Der Schluß.
Reading edition
Wir haben unsere Zwillingsschwestern bis in ihr 13tes Jahr begleitet, und dabei oft Gelegenheit gehabt, sie ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit nach, genau kennen zu lernen. Ich hoffe, sie sind meinen lieben Lesern und Leserinnen lieb geworden, und sie würden mir vielleicht gerne länger zuhören, wenn ich ihnen noch eine oder die andere Erfahrung ihres Jugendlebens mittheilen wollte, allein der Raum des Büchleins gestattet mir nicht bei jenem Zeitpunkt zu verweilen, indem ich glaube, es wird meinen jungen Freunden nicht unangenehm seyn auch zu erfahren, wie sich das Schicksal der erwachsenen Emma und Bertha gestaltete; deshalb überschreite ich einige Jahre schweigend oder doch schneller, und stelle Euch die Schwestern als Jungfrauen vor, welche ihr 20tes Jahr erreicht hatten. In dieser Zeit mußten sie manche herbe Erfahrung machen. Ihre Taufpathinnen, so wie mehrere ihrer nähern Freunde und Bekannte wurden ihnen durch den Tod, oder andere Verhältnisse, welche sie in die Ferne riefen, geraubt. Auch Dokter Woldemann war unter den leztern. Ja er konnte gar nicht mehr an seinen besten Freunden Falkensee's seine Geschicklichkeit erproben, indem er einen Ruf in eine sehr entfernte Gegend erhielt, und demselben folgte, noch ehe den Major eine tödliche Krankheit auf das Lager warf, die ihm auch das Leben wirklich kostete. Seine Gattin, welche unbeschreiblich zärtlich ihn liebte, ertrug seinen Verlust nicht lange, sondern folgte ihm bald in die Gruft; und nun standen die Schwestern alleine, und sehr verlassen, denn Franz hatte bei einem reichen Engländer die Stelle als Hofmeister von dessen einzigen Sohn erhalten, und machte mit diesem große Reisen. Das Vermögen aber, das Falkensee hinterließ, war unbedeutend, denn der treffliche Mann hatte seinem wohltätigen Sinne zu viel geopfert, und oft Undank und großen Verlust erfahren müssen, denn nicht alle, die er großmüthig mit Geldsummen unterstüzte, suchten wie Walther auf eine oder die andere Weise ihre Schuld zu tilgen, und also ergab sichs nach seinem Tode, daß die Töchter das Haus und andere Habseligkeiten zu verkaufen, und irgendwo eine Unterkunft für sich zu suchen, genöthigt wurden. – Für ihre Wohnung erhielten sie lange keinen paßenden Käufer, und so lange sie dieselben besäßen, benüzten sie fleißig ihren Lieblingsaufenthalt, ihr Gärtchen, wo sie sich einzeln und vereint wehmütigen Erinnerungen hingaben, auch zuweilen mit ihrer Guitarre oder einem schönen Buche die Sorgen für ihre Zukunft verscheuchten. An den Garten stieß das Nebengebäude eines stark besuchten Gasthofs, und die Fenster einiger Gastzimmer führten in denselben. Eine durchreisende Gräfin fand im Hauptgebäude keine Unterkunft mehr, mußte sich mit jenen Gemächern begnügen, und bemerkte Emma in ihrer Laube, welche zuerst, nach ihrer frühern Gewohnheit mehrere Stellen aus einer schönen Gedichtsammlung laut und ausdrucksvoll für sich las, dann die neben ihr liegende Guitarre ergriff und ein frommes erhebendes Lied spielte und sang. – Gräfin Sternfeld suchte schon längst eine Gesellschafterin für sich, da ihre Kinder alle erwachsen und vermählt waren, und sie öfters sich recht einsam fühlte, ob sie gleich jene von Zeit zu Zeit besuchte, und eben auch jezt von einer Reise, welche sie zu einem ihrer entfernt lebenden Söhne gemacht hatte, zurück kehrte. Emma's Talent, gut zu lesen, so wie ihr hübsches Spiel und sanfter Gesang, ließen sie wünschen, die holde Jungfrau zu sich nehmen zu können. Sie ließ den Gastwirth rufen, und fragte ihn nach Namen und Verhältnis derselben. »Es ist Berta von Falkensee,« erwiederte der dienstbefließene redselige Mann. »Das Mädchen ist ein verarmtes Fräulein, überdies eine Waise, deren Aeltern, Gott hab sie selig! wackere Leute waren. Der Major hatte nur einen Fehler, daß er nämlich zu gut war, und sich von jedem Taugenichts hinters Licht führen ließ, dafür müssen nun die Töchter büßen, und in beschränkter Lage leben; indessen hat der Vater auch viel Gutes ausgeübt, und ich denke immer, dies soll den Kindern vergolten werden.«
Dies war genug um die Gräfin in ihrem Entschluß zu befestigen. Sie beorderte den Wirth die Guitarrspielerin, die noch immer ohne zu wissen, daß sie beobachtet wurde, im Gärtchen weilte, rufen zu lassen; und er sandte also nach Bertha Falkensee, welche bei der Gräfin erschien, wo gegenseitig ein vortheilhafter Vertrag sehr bald abgeschlossen wurde. Auch die Abreise fand in den nächsten Tagen Statt, und der Abschied zwischen den zärtlichen Schwestern war ungemein schmerzlich für Jede.
