XI. Der Beamte als Erzieher zur Mannhaftigkeit.
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Bei der herrschenden Anbetung des Staates gilt unserem Volke der berufsmäßige Diener des Staates als unentbehrlichste und würdigste Person. Auch der Ehrgeiz des »kleinen« Mannes geht dahin, Beamter zu werden. Es ist das »sichere« Brot, hat auch eine mit dem Amte verbundene sichere Einschätzung und Würde. Der Deutsche trägt seine Beamtenuniform gern. Es kommt ihm nie zum Bewußtsein, daß es eine Tracht der Unfreien sei. Dem Staate dienen gilt ihm als höchste und damit als ehrende Pflicht. Deshalb werden in Deutschland jetzt diejenigen Tugenden am höchsten geschätzt, die ein tüchtiger Beamter braucht. Gehorsam, Pflichttreue, Pünktlichkeit, Amtsverschwiegenheit, Bescheidenheit, Zurückhaltung im politischen Leben, vorbildlich kirchlicher Lebenswandel, Korrektheit. Wie man sieht, eine Reihe trefflicher Tugenden, aber – bei Licht besehen – doch vorwiegend Tugenden von Unfreien, eben von Bediensteten.
Der Beamte hat ein Amt, aber keine Meinung. Er hat seine Pflicht zu tun, dafür wird er bezahlt und dienstlich befördert. Eigene Meinungen hat er am besten für sich zu behalten, höchstens darf er sie – natürlich in angemessen bescheidenem Tone – gegebenen Ortes zur Begutachtung unterbreiten. Man sieht es aber nicht gerne, daß er mit eigenem Kopfe denke. Am angenehmsten ist der Beamte, der seiner Behörde am wenigsten Mühe macht, nie widerspricht, mit seiner Person im verborgenen bleibt, Konflikte vermeidet, gefällige Berichte einreicht und dadurch der Behörde bestätigt, wie doch so weise sie alles eingerichtet hat. Die Staatsmaschine darf halt nicht knarren. Jedes Rädchen hat geräuschlos einzugreifen. Wer sich dazu nicht eignet, der kann gehen. Er ist ja nicht gerufen worden. Unentbehrlich ist keiner. Verstanden? Maximilian Harden, der die deutschen Beamten wohl genügend kennt, nennt sie Regierungskommis: boshaft, aber treffend.
Vom deutschen Beamten erwartet man, daß er sich im Dienste zuschanden arbeite. Der »pflichttreue« Beamte kann übrigens auch nie genug bekommen an Arbeit: er läßt sich geduldig, ja mit rührendem Dankesblick, immer neue Bürden aufpacken. »Überbürdet« sind sie, wenn man ihnen glauben darf, Mann für Mann. Der Staat, den ein Preußenkönig selbst einen »Racker« nannte, ist gegen seine Diener unsagbar anspruchsvoll. Er verlangt den ganzen Menschen. Dagegen hat schon Paul de Lagarde lebhaft protestiert. Erst kommt der Mensch, der Gatte, Vater, Freund, Bürger und dann erst der Beamte. Ich kann es nur als unsittlich bezeichnen, wenn jemand mit Haut und Haar in seinem Dienste aufgeht. Ich kenne Beamte, die nicht Zeit gefunden haben – vor lauter Dienstpflichten – sich zu verlieben, zu heiraten und fortzupflanzen. Das sind die Musterbeamten, die Wonne ihrer Vorgesetzten – nur noch Maschinen, höchst »tüchtig und brauchbar«. Schade, daß mit ihrem Leben die Kette abreißt! Oder wollte Gott nicht, daß diese Menschengattung sich auf Erden ausbreite? Dafür winkt ihnen aber auch in der Ferne die Verdienstschnalle oder irgend ein bunter Adler. Der bekannte Schulmann und pädagogische Schriftsteller Geheimrat Wilhelm Münch erzählt einmal, – ich zitiere aus dem Gedächtnis! – er habe an einem Handwagen einen Ziehhund mit so wunderlich scheuen Augen beobachtet. Woher, fragte er sich, kenne ich nur diesen Blick? Ach richtig! Es ist der Blick unserer Kanzlisten. Also »hündisch«? Κυνὸς ὅμματ' ἔχων κραδίην ἐλὰφοιο (»Mit dem Blicke eines Hundes und dem Herzen eines Hirsches«) würde Homer sagen.
Ein hoher Ministerialbeamter klagte einmal vor Freunden, daß ihm ein Schuldirektor in unterwürfiger Haltung für die »Gnade« gedankt habe, ihn »zur Audienz« zu empfangen. »Ich war froh,« schloß er seinen Bericht, »wie der widerlich kriechende Mensch wieder zur Tür hinaus war.« Aber, so frage ich, wer züchtet denn erst diese Demut? Ein Regierungsrat G. erzählte mir, er habe endlich in heftigem Tone es sich verbitten müssen – da freundliche Vorstellungen nichts halfen –, daß der »akademisch« gebildete Unterstellte täglich wie ein Pikkolo durch den Museumssaal gelaufen sei, um ihm seinen Überrock aus- oder anzuziehen. »Herr Doktor,« sagte er ihm, »es schickt sich das für einen ›gebildeten‹ Mann nicht, der auf sich hält.«
Als ich vor einem Jahre etwa vor einer Versammlung von Volksschullehrern gegen den erschreckend überhandnehmenden Bureaukratismus mit all seinen Schädigungen sprach, dabei auch der unwürdigen Behandlung erwähnte, die sich der deutsche Lehrer von seinem Vorgesetzten bieten lasse, trat ein Rektor auf und sagte unter vielfachem Beifall: »Jedes Kollegium hat den Direktor, den es verdient. Ich möchte meine Herren als meinesgleichen behandeln, aber sie dulden es nicht. ›Herr Rektor vorn und Herr Rektor hinten‹, besonders eifrig sind dabei die Damen im Lehrerkollegium, die möchten am liebsten für jedes Löschblatt, das sie brauchen, erst den direktoralen Segen haben.«
Reichsgerichtspräsident von Oehlschläger erzählte mir: »Ich hatte einen jungen Lehrer zum Freund; er hatte meinen Sohn unterrichtet. Als er nach Jahren wiederkam, hatte er seinen ›Doktor‹ gemacht und fragte mich, ob er seine Dissertation seinem früheren Schulrat überreichen solle. ›Gewiß, eine solche Aufmerksamkeit wird man Ihnen danken, zumal Sie nicht mehr im Machtgebiete dieses Herrn wirken.‹ In Frack und weißer Binde trat der Herr zur Zeit der Sprechstunde bei dem Schulrat ein. ›Was wollen Sie?‹ donnerte es dem scheu Eintretenden entgegen. ›Nichts‹ war die Antwort und schleuniger Rückzug. Wir haben wohl auch dann und wann einen groben Juristen, aber so etwas halte ich bei uns doch für ausgeschlossen. So muß sich in Preußen nur der höhere Lehrer behandeln lassen.«
Eine andere Geschichte: Ich machte bei dem liberalen und mir persönlich bekannten Schulrat B. Besuch, um für einen Freund, der Direktor werden wollte, Auskünfte zu erbitten. Ich kam natürlich auch, wie zu einem Fürsten, im Frack und mit weißer Binde. Er fertigte mich ruhig, sachlich – aber stehend ab. Zufällig traf ich abends seine Schwägerin. Auf ihre Frage, wie mir's gehe, sage ich: »Schlecht, bin heute von Ihrem Herrn Schwager unhöflich behandelt worden.« – »Darf ich ihm das wieder sagen?« – »Ja, ich bitte darum.« Nach wenigen Tagen: »Ich habe es meinem Schwager bei Tisch erzählt, als mehrere Direktoren und Oberlehrer zugegen waren.« – »Nun, und?« – »Mein Schwager schwieg nachdenklich, die anderen Herren aber entsetzten sich über Ihre Anmaßung. Da hätte ein Schulrat viel zu tun, wenn er jedem Auskunft erbittenden Oberlehrer einen Stuhl anbieten sollte.« Recht so, meine verehrten Herren Kollegen! Ich wünsche Ihnen gute Karriere!
