Belohnte Gastfreundschaft.
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Kaum war, nach einem 6monatlichen Aufenthalt der Tante Hildegard, das Gaststübchen leer geworden, so wurde es auf der gutmüthigen Bertha Veranlaßung wieder besezt. Sie besuchte an einem Nachmittag ihre Freundin Malwina, und nachdem sie einige Stunden vergnügt bei ihr zugebracht hatte, wollte sie wieder nach Hause kehren. Es war Dämmerung, der Regen plätscherte aus den Wolken hernieder, und dabei stürmte es so gewaltig, daß Bertha kaum den kleinen Regenschirm, der sie schützen sollte, erhalten konnte. Zulezt riß ihr ihn wirklich ein Windstoß aus der Hand, und jagte ihn an den Rand einer Brücke, über die gerade das Mädchen mühsam schritt. Erschrocken sah sie dem Fliehenden nach, und gewahrte, daß ein Wanderer auf ihn zulief, ihn glücklich erhaschte, und Bertha für die Eigenthümerin erkennend, denselben zustellte. Sie dankte ihm freundlich, er aber erbot sich, da seine Kräfte eher zureichten, den Schirm über sie zu halten, und sie nach Hause zu begleiten. Die Kleine nahm es dankbar an, und versicherte dem jungen Mann ihre Theilnahme, da von seinem Reisehemd und seinem Ränzchen das Wasser immerwährend herunter troff. »Wäre ich nur gesund;« versezte der Wandersmann; »dann würde mich der Regen wenig kümmern, aber ich wollte lieber zu Bette liegen, als in der Nässe herum waten.« Bertha schaute ihn mitleidig an, und sagte: »Armer Mann! wie bedaure ich Sie! Geht denn die Reise noch weit?« Jener erwiederte: »Ei freilich noch mehrere Meilen habe ich zurückzulegen, bis ich in meine Heimath komme.« Bertha's Neugierde und Theilnahme stellte noch viele Fragen an ihren Begleiter, und so erfuhr sie denn: daß er der einzige Sohn reicher Aeltern sey und auf der hohen Schule seines Wohnorts die Theologie studiere, daß er in den Feiertagen entfernte Verwandte besucht habe; auf der Rückreise krank geworden sey und seine ganze Baarschaft, bis auf einen kleinen Rest dadurch aufgezehrt hatte. Noch nicht völlig erholt, wollte er doch weiter wandern, allein im lezten Dorf sey er wieder liegen geblieben, was die lezten Gulden vollends gekostet habe. Nun wisse er nicht einmal, wo er diese Nacht ohne Geld als Fremder eine Unterkunft finden würde. »Ach wüßte meine gute Mutter, in welcher Verlegenheit sich ihr Heinrich befindet, wie würde sie sich grämen und ängstigen!« fügte er am Schluße seiner Mittheilungen tief seufzend hinzu. Auch Bertha seufzte mit, und in ihrer Seele entstand ein Entschluß, den sie nicht als unausführbar verwerfen konnte und wollte. Sie kannte ja die Menschenfreundlichkeit ihrer Aeltern, und hoffte, keine Fehlbitte zu thun, wenn sie dem Reisenden ein Obdach in ihrem Hause für diese Nacht von Jenen zu verschaffen suchte. In ihrer Wohnung angelangt, bat sie den Wanderer auf dem Vorplaz ein wenig zu verziehen, flog ins Wohnzimmer, wo auch gerade der Vater zugegen war, und erzählte mit eiligen Worten des Fremden gefälliges Benehmen gegen sie, und seine Noth. Augenblicklich wurde ihm die Thüre geöffnet, und es verging keine Stunde, so war er in der Familie einheimisch, und wie ein Glied derselben von Allen betrachtet. Besonders schloß sich Franz herzlich an ihn an, und auch der Major und seine Gattin fanden Gefallen, an dem gebildeten, sittlich guten Jüngling. Aber ach, der Arme war noch nichts weniger, als gesund, und schon die erste Nacht brachte er in einem fieberhaften Zustande, zu. Am andern Morgen wurde der Arzt gerufen, und er erklärte den Kranken für bedenklich. Man kann sich die Sorge der Falkensee'schen Familie denken, und Bertha weinte manches Thränchen; denn die Mutter ihres Gastes, welche dieser mit so begeisterte kindlicher Liebe geschildert hatte, lag dem guten Mädchen immer im Sinn, und sie dachte sich lebhaft ihren Gram, wenn sie den geliebten Sohn in der Ferne verlieren sollte. Zu seiner Rettung und Pflege wurde nun Alles aufgeboten, und die Kinder wetteiferten mit den Aeltern darinnen. Namentlich ließ es sich Franz nicht nehmen, seinen neuen Freund treu zu bedienen; Bertha aber übernahm emsig alle Geschäfte, die ihr angemessen waren, und nur aus schwesterlicher Gefälligkeit überließ sie zuweilen Emma eines oder das andere. Heinrich genaß, und sobald es ihm von dem Arzt erlaubt wurde, berichtete er in einem Brief seine Aeltern von seinen gemachten frohen und traurigen Erfahrungen, wobei natürlich die Aufnahme und Behandlung welche ihm im Falkensee'schen Hause zu Theil geworden war, hoch von ihm gerühmt, und mit den lebhaftesten Farben geschildert ward. Bald erschien von Volkmar – so hieß Heinrichs Vater – ein Antwortschreiben voll Aeusserungen des innigsten Dankes gegen die Wohlthäter seines Sohnes, und auch das, von dem Jüngling erbetene Geld zur Rückreise und zur Bestreitung noch anderer Ausgaben, hatte Jener beigelegt. Es war gerade Messe, als es anlangte, und nun wußte Heinrich nichts angelegentlicheres zu thun, als mit Franz und seinen beiden Schwestern den Markt zu besuchen; denn es glühte in ihm das Verlangen: den kleinen Freunden thätige Beweise seiner Dankbarkeit zu geben. Auch für Frau v. Falkensee kaufte er einen geschmackvollen Seidenzeug zu einem Kleid, für den Baron einen schönen Pfeifenkopf, für seine Lieblingsschwester Bertha (wie er sie öfters gegen Franz nannte) goldne Ohrenringe, welche aus kleinen bunten Juwelen ein niedliches Blümchen bildeten; Emma sollte einen Wollenhacken von Silber erhalten, und Franz eine reich eingerichtete Brieftasche.
Jugendliche Ungeduld ließ Heinrich die Nachhausekunft nicht erwarten; nein schon auf dem Markt theilte er die Geschenke an die Geschwister aus. Aber im Gewühl der Menschen Menge verwechselte er, was ihm auch auf dem Krankenbette öfters wiederfahren war, die, sich so ähnlichen Zwillingsschwestern; und Emma erhielt, was er für Bertha bestimmt hatte, diese, was Jene erhalten sollte. Erst als zu Hause den Aeltern Alles jubelnd von den Kindern gezeigt wurde, bemerkte Heinrich den Irrthum, und zwar mit wahrem Schmerz; denn obgleich er Emma's Vorzüge einsah, und sie deshalb ebenfalls brüderlich liebte, so war er doch Bertha einen größern Beweiß seiner dankbaren Anerkennung schuldig. Ihrer Vermittlung hatte er ja die gastfreie Aufnahme im Hause der Aeltern zuzuschreiben, sie befreite ihn damals aus einer großen Noth und Verlegenheit und erzeigte ihm später viele, freundliche Dienste. Er klagte Franz was geschehen war, und bat ihn: die Schwestern auf irgend eine Weise zu einem Tausch zu bewegen; doch noch ehe dieser seinen Auftrag ausrichten konnte, trat Emma, die schon Ohrenringe besaß, Bertha die neuerhaltenen ab, und nahm dagegen den Wollenhacken; denn ihr richtiges Gefühl sagte ihr, daß nicht sie, sondern Jene das werthvollere Geschenk von dem lieben Gast verdient habe. Wie freute sich dieser als er nach einigen Tagen Bertha im Besitz des ihr bestimmten Eigenthum's erblickte. Doch die erhaltenen schönen Sachen waren nicht die alleinige angenehme Folge der, von der Falkensee'schen Familie bewiesene Gastfreundschaft. In Heinrichs Wohnort