Noch betrübter aber wurde Bertha, als sie, angelangt auf dem Landsitz der Gräfin die vielen Vortheile ihrer neuen Lage, und den trefflichen Charakter jener edlen Frau erst recht kennen lernte, nach einigen Tagen sich aber überzeugen mußte, daß abermals, auch bei diesem wichtigen Schritt, der ihr Schicksal entschied eine Verwechslung der Schwestern Statt fand. Die Gräfin ersuchte nämlich ihre Gesellschafterin, als sie einmal mit ihr in einem Rosenbasquett des großen Parks saß, das Lied zu singen, und auf der Guitarre zu spielen, welches ihr das Wohlgefallen derselben zugezogen habe. Es hatte sich ihr so eingeprägt, daß sie die Endstrophen, mit denen jeder Vers sich schloß, recht in Gedächtnis behalten hatte. Sie lauteten:
»Bewahre dir in Freud und Schmerz Des Glaubens Kraft o Menschenherz!«
Dies war jedoch ein Lied, welches nicht Bertha, sondern Emma immer sang, und Erstere gar nie gespielt hatte. Da entdeckte sich nun, daß der Gastwirth Emma für Berta gehalten, und dieser das Glück mit Gräfin Sternfeld in so schöne Verhältniße zu treten, aus Irrthum verschafft hatte, was die liebende Schwester ungemein beunruhigte. Sie verheelte es weder jener noch Emma selbst, erhielt aber von Beiden den Trost, daß es eine höhere Fügung sey, welcher sie sich ruhig unterwerfen müßten. Bald aber wurde Bertha ganz zufrieden gestellt, indem sie aus der Heimath die Kunde erhielt, daß ein würdiger Mann um die Hand der Schwester geworben habe. Sie kannte ihn wohl; es war ein Bekannter des Banquier Krause, bei dem sie ihn öfter traf, und welcher Gefallen an ihr zu finden schien. Nun hatte er eine kaufmännische Reise zurückgelegt, begründete in W* eine eigene Handlung und begann von Neuem Emma, die er mit Bertha verwechselte, auszuzeichnen. Bald wurde ihm sein Wahn benommen, aber nicht die achtungsvolle Liebe, die ihm Emma nun auch eingeflößt hatte, und er fand nie Ursache zu bereuen, sie, statt Bertha, zur Lebensgefährtin gewählt zu haben. Diese aber traf bei einem Besuch, den sie mit der Gräfin einer verheiratheten Tochter derselben abstattete mit dem Geistlichen des, dem jungen Paare zugehörigem Rittergut's, zusammen, und erkannte in ihm den alten Freund, Heinrich Volkmar. Dieser war noch unverehlicht, und hatte, da der Vater nicht mehr lebte, seine Mutter zu sich genommen, welche dem kleinen Haushalt sorgsam vorstand. Bald erhielt sie in Bertha eine liebende Tochter und Heinrich eine treue Gattin; und so bewährte die Verwechslung der Zwillingsschwestern, in ihrem spätern Leben, keinen nachtheiligen, sondern einen beglückenden Einfluß auf ihr Geschick. Beide aber blieben auch entfernt, im Geiste sich immer noch, und durch die innigste Liebe und Theilnahme verbunden.