← Table of contents
Erziehung zur Mannhaftigkeit

VIII. Die Kirchen als Erzieher zur Mannhaftigkeit.

Reading edition

Die tiefsten sittlichen Kräfte des Menschen liegen in seiner Religion. Die Macht, die über den Glauben der Menschen Herr wäre, müßte das Größte auf Erden wirken können. Eine solche Macht hat jederzeit die Kirche angestrebt, die katholische und nicht minder die protestantische, und dabei auf die Hilfe der politischen Mächte vertraut – leider!

Wie weit müßten wir in Deutschland gekommen sein, wenn die Überzeugungen und Regierungsgrundsätze des Großen Friedrich von Preußen allzeit bis heute Beachtung und Nachfolge gefunden hätten! Dieser Weise auf dem Throne sprach als seinen Grundsatz aus: »Die bürgerliche Regierung kräftig zu handhaben und jedem die Freiheit des Gewissens zu lassen. Immer König zu sein und nie den Priester zu spielen, das«, sagte er, »ist das sicherste Mittel, um den Staat vor Stürmen zu bewahren, die den dogmatischen Geist der Theologen fortwährend zu erregen suchen.« Ja, dieser fürchterliche dogmatische Geist der Theologen! Was für unsagbares Leid hat uns der schon auf Erden gebracht! Und das alles aus lauter Liebe und Barmherzigkeit, alles zur größeren Ehre Gottes!

Es ist eine der häufigsten, aber unerwiesensten Behauptungen, daß der Bestand unseres Reiches, die sittliche Wohlfahrt unseres Volkes und vor allem auch seine kriegerische Tüchtigkeit gebunden seien an das, was man mit einem ganz allgemeinen und heute kaum noch definierbaren Worte »den Glauben« nennt. Einen solchen allgemeinen Glauben haben wir in Deutschland nicht mehr. Deshalb kann und darf der Glaube auch von Kirche und Staat nicht zwangsweise gelehrt werden, will man nicht einer rein mittelalterlichen und zudem völlig unfruchtbaren Gewissensvergewaltigung das Wort reden. Kein Kaiser oder König ist Herr über unseren Glauben, ebensowenig der Staat oder irgendeines seiner Organe. Schon deshalb nicht, weil ihr eigener Glaube mit menschlichem Irrtum durchsetzt ist. Der heilige Augustin sagte schon: »nihil tum voluntarium est quam religio«, »nichts unterliegt so sehr dem eigenen Willen wie der Glaube«.

Ich berufe mich aber lieber auf Königsworte, an denen bekanntlich nicht gerührt und gerüttelt werden darf. Friedrich der Große schrieb an Voltaire: »Die Priester sind von den ältesten Zeiten an Heuchler und Betrüger gewesen. Welcher Nation und Religion sie auch sein mögen, sie sind vom gleichen Schlage. Immer wollen sie sich eine despotische Gewalt über die Gemüter anmaßen – das macht sie zu Verfolgern derer, welche es wagen, die Wahrheit zu sagen. Sie sind immer bereit, den Bannstrahl zu schleudern, um die Feinde ihres Ehrgeizes zu zerschmettern.« – – An einer anderen Stelle schreibt er mit einem Haß und auch mit einem Mißverständnisse über den Ursprung und das Wesen der christlichen Religion, die fast ebenso erstaunlich sind, wie die Mannhaftigkeit seiner Überzeugung: »Die Gründung der christlichen Religion hat wie die aller Herrschaften einen schwachen Anfang gehabt. Ein Jude, aus der Hefe des Volkes, von zweifelhaftem Ursprünge, der unter die Abgeschmacktheiten der hebräischen Propheten Moralvorschriften mischte, dem man Wunder beilegte und der zum Tode verurteilt wurde, ist der Held dieser Sekte. Zwölf Fanatiker verbreiteten sie. Als die Christen ihre Liebesmahle heimlich einnahmen, wurden die Beherrscher argwöhnisch. Die Frommen trotzten den Verboten des Senats, stürzten Götzenbilder um, und daher entsprangen die Verfolgungen, deren die Kirche sich rühmt. Die Priester sammelten die Gebeine der Hingerichteten, und heilige Betrüger führten die Anrufung der Heiligen ein. Als Konstantin sich der Politik wegen zum Beschützer der Kirche erklärte, sah man neue Dogmen aufsprießen. Man machte Jesus zum Gotte und für den heiligen Geist erfand man das Mittel, dem Beginne des Johannisevangeliums die Worte: ›Im Anfange war das Wort, und das Wort war Gott‹ hinzuzufügen. Dieser Betrug wurde Dogma. Die Betrüger waren Päpste. Die Finsternis ward dichter von Jahrhundert zu Jahrhundert. Ein verwegener Mönch, namens Luther, empörte sich gegen Rom. Nichts ist so erbittert und unerbittlich als theologischer Haß. Nach unendlichen Schrecken erlangte Deutschland die Freiheit des Gedankens. Wer sieht nicht, daß die Kirche ein Werk der Menschen ist? Welche erbärmliche Rolle lassen sie ihren Gott spielen! Er schickt seinen einzigen Sohn in die Welt. Dieser Sohn ist Gott. Er opfert sich selbst, um sich mit seiner Kreatur zu versöhnen! Er macht sich zum Menschen, um das verdorbene Menschengeschlecht zu erlösen. Was geht hervor aus einem so großen Opfer? Die Welt bleibt so verdorben wie sie war. Dieser Gott, welcher spricht: ›es werde Licht!‹ sollte er sich unzulänglicher Mittel bedienen? Ein Akt seines Willens genügt, um das Übel aus der Welt zu schaffen, um den Nationen einen Glauben einzuflößen, der ihm gefällt. Nur Bornierte mögen Gott ein Verfahren beilegen, welches seiner unwürdig ist, indem sie ihn ein Werk unternehmen lassen, das ihm nicht gelingt.«

So sprach der größte Denker, der je auf einem deutschen Throne saß. Sollen wir nun seine Worte mißachten oder ihm folgen? Sollen wir alle Glaubensschwankungen unserer Regierungen und Behörden mitmachen?

Jeder Hof findet natürlich in seiner Umgebung Anhänger seiner Überzeugungen. So auch der Große Friedrich.

Geh. Reg.-Rat Dr. Hahn schreibt darüber (Friedrich der Große S. 241): »Es konnte nicht verborgen bleiben, daß die Leugnung der christlichen Wahrheiten in seinem vertrautesten Kreise eine begünstigte Stätte fand und die verrufensten Schänder alles Heiligen, z. B. der berüchtigte Schriftsteller Bahrdt, von ihm mit offenen Armen aufgenommen wurden, auch die frivolsten Verächter des Christentums sich seiner Gunst erfreuten« usw. – Man male sich einmal aus, wie heute unsere Behörden denken, glauben und handeln würden, wenn Friedrich der Große deutscher Kaiser wäre! Ein großes ehrenwertes Volk läßt sich aber in seinem tiefsten und unantastbarsten Wesen durch amtliche Verfügungen nicht treffen und umstimmen.

Die katholische Kirche erklärt mit dreistem Munde: »Wenn Wissenschaft und Forschung in die Bahnen positiven Glaubens gelenkt sind, dann wird dem, was heute von vielen Vertretern einer ungläubigen Wissenschaft erstrebt wird, ein Ziel gesetzt werden können.«

Demgegenüber ist zu sagen, daß vor der Wissenschaft die christliche Religion überhaupt nicht mehr bestehen kann. Denn die Wissenschaft kann die Gottheit Christi nicht anerkennen.

Der greise Darwin hatte recht, als er schrieb: »Wissenschaft hat mit Christus nichts zu tun, außer insofern, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen.« – »Was mich selbst anbetrifft,« fügte er hinzu, »so glaube ich nicht, daß jemals irgendeine Offenbarung stattgefunden hat. Im betreff eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbst zwischen widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten die Entscheidung treffen.« (Dowe, 5. Juni 1879.)

