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Empfindungen aus meinem Leben

Aussöhnung mit meinem Schicksale.

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Illustration from Empfindungen aus meinem Leben

Mein Geist drang mit einem edlen Unwillen sich von dem Pöbel hinweg; aber meine Glieder fühlen noch die Mühe, womit sie den unsicheren Weg zurück gelegt haben. Wie schwer ist das Geblüt in meinen Adern geworden; seit dem ich in deinen feindseligen Mauern, o Stadt! gewandelt habe! Hart ist das Pflaster, worauf glänzende Sorgen, mit Thorheit beladen, wo drückende Laster prächtig einher treten! Nun bin ich — der Vorsicht sey Dank — hinaus aus dem Schwarm der Lieblosen. Wie weit wollt ihr mir noch nachschleichen, ihr schwarzen Gedanken der Schwermuth und des Kummers? Verlaßt mich, ach verlaßt mich! ich habe genug mit Unglück und Verfolgungen gekämpfet. Ich fliehe euch nicht, ich hasse euch nicht, ihr Menschen, o nein, mein Herz klopfet stets zu eurem Besten; es fließt vor Empfindung gegen die Redlichen über, die des Mitleids und der Gegenliebe fähig sind, und die übrigen bedaure ich ihres Unglückes wegen, daß sie Menschenfeinde sind. Ich fliehe nicht sie, nur ihre Lieblosigkeit. Das Leben ist kurz: schwermüthiger Tiefsinn, Ernst und Kummer fangen an, meine Nerven zu schwächen, und heimlich meine Gesundheit zu untergraben. Ich bedarf der Erquickung. Genug ward ich bey dem inneren Ruf meiner Seele von den lauten Stimmen der Dummheit und des Eigennutzes übertäubt, ungerecht gegen mich selbst, Muth und Zutrauen zu verlieren. Ein heißhungriches Geschrey tönte mir überall entgegen: das Studium der Wahrheit und Pflichten ist nicht zum Brod gewinnen; Weisheit und Tugend, Erhabenheit des Geistes, Adel des Herzens sind unbekannte Nahmen. Ich ward in meinen zartesten Jahren zum rauhen Pöbel verstossen, wo ich verkennet und ungetröstet, mich im Verborgenen nach Menschenliebe sehnte, und ach! vergebens sehnte. Die schweren Seufzer meiner Betrübniß haben meine Brust beklemmet, und nun will ich wieder einmal freyen Athem hohlen. — In deinem wohlthätigen Schoose, liebreiche und weisheitsvolle Natur! Will ich von meinem Schicksale ausruhen, und aus deiner inbegriffenen Göttlichkeit überirdische Hofnung, und den Trost des Mitleids schöpfen, den mir die Sterblichen versagen. — Verlaßt mich, ach verlaßt mich, ihr schwarzen Gedanken der Schwermuth und des Kummers! Zurück! Hier sind die Gränzen der unverdorbenen Natur. Mit unverwandtem Blicke will ich mich dem Schutzorte der Unschuld nähern. O Glück! Noch etliche Schritte, und dann bin ich der Natur im Arm! Schon ist der Boden gelinder und die Luft reiner. Zephir bringt Wohlgeruch auf seinen Flügeln, und ich athme Gesundheit in mich. — Sey mir gesegnet, heiliges Dunkel, das ehrfurchtvoll in diesen verjährten Tannen schwebet! kein feindseliger Sturm müße je durch diese ruhige Dämmerung fahren. — Ich will hinein gehen. —

