Die Krankheit der Mutter und ihre Folgen.
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Nicht nur von Fremden, nicht nur von Suschen wurden die Zwillingsschwesterchen öfters verwechselt; sogar den Aeltern widerfuhr es zuweilen, die Eine für die Andere zu halten. Besonders geschah dies in einem traurigen Zeitpunkt; als nämlich Frau v. Falkensee von einer gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Der Jammer der ihrigen und aller Hausgenoßen war unbeschreiblich. – Emma und Bertha wichen nicht von dem Lager der geliebten Kranken, und leisteten, als 11jährige Mädchen, ungemein viel. Da geschah es denn oft, daß die Mutter in ihrer Schwäche, und in dem, durch die zugezogenen Fenstervorhänge verdunkelten Zimmer Emma als Bertha ansprach; und auch wieder umgekehrt. Selbst als sie sich auf dem Weg der Besserung befand, und sich kräftiger fühlte, mußte sie ihre Töchterchen noch ins Auge fassen, wollte sie dieselben von einander unterscheiden, denn ihrer persönlichen Aehnlichkeit gleich, war der Eifer, mit dem sie die theure Mutter bedienten, die Aufmerksamkeit mit welcher sie auf ihr leisestes Verlangen lauschten, und die Umsicht, mit der sie ihr alle Schmerzen und Unbequemlichkeiten zu erleichtern suchten. Beide erwarben sich aber auch gleiche Aeußerungen der mütterlichen segnenden, und dankvollen Zufriedenheit. Der Vater und Franz, die sich ebenfalls oft und viel im Krankenzimmer aufhielten, wurden selbst nicht selten an den beiden Mädchen irre; denn die oft unbedachtsame, lustige Bertha, war still und besonnen, ihrer Schwester ähnlich, und diese ließ, durch den tiefen Schmerz erweicht, alle Empfindungen aus ihrem, oft so verschloßenem Gemüth strömen; und waren Beide, immer friedlich und freundlich gegen einander, so schienen sie jezt nur eine Seele zu seyn. – Der Arzt beobachtete oft ihr Thun und Treiben mit schweigendem Staunen und Wohlgefallen, und wußte eben so wenig die Mädchen zu unterscheiden, als einer vor den Andern irgend einen Vorzug zu geben. – Nur in der Aufnahme der begleitenden Nachricht: daß die geliebte Mutter nun ausser Gefahr sey; zeigte sich die Eigenthümlichkeit der Schwestern. Emma zerfloß in Thränen froher Rührung, und hob das schwimmende Auge dankend zum Himmel empor. Bertha tanzte jubelnd im Kreise umher, klatschte in die Hände und war ganz Fröhlichkeit. Wohl geschah dies Alles ausserhalb dem Krankenzimmer, aber die besonnene Emma lief geschwind nach der Thüre, und untersuchte besorgt, ob sie verschlossen sey, damit des Schwesterchens laute Freude die noch sehr schwache Mutter nicht unangenehm berühre. Dieser Vorfall entschied bei Doktor Wollmann über den Werth der beiden Mädchen. Ohne Bertha weniger zu lieben als bisher, fühlte er sich nun doch noch mehr zu der sanften und verständigen Emma hingezogen, und sie ersah er sich jetzt zur Vollzieherin eines Auftrag's, den er schon lange einem der Mädchen ertheilen wollte, jedoch immer nicht mit sich einig werden konnte: ob Emma oder Bertha.