Wer hat den Glauben? Niemand weiß es; jeder nimmt ihn für sich in Anspruch: Katholik, Protestant, Jude, Heide, Mohammedaner, Buddhist, Dissident, Kirchliche und Unkirchliche. Innerhalb der allein seligmachenden Kirche entschied höher die Inquisition über die Glaubensechtheit. Unzählige starben auf dem Scheiterhaufen, die man heute würde unbehelligt leben lassen. Ihres Unglaubens wegen wurden von der Kirche Galilei verfolgt, Giordano Bruno verbrannt. Unser Protestantismus ist für die Katholiken Unglaube. Wir behaupten: »Der Protestantismus ist nichts anderes als eine andere Form derselben wahren Religion, in der es möglich ist, Gott in demselben Grade zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.«

Aber der unfehlbare Papst hat diesen Satz in seinem Syllabus vom 8. Dezember 1864 (§ 3, 18) als Irrtum verdammt.

Kant wurde seines Unglaubens wegen unter Wöllner von der preußischen Regierung an der weiteren Aussprache über Religionsfragen gehindert. Unser Kaiser aber bezeichnet jetzt Kant als einen der von Gott erleuchteten Männer.

Paul de Lagarde sagte (ich zitiere aus dem Gedächtnis): »nur ein Gott Christus geht uns an, der Mensch Christus wäre in hohem Grade langweilig.«

Harnack aber lehrt: »Jesus hat den Menschen die höchste Religion gegeben, nicht weil er Gott war, sondern weil er den Menschen den höchsten Begriff von Gott gegeben hat.«

Delitzsch bekämpft die Lehre, daß die Bibel das Werk göttlicher Offenbarung und einer Verbalinspiration sei. »Unglaube ist für die Orthodoxie, was Lessing gelehrt, was Goethe geschrieben hat, Unglaube so ziemlich die ganze moderne Literatur. Als ungläubig wurde Fichte vom sächsischen Konsistorium angeklagt. Nahezu alle großen Denker und Dichter sind des Unglaubens beschuldigt worden. Und vom Standpunkt der Kirche nur mit Recht; denn sie glaubten nicht, was die Kirche geglaubt wissen wollte. In der katholischen Kirche wird in gemessenen Zwischenräumen ein Gelehrter und wieder einer wegen Unglaubens belangt und mit Exkommunikation bedroht, bis er sich »löblich unterwirft«; in der evangelischen Kirche erlebt man Jahr für Jahr Maßnahmen gegen Geistliche, die das Apostolikum nicht buchstäblich nehmen.«

(Vossische Ztg. 1906. Nr. 425.)

Lessing hat seinen Nathan umsonst gedichtet. Noch immer gibt es gebildete Deutsche, die »den rechten Glauben« allein zu besitzen wähnen.

Friedrich Naumann hat buchstäblich recht, wenn er sagt: »Es gibt keinen einheitlichen Glauben mehr, nicht einmal in ein und derselben Konfession. Jeder Kopf glaubt etwas anderes. Ich will nicht sagen,« fährt er fort, »daß heute weniger geglaubt wird, als früher, aber es wird unregelmäßig geglaubt. Die Glaubensbegriffe decken sich nicht mehr … Der vielfältige Glaube ist unbequem zu verwalten, aber er ist wahrhafter als die Einförmigkeit.«

Ein Glaube, der nicht wahrhaftig ist, ist ein Widerspruch in sich, ist geradezu sündhaft, sittenverderbend, männertötend in dem Sinne, daß er ihnen das Mark der mannhaften Gesinnung aufzehrt. Ein solcher Scheinglaube ist schlimmer als gar kein Glaube.

Wenn unsere Kirchen die Kraft nicht mehr haben, ihre Gemeinde zu begeistern, Hingabe an ihre Lehren zu erwecken, dann haben sie sich eben überlebt. Nichts aber ist törichter, als den Menschen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie nicht mehr glauben. Zum Glauben kann man weder sich selbst, noch einen anderen zwingen. Glaube ist nicht einmal lehrbar. Wenn die Gemeinden den Trost nicht mehr suchen, den ihnen die Kirchen geben wollen, dann werden sie sich an andrer Stelle Trost suchen.

»Es ist nun eine offenbare Tatsache, daß die großen Massen der Gemeinden der Kirche entfremdet und voll Haß und Feindschaft gegen die christliche Religion erfüllt sind.« Das ist das Bekenntnis eines Protestanten, dessen Zeugnis keinen Zweifel zuläßt, des Vorsitzenden der Berliner Kreissynode.

Sein Bericht hebt hervor, daß die Agitation der Sozialdemokratie für den Massenaustritt aus der Landeskirche anscheinend größeren Erfolg gehabt hat als früher. Im vorigen Jahre wurden 254 Austritte in dieser Diözese gegen 104 im Jahre vorher gezählt. In diesem Jahre sind bis Ende April 458 Austritte teils vollzogen, teils angemeldet.

Syn. D. Stöcker warnt dringend, die gegenwärtige Agitation zum Austritt aus der Kirche zu unterschätzen. Sie habe einen anderen Charakter als die früheren Austrittsbewegungen. Jetzt treten nicht bloß Sozialdemokraten, sondern auch Angehörige bürgerlicher Kreise aus, weil ihnen die Kirchensteuer nach und nach zu hoch erscheint und sie in dieser Beziehung durch die öffentlichen Angriffe auf die Kirchensteuer noch bestärkt werden. Die Sozialdemokraten unter Hinweis auf die erfolglosen Bestrebungen zur Erringung des Wahlrechts für den Landtag – was die Kirche doch nichts angeht –, zum anderen unter Hinweis auf das Schulgesetz und zum dritten auf die Kirchensteuer. »Das sind«, sagte Stöcker, »ganz andere Motive als früher, die Lage ist weit gefährlicher und die einzelnen Punkte sind weit aufreizender als früher. Es kommt schon vor, daß ein Meister zusammen mit 17 oder 18 Gesellen austritt, daß ein ganzes Haus von Familien den Austritt erklärt. Auch die psychologische Situation ist anders als früher; früher hatten die Stadtmissionare bei ihren Besuchen in den Familien der Austretenden noch Erfolg, jetzt aber stoßen sie auf Wut, Haß und Verbitterung. Zweifellos hat die jetzige Bewegung einen viel stärkeren und bösartigeren Charakter als früher. Es ist bedauerlich, daß weite Kreise so zur Kirche stehen, und wer es mit der letzteren wohl meint, sollte sich in Weisheit, Behutsamkeit und Besonnenheit hüten, den Haß gegen die Kirche und die kirchlichen Einrichtungen noch zu schüren und der Agitation noch Nahrung zu geben. Die Sache«, sagte er abschließend, »ist sehr bedenklich und zeigt, daß wir auf der schiefen Ebene des Abfalles des Volkes von der Kirche weit vorgeschritten sind.«

Das also sind die Wirkungen einer Kirche, die ihre Glaubensgemeinde trösten und beglücken sollte, die mit allen staatlichen Mitteln gestützt wird und für die Unsummen erzwungener Steuern verausgabt werden!

Die wahre Ursache dieser Ablehnungen, Mißstimmungen und Austritte aus der Landeskirche sehen die frommen Herren natürlich nicht und suchen sie in Äußerlichkeiten. Das beweist nur, daß sie das deutsche Volk nicht kennen, dasselbe Volk, das vor 400 Jahren mit staunenswertem moralischen Mute von der alleinseligmachenden Kirche zu Luther abfiel, dasselbe Volk, das eben erst in blutigen Kriegen seine sittliche Kraft vor den Blicken aller Welt erprobt hat.

