Zweites Kapitel.
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Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung sollte ihren Anfang nehmen.
Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.
Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen.
Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung – nicht nur der Frauen – war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das »gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein mochten.
Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.
Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt, eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers; ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier alten Schlages charakterisiert.
Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines Volkshaufens.
Dann trat ein Geiger auf – man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen zu – und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor, und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete, daß er mit Chopin befreundet sei.
Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem kurzen, spitzen Klange entriß.
Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat, etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend.
Gleich darnach begann der Gesang:
»Ich weiß nicht, ist es Unrecht,
Ich weiß nicht, ist es Schuld,
Ist es mir Fluch des Schicksals,
Ist's neuen Glückes Huld.
Ich frage nicht, liebst Du mich,
Bin ich Dir auch nur wert,
Noch hab ich Deiner Liebe
Verlangend je begehrt.
Ich breite meine Arme
Zum Himmel jubelnd laut,
Wie wunschlos man zur Sonne,
Wunschlos und jubelnd schaut.
Du bist – und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden.
Und jauchzend lieb ich Dich.«
Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren. Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.
Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle mitzuteilen.
»Und wär's nur Berg und Strom und Thal,
Die uns trennen so weit, so weit,
Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal,
Und die Trennung wär' Seligkeit.
Ach! was uns trennt, ist eine Kluft,
Tiefer noch als das Meer,
Und leise nur manchmal trägt die Luft
Ein Grüßen hin und her.
Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal,
Und das Meer zwischen Dir und mir,
Und größer als aller Sehnsucht Qual
Ist meine Liebe zu Dir.«
Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.
Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv, in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen, daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.
»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche Liebe.«
»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was mag es für ein Stück sein?«
»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«
»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!«
»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«
Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her – deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins:
»Und größer als aller Sehnsucht Qual
Ist meine Liebe zu Dir.«
Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes, unbeschreibliches Gefühl.
Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und Flügelstücke beklatscht worden waren, – sich verschiedene Herren in der Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte, Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte.
Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten Augenblicke bringen würden.
Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie herankommen? Und was würde er dann sagen? – In dem Gasthofsaale mit dem Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli – damals noch ein vornehmes Parfüm – schwebte etwas wie eine Schicksalsfrage.
Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski, Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen tanzen wollen, mein schönes Fräulein.«
»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.«
»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte – aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die Polonaise mit mir anzuführen – wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück.
»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen.
»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.«
»Eine Frau? – ob der Mann hier ist?«
»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«
»Um so besser sogar,« – setzte Herr Supphahn hinzu, der französische Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte.
Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. –
Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt, dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner Sehnsucht.