Der ungerechte Verdacht.
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Nach einiger Zeit erging an Emma und Bertha eine Einladung zu Frau Rutland welche auch zwei Töchterchen in fast gleichem Alter besaß, und diesen einmal eine große Mädchengesellschaft einladen wollte. Sie entschloß sich selten dazu, denn bis zur Uebertreibung an Reinlichkeit und Ordnung gewöhnt, war ihr schon deshalb eine Versammlung fremder Kinder in ihrem Hause etwas Aengstliches, und die ihrigen standen unter so strenger Zucht, daß die Armen ihre Kindlichkeit beinahe dabei einbüßten. Sie mußten sich immer wie Erwachsene betragen, und dies verlangte denn auch Frau Rutland von fremden jungen Leuten. Als daher obige Aufforderung erschien, erschraken Emma und Bertha, statt daß sie sich freuten, und hätten jene gerne abgewiesen; allein der Major, welcher mit Frau Rutland hie und da zusammen kam, und auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit ihr stand, gab seine Einwilligung nicht dazu, sondern ermahnte vielmehr seine Töchterchen, sich ja recht bescheiden und anständig zu betragen. Es war das erstemal, daß Emma und Bertha zu Frau Rutland kamen, und sie mußten, wie schon gar oft, auch nun von dieser, und von einer Verwandten derselben, die bei ihr war, viele Aeusserung des Erstaunens über die ausserordentliche Aehnlichkeit, die bei ihnen Statt fand, anhören. Indessen ging es Anfangs recht gut. Die Bewirthung war trefflich, die Behandlung freundlich, und nach genoßenem Thee wurden am Tisch mehrere Kreisspiele vorgenommen. Emma fiel es nicht schwer, der älterlichen Ermahnung eingedenk, still und ruhig sich zu benehmen, aber Bertha hatte gerade wieder an jenem Abend eine recht ausgelassene Laune; sie mußte ihrem unwiderstehlichen innern Drang folgen, und wenigstens ihre Nachbarin immer ein wenig insgeheim necken; bald versteckte sie ihr dies und Jenes beim Spiel, bald versuchte sie, dieselbe wenn sie ernsthaft seyn wollte, zum Lachen zu bewegen, bald suchte sie des Käzchen, das im Zimmer war, habhaft zu werden, und brachte es dem, neben ihr sizenden Dorchen, welche es nicht leiden mochte, ein wenig nahe – kurz sie konnte nicht ruhen, obgleich ihr Emma einmal übers anderemal einen strafenden Blick zu warf. –
Eine, Frau Rutland recht zur Unzeit kommende Aufforderung, nöthigte diese, noch am nämlichen Abend mit ihrer Baase auszugehen, und nur die Magd blieb zur Aufsicht über die kleine Mädchen-Versammlung; doch weder diese konnte ihr Ansehen behaupten, noch auch die Töchter vom Hause dem allgemeinen Verlangen sich kräftig genug widersetzen, kurz – es wurden, gegen Frau Rutlands Verbot, nun wildere Spiele vorgenommen. Es kam: wie gefällt dir dein Nachbar, Kämerchen vermiethen, blinde Kuh u. d. gl. zum Vorschein; und der Abend verstrich vollends der lieben anwesenden Jugend recht angenehm.