Es war wenigstens ein Versuch, den wahren Problemen auf den Grund zu kommen, als dem unduldsamen Fanatiker Stöcker, der in des Großen Friedrichs Staate nie mehr hätte möglich werden sollen, von dem Syn. Rechnungsrat Burghard (Heiligkreuz) erwidert wurde: »Ich freue mich, daß Herr Stöcker sich in der Behandlung der Gegensätze zwischen Positiven und Liberalen jetzt geändert hat. (Heiterkeit.) Früher wurden wir Liberalen als gleichberechtigte Glieder der Kirche nicht anerkannt, wir waren gut genug, Steuern zu zahlen, im übrigen sollten wir den Mund halten. Jetzt, wo die Not sich zeigt, sollen wir auch mithelfen. Wenn die Agitation auch zum Austritt an das Landtagswahlrecht und das Schulgesetz anknüpft, so hat das wohl darin seinen Grund, daß die Leute sagen: Diejenigen, die uns das Wahlrecht nehmen und das Schulgesetz geben, sind die Hauptstützen der orthodoxen positiven Kirchenpartei. (Sehr richtig!) Hofprediger Stöcker sagt uns, wir sollen beileibe nicht von der Kirchensteuer sprechen. Es ist das ein eigentümliches Verlangen. Nachdem wir Liberalen in der Stadtsynode erklärt haben, daß wir die Verantwortung für die Erhöhung der Kirchensteuer nicht übernehmen, werden wir natürlich nun nicht einfach den Mund halten!«

Als Stöcker darauf sagte, er habe abweichenden Glauben nie als Unglauben bezeichnet und sei viel besser als sein Ruf, quittierten ihm die Hörer, wie die Zeitungen berichteten, hierfür mit »Unruhe« und »Heiterkeit« und das in einer Synodalsitzung! – Wir wissen sehr wohl, weshalb die alten Kirchen leer stehen. Wir wollen es mit den Worten Gustav Frenssens sagen:

»Es geht wieder ein Sehen durch unser Volk, die drei gewaltigen Mächte, die es aus sich selbst erzeugt, die Obrigkeit, die Religion und die Sitte zu verjüngen. Es geht ein Wille und Wunsch durchs Volk, zur Natur zu kommen, zu einer schlichten schönen Religion, zur sozialen Gerechtigkeit, zu einem einfachen, edlen, germanischen Menschentum.«

Hören wir noch ein zweites modernes Bekenntnis:

»Jesus hat den modernen Christen weder das Weltbild gegeben, das sie jetzt besitzen, noch den Gottesbegriff, den sie jetzt umfassen, noch den Lebensweg, den sie jetzt gehen. Aber ein Glaube, dem man weder buchstäblich folgen kann, noch im Geiste ganz in sich aufnehmen will, sondern den man nur nach Behagen und Erfordernis gebraucht, dieser Glaube ist nicht mehr eine gottgegebene Religion und das Christentum ist allen denen entbehrlich, die wissen, daß Sünden und Sorgen zum Entwicklungslauf gehören. Das Kreuz ist nicht mehr ihr Sinnbild.« (Ellen Key »der Lebensglaube«.)

Ich kenne auch die Einwände der »Positiven«. Der »Reichsbote« hat mich selbst schon einmal mit seiner Aufklärung beehrt. In einem Aufsatze über »Radikalismus« wurde mit Grausen gemalt, daß durch solchen Subjektivismus die Gesellschaft und der Staat in seine Atome zerfallen müsse. Ein großer Irrtum: England und Nordamerika mit ihrem stark entwickelten Sektenwesen halten geistig besser zusammen als unsere kirchlich zentralisierten Staaten. In jenen glücklichen Ländern läßt man tatsächlich jeden nach seiner Fasson selig werden und erlöst sogar die Schulkinder aus dem Glaubenszwange. Man scheint also dort erkannt zu haben, welche Achtung man der persönlichen Überzeugung eines freien Bürgers schuldig ist, daß ein Mensch nicht den oder jenen Glauben hat, daß vielmehr umgekehrt dieser oder jener Glaube den Menschen habe. Man schafft sich doch seinen Glauben nicht willkürlich, sondern er wächst uns von innen heraus als eine Naturnotwendigkeit. Was aber geht den Staat mein Glaube an? Ich trage ihn ja still in mir herum, niemandem zuleide.

Hat Deutschland irgendeinen Nachteil bisher z. B. von dem Positivismus des Bundes für »freie Denker und ernste Wahrheitssucher« gehabt? (Dr. H. Molenaars Jahrb. Bd. V. »Religion der Menschheit«.) Oder von dem Bunde der Monisten? Liegt Verbrecherisches, Gemeingefährliches in ihren Glaubenssätzen? Man höre und prüfe gerecht:

Der Deutsche Monistenbund will die Kultur des einzelnen, des Volkes und der Menschheit fördern, indem er

wissenschaftlich unhaltbare und überwundene Weltanschauungen, vor allem aber ihre Eingriffe in das Einzel- und Gesellschaftsleben bekämpft;

neue Erkenntnisse als Grundlagen einer neuen Weltanschauung verbreitet;

neue Ideale der Lebensführung aufzuweisen und zu verwirklichen strebt.

I. Irrig und kulturhemmend ist jeder Dualismus in der Weltanschauung und Lebensführung. Irrig und kulturhemmend ist im besonderen:

1. die Annahme offenbarter göttlicher Wahrheiten mit absoluter Autorität gegenüber dem menschlichen Forschen nach Wahrheit;

2. die Annahme unbedingter übernatürlicher Kräfte und Gewalten, gedacht als freie Ursachen des natürlichen Weltgeschehens;

3. die Annahme eines himmlischen Jenseits, das Ziel und Vollendung des menschlichen Lebens auf Erden.

II. Unsere neue Weltanschauung ist der Monismus, das ist:

1. die Einsicht, daß die Natur aus sich selbst erklärt werden muß, ohne ein übernatürliches Prinzip;

2. die Erkenntnis, daß alles Geschehen nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen verläuft, die in der Natur der Dinge selbst begründet sind;

3. die Gewißheit, daß die Natur einheitlich ist, dieselbe in allem Geschehen und in allen Gestalten.

III. Unser neues Ideal ist die Menschheit, die ihre Stellung in der Natur kennt und auf Grund dieser Kenntnis in ihr Schicksal selbstbestimmend eingreift. Die Anwendung der erkannten Naturgesetze auf die Gestaltung des Einzel- und Gesellschaftswesens soll uns befähigen:

1. durch Selbst-, Haus- und Volkserziehung eine immer größere Zahl gesunder, tüchtiger, vernünftiger und edler Persönlichkeiten heranzubilden;

2. durch planmäßige Arbeit dieser Persönlichkeiten unser Volks- und Staatsleben auf eine immer höhere Stufe der Freiheit und Ordnung, der Gerechtigkeit und Fürsorge zu erheben;

3. durch bewußte Fortführung ihres allgemeinen Entwicklungsprozesses die menschliche Gattung selbst zu erhalten, zu kräftigen und zu immer höheren Stufen der Naturerkenntnis und Naturbeherrschung, der Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung zu führen.

In den Religionen sieht der Monismus also nicht übernatürliche Offenbarungen, sondern wandelbare Erzeugnisse des Gefühls und Geisteslebens der verschiedenen Völker in den verschiedenen Zeiten. Er erkennt den Wert der Religionen und ihre Bedeutung für die Veredelung der Menschheit völlig an, doch bestreitet er entschieden, daß Religiosität immer und untrennbar mit übernatürlichen Vorstellungen verknüpft sein müsse.

Von den Konfessionen behauptet der Monismus, daß sie durch den Zwang, den sie mit Hilfe staatlichen und gesellschaftlichen Druckes schon auf die Bildung der Jugend ausüben und durch den Zwiespalt, den sie in unser Volksleben hineintragen, vielfach schädigend auf die Entfaltung wahrhaft religiösen Lebens einwirken.

Den Staat betrachtet der Monismus als ein Ergebnis menschlichen Daseinskampfes und Organisationsstrebens. Er sieht in ihm die den einzelnen im Daseinskampfe stärkende Organisation einer verwandtschaftlich oder geschichtlich zu einer Rechts- und Kulturgemeinschaft verbundenen Menschengruppe. Entsprechend dieser hohen Bedeutung des Staates für die Erhaltung und Entwicklung des Volkes gebührt den staatlichen Interessen im allgemeinen der Vorrang vor den individuellen. Das Entwicklungsziel des Staates erblickt der Monismus darin, größtmögliche Freiheit der einzelnen mit möglichst vollkommener Ordnung des Ganzen zu verbinden und so eine Versöhnung von entwicklungskräftigem Individualismus mit echtem ethischen Sozialismus herbeizuführen.

