nichts gesagt. Freilich verwahrt sich der Mitberichterstatter auf der Direktorenkonferenz zu Stettin dagegen mit den Worten, daß die höhere Schule weder Theaterschule noch Konservatorium, auch keine Maler- und Bildhauerakademie werden dürfe. Dahinter steckt immer das alte deutsche Urteil, daß Wissen und eben nur das Wissen, nur die wissenschaftliche Anleitung Bildung gebe, daß beides vereint das höchste Lebensziel sei.

Dem Wissenschaftler gegenüber ist aber vom Standpunkte des Künstlers die Frage berechtigt: Wenn unsere höheren Schulen nicht Kunstschulen sein sollen, mit welchem Rechte sind sie denn einseitig wissenschaftliche Schulen? Darauf antwortet der Universitätsprofessor Ludwig von Sybel: »Weil der Deutsche lernen soll, unsere Kultur an der Wurzel zu fassen und aus der geistigen Wurzel heraus sie immer neu zu treiben.«[9] Das heißt, weil wir die historische Schulung einseitig überschätzen, weil wir die Jugend immer wieder auf Bücher, statt auf die Natur, auf die Autorität statt auf die Selbstbeobachtung verweisen, weil wir Alexandriner geworden sind und nicht mehr im glücklicheren perikleischen Zeitalter leben. Nicht Gelehrte, freilich auch nicht Künstler, sondern Männer soll uns die Schule heranbilden. Das tut sie bisher in unzureichendem Maße.

Bildung ist eine bloße Lebenszier geworden, ein Ornament, wie schöne Kleider und Orden. Bildung kann man in Deutschland ersitzen. Um für das ganze Leben ein Übergewicht, ein gesteigertes Hochgefühl anderen Sterblichen gegenüber zu haben, muß man »akademisch gebildet« heißen. Der akademisch Gebildete hat seine besonders delikate Ehre und beansprucht eine Ausnahmsbehandlung. »Wer bißchen was is«, läßt deshalb in Deutschland seine Söhne das Abiturientenexamen machen und studieren. Daher die unglückselige Überfüllung der gelehrten Berufe!

Nun wird kein billig denkender Mensch die Verdienste der höheren Schulen in Deutschland verkennen, bei ruhiger Betrachtung aber auch ihre großen Nachteile sehen. Ja, wenn es mit der Selbständigkeit des Denkens und Handelns nur seine Richtigkeit hätte!

Ich erlaube mir auf Grund meiner Erfahrungen daran zu zweifeln. Ich glaube, ohne unsere staatlichen höheren Schulen wären wir im selbständigen Streben und Handeln ein gut Stück weiter gekommen, ohne sie hätten wir mehr Menschen, die Selbstdenker, Selbsthandler, mithin eigenartige Persönlichkeiten wären, mehr Baumeister, weniger Handlanger. Ist es wahr, daß wir seit Luthers Großtat alle freiheitlichen Fortschritte, selbst auf den Gebieten wissenschaftlicher Forschung, dem Auslande, zumal den Engländern, verdanken? Oder muß man eine so offenkundige Tatsache erst ausführlich belegen?

In der wissenschaftlichen Verarbeitung und im Ausbau der neuen Ideen erwies sich Deutschland stets als unübertrefflich – da kam uns deutscher Fleiß, Gründlichkeit und Ehrlichkeit zustatten –, aber es mußten uns, wie gewissenhaften Schülern von fremden Lehrmeistern, die großen Probleme erst gestellt werden, ehe wir sie verarbeiten konnten.

Ich bestreite auch, daß heute in unseren höheren Schulen freie Forschung zu Hause sei. Den Schülern werden die mittelalterlichen Glaubensdogmen eingetrichtert, und sie dürfen dabei nicht muxen. Man weicht den großen Lebensfragen, denen schon jedes Kind von gesundem Sinne nachforscht und die das Tagesgespräch am Familientische bilden, in den Schulen mit geflissentlicher Sorgfalt aus. Ich kann mit Beispielen dienen. Als ein Gymnasialoberlehrer ohne jeden bösen Hintergedanken in reinster Herzensunschuld seine Tertianer über den »Unterschied zwischen der jüdischen und ovidischen Schöpfungssage« einen Aufsatz hatte schreiben lassen, kam sein Direktor, ein orthodoxer Protestant, in die Klasse und sagte offen zu den Schülern: »Ihr alle habt einen großen Irrtum begangen. Ovids Darstellung ist Sage, was aber die Bibel über die Schöpfung berichtet, das ist göttliche Offenbarung, nicht Sage.« So ist natürlich auch die sprechende Schlange nicht, die aus der Rippe geschaffene Eva, der Stillstand der Sonne, die Ruhe der Erde, der sprechende Esel Bileams ist überhaupt nichts, was im alten Testamente erzählt wird, Sage oder menschliche Dichtung, sondern alles Gottes Wort, und was unsere Astronomie, Geologie, Biologie, Anthropologie, Religionskunde und all unsere Naturwissenschaften in den letzten 500 Jahren zutage gebracht haben, ist eitel Rauch und Wind. So will es der Gymnasialdirektor, der sich in Festreden über die Freiheit der Forschung ergeht und von irgendwelchem Gewissenszwang in Preußen noch nie etwas verspürt hat. Da ist der Papst ja nicht so päpstlich:

»Die Theologie braucht die neuen Tatsachen der Naturwissenschaften nicht zu fürchten. Sie hat vielmehr alle Ursache, sich in hellem Jubel zu freuen, je gigantischer die Naturforschung fortschreitet. Denn je vollkommener die Menschheit die Natur erkennen lernt, um so mehr wird der Kosmos seinen Zweck erfüllen, die Herrlichkeit dessen zu verkünden, der den Himmel und die Erde erschaffen hat,« sagt der katholische Theologie-Professor Dr. Norbert Peters und wird dafür nicht gemaßregelt. Natürlich glaubt auch jener Herr Direktor nicht an seine Worte. Er meint nur dienstlich gebunden zu sein, die Jugend zu belügen. Da sei ihm dann zum Nachdenken ein Wort des Theologie-Professors Otto Baumgarten empfohlen: »Alle anderen Ziele, auch das der Religiosität, müssen dem der Wahrhaftigkeit nachstehen« oder noch ein anderes tiefes und wahres Wort, ebenfalls dessen herrlichem Schriftchen »Über Kindererziehung« (Tübingen, J. C. B. Mohr. 1905, 80 Pf.) entnommen:

»Immer neu muß man die Wirklichkeit auf sich und seine Urteilsbildung einwirken lassen, nicht korrigiert durch Wünsche, Gewöhnungen, Vorurteile, überkommene Heiligtümer. Das gilt besonders gegenüber Menschen, aber auch von Grundsätzen. … Wer sich auf religiöse, sittliche, soziale, politische Grundsätze mit jener Unentwegtheit versteift, die sich als Gesinnungstüchtigkeit, Überzeugungstreue preist, während sie absichtliche Borniertheit und Unzulänglichkeit für neue Erfahrungen und Erlebnisse ist, dem fehlt die volle Wahrheitsliebe, der Wirklichkeitssinn … Dazu gehört, daß man stets offen bleibt für neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen, daß man unabgeschlossen zu jeder Überzeugung hinzusetzt: ›bis auf bessere Belehrung‹, statt die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu beugen und zu biegen in die durch die Vorurteile vorgezeichnete Linie.«

Der Lehrer, der sich vor seinen Schülern jene direktorale Belehrung gefallen lassen mußte, schwieg dazu und tat wohl recht daran, denn ein Widerspruch hätte ihn schlecht bekommen können.

Ob es in ganz Deutschland wohl ein Lehrer wagen darf, vor der Klasse an der Gottheit Christi zu zweifeln? Dabei weiß jedermann, daß unsere liberale Theologie selbst von der Kanzel herab ihre neue Überzeugung von dem Menschentum Christi predigt. In der Schule muß festgehalten werden an dem Nicäischen Glaubensbekenntnis, das für die katholischen und evangelischen Kirchen bis heute gleich verpflichtend ist. Danach ist Christus »aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott gezeugt, nicht geschaffen, mit dem Vater wesensgleich«. Dieser Zwang liegt nicht allein auf der Volksschule. Ich frage aber, deckt sich das mit dem Glaubensbewußtsein der deutschen Eltern?

Was würde wohl einem Primaner geschehen, der in seinem Abiturientenaufsatze als seine ehrliche Überzeugung niederschriebe, daß er an Engel nicht glaube, nicht an den Teufel, an eine »Jungfrau« Maria, nicht an einen heiligen Geist, an eine unbefleckte Empfängnis, an eine leibliche Auferstehung, an eine Wiederkehr Christi, an ein Fortleben nach dem Tode? Wagt unter den hunderttausenden deutscher Abiturienten auch nur einer eine solche »Ketzerei«? Man höre dann aber die Studenten, wie geringschätzig sie über »Glaubensbekenntnisse« sprechen, die sie als Schüler nachplappern lernten.

