Die Wette.
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Herr v. Falkensee sparte nichts, seinen Kindern eine vorzügliche Ausbildung geben zu lassen. In Allem wozu sie Lust und Anlage hatten, ließ er sie unterrichten, und jedes von ihnen war auch von der Natur mit einem hervortretenden Talent begabt worden. Franz verfertigte artige Verse in deutscher und lateinischer Sprache – eine Gabe, welche vom Vater, der ein sehr guter Dichter war – ihm angeerbt schien. Bertha machte im Spiel auf dem Flügel gute Fortschritte, und Emma gab Hoffnung eine geschickte Zeichnerin zu werden.
Einstmals, als der Geburtstag der Mutter wiederkehrte beschenkte Emma Erstere mit einem, von ihr recht schön gezeichneten Blumenstraus, und erreichte auch ganz ihre Absicht damit, Jene zu erfreuen. Jedem, der an diesem Tage zu ihr kam, zeigte sie denselben, und die kleine Künstlerin erhielt das verdiente Lob. – Am Abend aber hatte der Major zur Feier des Festes eine große Gesellschaft eingeladen, und in dieser Versammlung mußte auch Bertha ihr Talent zeigen. Der zärtliche Gatte hatte zu Ehren der lieben Geburtstägerin einen schönen Rundgesang gedichtet, welcher von der Gesellschaft an der frohen Tafel abgesungen, und den Bertha, nach des Vaters Wunsch und Willen, mit ihrem Spiel auf dem Flügel begleiten mußte, was ihr auch zur allgemeinen Zufriedenheit gelang. – Unter den anwesenden Gästen befanden sich zwei junge Künstler. Sie waren Brüder, und Söhne eines Freundes des Barons, welcher ihnen, um des Vaters Willen, nicht nur den Zutritt in sein Haus gestattete, sondern ihnen auch schon manche große Gefälligkeit erzeigt hatte. Albrecht, so hieß der Aeltere, widmete sich ausschließend dem Zeichnen und Malen; Walther aber arbeitete geschickt im Wachs, und spielte überdies die Guitarre sehr gut. Beide unterhielten sich diesen Abend viel mit den Zwillingsschwestern, und freuten sich ihrer schönen Talente. Emma's Zeichnung erhielt ihren vollen Beifall, so wie Berthas Flügelspiel, allein immer wurde es jenen schwer, die Mädchen zu unterscheiden, zumal da Emma ebenfalls Clavier spielte, wenn auch nicht so vorzüglich wie Bertha. Als nun die Brüder aus dem frohen Zirkel nach Haus kehrten, unterhielten sie sich noch lange über Falkensee's Töchterchen und prießen die Aeltern wegen ihres Besitzes glücklich. Aber nun entstand unter ihnen ein kleiner Streit. Walther behauptete: Bertha sey nicht nur die gute Clavierspielerin, sondern überdies die Verfertigerin des gelungenen Blumenstraußes. Albrecht jedoch hatte sie richtiger erkannt, und widersprach also mit Feuer dem Bruder. »Ich muß meiner Sache gewiß seyn,« äusserte Walther, »denn ich habe mir vorgenommen, dem Baron für seine uns oft bewiesene Freundschaft, das Anerbieten zu machen, und Bertha, die eine entschiedene Anlage zur Musik hat, unentgeldlich Guitarre zu lehren, daher darf ich sie nicht für Emma, und Emma nicht für sie halten. Daß aber sie die Blumen gezeichnet hat, weiß ich gewiß, und somit besizt sie nach meiner Ueberzeugung die beiden Talente.« »Nicht doch,« wandte Albrecht ein; »warum willst Du denn Emma Alles rauben? Sie ist die Zeichnerin, ich irre mich nicht.« Jener blieb indessen hartnäckig auf seiner Meinung, und brachte Albrecht so weit, daß derselbe eine Wette in Vorschlag brachte. »Es sey,« rief der lustige Walther, und schlug in die dargebotene Hand des Bruders. »Ich wette, daß Bertha auch die Bleifeder künstlich führt, und täusche ich mich wirklich, so will ich unsern ehrlichen Hauswirth um seinen Sonntagsanzug bitten, in diesen bei Falkensee's erscheinen, und Emma wegen des ihr zugefügten Unrechts um Verzeihung bitten.« (Die Jünglinge wohnten bei einem alten ehrsamen Krämer, der eine noch ganz altmodische Tracht beibehielt.) Der ernstere Albrecht verstand sich nicht zu jener tollen Verkleidung, sondern machte sich anheischig, im Fall er Unrecht hätte, Walthern mit einer Sammlung Musikalien, welche eben neu in allen Kunst- und Buchläden erschienen waren, zu beschenken.