Der Monismus maßt sich nicht an, alle Zweifel beseitigen und eine Lösung aller Welträtsel geben zu können, doch glaubt er eine dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechende Weltanschauung zu vertreten.

Welcher Ernst, welch hohes sittliches Streben, welche wissenschaftliche Treue, welcher Wille zur Wahrhaftigkeit, welche Duldsamkeit! Es gibt keinen alleinseligmachenden Monismus, keinen Glaubenszwang, keine Ächtung Andersgläubiger; hier wird niemand mit ewiger Verdammnis bedroht, niemandem etwas genommen, keiner vergewaltigt und überlistet, keinem Kinde in der Entschließung vorgegriffen, keinen Manne Umkehr verboten. Ich sehe nichts, was an diesem »Monistenbunde« Tadel verdiente und habe Lust ihm beizutreten.

Dieselbe Erkenntnis haben z. T. unabhängig voneinander eine Reihe tiefer Denker gefunden. Vor allem klar und überzeugend hat sie Ludwig Feuerbach (»Das Wesen des Christentums«) dargestellt. Überall, bei allen Religionen, wies er das gleiche Schauspiel nach: die Selbstdarstellung des Menschen in seinen Göttern. Der Mensch kann eben über sein eigenes Wesen nicht hinaus. »Was dem Menschen Gott ist, das ist sein Geist, seine Seele; Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.« Es ist das gleiche, wenn Anatole France sagt: »Die Götter haben den Menschen das Leben zu verdanken, denn ihr Wesen besteht aus den Gedanken und Gefühlen ihrer Anbeter«, oder, wie es Walt Whitman ausdrückt: »Nicht die Religionen schaffen den Menschen, sondern der Mensch die Religionen.« Gleicher Überzeugung lebten Max Stirner und Friedrich Nietzsche, leben Maeterlinck, J. P. Jacobsen, Ellen Key (»Der Lebensglaube«, S. 552, wo man weitere Belege findet) und vor allem auch, es noch weiter ausbauend und tiefer erfassend, Eduard von Hartmann, über dessen Auffassung wir uns am schnellsten belehren lassen durch W. von Schnehen (»Der Volkserzieher«, X. Nr. 19, S. 151): »Ich bin mir bewußt, daß mein wahres Selbst Gott ist, und dieser Tatsache mir bewußt zu werden und danach zu handeln, oder, wie es Schiller ausdrückt, Gott in meinen Willen aufzunehmen, das ist meine wahre Aufgabe, wenn ich als religiöser Mensch leben will. Aber mein Bewußtsein von dieser meiner wesenhaften Einheit mit Gott ist nicht diese Einheit selbst, mein Gedanke an die Gottheit ist nicht schon die Gottheit und die Vorstellung meines Selbst (d. h. mein Ich) nicht das wirkliche Sein dieses Selbst, sondern eben nur dessen mehr oder minder unvollkommenes Spiegelbild im Bewußtsein.«

»Es ist das der konkrete Monismus im Gegensatz zu dem abstrakten Monismus der Inder und Mystiker, wie des Angelus Silesius, welcher sagte: »Ohne mich kann Gott nicht leben; rufe nicht nach Gott, denn die Quelle ist in dir; wer nicht Gott wird, sieht Gott niemals.« Über diesen konkreten Monismus, dem also Geister wie Spinoza, Lessing, Goethe, Kant, Herder, Schiller, Fichte, Hebbel, Schelling, Schopenhauer, Lange, Fechner vorgearbeitet haben, lese man E. v. Hartmanns »Religion des Geistes« und wie W. v. Schnehen (a. a. O.) lebhaft empfiehlt: Arthur Drews neue Schrift, »Religion des Selbstbewußtseins« (Eugen Diederichs Verlag), die er als »eines der schönsten und tiefsinnigsten Werke der gesamten religiösen Literatur« bezeichnet, die ich selbst aber noch nicht kenne.

Ich glaube, selbst Christus hätte den Monismus gelten lassen. Nicht aber – natürlich – können ihn der Papst und Stöcker gelten lassen.

Das alte Rom bestand jahrhundertelang mit einem ganzen Blumenkorb voll Göttern, auch Griechenland ist nicht an seinen vielen philosophischen und theosophischen Systemen zugrunde gegangen.

Es ist ein Nonsens, 60 Millionen Deutsche, deren jeder seinen eigenen Kopf hat, auf einige Dutzend alter Glaubenssätze verpflichten zu wollen. Gelingt es, so feiern die Heuchelei und die Lüge, der Stumpfsinn und die Gleichgültigkeit wahre Orgien. Davor möge uns ein guter Geist behüten!

Die orthodoxe lutherische Kirche erweist sich nur noch dadurch als kulturfördernd, als sie uns Märtyrer schafft. Nur insofern interessiert sie noch die große Menge der gebildeten Deutschen, zu denen ich auch viele der drei Millionen sozialistischer Arbeiter zähle. Erst wenn ein Theologe nicht bestätigt oder seines Amtes entsetzt wird, gewinnt er für uns Bedeutung. Dann sagen wir uns: »Halt! Das muß ein ganzer Kerl sein, ein Mann der Überzeugung.« Ich selbst fand mit solchen, mit Kalthoff, Steudel, Mauritz u. a. m. sofort Verständigung: ein Blick, ein Handschlag, ein Wort genügte. Die Männer aber mit ihren staatlich appropierten Überzeugungen sehe ich mir viel länger und kritischer an. Je »positiver« einer ist, um so verdächtiger ist er mir. »Ich hab nun mal die Antipathie.«

»Dir, Heinrich, muß es auch so sein.«

Auf der dritten öffentlichen Versammlung des deutschen Katholikentages in Essen sprach Graf Galen aus Prag ganz im Geiste der alten römischen Kirche und unter lebhafter Zustimmung aller katholischen Zuhörer:

»Das deutsche Volk ist krank, schwer krank. Wenn nicht baldige Heilung eintritt, dann verfällt das deutsche Volk in Siechtum und ist unrettbar verloren. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint und es vor dem sicheren Untergange bewahren will, der muß ein Krankenpfleger werden. Man verlangt die konfessionslose Schule. (Pfui!) Graf Caprivi sagt mit vollem Recht: konfessionslos bedeutet religionslos. (Beifall.) Man verlangt also im Grunde genommen die religionslose Schule. Auf der deutschen Lehrerversammlung in München verlangte Lehrer Hochheimer aus Bremen die Abschaffung der christlichen Schulen. (Pfui!) Und diesem Manne wurde auf der deutschen Lehrerversammlung Beifall gespendet. (Stürmisches Pfui!) Wenn so etwas auf einer deutschen Lehrerversammlung geschehen kann, was soll aus unserer Schule werden?« – Darauf habe ich zu erwidern:

Nein, Herr Graf! Das deutsche Volk war krank und will jetzt aus eigner Kraft gesund werden, will sich frei machen aus einer unerträglichen Gewissensfessel, die es zur Heuchelei, zur Lüge, zum feigen Nachbeten, zum gedanken- und tatenlosen Hindämmern verleitet. Wohin die unmännliche katholische Kirchengläubigkeit führt, das lehren uns die Beispiele von Italien und Spanien. Deutschland ist groß geworden nicht mit und durch Roms Kirche, sondern im Kampfe gegen diese.

Sie berichten mit Entsetzen von Berlin, das Sie spöttisch die Hochburg deutscher Kultur nennen. »Dort wurden«, sagen Sie, »1904 christlichen Eltern 47 200 lebende Kinder geboren, davon wurden 5800 nicht getauft.« Recht so! Wenn die Eltern nicht mehr an die Erbsünde glauben, daß nämlich, wie die Kirche lehrt, »nach dem Falle Adams alle Menschen, die natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, … daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig Sünde sei und verdammet alle unter den ewigen Gotteszorn, die nicht durch die Taufe und den heiligen Geist wiederum neu geboren werden«. – Weiter berichten Sie, daß in Berlin 20 237 Ehen unter Christen geschlossen, davon 7388 nicht kirchlich eingesegnet wurden. Auch daraus lernen Sie, Herr Graf, daß die civiliter Getrauten der frohen Zuversicht leben, auch ohne Beihilfe einer Kirche, die sich mit ihren überlebten Dogmen selbst um ihre Verehrung beraubt hat, ein glückliches und gottgefälliges Leben führen zu können. Dabei handeln die Leute nach unserem Staatsgesetze und sind hierin nach biblischer Vorschrift der – von Gott eingesetzten – Obrigkeit Untertan.

