Die Zauberlaterne.
Reading edition
Franzens zehnter Geburtstag nahte, und er hatte die Erlaubniß erhalten, mehrere Freunde dazu bitten zu dürfen. Er versprach sich unendliches Vergnügen davon, und eine feierliche Einladung war auch schon von ihm an die Schwestern ergangen, der muntern Versammlung bei zu wohnen. Bertha hatte unbedingt zugesagt, und jubelte, mit Franzen darin wetteifernd, – bei der frohen Aussicht auf jenen Tag, der sich von Früh bis Abend durch seine angenehmen Ereignisse auszeichnen würde. Besonders wurden für die Abendstunden, in welchen der Gespielenkreis sich versammelte, viele schöne Pläne zum gemeinschaftlichen Zeitvertreib entworfen, und Bertha half dem Bruder emsig, unter seinen Spielkram Alles hervor zu suchen, was zu jenem Zweck tauglich war. Manches bedurfte einer Verbesserung und Wiederherstellung, und Franz der kleine Tausendkünstler unternahm selbst hie und da eine derselben mit Erfolg, wegen anderer schickte er die sanfte Emma als Fürsprecherin zur Mutter, und diese willfahrte der schmeichelnden Bitte, und setzte das verdorbene Spielzeug mit eigener Hand, oder durch fremde Hülfe in bessern Zustand. Zu seiner Freude fand er aber seine Zauberlaterne ganz unversehrt, und von dieser Unterhaltung versprach er sich besonders viel Spaß. Er besah mit den Schwestern die zwölf, auf Glas gemalten Vorstellungen, welche theils Begebenheiten aus der biblischen, theils aus der Weltgeschichte, theils auch aus dem Kinderleben enthielten, und sah sie schon im Geist auf dem weißen, an der Wand aufgespannten Tuch in vergrößerter Gestalt, und in heller Beleuchtung erscheinen. Es war an keinem ein kleiner Schade zu sehen, und Franz packte sie wieder vorsichtig in das, dazu bestimmte Kästchen wobei er äusserte: er wolle noch diesen Abend einen Versuch mit der Zauberlaterne machen, um sie dann recht geübt zum Vergnügen seiner Freunde benützen zu können. Zu dem Ende stellte er sie nicht wieder in den Spielschrank, sondern trug sie in das Kinderzimmer. Herr Werthlieb, der Lehrer hatte unsern Franz in der Nachmittagsstunde diesmal eine so große Aufgabe ertheilt, daß dieser den größten Theil des Abends auf dessen Stube bleiben und arbeiten mußte. Dies war Bertha noch unangenehmer als dem Knaben selbst, denn sie hatte sich schon sehr auf die Probe mit der Zauberlaterne gefreut; und als Franz immer nicht kommen wollte, schlich sie sich mit einem brennenden Wachsstock ins benannte Stübchen, nahm die Laterne aus dem Kasten, zündete das Lämpchen an, und hing eine weiße Schürze von der Magd an ein paar Schrauben, die sich in der Wand befanden. Ihre Hast und Unbedachtsamkeit, mit der sie Alles unternahm, brachte auch hier vielen Schaden; der Oelinhalt des Lämpchens wurde zur Hälfte in die Laterne geschüttet, und auch der Boden etwas damit befleckt, und als Bertha zwei der schönsten Vorstellungen – es war der verlorne Sohn, wie er reuig zum Vater zurückkehrt, und von diesem zärtlich begrüßt wird, und dann ein spielender Kinderkreis, wo Knaben und Mädchen sich auf schuldlose Weise vergnügen – als Jene nun die beiden Gläser ungeschickter Weise hinein schob, erhielt das erste einen tüchtigen Sprung, beim zweiten blieben Bertha die Stücke in den Händen. Erschrocken packte sie eilig alles zusammen, löschte die Lampe aus, und machte sich aus dem Staube. Als nun Franz vom Lehrer entlassen war, wollte er ohne Aufschub das erwähnte Vorhaben ausführen – aber welch eine Entdeckung mußte er machen! Er schlug einen gewaltigen Lärm auf, und verlangte von der eintretenden Magd zu wissen, wer im Zimmer gewesen, und das Unheil angestellt habe. Anna hatte Bertha nur noch ein wenig im Entfliehen erblickt, und war gerade nicht gut auf Emma zu sprechen, weil ihr diese einen verdienten Tadel sehr übel genommen hatte; ohne also sich zu bedenken, nannte sie Leztere, da sie auch in der Schnelligkeit die Schwestern nicht unterscheiden konnte. Mit den zerbrochenen Gläsern in der Hand, und mit nassen Augen rannte Franz ins Wohnzimmer, und stellte Emma sehr derb und heftig zur Rede, drohte auch, sie bei der Mutter zu verklagen. Bertha kam dazu, noch ehe Jene zu ihrer Vertheidigung etwas gesagt hatte, und rief, als sie lezte Aeusserung noch hörte: »Mit Nichten Herr Bruder! Nicht Emma, sondern ich habe mir Deine Ungnade zugezogen, mich mußt du verklagen. Komm nur gleich, komm!« Bei diesen Worten ergriff sie ihn am Arm und zog ihn mit fort zu der mütterlichen Richterin, die im Speisegewölb beschäftigt war. Hier gestand sie nun offen was sie begangen hatte, verschwieg auch den verdorbenen Stubenboden nicht, und erhielt den verdienten Verweiß, mit dem Zusatz: daß sie zur Strafe bei Franzens Geburtstagsfeier ausgeschlossen seyn sollte. Dieser Ausspruch kostete ihr viele Thränen, jedoch sie wagte nicht, dagegen Etwas einzuwenden. Emma aber von Bertha's Ehrlichkeit gerührt, ließ mit Bitten nicht nach, bis Mutter und Bruder dieser verzieh, und Frau von Falkensee, welche auch ihres Töchterchens Aufrichtigkeit im Stillen erfreute, nahm ihr strenges Verbot mit der Bedingung zurück: daß Bertha an Franzen's Festabend die Schranken mädchenhafter Schicklichkeit nicht übertreten dürfe; ausserdem sogleich auf ihr Zimmer verwiesen würde; sie versprach es, und Emma hielt ein wachsames Auge über das Schwesterlein, damit durch dasselbe keine Störung des allgemeinen Vergnügens erfolgte.