Ein Dankbesuch, den, nach seiner Sitte, die beiden Brüder in dem Falkensee'schen Hause für die lezt genoßene Ehre abzustatten gedachten, sollte die Sache entscheiden. Sorgsam bemerkten sie hier die unterscheidenden Kennzeichen der Zwillingsschwestern, und es ergab sich nun, daß Albrecht die Wette gewonnen hatte. Gleich am folgenden Tag erschien Walther wieder in der Wohnung des Majors, und zwar mit einer Stutzperücke auf dem Kopf, an die ein kleiner Haarbeutel befestigt war, in kurzen schwarzen Beinkleidern, grauen Strümpfen und breiten Schuhen mit kleinen silbernen Schnallen; er trug ferner eine grüne Weste mit langen Schoßen, und einen braunzeuchenen Rock, ebenfalls ganz nach alten Schnitt, in der Hand aber hielt er ein hohes spanisches Rohr mit elfenbeinernem Knopf. Auf der Straße hatte er seinen Mantel umgeworfen, doch bei Falkensee's angelangt, legte er diesen ab, und frug nach Fräulein Emma. Die anwesende Magd wollte ihn zu ihrem Herrn führen, allein er bestund darauf, das Fräulein sprechen zu müssen; da öffnete sich die Wohnzimmerthüre, weil die Baronin auf dem Vorplatz laut sprechen hörte, und Walther trat ohne viele Umstände ein. Niemand erkannte ihn, und alle waren im Stillen über die Dreistigkeit des fremden Mannes unwillig. Er schien sich aber nicht daran zu kehren, suchte Emma mit seinen Blicken, fragte ausdrücklich, um sich nicht wieder zu irren; ob sie es doch wäre? und als sie es bejahte, äusserte er: der Künstler Walther habe ihn geschickt, um Emma die, bei ihm zu Schulden gekommene Verwechslung zu bekennen, so wie sein Vergehen, daß er ihr den Ruhm als geschickte Zeichnerin habe rauben wollen, wofür er um Verzeihung bitten lasse. Das Mädchen staunte, eben so die anwesenden Geschwister und Mutter. Da trat Walther ein wenig auf die Seite, wischte sich mit einem Tuch die gemalten Falten aus dem Gesichte, und nahm die Perücke ab, wodurch das dunkle Lockenhaar wieder sichtbar wurde. Als er sich der Familie näherte, rief Alles aus einem Munde. »Ach Walther, Walther ist es! wie drollig! Nein wer hätte dies gedacht!« Franz und die Schwestern brachen in lautes Lachen aus, und musterten jedes Stück an des verkleideten Anzug; selbst die Aeltern – der Vater kam zufällig dazu – konnten den jungen Freund nicht ohne Lachen ansehen. Doch als der größte Spaß vorüber war, trug jener dem Major das Anerbieten vor: den Töchtern desselben unentgeldlich Unterricht im Guitarrespielen ertheilen zu dürfen; denn zur Vergütung des, an Emma begangenen Unrechts, wollte er einen Theil seiner sehr beschränkten Zeit auch dieser opfern, und sie als Schülerin annehmen. Beide Mädchen brachten es im kurzen, recht weit bei ihm; jedoch wie Bertha von Emma immer im Zeichnen übertroffen wurde, so diese von ersterer stets in der Tonkunst, und ihr Phantasien Spiel so wie das, nach vorgezeichneten Noten, entzückte jeden, der es hörte; besondere ihren Lehrer, welcher es nie bereute, dem Drang seines dankbaren Herzens gefolgt zu haben. Er sah dadurch einen Theil seiner Schuld abgetragen, die er sich gegen dem Baron bewußt war, und dies beglückte den wackern Jüngling sehr. – Falkensee hatte nämlich den Brüdern früherhin, durch seine Bekanntschaft mit obrigkeitlichen Personen den freien Zutritt in die Kunstschule des Orts verschaft, und sie, da der Vater kein Vermögen besaß, von Zeit zu Zeit mit Geld unterstüzt, bis sie so weit kamen, sich selbst ihren Unterhalt zu erwerben. Walther mißbrauchte überdies anfangs die Freiheit, die er ausser dem älterlichen Hause genoß, und gerieth durch böse Gesellen auf Abwege. Vorzüglich ergab er sich dem Spiel, und stürzte sich einst in eine verzweifelnde Verlegenheit. Der wackere Bruder wußte keinen Ausweg, als sich dem Major zu entdecken. Dies geschah; letzterer lößte Walthers Spielschuld aus; berief aber den verblendeten Jüngling zu sich, und machte demselben so rührende Vorstellungen, daß er von Reue ganz zerknirscht, seinen Wohlthäter mit Mund und Hand gelobte: keine Karte mehr anzurühren. Er hielt Wort und seine Zufriedenheit und Ruhe war hinfort keiner Störung mehr unterworfen. Dem Baron aber verehrte er wie seinen zweiten Vater, und immer sehnte er sich, ihm sprechende Beweise seiner Dankbarkeit geben zu können, wozu sich nun in der Ausbildung des musikalischen Talents seiner Töchter eine günstige Gelegenheit gezeigt hatte, welche Walther freudig benüzte, und der Erfolg veranlaßte dem erfreuten Vater oft zur Behauptung:
»Wohlthun trägt Zinsen.«
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Die Wette.