Sie fahren fort, Herr Graf: »Es starben 32 000 evangelische und katholische Christen in Berlin, davon wurden nur 17 392 kirchlich beerdigt.« Und Sie knüpfen daran eine schauerlich-schöne Betrachtung: »Mit Schrecken vernahm man im März d. J. von dem großen Unglück in dem Bergwerk Courrières. Was ist aber dieses Unglück zu dem, das über unser deutsches Volk gekommen ist? Hunderttausende sterben bei uns den Hungertod, den geistigen Hungertod. Von 100 Menschen sind 52 ohne geistlichen Beistand gestorben und ohne kirchliche Begleitung beerdigt worden. Sie waren schon tot, noch ehe sie gestorben waren. Tausende Menschen sterben in einer Nacht den geistigen Hungertod.«

Wir sehen daraus. Herr Graf, wie sehr Sie noch im alten Kirchenglauben befangen sind. Sie irren, wenn Sie meinen, daß wir am geistigen Hunger litten, weil wir Ihre zähe Kost verschmähen. Auf geistlichen Beistand verzichten wir Protestanten und Freidenker gerne. Ohne diesen sind Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die meisten unserer Geistesheroen gestorben, Männer, von denen selbst Sie in Ihrem kirchlich beengten Denken und Wissen nicht werden behaupten wollen, daß sie schon lebend tot waren. In der Zucht düsteren katholischen Glaubens – vermutlich von Jesuiten – und in der Furcht vor der Hölle mit ihren sieben Stationen, vor ewiger Verdammnis und sonstigen seelischen Qualen auferzogen, ahnen Sie, Herr Graf, gar nicht, wie frei und glücklich, wie geistig gesund und kampfesfroh, wie zuversichtlich fürs Leben und Sterben ein Mensch sein kann, der Gott und die Welt mit seinen hellen gesunden Augen, nicht aber durch eine trübe Pfaffenbrille betrachtet. Sie ahnen nicht, wie überlebt, wie mittelalterlich, wie – wie – wie – nein, ich will es nicht niederschreiben. Weshalb Sie kränken? Sie können nichts dafür. Sie sind einer der Unzähligen, die im Dämmerschein und im Weihrauchdunst einer Kirche leben, die durch ihre bewundernswerte Kenntnis der menschlichen Schwächen und Bedürfnisse eine übermächtige Institution geworden ist, die den Geist aber betäubt, anstatt ihn zu erleuchten.

Sie nehmen gewiß auch teil an Umzügen der Bauern zur Fürbitte um Regen oder Sonnenschein. Sie stellen gewiß auch Ihr Haus unter den Schutz des heiligen Florian und ihre Viehherden – falls Sie welche besitzen – in die gnädige Obhut des heiligen Leonhard. Wie uns dabei zumute ist, das können Sie nicht einmal ahnen. Wir stehen kopfschüttelnd da, falten die Hände wahrhaft ergriffen über solche Glaubenskraft und unserer Brust entringt sich der Ausruf der Bewunderung: O sancta simplicitas! Wenn sie nun aber auf uns schmähen, uns beklagen und unseres Vaterlandes Ende voraussagen, weil wir nicht so – so – so – gläubig sind wie Sie, dann müssen wir herzinnigst lachen.

Ich gönne einem jeden seinen Glauben, und wenn es der dickste Köhlerglaube ist, ich kann mit Juden, Mohammedanern und Heiden jeder Farbe im besten Frieden leben; ich würde auch Sie, Herr Graf, unbehelligt lassen, wenn Sie nicht, aus Prag (sprich leider Praha) kommend, sich in Deutschland als Kulturträger aufspielten und uns Aufgeklärte nicht in unseren »heiligsten Empfindungen« (so heißt es doch wohl in Ihrem Kirchenlexikon?) verletzten. Glauben Sie mir, ich spreche im Ernst und mit vollstem Bewußtsein: lieber möchte ich tot als zu Ihrem Glauben verurteilt sein, der mich zurückwerfen würde in vorlutherische Unkultur und mir alles rauben, worauf sich mein Mannesstolz aufbaut; alles rauben, was uns die protestantisch-germanische Geistesarbeit seit einem halben Jahrtausend an höchsten geistigen Lebensgütern errungen hat. Bei Gott, lieber tot als Beichte, Rosenkranzbeten, Messenlesen, Anbetung heiliger Knochen und sonstiger Reliquien, öffentliche Prozessionen durch die Straßen, Knierutschen auf Marterstiegen usw. Ich würde mich schämen, falls ich zu Kreuze gekrochen wäre, mich vor den Meinigen wieder blicken zu lassen. So empfinde ich das, was sie, Herr Graf, für unentbehrlich zum Leben und zum Sterben halten. Ich verzichte gern auf alle Verheißungen Ihrer Kirche, wofern sie mich mit ihren Geistesgaben verschont!

Und was Ihre Besorgnis für Deutschlands Zukunft anlangt, so setze ich Ihnen Überzeugung gegen Überzeugung. Ich sage: Wenn Deutschland zugrunde geht, so geschieht dies nicht durch das, was sie »Unglauben« nennen – Deutschland ist ja auch nicht, wie Ihre unfehlbaren Päpste prophezeiten, an der Lutherischen Ketzerei zugrunde gegangen – aber ohne Luther und die übrigen deutschen Ketzer, wie Lessing, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Bismarck, die auch Sie wenigstens dem Namen nach kennen dürften, hätten wir niemals ein neues Deutsches Reich erlebt – wenn dieses Deutschland zugrunde geht, so geschieht das auch nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, sondern allein durch die Schuld der Ultramontanen, die schon seit vielen Jahrhunderten an allen Übeln Deutschlands die schwerste Schuld tragen und die auch das alte heilige Reich deutscher Nation auf dem Gewissen haben. Dieses wollte protestantisch sein und war es schon bis in die letzten steirischen Bergdörfer hinein, als die schwarzen Sendlinge Roms kamen und die unglückseligen Habsburger dazu begeisterten, »lieber über eine Einöde als über Ketzer zu herrschen«. Sie haben es erreicht!

Ich teile die Überzeugung der Franzosen, bei denen es schon Sprichwort geworden ist: qui mange du pape en meure.

Und wenn ich den Katholizismus jetzt von dem Standpunkte meines Themas aus betrachte, wie muß ich da urteilen?

Erzieht die katholische Kirche zur Mannhaftigkeit? Nein! sie tut es nicht. Sie ertötet sie, ertötet den Trieb der freien Forschung, ertötet das Verantwortlichkeitsbewußtsein, indem sie schweigenden Gehorsam und unbedingten Glauben nach päpstlicher Vorschrift fordert. Der gute Katholik ist verurteilt, seine eignen Vernunfts- und Glaubensregungen zum Schweigen zu bringen, sowie sie mit den Lehren seiner Kirche in Widerspruch geraten. Die Kirche fordert Unterwerfung. Der Mannhafte aber unterwirft sich keiner Gewalt, wenn er ihre Forderungen nicht billigt. Der Mannhafte trägt seinen Richter in der eignen Brust. Er braucht keinen Vormund, wie das Kind, dem man sagen muß, was es zu tun und zu lassen hat, was es lesen darf, was nicht. Den »Index« sehen wir freien Männer als einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen an. Der Index ist eine der Waffen, mit denen der geistige Fortschritt gehemmt wird. Ihm zum Trotze vollzieht sich die kulturelle Mission der aufgeklärten Völker, der Fortschritt, dem die katholische Kirche dann stets langsam folgen muß, um nicht völlig zu erstarren. Sehen wir uns einmal genauer an, welchen Geistes diese Kirche von jeher lebt!

Die Knebelung der Presse nahm ihren Anfang schon auf dem Tridentiner Konzil, wo durch ein Dekret Anzeige der Bücher gefordert wurde, in welcher »eine unreine Lehre« vorgetragen wurde.

