Die plauderhafte Dienerin.
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So oft der Postbote einen Brief brachte, wurde der Kinder Erwartung gespannt. »Er ist gewiß von Heinrich;« meinte Franz. »Oder von meiner lieben Pathin;« äusserte Bertha, und Emma freute sich immer auf Nachrichten von Moosdorf, von dorther eine Zuschrift erwartend. Wirklich wurde diesmal ihre Hoffnung erfüllt. Es traf ein Schreiben von Herrn Werthlieb ein, in welchem er zwar von seinem und der Seinigen Befinden Erfreuliches zu berichten hatte, aber zugleich meldete er auch den erfolgten Todesfall des Schullehrers im Ort, des wackern Feßlers, der noch recht gut in Franzens und der Schwestern Andenken lebte, und welchem sie jetzt wehmüthig im Geiste ein – »Schlafe wohl redlicher Mann!« nachriefen. Feßler besaß kein Vermögen, aber viele Kinder, daher mußte Suschen die älteste Tochter sich entschließen, Dienste zu suchen. Sie war ein Mädchen von 14 Jahren, und wir kennen sie schon aus Emma's Tagebuch, wo sie derselben als eine etwas wilde Gespielin Bertha's erwähnt: doch längere Kränklichkeit des Vaters, und endlich sein Tod hatten jede Spur von Ausgelassenheit in ihr vertilgt, und es war ihr mit dem Verlangen: in der Fremde eine gute Unterkunft zu suchen, und diese durch ein wackeres Betragen zu verdienen, wahrer Ernst. Dies wußte Werthlieb, und hegte im Stillen den Wunsch: Suschen möchte in dem, von ihm so hochgeachtetem Falkensee'schen Hause ein Plätzchen erhalten. Er unterließ daher nicht in seinem erwähnten Schreiben die Lage von Feßlers Hinterbliebenen nach ihrer wahren Beschaffenheit Mitleid erregend darzustellen; und auch Suschens Vorhaben mit bedeutungsvollen Worten anzuführen. Zum Glücke jener war gerade die Majorin entschloßen, ihrem Stubemnädchen den Dienst aufzukündigen, da sie Ursache hatte mit ihr sehr unzufrieden zu seyn und, Bertha, der alten Freundschaft eingedenk, rief, sobald Werthliebs Brief vorgelesen war. »O lieb Mütterlein, nimm Suschen in Dienst statt Christinen!« Auch Emma stimmte bei, und so kam es denn wirklich dazu, daß des Pastors geheimer, menschenfreundlicher Wunsch erfüllt wurde.
Schon war Suschen mehrere Wochen im Dienst, und man fand gegenseitig keine Veranlaßung, den gethanenen Schritt zu bereuen. Das Mädchen that ihre Schuldigkeit, vollzog pünktlich alle erhaltenen Befehle und Aufträge, und hatte dafür das beste Leben. Ja ihre gütige Herrschaft nahm auf ihre vermögenslose Lage Rücksicht, und beschenkte sie noch ausser dem bedungenen Lohn, mit allerlei, theils neuen, theils abgetragenen Kleidungsstücken. Für Speise, Trank und ihre andern Bedürfnisse war ohnehin gesorgt, und da sie ihre Pflicht erfüllte, so erhielt sie auch kein schlimmes Wort. Besonders aber besaß sie Bertha's Liebe und sie hing ebenfalls vor Allem an Jener. Zwar verwechselte sie oft das Schwesternpaar, und bereute es dann wohl nicht, wenn sie Emma statt Bertha mit besonderer Eile und Pünktlichkeit bedient oder einen Auftrag von ihr auf solche Weise vollzogen hatte, denn Erstere stand auch gut bei ihr angeschrieben; aber Bertha erhielt dennoch den Vorzug in ihrem Herzen. Sie hatte es bald weg, daß ihr Liebling den Hang zur Neugierde hegte, der wirklich in Berthas Innern immer noch nicht ausgerottet war; und um ihr Freude zu machen, gab sich Suschen alle Mühe, ihr viel Neues mittheilen zu können. Sie trug ihr Alles zu, was in und ausser dem Haus geschah, und Jener, wie allen unbefangenen Kindern, vielleicht unbekannt geblieben wäre. Dadurch erhielt Bertha's, ohnehin noch nicht ganz besiegte Neigung aufs Neue Nahrung und Stärke, und Suschen gewöhnte sich auf diese Art eine tadelnswürdige Waschhaftigkeit an, welche sie bald um ihre gute Stelle gebracht hätte.
