Vorrede.
Reading edition
Da man meistens noch niedere und falsche Begriffe von den schönen Wissenschaften hat; so möchte ich gern ein kleines Liecht vorausstellen, welches die Schatten zerstreuen soll, womit finstere Köpfe die schönere Natur anschwärzen. Will die fühllose Dummheit ihr kaltes Herz nie zu einer edlen Empfindung erwärmen, so soll sie wenigstens ihre unheiligen Blicke wegwenden; sie soll sich in die ewige Nacht ihrer Unwissenheit einhüllen, und mich ungekränkt und unbemerkt den sanften und stillen Umgang der Musen genießen lassen.
Wisse, unbilliges Vorurtheil! wahre Poesie ist Würde und Hoheit des Menschen — vergieb mir diesen stolzen Ausdruck, ergeht nicht auf meine Person; sondern auf die Sache, die ich behandle.
Die höchste Würde des Menschen bestehet in der Hoheit seines Geistes, und in dem Adel seines Herzens, die Erhebung des Geistes der sich mit einer außerordentlichen Fülle äußert, ist Begeisterung, die gereinigte Zärtlichkeit eines gefühlvollen Herzen, ist ihr Adel: der höchste Grad der Begeisterung und Zärtlichkeit, wo sich Wahrheit und Natur mit aller Stärke und Anmuth schildern, ist der höchste Grad der Dichtkunst.
Ihr, derer lieblose, verwilderte Herzen keiner feinen Empfindung fähig sind, die ihr die Erhöhung der menschlichen Seele, das Gefühl des wahren Schönen, den Enthusiasmus der Weisheit und Tugend nicht kennet! eitle, unbedeutende, kriechende Geschöpfe! die ihr auf niederen Gewinn bedacht, nur nach eurem Futter wiehert; nie euern Verstand speiset, und schon zu leben glaubet, wenn ihr gleich dem Vieh, esset, schlaffet, und euch begattet, — widerleget, wenn ihr könnt!
Uebrigens habe ich nur die ächte Dichtkunst vertheitigen wollen, deren Ausdruck Harmonie, und deren Inhalt begeisterte Weisheit ist. — Denn bloß zum Zeitvertreib witzig zu tändeln, die Einbildungskraft auf Kosten des Verstandes zu unterhalten, oder durch den unverschämten Muthwillen der in der Brumft gehenden Litteraturstuzer die grobe Sinnlichkeit zu reizen, ist wohl der Endzweck der schönen Wissenschaften nicht. Sie sind zur Beglückung des Menschen, zu seinem edleren Vergnügen, und nicht zur Nahrung seiner Ausschweifungen geschaffen.
Und die unmännlichen Figuranten, die sich ewig mit süssen Kleinigkeiten beschäftigen; die, wann sie schwätzen, zu denken, und wann sie schwärmen zu empfinden glauben; die die Natur durch Künsteley ersetzen wollen; beständig mit Endsilben in Geburtsnöthen liegen, und sich mit Ach und Weh begeistern — soll man diese auch Dichter nennen? nein, Stümper, die die Wissenschaften entehren. Lichtwer weist ihnen ihre Stellen an.
Ihr Thoren, lernt dafür nähn, hobeln, oder schmieden! Minervens Priesterthum ist Stümpern nicht beschieden.
Weder diesen, noch mir selbst will ich das Wort reden; ich habe nur zeigen wollen, was für ein Ziel ich mir gestecket habe: wie weit ich es erreiche, müssen unparteyische Kenner entscheiden, derer Einsicht ich meine Versuche willig unterwerfe.