Leo X. erließ dann eine Verordnung, »daß das, was zur Mehrung des Glaubens und zur Verbreitung der schönen Künste als heilsam und nützlich erfunden wurde« – nämlich die Buchdruckerkunst – »nicht einen entgegengesetzten Gebrauch erlangen und den Christengläubigen anstatt zum Heile, zum Verderben gereicht«. (Act. Conc. Lateran V § 55. 10.)

Demnach wäre der Buch- und Zeitungsdruck nur dazu bestimmt, den gläubigen Katholiken und der katholischen Kirche zu dienen. Denn eine jede Meinung, die von den Lehren der katholischen Kirche abweicht, gilt bekanntlich als Irrtum. Wer nicht gläubiger Katholik ist, wer sich den tyrannischen Befehlen der Kirche nicht beugt, der ist ausgeschlossen von allem Segen, den Gott für die Menschheit bereit hält. So sagt Gregor XVI. in seinem Rundschreiben vom 15. August 1832 wörtlich: »Es ist ein falscher Wahn, man könne in jedem Glauben die ewige Seligkeit erlangen, wenn man nur einen rechtschaffenen und ehrbaren Lebenswandel führt.«

Er beruft sich dabei auf des heiligen Augustinus Worte: »Wo gibt es einen gefährlicheren Tod für die Seele, als die Freiheit des Irrtums?« (Augustin. Ep. 166) und auf Papst Clemens XIII., der in einem Rundschreiben über die Verdammung schädlicher Bücher befahl:

»Man muß mit Kraft einschreiten, wie es die Sache selbst erfordert und mit aller Macht die tödliche Pest so viele schädliche Bücher zu entfernen suchen, denn nimmermehr wird es an Stoff zu neuem Irrtum fehlen, solange nicht die Werkzeuge und Mittel zur Verbreitung der Gottlosigkeit, die schlechten Bücher, im Feuer verbrannt zugrunde gehen« (Lit. Clem. XIII Christianae 5. Nov. 1766).

Als schlecht und verdammungswürdig gelten natürlich alle die Bücher, die sich mit den Lehren der katholischen Kirche nicht decken. Das meiste und beste, was uns seitdem die sog. klassische Literaturperiode und die gelehrte Forschung auf dem Gebiete der Naturerkenntnis, der Religionsgeschichte und der Bibelforschung geleistet haben – die staunenswerte Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts – ist der katholischen Kirche zum mindesten verdächtig. Freiheit der Forschung gilt ihr als Freiheit des Irrtums. Was braucht denn der Mensch noch zu forschen? Alle Wahrheit steht ja schon in der Bibel, in den päpstlichen Erlassen und in den Beschlüssen der Konzilien. So lesen wir in allen katholischen Lehrbüchern. Ich will irgendein wörtliches Zeugnis anführen, das ich zufällig in Händen habe:

»Die katholische Kirche stützt die Lehre, die sie verkündet, nicht auf Vernunftbeweise und glänzende Demonstrationen, sondern rein auf das Ansehen, welches ihr Jesus Christus gegeben, da er sie auf einen Felsen gründete, den selbst die Pforten der Hölle nicht überwinden werden. Dieses Ansehen ist ohne Vergleich größer und wirksamer, als jeder Vernunftsbeweis, und gibt der Kirche eine Auszeichnung, die sie kennbar und unterscheidbar macht unter allen existierenden christlichen Konfessionen. ›Denn‹, sagt der heilige Augustin, ›es ist unter den Ketzern eine allgemeine Regel, daß sie sich auf die Vernunfteinsicht viel zu gute tun, und sie in Widerspruch zu bringen bemühen mit dem Ansehen der Kirche, das doch so fest begründet ist; sie müssen aber so handeln, weil sie wohl die Lächerlichkeit und die Verachtung sehen, die sie auf sich ziehen würde, wenn man ihr Ansehen mit dem der Kirche vergleichen würde.‹ (118. Brief). ›Alle Ketzer‹, sagt er an einer anderen Stelle, ›betrügen im allgemeinen durch ein stolzes Prahlen mit Wissenschaft, und durch Spöttereien über die Einfalt derjenigen, die da glauben‹.«

Wo der Grundsatz gilt: nihil innovetur, nisi quod traditum est, gibt es keine freie Meinung, keinen Forschertrieb, keine selbstgefundene Überzeugung; denn der Satz heißt zu deutsch: »Keine Neuerung! Nur was überliefert wurde!« oder noch deutlicher und deutscher: Geistiger Stillstand, geistiger Tod!

Es ist ganz im Sinne dieser Kirche, daß der Papst Pius X. jetzt wieder an alle seine Lämmer neue Scheuklappen verteilt. Wie das auf uns geistig freien Deutschen wirkt, sagt mit wenigen Worten das »Blaubuch« (1906 Nr. 32 S. 1266):

»Pius X., der angeblich zur Versöhnung geneigte liberale Papst, der einst mit Wonneschluchzen begrüßte ›schlichte Priester‹, hat eine Enzyklika wider den ›Modernismus‹ geschleudert, die so ziemlich die stärkste Leistung des Obskurantentums ist, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Zeitungen dürfen in den Seminaren nicht mehr gelesen werden; nur in seltenen Ausnahmefällen ist es Theologen gestattet, an einer Staatsuniversität zu studieren; die Bischöfe sollen inkorrekte Prediger während ihrer Predigt öffentlich unterbrechen. Kurz, der Katholizismus verdammt sich selbst zur Erstarrung. Und angesichts einer solchen Geistesverfassung des leitenden Mannes sollte es nicht Pflicht sein, die Partei, die diesen Gedankengängen notgedrungen beipflichtet, mit aller Energie zu bekämpfen?«

Wir wissen aber, daß der neue Papst damit nichts fordert, was nicht vor ihm die Kurie schon immer gefordert hatte. Man höre nur, falls weitere Zeugnisse erwünscht sind, wie z. B. Papst Gregor XVI. den Liberalismus und die von diesem erstrebte Preßfreiheit bekämpft (1832), dieselbe Preßfreiheit, die dann Gesetz wurde und mit deren Hilfe wir jedenfalls doch ein großes Deutsches Reich erstritten haben. Er nennt sie »jene verruchte und nie genug zu verwünschende Preßfreiheit, die einige mit so vielem Geschrei zu ertrotzen und weiter auszudehnen suchen, um Schriften jeder Art unter das Volk zu verbreiten« und ergeht sich über sie in Zornesergüssen, die wenig angebracht waren, da wir ohne diese leider noch nicht genügend durchgeführte Preßfreiheit zweifellos in russische Zustände hineingeraten wären. Denn wenn man dem geistigen Wachstum eines Volkes keinen Raum, wenn man dem Volkswillen kein Ventil gibt, dann sind Kesselexplosionen unausbleiblich. Wir haben in Deutschland nicht zuviel, sondern zuwenig Preß- und Redefreiheit.