Als unser Kaiser den Herren Primanern zum Besuche einer Parade einen Urlaub erteilte, den ihnen die Direktoren nicht gewähren wollten, nahmen diese Herren diese Demütigung schweigend hin, ebenso wiederholte Anordnungen der Polizei, die als unbefugte Übergriffe hätten abgewiesen werden sollen, zumal von Männern, die mit Wärme die Verse deklamieren:
Si fractus illabatur orbis, inparidum ferient ruinae.
In der Regel wird die Beamtenkriecherei begünstigt. Es liegt System darin. Wir lesen ja allwöchentlich in Hardens »Zukunft« seine gesammelten Byzantiaca.
Unsere Tagespresse gab sich allerlei trüben Besorgnissen hin, als gemeldet wurde, daß der englische Kriegsminister Haldane eine Einladung Kaiser Wilhelms, den großen diesjährigen Manövern beizuwohnen, mit dem Ersuchen beantwortete, davon Abstand zu nehmen und lieber die Einrichtungen des deutschen Generalstabes und einzelner militärischer Anstalten studieren zu dürfen. Dazu bemerkte die »Neue freie Presse« in Wien sehr zutreffend: »Leute, die in der Anschauung groß geworden sind, die Einladung eines Herrschers sei ein Befehl, dem man blindlings zu folgen habe, bezichtigen den Minister des Inselreiches einer Unhöflichkeit.« Ein solcher Gedanke konnte nur in Köpfen entstehen, die sklavischen Gehorsam, nicht aber den Freimut kennen, den englische Männer selbst vor gekrönten Häuptern bewahren. Nach englischer Anschauung bleibt man auch dem Könige gegenüber ein Mensch von freier Selbstbestimmung. Nach der militärischen Anschauung aber bei uns, die in dem Kaiser stets den obersten Kriegsherrn sieht und ihn sich auch am liebsten in Kriegstracht vorstellt, ist jeder seiner Wünsche, selbst jede freundliche Aufforderung, Einladung, Erlaubnis, ein dienstlicher Befehl. Dieser Geist geht durch unser ganzes Heer und von da in das Beamtenleben hinein.
Caprivi hielt sich als Soldat zu dem Gehorsam verpflichtet das Amt eines Reichskanzlers zu übernehmen, zu dessen Führung er sich selbst mit Recht die Kraft nicht zutraute. Mit wachsendem Unwillen macht unsere Presse darauf aufmerksam, daß unsere höchsten Staatsämter mit Männern besetzt sind, die sich vorerst als Offiziere fühlen und selbst Ministerposten gleichsam nur im Nebenamt verwalten. Daher denn auch alle großen öffentlichen Kundgebungen sich wie kriegerische Feste ausnehmen: nichts als prunkende Uniformen, glitzernde Helme und schnarrende Stimmen. So bei Eröffnungen von Kunstausstellungen, bei Einweihungen von Kirchen, bei Enthüllungen von Denkmälern für irgendwelche dichtenden oder musizierenden Zivilisten. Ja, sogar die landwirtschaftliche Ausstellung in Schöneberg eröffnete Se. Exzellenz Graf v. Podbielski in Uniform der Ziethenhusaren und legte in strammer militärischer Haltung die Hand an die Kopfbedeckung, wenn er über Maschinen oder über Erzeugnisse der Landwirtschaft Auskunft zu geben hatte. Man lese über das Kapitel »Im Nebenamt Minister« den Aufsatz von Günther v. Vielrogge (»Blaubuch« I, Nr. 36), der der öffentlichen Stimmung einen kräftigen, durchaus zutreffenden Ausdruck gibt.
Als unsere deutschen Journalisten in England waren, gefiel ihnen unter vielem anderen gerade dieses vollständige Fehlen einer Untertanengesinnung. Bei jedem offiziellen Mahle wurde des Königs gedacht, aber das Hoch, das man ihm stehend darbrachte, bestand regelmäßig allein in dem Rufe: »the king!«
So stellen sich freie germanische Männer zu ihrem König. Von all dem unterwürfigen, phrasenhaften und in seiner Übertreibung unwahren Gerede, mit dem man bei uns die regierenden Fürsten und deren Familien bis hinab zu dem Prinzchen in der Wiege huldigt, wendet sich ein Mann von gesunder Selbstachtung mit Unwillen ab. Kann man denn seinen König nur kriechend verehren?
So dürfte also die Hofluft und die davon durchsetzte Luft des gesamten Beamtenheeres für die Entwicklung vorbildlicher Mannesart nicht günstig sein.
Man wird uns zum Gegenbeweise Bismarck nennen. Aber damit widerlegt man uns nicht. Wir wissen zu gut, wie schwer, wie nur mit Aufgabe seiner ganzen Kraft er den Mann aus seiner Beamtenstellung rettete, wissen, daß ihn der Kampf gegen die äußeren Feinde nicht annähernd so mitgenommen hat, wie die inneren Kämpfe, wenn seine bessere Einsicht mit dem Gebote des Beamtengehorsams in Konflikt kam, wissen, daß sein Vorsatz, in den Siehlen zu sterben, doch eben nicht durchführbar war, daß er gehen mußte, nicht weil es ihm an Manneswert gebrach, sondern – weil er von dieser Tugend für einen Beamten zuviel hatte.
Seit Bismarck's Rücktritt haben wir lauter pflichttreue Kanzler gehabt. Auch unsere sonstigen hohen und höchsten Beamtenstellen waren und sind mit Männern besetzt, die allen an sie gestellten Anforderungen genügen. Ihre Verdienste erhalten so lebhafte amtliche Anerkennung, wie man es vordem in Preußen nicht gewohnt war.
»Zu Befehl!« ist fast das einzige, was der Unterstellte im Dienste dem Vorgesetzten zu sagen wagt. Das geht so weit, daß selbst vor Gericht die jüngst als Zeugen geladenen Soldaten allen Vorstellungen zum Trotz, anstatt ruhig, sachlich und freimütig zu berichten, stets stramm standen und, die Hand an der Hosennaht, »zu Befehl!« brüllten – Gehorsamsautomaten! – Wer lange Jahre unter dieser Zucht gestanden hat, der wird auch später im Zivil diese Hosennaht nicht wieder los. Sie zieht als eine Art »geistiger Hosennaht« ihre tiefen Furchen in das Gehirn und zerschneidet darin die edlen Zellen, in denen das Selbständigkeits- und Persönlichkeitsbewußtsein seinen Sitz hat. Ehemalige Militärs sollten deshalb in der Regel von solchen Posten ausgeschlossen bleiben, die eigenes Denken und Handeln, eigene Verantwortlichkeit erfordern. Sie sind unersetzlich, wo pünktlicher Gehorsam gebraucht wird.
Sie leisten getreulich, was man von ihnen verlangt und noch darüber hinaus. Weil in letzter Zeit in dem unendlich verwickelten Verwaltungswesen unseres Reiches hier und da sog. »Unregelmäßigkeiten« oder »Unstimmigkeiten« vorgekommen sind oder sein sollen, meinen unsere Zeitungsmänner, die sich vor Gewissenhaftigkeit nicht lassen können, eine Erschütterung altpreußischer Beamtentreue feststellen zu müssen. Davon kann trotz einiger bösen Symptome wohl nicht die Rede sein. Im Gegenteil, wir »verbeamten« immer mehr, freilich im üblen Sinne.