Selbständigkeit des Denkens lehren unsere Schulen nicht. Sie sollen und wollen es gar nicht. Ich selbst habe mit angehört, wie in der Eröffnungsrede einer Oberrealschule ein Vertreter der preußischen Regierung mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme und in dem Tone strengster Vermahnung an die Lehrer seine Rede abschließend sagte: »Und vor allem, meine verehrten Herren Kollegen, bewahren Sie die Seelen Ihrer Schüler vor dem Zweifel!« Also nicht zweifeln, nicht selbständig forschen lernen sollen die Knaben, sondern gehorsam – glauben: das war der Grundsatz, der Fels, auf dem auch die moderne Oberrealschule in Preußen auferbaut wurde. Ist wissenschaftliche Selbständigkeit des Denkens mit diesem Gebote vereinbar?

Und nun gar – volle Freiheit zu selbständigem Handeln? Daß ich nicht lache! Fragt einmal unsere Schüler, wie sie im Denken und Handeln gebunden sind! Für die Universität freilich, die Paulsen wohl im Sinne hatte, gilt sein Wort: in Beziehung auf unsere Schulen, die Zwangsschulen im schlimmsten Sinne sind, wirken sie wie Spott. Ich komme darauf später wieder zurück. Hier sollte nur ganz allgemein gesagt sein, daß der »Gebildete« in Deutschland weit davon entfernt sein kann, ein im Denken und Handeln selbständiger Mensch zu sein. Man findet z. B. bei den akademisch Gebildeten die nur aus gedankenlosem Nachschwatzen verständliche einmütige Bewunderung der »humanistischen Bildung« und damit einen wahren Rattenkönig von ererbten Schulphrasen: Humanität, formale Bildung, sittliche Größe des Altertums, Einfachheit der antiken Lebensanschauungen und Lebensformen – lauter leere Worte!

Ich kenne keine Zeit der Geschichte, in der die Menschen stärker in oberflächlichen und mechanisch übernommenen Urteilen gesündigt hätten. Die Menge der Eindrücke nötigt zur Hast. Jeder Mensch bekommt seine Marke aufgeklebt, mit der man ihn für alle Zeiten abstempelt. Ein falsches Urteil zu korrigieren, erscheint fast schon unmöglich. Voreingenommenheit, nationale, kirchliche, soziale Beschränktkeit, Parteifanatismus, Mangel an Arbeitskraft und an Selbstkritik, Denkfaulheit und Unwissenheit, all diese Schwächen sind am Werke, ein gerechtes Urteil zu hemmen. Friedrich Hebbel, der mit gelehrtem Stumpfsinn sein Lebtag zu kämpfen hatte, sprach das Wort: Es wäre, als ob die Leute statt des Gehirnes eine geballte Faust im Schädel hätten. Früher lasen die Menschen wenig, aber lasen gründlich, früher lernten sie in der Schule weniger, aber sie lernten ihre eigenen Sinne gebrauchen. Unsere Schüler lernen jetzt viele Tausende kritischer Urteile nachsprechen, ohne einen Versuch der Selbstprüfung. Man denke nur an Lessings »dramaturgische Gesetzgebung«, die den Primanern ebenso wie dessen Laokoon eine ganze Menge von Kunstwerken, zumal französischen, als wertlos ein für allemal verleiden, ehe sie diese nur zu sehen bekommen. Wo findet man heute noch selbständiges Urteil der Schüler?!

Für Cicero erwärmt sich pflichtmäßig der Gymnasiallehrer, Voltaire aber weist er ab unter Berufung auf Goethe, der ihm »Tiefe« absprach, und unter Berufung auf Schillers Ausführung, »Voltaire habe als Dichter kein Herz abgedruckt«. Dabei merkt man nicht, daß kaum zwei bedeutendere Männer sich so ähnlich waren wie Cicero und Voltaire, nur daß der Franzose den Römer unendlich und in jeder Beziehung überragt.

Die Phraseologie der altklassischen Humanisten hat vollständig abgewirtschaftet. Man höre nur, was für einen leeren Wortschwall Männer zur Verteidigung ihres alten »Idealismus« aufbieten! So nennt man nämlich den mit altem Bücherstaub gefütterten Dünkel der »humanistisch Gebildeten«.

