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Emma und Bertha oder die Zwillingsschwestern

Die Blumenfreundin.

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Meine lieben Leser und Leserinnen werden sich doch wohl noch der freundlichen Gärtnerin und ihres Bärbchens erinnern, welches lezteres Bertha's Muth dem verlezenden Huf des flüchtigen Schimmels entzog. Erstere wenigstes konnte die erwähnte Begebenheit und die Retterin ihres Töchterchens auch lange nicht vergessen, und wurde nach einigen Jahren wieder lebhaft daran erinnert, als Emma bei ihr erschien, und ein paar Blumenstöcke kaufen wollte.

Es war nämlich Schwester Bertha von einer bedeutenden Krankheit überfallen worden, und Emma hatte viel Angst und Jammer um sie ausgestanden, auch treue Pflege ihr gewidmet, und alles aufgeboten, sie, als die Gefahr vorüber war, zu erheitern und zu zerstreuen. Wir wissen, daß Emma eine große Blumenfreundin war, und so nahm sie es von sich ab, daß der Kranken ein Blumengeschenk die größte Freude bereiten würde. Sie begab sich in den, früher einmal erwähnten Garten, und suchte 2 gewürzhafte Nelkenstöcke von brauner und rother Farbe, und ein blühendes, niedliches Orangenstöckchen, heraus, welche sie aushandeln wollte. Der Preis überstieg den damaligen Zustand ihrer Kassa, und sie beschloß, nur die Nelken zu nehmen. Während dem betrachtete sie Frau Anna lange und schweigend, und endlich rief sie freudig aus: »Ach mein Gott! Sie sind ja die Retterin meines Mädchens! O daß ich Sie nur einmal wieder sehe! Wie groß sind Sie unterdessen geworden, bald hätte ich Sie nicht mehr erkannt! Komm Bärbchen!« rief sie den Garten hinunter. »Komm und küsse diesem guten Jungferchen die Hand; Sie hat dir einstens das Leben gerettet, wie ich dir schon oft erzählte.« – Das Kind that, wie die Mutter gebot, und Emma – nicht um mit Bertha's Verdienst zu prahlen, aber in der Hoffnung: daß sie durch den Wahn der Frau, von ihr aus Dankbarkeit das Orangenstöckchen um billigeren Preis erhalten würde, ließ sie in demselben ohne die Sache aufzuklären. Sie hatte sich nicht geirrt; nicht nur die Nelkenstöcke, auch das Orangenbäumchen, und noch zwei ausländische schöne Blumen erhielt Emma, und die dankbare Gärtnerin nahm gar keine Bezahlung dafür an. Sie packte ohne Aufschub die Blumenschäze ihrer Magd auf, welche Emma nach Haus begleiten mußte. Falsche Scham gestattete dieser nicht, den kleinen Betrug den Ihrigen zu gestehen, aber sie konnte es nun kaum erwarten, bis die Kranke aus dem Schlummer, in dem sie eben lag, erwachen, und die mitgebrachten Herrlichkeiten von ihr empfangen würde. Zu ihrem Leidwesen äusserte Jene ihre Freude nicht in dem Grad, wie sie es erwartet, und Emma hatte nun nichts angelegentlicheres zu thun, als die fremden Gewächse, und das Orangenstöckchen in ihre Pflege zu nehmen. Unbeschreiblich ergözte sie sich daran, doch der Genuß war nicht von langer Dauer. Troz aller Sorgfalt, die sie auf ihre Kleinode wandte, welkten sie – o Himmel! – dennoch dahin; so wie auch die Nelken. Diese waren von Bertha, als sie wieder hergestellt war, nach ihrer, immer noch zuweilen bei ihr obwaltenden Unachtsamkeit öfters zu gießen vergessen worden, und so war ihr kurzer Lebenslauf wohl kein großes Wunder; aber warum Emma's Pflegkinder dahin starben, – das konnte sie sich nicht erklären. Sie war recht betrübt darüber, und überdies flüsterte oft eine Stimme in ihrem Gemüthe: »Du hast es verdient, daß deine Freude so vergänglich ist, du bist unwahr gewesen; dies ist die Strafe dafür,« und diese innere Unruhe konnte sie auch nicht lange ertragen. Nein, so wie sie während des Aufenthalts der Tante Hildegard einstens den schönen Sieg über sich gewann, ihr Unrecht zu gestehen, so entstand wieder in ihr plözlich der Entschluß: durch ein aufrichtiges Geständnis die Schuld von sich zu wälzen, die sie drückte. –