Man hat uns oft den deutschen Beamten als eine der Säulen geschildert, an denen sich das Volk emporranken werde. Ich habe dem jederzeit Beifall gespendet. Allgemach hat sich aber meine Meinung geändert. Ich fange an, in der rapid wachsenden Menge von Beamten und in der Verbreitung der Beamtenqualitäten eine Gefahr zu sehen. Wenn wir zu viele Beamte, Untergebene haben, so haben wir damit auch zu viele gebundene, unfreie Intelligenzen und Moralitäten. Es gibt ein sehr lehrreiches Buch des Spaniers Balthasar Gracianus »Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit«, aus dem Originale bekanntlich von Arthur Schopenhauer übersetzt, darin rät der Weltweise (7): Sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten! Denn: alles Übertroffenwerden ist verhaßt, aber seinen Herrn zu übertreffen ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich. Stets war die Überlegenheit verabscheut; wieviel mehr die über die Überlegenheit selbst – Verstand ist eben die königliche Eigenschaft, und deshalb jeder Angriff auf ihn ein Majestätsverbrechen. Fürsten sind sie, und wollen es in dem sein, was am meisten auf sich hat, Sie mögen wohl, daß man ihnen hilft, jedoch nicht, daß man sie übertrifft: der ihnen erteilte Rat sehe daher mehr aus wie eine Erinnerung an das, was sie vergessen, als wie ein ihnen aufgestecktes Licht zu dem, was sie nicht finden konnten. Eine glückliche Anleitung zu dieser Feinheit geben uns die Sterne, die, obwohl hellglänzend und Kinder der Sonne, doch nie so verwegen sind, sich mit ihren Strahlen zu messen.
Da haben wir denselben Gedanken, den Heine in die Worte kleidete: »Wer einem König widerspricht, der widerspricht mit Unbedacht.«
Der Kampf gegen einen Vorgesetzten oder eine vorgesetzte Behörde ist – zumal in Preußen – stets aussichtslos, es ist der Kampf des Einzelmenschen gegen eine allmächtige Institution. »Ich kann doch nicht«, sagte Voltaire, »wie er (der Große Friedrich) 150 000 siegreiche Soldaten aufmarschieren lassen.« Sehr richtig. Man gebe mir »100 000 Schnurrbärte« (Voltaires Wort) und dann lerne man meinen Kopf respektieren! Der Beamte ist eine Nummer in der großen Personalliste, ein Rädchen, ein Nagel, eine Schraube an einer Rechenmaschine, jederzeit durch eine neue zu ersetzen. Beamte sind zu gebunden, um sich zu freien Männern ausbilden zu können. Man schreibt ihnen in den wichtigsten Lebensfragen die Gesinnungen vor.
Ich nehme praktische Beispiele. Ein Lehrer muß einer Staatskirche angehören. Wenn ein Offizier Dissident wird, muß er den Dienst verlassen. Bekannt ist, daß der Dissident Oberlehrer Dr. Rudolf Penzig von der Regierung als Mitglied der Schuldeputation in Charlottenburg nicht bestätigt worden ist. Sozialdemokraten dürfen nicht Beamte werden. Nun sind aber viele tausende kleiner Beamten geheime Sozialdemokraten und dadurch zu lebenslänglicher Heuchelei gezwungen. Ich halte die Ausschließung der Sozialisten vom öffentlichen Dienste für verfassungswidrig; denn vor dem Gesetze sind alle Bürger gleich. Die Sozialdemokratie verficht ihre Überzeugungen in legaler Weise. Sie ist im Reichstage vertreten, also eine anerkannte Partei. Wenn sie Verfassungsänderungen anstrebt, so ist das ihr gutes Recht. Von oben her plant man und führt man sogar gewaltsam Verfassungsänderungen durch. Bekannt ist, wie C. Bernhard Shaw sich im »Berliner Tageblatt« über diese angeblich staatsgefährliche Partei aussprach: »… sie ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und bürgerlichste Partei Europas. Ihre Parteivertretung im Reichstage ist keine rohe Partei der Tat, sondern eine Kanzel, von der herab Männer von respektablem Alter und mit alten Ideen einer verworfenen kapitalistischen Welt eindrucksvolle Moralpredigten halten« – –
Es ist wirklich nicht einzusehen, inwiefern ein Sozialdemokrat gefährlicher sein sollte als etwa ein Stockkonservativer. Umsturz wünschen im stillen beide, der eine von oben her, der andere von unten her. Das ist der ganze Unterschied. Und wahr bleibt das auch von Bismarck anerkannte Wort, daß die Revolutionen immer von »oben« verschuldet werden. Betrachtet man sie geschichtlich, so stellt man sich als billig denkender Mensch auf die Seite der bedrückten und den Fortschritt verfechtenden Parteien. Freilich, wer im Besitze ist, der meint auch im Rechte zu sein. Als ob altes Recht nicht zu Unrecht werden könnte!
Jedenfalls also sind Beamte, denen die politische Richtung vorgeschrieben wird, in ihren Überzeugungen nicht frei: verstößt einer gegen die staatliche Vorschrift, so muß er sich verleugnen oder seiner Wege gehen, das heißt zumeist mit Frau und Kindern hungern lernen. Eine Anzahl kostbarer Mannestugenden werden im Beamtenleben gepflegt und herangebildet, die köstlichste aber, die freie Ausübung religiöser oder politischer Überzeugungen, nicht. Gehorsam ist des Dieners Schmuck.
Dreihundert Lehrer und Lehrerinnen konnten es in Bremen nicht durchsetzen, daß ein Schulinspektor, der sie durch seine bureaukratisch-engherzige Praxis quälte, beseitigt wurde. Im Interesse der Disziplin und amtlichen Autorität mußten diese dreihundert Beamten weiter Unwürdiges ertragen. Der Organismus steht dem Staate höher als die Individuen, das System höher als die lebenden Menschen. Dem Staatsprinzipe werden ernste Überzeugungen und tiefe Empfindungen geopfert. Wenn das nötig ist – was hier nicht untersucht werden soll –, so ist jedenfalls auch das Beamtentum keine Schule zur Pflege und Ausbildung von Mannhaftigkeit.
Einem Sozialdemokraten werden in Preußen amtlich auch die sittlichen Werte abgesprochen, die für das Amt eines Erziehers erforderlich sind. Gewiß, sozialistische Lehren gehören in keine Schule, wie überhaupt jede Politik, auch die kapitalistisch-antidemokratische, ausgeschlossen sein müßte, aber von unseren Lehrern sind schon zahlreiche Sozialdemokraten und es ist gar nicht einzusehen, weshalb ihre politische Überzeugung ihnen als sittlicher Makel angerechnet werden soll. Mit gleichem Rechte hätte man die Revoluzzer von 48, Männer wie Miquel, Richard Wagner, Lothar Bucher als unsittlich bezeichnen dürfen. Sittlichkeit hat mit politischer Parteistellung nichts zu schaffen. Ich erinnere mich im vorigen Jahre eine kleine Broschüre eines Subalternbeamten gelesen zu haben, eines ersichtlich biederen, treuen Menschen, der offen bekannt, er und fast alle die kleinen Beamten, die er persönlich kenne, wären Sozialdemokraten, wagten es nur nicht offen zuzugeben. Sollte Deutschland einmal Republik werden, so wird man den Monarchisten die sittliche Tüchtigkeit absprechen, die Jugend zu lehren, wie etwa im altrepublikanen Rom, wo auf dem Namen König ein Fluch ruhte.