Allein der folgende Tag verbitterte die genoßene Freude, wenigstens bei unsern Zwillingsschwesterchen. Es erschien nämlich Frau Rutland in dem Hause der Majorin, und wünschte diese zu sprechen; sie war aber mit Bertha ausgegangen, um den Töchterchen einen neuen Strohhut zu kaufen. Emma empfing Jene mit aller der Artigkeit, die Frau Rutland von einem 3jährigen Mädchen erwarten konnte; demohngeachtet wurde sie von derselben so heftig angelassen, daß die Arme gewaltig erschrack, und sich ganz verbleichte. Die leidenschaftliche Frau kehrte sich jedoch nicht daran, sondern versicherte der Zitternden: daß sie zum ersten und leztenmal in ihrem Hause gewesen sey, und daß sie nur gekommen wäre, um einen Ersatz für den Schaden, den ihr Emma gestern angerichtet habe, zu verlangen. Nach der Aussage der Magd hätte nämlich durch sie im wilden Spiel, der Spiegel im Zimmer einen Sprung erhalten, »und dann habe ich wohl gesehen,« – fuhr Frau Rutland mit gesteigerten Zorn fort – »wie du unartiges Mädchen beim Theetrinken mit deiner Nachbarin immer unnützes Zeug triebst, so daß Jene, einmal von dir gestossen, ihre Tasse, halb auf den schönen Teppich verschüttete, und diesen dadurch verdarb. Für beides muß ich nun entschädigt werden.« – Emma brach in Thränen aus, und wußte sich nicht zu helfen; reinigte sie sich von dem Verdacht, so mußte Bertha darunter leiden, doch schmerzte es sie bitter, ganz unschuldig von Frau Rutland mit so harten Vorwürfen belastet zu werden. Indem schellte die Klingel; Emma flog zur Thüre hinaus, sie hoffte auf der Mutter Rückkehr, und wirklich nicht vergebens. Frau v. Falkensee erschien, und Bertha wollte jubelnd der Schwester das neue Strohhütchen zeigen; blieb aber, gleich einer Bildsäule, vor ihr stehen; als sie Thränen über ihre Wange perlen sah. Emma konnte nicht verhehlen was sie schmerzte; da stürmte, noch während sie, von Schluchzen öfters gehemmt, erzählte, Bertha ins Zimmer, und rief, indem lachender Unwille ihre Wangen mit einer Purpurglut übergoß: »Hören sie, Emma saß nicht neben Dorchen Wider, sie haben ihr Unrecht gethan, ich war Dorchens Nachbarin, und erinnere mich wohl, daß diese ihre Tasse verschüttet hat, ich bin Schuld, wenn der Teppich dadurch verdorben wurde. Von dem Sprung im Spiegel weiß ich aber nichts, doch Emma ist behutsamer als ich; wenn die Magd sahe, daß eine von uns beiden an den Spiegel stieß, so war ich es in meiner Unbedachtsamkeit; sie haben Emma vollkommen Unrecht gethan, hören sie wohl!« Frau v. Falkensee vernahm Bertha's starke Stimme vor dem Zimmer, und eilte hinein die heftige Kleine zur Ruhe zu verweisen. Während sie jedoch mit Frau Rutland sich benehmen wollte, eilte Bertha an ihre Komode, nahm ihre Sparbüchse heraus, näherte sich damit Jener und sagte im sanfteren Ton – denn schon war ihre Hitze vorüber: »Liebe Frau Rutland, nehmen Sie hier Alles was ich vermag, es reicht doch wenigstens hin, ein neues Spiegelglas zu kaufen, und wegen dem Flecken auf dem Teppich, will ich Hrn. Werthlieb um sein Mittel, befleckte Sachen zu reinigen bitten; gewiß der Schade wird auch wieder zu verbessern seyn.« – Dann fiel sie Emma, die noch immer sehr bewegt in einer Ecke stand, mit nassem Blick um den Hals und bat schmeichelnd: »Vergieb Herzensschwesterchen, daß ich dir durch meine Unarten diese unverdiente Kränkung zuzog, ich will gewiß besonnener werden.« Frau Rutland wurde durch Alles was sie sah und hörte, ganz betreten; die Majorin aber gebot den Kindern, sich zu entfernen. Als diese gehorchten, äusserte sie nun ihre gerechte Empfindlichkeit über Frau Rutlands schonungsloses Betragen gegen Emma, ohne Bertha rechtfertigen zu wollen, und erbot sich zu den verlangten Schadenersatz. Jene aber, durch Bertha's Schwesterliebe, welche leider bei ihren Töchterchen nicht zu finden war, wunderbar ergriffen, wollte nun nichts mehr von einer Entschädigung wissen, sondern suchte jezt selbst die Verzeihung der Baronin zu erhalten, und entfernte sich bald möglichst. Bertha behielt nun zwar ihr kleines Vermögen, aber einer strengen Rüge der Mutter konnte sie nicht entgehen, welche sie im Gefühl ihres Unrechts demüthig hinnahm, und Besserung gelobte; wirklich nahm sie sich künftig in fremden Umgebungen weit mehr zusammen, um bei einer möglichen Verwechslung Emma wenigstens nimmer zu schaden.