An einem schönen Herbsttag beredete sie die jezt vollkommen genesene Schwester zu einem Spaziergang, und führte sie in jenen Garten. Erstaunt sah nun die Gärtnerin die Zwillingsschwestern vor sich, blickte eine nach der andern an, und konnte die Retterin ihres Bärbchens nicht erkennen. Da sagte Emma, auf Bertha deutend: »diese ists liebe Frau; sie darf mir's glauben. Neulich aber verführte mich ein böser Geist, meiner Schwester den verdienten Ruhm zu entziehen, und sie, gute Mutter, in den Wahn zu lassen: ich sey es gewesen, welche das verdienstliche Werk vollbracht, und ihr Töchterchen ihr erhalten habe; aber so ist es nicht; ich war damals die Furchtsame, Bertha die Muthvolle, und nur die Hoffnung, für mein Schwesterchen recht schöne Blumen zu erhalten, konnte mich veranlaßen, mich neulich für Bertha auszugeben. Aber es war Unrecht, und der Unwahrheit folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Auch ich ward gestraft: Bertha äusserte nicht die Freude, welche ich vermuthete. Ach es hat dir geahnt, daß es keine reine Gabe war! und dann – denke sie nur liebe Frau,« sprach sie, wieder zur Gärtnerin gewendet. »Denke sie nur, alle die schönen Blumen sind dahin gestorben. O die herrlichen, köstlichen Blumen. Ich möchte mich halb zu tod grämen. Aber es ist mir schon Recht geschehen, warum war ich so pflichtvergeßen. Vergieb mir Schwesterchen; und sieh meine Reue!« sagte sie unter strömenden Thränen, und weinte lang an Bertha's Halse, welche sie zärtlich zu trösten suchte, und von keiner Schuld wissen wollte. Dann reichte Jene der Gärtnerin die Hand, und bat auch diese um Verzeihung. Frau Anna trocknete sich mit der weißen Schürze die Augen und erwiederte: »Ach gehen Sie doch; Sie machen einen ja ganz weichmüthig, es war ja nicht böse von Ihnen gemeint.« Emma wandte sich nun, um fortzugehen, da erblickte sie hinter dem Gatterthor eine männliche Gestalt, und stieß erschrocken einen lauten Schrei aus. Es war aber keine furchterregende Erscheinung; sondern der alte wackere Hauptmann Halten, der Alles mit angehört und angesehen hatte. Er trat nun in den Garten, umfaßte beide Mädchen mit Liebe und sagte: »Abermals habe ich durch einen Zufall tiefe Blicke in Euer Inneres geworfen, und nichts als Erfreuliches entdeckt. Deine Reue Emma, dein offenes Bekenntniß und deine Schwesterliebe wiegen den begangenen Fehler auf, und von meiner Bertha hörte ich auch wieder Gutes. Kommt liebe Kinder! Ich führe Euch durch den Garten, und Ihr müßt ein Andenken an diese Begebenheit mit nach Hause nehmen.« – Er suchte unter einer Menge Blumen eine Nachtviole und ein Granatbäumchen heraus. Ersteres erhielt Bertha mit dem Zusaze: daß sie immer wie bisher geräuschlos Gutes thun möge, gleich der Nachtviole; welche im Dunkeln ihre süßesten Gerüche verbreitet. Emma aber beschenkte er mit der Granatenblüthe, und sagte: »Sie trägt die unvergängliche Farbe der Wahrheit, und erinnere dich immer daran, daß diese Tugend ewig besteht, während Trug und Täuschung untergeht.« –

Die Mädchen dankten dem väterlichen Freund innig für seine Geschenke, und versprachen ihren Sinn wohl zu erfassen, und treu in demselben zu handeln. Bei dieser Gelegenheit erfuhr aber Halten Emma's Blumenliebhaberei, und von Zeit zu Zeit erfreute er sie nun immer mit ein paar Blumenstöcken, und die freundliche Gärtnerin mußte die Verwelkten und Alten oft mit frischen und neuen verwechseln. Bertha jedoch, welche die Blumen nicht so liebte, entschädigte er durch schöne Musikalien, und verpflichtete auf solche Weise beide Schwestern zur herzlichsten Dankbarkeit. Ja sie waren tief betrübt, als ein Regimentsbefehl ihren Freund wieder von hinnen, und in eine andere Garnison rief.

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