Als überzeugter Anhänger des Königtums, als Gegner der aussichtslosen Sozialdemokratie wünschte ich, daß man auch dieser Partei gegenüber die preußische Devise zu Ehren brächte: suum cuique. Nach der Verfassung sind auch die Sozialisten zu allen Ämtern zuzulassen. Man sieht sie in Amerika, England, Frankreich in einflußreichen Stellen, ohne daß dort die Staaten darüber ins Wanken gerieten. Auch die Zentrummänner galten lange als Reichsfeinde. Jetzt sind sie zu Gnaden aufgenommen. Das war ein notwendiger Akt der Gerechtigkeit. Das deutsche Volk hat das Recht, sich seine religiösen Überzeugungen und ebenso seine politischen selbst zu bilden und der Satz iustitia fundamentum regnorum hat sich noch stets bewährt. Die Zurücksetzung der Sozialdemokraten trägt in unsere niederen Volkskreise eine große Erbitterung. Sollten wirklich drei Millionen deutscher Männer, auf deren Beistand der Staat in jeder Not und Gefahr doch rechnen muß, von denen er Steuern an Gut und Blut einfordert, zur friedlichen Mitarbeit an diesem Staate unfähig sein?
Am klügsten von den Sozialdemokraten, wenn sie, wie es tatsächlich viel geschehen mag, auf die Staatskrippe verzichten, um sich den Rest von Freiheit zu retten, den einem deutschen Proletarier Staat und Gesellschaft und die Zucht seiner eigenen strammen Parteiorganisation noch übrig läßt. »Dort, wo der Staat aufhört,« sagt Nietzsche, »da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist.«
Das Verhältnis des Beamten zu seinem Vorgesetzten ist nicht das des Lehnsmannes zu seinem Lehnsherrn. Es entscheidet nicht die persönliche gegenseitige Zuneigung, es ist kein gleichseitiger, allzeit lösbarer Kontrakt zwischen zwei freien Männern. Nicht daß gegenseitige Achtung und Wohlwollen ausgeschlossen wäre. Es gehört aber nicht zum Wesen des Verhältnisses, ist mehr eine freiwillige Zugabe als ein Pflichtgebot. Gegen Mißhandlung kann der Untergebene zwar klagen, aber gegen eine ganze Skala von demütigenden und herabsetzenden Behandlungen ist er machtlos. Dazu kommt unser völlig veraltetes Disziplinargesetz. Dieses, unmittelbar nach dem Revolutionsjahre von 1848 (nämlich am 21. Juli 1852) zur Niederhaltung jeder freiheitlichen Regung erlassen, macht den deutschen Beamten seinen Vorgesetzten gegenüber fast rechtlos. Man braucht nur an die tief beschämenden Kulturbilder zu erinnern, die in jüngster Zeit sich an den Namen Pötter und an Trakehnen knüpfen. Besonders der Fall Pötter, der sich in Pommern abgespielt hat, zeigte dem erstaunten deutschen Zeitungsleser, welche Tyrannei ein Prediger, der Vorgesetzter von Dorfschullehrern ist, auszuüben vermag, belehrte uns, was – um mit dem »Türmer« zu sprechen (1906, Heft 4, S. 523) – »was deutsche Männer, deutsche Jugenderzieher, jahrelang, ohne mit der Wimper zu zucken, an moralischen und körperlichen Mißhandlungen und Beleidigungen wie stumme Hunde hinunterzuwürgen imstande sind«. Der ›Türmer‹ spricht mit Recht die Hoffnung aus, »daß unser Lehrerstand es nicht bei der Erkenntnis seiner Bedeutung für Volk und Vaterland bewenden lassen, sondern sich auch der eigenen sozialen und politischen Kraft bewußt werden möge. Geschenkt werde einem heut so leicht nichts, zu den bloß artigen Kindern kommen die Kompottschüsseln zuletzt – oder überhaupt nicht«.
Wenn der deutsche Lehrer oder Kanzlist auf der Bühne oder in Romanen auftritt, so zeigt er sich in einer völlig unmännlichen Haltung, ganz Gehorsam, Unterwürfigkeit seinen Vorgesetzten gegenüber; erscheint als ein innerlich gebrochener oder plump trotziger Mann, der zum Äußersten bereit ist: Demut oder Verzweiflung. Man lacht oder spottet darüber. Die Sache ist aber tiefernst, tieftraurig. Schuld daran ist eben unser Disziplinargesetz, das leider nur wenige Deutsche kennen. Würden sie es kennen, sie müßten sich wie ein Mann dagegen auflehnen; denn es ist hart und finster, ist ein trauriges Erbe mittelalterlicher Unduldsamkeit und Menschenentwürdigung.
Man höre: Wenn sich z. B. ein Lehrer über einen Vorgesetzten beschwert, so ist die Behörde nicht verpflichtet, auch den Lehrer nach Vernehmung des Vorgesetzten noch einmal zu hören, sondern die Aussagen des Vorgesetzten gelten als erwiesene Tatsache.
Wenn ein Vorgesetzter über einen Lehrer Klage führt, so entscheidet die Behörde, ohne vorher den Lehrer auch nur gehört zu haben oder etwa Zeugen des Angeklagten. So kann nach der parteiischen Angabe des Vorgesetzten die vorgesetzte Behörde entscheiden und tut es oft im Interesse der Disziplin und keine Verfügung, kein Gesetz steht dem entgegen. Und so verfährt man nicht etwa nur jungen Dorfschullehrern gegenüber, die bei ihren grünen 20 Lebensjahren und bei ihrer deshalb noch mangelnden Lebenserfahrung eine väterliche Amtsüberwachung ertragen könnten und würden – vorausgesetzt, daß sie tatsächlich väterlich wohlwollend wäre – nein, dasselbe Verfahren kommt in Anwendung gegen Gymnasialprofessoren, die schon ein Vierteljahrhundert der Ehre würdig befunden wurden, deutsche Jünglinge zum Höchsten zu bilden und zu erziehen!
Ohne vorheriges Verhör können auch sie auf die Angaben ihres Vorgesetzten Verweise und andere Strafen bekommen. Erfreulicherweise halten sich unsere Behörden in der Regel nicht so streng an den Buchstaben des Gesetzes, daß es in seiner ganzen Härte zur Anwendung kommt. Mir sagte ein namhafter Jurist, daß dieses Gesetz tatsächlich kaum noch zu brauchen wäre. Aber doch bleibt es in Kraft?! Ich mache alle, die es angeht – und eigentlich geht es jeden deutschen Mann an, welchen Standes er immer sei –, auf einen vortrefflichen Aufsatz über »die Reformbedürftigkeit des preußischen Disziplinargesetzes vom 31. Juli 1852« aufmerksam. Er stammt aus der Feder des Berliner Rechtsanwalts Abramczyk, des Syndikus des Berliner Lehrervereins. Der Aufsatz ist in der »Pädagogischen Zeitung«,[12] dem Hauptorgan des deutschen Lehrervereins abgedruckt (34. Jahrg. Nr. 48, 30. Nov. 1905). Wer außerdem die von dem Berliner Stadtlehrer Herrn F. A. Müller (Wilmersdorf, Weimarschestr. 1) in regelmäßigen Jahresberichten gesammelten Disziplinarfälle der Volksschullehrer prüft, der findet sich zu dem Geständnisse gezwungen, daß unter einem solchen Gesetze freie, charakterstarke, ruhige und selbstbewußte Lehrerpersönlichkeiten unmöglich wachsen können. Leider scheint man sich in akademisch gebildeten Kreisen für das Verfassungsleben der alten Spartaner, Athener, Phönizier, Römer und Etrusker, für die Rechtslage auf den Sundainseln oder bei den alten Maias mehr zu interessieren, als für die Rechtslage, den Rechtsschutz und die Gewissensfreiheit der deutschen Volksschullehrer.
Zum Glück erstehen diesen aus den eigenen Reihen tapfere Vorkämpfer, die gern ein Martyrium auf sich nehmen, um die große Sache der deutschen Schule zu retten, die zugleich die Sache des deutschen Volkes ist, Männer, die sich auflehnen gegen den Geist des öden Formalismus, der geistigen und moralischen Knebelung ihres Standes. Wenn die Deutschen mehr Sinn für ethische Probleme hätten und diese wichtigste aller Kulturfragen mit gleichem Ernste studierten wie die Theaterberichte oder Kurszettel, so hätten wir das »Jena« auf dem Schulboden jetzt nicht erlebt und brauchten nicht über erlittenes Unrecht zu klagen.
Die Bremenser voran haben den Kampf gegen diesen Ungeist tapfer aufgenommen. Einer ihrer tüchtigsten Mitkämpfer, Gansberg, ein Lehrer von Gottes Gnaden, hat am 11. Mai 1906 im Bremer »Elternbund« unter stürmischem, lang anhaltendem Beifall seinen Protest vorgetragen (»Bremer Nachrichten« vom 13. Mai 1906): »Wir fordern Freiheit und Vertrauen für unsere Arbeit. Wenn aber ein unfruchtbarer bureaukratischer Geist in den Schulen umgeht, dann kann ein so wichtiges kulturelles Werk wie die Schulreform nicht gefördert werden. Wie aber ist dieser Geist, der die freien Regungen der jugendlichen Kräfte zusammenschnürt durch widerliche Rechthaberei und rücksichtslose Draufgängerei, wie ist dieser Geist zu fassen? Nur dadurch, daß man ihn öffentlich brandmarkt. Die Öffentlichkeit hat das größte Interesse daran, zu wissen, was in ihren Schulen vorgeht; alle Staatsbürger und vor allen die Eltern haben die heilige Verpflichtung, sich um den Geist zu kümmern, der unsere Schulen leitet, denn ihnen und nicht der Behörde gehört die Schule. Und wie ich es für meine Aufgabe erachte, die Öffentlichkeit immer mehr noch für die Bedürfnisse der Schulkinder und die Arbeit der Schulreform zu interessieren, so erachte ich es auch für meine unbedingte Pflicht, allgemeine und prinzipielle Schäden unseres Schulwesens öffentlich als solche zu kennzeichnen. Wie aber, wenn nun dieses schädliche System sich zufällig in der Person eines meiner Vorgesetzten verdichtet? Da heißt es: Gehorsam oder – Opfer! Man wird mir Schweigen gebieten. Wie aber wird die Elternschaft sich stellen? Hat sie ein Interesse daran, daß der Verwaltungsapparat ungestört funktioniert? Ich denke, das ist ihr völlig gleichgültig; ich denke, daß ihr das Wohl der Schulkinder über alles geht und daß sie die gesunde Schulatmosphäre doch viel, viel höher einschätzt, als eine geräuschlos arbeitende Verwaltungsmaschinerie. Darum hoffe ich zuversichtlich, daß die Elternschaft in einem solchen Konflikte auch stets auf der Seite derer zu finden sein wird, die für das Wohlergehen der Kinder eintreten!«
Bravo! Das heißt mannhaft gesprochen.
Ich habe in Berlin und in München Protestversammlungen der deutschen Lehrerschaft mit angehört und begreife nicht, wie es möglich sein soll, Männer, die sich gegen den herrschenden Religionsunterricht so ablehnend verhalten, zu diesem noch fernerhin amtlich zu zwingen. Es wird ja natürlich geleistet werden, was und wie die Instruktion es fordert, daß dabei aber zahlreiche Lehrer innerlich gebrochen werden, davon wird die Welt zunächst nichts erfahren.
Allen denen, die sich über den neuen Geist des Unglaubens, der Zersetzung und Auflehnung entrüsten, sei gesagt, was sie selbst wissen müssen, daß nicht unsere Volksschullehrer, sondern unsere gesamte Entwicklung, der Fortschritt der Naturwissenschaften, die gelehrten Forschungen der Theologen selbst an dem herrschenden Zustand schuld sind oder – besser gesagt – das Verdienst daran haben. Die meisten, die über unsere Lehrer klagen, kennen die Lage gar nicht. Ich empfehle ihnen zur Probe einmal ein Jahr lang nach irgendeinem staatlich anerkannten Religionsbuch kleinen Kindern den rechten Glauben beizubringen. Ihre Seele würde sich, wofern sie überhaupt eine Seele haben, vor Qualen winden. Es gehört schon ein gehöriger Grad von Untertanen- und Beamtendemut dazu, um mit sittlichem Ernste, mit Wärme und Überzeugungskraft unschuldigen, vertrauensseligen Kindern jahraus jahrein Glaubenssätze als heiligste Kost darzureichen, an die man selbst nicht mehr glauben kann. Ich möchte jedenfalls den dritten Artikel meinen Kindern nicht beibringen müssen, der bekanntlich von der Heiligung handelt und – wie die meisten christlichen Leser nicht mehr wissen werden – also lautet: »Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige, allgemeine, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden. Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.« Dazu nehme man, weil es unsere armen Kinder doch wörtlich lernen, ihre noch ärmeren Lehrer es ihnen beibringen müssen, bis es »fest sitzt« aus Luthers nunmehr bald 400 (!!) Jahre altem Kleinen Katechismus (1529), seine angeblich klare Erklärung: »Was ist das? Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten« … Zu dieser Erklärung geben nun die neuen Lehrbücher (so Fürbringer-Bertrams »Biblische Geschichte« 4. Aufl.) wieder eine notwendige Erklärung: »Der heilige Geist hat mich mit dem rechten Vertrauen auf die Erlösung durch Christus erfüllt, mich dadurch aus der Gemeinschaft der Sünden genommen und der heiligen Gemeinschaft mit Gott teilhaftig gemacht und hilft mir, daß ich darin bleibe.« Bitte, mein Verehrtester, machen Sie das einmal einer Klasse von 100–120 Bauernkindern klar und glaublich. Vor allem aber bekennen Sie sich selbst aus ehrlicher Überzeugung dazu.
Es sind jetzt 128 Jahre her, daß der sterbende Voltaire auf die Frage, ob er die Göttlichkeit Jesu anerkenne, den Pfarrer mit den Worten abwies: »Mein Gott! Sprecht mir doch nicht von diesem Menschen und laßt mich ruhig sterben!«
Was ist seitdem geschehen, die Göttlichkeit Christi zu erweisen? Nichts! Stets dasselbe Pochen auf Geschichtsquellen: »Es stehet geschrieben«, auf Geschichtsquellen, die sich obendrein als durchaus unzuverlässig erweisen und hundertfach selbst widersprechen. Und dennoch die alte Lehre in Geltung? – stat pro ratione voluntas.
