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Eheglück

Elftes Kapitel.

Reading edition

Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden. Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin.

Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften, krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren, der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, so hatte sich eine Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! So suchte sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! Das war das Resultat ihres harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.

Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch keine für Rhode nehmen.

Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen – pfui! Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem haushälterischen Sinn zu treffen – thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige Interessen solidarische nannte.

Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern und Scherzen – wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!

So auch hier.

Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen – ob am Ende – Jesus, das fehlte nun grade noch!

Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu dürfen.

Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.

»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.«

»Jetzt?«

»Ja.

Die Mädchen nah'n im Flittertand

Mit bunter Bänder Wallen,

Ach! wer giebt ein Festgewand,

Dem Liebsten zu gefallen!

– oder auch:

Und den goldgestickten Schleier

Legt sie an, das Glanzgeschmeide,

Zu des Tages hoher Feier

Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.

– kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio! – Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.

Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren.

Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg, der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß er bisweilen abends zu Hause sei.

In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb, um irgend welche Lappalien einzukaufen.

Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht.

»Beten, mein Clärchen!«

Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte, den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.

»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt, schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann feierlich:

»Mein dunkles Herze lieb' Dich,

Es lieb' Dich und es bicht –«

»Schon gut, schon gut!«

»Amen, gute Nacht, Großel.«

Und da schlief sie auch schon.

»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, mein Gott, behüte sie vor – vor –«

Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott.

Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen, öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.

Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern, sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.

Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.

Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf- und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter – aber der Mann verstand es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome herzustellen. Der Thor!

Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen Strom herzustellen. Ach – sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war das die Meinung von Madame Gernoth. –

Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles rückhaltlos mitteilte?

Sie stand auf, zögerte – und ließ es.

Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden Schwiegermutter.

Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie.

Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen worden war.

Die Hälfte der Schuld lag auf ihm – mochte er ihren Fluch tragen.

Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee, der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle, Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht. Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die Begegnung verabredet.

Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit. Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder- und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber.

Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.

Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war, mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.

Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, kam er ihr entgegen.

»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie sie das Glück und der Glanz des Lebens sei.

Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.

»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.

»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?«

»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an mich zu denken?«

»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen – das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«

»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen erfinden könnte. Dich zu ehren – aber nun ist meine Phantasie zu arm. Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«

»Das ist das liebste, was ich höre.«

Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig, an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen. Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging.

Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf Beethoven.

»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend, – »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause – wie hübsch, wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug oben – und Du wärest geschlagen.«

Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la – la – la – lalala, lala.«

Da standen sie vor seinem Hause.

Sie zuckte an seinem Arm:

»Zeig mir den Klavierauszug.«

»Wirklich?«

»Was ist da auch Schlimmes!«

»Wanda –«

»Du willst wohl nicht?«

Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:

»Ein Mann – sagt da nicht nein.«

Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß als guter Freund.«

»Hm, – Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«

»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube, das ist ein Abenteuer, wie?«

»Ja, es ist eins.«

»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein kleines Abenteuer zu erleben.«

Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen sind finster –«

»Das seh ich wohl.«

»Halte Dich ganz fest an mich.«

»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er sie an sich und küßte sie heftig.

Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig: »Mache Licht.«

Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe; und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher.

Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that, war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war, stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen, die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken.

Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war, eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist so blaß,« sagte sie.

»Ja, mein Gott« – und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich – ja – ich werde das jetzt spielen. Siehst Du: Beethoven.«

»Ich bin geschlagen.«

»Soll ich spielen?«

»Aber natürlich.«

Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand, stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber – damit Du Dich überzeugst,« sagte er heiser.

»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.«

»So?«

»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische Wirtschaft.« Sie lachte leise.

Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.

»Man muß heiraten – nicht wahr? – man sollte – – hier ist die Stelle!«

»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend, schwellend, jubelnd, groß und edel.

Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute, war eine Pause zwischen ihnen.

»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden, ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«

»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen.

Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie, fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich, Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.

Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du – bist zu mir gekommen – Du –«

»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.

Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«

»Ich lieb' Dich sehr.«

Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«

Doch er umschloß sie nur fester, und während er sie an seine schweratmende Brust drückte, knüpften die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch, das sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres Hutes. »Laß' doch das.«

»Laß'? – ja – laß' nur, gieb – Deinen Hut – und das auch – das – Du mein, mein, mein!«

»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!«

»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du – wirst mir angehören, ganz mir, mir, süßestes Weib!«

Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, griff nach ihrem Mantel, den sie schnell umwarf und rannte hinaus, die dunkeldämmerigen Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das ihr den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und Zorn. »Diese – Bestien, ob sie weiter nichts wissen! Diese Bestien!«

Jetzt – rechts oder links? – rechts – dort die Hausthür – – Gottlob, sie war gerettet!