lebte ein böser Schuldner des Majors, von dem er, trotz alles Mahnen's die geliehene Summe nicht bekommen konnte. Der Vater des wackern Jünglings war ein geschickter Rechtsgelehrter, und sobald der Sohn im älterlichen Hause die Freuden des Wiedersehens genoßen hatte, war es eine seiner ersten Bemühungen, die Angelegenheit des Barons dem Vater zur baldigen und erfolgsreichen Besorgung anzuempfehlen. Volkmars getroffenen Maßregeln gelang es, die genügte Zahlung zu bewerkstelligen, und nun konnte er es nicht versagen, die, schon für verloren geachtete Summe Falkensee selbst einzuhändigen, und die edlen Menschen kennen zu lernen, welche seinem Sohn so viel Gutes erzeigten. Der Vater des, von Allen geliebten Heinrichs wurde aufs freundlichste empfangen, und auch gegen ihn jede Pflicht der Gastfreundschaft treu und freudig geübt. An einem Abend, als der Major und Volkmar bei einer Pfeife Taback beisammen saßen, und traulich von diesem und jenem schwazten, kam das Gespräch auf ihre Jugendjahre, und nun ergab sichs: daß sie beide als Knaben eine Schule besuchten. Man rief sich allerlei lustige und verwegene Streiche ins Gedächtnis zurück, welche damals zu Schulden kamen, und unter andern erwähnte der Major einer Lebensgefahr, in welche ihn und andere, Knaben-Uebermuth gebracht hatte. Es zog nämlich einmal im Winter, wo es kaum ein paar Nächte gefroren hatte, eine Schaar wilder Jungen auf einen nahen Teich, der nur mit dünnem Eis überzogen war, und wollten darauf Schlittschuh laufen. Falkensee war der erste, der es versuchte, und – siehe da – des Wassersspiegels Decke krachte, jener plumpste hinein, und würde ertrunken seyn, wäre nicht ein entschlossener Knabe herbei gesprungen, und hätte jenen gerettet. »Was!« – rief Volkmar, das waren Sie? Ach so habe ich meinem Sohn einen Wohlthäter am Leben erhalten. Wunderbarlich sind die Führungen Gottes! – Wohl erinnere ich mich der Begebenheit fuhr er fort, aber die Furcht vor der Strafe bestimmte mich, damals bei der Sache mich ganz stille zu verhalten, und so blieb mir der Name des Schülers, der überdies mit mir nicht die nämliche Claße besuchte, unbekannt. Auch Falkensee staunte, und er und alle die Seinigen, (als sie die Begebenheit hörten,) waren tief gerührt. Jener aber sezte noch hinzu, der Schrecken, den das kalte Wasserbad bei mir verursachte, benahm mir in den ersten Stunden das deutliche Bewußtseyn, und nachher waren – wie es bei Kindern gewöhnlich der Fall ist, die nähern Umstände des Ereignisses gar bald vergessen. Späterhin aber dachte ich öfters an meinen Lebensretter, und wünschte ihn zu kennen. Meine Mitschüler konnten mir jedoch keinen Aufschluß geben, und so war es mir für diesen Augenblick aufbehalten, mich dem Edlen zu nähern, jezt erst den Dank gegen ihn auszusprechen, den ihm schon früher mein Herz weihte. »Stille, stille!« fiel ihm Volkmar ins Wort. »Dem Vater ist Alles abgetragen worden, was der Mitschüler etwa einst verdient hatte.« Und nun zählte er wiederholt alles Gute auf, was sein Sohn in dieser Familie genossen hätte. Daß Bertha dabei zu erwähnen nicht vergessen wurde, läßt sich denken; doch Volkmar verwechselte sie sehr oft, und auch gegenwärtig mit Emma, die aber bescheiden dann immer zurück wich, und der Schwester das erhaltene Lob abtrat.
Nach einigen Wochen reißte Volkmar wieder ab; in der spätern Zeit werden wir indeßen ihm und seinem Sohne, nur unter andern Verhältnissen, in dieser Geschichte wieder begegnen. Bis dahin nehmen auch wir freundlich Abschied von ihnen.