Zur Zeit des Großen Friedrich galt es als ein Verdienst, der Aufklärung seine Kraft zu widmen. Die in ernstester Geistesarbeit gewonnenen Kenntnisse von dem Organismus des Weltalls, der Entwicklung der Erde, der Entstehung des Lebens auf der Erde, die historisch klarere Einsicht in die Stellung des Christentums zum Judentum und den anderen orientalischen Glaubensformen, die Prüfung und Bewertung unserer Glaubensüberlieferung, all das, geleistet unter dem Schutze des Staates und für staatliche Bezahlung, gelehrt in staatlichen Hochschulen, soll trotzdem, wenn es den regierenden Parteien so paßt, als wertloser »Aufkläricht« bespöttelt und beiseite geschoben werden? Gehören zu der wertlosen Aufklärerei etwa auch die Geistestaten des Kopernikus und Galilei? Oder wo sollen wir aufhören, der Wissenschaft zu folgen? Soll vielleicht unser Kaiser die Grenze ziehen? – wie er es ja tatsächlich im Falle der Babel-Bibel-Forschung tun wollte. Hüllen sich nicht die Vertreter der staatlichen Kirchen selbst in den Prunkmantel der Wissenschaft? Gehen sie nicht selbst mit trockenen Schlüssen und »Beweisen« an die ewigen Geheimnisse heran, um dann, sowie sie nicht mehr weiter können, den Glauben anzurufen? Immer wieder kommen sie, uns zu sagen, daß die Wissenschaft noch keines der letzten Rätsel gelöst habe, daß Darwin, Haeckel und die Naturforscher alle uns nichts Dauerndes geben könnten. Das wissen wir auch. Aber das gleiche gilt von der Kirche. Auch der Glaube gibt uns nur menschliches Hoffen und Wähnen. Alle Götter der Erde waren bisher Menschenschöpfung. Die Wissenschaft führt uns jedenfalls weiter und belebt unsere Geisteskräfte. Sie hat für den, der ihr mit Hingabe dient, etwas Befreiendes. Das gleiche kann man von der kirchlichen Bildung nicht sagen. Im Gegenteil. Was Ludwig Thoma in seinem die katholischen Kreise tief erregenden Roman Andreas Vöst schreibt, werden Unzählige gern unterschreiben. »Alles Befreiende war dieser klerikalen Bildung genommen. Ohne Fühlung mit der Gegenwart, schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte. Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von jeher der Geist verkümmerte. – Neun Jahr unter den Händen von Lehrern, die alles in eine Form gießen, wie sollte sich da ein junger Mensch ganz frei halten von ihren Einflüssen? Es war viel, wenn das Wachstum nicht ganz erstickt war.«
Leider gilt das gleiche von der religiösen Seminarerziehung, einem Fegefeuer, durch das unsere evangelischen Volksschullehrer geläutert werden. Ausgedörrt kommen sie daraus hervor, nämlich dürr und trocken an Glauben, aber zugleich heiß vor Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Wenn Friedrich Paulsen mit Recht sagt, daß nie ein solcher Bildungshunger gesehen worden sei als jetzt in Deutschland, so gilt dieses Lob besonders unseren Volksschullehrern. Hier kommt es nur darauf an, zu sagen, daß unsere Volksschullehrer zu hoch stehen, als daß sie zu einem orthodoxen Religionsunterricht kommandiert werden könnten. Sie kennen die theologische Literatur, haben zum Teil wohl Schriften von Dr. Fr. Strauß, A. Harnack, O. Pfleiderer, B. Weiß, und wenn nicht diese größeren Werke, so doch E. von Hartmanns »Das Christentum des Neuen Testamentes« oder W. von Schnehens »Der moderne Jesuskultus« gelesen (Neuer Frankfurter Verlag, 1906. Preis 1 M.), vielleicht auch dessen Aufsatz »Die jüdische Natur der Lehre Christi« (Der Vâhan VII, 1906, Nr. 12), vor allem auch K. Kalthoff gelesen. Die pädagogischen Fachblätter, zumal Wilhelm Schwaners »Volkserzieher«, lassen keine dieser Erscheinungen unbeachtet und ungewürdigt. Allso gebildete Männer stehen der Bibel völlig frei gegenüber und verdienen deshalb nicht den leisesten Tadel. Man könnte ihnen mit gleichem Rechte vorwerfen, daß sie nicht mehr an die stillstehende Erde, an ein massives Himmelsgewölbe glauben oder daß sie mit der Eisenbahn fahren. Was soll also die Klage, daß sie nicht mehr »rechtgläubig« sind? Rechtgläubig im Sinne Luthers ist heute niemand mehr. Denn auch der Glaube, solange er noch etwas Leben hat, wandelt sich. Der Glaube an Jupiter und Hera freilich ist endgültig fest und – erstorben.
Hauptschuld an der Mißstimmung trägt der Beamtencharakter und die zu strenge Gängelung der Lehrerschaft. Ich habe schon manch hartes Wort gedruckt, aber noch nie hat jemand gewagt, an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, jedenfalls habe ich nichts derart zu hören bekommen. Trotzdem liebe ich es, Zeugen für meine Behauptungen beizubringen. Doppelt genäht hält besser. Gymnasialprof. Dr. Paul Förster, auch kein leichtfertiger Knabe mehr, einer, der im großen Kriege mitgekämpft und im Reichstag Sitz und Stimme gehabt hat, schreibt in seiner Streitschrift »Deutsche Bildung, deutscher Glaube, deutsche Erziehung« (Ernst Wunderlich, 1906 Pr. M. 1,60, geb. M. 2.–): »Unsere Schulen sind die Stätten des Zwanges, der Abrichtung, der Unnatur. Wo aber keine Freiheit herrscht, noch Liebe, noch Natürlichkeit, da kann sich auch keine rechte sittliche Reife herausbilden; mindestens leidet sie an Unfertigkeit, Unselbständigkeit, an dem Mangel durchgebildeter Persönlichkeit! Die Unwahrhaftigkeit aber, aus Gehorsam, Berechnung und Gewöhnung Begeisterung für Dinge zu heucheln, für die sie keine hegen, nehmen sie mit ins Leben hinaus.« Wer uns beide aber der Übertreibung zeihen will, dem seien zum Studium all die Äußerungen von Fachmännern empfohlen, über höhere Schüler gefällt, die durch Einblick in ihre Pennalverbindungsakten einmal ihr Geistesleben näher beobachten konnten. Man findet das jetzt alles in einem sehr ernsten, nützlichen und gerechten Buche von Direktor Dr. Max Nath (Schülerverbindungen und Schülervereine, B. G. Teubner, Leipzig 1906) gesammelt, gesichtet und kritisch verwertet. Da sprechen Direktoren und Lehrer mit Bitterkeit und Entrüstung von den Beobachtungen, die sie machen mußten: »Verflachung und Vernichtung alles tieferen, geistigen Lebens.« – »Tagelang«, ruft der eine aus, »habe ich in dem Wust des vor mir aufgeschichteten Materials nach irgendwelchen Symptomen besseren Strebens, ja auch nur nach Anklängen an geistige Bildung gesucht: ich konnte mir nicht vorstellen, daß eine auch noch so weit von ihrem Ziele abgeirrte Gymnasialjugend nicht wenigstens Spuren von höherer Bildung, und wären es auch ganz unbeträchtliche, durchblicken lassen sollte. – Das alles starrt von einer solchen Öde und Inhaltslosigkeit, ist so bar alles ernsteren Interesses, daß es schwer ist, einem anderen eine Vorstellung davon zu geben, ohne in den Verdacht der Übertreibung zu kommen.« – Ein anderer klagt: »Der nichtige Drang, groß zu tun mit Dingen, die dem Schüler noch nicht gestattet sind – schamlose innere Überhebung, Entwöhnung von allen den Empfindungen, welche eine tüchtige Jugend den Erwachsenen gegenüber hat« und fragt, »ob eine so entartete Jugend jemals wieder zu reeller Lauterkeit und Festigkeit der Gesinnung herangebildet werden könne«. Alle Arbeit, alles Mühen, im Unterricht den Schülern die Ideale des Lebens nahezubringen (sic!), ihren wissenschaftlichen Sinn zu wecken, ihre Geisteskräfte zu entwickeln und zu bilden, ihre sittlichen Anschauungen zu reinigen und die Stärke ihres guten Willens zu kräftigen, scheine vergeblich gewesen zu sein. Diese Urteile stammen aus den siebenziger Jahren vorigen Jahrhunderts, wurden also über Jünglinge gefällt, die heute Männer und zum Teil in einflußreichen Stellungen sind. Dieses Scheinwesen findet dann weitere Pflege in den Korps, wo man es mehr auf gute Beziehungen zu irgendeinem einflußreichen Fuchsmajor oder Leibburschen, als auf gelehrte Bildung, fachmännische Schulung und moralisch-sittliches Reifen absieht; das gleiche Scheinwesen trägt man ins amtliche Leben hinüber und beglückt dann, wenn man es zu hoher Stellung gebracht hat, das deutsche Volk mit den Holzfrüchten solcher Unkultur. Man freue sich ehrlich und von Herzen, daß gerade die deutsche Lehrerschaft, die Leute, denen die Zukunft Deutschlands anvertraut ist, diese Scheinkultur nicht mehr mitmachen wollen. Ihr Protest ist ein Gesundungsprozeß, ihr Freiheitsdrang verbürgt uns eine zwar kampfreiche, aber beglückende Zukunft.
Mannhaftigkeit ist ohne Offenheit nicht denkbar. Bismarck hat uns in seiner überragenden Größe das Bild eines Beamten und Staatsmannes vorgelebt, der die Lüge verabscheute und gerade Wege ging. Er hatte damit das ganze Wesen der Diplomatie geändert, die vordem eine Geheimkunst war, auf List, Lug und Trug aufgebaut, die Diplomaten eine elegante, hochangesehene Gaunerzunft, die ihre französische Sprache dazu gebrauchte, ihre Gedanken zu verbergen, stets das Gegenteil von dem zu sagen, was das Herz meinte. Auch das war im Grunde völlig undeutsch.
Der ehrliche Walther von der Vogelweide hatte, jede Doppelzüngigkeit verabscheuend, den Deutschen ins Gewissen geredet: Ihre Rede sei ja, ja, nein, nein, ein ehrlich Nein sei ihm lieber als ein erlogenes Ja, ›zwo zungen stan unebene in einem munde.‹ Solche Lehren waren längst vergessen und hätten einem Diplomaten vorbismarckischer Zeit und Schule nur ein überlegenes listiges Lächeln abgelockt. Die Welt, jedenfalls die gut deutsche, hatte gehofft, daß Bismarcks Reckengestalt mit ihrer derben, aber wahrhaft deutschen Rede all dem heimlichen Getuschel und Gemunkel auf den Hintertreppen der Behörden und Gesandtschaftswohnungen ein Ende gemacht hätte, hatte gehofft, wie Bismarck selbst, daß alle, die in seine Schule gingen, von ihm wenigstens »ein bißchen Vornehmheit« lernen würden. Solange er im Amte war, wagten sich auch die lichtscheuen Nachtgestalten nicht in die Nähe seines Adlerblickes. Jetzt aber lesen wir mit wachsendem Unbehagen, daß selbst in den Regionen höchster Politik das alte Intrigenspiel, das Lügen, Betrügen, Spionieren, Denunzieren und Ehrabschneiden wieder üppig in Blüte steht. Was uns Harden über die 30jährige Amtstätigkeit des Herrn von Holstein berichtet, müßte uns als Mythe erscheinen, wenn er nicht so glänzend unterrichtet und wenn von Holsteins Abwehr nicht so kläglich ausgefallen wäre. Hören wir also, wie dieser uns vordem kaum dem Namen nach bekannte, aber einflußreichste deutsche Staatsmann sein Geschäft betrieb! Nur einige Proben! Wem Deutschlands Geschichte und Deutschlands »neuer Kurs« nicht vollständig gleichgültig sind, der hat natürlich schon das Ganze gelesen (»Zukunft« 1906 Nr. 38).
»Nie hatte ein Beamter in einem modernen Staate solche Stellung gehabt. Bis ins ancien régime muß man zurückgehen, um Ähnliches zu schauen. François le Clerc du Tremblay, den die Geschichte als Pater Josef kennt, hat im dunkeln fünfzehn Jahre lang Frankreichs internationale Politik geleitet. Doch der Kapuziner, dem Richelieu blind vertraute, trat immerhin manchmal hervor, ging nach Regensburg auf den Reichstag, verhandelte selbst mit Bernhard von Weimar und hätte gern den Kardinalshut aufs Haupt gesetzt. Daß er bis zu seinem Tode die Graue Eminenz blieb, war nicht sein Verdienst, sondern Urbans des Achten, der dem skrupellosen Politiker den Purpur weigerte. Holstein hat nie in hellem Licht, nie vor einer Hörermenge eine Verhandlung geführt. Er war noch weniger eitel als der Provinzial der Touraine und fühlte sich eigentlich nur in seinem Winkel wohl. Da spann er still sein Netz und pries den guten Tag, wenn eine arme Fliege sich drin gefangen hatte. Solche Tage waren nicht selten; denn das Netz war von Jahr zu Jahr größer geworden. Polyphemos (so nannten ihn manche, weil er mit einem Auge kaum noch sah und, wie der Sohn Poseidons, Menschen verschlang), der unheimliche Kyklop, hieß es, weiß alles; nie bleibt ihm verborgen, wer die Räume eines Reichsamtes betritt und was dort dann geredet wird. Er hat, wie weiland der spanische Karl, die Hand über den ganzen Erdboden und ist euch alles in allem. Überwacht die Diplomatie, hat in jeder Hauptstadt seine Agenten und Spione und liefert Geheimberichte, aus denen der Kaiser erfährt, wie seine Botschafter, Gesandten, Räte und Sekretäre arbeiten und sich die Zeit vertreiben. Vorsicht! Einer, dem der nicht traut, ist verloren. Den Kaiser sieht er fast nie (das würde ja auffallen), kann sich dennoch mit besserem Recht aber als jeder Minister rühmen, das Ohr des Monarchen zu haben. Er hat Schloezer aus Rom, Radowitz aus Konstantinopel, den Zarengünstling Werder aus Petersburg, den Prinzen Reuß aus Wien weggebracht und alle durch Leute ersetzt, auf die er sich verlassen konnte … So mächtig war, als so mächtig galt dieser Mann, dessen Name öffentlich nie genannt werden durfte.«
Keine Frage, daß ein solcher Mann an solcher Stelle auf die ganze Beamtenschaft tief korrumpierend wirken mußte. Unfaßbar, daß ein solcher Schädling sich all seinen zahllosen Gegnern zum Trutze, am hellen Tage der deutschen Geschichte, inmitten unseres von tausend Zeitungen bedienten öffentlichen Lebens jahrzehntelang an einflußreichster und verantwortungsvollster Stelle halten konnte. Das beweist uns, daß die Mächte der Finsternis wieder von unseren hohen Regionen Besitz ergriffen haben, daß da Treue und Glauben, Manneswert und Manneswort nicht mehr gelten. Welch Aufrechter getraut sich noch in solche Umgebung, auf so eisglatten Boden?!
Das also ist die hohe Schule für all die »gewissenhaften Beamten«, die sich Führungslisten über ihre Herren Kollegen, geheime Aktenbündel anlegen, die mit verstellter Schrift den Vorgesetzten »schätzbares Material« liefern und mit Anklagen, die der Beschuldigte nie zu hören bekommt, seinen Ruf und seine Stellung untergraben? Natürlich nur »in Wahrung berechtigter Interessen«, »im Dienste der guten Sache«, um als treuer Diener auch über die Amtspflicht hinaus dem Staate und dem Herrn »Chef« nützlich zu sein. Vor unsere Phantasie tritt das häßliche Bild einer ganzen Zunft berufsmäßiger Spione, Ehrabschneider, Hintertreppenzuträger, Lügner, Betrüger und Meineidiger, die für ihre schmutzigen Dienste Ehren und Ämter empfangen und mit dem Gelde deutscher Steuerzahler obendrein ein behagliches Leben führen. Werden von oben her so böse Beispiele gegeben, dann darf man sich nicht wundern, wenn korrupte Seelen der »unteren Organe« auch den Bestechungen zugänglich werden und wertvolle Dokumente an Gegner der Regierung ausliefern. Dann hat sie eben jeder, der gut zu zahlen weiß.
Wenn Beamte, die von dem Wohlwollen ihrer Vordermänner und Vorgesetzten alles zu hoffen, von deren Feindschaft alles zu fürchten haben, erst einmal wissen, daß ihnen Zuträgerei und geheime Anzeigen Vorteil bringen, dann ist es aus mit aller Mannhaftigkeit und Offenheit. Wenn den Denunzianten nicht grob die Türen gewiesen werden, wenn nicht – wie das für einen Menschen von normalen Ehrbegriffen selbstverständlich sein müßte – anonyme Anzeigen sofort zerfetzt in den Papierkorb fliegen oder besser noch (da es ja auch Papierkorbplünderer gibt) ins Feuer wandern, dann wanken alle Fundamente des Vertrauens, dann hat der Pfiffigste und Durchtriebenste gewonnenes Spiel und der Aufrechte tut gut, das Feld rechtzeitig zu räumen. Es ist nicht jedermanns Sache, sein Leben dem Kampfe mit Ratten, Schwaben und Wanzen zu weihen.
In unseren Behörden sitzen schon Poloniusnaturen, zu jeder Heuchelei bereit. Wer da Überzeugungen sucht, könnte ebensogut (wie mein alter Lehrer zu sagen pflegte) »Wurscht im Hundestall suchen«. Diese Leute machen alles mit, was verlangt wird. Ich glaube auf Wunsch selbst ein kleines Konfessionswechselchen. Der pflichttreue Beamte weiß, was er sich schuldig ist. Als Bismarck stürzte, sahen wir schon ein beschämendes Stück »deutscher Mannestreue«. Kein Wunder, daß der greise Kanzler ein Menschenverächter wurde.
Als ich jüngst einen hohen Beamten fragte, was ein Herr eines Ministeriums, den ich von Ansehen kannte, für Überzeugungen habe, lachte der Mann hell auf: »Überzeugungen? Mein Gott, sind Sie anspruchsvoll. Der arme Mensch soll auch noch Überzeugungen haben? Die Ware gibt's da oben nicht, da sieht nur jeder zu, daß er nicht falle. Im übrigen wird fortgewurschtelt und man sagt sich: ›Solange ich mitmachen muß, hält die Geschichte wohl noch. Nur keinen Spektakel! Und die Presse nicht auf sich aufmerksam machen. Denn dann ist man geliefert‹.«
Das sind unsere »altbewährten Stützen«, von denen muß sich der Untergebene quälen, muß sich das deutsche Volk zureiten lassen!
Im Kolonialamte ist es schon zum Bruch gekommen. Andere Ämter werden folgen. Wo nicht Mannhaftigkeit das Regiment führt, wo nur Beamtengehorsam und dienstliche Gesinnungslosigkeit herrschen und der am besten gedeiht, der am besten zu schweigen, sich zu beugen, anzupassen und Gesinnungen zu heucheln versteht, da »kann die Wohlfahrt nicht gedeihen«.
Unser Kaiser, ehrlich bemüht und tätig um Deutschlands Macht und Zukunft, hat richtig erkannt, daß wir vor allem Männer, Charaktere brauchen. Wir handeln monarchisch und nach dem alten Grundsatze: »Mit Gott für König und Vaterland«, wenn wir ihm sagen, daß nicht sowohl auf dem Salzwasser als in Berlin, bei den hohen und höchsten Behörden der Anfang gemacht werden müßte. Tüchtige Ruderer und Radfahrer, Sportmänner jeder Art, Boxer, Schwimmer, Reiter, verwegene Wagenfahrer hatte man in dem byzantinischen Kaiserreich auch zu einer Zeit, als alle wahrhaft männlichen Tugenden im Volke schon erstorben waren. Tollkühne Seefahrer finden wir unter den chinesischen Piraten, unter griechischen Hammeldieben, unter verbrecherischem Hafengesindel von Neapel und Konstantinopel. Vertrautheit mit dem Meere, zumal von Jugend an gepflegt, sichert uns wahren Manneswert noch nicht. Es ist nur eine seiner Äußerungen und lange nicht die wichtigste.
In unserem Beamtenstaate wird über die tiefsten ethischen Fragen auf dem Verwaltungswege entschieden. Im Reformationszeitalter hat man doch allen Ernstes um jeden Satz des »Glaubens« gestritten und gerungen. Da ging es wirklich um die Sache. Wenn Luther mit Zwingli um das Wörtchen ἔστι heiß debattierte, da lauschte ihnen in ihrer Gewissensnot mit tiefer Spannung und Erregung die Christenheit und spaltete sich in die zwei Lager der Lutherischen und der Reformierten. Von all dem ist ja gar nicht mehr die Rede.
Was würde geschehen, wenn heute durch Ministerialerlaß den Lehrern »bekannt gegeben« würde, daß der Glaube an den heiligen Geist nicht mehr zu halten und den Lehrern deshalb verboten wäre, diesen Teil des christlichen Glaubens den Schülern weiter vorzutragen? Würden die Lehrer eine große Kundgebung veranstalten? Würden viele den Dienst aufgeben und lieber mit ihrer Familie darben, als ein solches Opfer ihres Glaubens bringen? Die Religions- und Schulfrage ist keine Gewissensfrage mehr, sondern eine Machtfrage und Verwaltungssache, wird deshalb von Juristen besorgt, die noch nie in ihrem Leben eine Religionsstunde erteilt haben und von denen so mancher wohl schlecht bestehen würde, wenn man ihn in Religion für Untertertia prüfen wollte. Man muß solche Herrn, wie ich das Glück hatte, als flotte Korpsstudenten gekannt und ihre damaligen Glaubensbekenntnisse noch im Gedächtnis haben, um zu wissen, was es mit der Forderung auf sich hat, daß »dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse«. Soll und muß das geschehen um des Seelenheils willen der Mühseligen und Beladenen? Ach nein, – aus Staatsräson, damit sie gehorsame Untertanen werden und keine Sozialdemokraten wählen. Wer fragt nach der Überzeugung dieser Menschen? Wen kümmert es, ob sie aus schlauer Berechnung irgendeines materiellen Vorteils wegen oder aus ehrlicher Gewissensnot ihre Stimme für oder gegen den von der Regierung empfohlenen Kandidaten abgeben?
Warum wir also so wenige Männer haben? Weil bei uns Überzeugungen und Ideale verstaatlicht sind und weil die Leute am besten vorwärts kommen, die sich ihren Glauben und ihre politische Gesinnung von der Regierung beziehen. Deshalb haben wir so viele Streber im Lande, einen Menschentypus, den das glückliche England auch nach Carl Peters Zeugnis nicht einmal dem Namen nach kennt. Es ist wohl zu allen Zeiten geheuchelt worden, aber so tief ist man wohl selten in charakterloses Scheinwesen versunken, wie jetzt in unseren herrschenden Kreisen. Von deren sog. Idealen ist auch so gut wie nichts mehr echt und stichhaltig.
Ohne eine tiefgreifende Reform unseres ganzen Staatswesens ist nicht zu helfen. Schon ist unendlich viel versäumt. Nur ein Herkules kann die Arbeit leisten, die vonnöten wäre; nur ein ganzer Mann! Mit Maßnahmen, Verfügungen, sanften Verschiebungen und dem ganzen nun schon zum Spott gewordenen kleinlichen Bureaubetrieb ist nichts mehr auszurichten, am wenigsten aber mit Vertuscheln und mit dem Maulverstopfen unangenehmer Schreier und:
»Wasser tut's freilich nicht!«