Maximilian Harden, ein Sachkundiger, schrieb erst jüngst bei seiner Kritik von allerlei betrübenden Zuständen in der deutschen Politik (»Zukunft« 1906, Nr. 38): »Nicht alles kann man unter der Herrschaft eines bis zu völliger Lächerlichkeit veralteten, von Nikolaus' Asiatenstaat überholten Preßgesetzes drucken; selbst der Furchtloseste nicht die Hälfte dessen, was er knirschend vernimmt,« – aber selbst der Gedanke an diese bescheidene Preßfreiheit versetzte schon den heiligen Vater in wilde Ekstase:

»Wir erschaudern, ehrwürdige Brüder,« ruft er aus, »wenn wir betrachten, welche sonderbare Lehren oder vielmehr welche Ungeheuer von Irrtümern wie eine Flut über uns hereinbrechen, Irrtümer, die weithin sich ausbreiten durch einen Schwall von Büchern, Zeitschriften und Flugschriften, die zwar dem Umfange nach klein und unbedeutend, aber der darin enthaltenen Bosheit nach desto größer und bedeutender sind; und aus denen, wie wir beweinen müssen, der Fluch über die Erde sich ausgegossen hat. Und doch gibt es, ach! noch Menschen, die sich so weit von der Unverschämtheit dahinreißen lassen, daß sie eigensinnig behaupten, dies von der Preßfreiheit entspringende Zusammenströmen von Irrtümern werde hinreichend wieder ersetzt durch irgendein Buch, das in diesem Sturme der Zeiten zur Verteidigung der Religion und Wahrheit herausgegeben werde. Es ist ja gottlos und allem Rechte entgegen, geflissentlich eine gewisse und überwiegend schlechte Tat zu begehen oder geschehen zu lassen, weil man Hoffnung hat, daß daraus irgend etwas Gutes hervorgehen könnte. Wird wohl auch jemand von gesundem Menschenverstande behaupten, daß man Gifte frei verbreiten, ja öffentlich verkaufen und austragen, ja sogar trinken dürfe, weil man irgendein Mittel besitzt, durch dessen Gebrauch diejenigen, die da Gift getrunken haben, manchmal vielleicht vom Tode gerettet werden könnten?« – Es ist nützlich, sich von Zeit zu Zeit mit Geist und Ton der Kurie auf Grund ihrer eigenen Urkunden vertraut zu machen, damit man sich nicht durch ihre kluge Taktik betören lasse. Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps!

Während wir Protestanten jedem das Studium aller katholischen Schriften völlig freistellen, verbietet die Kurie unseren katholischen Landsleuten zu lesen, was in unserem Lager erscheint, macht ihnen dadurch eine Verständigung mit uns, einen Einblick in unser geistiges Leben unmöglich, arbeitet also der inneren Verschmelzung und Einigung unseres Volkes entgegen, ja, hält geflissentlich die Kluft offen und preist ausdrücklich noch, daß diese »Sorgfalt des heiligen apostolischen Stuhles, womit er verdächtige und schädliche Bücher zu verdammen und sie den Händen der Gottlosen zu entreißen suchte, zu allen Jahrhunderten sich gleich und beständig geblieben sei; daraus gehe deutlich hervor, wie falsch, wie verwegen, wie beschimpfend für denselben apostolischen Stuhl, ja wie furchtbar an all den ungeheuren Drangsalen des christlichen Volkes die Lehre jener Leute sei, welche nicht bloß die Zensur der Bücher als eine drückende Last verwerfen, sondern sogar so weit in ihrer Bosheit gehen, daß sie behaupten, die Zensur widerspreche allen Rechtsprinzipien, daß sie es auch wagen, der Kirche das Recht abzusprechen, eine solche Zensur (nämlich über Bücher von geistlichem und kirchlichem Inhalte) aufzustellen und auszuüben«.

Eine der haltlosesten Behauptungen der katholischen Volksbeglücker ist die, daß der »Unglaube« die Sozialdemokratie, mithin den politischen Zusammenbruch züchte. Das ist natürlich nur ein schlauer Geschäftstrick, um die Regierungen zu gewinnen.

Was geht es überhaupt die Kirche an, ob einer Konservativer oder Sozialdemokrat ist? Ihr Reich sollte doch nicht von dieser Welt sein. Aber sie hält es gerade mit den Mächtigen und Reichen, also mit denen, welchen ihr Herr den Himmel verschlossen hat. Die Behauptung, daß die geistliche Schule in Frankreich ein Schutzmittel gegen die Sozialdemokratie gewesen sei, ist völlig hinfällig, wie I. Tews (Schulkämpfe der Gegenwart, Teubner 1906) mit dem Hinweis lehrt, daß bei den Kammerwahlen im Jahre 1898 unter 584 französischen Abgeordneten 131 Sozialisten waren, während gleichzeitig die deutsche Reichstagswahl von 398 Abgeordneten nur 57 Sozialisten ergab.

Über die hohe sittliche Mission der katholischen Kirche und ihre Erfüllung bekommt man seine eignen Gedanken, wenn man liest, daß in Italien kein Stand mehr Sträflinge liefert als der Geistliche. Im Laufe der letzten zwei Jahre kamen dort 176 Gesalbte hinter Schloß und Riegel: zwei Drittel davon wegen Sittlichkeitsverbrechen, ein Drittel wegen Totschlages, Diebstahls, Veruntreuung usw. (vgl. »Es werde Licht« XXXVII. Jahrgang, Heft 8, S. 256). Solchen Führern ist das sittliche und geistige Wohl des armen Volkes anvertraut! Nirgends, wo ihr Einfluß lebt, sehen wir ein geistiges Aufdämmern, einen neuen Hoffnungsstrahl. Mit ängstlicher Sorge werden da alle die Schranken aufrecht erhalten, in denen der Geist von jeher verkümmerte. Hören wir, wie ein Italiener, der seine Kirche zu retten trachtet, Antonio Fogazzaro, in seinem Roman »Der Heilige« (Deutsch von M. Gagliardi) diese schildert: »Die katholische Kirche«, schreibt er, »fürchtet das Licht der Vernunft, ist in jedem und allem ein Sklave der vergötterten und deshalb despotischen Autorität, ist streng und ablehnend gegen die Draußenstehenden, ist durch irdische Interessen gefesselt, veraltet in Geist und Sprache.«

Eine Erziehung, die nur darauf ausgeht, den Angaben einer Autorität ohne Prüfung Glauben zu schenken, hat keinen Beruf in sich, wahre »Männer« heranzubilden. Es gehört kein Mut dazu, für Lehren einzutreten, die mit tausend Klammern verankert sind, ihre Verfechter mit weltlichen Ehren und göttlichen Gnaden beglücken. Wohl aber würde für einen Katholiken Mut dazu gehören, als Reformator gegen veraltete Lehren und Irrlehren, selbst gegen den Willen des Papstes aufzutreten, wie es einst Luther tat. Daß der Kirche jetzt keine solche Kämpfer mehr erstehen wollen, daß sich die aufstrebenden selbständigen Köpfe doch immer wieder unter die unerbittlich strenge Zucht beugen und ducken, daß wir immer wieder von diesem und jenen hören, er habe sich laudabiliter unterworfen – das gereicht der Kirche nicht zum Ruhme. Freilich – die Organisation ist erstaunlich, bewundernswert, aber es ist eine Herrschaft durch Terrorismus.

Wie unfrei der gläubige Katholik ist, das ahnt er selbst nicht, ja er küßt noch die Ketten, die ihn binden. Es ergeht ihm, wie den Haremsfrauen, die einen Arzt beinahe gelyncht hätten, weil er ihnen eine menschenwürdige Freiheit erkämpfen wollte.

Jetzt blasen die Katholiken, die sich in jede politische Lage zu schicken wissen, aus Opportunitätsgründen in Deutschland die Friedensschalmei. »Wir wollen die soziale und konfessionelle Versöhnung. Ja, wir würden es als einen der größten Erfolge unserer Generalversammlungen betrachten, wenn wir ein Zusammengehen mit unseren protestantischen Brüdern, soweit sie auf dem Boden des positiven Christentums stehen, erreichen könnten.« Kein Wunder, daß ihnen bei uns zulande besonders wohl ist, da auf dem Boden unserer Luther, Goethe, Schiller und Bismarck jetzt – Gott sei's geklagt! – Zentrum Trumpf ist. An ihren Grundsätzen aber haben sie trotz dieser versöhnlichen Worte nie etwas geändert. Das Hoch auf den Papst wird natürlich stets vor dem auf den Kaiser ausgebracht, das Telegramm an den Kardinal ist viel wärmer und ehrfurchtsvoller als das an des Kaisers Majestät, in den Ostmarken fährt der Klerus fort, durch Kinder- und Weiberverhetzung jede Kulturarbeit des germanisierenden Staates zu vereiteln; in Bayern stimmte die katholische Partei gegen den nationalen Liberalismus im Bunde mit der Sozialdemokratie und auch sonst bleiben die leitenden Grundsätze sich stets gleich. Wenn in Essen auch geeifert wurde gegen die Sozialdemokratie, gegen den Absolutismus der Massen, der von Freiheit redet und die Freiheit gerade derjenigen beschränkt, die von der Freiheit den richtigsten Gebrauch machen würden. »Solange aber«, so wurden wir getröstet, »das katholische Volk sich im öffentlichen Leben betätigt und für eine richtige parlamentarische Vertretung sorgt, so lange braucht das deutsche Volk nichts zu befürchten für seinen Bestand und für seine wirtschaftliche Ordnung, so lange können die Regierungen unbesorgt sein, weil dann die sozialdemokratischen Bäume nicht in den Himmel wachsen.« Fistula dulce canit – –! Trotzdem bleibt es dabei: Erst die Kirche, dann das Vaterland! – »Mögen die Katholiken stets eingedenk sein, daß zur Erteilung und Beaufsichtigung des Religionsunterrichts nur die Kirche befähigt ist!« – »Es galt, die Konfessionsschulen gesetzlich festzulegen, deshalb haben wir schließlich dem Gesetz, als es vom Herrenhaus zurückkam, zugestimmt.« – »Die deutschen Katholiken müssen mit den Katholiken der ganzen Welt nach wie vor den Anspruch aufrecht erhalten, daß ihr höchstes kirchliches Oberhaupt, der Papst, eine volle und wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit genieße, welche die unerläßliche Vorbedingung für die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen Kirche ist und können diese Freiheit und Unabhängigkeit erst dann als verbürgt ansehen, wenn ein Zustand hergestellt sein wird, dem auch der Papst selbst seine Zustimmung hat geben können.«