Herr Prof. M. Schneidewin rettete diesen Idealismus im »Tag« Nr. 463 mit folgender Stilblüte: Es ist eine »Erfahrung, daß die Wucht der Vielseitigkeit des modernen Lebens und seiner tiefwühlenden und hochtönenden Weise des Denkens und Redens kaum erträglich sein würde, wenn der befreiende Durchblick auf die altklassische Einfachheit nicht immer wieder das Verständnis des Verwickelten und Ungeheuren durch Vergegenwärtigung der elementaren Lebenszwecke, die dem allen doch zugrunde liegen, erleichterte«. In diesem Tone geht es natürlich noch weiter. Man lese dazu die vernichtende Kritik, deren Dr. Albert Gruhn dieses »hochtönende« und dabei seichte Geschwätz noch für würdig hält! (»Blätter für deutsche Erziehung« 1906 Heft 7.)

Solange es sich nur um Kenntnis des Altertums handelt, ist jede Mühe und jeder Aufwand berechtigt. Da mache ich selbst mit Freuden und Eifer mit. Sobald man mir aber mit dem hohen sittlich-erziehlichen Wert des Altertums für unsere Schuljugend kommt protestiere ich laut. Das ist nicht echte Überzeugung, sondern traditionelle Phrase. Ja, die Päpste, die den Horaz, Plautus, Terenz in der einen Stunde lasen, in der anderen mit gleichem Behagen Boccaccio Dekamerone, die sich im Vatikan schöne griechische Venusbilder aufstellten, denen war es ernst mit der antiken Schwärmerei. Ebenso war es unserem Goethe und Schiller noch ernst damit, jenem als er sang:

»Also, das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert, Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegene gesellt? …«

diesem, als er sich nach den Zeiten zurücksehnte:

»Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia.«

Aber dem Gymnasialdirektor, der im Pastorenrocke umgeht, der für innere Mission, für den Kampf gegen den Schmutz in Bild und Wort eintritt, den »es stets tief geschmerzt hat, daß sich Goethe so weit vergessen konnte, die Römischen Elegien zu dichten«, der nichts gelten lassen will, was nicht »sittlich« ist, sittlich nämlich in dem Pastorensinne gleichbedeutend mit keusch, der deshalb einen Rousseau, Voltaire, Hebbel, Ibsen u. a. als unsittlich abweist und ihnen Kulturwert abspricht, dieser Herr kann die Antike nicht ehrlich bewundern: denn sein Horaz, sein Ovid, selbst sein Homer, sie alle sind ja in seinem Sinne unsittlich und werden dadurch nicht besser, daß er seinen Schülern die verfänglichen Stellen unterschlägt und ihnen den Horaz zu einer Art heidnischen Kirchenheiligen macht.

Einen solchen Schwindel durchschaut sofort jeder noch nicht ganz um seinen Verstand gebrachte Primaner. Jedenfalls nehme ich das zu seinen Ehren an. Wer Horaz mit Traktätchenfrömmigkeit liest und das Gedicht an Lalage, um daran den tiefen sittlichen Stand des jungen römischen Kaiserreiches anschaulich zu machen, für den hat Horaz nicht gelebt. Der würde sich eine solche geistige Mißhandlung ebenso energisch verbeten haben, als wenn sich jemand daran gemacht hätte, auch an seinem Leibe eine solche Entmannung vorzunehmen.