Für den angehenden Winter war Emma ein neuer Mantel verheißen, der aus einem, von der Mutter ihr abgetretenen verfertigt, und daher dieser ganz auseinander getrennt werden sollte. Es häuften sich aber gerade für Frau v. Falkensee andere nothwendigen Arbeiten, und Thekla, Emma's Freundin wurde in dieser Zeit krank, wodurch letztere sehr oft zu Jener geholt ward, und derselben sich ganze Tage lang widmen mußte. Daher konnte weder sie, noch die Mutter obiges Geschäft vornehmen, obgleich die kältere Jahreszeit Emma den Besitz des neuen Mantels sehr wünschenswerth machte, und der Schneider nach dem vertrennten verlangte. Da erbot sich Bertha die Sache zu fördern, und so wenig sie ausserdem eine Freundin vom langen Sitzen war, so betrieb sie diesmal die erwähnte Arbeit so eifrig, daß sie in ein paar Tagen vollkommen damit zu Stande kam. Die dankbare Schwester wünschte nun ihr dafür auch eine Freude machen zu können, und beredete sich deshalb mit der Mutter. Es wurde beschloßen: daß Bertha in den nächsten Tagen in ihrem Schrank ein neues Filzhütchen finden sollte, ganz so, wie Emma eines von Tante Hildegard erhalten hatte, und Jene sichs sehnlich wünschte. Emma war gesonnen, aus ihrer Sparbüchse einen, nicht unbedeutenden Beitrag zu geben, und freute sich unbeschreiblich auf die frohe Ueberraschung, welche dem Schwesterchen bestimmt war. Suschen hatte während der Verhandlung ein Geschäft im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, zu besorgen, hörte also Alles, und gedachte ihrer lieben Bertha durch eine frühere Verkündigung obigen Plans, eine frühere Freude zu bereiten, strebte also immer sie allein zu treffen. – Einmal sah sie Bertha – ihrer Meinung nach – im Schlafstübchen derselben, vor einer Schublade ihrer Commode knieend, und eifrig etwas suchend. Es war ausserdem Niemand im Zimmer und Jene in ihr Bemühen gewaltig vertieft. Ueberdies kam Suschen hinter ihrem Rücken her, und begann nun halb leise und wichtig: »O Fräulein Bertha! Ich weiß ein Geheimnis! – Es drückt mir fast das Herz ab. Nein, ich kann es nicht verschweigen, und muß es ihnen mittheilen.« –
Emma (denn sie war die Kniende) kannte Suschens Geschwäzigkeit, und wollte nun sehen, wie weit sie dieselbe treiben würde. Sie hob den Kopf nicht in die Höhe, sondern suchte scheinbar immer fort, ob sie gleich das, was sie wollte, schon längst gefunden hatte; Jene aber offenbarte die ganze Heimlichkeit, und maß sich noch ein großes Verdienst bei, sie weggeschnappt und Bertha hinterbracht zu haben. Als sie geendigt hatte, sprang Emma auf, trat unwillig vor sie hin und sagte: »Du plauderhaftes Mädchen Du! Sieh mich an, bin ich Bertha? und wenn ich es wäre, so hättest Du ihr und mir die ganze Freude verdorben. Wage es nicht, ein Wort von jenem Geschenk gegen sie zu erwähnen, sonst verrathe ich Deine Plauderei bei der Mutter.« Erschrocken erkannte Suschen ihren Irrthum, und bat flehentlichst um Verzeihung und um das Verschweigen ihrer Schuld. Emma war auch, aus Mitleid mit des Mädchens Angst dazu geneigt; allein ehe sich's Beide versehen, stand Frau v. Falkensee vor ihnen, welche streng den Vorfall zu wissen verlangte. Suschen wurde nun mit dem Verlust des Dienstes bedroht, wenn sie sich je wieder eine ähnliche Waschhaftigkeit zu Schulden kommen ließe. Dies half; denn zu viel war ihr an ihrer Stelle gelegen, und sie gab sich alle Mühe, sich den angenommenen Fehler wieder abzugewöhnen. Als aber Bertha wirklich mit dem schönen Hütchen beschenkt, und ihr nachher erzählt wurde, wie leicht die Ueberraschung hätte vereitelt werden können, da verbot sie Suschen selbst die geschäftige Mittheilung von Neuigkeiten; denn ihr war der Gedanke unerträglich, daß durch ihren und durch Suschens Fehler die geliebte Schwester bald des Genußes beraubt worden wäre, welchen ihr die Veranstaltung, Bertha eine unerwartete Freude zu bereiten; gewährt hatte.