Hier ist der wundersame Baum, der von obenher seinen Ursprung genommen hat, seine Wurzeln kriechen an Felsen. — Sie haben einen bequemen Sitz geflochten; ich will hier ruhen — Sein Stamm neiget sich unter mir herunter, als wollte er der Erde seiner Mutter danken, die ihm Nahrung auch ausser ihrem Schoose reichet! Aber er hebt sich wieder von der Mitte empor. Sein Saamen wuchs wie der Gedanken des Weisen, von sich gegen die Erde, und von der Erde gegen den Himmel. — Hier ist der Sitz der Begeisterung, hoch von Natur, nicht durch Zwang und Uebermuth, abseits vom Getümmel, ungebahnt für träge Unwissenheit, weit erhaben über die Denkmäler der Ueppigkeit und Herrschsucht, worunter die niedern Seelen wie Gewürme im Schutthaufen herum kriechen. Die Spitze der Thürme, die falsche Hoheit in die Luft gehoben hat, um über Mitmenschen hinaus zu sehen, reichen nicht zu meinen Füßen. Ich bin verborgen und sicher. Voll erhabener Wildheit hangen die Zotten des Reisicht über mir her; und ewig grünende Fichten streuen ehrwürdige Schatten auf den Felsen, dessen bemooste Höhlung mir zur weichen Lehne dienet. Horchende Stille wachet einsam in diesem Tempel der Schöpfung, den nie unheilige Blicke entweyhten; denn der Pöbel verirret sich nicht in dein Heiligthum, o Natur! Dein Freund ist der einsame Dichter, der aus dem Gedränge verscheuchet, dem Felsen die Gefühllosigkeit seiner Mitmenschen klaget. Hier ist das Vaterland meiner Empfindungen, hier ists, wo mein Geist, in die Zaubergegend der Dichtkunst hingerücket, von dem Nektar der begeisternden Weisheit kostete. — Kommet ihr ländlichen Kamönen, einzige Trösterinnen meines Lebens! reichet mir noch einen stärkenden Trunk und weyhet mich euren Geheimnißen ein; schließet mir eure verborgenen Schätze auf: ich will mit Popen und St. John die Kleinigkeiten der Welt dem niederen Ehrgeize und dem Stolze der Könige lassen. In euren liebvollen und freundlichen Wohnsitz will ich vergessen, daß es störische und harte Menschen giebt; in Unschuld und Ruhe, in Gesundheit und Freyheit will ich künftig meines Lebens froh werden. Mäßigkeit wird die Bewegungen meines Geblüts besänftigen, und mein Herz nur den gereinigten Empfindungen der Natur und Menschenliebe offen seyn. In einer ruhmlosen Hütte will ich ein redliches Alter erreichen, unbeneidet, genügsam und sicher. Verborgen vor dem Hof sollen meine Tage so still und ruhig dahin gleiten wie die kleinen Silberwellen durch das einsame Veilchenthal. Nie wird ihr heller Boden von kriegerischen Rossen zerwühlet, nie ihr klares Naß von schwärmenden Städtern trübe gemacht. Bey einem stillen häußlichen Glücke will ich zwischen Lilien und Rosen, den Spuren der Unschuld und Liebe treten, und auf den sanften Boden der Natur wandeln. Dort wo Gebüsche unter hangenden Felsen den Eingang mit feyerlicher Dämmerung decken, in der träumerische Grotte wird mich meine Muse in süsse Begeisterung einschlummern. Oft werde ich den einsamen Hügel besuchen, wo mein Herz hinschmolz, und mein Geist in sanfte Wehmuth zerfloß. Oft werde ich am Abend empfindungsvoll mich unter den Schatten eines Baumes vergessen. Oft wird zum Dank der Wohlthaten meines Schöpfers, oft zum Andenken meiner Freunde eine zärtliche Thräne auf den blumichten Hügel hingleiten, worauf ich mein Haupt stütze; dann wird aus der nahen Hütte meine fromme Gattinn kommen, und meiner Empfindung den stillen Beyfall in ihren sanften Blicken zulächeln; sie wird mit ihrer Hand mein gerührtes Herz fühlen, und mit mir die erhabene Wollust der Zärtlichkeit und tugendhafter Gesinnungen theilen. An ihrem Arm will ich — — Süsser Traum! Von welch entzückenden Vorstellungen ward mein Geist betrunken! Hab Dank, wohlthätige Muse! Daß du Mitleid mit meinem Schicksale hast, und Oel in meine Wunde gießest. Begeistre mich mit Hofnung; wenn auch in dem Rathschluße des Ewigen mir nie so ein schmeichelhaftes Glück sollte vorbehalten seyn. Gott, du kannst kein Mißfallen an unschuldigen Wünschen deiner Geschöpfe haben; du selbst hast den Trieb zum Vergnügen tief in ihre Herzen gepflanzet, du hast sie zur Glückseligkeit bestimmet. Du magst diese Bestimmung hier schon oder dort erfüllen; ich will sie mit Dank zum voraus empfinden, und mich durch die Hofnung der Zukunft mit Standhaftigkeit für das Gegenwärtige bewaffnen. Ich hoffe und wünsche; — aber, Herr! was du thust, ist gerecht; sollte auch hienieden mein Leiden beschlossen seyn. In der Schule des Unglücks verlernet man Leichtsinn und Thorheit, und vor den Blicken des Geistes verschwindet der Nebel, der die höhere Aussicht verdunkelt. Mich stärket der grosse Gedanken der Ewigkeit, wodurch mein Geist, vom Staube ungesättiget, sich mit dem Vorgeschmack der Seligkeit nähret; mich tröstet die Hoffnung, daß meine Seele, durch Trübsale gebessert, sich von eingebildeten Bedürfnissen entwähne, und einst zum Genuße deiner Wohlthaten fähiger seyn wird. Die sanfte und stille Landlust, Unschuld und Einfalt, diese schöne Natur, die so voller Spuren der Liebe ist, und die Erinnerung, Herr! daß ich mich bestrebet habe, dir zu gefallen und rechtschaffen zu seyn, o die wird mir jedes Ungemach meines Lebens versüssen. In deiner Vorsicht will ich mich ganz beruhigen; keine Klage wider den Lauf der Dinge soll jemals meinen Lippen entfahren; mit einem Blicke in deine göttliche Weisheit werde ich alle menschliche Thorheit vergessen, und wie leicht vergesse ich dann auch das Glück der Welt, — das mich bisher getäuscht hat.

Illustration from Empfindungen aus meinem Leben
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