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Eheglück

Achtes Kapitel.

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Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von den bisherigen auffallend unterschied.

Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und humorvoll.

Dieser Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte ihm durchaus.

Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen, bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie einmal das Glück dichterischen Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das dichterische Gesetz und verfuhr darnach.

Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden. Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden vor:

Klingende Weisen, tönet

Über mir! Duftet, o Rosen!

Schatten der Dämm'rung, versöhnet

Grelle des Tags! Mit losen

Duftigen Schleiern decket

Angst und lastende Plage,

All was die Seele schrecket:

Not und ringende Klage.

Ganz mit duftigem Schleier,

Wallend in seliger Fülle,

Mir zur einsamen Feier

Holden Abends umhülle

Dämmerung den grämlichen Tag!

Höher als strebende Mühen,

Höher als alles Vollbringen,

Stolz in der Tugend Erglühen,

Höher als Kraft und Gelingen,

Froher als heitere Feste,

Jubelnder als das Entzücken

Fröhlich gescharter Gäste,

Glänzend in all ihrem süßen

Elende wandelt in Wonne,

Wandelt auf seligen Füßen,

Leuchtender noch, als die Sonne,

Liebe den blumigen Pfad.

Klingende Weisen, tönet

Über mir! Duftet, o Rosen!

Schatten der Dämmerung, versöhnet

Grelle des Tags mit losen

Duftigen Schleiern, denn selig

Öffnen sich schimmernde Pfade!

Über mir unwiderstehlich

Himmlisches Wolkengestade!

Und meine Seele, der Sonne

Gleich, der einsam beglückten,

Wandelt in jauchzender Wonne

Wolkenhin, wo Entzückten

Liebe schmücket den Pfad.

Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen, Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn endgültig verabschiedete.

Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern – wie sie nun einmal war – wegen der geistreichen schriftstellerischen Leistung, die er nebenher bedeutete.

Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor Freude machen mußten.

Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete.

Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand, war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ.

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