Alle Sittlichkeitsbestrebungen in Ehren! Ich mache sie zum Schutze der unmündigen Jugend selbst mit, aber dann auch reinliche Überzeugungen! Dann weg aus der Schule mit der Verhimmelung antiker Sittengröße! »Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.« (Walther.) Es ist mir unmöglich geworden, Schriften, die im Geiste unserer alten Gymnasien geschrieben sind, überhaupt noch zu lesen: Ein ewiges Wiederkauen der Gedanken, die nun vor hundert Jahren die Begründer des Neuhumanismus – damals mit ehrlicher Begeisterung – vortrugen. Wie auf Regimentsbefehl lieben diese Freunde des Gymnasiums alle mit gleicher Inbrunst und gleichem Verständnisse den Homer wie den Plato, Sophocles, Cicero und Horaz. Wenn Hunderte von Köpfen so uniform auf die Eindrücke reagieren, so müssen von ihnen 90% gedankenlose Nachbeter sein. Zumal wenn die Herren in ihrer Begeisterung gerade auch in die Geleise der vorgesetzten Behörde geraten, dann regt sich bei mir die Befürchtung, daß mehr Suggestion als eigenes Urteil sie leite. Voltaire, der von Poesie mehr verstand, als ich und die Mehrzahl meiner Herren Kollegen, stellte Tasso und Ariost über Homer, Pindar existierte für ihn nicht, von dem lateinischen Altertum ließ er nur Horaz und Vergil gelten. Schiller schrieb an Körner (1794): »Pindar hat mir nie behagen wollen,« und Körner teilte diese Empfindung (vgl. Popper a. a. O.). Der Franzose Beyle, ein selbständiger Kopf, schreibt: »Viele unter meinen französischen Zeitgenossen bilden sich ein, die Werke Homers und Racines, die Achilles und Agamemnon (die mich zum Gähnen reizen) zu lieben; sie glauben sich selbst zu ehren, indem sie die Alten bewundern. Was mich betrifft, so verliere ich nach und nach alle Vorurteile, die auf der Eitelkeit der Jünglingszeit beruhen. Ich liebe alles, was das Menschenherz schildert; aber das Menschenherz, das ich kenne – –.« Unsere Freunde des Gymnasiums denken mir zu uniform. Ihr Zusammenschluß macht mir gar keinen Eindruck. Diese Männer kämpfen für ihre Position nicht minder als für ihre Überzeugungen. Sie machen auch auf das Publikum keinen Eindruck. »Natürlich!« sagt man sich, »Fuhrherren treten auf gegen Einführung der Eisenbahnen, Bierbrauer eifern gegen Erhöhung der Biersteuer, Gastwirte gegen Verschärfung der Polizeistunde, Gymnasialdirektoren und ihr Anhang wirken für Erhaltung des Gymnasiums.« Diese Herren haben vielfach keine eigene, selbsterworbene Überzeugung, ja, was viel ärger ist, sie wollen sie nicht einmal andern Menschen zugestehen. Sie stellen an Andersdenkende das Ansinnen, zu schweigen oder sich ihnen unterzuordnen; sie meinen, wer ihre sog. Ideale nicht teile, dürfe an einem Gymnasium nicht unterrichten. Da gestatte ich mir doch die ernste Frage: »Glauben denn all diese unduldsamen Herren an das in ihren Schulen gelehrte Christentum? Machen sie nicht alle die Andachten feierlich mit, über die sie in den Pausen witzeln?« – Ich bitte um Antwort.

Ich will Zeugnisse gegen das humanistische Gymnasium aus der Blütezeit anführen. Häckel sagt: »Wahre Bildung besteht nicht in totem Wissen und leerem Gedächtniskram, sondern in lebendiger Entwicklung des Gemütes und der Arbeitskraft. Darum aber fehlt so oft den Studierenden und zumal den Hochgelehrten, was man mit Recht den gesunden Menschenverstand nennt. Sie stehen dem Leben meist ratlos gegenüber und befänden sich etwa in der Lage eines Soldaten, der, von einem Feinde angegriffen, erst in seinem Exerzierreglement nachschaut, was er zu tun habe. Fast alle bedeutenden tatkräftigen Männer haben ein beschränktes Wissen gehabt. Die Wissensdressur schwächt ebenso den Geist wie den Willen und macht aus dem Schüler in den meisten Fällen einen guten Räsonneur nach Art Hamlets und sehr oft einen boshaften Jago.« Ein anderer Greis, Geh. Justizrat L. Passage, zitiert diese Worte mit Zustimmung und sagt dazu: »Das damalige Gymnasium (um 1840) mit seiner pedantischen Härte, ein wahres Fegefeuer der Jugend, doch ohne dessen reinigende Kraft; eine wohlorganisierte Anstalt, in der so viele Jungen körperlich und oft auch geistig ruiniert wurden. Denn man belastet nicht ungestraft sein Gedächtnis mit totem Wissen; es nimmt dem Geiste alle ursprüngliche Kraft und entfernt das ganze Leben und Denken von der Natur.«

Nichts seltener bei unseren »Gebildeten« als selbständiges Denken. Selbst unsere Studenten laufen einfach im Trott mit.

Jetzt endlich, wohl zum Teil durch Anregungen von außen her, regt sich bei ihnen der Wille, ihr Leben gleichsam selbst in die Hand zu nehmen. Zu meiner Studentenzeit war man einfach der Sklave alter Sitten und Anschauungen; wer sich dem Sauf- und Raufzwang nicht fügen wollte, war vor Insulten nicht sicher.

