Zehntes Kapitel.
Reading edition
Es war eine Woche später.
Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, so grundlos guter Dinge, wie man es manchmal ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die Sonne goldig und weil man geliebt wird und wieder liebt, heiter in dem Gefühle von schrankenlosem Lebensreichtum und der Fülle der Beziehungen von Herz und Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde ist und irgend etwas in uns sich auflehnt gegen den Druck der Niedergeschlagenheit.
Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte das Kind, naschte an Obst und Beeren, sah in den Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder daraus anlächelte, amüsierte sich über ein paar Toggenburger, die täglich zur bestimmten Stunde vor ihrem Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu Füßen legte. Eine der Stimmungen, in denen wir schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so übermütig, daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen mitten in allen Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß wir, sonst ewig dürstend nach Wechsel und Sensation, ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, das sie uns spendet.
Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen.
»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem Kind, »erst schön spazieren gehen und dann zu Großmama, ihr Geld bringen.«
Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld abtrug.
Das kleine Clärchen jauchzte.
Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler Friedrich Wilhelms IV., eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit dem Kopfe Friedrich Wilhelms III. und der Bezeichnung auf dem Revers: »Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht, Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir geschenkt haben wollen« – da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues« verzichtet.
Sie mußte noch jetzt darüber lachen.
So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern verdienen.
Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt – dem, der es unter Mühen erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm rauben, heißt ein kleiner Mord.
Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen, ist verhängnisvoll.
Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin, wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse.
»Schö–ner, grü–ner – schö– –«
»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es nicht!«
Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen. – – –
Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause kam, wurde er von dem Dienstmädchen mit der Neuigkeit empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen hätten, und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles genau aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das Gesicht, er legte Hut und Stock hin und ging hinein.
»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Es ist alles fort, man hat die Thüren aufgebrochen – alles!«
»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er schweratmend, totenblaß, aber ganz ruhig.
Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief verstimmt als erschreckt aus. Mit einem Male ging er auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen Helm ergriff und ging.
»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum gleich zur Polizei? – Mein Gott – Du – Du sollst ja alles wieder haben –«
»Also Du?«
»Ja – ich. Ich war in einer so verzweifelten Lage! – Wanda!!«
Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und wartete, wartete auf ein gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen und endliches Verzeihen. Und – wartete vergebens.
Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das Zucken ihrer Lippen redeten eine furchtbare stumme Sprache. – Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges Wort nur, aber ein sehr böses.
Er stampfte mit dem Fuße auf.
»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was zu nehmen mir nicht zustand, daß ich – nach dem Gesetz – jedes gute Recht habe an allem, was Dir gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische Recht ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes berufend, wozu er sich durch das Erscheinen des Beamten gedrängt fühlen mochte.
»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? Ihr selbst habt sie Euch gegeben und wollt Euch darauf berufen wie auf göttliche Einrichtungen?«
»Aber – aber Du sollst es ja wieder haben – dieses Geld!«
»Dann wäre es – nach dem Gesetz – ein Geschenk, was Du mir damit machtest. Ich will es nicht von Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses Geld.«
Damit ging sie hinaus.
Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, und sah ihr nach. Sie liebte ihn also nicht?
War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht!
Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage vorlegte, die er nicht zu beantworten wagte, weil allein sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz war.
Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er sich eine ganze Reihe anderer Fragen vorlegen und ihnen Antworten finden müssen.
Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt? Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas, wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?
Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »Nein« sein könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit, die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung geringer schätzt als sich selbst.
Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub, sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.
Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie.
Ja, das sei es gewesen.
Sie antwortete nichts darauf.
Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause; denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut und ging.
Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und Sprunghafte ihres Wesens. – –
Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele, als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen lasse.
Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das Verzeihen nicht schimpflich sein soll. – –
In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im moralischen Leben an ihn herandrängte.
In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen dagegen zu bedeuten!
Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so – – so –
Er wußte nicht was – seine Gedanken packten den Gott schon wieder.
So verflatterte ihm der Konflikt.
In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. – –
Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn er den Grund dieses Jubels geahnt hätte.
Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt: dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun plötzlich von ihr?
Ah – Verse! Verse und Melodieen!
Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt
Und thät sie still begraben –
Die Ruhe, die sie mir geraubt,
Die wollt' ich wieder haben.
Doch wie sie war drei Tage tot,
Ich bin über Feld gegangen,
Meine Liebe kam, war frisch und rot
Und küßte mich auf die Wangen.
Nun ging es über Berg und Thal,
Das war ein fröhlich Gewander,
Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,
So sterben wir miteinander.
————
Am Waldrand, dort wo die enge Welt
Von blühenden Hecken ist rings umstellt,
Dort unter den alten Rüstern,
Wo Gras und Blumen flüstern,
Möcht ich noch einmal Dir allein,
Wenn der ersten Sterne lichter Schein
Die Augen der Müden segnen,
Allein Dir noch einmal begegnen.
Und sähe die Dämm'rung um uns her
Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,
Sähe den Himmel sich dehnen
Und sähe doch nichts vor Thränen,
Und sähe nur Dich, nur Dich allein! –
Ach, einmal nach all der Entsagungspein,
Dem tödlich schweren Verwinden
Möcht' ich Dich wiederfinden.
————
Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel,
Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,
Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder
Silberne Flügel.
Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte
Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,
Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte
Nebelgeleuchte.
Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen
Horizontes Rand und die grüne Breite,
Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite
Schweigendes Blühen.
Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen
Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,
Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche
Ruhet geborgen.
Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen
Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle
Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle
Dir zu erglühen.
Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen
Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,
Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,
Scheuchst Du die losen,
Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,
Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,
Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel
Kehren zurück mir.
Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen
Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:
Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen
Schmeichelnd gezogen.
Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen beigelegt.
Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur einen verwehten Ton der Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie – und einem unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer kann!
Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die, eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit, eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will, eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. – –
Doch still – während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging.
Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe.
Da lachte sie hell, laut – aus ihrer intelligiblen Welt heraus.
*
Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist, da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und die Winde nicht mehr so warm.
Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete. Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen, nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr entstürzten.
Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte, als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch, der zugleich Wunsch und Erfüllung ist.
Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! – wo die Sonne goldigen Flor zwischen die Stämme wob – regte sich's dort nicht? Raschelte nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?
Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr Herz?
Und lag sie – jetzt – wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern Herzen?