Fünftes Kapitel.
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Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.
Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute – die Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung – aber man kokettierte ebenso gern.
Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.
Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem leise wallenden Nebel standen.
Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat er ihr in den Weg.
»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe. Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten Hände.«
Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie.
»Heiter? Glückberauscht!«
Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu.
Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren Ton einzugehen.
Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging.
Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten.
Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.
»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt aber – jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles überloht! Aus es moll über es-dur in e-dur. Trah – tratatatah!! Das müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das Glänzende.«
»Muß es denn herzzerreißend sein?«
»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«
Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.
»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«
»Wundervoll!«
Sie lachte.
»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium von der Schönheit.«
»Sie schwärmen.«
»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, – wenn Sie es forderten?«
Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den Ernst zu persiflieren.
»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«
Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.
Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern macht?
Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. – –