Gerettet – ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte ihre Schleier abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, die Himmlische hatte die Engelslarve abgethan und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja doch nur die Poesie der Liebe, das selige Wandeln in ihren lichteren Vorhöfen, war gerade das, was die Ehe nicht war.

Und dann – überkam sie mit einem Male das gräßlichste Gefühl, wie ein Glutstrom, der sich aus seinem Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre vielleicht eines Tages – nicht heute, nicht morgen – doch wer kann für alle Zeiten gut für sich sagen? – vielleicht – diesem Begehren gewichen –

Nein! nein! gewiß nicht! nie!

Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken gekonnt, war möglich, weil er ihre Liebe in den Staub getreten und den Boden, auf dem sie gewandelt, unter ihr fortgezogen!

Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als Rhode mit einem Licht in den Händen bei Madame Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand und in die Schneenacht hinaussah.

Er sah blaß und aufgeregt aus.

»Ich habe keine Ruhe – es war Unrecht, sie allein fortgehen zu lassen – und sie sagte, sie gehe manchmal des Abends allein fort – wohin geht sie, da es sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?«

»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« sagte Frau Florentine hart, »es hängt fertig im Schrank.«

»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen Sie so unheimliche Augen, Mama? Sprechen Sie doch.«

Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes werden?« sagte sie dann.

»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! Ich habe ein Recht zu wissen, was Sie wissen.«

»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie immer, ob Sie auch Pflichten haben, größere Pflichten, als Ihre Frau dürftig satt zu machen, darnach fragen Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit dem Musiker Kreowski.«

»Nein!« schrie er.

»Ja.«

»Seit wann?«

Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den verhängnisvollen Sekretär und sagte: »Seit Sie – das Geld hier herausgenommen haben.«

Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. »Es ist dennoch nicht wahr,« sagte er endlich gequält.

»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores am Eisberge. Ich glaube, sie treffen sich öfter dort. Gehen Sie sie suchen.«

»Ich gehe,« sagte er heiser.

»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld an Ihnen liegt. Ich möchte mein Kind nicht einem uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern einem, der fühlt, daß er –«

»Mitschuldiger ist. Ich begreife.«

Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. Beide zitterten. Es war kalt und eine große Qual in beider Seelen. Dann ging er.

Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene Schnee und knirschte unter seinen Tritten.

»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. Er sah sie ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit diesem geistreichen Nixenlächeln, mit diesen leuchtenden Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen Nase, dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: das »Wunder eines Weibes,« das er sich langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und zum Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles Impulsive, alles Innerliche, alles Tiefe und Verehrungsvolle abhanden gekommen war. Und mit dieser Art Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit eines andern entgegen – – bis – wohin?

Bis – bis –? Er mochte es nicht ausdenken?

Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre ....

Nein, nein – das war unmöglich! so weit verlor sie sich nicht, so weit hatte er sie nicht verloren!

»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße Glutwellen ihm zum Herzen schossen. »Gott im Himmel – das nicht!«

Da war der Eisberg – da das Kaiserthor! Er blieb einen Augenblick stehen; wohin sich wenden?

Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße herunter fliehen. »Wanda!«

»Ah! – Du?«

»Was thust Du hier?«

»Ich bin auf dem Nachhausewege.«

»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen glühen und alles zittert an Dir.«

Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm und zog ihn unter seinen. »Wanda, um Gottes willen, was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.«

»Dieser unverschämte Mensch, dieser –«

»Kreowski?«

»Woher weißt Du –?«

»Genug, ich weiß, daß Du mit diesem Manne – ein – ist es denn wirklich wahr?«

»Nun – ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm – ja! Man will eben auch irgend etwas vom Leben haben, wenn man – doch eigentlich – keinen Mann hat!«

»Du hast keinen?«

»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken und – und – na ja, prachtvoll! Und Kreowski, der liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch und war immer so zart und rücksichtsvoll, und nun – – ach!«

»Sprich doch bloß, sprich!«

»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven – und sind gerade vor seiner Wohnung – und ich sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie nachsehen. Und so gehen wir hinauf. Und dann – wird er eben unverschämt! Wo ich mit keiner Seele an so was – Greuliches gedacht hab! – Jesus – das, ja das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte doch Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!«

Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, geistreiches Kind. »Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich.

Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf auf seine Schulter sinken, im Schmerz über ihre gekränkte und verlorene Liebe in dem Gatten den Freund suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe.

Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche Zärtlichkeit. Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. Als Madame Gernoth, die angstvoll am Fenster harrte, sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße einbiegen sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der andern Seite hinunter. Sie war nicht die Person, die Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute miteinander fertig werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. –

Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme am besten zu halten pflegte, nahm ihr Hut und Mantel ab, rieb ihr die erstarrten Hände und braute ihr über der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich neben sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der Stirn und trocknete ihre Thränen.

Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell beruhigt und ohne auf seine Zärtlichkeit zu reagieren.

Endlich sagte er weich:

»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn – beinahe – zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda – und war der Mann sehr dumm oder – sehr schlecht?«

»Sehr dumm.«

»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen Schmuck seines Lebens – Wanda?«

Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht. Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit einem Versprechen die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit des Empfindens.

»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von ihrem Schweigen verletzt.

Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann:

»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß ehrlich gemeint, schließlich – war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.«

»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und Aufschluchzen. »Wanda!«

»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«

»Was?«

Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante und starrte gequält in eine Ferne, die nicht da war.

»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was ich thun soll, daß alles wieder gut würde! Habe doch noch einmal Vertrauen zu mir!«

Sie lächelte trübe.

»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« Die Stimme brach ihm fast vor Schmerz, und Thränen traten ihm in die Augen. »Wanda!«

Da sprach sie.

»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns alles wiedergäbe, alles verlorene Vertrauen, alles verlorene Glück, jene goldnen Tage, jene junge Seligkeit –«

»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das doch wiedergeben. Liebste! Warum sollte uns das alles nicht wieder werden?«

»Weil – ach Gott! – weil – das wieder ist ... Alle diese Qualen, diese Not und dieses Elend. Und ich will nicht, will nicht! Lieben? man liebt doch nicht seinen Peiniger und Verderber!«

»Deinen Peiniger –«

»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. Aber hier, hier, wo die Angst vor dem Ende in jedem Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens diesmal stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! wenn ich lieber vorher stürbe!«

»Also das ist es? – Und das ist Dir so schrecklich?«

»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es wird auch wieder sterben! Ewald, hörst Du denn nicht? ich will nicht! Ich will lieber sterben!«

Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, zärtliche Worte und suchte sie zu beruhigen. Aber ein Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr ein widriges Gefühl und machte jedes Wort von vornherein zu einem verlorenen.

Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd wahrnahm, wie ihre Erregung sich zur Ekstase steigerte. »Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du, da lauert es – und kommt heran – immer näher – das – und das andere Gräßliche: die Geldnot, der Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste, – – der Tod! Und da wieder – da! – die Sehnsucht nach Glück und Leben, nach Schönheit, nach Rhythmen und Tönen – und nach Liebe, Liebe, Liebe!«

»Wanda!«

»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine Seele verderben, hörst Du? meine Seele! Denn wer, wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir nicht einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines Hungers, seiner Sehnsucht?« –

Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich verletzte ihn ihr Abscheu vor einem Zustande, der ihr ihn selber abscheulich machte, der ihm Freude verhieß und der doch manche andere Frau selbst sogar beglückte.

»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen aufzulehnen,« sagte er.

»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, der die Hälfte der Menschheit dem Manne in die Hände gespielt und mit der Mutterschaft geschlagen hat!«

»Du bist schrecklich.«

»Ich? nein. Jener!«

Er war allein.

Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem ungeheuren Schmerz, stand er lange inmitten des Zimmers und starrte auf die Thür, die sich hinter ihr geschlossen.

Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf das enge Gewinkel von Höfen und Hinterhäusern da draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende nicht kennt, und an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche Gefühl zur eigenen Qual herumrätselt, um nur einen, einen Strahl zu erhaschen von dem ewigen Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis erhellte.

Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten des Mantels zerrte, in denen die Gottheit sich verhüllt; und seine Wünsche, seine Empfindungen blieben, die sie waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens riß, das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn ihren Peiniger und Verderber genannt.

Was war nun das Leben?

Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts als ein ewiges Gewühl von Täuschungen und Irrtümern des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein Kampf, der hier vernichtet, um dort leben zu lassen!

Es blieb dunkel. –

Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein feiner scharfer Geruch verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er ging dorthin und beugte sich über den aufgestellten Apparat.

»Ah – die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt sich Strom. Es wird gut werden!« Und damit überkam ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt. »Alles wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes werden und herrlichen Gelingens.«

Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen Bequemlichkeitsliebe, des Ruhebedürfnisses; obgleich er ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes Gottvertrauen und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in der Welt.

Adolf Niese, Saalfeld i. Th.

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