Wir machten natürlich mit, heulten mit den Wölfen, obschon wir uns sagen mußten, daß diese »Bildung«, die sich mit wüstem Saufkomment verträgt, keine wahre Menschenhöhe bedeutete. Wie der Simplizissimus lehrt, ist sie dem niederen Volke nicht weniger als den wirklich »erzogenen« Menschen schon zum Gespött. Diese ›Bildung‹, die für viele schon mit dem Einjährigenzeugnis abschließt, schafft uns heute schwerlich noch den vorbildlichen Manneswert. – Der deutsche Universitätsprofessor ist verwöhnt: er sieht sich gern als die Blüte Deutschlands gefeiert. Er nimmt auch bis an unsere Zeit heran in Romanen und auf der Bühne eine Ausnahmestellung ein. Der Fachmann aber kann nie allgemeingültiges Vorbild werden. In den letzten Jahrzehnten haben auch der Künstler und der Industrielle dem Gelehrten empfindlich Konkurrenz gemacht: das Bildungsideal hat sich gewandelt. Man scheint bei ihm gerade die rechten Mannestugenden zu vermissen. Wer in das Kleinleben der Universitäten und in den Kleinkrieg der akademischen Literatur tiefere Einblicke getan hat, dem schwindet auch manches von dem Nimbus, mit dem sich die Vertreter der freien Forschung zu bekleiden wußten. Auch da wird mit Wasser gekocht. Auch da oft geschwiegen, wo es Mannespflicht wäre, den Mund weit aufzutun. Wir haben auch unter den Akademikern schon zu viele gesehen, die sich in entscheidenden Fragen laudabiliter unterworfen haben.

Der Gelehrte ist eben bei uns zugleich in erster Linie Beamter. Damit kommen wir auf einen Typus, der heute in Deutschland herrschend und tonangebend ist.

Gewiß, der Gelehrte hatte und hat in Deutschland nach wie vor einen mächtigen Einfluß. Solange unsere Lehrer ihren Stolz darin suchen, Gelehrte zu sein, nehmen sie an dieser Stellung ehrenden Anteil. Aber unser Lehrerstand ist noch jung. Er hat noch seine Not, sich selbständig neben dem der Offiziere und Juristen zu behaupten, hat keine alten gefestigten Formen und Anschauungen, die ihn im öffentlichen Urteil schützen, hat kein äußeres Ansehen, keine äußere Macht als Erbe empfangen: fast muß ein jeder Lehrer in der Öffentlichkeit sich seine geachtete Stellung erst selbst erkämpfen, die man dem jungen Leutnant oder Juristen als selbstverständlich einräumt. Deshalb jetzt der Zusammenschluß der Lehrer. Sie wollen durch Massenwirkung, durch eine Vertretung ihrer Standesinteressen den Wert jedes einzelnen heben, deshalb vor allem auch ihr Streben nach Beamtenqualität. Ob das ein richtiger Weg ist? Je mehr die Standes-Kasten- und Herdentriebe gepflegt werden, um so leichter versinkt der einzelne in der großen Masse, um so weniger wird er Lust und Beruf in sich verspüren, seine Eigenart zum Durchbruch zu bringen. Parteiwesen, Kasten-, Cliquen-, Trustwirtschaft – all diese Zusammenschlüsse sind die Pflege des Besten, der Persönlichkeit, feindlich. Dem Lehrerberufe, in dem nur der Mann in seiner Eigenart Großes vermag, ist diese Entwicklung und Pflege des Standesbewußtseins zunächst wohl nötig, auf die Dauer aber gewiß von Schaden. Alle großen Lehrer waren Eigenbrodler. Geist läßt sich nicht uniformieren oder zu gleichen Rationen auf Tausende verteilen. Auch hier gilt das stolze Wort: »Selbst ist der Mann!«

Man wird auch beobachten, daß die zur Vertretung ihrer Standesinteressen vereinigten Berufsarten den einzelnen Mann, der eigene Gedanken und Ziele verfolgt, nicht schützen, sondern lieber als Sonderling fallen lassen oder gar verfolgen. Wo Majoritätsbeschlüsse entscheiden, da gedeihen keine selbständigen Köpfe, noch weniger aber da, wo Gesinnungen und Leistungen amtlich vorgeschrieben werden.

An Stelle der gelehrten Bildung müssen wir in der Erziehung die Mannhaftigkeit als Ziel setzen.

Notes in this chapter

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