Drittes Kapitel.
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Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei.
»Ein freundlicher Zufall.«
»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der vorhergehenden Dame.
Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte, bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr war.
Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart und gebrochen sprachen – er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut eines Królewicz.
Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege.
Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen.
Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin, der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten.
Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth abzuliefern.
»Und ich soll Ihnen halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?« fragte Wanda Rhode lachend.
»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«
»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie nur glücklich das Land erreiche?«
»Nein, das kenne ich nicht.«
»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht länger widerstehen und tanzte, und tanzte –«
»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!«
»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte:
Bianca, Bianca, was hast Du gethan,
Du hast dein Wort ja gebrochen.
Worauf die Schöne lachend rief:
Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika
Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen.
Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge Bianca! – Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich Ihnen diese Herren vorstelle?«
Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle.
»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr trat.
»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«
»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«
»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und heiter und – ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich manche vergnügte Stunde verlebt.«
»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.«
»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten.
»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt, und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft.
»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das Beben der Stimme neben ihr trank.
»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«
»Sie kamen erst heut hier an?«
»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung –«
»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?«
»Nein,« sagte er dumpf.
Sie tändelte mit dem Fächer – in diesem Tone ging es nicht weiter, so ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie diese –«
»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn Sie scherzen und spotten können, ich kann es nicht.«
Sie suchte nach einem andern Thema.
»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper, die Sie damals schreiben wollten?«
»Sie erinnern sich dieses Planes?«
»O, sehr gut, besonders eines Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.
»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«
»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.«
»Wirklich?«
»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen Stimmungen der Sehnsucht und – nun ja, phantasiere ich gern auf dem Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.«
»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.«
»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik –«
»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein wenig an mich gedacht?«
»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten. Was ist da weiter?«
»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? – ich meine in Salzbrunn.«
»Nein.«
Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang, aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um, endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter, die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt hält.
Ganz unvermittelt – die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren zum »Contre« angetreten – sagte er dann:
»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen, daß ich jenes Lied – ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, öffentlich mitzuteilen wagte?«
»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.«
»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«
»Ich denke.«
»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle, alles ihres Ringens und Sehnens?«
»Warum sollte ich das nicht begreifen?«
»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.«
»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt, die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?«
»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein großer Genius zu gelten.«
»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka, nicht wahr?«
»Gewiß.«
Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der Wirbel des Reigens die Beiden.