Wollman hatte zugleich mit Frau v. Falkensee eine eben so gefährliche Kranke in die Kur bekommen, für die er ungemein viel Theilnahme hegte. Sie lebte erst seit kurzem in W*, war Wittwe, und besaß ein einziges Töchterchen, welches mit den Zwillingsschwesterchen in gleichem Alter war. Die Mutter litt jedoch nicht nur körperlich, sondern verschämte Armuth drückte den Geist, beugte das Herz, und erschwerte die Genesung des Körpers. Dies entging dem Arzte nicht, welcher reich und menschenfreundlich, schon häufig armen Kranken nicht nur seine einsichtsvollen Verordnungen unentgeldlich ertheilte, sondern überdies noch manche Unterstüzung ihnen zufließen ließ. Bei Frau Tellheim wurde ihm aber dies unmöglich gemacht. Sie erlaubte sich nicht nur keine Klage, sondern wich auch jeder seiner Fragen nach ihren nähern Verhältnissen sorgsam aus. Und doch war es unläugbar, daß der Mangel in der kleinen Wohnung hause, welchen vor der Krankheit Frau Tellheim's fleißige und geschickte Hand, durch feine künstliche Arbeiten abzuwehren suchte. Nun beschloß Wollmann durch Emma der kleinen Lidy ein bedeutendes Geldgeschenk für ihre Mutter einhändigen zu lassen, und unterrichtete das Mädchen von der Rolle, die sie übernehmen sollte. Herr v. Falkensee vermehrte die Gabe des Arztes aus dankbarer Freude über die Rettung seiner theuern Gattin durch einen, nicht kleinen Beitrag, und auch die Kinder ließen es sich nicht nehmen, jedes aus seiner Sparbüchse etwas dazu zugeben. Damit eilte nun Emma in das ihr bezeichnete Haus, und es ergab sich, daß Wollmann seinen Plan gut ausgedacht hatte. Emma's sanfte Weise fand Zugang, sowohl bei der Mutter, als auch bei der Tochter, und die Gabe wurde mit tiefer Rührung angenommen, jene hatte nach Wollmanns Auftrag ausgesagt: ein durchreisender Fremde habe ihr das Päkchen eingehändigt, und sie gebeten, Frau Tellheim es zuzustellen, und so unwahrscheinlich dies klang, so ehrte diese doch Emma's Verschwiegenheit und drang nicht weiter in sie, ihr weitere Aufschlüße zu geben. Lidy aber fand an der neuen Bekannten ein unbeschreibliches Wohlgefallen und da sich diese bei dem ersten Besuch nicht lange aufhalten konnte, so bat sie dieselbe süß schmeichelnd: ja bald wieder zu kommen, und ihr und der kranken Mutter Trost und Erheiterung zu bringen. Emma wurde lange abgehalten, ihren Vorsatz auszuführen. Unterdessen begegnete einmal Lidy Bertha auf der Straße, hielt sie für Emma und umarmte sie mit zärtlichem Ungestüm. Jene benahm ihr den Wahn, und das Mädchen staunte über die wunderseltsame Aehnlichkeit beider Schwester; aber eben dadurch auch Bertha gleich zugethan, bat sie diese, mit Emma zu ihr zu kommen, und Ersterer zu versichern, daß sie ihr eine recht wichtige Neuigkeit mitzutheilen hätte. Ungesäumt folgten beide dem erhaltenen Ruf, und wie erstaunt war Emma, als sie Alles sichtlich verändert fand. Die Armuth und der daraus entspringende Gram schienen ganz verschwunden, und eine glükliche Wohlhabenheit an deren Stelle getreten zu seyn. Freudig theilnehmend erkundigte sich Emma nach der Ursache und erfuhr nun: daß Tellheim einst in einer Lotterie sein Glück versucht, und nun nach seinem Tode die Nummer das große Loos den Seinigen gebracht habe. Aus inniger Dankbarkeit für ihre zarte Weise wohlzuthun, und unter den zärtlichsten Versicherungen ihrer Liebe schlang Lidy um Emma's Hals ein feines goldnes Kettchen, das schon längst für sie bereit lag, und Bertha, die nicht leer ausgehen sollte, wurde mit einem hübschen Nähkästchen beschenkt, in welchem Fingerhut, Nadelbüchschen und all dergleichen Dinge von Silber sich befanden.
Das liebliche Kleeblatt verlebte nun noch manche genußreiche Stunde mit einander, und sie geizten um so mehr darnach, als Frau Tellheim nach einiger Zeit den Entschluß faßte, wieder in ihre Heimath zurückzukehren, aus welcher sie nur Schaam über die eingetretene Armuth vertrieben hatte.