← Table of contents
Empfindungen aus meinem Leben

Die Quelle des Unmuths.

Reading edition

Flieht, flieht ihr melancholischen Schatten! soll nie ein Schimmer zufriedener Hoffnung durch meine finstere Seele dringen? Mein Blick mit schwerer Sehnsucht immerhin zu Boden sinken? Soll mein Gesicht sich stets in Wolken hüllen — nie lächeln? — Weg, weg schleichender, unwürdiger Trübsinn! — Dort im Thale, wo würbelnd, grüne Dunkelheiten das Aug mit angenehmen Phantasien täuschen, wo eine heimlich anziehende Kraft mich mir selbst, und meinem Grame entäußert; der Bäche leises Gemurmel, das sich labyrintisch unter Stauden verbirgt; der kunstlosen Sänger freyere Conzerte, und die rührenden Gemälde der Natur sollen dort den in sich geschrumpften Geist zur Heiterkeit öffnen, und durch die besänftigten Sinnen in das empörte Herz Frieden, und Erquickung flößen. Dort herrschet der edlen Einfalt glückliche Ruhe; Gesundheit träufelt von bethauten Früchten, und dustet aus dem ländlichen Boden; Genügsamkeit, und harmonische Freude sumset fern durch die Tiefe des Waldes. Die kleineren Geschöpfe, zu klein von Thoren gesehen, zu groß von Weisen begriffen zu werden, locken das junge, benachbarte Echo. Ueber Blumen gauckelnd oder über die leichten Spitzen des Grases, ruffen sie der mütterlichen Natur Dank zu, und ihrem Schöpfer verständig, frolocken ihre Sprachen durch die munteren Gefilde — und ich allein, o mich verworffenen! Ich soll durch schmachtenden Unmuth diese blühenden Triften entweihen? Wie, wann sich die Sonne den Blumen entzieht, die schüchterne Nacht den Boden schwärzet, so verfinstern meine trüben Blicke die jugendliche Röthe. Auf den Wangen Rosen, und im Herzen Dörner; unfühlbar gegen die stillen Reize der Schöpfung, soll ich so manchen Frühling ohne Genuß verblühen sehn? Nein! so tief soll mich mein Schicksal nicht beugen. Wenn schon die größere Welt mir ihre Freuden versaget, so seyd doch ihr, ihr Freuden der Schöpfung, Für alle Menschen geschaffen!

Ruhig fließet der Bach durch den Rinnsal, der ihm in dem allgemeinen Plane der Schöpfung ausgezeichnet ist. Von wirthlichen Schatten umwölbt, erfrischet sein hellbrauner Grund das Auge des Wanderers, der sich in den Spiegel hinabneiget, sein frisches Naß in den lächzenden Gaumen zu schlürfen. Sanft gleitet er über Kiesel dahin, und tragt Blüthen, und Wohlgeruch auf seiner gekräuselten Silberfläche.

So fließen die Tage des Weisen in stiller Genügsamkeit fort: dankbar nimmt er die Freuden mit sich, die ihm die wohlthätige Natur auf seinem Pfade darbeut; voll Sanftmuth und Liebe führet er seine nach Glücke dürstende Mitmenschen zu jener Quelle, aus welcher er itzund Zufriedenheit schöpfet, und von der sie so oft sich verirren; dadurch verdoppelt er sein Vergnügen, genießet, was er andern mittheilet, und ist glücklich. Der Thor feindet die Natur an, irret heißhungerig durch Rosengebüsche, und ritzt sich an Dörnern: tückische Leidenschaften verfinstern seine Seele; schleichen aufrührisch in das Geblüt, und ersticken daselbst die sanfteren Empfindungen.

Mürrisches Geschöpf! sieh die Natur in ihrer zweckvollen Thätigkeit! wie willig jeder Theil an das Ganze sich schmieget! welche Richtigkeit in ihren Durchkreutzungen! welche Harmonie in ihrer Manigfaltigkeit! Soll diese, in allen übrigen eine weisheitsvolle Wohlthäterinn, gegen den Menschen allein Stiefmutter seyn? Willst du Kurzsichtiger, dich unter das Gestirn setzen, um über Elemente zu richten? Willst du dich erkühnen in den allerweisesten Plane der Schöpfung Verbesserungen vorzuschlagen? du, der du allein demselben entstehest! Reiße das Unkraut aus deinem Herzen; bringe deine Triebe in Richtigkeit, und versöhne dich mit der Natur — mit dir selbst. In dir ist die Quelle, aus welcher, wenn sie Eigensinn, und Stolz trübe gemacht, schwarze Galle, Unmuth, und Verzweiflung fließen. Deine trübe Seele sieht dann auf alles, was um sie ist, wie durch ein gefärbtes Glas. Dir lächelt der Frühling vergebens; dir düften die Blumen nicht mehr; dein Ohr ist jeder Harmonie verstopfet; du stampfest unwillig auf den Boden, und zerquetschest die schönsten Blumen, die sich sanft unter deine Füsse geschmieget. Armer Unglücklicher! wie ist dir zu helfen, da du mitten in den Scenen der Anmuth den eckeln Spröden spielest? Nimm deine Einbildungskraft zu Hülf, baue dir eine andere Welt, und sey glücklicher, als du hier seyn könntest — wenn du klug wärest.

Illustration from Empfindungen aus meinem Leben
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings