Neuntes Kapitel.
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Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.
Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere Augen und frischere Lippen und war – ach! so unglaublich schön, schöner als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.
Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,« rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.
»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth.
»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht besonders gut aus.«
»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein geliebtes kleines Mädel?«
Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an. »Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?«
»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«
Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben.
»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals.
»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹«
»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich aufmunternd an.
Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:
»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.«
Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:
»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht leiden.«
Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war.
Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen Provinzen, die es ausmachten.
Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her, fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne, von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe, und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten:
»Du bist ja hold den Gimpeln
Und heilest Gimpelschmerz,«
– von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife, langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse:
»Kleid eine Säule –
Sie steht wie ein Fräule.«
Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen Vers zu dichten.
Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken, der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika.
»Die Kolmeika?« fragte er.
»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!
Die Kolmeika tanz ich gern
Mit dem gewissen jungen Herrn,
Doch am liebsten ist es mir
Mit dem schönen Gard'off'zier.«
»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend.
»Ach, da war ein Graf Borinski – der tanzte das zum Küssen. Ein netter Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor unsern Fenstern getoggenburgert.
Und so saß er, eine Leiche,
Eines Morgens da, juchhe!«
Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses, fieberiges Lachen.
»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf, suchte da und dort: »Die Tasche?«
»Die legt' ich ins Schlafkabinett« –
»Ach dort!« und rannte hinaus.
Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen wieder gestorben.
Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen, spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera.
Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte! Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte. Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war, als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen.
Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte.
Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu qualifizieren.
Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so – dieses Glas, das sie Ewald mitgebracht – und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt – dieses Glas – – da in der Handtasche! So!
Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele, die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein:
»– und Glanz und Wonne
Umfluten strömend mich,
Ich habe Dich gefunden,
Und jauchzend lieb' ich Dich.«
Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken? Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug – indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«
Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit und Verlangen nach ihr.
Wo blieb sie nur?!
»Wanda?«
»Ja.«
Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in heftiges Schluchzen aus.
»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«
»Nichts.«
»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte er zärtlich.
Da hielt sie nicht länger zurück.
Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit unsäglicher Qual und Bitterkeit.
»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht wieder!«
Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas, in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr alles zu Liebe zu thun, nichts waren – gegen den Willen der Natur! Was sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz – so gern er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn – vielleicht, daß er dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das Unabänderliche erleichtert hätten!
Aber so fand er sie nicht.
Wanda schluchzte weiter.
»Fort! wieder fort möcht' ich!«
»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch –«
»Nichts weiß sie. Nichts!«
Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut, alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein lautloses Verstehen und süßes Begreifen war.
Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns gereicht!
Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.
Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete.
Ehelos durch das Leben gehen – nein, das war das Entsetzlichste. Das war noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten und barmherzigen Gottes nennen!
Gleichviel: es war so.
»Ewald!«
»Wanda.«
Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden wollte.
Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr, in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem Leben, das nun einmal ihr Leben war und – ist es nun so, daß Liebe im menschlichen Gemüt überhaupt etwas für sich ist, eine subjektive Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann – war es, daß speziell in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war, eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war – als der Doktor sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es, daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der sie leidenschaftlich umschloß. –
*
Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen: Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal – Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt, flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam.
Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht eingestanden, die sie hinweglogen mit einem prahlerischen Eifer, der auf der Grenze zwischen Heroismus und Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das andere etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal einzugestehen wünschte und sich doch scheute. So näherte sich zuweilen ein Entschluß zu freimütigem Bekenntnis: »Diese Spargroschen – verzeihe mir« – oder zu heißer Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern –« der Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch an der Schwelle liegen.
Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; an einem der immer seltener werdenden Abende, an dem der Doktor einmal zu Hause blieb – und sie warf die Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen habe.
»Kreowski?«
Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. »So? Dieser ›beschlittete Pollacke‹ war dort?«
»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös.
»Ja.«
»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann mir auch nicht gut denken, daß er hinter meinem Rücken in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig hinzu, »spricht er deutsch, ist in Deutschland geboren, macht deutsche Verse und deutsche Musik und erklärt sich selbst für einen Deutschen.«
»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie im Leibe, die in Schnurröcken herumlaufen.«
»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche Politik,« sagte sie gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie.
»Ich weiß bloß, daß der Mensch – Musikant war er ja wohl – trotz seines ›Adels‹ in dem Kränzchen, in dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich Dir zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie ein Pole aussah und die geschniegelten Manieren dieser Rasse hatte.«
»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.«
»Das fehlte gerade noch!«
Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen.
Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden, bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen.
Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war, wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing.
In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte, an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts: nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein Individuum zu treffen.
Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch – es war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt gewesen zu sein.
Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der dahinter stand.
Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten?
Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode patriotisch sein, warum national empfinden sollen?
»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt.
»Aber Du hast schon alles gesagt,« antwortete sie leichthin, »ich könnte nur – noch bemerken, daß Kreowski sehr gut Walzer tanzt.«
»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.«
Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem seltsamen Wechsel der Empfindungen im Herzen. Sie hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum Befreier von einer Gefühlsverwirrung machen wollen – das Resultat der bloßen Einleitung dazu war, daß sie tiefer darin verstrickt war als vordem.