Der Gottesacker.
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Hier ist also jener unfruchtbare Acker der Verwesung, wo der Saamen unzähliger Geschlechter ersticket, wo Menschen ins vorige Nichts zurück faulen. Hier liegt sie zerbrochen, die wunderbare Maschine, die von Allmacht gebaut und mit Unsterblichkeit belebt war. Hier modert im Staube der Staub, in dem ein Geist sich entwickelt, die Gottheit gedacht hat. Hier liegen die Bürger der glänzenden Welt, nun Bürger des dunklen Schattenreichs. Hier ist der Ruhepunkt irdischer Bestrebungen. Hieher, ihr Sterblichen! wo wollt ihr anders hinwandern als in den Tod!
Hier ist der Sammelplatz, wohin das Verhängniß uns ausirrenden Pilgrimen die Loosung gegeben. Hier will ich der blassen Schwermuth zur Seite, unter zerschelten Gebeinen und verstümmelten Statuen, unter fatalen Gräbern herumwandeln; hier— kalt tritt das Geblüt in meinen Adern zurück, ein heimlicher Schauer schweret mich abwärts. — — Entsetzet euch nicht, baufällige Knochen, über die Ueberbleibsel eures Gleichen zu klettern! Feiger Körper, was bebst du zurück? Laßt mich verzärtelte Sinnen! laßt mich! hier will ich ganz Geist die Spuren des Verhängnißes tretten; steif will ich dem Tode ins Angesicht schauen.
Zeige mir, despotischer Würger, zeige mir deine Eroberungen, die aufgethürmten Leichen, meine Mitmenschen; und empfang mich Sterblichen dann auch! wisse, du kömmst mir nicht unerwartet; lange schon hab ich dich gedacht; vertraut will ich in deine Arme sinken. Empfang mich hier in dem Vorgemach der Ewigkeit! hier haben meine Mitgefährten die gröberen Hüllen zurückgelassen, nachdem ihr entbundener Geist der düsteren Sphäre entflohen. Ich bin ein Mitglied dieser erblaßten Gesellschaft. Ich kenne deine Gewißheit; zeige mir deine Schreckniße! denn sieh, ich bebe nicht, ich will sie bewundern, und mit unerschrockener Ahnung in deine kalten Finsterniße hinab staunen.
Oedes Thal der Verwelkung, wo zarte Sprößlinge frühzeitig geknücket, und verjährte Eichen aus den Wurzeln gerissen liegen, gleich einer winterlichen Einöde, durch welche ein reissender Sturmwind geheulet, oder ein feindliches Heer gestreifet hat. Die Natur wurde hier durch die verheerende Macht des Todes verfolget. Zeichen seines Lagers, nackte Kreutze hat er auf melancholischen Hügeln ausgestecket. Ein gottischer Kreuzgang, wo Fama in Leichenschleyer verhüllt, gegen die Krüfte hinab trauert, wirft ernste Schatten in die einsamen Ecke. Dürre Schedeln, zerspaltene Gerüppe, wie verdorrte ausgeweydete Eichen, die ein Donner zu Boden geschmettert, liegen in wilder Vermischung dahin geworffen. Ist daß die redliche Stirn meines Freundes? der edle Stolz seiner Mienen? Wo ist das gefühlvolle Lächlen meiner Geliebten? die glühende Unschuld auf ihren Wangen? Und welche Spuren finde ich jener frommen Verträulichkeit in den sanften Gesichtszügen meiner Schwester? Geliebte, Freunde, Geschwistert liegen in wüster Vereinigung, Meiner, Ihrer selbst unbewußt! die zärtliche Gattin, aus dem Schoose der stillen häußlichen Glückseligkeit gerissen, verweset nun mit ihrem nachgestorbenen Gatten in ungeseliger Fühllosigkeit: beyde vom Tode getrennet, vereiniget! alle gemißhandelt, entstellet!
Das ist unser Loos, elende Menschen! Das war das ihrige! Nun ruhen sie hier in tiefes Schweigen verhüllet — sie ruhen, denn ihre Kämpfe sind vorbey; dieß sind noch die Spuren des menschlichen Elends; noch lese ich in denselben die Empörung der Natur! wie sie ihre ganze noch übrige Kraft aus dem Innersten zusammen gehollet, den lezten Seufzer von sich gestossen hat; noch seh ich die sich ohnmächtig regenden, dahin sterbenden Blicke — itzt — itzt fällt der Vorhang über diese verloschenen Lichter des Geistes, der sich aus seinem Kerker losgefesselt hat. Feyerliches Entsetzen, nächtlicher Tiefsinn dämmert in schwarzen Gemächern; bethränte, blasse Gesichter harren in stummer Entrüstung umher. Der Leichenglocke ächzender Sterbeton durchbebet die kalten Gewölber — Dort bringen sie ein Behältniß voll Erde, in welche der Schöpfer Unsterblichkeit blies, dort bringen sie ihn, den Abkömmling Adams, den Menschen, den Unsterblichen — den Todten. Seine Famillie, seine Freunde schleichen, wie gebeugte Phantomen, in finsterer Pracht einher; ihre Thränen bezeichnen den Pfad, der einst ihnen selbsten, der uns allen zu wandern verhängt ist.
Fühlet euch, Menschen! der Tod wandelt in eurem Geblüte; jede Minute schlägt euer Puls Theile des Daseyns hinweck! Ihr lebet — ihr sterbet. Sehet hinab zu euren Füssen! in solch schaudervolle Höhlen werden eure aufgethürmten Anschläge, die tobenden Wünsche, eure irdischen Hoffnungen stürzen. Durchforschet mit denkenden Blicken dieß Eingeweyde der Erde, das mit Gebeine durchwühlt ist. Grausenvolle Verwüstung! wie ein durch Ueberschwemmung zerrissenes Gestad! Hier ruhen die Trümmer der erschütterten Menschheit! hier trauert die zerstörte Natur!
Glieder, welche die Gesellschaft der Lebendigen verworffen, ein gleiches Loos zusammen gerafft hat, zerschleuderte Körper, von thätigen Geistern durch die Welt geschleppet, befördern sich durch gemeinschaftliche Faulniß ihre Vernichtung. Hier sind der brausenden Thätigkeit ewige Däme gesetzet; Berge von Leichen schwellen sich über diese Schranken der Natur; Millionen Geschlechter stürzen aus dem Wirbel der Welt in die Tiefe der Ewigkeit. — Ewigkeit! Zukunft! welche geheimnißvolle, glänzende Aussicht! welch ein Weg führet dahin? Ein Weg voll Nacht, die Auflösung der Natur: von Nichts ins Etwas, von der Zernichtung ins Unendliche — Mensch, welch ein Räthsel bist du dir? Du kommst aus dem Nichts, um in kurzen wieder zerstöret zu werden, du hörest auf, um ewig seyn zu können.
Noch hauche ich Leben von mir, noch klopfet mein Puls, eine Hand kann die andere noch fühlen, noch blühet mein Gesicht, noch kann ich das blasse Antlitz des Todes betrachten — Bald wird man an mir des Todes Ebenbild schauen!— Schon fühle ich den kalten Schauer, der durch die Gräber fährt, in meinen Gebeinen. Aus einer ahnungsvollen Dunkelheit thauet auf meinen Geist Betäubung herab; kalte Todestropfen träufeln auf die Stirn, und meine Sinnen erstarren bey dem stummen Anblick des Verhängnißes. So sinket der Staub, der dich denket, in sich selbst zurück, tiefeste Vorsicht! So verliert sich der Geist in seiner eigenen Dunkelheit, wann er sich in übermenschliche Sphären waget! wie undurchdringlich sind deine Rathschlüße! wir verworren deine Wege! im scheuslichen Dunkel, unserer eigenen Schritte unbewust, wandern wir dem Tode entgegen. Wir taummeln im nächtlichen Sumpfe, und blinken liechtscheu in die Ferne der Zukunft; gaukelnde Schatten täuschen unser träummerisches Daseyn. Erst dort wissen wir, was wir hier gewesen, aber hier wissen wir nicht, was wir dort seyn werden. Blöd wähnen die Sinnen im Gesichtskreise des Gegenwärtigen herum, und die Phantasie schweifet ausser demselben im Raume: jene wähnen was wir sind; und diese träumet, was wir seyn werden. Zwischen Seyn und Werden tritt der Tod in die Mitte. Dieser sondert Gedanken vom Stoffe; reisset von der Seele die mummischen Lappen, und bauet seinen Triumph auf Nichts. Unumschränkt herrschet er hier im entvölkerten Gebiete; täglich mehret sich sein Reich mit ausgestorbenen Familien, alle Opfer seiner Wuth, die seinem Machtspruche gehuldiget. Geschöpfe von Gott, Glückseligkeit dürstende Geschöpfe, sie, denen Unendlichkeit gewiß, die Welt zu eng war, schrumpfen hier ins Nichts zusammen. Tiefsinnig schweigende Statuen, aus welchen das Verhängniß staunet, panegyrischer Marmor soll ihr faulendes Andenken versteinern; doch Jahrhunderte von Jahrhunderten verdrängt, wälzen sich in die Nacht der Vergessenheit zurück. Nichts bleibt übrig von dem, was vergehet (und alles vergeht) als leere Töne in die Luft gehauchet, als ein flüchtiges Gerücht, daß es nicht mehr ist; nichts überlebet den Tod, als ein todter Laut, ein röchelndes Echo der Natur, von den Klippen der Welt zurück geseufzet.
Wer hienieden nach Wesenheit haschet, der greift Elemente, und wer Elemente festhalten will, der greift nach Nebel. Berge entwerfen in herbstliche Thäler nur einen welken Schatten von den verblüthen Schätzen des Frühlings. So mähet die Zeit um sich, bis der Tod selbst, über die angerichtete Verwüstung erstaunt, und durch seine eigene Kräfte aufgerieben, in die allgemeine Niederlage fällt; bis Berge und Klippen an einander stürzen, und die Welt, aus ihren Angeln gerissen, den Tod der ganzen Natur vollendet.
