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Eheglück

Sechstes Kapitel.

Reading edition

Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.

»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. So will ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«

»Was wirst Du Dich nur so quälen.«

»Es soll mir Freude machen.«

»Wie Du willst, Mutter.«

»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß abscheulich schmecken, ordentlich giftig.«

»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«

»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.«

»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das Vernünftige schlechthin ist.«

»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist von einem Grafen Strachwitz.«

»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie auch dieses Thema wieder fallen.

Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin. Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.

An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:

»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die und Registrators sind die richtigen Mexikaner.«

»Mexikaner?«

»Nun – Mexikaner – Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.«

Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse, aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden, wenn wir sie abgelegt haben.

»Wer ist denn der Polowski?«

»Ich meine den polnischen Musikanten.« – Wanda schwieg verletzt.

»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder begegnen und ansprechen.«

»Er mißfällt Dir natürlich?«

»Er hat so was Unmännliches!«

»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als eine Dosis Anmaßung, Brutalität und – na, was war es denn noch? ja: Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir ist eben keiner recht.«

Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind.

»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört, wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie sie jetzt sprechen?«

»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«

»Jaja. – Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie ist ein kleiner Phantast.«

»Wenn man das erlebte!«

»Was, Mutter?«

»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.«

»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.«

Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen setzen,« sagte sie.

Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank.

»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.

»Eia –«

»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter.

»Mein dunkles Herze lieb dich,

Es lieb dich und es bicht,

Es bicht und zuckt und verbutet, –

Aber du siehst es nicht.«

Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von überwältigendem Effekt war.

»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust drückte.

Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie alle beide das Kind ab.

»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«

»Weiter gar nichts!«

»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte, ich wäre auch Schauspielerin.«

»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.«

»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!«

Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz:

»Freudvoll und leidvoll,

Gedankenvoll sein,

Langen

Und Bangen

In schwebender Pein,

Himmelhoch jauchzend,

Zum Tode betrübt,

Glücklich allein

Ist die Seele, die liebt.

›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei.

»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth.

»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. – ›Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.«

»Ach laß mich.«

»Glücklich allein

Ist die Seele, die liebt.«

Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.«

»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley – da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich – ihr könnt nun Raute, mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹« Oder sonst was:

»Und größer als aller Sehnsucht Qual

Ist meine Liebe zu Dir.«

»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«

»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert. Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.«

»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«

»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?«

»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«

»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot, und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«

»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. Geh ein Stückchen spazieren.«

Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und griff nach ihrem Schirm.

»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«

»Da ist es zu einsam.«

»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«

»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen.

Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach, während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser Brunnenpromenade festzusetzen.

Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.

Warum sie ihn nur liebte?

Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie. Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose erhielt.

Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen.

Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander. Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag, und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen, die sie umspielten.

Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen?

Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten.

»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich – diese Stelle bekomme.«

»Ach – Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.

»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt.

Sie schwieg und sah vor sich nieder.

»Ich – ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb – Warum sagen Sie nichts?«

»Es geht nicht.«

»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«

Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark.

»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen – denn –«

»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.

»Sagen Sie es lieber.«

»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende – wo man so ganz zusammenrückt – geistig, gemütlich – wo man seine Seele so umdreht wie einen Handschuh – dumm! aber es giebt solche Stunden – wenn man verheiratet ist – –«

»Gewiß, natürlich.«

»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.«

»Jawohl.«

»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht –«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, daß man – um ein Haar – um eines Andern willen zurückgetreten wäre – vor der Hochzeit.«

Sie stockte.

Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und sah sie an.

»Und dann – sagt man sogar den Namen – eben des Andern.«

»Welchen Namen?«

»Witold von – – nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem desparaten Lachen und sprang auf.

So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.

»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu.

»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur – Freundschaft ist – von Ihrer Seite – auch dann –«

»Dann würde ich lügen.«

Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er.

Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!«

»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.«

»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine zu bleiben. Aber genug für heute. – Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht mehr.«

Und leidenschaftlich riß sie sich los.

In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm wieder entfliehen.

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