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Empfindungen aus meinem Leben

Die philosophische Melancholie.

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Die stille Schwermuth zeugt die göttlichsten Gedanken; Sie hebet unsern Geist aus seinen engen Schranken: Es herrscht ein sanfter Ernst auf heiliger Weisheit Bahn, Und zeiget uns den Weg zu bessern Welten an. Kronegk.

Sanfte Melancholie! Tochter der Nacht, in ernsten Stunden gebohren, du höhere Wollust der Seele! bezaubre durch deine stille Umschattung den Geist; damit er, in holden Schlummer erhabener Empfindungen gewiegt, weit über den Staub sich in tiefer Betrachtung der Zukunft verliere. Flöße tröstendes Entzücken in das Gefühl der Unsterblichkeit: lehre mich denken, und staunen!

Oeffne mir, ernste Weisheit! deinen heiligen Busen, und laß mich Labsal in mein schmilzendes Herz saugen! komm, Urania! keuscheste der Musen! laß mich müden von zeitlichen Ungemach in deine Arme sinken! fühle meine Brust: Liebe wallet in derselben, komm, und theile sie mit mir; dieses Feuer, das durch meine Adern eilet, brennet sonst in sich selbst zurück. Sey du, Tochter des Himmels! Der Gegenstand meiner Liebe, die Sterbliche verachten, oder verkennen! einer Liebe, die allzu enge eingeschlossen, ihr eigenes Behältniß verzehret.

Dein sanfter Einfluß ist ein kühlender Thau am Morgen meines Lebens.

Liebst du den Jüngling, der voll Ehrfurcht deine weisen Eingebungen aufhorcht; o so sey mir zu Seite! begeistre mich mit feyerlichen Tiefsinn! laß in erhabener Stille männliche Gedanken aus der Tiefe meiner Seele empor steigen, wie die Todten aus den Gräbern durch die Stimme der Ewigkeit gewecket! laß deinen rührenden Ernst die gekränkte Sehnsucht der menschlichen Natur in die Höhe lenken!

Weisheit giebt uns unser Herz zurück, dessen Zärtlichkeit, durch heuchlerische Liebkosungen eines Scheinglückes gemißhandelt, endlich aufhöret, für die verrätherische Gegenwärtigkeit zu schmachten. Deine heilsame Trauer, tiefdenkende Melancholie! ist der Seele, was die Thränen dem Körper. Du schließest vor uns unser Innerstes auf, und schaffest der Betrübniß Ausgang. Die schweren Seufzer, die das Herz stossen, schütteln die Last von demselben, und der harte Stein, den das Verhängniß auf unsere Schwachheit gewälzet hat, schmilzt in sanfte Thränen, in welchen der Schmerz wegfließt. — Laß meine Seele über das Loos der Menschheit weinen! Wer reichet sonst dem von irdischen Tändeleyen betrogenen Geiste einen wichtigen Stoff, an dem er sich würdig entwickeln, und seine Unsterblichkeit denken kann? Wo findet er wider die Verfolgungen der gleißenden Laster eine Freystatt, als in der düsteren Grotte der Schwermuth, in der einsamen Betrachtung, in der stillen Hofnung eines künftigen, besseren Lebens?

Statt prächtigen Kleinigkeiten nachzujagen, müde vom Kampfe des Lebens, sinket mein Geist in melancholischen Schlummer dahin, durchdenket die Tiefe der Ewigkeit — und alles wird Nacht in der Schöpfung; die ganze Natur schwärzet sich mit dem Schatten des Todes. Die Pracht der Erde, der Glanz der Welt verschwindet unter mir.

Da ihr mich leider, lange genug getäuschet habt, da ich euren Unbestand, ihr zeitlichen Güter! einsehe; so will ich über euch hinweg, jenseits dieser Welt meine bethränten Blicke kehren; nicht mehr, nein, nicht mehr will ich mein Herz an euch heften: Euer blendender Schimmer ist verloschen; ihr seyd nun nakt, und bloß vor meinen Augen; die Welt hat den Putz ihrer Eitelkeit ausgezogen; öde und entstellt trauert die Natur. Wie schnell hat die wandernde Sonne diesem Abend wieder unseren Gesichtskreis verlassen! O unbefestigte Dauer irdischer Auftritte! Ich strecke voll Sehnsucht meine Arme aus, und will Gegenstände der Glückseligkeit, des Vergnügens und der Liebe umfassen; allein es faulet alles unter meinen Füßen weg; ich steh auf nichts als Gräbern, und greiffe nichts, als Zerstörung. Eh noch als dieser wohlthätige Baum, woran ich mein trauerndes Haupt stütze, sinket mein Körper in die finstere Erde hinab.

Finsterniß und Tod ist hienieden; Liecht und Leben kömmt von oben: dort ist ewiger Tag. Nur einsame stille Funken der Hoffnung blinken aus der Zukunft herab, gleich jenen Edelgesteinen des Firmamentes, die von fern her in stiller Majestät glänzen, und derer hellere Gegend uns zeiget, daß wir im Dunkeln stehn.

Verlassen, traurig und schüchtern irre ich in diesen Thälern herum. — Ihr furchtsamen Glieder! Stützet noch eine kurze Zeit diesen morschen Körper. Reiche mir deine Hand, O Vorsicht! damit ich auf dem Pfade des Todes tröstlich dort hinüberschreiten möge, wo meine Seele, entkleidet von allem, was trüglich und eitel ist, in ihr glückseliges Vaterland aufgenommen wird. Was Geist ist, kann sie nun, durch diese Hülle verfinstert, nicht sehen; dort wird sie sich selbst, dort wird ihr die Gottheit sichtbar, in deren Vereinigung das Liecht der Wahrheit als der Morgenstern ewiger Glückseligkeit aufgehet.

Vergebens suche ich hier unter Täuschung, und Nacht den Gegenstand meiner Liebe. Oben ist er: auf, meine Seele! laß die heiße Flamme in dir zur Gottheit hinauf lodern; sie ist der würdigste, und erhabenste Gegenstand, von dessen Herrlichkeit nur ein dunkler Wiederschein in der Natur verborgen schwebet. Ihr Vorwürfe der menschlichen Begierden, ihr sollt meine Seele nicht mehr fesseln; ich will euch schon itzt, eh ich muß, entbehren lernen: in euer Hinfälligkeit will ich die untrügsame Zukunft ausspüren, und dich, o Unsterblichkeit, dich, o Ewigkeit! denken.

Die du mit dem schwarzen Schleyer der Finsterniß die ganze Natur umhüllest, und die gewesenen Gegenstände des Schimmers zu Monumente des Schröcken machest — öde Nacht! begünstige meinen Gesang! fülle mit deinen bedeutenden Bildern die Einbildung; damit mein Geist die schweigenden Spuren der Allmacht in stummer Geschäftigkeit durchstaune; damit er, wann der Leib mit den Sinnen zur trunknen Vergessenheit dahin starret, in den mystischen Tiefen der mitternächtlichen Dämmerung herum schwebe, und unter heilige Phantasien versenket, in süsse Schwermuth zerfließe — jene weise, erhabene Schwermuth, welche der Selbstgenügsamkeit des leichtsinnigen Thoren ewig ungefühlt bleibet.

Dein schwarzer Pinsel male mir an allem, was stolz und Eitelkeit über den Staub empor gethürmet hat, und was einst der Schutt seiner eigenen Nichtigkeit seyn wird — finstere Gräber; damit ich, mit dem Tode vertraut, nur vor einem unheiligen Leben erbebe.

Ihr schaudernden Thäler, voll melancholischer Krümungen! Ihr dürren Anger, wo schwarze, in Finsterniß zerflossene Bäume auf einsamen Hügeln trauern, wie auf Gräbern, wo ächzende Phatomen sitzen! und ihr ausgestorbenen Gründe, voll staunenden Ernstes! seyd mir ein dunkler Abriß des Todes!

Wie dort die Eiche mit sich verlängernder Dunkelheit einsam empor raget, so steh ich itzt, durch Betäubung versteinert, auf dem verödeten Schauplatze der Natur. Rings um mich her tritt stille Erwartung und einsamer Schrecken auf; Ernst und Schauder schwängern die Finsterniß; und Hügel und Thäler verwildern vor meinen Blicken. Drohend strecken die Tannen ihre schwarzen Aeste aus, wie Schatten von Risen, die mit wüthenden Armen den Aether zerreißen. Die Zotten des wüsten Gestades hangen in den räuberischen Fluß, der mit tückischen Murren den Boden naget, und zwischen schlangenhaarichten Felbern in unwirthbare Haine hinein wühlt.

Schattengebirge reichen dort bis an das gestirnte Vorgebäude der Seeligkeit. In stiller Sehnsucht irret mein Geist in denselben, und dringt ins Ewige. Trächtige Heere zerrissener Wolken steigen über den Horizont, wie ungeheure Felsenstücke, in prächtiger Unordnung herauf. Ein schwarzes Chaos scheinet die donnerschwangeren Lasten aus Nacht und Grauen hervor zu drängen. Fürchterlich herrlich wälzen sie sich im endlosen Raume, und Gottheit ists, die majestätisch unter den Wolken hervor drohet. Schüchtern verbergen sich Weste zwischen zitternde Laube. Unter ihrem leisen Gemurmel schlummert furchtsam das Echo im starrenden Haine, und mit heiligen Schauer unterreden sich Schatten in einsamen Thälern von der Gottheit. Himmel und Erde verkündigen Allmacht; die ganze Natur ist schüchtern, und feyert ehrfurchtsvoll dem Ewigen. Ewigkeit! — Gottheit! — Angebettete Geheimniße! — Ich fühle — ich bewundere — ich staune! heilige Ahnungen durchströmmen mein Blut; der Geist wallet unruhig durch dasselbe, er suchet Ausgang; meine Brust athmet stärker, Begeisterung reißt mich dahin — Schwacher Sterblicher! dein Körper hält dich zurück: gefesselt an das Loos der Menschheit, eilet der Geist umsonst zu seiner Aufklärung. Begnüge dich mit der Hoffnung, bald auf den Wink des Beherrschers der Schicksale da oben zu schweben, woher ein stiller Einfluß schon dich ganz zu berauschen vermag. Begnüge dich, überirdische Seele, mit ihrem Vorgeschmack! einst — bezaubernder Gedanken! einst wirst du sie — die ganze Seeligkeit trinken.

Illustration from Empfindungen aus meinem Leben
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