Friedrich der Große wußte, wohin ein solcher Kurs führt. Der Kampf gegen die Hierarchie galt ihm als sein vornehmster Herrscherberuf. Man widerspricht mir? Nun, so höre man ihn selbst: »Meine Hauptbeschäftigung«, schreibt er am 16. Sept. 1770 an Voltaire, »besteht darin, daß ich die Vorurteile bekämpfe und die Köpfe aufkläre,« und am 30. Dezember 1775 schrieb er schon mit größerer Zuversicht an d'Alembert: »Zusehends vermindert sich der Aberglaube. Währt dies nur noch kurze Zeit, so werden die Mönche aus ihren Klöstern zurückkehren und die Vernunft wird sich am hellen Tage zeigen können. Gute Bücher haben endlich den Star gestochen, der die Augen der Pfaffen verfinsterte. Sie schämen sich ihres unsinnigen Gottes und arbeiten heimlich am Sturze des Glaubens.«

Die Kirche will gar nicht »Männer« erziehen. Ihr sind gläubige Weiber, selbst die ältesten Spittelweiber und Almosenempfängerinnen, gleich willkommen. Sie zählen nur nach Seelen. Je demütiger und vernichteter die Seele ist, um so besser ist sie, um so lenksamer und widerstandsloser.

Ich hörte einmal auf einer Dampferfahrt nach Rügen, wie ein protestantischer Geistlicher einer trauernden Witwe sagte: »Gott arbeitet am liebsten mit gebrochenen Herzen.« Es ist zwanzig Jahre her, aber ich habe es nicht vergessen. »Mit gebrochenen Herzen«, mit geknickten Persönlichkeiten, mit Lebensmüden und Gescheiterten. Bei diesen findet dann der Geistliche auch seine segensreiche Wirkung. Man lehre uns einen Gott der Gesunden, Frohen, Tapferen und Stolzen! Man zeige uns eine Kirche, in der die Kühnsten ihre größte Erhebung und Stärkung erleben!

Ein Luther wiegt für die Kulturarbeit eine Million frommer Kirchenhämmel auf. Aber die alte Kirche konnte ihn nicht brauchen, weil er eine Persönlichkeit war. Eduard Goldbeck sagt sehr treffend von der »schwarzen Garde« und ihrer Gefolgschaft, die in Essen, 43 000 Mann stark, das Opfer ihres Intellektes zur Schau stellte: »– – Verständnis ist vom Übel, denn vom Verständnis zur Kritik ist nur ein Schritt. Hier weiß jeder: individuelle Anschauungen sind gleichgültig; hier wäre Persönlichkeit nur schädlich; es gilt sich selbst aufzugeben, in der Gesamtheit zu ertrinken – der Machtrausch trägt alle auf ungeheurer Woge dahin – –«

»Wollt ihr in der Kirche Schoß Alle Gläubigen versammeln, Macht die Pforten weit und groß, Statt sie ängstlich zu verrammeln!«

Das hat Geibel, der Protestant, gesagt, aber er hat es nicht für die Protestanten gesagt. Von dessen Gewaltigen hören wir nur, wenn sie Scheiterhaufen schichten. Der Katholizismus ist klüger; nie hat man in seinem Reiche so laut die Duldsamkeit preisen hören wie dieses Jahr in Essen.« Leider hat, wie ich eben (12. Sept.) lese, nun auch unser Kaiser sich diesen Gedanken zu eigen gemacht und als sein Programm öffentlich verkündet: »– unter Zusammenschluß der Konfessionen, dem Unglauben zu steuern«.

In diesem Bunde unserer Staatsgewalt mit den konservativ-klerikalen Mächten sehen wir mehr Linksstehenden die schwerste Gefahr für Deutschlands Zukunft. Dieser Bund macht uns zu »Schwarzsehern«, dieser Bund wird uns nicht Männer erziehen, sondern wird uns entkräften und lähmen: es sei denn, daß im Widerstande gegen ihn neue Kräfte in unserem schon tief erregten und nach Befreiung schmachtenden Volke erstehen. Der Schwerpunkt der Weltgeschichte ist seit Jahrhunderten auf der Flucht vor Rom. Die Linie führt aus Italien über Wien, Wittenberg nach Berlin, und leider jetzt nach London und Nordamerika. Wenn Deutschland aufhört, der Hort freier Forschung und die Pflanzstätte auf sich selbst gestellter unabhängiger Persönlichkeiten zu sein, dann können uns weder Kanonen noch Kriegsschiffe vor dem kulturellen Rückschritt und damit auch vor politischer Machteinbuße bewahren.

Dieses war schon geschrieben, als ich in der »Kölnischen Zeitung« an leitender Stelle einen noch viel schärferen Widerspruch gegen das neue Regierungsprogramm las. Das Blatt sagt:

»Die Liberalen, die in der monarchischen Grundlage die Gewähr des Bestandes und der gedeihlichen Entwicklung unseres Staatswesens erblicken, würden sich einer Pflichtversäumnis schuldig machen, wenn sie es unterließen, zu solchen Kaiserreden in voller Klarheit und, wenn nötig, mit gebührendem Respekt als Sr. Majestät allertreueste Opposition Stellung zu nehmen. Gerade in diesen Kreisen wird der warme Appell des Kaisers an die Mithilfe jedes einzelnen im Volke, die Mahnung daran, daß so wie er jedermann die Pflicht habe, für das Wohl des Vaterlandes zu arbeiten, freudigen Widerhall finden, aber die Mißdeutung der Kaiserworte wird beginnen, wenn es gilt, das Mittel, das der Kaiser dazu angibt, zu benützen. Der Zusammenschluß der Konfessionen zur Bekämpfung des Unglaubens klingt, vielleicht unbeabsichtigt, an einen der hauptsächlichsten Programmpunkte des eben erst verhallten Essener Katholikentages an, wo ein solcher Zusammenschluß als ideale Zukunftstaktik des Ultramontanismus gepriesen wurde. Sollte der politische Konfessionalismus – katholischer oder protestantischer oder beide im Bunde – das Breslauer Kaiserwort dahin auslegen, daß er berufen sei, als Macht im Staate zu gelten, so lehnen wir von vornherein diese Deutung ab und werden sie auf das entschiedenste selbst dann bekämpfen, wenn das kaiserliche Schild sie decken sollte, denn wir erblicken in diesem Konfessionalismus, vor allem im katholischen, wie ihn der Ultramontanismus politisch so erfolgreich verkörpert, einen der schlimmsten Feinde des nationalen, modernen Staates; er ist mit diesem staatsrechtlich schlechterdings nicht zu vereinbaren, und da, wo er es praktisch versuchen sollte, muß er der Bahnbrecher der Sozialdemokratie und Revolution werden.« Sehr richtig!!

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings