Die Ruhe.
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Du Freude, und ihr ruhigen Tage, wo seyd ihr? in der Kindheit, in der Jugend, oder im Alter? Unvermögen lallet aus dem Kinde; sein Gefühl — oder wie nenn ich die Gährung emprionischer Säfte? — gleichet dem Chaos, mit dem es vor kurzen noch rang: kaum ist man als Kind seiner selbst sich bewußt. Als Jüngling ganz Gefühl, aber unreif zur Wahl und Mäßigung. Im kalten Alter, des Genußes der Güter unfähiger, weis man die Regeln des Lebens — und stirbt.
So brausen die Tage des Menschen in rastloser Bestrebung nach Ruhe vorüber! nur im kalten Schoose des Todes trocknen die Schweistropfen unserer Müseligkeit. Wären wir hier ruhig, so könnten wir nicht unsterbliche Seelen haben. Soll ein unauflöslicher Geist an Gegenständen der Vernichtung, sollen mit der Gottheit vertraute Geschöpfe, mit dem Vieh sinnlich an dem Gegenwärtigen kleben? Zur Unendlichkeit überlodernde Flammen, können sie im Schlamme des Zeitlichen verlöschen? Zu sehr sind wir für eine Ewigkeit geschaffen, als daß ein Etwas von so mystischem Selbstgefühle, fähig bis zur Gottheit hinauf zu denken, hienieden sich sättige.
Ruhe auf der Reise zur Glückselligkeit entehret den Wanderer. Geduld ist seine Zufriedenheit und Hofnung sein Genuß. Dann erst wann er seine Laufbahn vollendet, die Wüste des Lebens durchgewandert hat, in jenen seligen Gefilden wird sein heisser Durst nach Vergnügen die ächte Quelle finden. Aus jener Urquelle aller seligen Freude wird er seine eigene schöpfen; aber ihr reiner Ausfluß verirret sich nicht zur trüben Erde herab, und irdische Gefässe fassen ihn nicht. Das Behältniß unserer Empfindsamkeit, der Wohnsitz der Seele ist von einer Handvoll gebrechlicher Erde gebildet; die äussere Form ist Schatten und Liecht, das Innere hinfälliger Staub, ohne Festigkeit, ohne Dauer. Hier drähet sich alles unter der Sonne in unruhigen Wirbel herum, und reibet sich auf. Hier ist Zerrüttung, Unsicherheit, Zusammenstoß und Wechsel der Dinge, ein beständiger Tod der Materie, der eine Minute nach der andern unser Daseyn auslöschet. Ein Abend sieht stets auf die verflossenen Zerstreuungen des Tages mit müder Gleichgiltigkeit zurück, und jede Periode des Menschenalters entdecket neuen Betrug in unseren Vergnügungen. Die Zeit entehret ihr eigenes Andenken, wenn sie sich nicht über sich selbst hinaus setzet; zeitliche Geschäfte und Ergötzungen bekommen erst ihren Werth von der Ewigkeit, erst dadurch, daß sie nicht augenblickliche Lust, nicht Täuschung und Possen; sondern unvergängliche Wahrheit, Weisheit und Tugend zum Grund haben. Alles, was in der Zeit nur für die Zeit geschieht, führet heimlichen Eckel, und Reue nach sich. Diese Zeit, in die sich der unsterbliche Geist zu seiner Erniedrigung einschränken muß, machet uns das Bedürfniß der Ewigkeit fühlen; in ihr beunruhigen wir uns über die Unvollkommenheit dessen, was hienieden ist, so sehr, als wir selbsten nicht vollkommen sind. Vollkommene Ruhe ist nicht das Loos der Menschen! — Menschen ruhig? nein, wir müßten entweder ganz Seele, mit Engeln Seligkeit athmen; oder ganz Körper seyn, mit dem Wurme genügsam über den Staub zu herrschen.
Stärke mich, o Vorsicht, noch eine kurze Zeit auf dem Wege zur Ewigkeit! stärke mich durch Hofnung und Gedult! Ihr Menschen, unter denen ich gelebet, und so oft gefehlet habe, vergebet, daß ich euch beleidiget — vielleicht oft durch Liebe beleidiget habe! hasset mich darum nicht! vergönnet mir, ihr Brüder! den Frieden unter euch! seht, wenige Schritte, und dann bin ich am ausgesteckten Ziele — am Grabe.
Dort finde ich dich, sehnlich gewünschte Ruhe, in jener heiligen Stille, welche die öden Gefilde der Verwesung durchschauert! und du, ernste Freude! Wonne der Zukunft, nach der ich so oft in heilig melancholischen Tiefsinn geschmachtet, du steigst mir jenseits des Grabes als eine ewige Morgensonne herauf. Nun ist er mit Kothe verschwistert, dort wird er, der befremdete Geist, den Klumpen von sich streifen, und über die Gränzen der gebrechlichen Natur hinaustretten; dort werde ich aufhören, ihr gebrechlicher Theil — ein Mensch zu seyn.
In meiner Leiche werden vielleicht, schmeichelhafter Gedanken! redliche Freunde — den Freund, den Redlichen beweinen. Ein heiliger, ahnungsvoller Schauer wird dann meine zurückgelassenen Reisegefährten anhalten, wenn sie bey meinem Leichensteine vorüberwandernd, diesen Machtspruch des Verhängnisses eingeätzet finden.
Er ist todt, euer Freund, mit dessen Hofnung zu leben ihr erst kurz die eurige vertauschet hättet. Verweilet, und betrachtet die wenigen Ueberbleibsel! erkennet in ihm euer Loos, in dem durchlöcherten Gerüppe! des Todes unerbittliche Pfeile wütheten durch alle Gebeine. Entfleischet liegen sie da, die Grundsäulen der menschlichen Maschine, die Stützen des Lebens, die verwäisten Knochen; wie die rindlosen Wurzeln sich in der wüsten Einöde zwischen Moder und Faulniß dahin strecken. Er ist todt, euer Freund, und hat im Grabe die Ruhe gefunden, — die ihm kein Alter, die ihm eine Welt nicht gegönnet.
