Zweites Buch
Reading edition
Erstes Kapitel
Die Nacht ist herabgesunken auf das schweigende Nordmeer.
Noch lustwandeln auf den Promenadendecks des Luxusdampfers fröhliche Menschen in heiterem Geplauder, und aus den Rauchsalons schallt das Lachen lustiger Zecherrunden. Aber die Macht der Gewohnheit berührt sie an der Schulter, und die Menschenlust wird müde, die sich nur an sich selbst zu entzünden vermag in der lauten Vielheit. Das Leben erlischt über der lautlosen See.
Auf Achterdeck lehnt eine Gestalt gegen die Brüstung und träumt in die schaumweiße Kielspur nordische Märchen hinein. Scheu ist der Schlafgott an dem Manne vorübergegangen, als spürte er den Widerpart der alten, starken Götter, die in der Nacht über das einsame Nordmeer schweben. Und auch der sinnende Mann spürt ihre Gegenwart. Das Wunderbare, Rätselvolle, Nie-Gelöste in Luft und Wasser. Und seine Menschenseele möchte sehnend sich dehnen in dem unsagbaren, schmerzlich süßen Empfinden und unsichtbare Bande sprengen, um zu verschmelzen mit der Allmutter Natur, und sie ringt vergeblich nach einem armseligen Wort ...
»Gute Nacht, Herr Doktor!«
Der Träumer fuhr herum und blinzelte mit den Augen in den Lichtstreifen der Schiffslaterne. »Sie sind noch auf, gnädige Frau? Sie werden morgen das Frühstück verschlafen.«
»Selbst auf die Gefahr Ihrer Ironie hin.«
»Meiner Ironie —? Was hätte wohl meine Ironie damit zu tun?«
»O, bitte, keine Entschuldigung. Daß Sie sich über die ganze Schiffsgesellschaft lustig machen —«
»Pardon, meine Gnädige, ich denke nicht daran.«
»Nun also, Sie denken nicht einmal daran; das wäre Ihnen schon zu viel der aufgewandten Ehre. Sie verachten sie ganz einfach.«
»Sie gefallen sich heute in starken Ausdrücken, gnädige Frau. Ich tue weder das eine noch das andere, was Sie mir unterstellen. Wenn ich mich während der Nordlandsfahrt, die leider ihren Kurs nun wieder heim nimmt, für mich gehalten habe, so bedeutete das keinerlei Affront gegen die Reisegesellschaft, so wenig, als sie mich affrontieren kann. Keine Berührungspunkte zu finden, ist doch kein Verbrechen.«
»Weshalb suchen Sie sie nicht?«
»Meine gnädige Frau, ich bin trotz meiner verhältnismäßig jungen Jahre viel auf Reisen. Wenn ich den Gang des gesellschaftlichen Lebens beobachten wollte, könnte ich zu Hause bleiben. Aber gerade weil ich anderen Stimmen, unverfälschten und ergreifenderen, lauschen wollte, zog es mich aufs Meer. Da haben Sie den Unterschied. Frühstücken, dinieren, soupieren, Musik oder ein Spielchen machen und von Zeit zu Zeit einen Erholungsblick in die Natur tun — ja, dazu brauche ich nicht nach dem Nordkap zu segeln. Eine Reihe von festlichen Veranstaltungen finde ich überall. Wenn ich könnte, wie ich wollte, so ließ’ ich mir hier auf dem Achterdeck ein primitives Bett aufschlagen, nähme hier ganz nebenbei meine Mahlzeiten ein und rührte mich im übrigen nicht von der Stelle.«
»Ohne jede Unterhaltung?«
»Ich plaudere den ganzen Tag, wenn auch wortlos. Und wenn ich nicht plaudere, so staune ich.«
»Über was, Herr Doktor?«
»Über das, was mir die Elemente zu sagen haben.«
»Und was sagen sie Ihnen gerade jetzt, Herr Doktor?«
Hans Steinherr blickte lächelnd die elegante Fragerin an, die, den Saum ihrer reichen Abendtoilette gerafft, auf den Spitzen der weißen Glacéschuhe stand und in die schäumende Kielspur sah.
»Hören Sie es nicht selbst? Sie wundern sich, daß die große Weltdame ihre Nachtruhe einer Kaprice opfert und sich einen Schnupfen holt, um ein Viertelstündchen Naturkind zu spielen!«
»Das kann nicht alles sein,« erwiderte sie, »damit vertreiben Sie mich nicht. Haben Sie keine stärkere Beschwörung?«
»Wenn Sie sie hören wollen?«
»Ich will.«
»Sie wissen, es ist die erste Reise, die das Schiff macht. Es ist seine Hochzeitsreise, seine Vermählung mit dem Meere. Und nun hat sich die Nacht gesenkt und die Neugier hat die Augen geschlossen. Verstehen Sie jetzt, was das Meer wünscht? Es wünscht, daß man die Mysterien der Brautnacht ehrt und das Schiff allein läßt in den Umarmungen der See. Schnell, schließen Sie schamhaft die Augen und fliehen Sie in Ihre Kajüte.«
»Und Sie?«
»O, ich — —. Nehmen Sie an, ich kenne in diesen Dingen keine Scham. Nehmen Sie an, ich sehe darin nur die Kraft und den Stolz der Kraft. Alles das, was wir Menschenkinder verloren haben und was ich für meine Person so gern wiedergewinnen möchte. Da! Da! Schauen Sie, wie die Welle das Schiff bei der Flanke packt. Wie das Schiff zittert und in die Umarmung hineintaucht. Was liegt ihm an dem Flüstern, das über die Wasser läuft! Die Wasser verrinnen ... Gute Nacht, gnädige Frau, es ist Zeit, daß Sie zu Bett gehen.«
»Lassen Sie mich hier. Die Nacht ist herrlich.«
Er gab es auf, sie zu verscheuchen, und zog einen bequemen Triumphstuhl aus Segeltuch heran, in dem sie sich ausstrecken konnte. Dann wickelte er seinen Plaid um ihre Schultern und hüllte ihre Füße in eine Reisedecke.
»Ah — —« machte sie und rekelte sich wohlig.
Schweigend lehnte er wieder an der Brüstung und lauschte in die schwarzblaue See unter dem endlosen Nachthimmel. Aber eine Unruhe trieb in seiner Stimmung umher wie ein unter dem Wasserspiegel verborgener Wirbel. Er fühlte, daß er beobachtet wurde, und diese Empfindung lenkte ihn von der Vertiefung des Genusses ab.
»Weshalb sind Sie nur ein solcher Sonderling?« hörte er die Frauenstimme wieder neben sich fragen. »Wenn Sie wollten, könnten Sie der vollendetste Weltmann sein.«
»Ich mache weder auf das eine, noch auf das andere Anspruch, gnädige Frau.«
»Sie haben Trauriges im Leben erfahren?«
»Ich — —? Ich glaube, es war umgekehrt. Das Leben hat von mir Trauriges erfahren. Und das ist schlimmer.«
»Bah, man muß das Leben zuweilen en canaille behandeln, damit’s einmal einen anderen Ton von sich gibt.«
»Sie spielen jetzt die Frivole wie vorhin das Naturkind.«
»Wenn Sie das Spielerei zu nennen belieben —. Für mich ist es jedenfalls keine Spielerei. Vielleicht liegt darin unsere individuelle Verwandtschaft, die uns von der Allgemeinheit entfernt: wir haben, jeder für seine Person, unsere Separatwünsche.«
»Sie sind bei gutem Humor, gnädige Frau. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie sich lange mit Wünschen abgeben. Für Sie gibt es doch wohl nur Erfüllungen.« Er sah mit seinem leisen, ironischen Lächeln nach ihr hin, und es war ihm, als hätte es in ihren schwarzen Augen aufgeflammt.
»Ihre Komplimente haben einen Beigeschmack, Herr Doktor; aber besser Beigeschmack als das fade Einerlei.«
»Das ist eine Freinacht hier oben. Die Kultur liegt unter Deck und schnarcht.«
»Sie sehen, daß ich nicht unter Deck liege. Ich verlange daher auch durchaus nicht nach Rücksichtnahme. Erkennen Sie das an?«
»Sie ebnen mir so sehr die Wege zur Erkenntnis, daß es eine Rücksichtslosigkeit wäre, sie nicht zu betreten.«
»Wohlan? Und Sie machen mir nicht den Hof?«
»Das wäre doch paradox. Ich halte Sie für eine so schöne und so kluge Frau, daß Sie alles Recht haben, sich nach Laune zu langweilen. Daß ich Sie daran nicht hindere, das ist die eine Seite der Freinacht.«
»Und die andere Seite?«
»Die andere? Logischerweise muß sie darin bestehen, daß man sich gegenseitig nicht langweilt. Auch nicht mit Hofmachen. Die Woge schwillt empor, und das Schiff stürmt ihr entgegen. Die Schriften der unendlichen Natur sind alle so einfach. Nur wir Endlichkeitsgeschöpfe suchen sie zu komplizieren und haben die wenigste Zeit dazu.«
»Sie reden wie ein dichtender Philosoph oder wie ein philosophischer Dichter.«
»Das sind beides Leute, die ihren Beruf verfehlt haben, denn sie vergessen in ihrer Doppelbeschäftigung das eine über dem anderen.«
»Und so haben Sie es auch gemacht? In die Sterne geguckt und dabei Blumen zertreten?«
»O, Eva, Eva! Das Paradies und die Schlange! Und wenn ich nun, um Ihren Wissensdurst zu stillen, ja sagte?«
»Ich könnte Ihnen zum Äquivalent aus meinem Leben erzählen.«
»Meine Gnädige, ich bin ein ebenso schlechter Beichtvater wie ein uninteressantes Beichtkind.«
»Wer weiß — —?« meinte sie zögernd und ließ ihren Blick aufmerksam über ihn hinstreifen. »Es stände ja nichts im Wege, daß Sie sich in beiden Beziehungen besserten. Vielleicht habe ich den Ehrgeiz, Sie zu entdecken.«
Er verbeugte sich zeremoniell und schwang sich auf die Schiffsbrüstung.
»Ich bin ganz Ohr, meine gnädige Frau,« sagte er, als er seinen Platz eingenommen hatte.
»Der Vorbereitungen bedurfte es wirklich nicht,« versetzte sie leichthin. »Die Geschichte ist kurz und verständlich. Ich war zehn Jahre lang an einen kranken Mann gefesselt, der mich tyrannisierte. Einen Schritt aus dem Zimmer, und ich stand mitten in der Welt. Aber er ließ nicht zu, daß ich den Schritt auch nur einmal tat. Aus Eifersucht, aus Selbstsucht. Was nutzte mir da alle Schönheit und aller Geist, wenn ich meine Waffen nicht in den Kampf tragen konnte! Draußen rief das Leben, und in mir rief das Leben, und neben mir hielt mich der Kranke an der Kette.«
»Und Sie kamen nie darauf, Schönheit und Geist zu benutzen, um dem Kranken eine Welt aufzubauen?«
»Ich war ja selbst krank. Krank danach, mir selbst eine Welt aufzubauen. Glauben Sie, ich wollte mich besser machen als ich bin? Wenn nichts anderes, so sollen Sie wenigstens den Mut der Wahrheit bei mir anerkennen. Zu einer duldenden Samariterin tauge ich nicht.«
»Ihr Gatte starb?«
»Vor einem Jahre. Nun bin ich auf der Fahrt ins Leben.« Sie stützte sich auf den Arm und sah ihn mit ihren strahlenden Augen fest an. »Herr Doktor, lassen Sie es meine erste Tat sein, daß ich Sie Ihren Grübeleien entreiße, daß ich Sie ins Leben zurückführe, in das Sie hineingehören wie ich. Seien Sie mein Herold!«
»Ich bin nicht gewohnt, die Posaune zu blasen,« murmelte Steinherr und verließ seinen Platz.
»Aber die Zither zu schlagen. Verstellen Sie sich nicht; ich habe die Künstlernatur gleich in Ihnen entdeckt.«
»Die Zither?« Es lag ein spöttischer Ton in seiner Stimme. »Meine verehrte Forscherin, alle Märchen beginnen mit: ›Es war einmal ...‹ Sie reden von Märchentagen der Jugend, in denen jeder ein Instrument spielt. Aber Sie tun recht daran, von Märchen zu sprechen. Ist das nicht märchenhaft um uns her?«
Er deutete in die nächtliche See hinaus, die sich wenige Meter vom Schiff wie ein Geheimnis im Dunkel verlor.
»Dort liegt das Asenreich, das einst dahin mußte vor ›Buch und Kreuz und Mönchsgebet‹, wie Scheffels Waldfrau singt. Aber es liegt nur im Traum, wie alles, was einmal war. Der Gedanke ist ewig. Und eines Tages werden sich die Menschen zurückbesinnen auf die Tage der Kraft und Ursprünglichkeit.«
»Und Sie werden dazu die Zither schlagen.«
»Ich? — Ich bin ein stagnierendes Wasser, das langsam aber sicher verschwindet.«
»Mein Herr Doktor: Sie und Sentimentalitäten? Ich nehme an, das ist ein bißchen Pose.«
»Wie Sie befehlen, gnädige Frau. Wenn es Sie nur unterhält.«
»Ein stagnierendes Wasser — —,« wiederholte sie. »Mir fällt ein, ich wanderte im Sommer einmal an einer wasserarmen Stelle des Werraflüßchens. Da hatte sich ein stagnierendes Wasser gebildet, und ein graues, moosiges Gespinst überzog die ganze Fläche. Das war ein trauriger, trostloser Anblick. Und als ich wenige Tage darauf wieder an den Ort kam, traute ich meinen Augen nicht. Das Grau war verschwunden, Sonne lag auf dem Wasser, und der Fluß — ja, denken Sie — der Fluß blühte! Tausende und aber Tausende weißer Blumen bedeckten ihn wie ein prangender Sternenmantel. Der Gott war in das stagnierende Wasser gefahren und hatte es gezwungen, zu leben, seine Wunder zu offenbaren. Das war eine seltene Überraschung. Seit dem Tage, Herr Doktor, geben mir die stagnierenden Wasser am meisten zu denken. Es sammelt sich darin in der Stille eine ungeheure Materie, und fährt der Gott hinein, so gibt es ein überwältigendes Prangen ...«
»Sie schlagen ja selbst die Zither, gnädige Frau.«
»O nein, ich bin nur eine begeisterte Zuhörerin. Heraus und heran mit allem, was das Leben schmückt!«
»Die Sonne,« sagte Steinherr leise und wies in die Ferne, die einen fahlen, roten Streifen zeigte, der rasch anwuchs und die Linie des Horizontes scharf markierte. »Sonnenaufgang,« wiederholte er. »Ah, sehen Sie, wie im Osten Funken aufspringen und sich jagen und vereinigen. Jetzt ringeln sich feurige Schlangen blitzschnell um den Horizont. Jetzt schießen Strahlengarben empor, fliehen sich, suchen sich und verdichten sich zu einem golden umsäumten Purpurbaldachin, unter dem die Majestät der Sonne wie das segnende Auge Gottes emporsteigt.«
Er berauschte sich an dem Schauspiel der Natur und an seinen eigenen Worten.
»Ich freue mich mit Ihnen,« sagte die Frau im Triumphstuhl und streckte in heimlichem Kraftbewußtsein die Glieder. Doch sie blickte nicht über das Meer. Sie sah nur den Enthusiasmus des sonst so unnahbaren und überlegenen Mannes und forschte, wie weit ihr Anteil an der Erweckung ginge.
»Ja,« fuhr Steinherr hastig fort, »eine wundersamere Stunde heiliger Morgenfrühe kann es hienieden nicht geben. Wie das Schiff so sanft und glatt dahineilt! Als wollte es die Weihe des Schauens durch nichts unterbrechen und den Gedanken an seine Existenz verschwinden machen vor dem Atmen der Weltenseele.«
»Wo nehmen Sie die Worte her — —?«
»Ist das so schwer? Da stehen sie ja alle aufgezeichnet, wohin Sie blicken, da, da und da! Dort tritt auch die Felsenküste Norwegens wieder hervor. Und nun liegen sie vor uns in ihrer Weltabgesondertheit, die granitenen Häupter und Zacken, von der See bedrängt und zerrissen, und das schwerlastende Einsamkeitsgefühl ausströmend, das unser Altvorderen bewog, den Sitz Odins und Asathors, des Hammerschwingenden, in das wilde Reich Norge zu verlegen. Das Land der Asen ... Soweit das Auge reicht, Wasser und Felsen. Das Geschlecht der Menschlein nirgend zu verspüren. Ein Wasserrabe streicht einsam über die Flut. In der Ferne ein Zug wilder Eiderenten. Sonst nichts Lebendiges ...«
»Nichts Lebendiges?«
Er wandte sich nach der Fragerin um. Der Ton hatte ihn stutzig gemacht. Und nun sah er die kapriziöse Reisegefährtin, die mit ihm eine Nacht Kameradschaft geteilt hatte, mit der er wie mit einem nächtlichen Schemen Rede und Antwort getauscht hatte, im Dämmer des Morgens vor sich als ein Wesen von Fleisch und Blut, als ein üppiges, bestrickendes Frauenbild. Er sah die elfenbeinfarbene Haut, das vom Wind über die Stirn gewehte schwarze Haar, die großen, schwarzen Augen, die fest seinem Blick begegneten und ihn zwangen, stillzuhalten. Und den blaßroten Mund, der ihm am rätselvollsten schien.
Seine überwachten Sinne, von der gewaltigen Schönheit der Natur überwältigt, strafften sich mit verdoppelter Kraft. Was er sprach, empfand er nicht. Er empfand nur das neue Bild in der Einsamkeit der Frühe.
»Was soll das?« hörte er seine Stimme, »was wollen Sie mit der Frage?«
»Wissen, ob Sie glauben, ich sei neben Ihnen gestorben.«
Sie sahen sich immer noch an, mit demselben festen, fast finsteren Blick. Er vornüber gebeugt, die Hände an der Lehne ihres Stuhles; sie ausgestreckt, regungslos daliegend.
Da atmete sie tief auf. Und mit einer jähen Bewegung hatte er seine Hände unter ihr Haar geschoben.
Noch eine Sekunde starrten sie sich an, ganz nah, ganz dicht — — Und sein Mund preßte sich auf ihre Lippen, die sich unter dem Drucke öffneten und seinen Kuß tranken. — —
Dann sprang sie auf, drückte die Hand auf die Augen, ließ den Arm sinken und strich mechanisch die Toilette glatt, ging bis an die Brüstung und blickte über das Meer.
Als sie sich umwandte, war sie ruhig.
»Kommen Sie, wir machen Dummheiten, lieber Freund! Bringen Sie mich bis zur Kajütstreppe. Ich danke Ihnen. Gute Nacht! Nein, Guten Morgen! A bientôt!«
»Auf Wiedersehen, Frau Bettina Wittelsbach — —«
Sie lächelte vor sich hin, als er ihren vollen Namen aussprach. War es doch, als ob er damit beweisen wollte, daß auch sie ihm aus dem Kreise der Reisegenossen längst aufgefallen sei.
Als sie gegangen war, blieb er einen kurzen Moment emporgerichtet auf dem Fleck stehen. Dann schwand das Leuchten aus seinen Augen, die ironisierende Kälte kehrte in den Blick zurück, und mit langsamen Schritten begab auch er sich in seine Kajüte, um die Vorgänge der Nacht zu verschlafen. Als kurz nach sieben Uhr die Trompeten durch das Schiff den Morgengruß schmetterten und zum Frühstück luden, erwachte er frisch und gekräftigt. Nur in seinem Blute war ein leises Vibrieren zurückgeblieben. Aber er empfand es nicht unangenehm.
Während der Toilette fiel sein Blick in den Spiegel. Heute morgen betrachtete er sich aufmerksamer als sonst.
Hm, mein guter Hans, dachte er nachdenklich, die Jahre sind schneller über dich gekommen, als du über sie. Mit achtundzwanzig Jahren pflegt man in der Regel noch nicht nach den ersten grauen Haaren an den Schläfen auszuspähen.
Der Spiegel warf das Bild eines scharf ausgearbeiteten Kopfes zurück, aus dem die weiche Rundung der Jugendformen längst verschwunden war. Der wehende Schnurrbart beschattete den zum Sarkasmus neigenden Mund. Die Stirn war breit, und die Wölbungen erschienen wie gemeißelt. Nur in den dunkelgrauen Augen loderten zeitweilig noch die alten, heißen Flammen auf, wie Wachtfeuer der Jugend.
Ob man mich in Düsseldorf noch wiedererkennen würde? flog es ihm plötzlich durch den Sinn. Und ich die Menschen dort? In fünf Jahren ändert sich die ganze Welt von Kopf bis zu Fuß. Das ist eigentlich gar nicht auszudenken. Also denken wir doch nicht immer daran ...
In einem leichten Promenadenanzug ging er an Deck, ließ sich eine Viertelstunde lang die frisch aufspringende Brise durchs Haar wehen und begab sich dann in den Frühstückssalon. Mit dem ersten Blick stellte er fest, daß Frau Bettina Wittelsbach noch nicht sichtbar geworden war. Erst gegen Mittag gewahrte er sie in einem Kreise lebhaft flirtender Berliner Herren. Sie trug ein fest anliegendes russisch-grünes Tuchkleid, denn die Temperatur war plötzlich gesunken, und der Wind kam in kurzen, kalten Stößen aus Nordnordwest. Als er gleichmütig vorüberschritt und höflich den Hut lüftete wie alle Tage, ließ sie die Gesellschaft stehen und kam auf ihn zu. »Guten Morgen, Herr Doktor! Ich wünsche Ihnen das heute schon zum zweiten Male.«
»Guten Morgen, meine gnädige Frau! Ich hoffe, daß die Freinacht in Ihrer zarten Konstitution keine Spuren zurückgelassen hat.«
»O doch,« sagte sie ruhig und hielt seinen Blick aus. »Aber das wird Sie schwerlich interessieren.«
»Mache ich einen so wenig Vertrauen erweckenden Eindruck, meine gnädige Ungnädige?«
»Ich habe das Frühstück richtig verschlafen,« lenkte sie ab, »wie Sie es mir prophezeit hatten. Und auch nachher konnte ich mich kaum zum Aufstehen zwingen. Ich habe selten den halbwachen Zustand als so schön empfunden.«
»Geträumt, gnädige Frau?«
»Ja, geträumt.«
»Darf man Näheres wissen?«
»Nein, man darf nichts Näheres wissen.«
Er nahm ihre Hand, die in seinem Arm lag, und führte sie an die Lippen. Es lag keine Veranlassung zu einer Huldigung vor, aber sie empfanden beide das Unzeitgemäße durchaus nicht.
»Wie mir vorhin der Steward mitteilte, wird das zweite Frühstück um ein Uhr heute mehr den Charakter eines Diners tragen. Die Windstärke steigt verdächtig. Da sorgt der kluge Hausvater vorzeitig für die nötige Widerstandsfähigkeit. Sehen Sie nur, wie boshaft die kleinen Wellen hüpfen. Jede Welle eine kleine Grimasse. Das kann zum Abend lustig werden. Sie fürchten sich doch nicht, gnädige Frau?«
»Ich ernenne Sie einfach zu meinem Ritter. Da bin ich aller Furcht ledig.«
»Befehlen Sie, daß ich meinen Dienst bereits bei der Tafel antrete?«
»Wie? Ist es möglich, Herr Doktor? Sie wollen Ihren einsamen Eckplatz aufgeben und gar eine Tischdame wählen? Das ist sehr schmeichelhaft für mich. Nur eine Bedingung: Fragen Sie mich nicht immer, ob ich befehle. Wenn ich befehlen dürfte, hätte ich doch nicht die Freude, zu sehen, daß man mir freiwillig etwas entgegenbringt. Kennen Sie uns Frauen so wenig, daß Sie nicht wissen, worin unser größter Triumph besteht?«
Der sarkastische Zug erschien um seinen Mund.
»Sie treffen ganz meinen Geschmack, gnädige Frau. Auch ich sehe den besonderen Liebhaberwert einer Sache im Geschenk, in der persönlichen Widmung. Also auf Gegenseitigkeit, wenn Sie geruhen.«
Sie nickte kurz, als dächte sie schon an anderes.
Dann riefen die Trompeten zu Tisch, und unbekümmert um die verwunderten Gesichter der Tafelrunde pokulierten sie heiter miteinander, und mit der heiteren Gravität des alten Kavaliertums, das mehr und mehr aus der Zeit verschwindet und doch durch die Form auf den Inhalt wirkt, bediente Hans Steinherr seine Dame. Seine Art fiel ihm selbst auf. Woher hatte er sie nur? Und vor seinen Augen stand Herr Friedrich Leopold von Springe, stand Düsseldorf, das gastfreie, stand das schlanke, scheue, hingebungsvolle und aufbegehrende Mädel, das in seligen Zeiten auf den Namen Hannes hörte ...
Düsseldorf — Burg Springe — Pempelfort — — die Worte wurden zu Begriffen, die Macht über ihn gewannen, die sein ganzes Denken und Empfinden zu absorbieren drohten. Er wurde schweigsam und stierte in sein Glas.
»Mein Herr Ritter — —« erinnerte neben ihm die schöne Frau.
Da nahm er sich zusammen und wurde, wie er zu Beginn der Tafel gewesen war. »Ich rate Ihnen, sich für ein paar Nachmittagsstunden hinzulegen, gnädige Frau. Der Himmel ist zwar noch klar, aber die See beginnt verdächtig unruhig zu werden. Sollten wir zum Abend Sturm bekommen, ist es doch um Ihre Nachtruhe geschehen.«
»Weil Sie mich nicht für wetterfest halten?«
»Nein,« sagte er, »weil ich Ihnen auch diese Nacht entreißen würde, um Sie auf Deck zu halten. Weil ich Sie mit Beschlag belegen würde, damit Sie das Meer in der Leidenschaft sehen. Das ist ein guter Maßstab, schöne und verehrte Herrin aller Kulturstätten.«
Sie hatte sich von der Tafel erhoben, zum Gehen bereit.
»Hoffen wir, daß Sturm kommt,« sagte sie leise, verneigte sich gegen ihn und suchte ihre Kajüte.
Auf den Promenadendecks stand die Reisegesellschaft in Gruppen umher. Man lachte, schwatzte und fühlte sich zu Hause, als ob man statt der Schiffsplanken den Parkettboden der heimatlichen Salons unter den Füßen hätte. Morgen abend hoffte man in Hamburg zu landen, und noch einmal wurden die Eindrücke der Fahrt rekapituliert. Wer genauer hinzuhören verstand, konnte wahrnehmen, daß die bleibendsten Eindrücke nicht durch die Wunder der Natur, daß sie bei der Mehrzahl dieser Modereisenden durch die — glänzende Verpflegung an Bord geschaffen worden waren. Ein rundlicher, beweglicher Herr, dem die Wonne des Lebensgenusses auf den glattrasierten Wangen geschrieben stand, ereiferte sich am meisten.
»Ja, ja, meine Herrschaften, für unser Zeitalter gibt es keine Höhen und Tiefen mehr. Flugs setzt sich so ein Techniker hin, schlägt die Brücken und gleicht alles aus. Ist denn das ein einsam dahinsausender Dampfer, auf dem wir uns befinden, der uns allen menschlichen Wohnstätten entführt? Ein erstklassiges Hotel hat uns seine Pforten geöffnet und führt uns mit jeder erdenklichen Selbstverständlichkeit einen Luxus vor Augen, wie er selbst dem Verwöhntesten unter uns nicht vollendeter an Land geboten werden könnte. Glauben Sie mir, meine Herrschaften, ich verstehe mich ein wenig darauf. Aber das versichere ich Sie: Zeit meines Lebens, wo es nur angeht, werde ich das Reisen per Dampfer vorziehen. D-Zug mit Speisewagen ist ein überwundener Standpunkt.«
Hans Steinherr schlenderte weiter. Auf dem Sonnendeck war es ruhiger. Hier ließ er sich nieder und beobachtete das aufgeregte Hasten der vor Stunden noch so glatten See. Dann verfiel er, ohne sich dagegen zu wehren, in eine Art Halbschlaf. Ein paar Stunden wohl mußte er verträumt haben. Er hörte zwei Matrosen miteinander verhandeln, und als er aufblickte, sah er, wie der eine verstohlen auf einen dunklen Punkt am Horizont deutete, der sich rasch vergrößerte und sich mehr und mehr zur Wolke auswuchs.
Sturm in Sicht!
Es wurde dunkel. Schwarze Schleierfetzen flatterten, wie von einem boshaften und schadenfrohen Meeresgesindel emporgeblasen, am Himmel auf, und die See machte einen Buckel wie ein fauchender Kater. Eine steife Brise sprang auf. Plötzlich schwieg sie. Einen Augenblick Stille ringsum; nur die See tanzte weiter in unregelmäßigem Hüpfwalzer. Da — hui! — pfiff es daher, ein Windstoß, so wütend und kreuz und quer einherspringend, daß die Passanten an Deck jäh ihren Stützpunkt verloren. Ein Flüchten begann nach den Kabinen, den Salons. Nur wenige hielten sich an Deck. Eine Leidenschaft war in ihnen erwacht nach vieler, vieler frischer Luft ...
Wieder setzte ein Windstoß ein; heftiger als der erste. Hans Steinherr zog seinen Wettermantel an und stülpte die Kapuze über die Ohren. Dann stieg er die Stufen zum Promenadendeck hinab, um sich die Tragikomödie, die hier bereits ihren Anfang genommen hatte, aus der Nähe anzusehen.
»Gottlob, daß ich Sie finde. Ich hätte Sie in Ihrer Vermummung fast nicht erkannt.«
»Ah — — meine Gnädige — —«
Sie klammerte sich an seinen Arm, denn der Wind packte rücksichtslos an. Wie er, war sie in einen langen Gummimantel gehüllt, und die Gummikapuze, die sie über den Kopf gezogen hatte, ließ nur Augen, Nase und Mund frei.
»Ich wäre da unten verrückt geworden,« sagte sie rasch, denn der Wind benahm ihr den Atem. »Unmöglich, in den Kabinen zu bleiben. Dort haben sich — unsichtbare — Karussells — etabliert.«
Der nächste Windstoß warf sie hart gegen seine Schulter. Sie schrie auf.
Er lachte und faßte sie fest um den Leib. »Das war ja nur die Ouverture. Das eigentliche Konzert soll erst beginnen. Da! Schauen Sie hin! Da taucht der Nickelmann grinsend aus der Flut. Mit den Flossenhänden stützt er sich auf den Kamm einer Riesenwelle, und sein plusterndes Gesicht will platzen vor Vergnügen über den gelungenen Streich. Sehen Sie es, schöne Sturmfrau? Jetzt — jetzt! Als rühre er eine Pauke, so fallen plötzlich seine Tatzenschläge auf die See, und soweit das Auge das fahle Licht durchdringt, schlagen weiße Nixenleiber Kobolz mit den schwarz heranstürmenden Fluten, schwingen sie sich auf die Wogenkämme, daß sie so blendend scheinen wie schneeiger Schaum, heben sie sich bis an den Bordrand und werfen unter tollem Gelächter den verblüfften Festgenossen Kübel voll Salzwasser über den Kopf. Hoppla, der Guß war für uns!« Er riß Frau Bettina hoch, die unter der Wucht des Sturzbades in die Kniee sinken wollte, und ergriff mit der freien Hand einen Eisenring an der Bordbrüstung.
»Ich habe den Mund voll Salz,« entrüstete sie sich, »das ist ja unerträglich.«
»Sie werden sich schnell daran gewöhnen,« beschwichtigte er. »Äußerten Sie nicht in vergangener Nacht selbst, jeder Beigeschmack wäre Ihnen noch lieber als das fade Einerlei? Der Himmel hat Ihre Bitte erhört.«
»Spotten Sie nicht, Sie gräßlicher Heide. Da kommt eine neue Sturzwelle.«
»Diesmal gilt es den anderen. Schwupp — und sie hat ein Dutzend Triumphstühle übergossen. Empfinden Sie nicht das Groteske des Vorspiels? Ganz wie bei den alten Meistern. Erst die Rüpelkomödie, dann das Drama. Ach du mein lieber Gott, das Publikum hier ist ja viel zu ungebildet für die ganze Veranstaltung, oder zu dekadent. Wenn sich die Natur einen Witz erlaubt, nennen sie’s Gemeinheit; und wenn sie selbst sich Gemeinheiten gestatten, nennen sie’s einen Witz. Treten Sie näher, meine schöne Dame. Entree gänzlich frei.«
»Na,« lachte sie zornig, »Tribut scheint mir doch zur Genüge gezollt zu werden.«
»Ja,« bestätigte er, »die Ästhetik ist vorläufig von der Tagesordnung abgesetzt. Sehen Sie nur, wie die tadellosen Helden und Heldinnen vom Turf und Tennisplatz sich verzweifelt winden, um ihrem Schicksal zu entrinnen. Hilft nichts. Jetzt grassiert das reine Menschentum. Dort ziehen flinke Stewardshände die Erblassenden aus den Salons auf Deck — denn die Smyrnateppiche sind kostbar, und Holzplanken noch nie diffizil gewesen. Gehen wir hin, kondolieren.«
»Um Himmels willen, hören Sie auf. Gleich wird sich der Spieß umkehren.«
»Unbesorgt. Ich setze meinen rheinischen Dickkopf auf.«
»Und ich?«
»Sie —?« gab er zurück, ließ einen Augenblick den Eisenring los, schob ihr die Kapuze aus der Stirn und sah ihr in die Augen. »Sie sind bis auf weiteres ein Teil von mir.«
Wieder sprühte ein Salzwasserregen über sie hin. Die Wellen fegten über das Bugspriet; auf Vorderdeck war der Aufenthalt unmöglich geworden, und auf Promenadendeck wurden starke Seile gezogen als Halt für die tastenden Hände. Wie Mumien eingepackt, still und starr und frierend, lagen die Reisegenossen in langer Reihe in den Triumphstühlen. Aber die horizontale Lage war auf die Dauer nicht zu ertragen. Einer nach dem anderen erhob sich wieder, mit übernatürlich glänzenden Augen, um, wie weiland Graf Ernst von Mansfeld, stehend und in voller Rüstung zu sterben. Und endlich schwankten sie hinweg, von samariterhaften Matrosen geleitet.
Der rundliche Herr, der am Mittag so enthusiastisch die Wonnen der Dampfer vor allen anderen Transportmitteln gefeiert hatte, war wie eine Kugel an Steinherr und seiner Gefährtin vorbeigeschossen. Nun klammerte er sich, ohne den Kopf zu wenden, mit einer Innigkeit an die Bordbrüstung, als hätte er tiefe Geheimnisse mit der zu ihm aufspringenden See. Als er sich endlich mit schwerem Atemzug dem Bann des Meeres entriß, drückte er erloschenen Auges Steinherr die Hand.
»Doch, doch! D-Zug ist auch was Schönes. — Glauben Sie’s mir. Jetzt versteh’ ich mich darauf.«
Ein Matrose brachte ihn unter Deck.
Die Nacht brach herein, und der Sturm tobte mit voller Kraft. Kein Passagier war an Deck zurückgeblieben. Nur Steinherr stand mit seiner Gefährtin an der Bordbrüstung. Er hatte ein Tau durch die Eisenringe gezogen, so daß sie fest angeseilt gegen die Planke gedrängt waren.
Die Frau an seiner Seite sprach schon seit langem nicht mehr. Sie trieften beide vor Nässe, und bei jeder neuen Sturzwelle spürte er, wie sie erschauerte, wie sie sich unwillkürlich an ihn preßte. Dann beugte er sich zu ihr hinab und sah ihr starr in die Augen. Der Wind heulte um die fauchenden Schlöte des Schiffes herum.
»Nun, meine gnädige Frau,« fragte er leise, »was sagen Sie zu diesem Pendant der gestrigen Nacht? Nach dem weichen Sehnen die tolle Leidenschaft. Haben Sie ein Gefühl für die wilde Größe?«
Sie hob den Kopf, und ihre Nasenflügel vibrierten.
»O — —« stieß sie hervor, »Sie sind ein Lehrmeister — —«
»Wir Menschen müssen Künstler sein,« sagte er, »und wenn nicht mehr, dann doch Lebenskünstler. Damit betrügen wir uns selbst, zu unserem Heil, als hätten wir wahrhaftig Gottähnlichkeit.«
»Wir haben sie,« entgegnete sie, »wir brauchen nur zu wollen.«
Er überhörte den Einwurf. Der Künstler in ihm war geweckt.
»Was für ein Pathos liegt in dem Bilde vor uns! Man denkt nicht daran, über den Stil zu lachen, man wird selbst pathetisch. Aber Größe verspürt man. Wie sie aus weiter Ferne heranrollen, die Wellenungetüme, näher und näher jagen, von anderen gefolgt. Und wie ein Kommandeur in der Schlacht links und rechts die Regimenter an sich reißt, zum Sturm auf die feindliche Hauptmacht, so schlingt die heranstürmende Woge links und rechts kleinere Wellenberge in sich hinein, wächst wie eine Lawine, bäumt sich dicht vor dem Bug des Schiffes haushoch empor, unten die schwarzen Massen, darüber eine kristallgrüne Kappe, die wieder von schneeweißem Gischt gekrönt, der sich in sausenden Fontänen auflöst — heißa! jetzt fegt’s über Deck wie ein Schwarm von nadelscharfen Pfeilen. Sind Sie getroffen, meine Allergnädigste?«
Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte nicht. Der Sturm hatte ihr die Kapuze heruntergeweht, und sie griff mit beiden Händen in den Nacken. In ihrem schwarzen Haar glitzerten die Salzspuren wie Diamanten. Brust an Brust standen sie.
»Wissen Sie noch, was Sie mir heute mittag zuriefen? ›Hoffen wir, daß Sturm kommt.‹ Der Sturm ist da! Und ich warte.«
»Nein, ich warte!«
Sie küßten sich unter dem Sprühregen der See auf den Mund, auf die Augen, und wieder auf den Mund. Kein Wort hatte Raum zwischen ihnen. Kaum, daß sie sich sahen in der Dunkelheit. Nichts von Erblassen, nichts von Erröten. Mitten im Meersturm: zwei Menschen.
»Wohin mit uns?«
»Wohin? Willst du vor meiner Kajütentür Schildwacht stehen?«
»O, selbst Tristan —«
Sie hielt ihm den Mund zu.
»Ja, wenn ein König Marke existierte. Nur die Gefahr entzückt. Wart’s ab, bis sie kommt.«
»Hüte dich.«
»Hüte du dich.«
Und wieder küßten sie sich.
»Auf morgen denn.«
»Nein, nicht hier. Das wäre eine blasse Kopie. Nicht eher, als bis ich daheim bin.«
»Du reisest weiter, ohne in Hamburg zu bleiben?«
»Übermorgen bin ich in Berlin. Vielleicht — weißt du mich zu finden?«
»Und unterdes? Das ist eine Wartezeit von Jahrhunderten!«
»Voneinander träumen. Lebenskünstler sein, wie du sagtest.«
Er zog das Tau aus den Ringen, um sie frei zu geben. Sie tat ein paar Schritte, blieb stehen, öffnete den durchnäßten Wettermantel und schöpfte, die Arme dehnend, Atem.
Da war er bei ihr und riß den Mantel ganz herab. »Ich muß deine Gestalt noch einmal sehen. Ob du dich nicht in eine fischschwänzige Nixe verwandelt hast. Das ist jetzt mein Eigentum.«
»Verteidige es,« lachte sie und wollte ihm entfliehen.
Aber er fing sie in den Armen und preßte sie an sich. Sie schloß die Augen in der ungestümen Umarmung.
»Gute Nacht, wilder Mensch!«
»Gute Nacht, Sturmfrau!« — — — —
Am nächsten Tage sah er sie wieder. Der Morgen war sonnendurchleuchtet.
Hoheitsvoll, in eleganter, duftiger Toilette, schritt sie, wie eine unnahbare Fürstin von einer alten Exzellenz geleitet, an ihm vorbei. Kaum merkbar zuckte es in ihren Wimpern, als sie ihn erblickte, und die Spitzen um den zarten Halsausschnitt zitterten eine Sekunde lang. Sie war, wie vorher, die Dame der großen Welt.
Und Steinherr, den alten ironischen Zug um den Mund, zog mit kalter Höflichkeit den Hut.
Als sie zum zweiten Male an ihm vorüberkam, kannten sie sich nicht mehr ....
Das Schiff war in die Elbmündung eingelaufen. Mit der einbrechenden Flut ging es stromauf. Am Abend war der Sankt Pauli-Landungsplatz erreicht; die Schiffsbrücken rasselten nieder und bildeten den Steg.
Hans Steinherr stand mitten im Gedränge. Die Passagiere stießen an ihn an und machten Bemerkungen über den Sonderling, der sich durch seine Art auch beim Abschied nicht verleugnete. Er hörte nichts.
Jetzt erschien Frau Bettina, von einem ganzen Kreise eskortiert. Er streifte sie mit gleichmütigem Blick. Er hatte sich völlig in der Gewalt.
Als sie neben ihm war, tat sie, als würde sie von dem Menschenstrom gegen ihn zurückgedrängt. Wie unbeabsichtigt lehnte sie sich einen Moment fest an seine Schulter. Da spürte er ihre suchende Hand in der seinen. Er biß die Zähne zusammen. Sie hatte ihm die Nägel in die Handfläche gedrückt.
Um den Wagen, der sie zum Bahnhof brachte, sammelte sich die Gesellschaft. Sie erteilte gnädig Abschiedsaudienz. Hans Steinherr reckte sich in den Schultern: Ich hab’ sie in den Armen gehabt!
Aus der Ferne flatterte ihr Tuch. Das galt ihm: Folge mir!
Lange noch stand er an der stiller werdenden Hafenstelle. — —

Zweites Kapitel
Hans Steinherr hatte es nicht sonderlich eilig gehabt, Frau Bettina Wittelsbach wiederzusehen. Die ersten Tage in Berlin waren damit hingegangen, eine Wohnung zu suchen und das Ameublement auszuwählen, das dem Geschmack eines verwöhnten Junggesellen zu entsprechen vermochte.
Er konnte nicht müde werden, die Stadt zu durchstreifen und sich die Gegenstände Stück für Stück zusammenzuholen. So schuf er sich ein Heim, so ruhig und vornehm in Form und Farbe, als hätte ein kunstsinniger Geist schon seit einem Menschenalter in diesen Räumen geweilt.
Die Wohnung lag in der Viktoriastraße nahe der Potsdamerbrücke. Wenige Schritte, und er war mitten im Leben der Großstadt; wenige Schritte zurück, und die Brandung war verrauscht, Weltabgeschiedenheit umfing ihn. Seine Stimmung brauchte sich von der Laune Berlins nicht abhängig zu machen.
Vierzehn Tage hatte er benötigt, um die Einrichtung zu vollenden. Von früh bis spät war er in freudiger Tätigkeit gewesen, und das Schaffen und Anordnen, das stetige Sichversenken in jeden neuen Gegenstand und das heitere Bekanntwerden mit den Dingen, die nun seine Umgebung bildeten, hatte seine andrängenden Gedanken und Erinnerungen in ruhige Bahnen abgezogen.
Es war ein Vormittag zu Anfang Oktober. Hans Steinherr stand an dem weitgeöffneten Fenster seiner Parterrewohnung und blickte über die sonnenbeschienene Potsdamerbrücke hinaus. Was nun? Er hatte sich fertig eingerichtet und mußte nun wohl an die Regelung eines weiteren Tagewerks gehen. Das fiel ihm zum ersten Male ein. Weshalb hatte er sich sonst seßhaft gemacht!
Er erinnerte sich der hohen Meinungen seiner einstigen Kommilitonen. Ihres Schwärmens von seiner Zukunft. Man hatte doch eine Karrière von ihm erwartet, die in gerader Linie unter Volldampf vorwärts wies, und nun war er, eben vom Start gelassen, in breiter Kurve ausgewichen und hatte den Anschluß nicht wieder aufgesucht. Wo war der kalt wägende Ehrgeiz geblieben, für den es keine Hindernisse geben sollte, dem er als ersten Tribut seine töricht süße Jugendliebelei geopfert hatte?
Töricht — —? Süß, o ja, das war sie gewesen. Aber töricht? — Was war denn in der Empfindung später ernsthafter gewesen? Oder nur gleich ernsthaft? Jede Spanne des Lebens nahm das ernsthaftere Gepräge der Empfindungen für sich in Anspruch, aber das der aufwachenden Jugend war das erste und damit das ursprünglichste gewesen. Das, was folgte, hatte sich darauf aufgebaut, dem Geschmack der Welt, den Zeitströmungen nachgebend.
So schnell er gelaufen war, sein Schatten lief mit.
Das hatte sich hemmend auf den Sturmlauf seines Ehrgeizes gelegt. Das niederrheinische Gemüt wurzelte tiefer als alle anerlernte Form. Das Wesensinnere einer Heimatscholle, die einen ausgesprochenen Charakter besitzt, läßt sich nicht abschütteln wie der Staub von den Stiefeln. Durch sie, durch das Festhalten an ihr, werden ihre Söhne in der Ferne zur Kraft gelangen wie Eichen im Buschwald, ohne sie, unter Preisgabe ihrer Art, werden sie unkennbar im Niederholz verschwinden.
Hans Steinherr sah über die sonnige Straße hin. Noch war er da!
Anders, als er es sich vorgestellt hatte beim letzten Abschied von Düsseldorf, vor fünf Jahren ... Aber er war da! Er war wieder da! Und eine neue Heimat zu schaffen, mußte gelingen.
Als er es in seinem Studium zum Doktor der Rechte gebracht, hatte er resigniert. Durch den jähen Abbruch der Beziehungen zur Vaterstadt, zur Mutter, den Freunden, der Freundin, war es mählich und mählich beklemmend still in ihm geworden. Er hatte Stunden gehabt, in denen es ihn mitten in fröhlicher Gesellschaft fror. Und die Stunden waren wiedergekommen und kamen wieder. Dann vermochte er sich nicht zu wehren: die Vergleiche drängten sich ihm unabweisbar auf. Dann entsann er sich des Abends am Rheinufer, als er, noch ein Primaner, vom Schützenfestplatz gekommen war und ihm die Ursprünglichkeit des Heimatlandes zum ersten Male jubelnd aufgegangen war. Auch damals hatte er Vergleiche gezogen, zwischen dem gesellschaftlichen Leben im Hause seines Vaters, das sich, wenn auch Schablonenarbeit, zeitweilig doch so hübsch, ja sogar witzig abspielte, und der Glückseligkeit, die ihm die nahe Berührung mit der Rassigkeit der ureigensten Scholle bereitet hatte. Nun fehlte ihm selbst das schwache Abbild, das das Vaterhaus ihm bot. Von allem anderen zu schweigen ...
Immer wieder waren die Erinnerungen gekommen wie der Dieb in der Nacht. Sie verschönten sich in seiner Einbildung, ließen ihn oft die Gegenwart vergessen und gaukelten ihm Perspektiven vor, in denen er als nimmer müder Genießender stand. Wenn er erwachte, fragte er sich: Wozu arbeite ich, wozu leb’ ich denn überhaupt? Das ist ja eine regelrechte Komödie, die ich mitmache. Nur weil andere aus Gründen ihr Gesicht unter Schminke verstecken? »Wenn der Mensch schon etwas ›aus Gründen‹ tut ...!« hatte Heinrich Springe einmal gewettert.
Aber der harte Kopf, der niederrheinische Eigensinn hatte ihn abgehalten, den Schritt zurück zu tun. Wenigstens nicht als Schiffbrüchiger sollte es geschehen. Der Schein des Siegers, der sich großmütig und menschlich erweist, sollte gewahrt werden. In den Gedanken, so widerspruchsvoll er war, hatte er sich verbissen.
Wo der Siegerlorbeer für ihn zu holen sei, war ihm dabei nicht klarer geworden. Den Ehrgeiz auf eine hohe gesellschaftliche oder Staatsstellung hatte er quittiert, seitdem ihm die Masken als Masken erschienen und ihm der Gedanke, eines Tages als Marionette zu funktionieren, kalten Schauder einjagte. Also zurück zu den Jugendträumen, der Kunst! Aber die Poesie floß ihm dickflüssig aus der Feder, sie wurde geschraubt, unwahr und schematisch, weil sich sein innerer Mensch noch immer im Widerspruch zu dem äußeren befand. Er war zu gründlich in die Schule der Salons gegangen. Die Natürlichkeit schien ihm mit einem peinlich lächerlichen Beigeschmack behaftet. In seinem Gefühlsleben war alles durcheinander gestürzt.
Da hatte er es mit der Flucht in die Einsamkeit versucht. Er, der Anwärter des Menschenglücks, war menschenscheu geworden, hatte die Wüsten durchwandert und die Meere befahren. In jungen Jahren waren seine Züge schärfer geworden und sein Sarkasmus größer als seine Jugendfreude. Wieder hatte er sich eine neue Welt gebaut, und wieder umgürtete sie nicht die chinesische Mauer, die den großen, fragenden Augen der Heimat den Einblick verwehrt hätte.
Nicht, daß er von daheim mit vielen Briefen behelligt worden wäre. Nur das unabweisbar Notwendige kam zu seinen Ohren. Die geschäftlichen Berichte und Bilanzen, die ihm der neue Leiter der Firma Philipp Steinherr regelmäßig einsandte, würdigte er kaum eines Blickes. Das mußte der Mann ja besser verstehen als er. Von privaten Geschehnissen wußte er nur, daß seine Mutter Heinrich Springes Gattin geworden war, daß sie sich an der Seite des herrlichen Menschen unsagbar glücklich fühlte, daß sie die Wohnung in der Immermannstraße gewählt hatten, und die Villa an der Grafenbergerchaussee unter einer tüchtigen Verwalterin täglich für ihn bereit stand. Einmal hatte die Mutter den Namen Hannes in den letzten Jahren erwähnt. Er hatte Wunderdinge aus dem Briefe herausgelesen. Sie sollte, nachdem sie Düsseldorf bald verlassen und in Frankfurt am Main unter Meister Stockhausens Leitung ihre Studien vollendet hatte, eine Konzertsängerin von weitreichendem Ruf geworden sein und draußen in der Welt zu den gesuchtesten Künstlerinnen zählen. Nach Düsseldorf käme sie selten, und nur zu Gast.
Die Nachwirkung dieser Kunde war größer gewesen, als er sich zuerst gestehen wollte. Es war etwas wie Scham und Stolz, was in ihm stritt. Die kleine Jugendliebste schien dort eingesetzt zu haben, wo er aufgehört hatte. Sie hatte gehalten, was er versprochen hatte. Und noch eins: sie zeigte, daß jeder Name, und sei es der geringste, adlig ist, wenn er von seinem jeweiligen Träger adlig gehalten wird.
Ah, das war ganz der alte Hannes. Das war schön und — das war niederdrückend.
Sie hatte sich den Inhalt ihrer Jugend gerettet, ihn veredelt; er hatte ihn verloren, nachdem er ihn verleugnet hatte.
Eine Ausgleichung konnte nicht mehr in Betracht kommen.
Nein, dachte der Mann am Fenster ruhig, wir sind auseinander gewachsen, der Boden unter unseren Füßen ist nicht mehr der gleiche. Die alten Gespenster müssen endlich einmal geknebelt werden, und endgültig.
Er trat zurück, nahm Hut und Handschuhe und verließ die Wohnung. Ein eigentümliches Flimmern kam in seine Augen, als er über die Straße schritt und sein Ziel nahm. Es glitt plötzlich wie schwerer Wein durch seine Adern, und seine Männlichkeit dehnte sich in den Gelenken. Die Sturmnachtstimmung von der Nordsee war über ihn gekommen, und er spürte die wilden Küsse des Bereitseins. Das war eine andere Stimmung wie weiland die Hofgartenstimmung in Düsseldorf mit den keuschen Küssen der Vorbereitung. Das Herz hatte sich als ein läppischer Bundesgenosse bewiesen. Es wimmerte bei der geringsten Zumutung. Frau Bettina aber ... Ah, diese Frau hielt es mit den Sinnen. Sie lachte und genoß.
»Um Sechse des Morgens ward er gehenkt, Sie aber schon um Achte Trank roten Wein und lachte ...«
klang ihm die Heinesche Romanze in den Ohren. Unwillkürlich blieb er stehen und zog die Brauen zusammen. Was war dies für eine wahnsinnige Reminiszenz? Mußte er denn schon wieder ins Extravagante verfallen? Sie hatte Leidenschaft, Frau Bettina!
Er schritt weiter, bis er den Kurfürstendamm erreicht hatte. Aus dem Adreßbuch wußte er ihre Wohnung. Der Portier öffnete und wies ihn nach der ersten Etage.
Feierlich still war es in dem hochschössigen Treppenhaus. Der dicke Teppich dämpfte jeden Lebenslaut.
Hans Steinherr mußte eine momentane Verlegenheit niederkämpfen, bevor er dem Stubenmädchen in den Salon folgen konnte. Er hatte sich ein ganz anderes Bild von Frau Bettinas Umgebung gemacht, ein farbenfroheres, ein genußfreudigeres. Hier war ja alles auf Harmonien gestimmt.
Die Dame des Hauses ließ auf sich warten. Er hatte schon die Bilder ringsum an den Wänden studiert, als er hinter sich das Rauschen eines Kleides vernahm.
»Guten Morgen, mein lieber Herr Doktor! Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht in Toilette empfange, aber ich hätte dann Ihre kostbare Zeit allzusehr in Anspruch nehmen müssen. Wie geht es Ihnen? Was führt Sie her? Bitte, dort den Sessel!«
Er ärgerte sich über die Begrüßung, und sie sah es ihm an.
Ihre Augen schlossen sich ein wenig, als wollten sie eine geheime Freude unterdrücken.
»Sie sehen übrigens ausgezeichnet wohl aus. Ich fühle mich leider etwas abgespannt. Die vielen Verpflichtungen hier —«
»Frau Bettina —«
»Aber so setzen Sie sich doch, Herr Doktor!«
Er setzte sich, blickte sie an und schwieg. Eine Ernüchterung kam über ihn.
Und wieder bemerkte sie es, schloß die Augen halb und lächelte.
»Sie sind wohl ungehalten, daß ich Sie so sans gêne, im Hauskleid, empfange?«
Er antwortete nicht gleich, aber der leise ironische Zug um seinen Mund, der sie schon auf dem Schiffe gereizt hatte, kehrte wieder, als er mit fragendem Blick ihre weich herniederwallende Gewandung betrachtete und mit gut gespielter Naivetät dann das Auge zu ihr erhob.
»Ich kann mir nicht helfen, ich finde Sie ganz hübsch, gnädige Frau.«
»Nein — wirklich? Ganz hübsch? — Sie nehmen mir eine Last vom Herzen.«
»Sollte Ihnen daran gelegen sein, mir gegenüber noch hübscher zu erscheinen? Das wäre doch undenkbar.«
»Gott, liebster Doktor, man hat zuweilen so seine Launen.«
»Das versteh’ ich vollkommen. Wer in dieser Beziehung frei von Schuld, der werfe den ersten Stein.«
Sie öffnete weit die Augen. Was fiel dem Manne ein? Wollte er den Spieß umkehren? Trotzte er noch oder spottete er bereits ...
»Sie haben sich wohl noch in Hamburg von den Strapazen der Seereise erholt?« fragte sie mit erzwungener Ruhe.
»Nein. In Hamburg hielt mich nichts. Es zog mich nach Berlin, und seit zwei Wochen bin ich hier.«
»Würde es unbescheiden sein, zu fragen, was Sie so sehr nach Berlin zog und Sie hier so fesselte, daß Sie sogar darüber vergaßen, sich nach dem Befinden einer Ihnen nicht ganz unbekannten Dame zu erkundigen?«
»Die nicht ganz unbekannte Dame war es.«
»Ah,« lachte sie auf und lehnte sich weit zurück, »das muß ich sagen: Sie haben eine Art, Ihre Bewunderung an den Tag zu legen, die einem Dichter Ehre machen würde.«
»Gnädige Frau haben die Güte, anzunehmen, daß ich etwas erdichte?«
»Ja, gnädige Frau haben diese Güte.«
»Das ist — verzeihen Sie — sehr unrecht, gnädige Frau. Ich konnte der mir nicht ganz unbekannten Dame die Aufrichtigkeit meiner Bewunderung nicht besser beweisen, als dadurch, daß ich ihr Zeit ließ, sich ebenso über ihre Aufrichtigkeit klar zu werden. Wie mir scheint, ist das geschehen. Das Schiff streicht durch die Wellen, Fridolin — —«
»Sie erwarteten wohl gar noch eine Art rührender Familienszene, Herr Doktor?«
»Fehlgeraten, meine allergnädigste Frau. Über die Tage der Rührung bin ich hinaus. Mich gelüstet es mehr nach dem Starken, dem Kräftemessen, dem — aber pardon, ich langweile Sie wohl.«
»Ich wüßte nicht, daß ich Sie unterbrochen hätte. Bitte, fahren Sie fort. Es gelüstet Sie —?«
»Nach dem Weib — dem Vollweib.«
Sie lag noch immer, den Kopf weit hintenüber gelehnt, in ihrem Sessel.
»Sie sprechen von diesen Dingen,« sagte sie gedehnt, »als ob es sich um Spielzeug handelte. Orientieren Sie sich.«
»Ich spreche von Dingen,« entgegnete er, »denen ich gewachsen bin. Vorausgesetzt, daß mir die Partnerschaft paßt.«
Mit einem Ruck stand sie auf den Füßen. Ihre Brust wogte, und über ihre elfenbeinfarbene Haut zog sich blitzschnell eine fliegende Röte.
»Das — das ist — eine Kühnheit von einer Beispiellosigkeit —« brachte sie hervor.
»Hassen Sie die Kühnheit?« fragte er mit einem Gleichmut, der sie noch mehr empörte. »Nun, meine gnädige Frau, Kühnheit oder Feigheit, Haß oder Liebe: eine Frau wie Sie, die nur zuweilen eine Laune hat, ist doch selbstredend hors concours. Und von der anderen zu sprechen, lohnt sich nicht.«
»Wie Sie befehlen, Herr Doktor.«
Sie ging mit erzwungener Gelassenheit an ihm vorüber, und die Schleppe ihres weichen Kleides strich über seine Füße hin. Wie ein magnetischer Strom ging es von der Berührung aus.
»Sie bedienen sich da eines Ausdrucks, meine allergnädigste Frau, den Sie mir einmal verwiesen. Sie betonten damals als erlesenste Freude das freiwillige Entgegentragen ohne Befehl.«
»Sie täuschen sich, Herr Doktor. Das muß wohl die andere gewesen sein.«
»Verzeihung wegen meiner Vergeßlichkeit. Es war die andere.«
Sie stand an dem Fenstervorhang, den Rücken ihm zugewandt, und blickte durch die Stores. Wie prachtvoll sich diese Rückenlinie schwang. Ein Frauenkörper ohne Fehl.
Eine Minute zögerte Steinherr noch, um das Bild zu genießen. Dann erhob er sich.
»Sie verabschieden mich, meine gnädige Frau? Da muß ich wohl meiner Erziehung Ehre machen und — gehen?«
Sie blickte weiter durch die Stores, als ob auf der Straße sie etwas ungewöhnlich fesselte.
Da trat er hinter sie und küßte sie auf den weißen Nacken, dicht unter den Haaransatz des schlanken Kopfes.
Sie fuhr herum mit vor Entrüstung flammenden Augen.
»Was erdreisten Sie sich!«
Da beugte er sich über sie und küßte sie auf den gewölbten Hals.
»Ich verbiete Ihnen — —«
Und er beugte sich zum zweiten und dritten Male über sie und küßte sie genau auf dieselbe Stelle.
»Du!« stieß sie erregt hervor, »du! Ich will nicht! Ich — ah, ich verspreche mich.«
Er führte langsam ihre Hand an die Lippen, zum Abschied.
»Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Aufregung bereitet.«
Noch eine Verneigung, und er ging.
»Hans!«
Er wandte sich an der Tür um. »Sie befehlen, meine gnädige Frau?«
»Nichts, nichts!« rief sie zornig und stampfte wie ein wildes Kind mit dem Fuße auf.
»Entschuldigung. Mir war’s, als hätte ich meinen Namen gehört,« und er griff nach der Klinke.
»Wann du wiederkommst, will ich wissen!«
»Also war es doch keine Halluzination.« Er lachte, drehte sich um und sah sie mit seinen strahlenden grauen Augen an, die sonst so geheimnisvoll das Feuer behüteten. »Die andere war kein Phantom. Sie lebt!«
»Wann du wiederkommst, frag’ ich doch.«
»Wenn Bettina sehr lieb zu sein gedenkt — morgen!«
»Morgen,« sagte sie hastig, »morgen abend.«
Er verbeugte sich und ging, ohne sie noch einmal zu berühren.
Fassungslos blickte sie ihm nach. Dann lachte sie nervös auf. Also — geschlagen!
Geschlagen? Der Anfang eines Gefechtes entscheidet nicht. Und — und — war es denn gar so unangenehm? Sie sah mit einem verträumten Lächeln an sich herab.
Wie er mich auf den Hals geküßt hat! Das brennt wie Feuer.
Leise wischte sie mit der Hand über die Stelle.
Sie durchtändelte den Tag, ohne sich zu einer bestimmten Beschäftigung aufraffen zu können, nahm hundert verschiedene Dinge in die Hand und entsann sich im selben Augenblick nicht mehr, zu was sie ihr dienen sollten, fühlte sich einsam, ließ dennoch jeden Besuch abweisen und saß zuletzt ganz still in einer Ecke des Diwans, zusammengekauert, mit glänzenden Augen.
Am Abend dieses Tages schrieb Hans Steinherr zum ersten Male nach langen Jahren wieder ein Gedicht. Es war ein Impuls, dem er folgte. Etwas trieb ihn an, die Spannung, die wie eine Gewitterschwüle in ihm lag, zu entladen. Und der junge, heiße Siegestaumel kam hinzu, das Begehren nach Frauenliebe, nach großer Leidenschaft, in deren Lichtfülle alle kleinen Gestirne erblassen. Er glaubte in der zwingenden, sinnenstarken Frau, der Geben und Nehmen nur ein Begriff war, das Weib, die Verkörperung des Weibes entdeckt zu haben, und in dem Sturm der beiderseitigen Gefühle sah er die beiderseitige Sehnsucht nach der Ruhe. Nach der Ruhe Brust an Brust.
Er wußte, daß sie ihn liebte; und in ihm loderte alles empor, wenn er nur ihren Namen vor sich hinsprach. Er wollte nachdenken, wie von nun an sein Leben zu gestalten wäre, er wollte einen Plan entwerfen, seinem täglichen Tun einen vernünftigen Inhalt zu geben. Er dachte an seine Fabrik, an die Eisenwerke in Bilk; er dachte an Arbeit. Denn ihm schien es, als ob solche Liebe ein Äquivalent verlange, als ob er in kühnem, erfolggekröntem Schaffen der königlichen Frau tagtäglich ein Bild seiner Unwiderstehlichkeit bieten müsse, damit sie die Herrenhand sähe, die für sie das Eisen zu Gold münzte, damit das Staunen vor seiner Kraft sie wiederum ansporne, die Kräfte ihrer Liebe auszulösen.
Aber in seine Grübeleien fuhr ihr Bild hinein wie ein Wirbelwind und riß ihn mit über Höhen und Tiefen, und alle ehrgeizigen Pläne, alle Vernunftgründe stoben auseinander vor dem einen Gedanken an den Besitz, den unumschränkten Besitz dieser Frau.
Das ist die Liebe, sagte er sich. Sie duldet keine Götter neben sich. Als ich jung war, war ich ein Schwärmer, der die Seele suchte, wie Saul des Vaters entlaufene Eselin. Und als er auszog, fand er ein Königreich. Da flogen die opferseligen Hirtengefühle auf die Heide. Für den verlorenen Jugendhimmel die königliche Glückseligkeit der Erde!
Und ist das vielleicht keine Schwärmerei? dachte er lachend und sprang vom Tisch auf. Ehrlich, alter Hans, du gibst dem Kind nur einen größer tönenden Namen. Beschwindle deinen eigenen Menschen nicht. Du bist verliebt, verliebt, verliebt! Nun ja — — und das ist mehr als alle großen Worte.
Von dieser Sekunde an versuchte er seine Gefühle nicht mehr zu zergliedern und zu analysieren. Er nahm sie als ein Unbedingtes, als eine feststehende Zahl, als ein untrennbares Element. Der Mann in ihm erhob seine Stimme, und er sah nur Helena. Bettina-Helena — —. Nam’ und Art zu wägen, wäre ihm als Sakrileg erschienen.
Er beobachtete es nicht, daß er unmerklich in eine neue Phase geraten war ...
Am nächsten Abend, zur Teestunde, war er bei Bettina.
Sie hatte ihn vom Fenster aus kommen sehen, und ihre Ungeduld war so groß gewesen, daß sie selbst auf den Korridor hinausgeschlüpft war, um die Entreetür für ihn offen zu halten.
»Endlich, endlich ... So komm doch nur ... Nennst du das Abend? ... Das ist ja Nacht.«
»Kaum sechs vorbei.«
Sie zog ihn ins Zimmer und hing, bevor er ablegen konnte, an seinem Halse.
»Du läßt mich ja zu Tod’ schmachten. So küss’ mich doch!«
Sie sprachen kein Wort mehr. Sie küßten sich, bis daß es sie schmerzte. Da ließen sie sich mit einem Seufzer los.
Frau Bettina strich ihr Haar zurecht. Mechanisch, mit einer wohligen Mattigkeit. Als er aufs neue auf sie zutreten wollte, um sie in die Arme zu schließen, wehrte sie horchend ab.
»Wir sind Kinder,« murmelte sie. »Wenn das Mädchen servieren kommt und dich sieht —«
Rasch ging sie auf den Korridor hinaus, ließ die elektrische Klingel draußen ertönen und kam zurück.
»Lassen Sie nur, Anna,« rief sie dem herbeieilenden Mädchen zu, »ich habe schon selbst geöffnet. Sie können den Teetisch richten. In einer Viertelstunde etwa melden Sie.«
Hans Steinherr war überrascht beiseite getreten. Der Vorgang war ganz natürlich, aber der schnelle Wechsel von alles verlachender Unvernunft zur peinlich überlegenden Vernunft hatte ihn beklommen gemacht.
Ihr weiblicher Instinkt witterte sofort den Grund seiner Umwandlung. Der Ton ihrer Stimme bekam eine schmeichelnde, mütterlich besorgte Klangfarbe, und als ob sie es mit einem großen Jungen zu tun habe, nahm sie ihn beim Ohr und zupfte es.
»Willst du wohl gleich ein anderes Gesicht machen? Wenn Bettina nicht für dich mit dächte! Jetzt bist du doch offiziell gemeldet, ganz gleich, ob du den Abend offiziell oder inoffiziell gestalten willst. Siehst du wohl? Ja, jetzt lächelst du. Ich verwöhn’ dich.«
Sie hob sich auf den Zehen und legte ihre weichen Lippen auf das mißhandelte Ohr.
Er hielt ganz still. In seinem Hirn begann ein Sausen und Brausen. Und plötzlich faßte er sie um die Taille, trug sie wie ein zappelnd Nixlein zum Diwan, kniete schnell nieder und hob sein erhitztes Gesicht zu ihr auf.
»Wie du die Menschen verjüngst. So hatte ich es mir gedacht. Du bist das Leben.«
»Du hast an mich gedacht? Wann? Wo? Ich muß jede Regung in dir kennen.«
»Gestern abend, zu Hause. Ich kramte in Erinnerungen umher, in toten Geschichten. Da kamst du ...«
»Und weiter? Was tat ich? Was tatst du? So erzähle doch. Du sprichst schön.«
»Ich sagte es ja: du verjüngtest mich.«
»Und die toten Geschichten? Legten sie sich nicht zwischen uns? Wurden sie nicht lebendig?«
»Du hattest ihnen ein neues Leben gegeben. Sie trugen deinen Stempel.«
Sie atmete tief auf und zog die Brauen dicht zusammen.
»Ich bin von einer unbändigen Eifersucht,« murmelte sie. »Das hast du davon.«
Er zog ihren Kopf herab und küßte sie auf die finsteren Augen.
»Hättest du mich lieber als den Spötter gemocht, dem nichts mehr heilig war?«
»Nichts soll dir heilig sein als ich!«
»Nun, ich meine: daß du diese Ausnahme in mir geweckt hast, beweist alles. Eine andere kenne ich nicht.«
Sie griff links und rechts in sein Haar.
»Schnell, schnell, was hast du jetzt gedacht? Liebster, so sprich doch ...«
»Du wirst mich nicht auslachen, wenn du hörst, wie jung ich geworden bin?«
»Nein, aber nein. Ich könnte dich eitel machen und sagen: ich will nur dein sonores Organ hören. Du hast einen Klang in der Stimme, der aufwühlt. Nun gib dem Klang Begriffe, an denen man sich halten kann.«
»Ich werde beichten,« sagte er, und das selbst-ironisierende Lächeln spielte um seinen Mund. »Erschrick nicht allzu sehr. Ich bin so jung geworden, daß ich wie in der Jugend holden Wahnsinnstagen das — Dichten wieder aufgenommen habe! Sage und schreibe: das Dichten!«
Sie legte ihm die Hände auf die Schultern, richtete sich auf und blickte ihn lange an.
»Ich habe es ja gewußt,« sagte sie endlich, »o ich habe es ja gewußt, daß etwas Eigenes in dir war.«
Ein triumphierendes Leuchten stand in ihren Augen.
Im Nebenzimmer klirrte ein Servierbrett.
»Steh auf!« flüsterte sie.
Als das Mädchen erschien, saß Hans, durch den Tisch von der Hausfrau getrennt, gelassen in seinem Sessel.
»Stellen Sie nur alles hin, Anna; ich werde das übrige selbst besorgen.«
»Sehr wohl, gnädige Frau.«
Sobald das Mädchen gegangen war, hatte sich Frau Bettina erhoben.
»Hans,« schmeichelte sie und legte ihm die Arme um den Hals, »vorlesen; bitte, bitte, vorlesen!«
»Du wirst mir nachher keinen Tee mehr geben wollen,« lachte er.
»Sei lieb, Hans. Ich will auch verwöhnt sein. Ich will einen Sänger, meinen Sänger haben.«
»Gut, dein Wille geschehe! Wollte ich mich noch weiter sträuben, würdest du am Ende noch glauben, es handle sich um ein unerhörtes Meisterwerk. Es ist nichts als eine Impression.«
Er entnahm seiner Brieftasche ein Blatt und wollte lesen. Aber sie legte ihre schlanken Hände über die Zeilen.
»Trag mich erst auf den Diwan zurück.«
Er gehorchte auf der Stelle. Aber sie ließ ihn nicht wieder los, bis er auf dem früheren Platze kniete.
»So — —« sagte sie gedehnt, und dann kroch sie lauschend in sich zusammen.
Er nahm die Spitzen ihrer Finger in seine Hand und las. Wenn er eine Pause machte, hörte er ihre tiefen Atemzüge und spürte das Klopfen des Blutes in ihren Fingerspitzen.
»Der Tag erlischt ... Was war’s, was die Sibylle, Die schöne Frau, einst sprach?: Es tut nicht gut, Daß du allein bist in der Dämmerstille. Dann fließt zu schwer dein Abenteurerblut. — — Der Tag erlischt ... Gestreckt in meinen Sessel Schau träumend ich empor ins dichte Grau, Das mich umstrickt wie eine enge Fessel.... Hüt’ vor dem Traum dich — sprach die schöne Frau. — — Ich blätterte heut’ lang’ in alten Briefen; Noch spielt die Hand mit dem vergilbten Tand. Es wurden Bilder wach, die längst entschliefen; Ein Rufen scholl aus fernem Heimatland. Ich hör’ den Rhein an seine Ufer rauschen; Das Wellenlied reißt meine Sehnsucht wund. Du meine Jugend, komm, laß dich belauschen; Drück’ deine Lippen auf des Träumers Mund. Sieh dort, sieh dort: die alte Lieblingsstelle — Ein Streifen Moos im dichten Erlenstand. Fern fließt der Rhein; es lockt und lockt die Welle; Ein Sommerduften zittert durch das Land. Zwei Händchen, wie sie sonst nur Kinder zieren, Sie pressen sich an meine Schläfen an, Und junge Lippen wollen sich verlieren Im ersten Kuß, im Kuß von Weib und Mann. — — — Wenn Jahr für Jahr die Winterstürme bliesen, Wenn meine Seele nach dem Sommer schrie, Nach meinem Rhein, nach meinen Erlenriesen: Ich sucht’ die Händchen, und ich fand sie nie. Durch Abenteuer bin ich durchgeritten, Und Lieder sang, just wie mein Mund, mein Schwert. O wüßtet ihr, um die ich heiß gestritten, Nach welchen Rosen nur mein Herz begehrt’! — Du sollst dich hüten vor der Dämmerstille, Kein Sieger träumt! — Wer trat in mein Gemach? Wer wagt es, mit den Worten der Sibylle Zu wandern meinen Seelenpfaden nach? Gib Antwort, du! Die Jugend ist verklungen! Kein weicher Schwärmer spannte hier sein Zelt! Halt’ ich mit diesem Arm ein Weib umschlungen, So bring’ dies Weib mir eine neue Welt! Aus Gräbern müßt’ ihr wundertät’ger Wille Mir wecken Heimat, Jugend, Liebeskraft! — Seh’ ich dich recht — —? Du, zaubrische Sibylle? Du hast zum Wunder selbst dich aufgerafft? Du, schöne Frau ...? Die Prüfung ist zu Ende? Du trägst die Fackel in die Dämmerung? Ich spür’ zwei Hände, schlank wie Kinderhände, Und einen Mund wie wilde Rosen jung, Und deines Blutes sturmbewegte Welle! — O andre Wellen sind’s, wie einst am Rhein — Ein Lebender, ich fühl’s, in Sonnenhelle Kann nur des Lebens Auserwählter sein. Komm an mein Herz! Es ward dein Adelswille, Des Rätsels stolze Lösung mir bewußt! ... Du sollst nicht träumen in der Dämmerstille, Doch siegen sollst du, — siegen Brust an Brust!«
Die Dämmerstille lag über ihnen. Es begann stärker zu dunkeln, und keiner von ihnen bemerkte es.
Da führte Hans Steinherr die widerstandslose Frauenhand an seine heißen Lippen, so fest, daß sie den Druck schmerzhaft verspürte, und daß Bettina mit einem kurzen Aufschrei auffuhr.
»Tu’ ich dir weh?«
»Weh? — Weh? — Fragt mich dieser Mensch auch noch, ob er mir weh tut! Ja, du tust mir weh, aber nicht weh genug. Brust an Brust! Hast du das nicht eben selbst gerufen? Brust an Brust! Wo bleibst du denn nur?«
»Bettina! Ob du mich lieb hast, sag!«
»Lieb, lieb! Das ist ein Ausdruck für kleine Mädchen! Wenn du mich meinst, erfinde einen anderen!«
»Ich habe keine Zeit dazu. Das einzige Wort, das ich ausdenken kann, heißt: Bettina. Meine, mir gehörige — Bettina.«
»Das ist nicht viel für einen Dichter. Sag mehr, mehr —«
»Jetzt hat der Mensch in mir das Wort. Nimm dich in acht: wenn er mehr redet, steigert er seine Ansprüche.«
»Ah, laß ihn doch, laß ihn doch,« rief sie laut und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. Dann rann die Woge langsam zurück — — —
»Ich bin rasend,« sagte sie und fuhr sich über die Augen. »Ich muß Licht machen, damit wir zur Besinnung kommen.«
Sie ging zur Wand und tastete nach dem Knopf der elektrischen Leitung.
Das Zimmer schwamm in blendender Helle, und die beiden Menschen standen und staunten sich an.
Er trat ihr einen Schritt entgegen, ungewiß, zögernd. Aber es schob ihn vorwärts.
Und sie schüttelte den Kopf über sich selbst, wollte entweichen und lief auf ihn zu.
»Hans, Hans, sei doch vernünftig! Du siehst doch, ich kann es nicht sein.«
»Weshalb hast du Licht gemacht? Jetzt seh’ ich erst, was ich alles vergessen habe.«
Sie glitt unter seinem Arm hinweg, zurück zur Wand. Ein Ruck, und es war dunkel.
Bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte, spürte er ihre Lippen auf seinem Mund und ihre Hände an seinen Schläfen.
Worte seines Gedichtes wirbelten ihm durch das Hirn.
»Ein Lebender kann nur des Lebens Auserwählter sein!« —
Jetzt lebte er ein auserwähltes, ein doppeltes Leben. Das ihre war das seine.
Die umschwärmteste Frau, die Dame der großen Welt war wie ein zärtliches Kind und bedeckte ihn mit ihren Liebkosungen.
»Bettina, kleine, süße, wilde Bettina, sprich nur ein Wort. Noch existiert der Schmied von Gretna-Green. Noch ist Helgoland nicht aus der Welt. Morgen, übermorgen kannst du meine Frau sein.«
»Nicht den Zauber brechen,« murmelte sie, »das kommt nicht wieder.«
»Wir werden es in der Hand haben, ihn jede Stunde zu beschwören, wenn wir nicht mehr getrennt sind.«
»Ach, du, diese Heimlichkeit — das ist das Schöne. Das Gefühl haben: wenn’s morgen aus wäre — diese Stunde raubt uns niemand mehr, mag die Zukunft sein wie sie will. Das Gefühl laß mir, bring es mir, so oft du kannst, tagtäglich; das spannt unsere Nerven, das macht so närrisch jung und so rasend verliebt; das ist, als könne es ein Jahrhundert dauern. Das ist eine Brautzeit, wie sie für uns paßt. Ein Fest nach dem anderen. Die Ehe bringt ja doch den unausbleiblichen Schlafrock.«
»Du, du, werde nicht tragisch. Soll ich wieder Licht machen, damit du siehst, was du dir zutrauen kannst?«
»Horch,« entgegnete sie unvermittelt, »eins — zwei — drei — neun Uhr! Unmöglich! Was ist aus der Zeit geworden? Das Mädchen wird kommen, um den Tisch abzuräumen. Ich habe alles vergessen.«
»Wer an der Tafel der Götter gesessen hat, kann doch keinen Tee mehr trinken, Bettina.«
»Du mußt; hörst du, du mußt. Ich kann doch das ganze Arrangement nicht unberührt fortschaffen lassen. Die Dienstboten würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Liebster, sei gut. Ein klein, klein wenig Aufopferung, weil es nicht anders geht. Da — ah, da ist Licht. Nein, ich will dich jetzt nicht anschauen. Hier, an den Tisch mit dir! Lach nicht so mokant. Du mußt ja doch, wie ich will.«
»Ich bin dein ergebenster Diener. Wenn du befiehlst, verschling’ ich dich mit.«
»Vorwärts, die Küche will ihr Recht. Ach Gott, der Tee ist kalt!«
»Nein,« sagte er verwundert, »und steht doch erst seit zwei Stunden.«
Sie warf sich im Sessel zurück, griff in ihr Haar und lachte ohn’ Aufhören.
»Du, Bettina, ich möchte auch lieber lachen als essen. Das ist eine Tortur.«
Und jubelnd weiter lachend, fuhr sie mit Messer und Gabel durch den Inhalt der Platten, warf die Delikatessen der Saison wild durcheinander und lehnte sich ausatmend zurück.
»So,« sagte sie, »das Abendessen wäre zu Ende. Wenn du jetzt auch nur noch eine Viertelstunde bleibst, mache ich jede Dummheit.«
»Dann laß mich ungezählte Viertelstunden bleiben. Und noch länger.«
»Mein Herr — so gern ich Ihrem Wunsche willfahrte: der Ruf Ihrer Dame verlangt —«
Er erhob sich sofort.
»Ich habe Ihnen nur noch zu danken, meine allergnädigste Frau; nur noch zu danken.«
Sie sah die kühne Mannesfröhlichkeit in seinem Blick, faßte seine Hand und schloß die Augen.
»Ich mach’ Dummheiten,« sagte sie.
Er küßte sie auf die Lippen, die sich ihm boten.
»Auf morgen!«
»Und — vergiß nicht! — Gedichte will ich haben, Gedichte. Von mir, für mich. Du sollst mich stolz machen.«
Sie stand hinter den Stores und sah ihm nach, wie er jugendlich elastisch über die Straße schritt. Dann ging sie langsamen Schrittes und vor sich hin grübelnd zum Diwan. In eine Ecke gekauert saß sie und sah vor sich hin, immer auf denselben Punkt.
»Ich darf nur Dummheiten machen, die mich vorwärts bringen. Einstweilen, einstweilen — —«

Drittes Kapitel
Mit der fortschreitenden Saison entwickelte sich auch das gesellschaftliche Leben in den Salons Frau Bettina Wittelsbachs. Nicht, daß sie das Prinzip der »offenen Tür« in ihrem Hause einführte. Die schöne Frau, welcher ihr Gatte Verbindungen mit den ersten Häusern hinterlassen hatte, hielt sehr auf eine erlesene Auswahl, und die kleinen, vornehmen und doch künstlerisch bewegten Abende, die sie mit nie trügendem Geschmack zu arrangieren verstand, erfreuten sich in der weltkundigen Gesellschaft bald eines Rufes, daß es für eine besondere Bevorzugung galt, hinzugezogen zu werden. In wenigen Monaten hatte die zielbewußte und starkgeistige Frau erreicht, wozu andere eines Einlebens von Jahren bedurften: ihr Salon bildete einen Machtfaktor. Nicht offenkundig, nicht vor den Augen der Welt; noch weniger aber insgeheim. Die Herren und Damen, die sich an jedem Mittwoch abend bei ihr zu versammeln pflegten, gehörten durchweg Kreisen an, die eine gewisse Bedeutung in sich schlossen: maßgebende Staatsbeamte, hohe Offiziere, Künstler von Einfluß, alle mit ihren Damen, deren Beziehungen wiederum weit durch die Salons der Hauptstadt reichten. Handelte es sich darum, einen Wunsch, eine Persönlichkeit an die Öffentlichkeit zu bringen, so spannen sich die Fäden der Protektion von hier aus bald nach allen Seiten.
Es war nicht allein Frau Bettinas reizvolle Art, jeden Menschen einzeln seiner Individualität gemäß zu behandeln und in jedem den Glauben zu erwecken, daß er vor allen die besondere Sympathie der Hausfrau genösse, was der vielvermögenden Frau so schnell die Ausnahmestellung schaffte. Unter den Näherstehenden war es ein stilles Geheimnis, daß sich ein hoher Herr aus der Seitenlinie eines regierenden Hauses stark um die Gunst der jungen, reichen Witwe bewerbe und lediglich deshalb in diesem Winter fern von Berlin und in der langweiligen mitteldeutschen Residenzstadt weile, um den Chef des Hauses seinen Heiratsplänen zugängig zu machen. Hatte doch der Prinz, der sich gelegentlich der Frühjahrsrennen der damals ins Leben zurückkehrenden Dame hatte vorstellen lassen, ihretwegen sogar an der Nordlandsfahrt teilgenommen und nur deshalb während der Reise ein mehr zurückhaltendes Wesen zur Schau getragen, um die Dame nicht in vorzeitiges Gerede zu bringen und dadurch die Chancen einer Verbindung mit Frau Bettina zu erschweren.
Man hielt in den Kreisen um Frau Bettina mit großem Zartgefühl darauf, daß dieser Gegenstand nicht mit Worten erwähnt wurde. Einerseits geschah es aus dem natürlichen gesellschaftlichen Takt, anderseits aber stand die Person des in Frage Kommenden immerhin so hoch, daß man sich die für später sicher nützlichen Verbindungen nicht leichtfertig verscherzen wollte.
Hans Steinherr war wohl der einzige, dem von dem stillen Geheimnis nichts bekannt war und auch nichts bekannt wurde. Er trat den einzelnen des Kreises nicht sonderlich näher, beschäftigte sich fast ausnahmslos mit der Dame des Hauses und galt bald als das Protektionskind, als ein junger, talentvoller Dichter, dem man sich bemühte, durch freiwillige Herolddienste die Wege zu ebnen. Den Austausch eines wärmeren Blickes zwischen ihm und Frau Bettina hätte man vergeblich zu erspähen versucht. Nur auf dem Nachhausewege pflegten zuweilen einige der Herrschaften ihre Gedanken über die Beziehungen zwischen Steinherr und der Dame des Hauses laut werden zu lassen. Dann zerbrach man sich den Kopf, ob dem Verhältnis wirklich das Rückgrat einer Liebschaft anhafte, oder ob die kluge und ehrgeizige Frau es nur inszeniere, um, wie sich ein diplomatisch geschulter Geheimer Rat ausdrückte, »Hoheit scharf zu machen«.
Eines stand jedenfalls fest: Frau Bettina hatte der Person Hans Steinherrs ein Relief gegeben, das bald über die Grenzen des gesellschaftlichen Lebens hinaus seinen Wert erhielt.
An den Abenden, die in ihrem Heim den Künsten gewidmet waren, bedrängte sie ihn, seine starken, leidenschaftlichen Poesien vorzulesen, und ihr äußerlich vornehm heiteres, innerlich drängendes, begehrendes Wesen fand einen verfeinerten Genuß darin, vor aller Augen und Ohren Verse zu hören, die ebensoviele Liebesbeteuerungen und Liebesschilderungen enthielten, die einzig und allein sie angingen und die sie inmitten des buntesten geselligen Treibens all die Stunden heimlichen Glückes noch einmal durchschwelgen ließen. Sie lächelte unmerklich, wenn ein spontaner Beifall sich über den Dichter ergoß, wenn Steinherr, nur für sie erkenntlich, sich und die Situation ironisierend, eine Sekunde lang den Blick auf sie heftete.
Aber Frau Bettina blieb hierbei nicht stehen. Durch Schmeicheln, Trotzen und Befehlen veranlaßte sie den Geliebten, die Gedichte in den ausschlaggebenden modernen Zeitschriften zu publizieren, und da ihr Namen von Bedeutung zur Seite standen, so war es ihr ein leichtes, ihren Wünschen bald die Erfüllung folgen zu sehen.
Als die Saison im Februar ihren Höhepunkt erreicht hatte, war der Name Hans Steinherr unter den literarischen Feinschmeckern bekannt wie in den unzähligen Salons, die sich in Berlin zu den Treffpunkten der oberen Zehntausend rechnen, weil Neugier und Nachahmungssucht das Tun und Lassen der wirklichen Oberen hier zu beklatschen pflegt, als stände man mit den so hoch interessanten Vorbildern familiär auf du und du.
Hans Steinherr war eine der plötzlich aufschießenden Saisongrößen geworden und wußte selbst nicht, wie er zu der Ehre kam. Wenn er an der Seite Frau Bettinas, die durch ihre blendende Erscheinung und nicht weniger durch ihre aparten, geschmackvollen Toiletten stets die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, zu den Premieren in der Theaterloge erschien, erregte er den Hauptteil des Interesses. Dann sprach man in Logen und Parkett über seine Persönlichkeit, die berufen war, dieser Dame de grande tenue als bevorzugter Kavalier zu dienen, und der Neid schuf ihm ein noch größeres Renommee als die Freundschaft.
»Wer ist denn dieser Günstling der schönen Wittelsbacherin?«
»Aber, gnädige Frau, das ist doch Hans Steinherr!«
»Hans Steinherr? Also von der Kunst, weil Sie den Vornamen nennen.«
»Meine Gnädige: Hans Steinherr, der bedeutende und eigenartige Lyriker! Treiben Sie denn nicht die neueste Literatur? Allerverehrteste, wie können Sie nur so unmodern werden!«
So wurde Hans Steinherr der »bedeutende und eigenartige« Lyriker, und hatte kaum ein Dutzend Gedichte veröffentlicht, die er nicht einmal für die Öffentlichkeit niedergeschrieben hatte. Man gab ihm einen Ruf, damit es umso interessanter würde, über seinen Ruf Andeutungen mit kleinen Pointen loszulassen. Irgend ein Dutzendmensch hätte sich nicht gelohnt.
Über Hans Steinherrs Seele gingen die Wandlungen, welche die Außenwelt mit ihm vornahm, spurlos hinweg. Es war dasselbe Fluten und Ebben in ihm, derselbe Wechsel von Rausch, Ernüchterung und neuem Rausch; alles wie seit dem ersten Tag in Frau Bettinas Haus. Nicht um eine Spanne war die Klärung fortgeschritten. Wenn er mit Ungestüm darauf drang, zog sie sich zornig von ihm zurück und schalt ihn einen Alltagsmenschen, eine poesielose Natur, einen Undankbaren, der nicht wert sei, mit ihr ein so wunderbar anregendes Geheimnis zu teilen, und durch seine prosaische Verständnislosigkeit den kleinsten Stimmungszauber verderben müsse. Wurde er kalt und zurückhaltend, so überschüttete sie ihn unvermutet mit einer so stürmischen Flut von Liebkosungen, daß er sein Blut sausen fühlte und nach innerlicher Gegenwehr plötzlich die Reserviertheit aufgab und ihre Küsse erwiderte, wie sie gegeben wurden.
Sonnenschein und Sturm, Sturm und Sonnenschein.
Er war in einen Kreislauf geraten, aus dem er sich nicht mehr herausfand.
Packte ihn in nüchternen Stunden die Scham, wie eine Drohne zu leben und sein Dasein arbeitslos und daher zwecklos zu vergeuden, faßte er den Entschluß, diesem für seinen Lebensstolz unhaltbaren Zustand ein Ende zu machen, selbst auf die Gefahr eines gänzlichen Bruches hin, so wandelte schon der nächste Abend ihn wieder zum modernen Tannhäuser, der außer den Augen der liebsten Frau nichts will und nichts weiß.
Was ihm jeden tatkräftigen Gedanken erschwerte, war das unausgesprochene Bewußtsein, daß neben der wilden Zuneigung die Eitelkeit des Mannes in ihm wachgerufen war. Die Eitelkeit des Mannes, die weniger Schmerz um eine verlorene Liebe als um die sichtbaren Zeichen einer Niederlage empfindet. Die Vorstellung, Bettina an der Seite eines anderen zu sehen, während er unbeachtet abseits zu stehen habe, zu wissen, daß sie einem anderen die Zärtlichkeiten gebe, die sie ihm gegeben hatte, ließ ihn in wortlosem Grimm die Nägel in die Handflächen graben.
Dieses endlose Hin- und Herzerren, dieses immer sich wiederholende Kapitulieren vor dem Ziele machte ihn launisch und reizbar. Er war nicht der Mann des ewigen, verborgenen Brautlebens, er hatte ein Ruhebedürfnis, und nicht zuletzt ein Bedürfnis nach der Ruhe des Besitzes.
Und dennoch: wenn er wieder einmal eine der immer seltener werdenden Stunden verlebt hatte, in denen sie im engen Beisammensein allen Sonnenschein über ihn ergossen hatte, wenn er sie vor sich sah in dem weich herniederfallenden Hausgewand, das in dem schlanken Ausschnitt die weißen Schultern freigab, dann unterlag auch er dem Zauber, den gerade die Verschwiegenheit ihrer Liebe so außergewöhnlich prägte, und er schmiegte knabenhaft, ein selig Träumender, sein Gesicht dicht neben das ihre auf den Pfühl des Diwans, während er vor ihr kniete und seine Arme sie umfaßt hielten.
Seit kurzem häuften sich diese stillen, schönen Stunden. Es war, als ob auch Bettina etwas Schmerzliches in der Art ihrer Liebe empfände, als ob sie plötzlich zu der Erkenntnis seines unduldsamen Leidens gekommen wäre und sich nun bemühte, durch eine fortlaufende Reihe ungetrübter Tage viele voraufgegangene Launen wieder gut zu machen. Mitten im Gespräch konnte sie verstummen, sein Gesicht in ihre beiden Hände nehmen und ihm lange, mit verschleiertem Blick, in die Augen schauen. Die Weichheit ihres Wesens nahm zeitweilig einen Charakter an, daß ihn erschreckte, was ihn sonst mit Freude erfüllt haben würde.
An einem Abend, an dem er die an ihr so ungewohnte Erscheinung stärker als je empfand, fragte er sie.
»Was hast du, liebste Frau? Dich quält etwas. So verbirg es mir doch nicht.«
Und sie sagte kopfschüttelnd und ihm leise über das Haar fahrend: »Es ist nichts. Und wenn auch. Wir wollen uns in den kurzen Stunden doch nicht mit Grillen plagen.«
»Du bist eine andere geworden, Bettina — —«
»Hast du dich nicht auch verändert — —?«
»Ich —? Nenn mir meine Fehler, und ich will sie dir zuliebe ablegen.«
»Hans,« sagte sie nachdenklich und legte die flache Hand auf die Stirn, »wann hast du mir das letzte Gedicht gebracht?«
»Ich wußte nicht, daß dir noch daran gelegen war,« entgegnete er ernst.
»Hab’ ich dir wirklich Anlaß zu solchen Vermutungen gegeben?«
»Ja,« sagte er. »Du schicktest, was ich schrieb, in die Öffentlichkeit, bevor du es noch recht gelesen hattest. Und das Beste, was zwischen den Zeilen geschrieben stand, hättest nur du empfinden können. Aber dir lag an dem Druck mehr als an der Schrift; mir an deinen Augen mehr als an denen des Publikums. Da streckte ich die Wehr.«
»Und nie, nie wieder hast du das Gefühl gehabt: du mußt jetzt für Bettina dichten?«
»Doch. — In den letzten Tagen. — Seitdem du so — so verändert wurdest.«
»Hans,« sagte sie und streckte ihm die Hände entgegen, »komm, Hans. Wie damals, als es anfing. Hier auf dem Diwan lag ich, und da knietest du — siehst du, ich habe alles behalten — und du lasest mir eine Jugendbeichte von einer Liebe am Niederrhein, und wie du sie erst ganz überwunden hättest durch mich. War das ein Abend! — — — Komm, ich sitze wieder hier, und du lehnst deinen Kopf gegen meine Kniee. Und nun lies. Es soll nur für mich sein.«
Und er las, mit stiller, schwerer Stimme.
»Wenn der weißen, stolzen Schultern Bogen Wie des Marmors Schneekristalle flimmern, Deiner Brust geheimnisvolle Wogen Wie von Mondschein übergossen schimmern; Wenn ich dich, die mir entgegenleuchtet, Mit gebenedeiten Händen streichle, Und dein Auge sich vor Liebe feuchtet, Wenn ich wie ein Knabe stumm dir schmeichle — Weißt du, Liebste, was ich schauernd fühle Bei dem selbstvergessenen Umschlingen, Wang’ an Wange auf demselben Pfühle? — Sieh, die Seelen wollen sich durchdringen! Wollen sich durchdringen und vereinen, Wollen unauflöslich sich verketten, Wollen uns, wenn unsre Augen weinen Fern der Heimat, unsern Frieden retten. Wo ich geh’, nun trag’ ich deine Seele; Wo du bleibst, dich tröstet meine heiter: Glaub’ es nicht, daß dir die Liebe fehle; Ich bin bei dir, fürchte dich nicht weiter. — — — Heil’ge Stille ... Dann, mit beiden Händen, Greifst du meinen Kopf und starrst mit weiten Augen auf mich, die ein Wunder spenden; Und voll Inbrunst und voll Seligkeiten, Bleich vor Wonne flüsterst du: Bedränger! Zärtlichster und wildester der Knaben, Press’ mich fester, daß die Seelen länger Süß und heimlich einst zu raunen haben .....«
Er sah nicht auf. Er hatte das Gefühl, daß es jetzt an ihr sei, zu sprechen; irgend etwas hinreißend Liebes zu sagen, das all die vielfachen kleinen Dissonanzen, die sich in die Melodie ihres Verkehrs eingeschlichen hatten, in einem lange nachzitternden Vollton vergessen machen würde. Aber es blieb Stille, ein lastendes Schweigen.
Müde hob er den Kopf. Da fielen brennend heiße Tropfen auf seine Stirn.
»Bettina!« rief er, sprang auf und faßte sie an den Schultern. »Bettina, was geht in dir vor? So kenn’ ich dich ja gar nicht. Du weinst? Herr Gott im Himmel, du kannst weinen? Liebste, Liebste, dann ist ja alles gut.«
Ihr Mund verzog sich krampfhaft, aber sie konnte den hervorschießenden Tränen keinen Einhalt tun. Sie streifte seine Hände herab und wanderte im Zimmer umher, bis sie ihre Haltung wiedergefunden hatte.
»Mach doch nicht solch ein Wesen daraus. Ich bin nur nervös. Ich bin gar nicht so tief, wie deine Dichterseele sich jetzt wieder einbildet. Gemütsbewegungen! Das ist doch zum lachen. Ich bin in diesen Dingen tatsächlich so oberflächlich, wie du es schon zu wiederholten Malen mir vorgehalten hast. Die echte und rechte mondäne Frau. Daran läßt sich nichts ändern, das liegt in einem. Nur deine rheinische Art macht mich immer wieder fassungslos. Das wühlt auf und lullt ein, bis man vor Sehnsucht nicht mehr aus noch ein weiß und jede Dummheit begehen möchte.«
»Du sprichst mir so oft von den — Dummheiten. Eine Frau wie du sollte den Mut besitzen, sich klarer auszudrücken.«
»O, ich — — da siehst du’s ja, wie recht du hast — ich bin eine ganz oberflächliche Natur.«
»Wenn ich nicht besser wüßte, was in dir steckte, würde ich dich nach dem ersten Tage zu den Toten gelegt haben.«
»Hans!« rief sie. Alle Unruhe war zurückgekehrt. Durch ihren Körper flog es wie Angstschauer. Er hatte sie noch nie in solcher Aufregung gesehen.
»Du, du, ich hab’ ja eine Sehnsucht, eine ganz tolle, unbezwingbare Sehnsucht. Wie soll das nur werden? Seid ihr denn alle so an eurem Rhein? Ich habe gedacht, da leben nur frohe, leichtsinnige Menschenkinder. Ähnlich wie ich. Oder seid ihr vom Niederrhein so ganz anders? Ihr mit dem harten westfälischen Schädel und dem heißen rheinischen Blut, ihr unauskennbaren Grenzlerleut’!«
»Du solltest mich noch nicht auskennen, Bettina?«
»Nein, schweigen sollst du, nicht reden. Ich weiß es ja, daß ich rettungslos verliebt in dich bin. Aber wie weit du in mich — ob auch rettungslos — das — das weiß ich nicht. Und deshalb fürcht’ ich mich vor der Probe.«
»So stell’ mich doch auf die Probe. Denk dir doch mal was ganz Unerhörtes aus.«
Sie blickte ihm starr in die Augen, als ob er ihre Gedanken erraten hätte und sie sich vor der nächsten Sekunde fürchtete. Aber seine scharf gewordenen Züge zeigten keinen Sarkasmus, nur eine sich nähernde, mitleidsvolle Liebe.
Das konnte sie nicht ertragen. In diesem Augenblick nicht. Ein Schluchzen schüttelte ihren Körper, und sie ließ die Tränen strömen, wie sie wollten. Sie hatte jede Gewalt über sich verloren.
»Ich kann ja nicht leben ohne dich. Was soll denn nur werden?«
Er zog sie sacht wie ein krankes Kind auf seinen Schoß und streichelte ihre schönen Arme.
»Glück soll daraus werden. Glück, nichts als Glück. Ein seliger Mann und eine selige Frau.«
»O du arme Dichterseele, wie werde ich dich enttäuschen.«
»Dann werde ich meine Lieder zu dir reden lassen; von alten Zeiten, von stolzen Menschen, von verschwiegenen Stunden, die uns mehr waren als Jahre. Und die Erinnerungen werden so mächtig werden, daß sie eine Fortsetzung fordern.«
»Du — Hans,« sagte sie hastig.
»Ich höre.«
»Du sollst mir eins versprechen.«
»Ich verspreche dir heute alles.«
»Du sollst mich nicht mehr andichten. Jetzt nicht, die nächsten Tage nicht. Ich ertrag’ es jetzt nicht, so — so deine Seele zwischen den Fingern zu halten in ihrer beispiellosen Offenheit. — So blicke mich doch nicht so ironisch an. Du kannst mich ja gar nicht verstehen. Gerade weil ich deine Seele nun besser kenne als du, und weil ich dir gerade in diesem Punkte nicht oberflächlich erscheinen will. Weil ich erst — — Ach nein, später, später. Du mußt jetzt gehen. Nimm deinen Mantel und Hut. Wie kalt es ist; fühlst du es nicht auch? Gute Nacht, Liebster ...«
Er berührte ihre Lippen nur ganz sanft und ging.
An der Tür drehte er sich um. »Ich werde morgen abend bei dir sein. Bestimme nur die Stunde. Zur Teezeit, um sieben?«
»Morgen? Nein, morgen komme nicht!«
»Aber weshalb morgen nicht? Ich muß mich doch nach meinem Patienten umsehen.«
»Ich erwarte morgen Besuch.«
»Und wenn schon. Der soll mich doch nicht hindern, du nervöses Geschöpf.«
»Wenn ich dich aber bitte. Der Besuch würde dich nur — nur — langweilen. Das will ich nicht. Komme übermorgen, Mittwoch, aber eine Stunde früher als die Mittwochsgäste. Um sechs; willst du?«
Er sah sie lächelnd an, nickte ihr zu und ließ sie allein.
Auf dem Wege nach seiner Wohnung befiel ihn eine unerklärliche Unruhe. Aber er redete sie sich aus. Wenn ihr etwas zustieße, morgen, während er nicht zugegen wäre? Nun, er würde der erste sein, den sie rufen lassen würde. Sie konnte ja doch nicht ohne ihn sein. Soeben erst hatte er es von ihrem leidenschaftlichen Munde vernommen.
Ein überhebendes Gefühl wallte in ihm auf, und wieder reckte und streckte sich die männliche Eitelkeit in ihm weit über die selbstlose Liebe hinaus und ließ ihn sich nur als lächelnden Gebieter dieser vielgefeierten Frauenschönheit sehen. Aber als er in der Frühe erwachte, war auch die Unruhe wieder erwacht und gab ihn nicht mehr frei und ließ ihn alle Handlungen mechanisch verrichten.
Auch Frau Bettina fand, als der Morgen graute, keinen Schlummer mehr. Ziel- und zwecklos durchwanderte sie im Frisiermantel alle Räume der Wohnung, blieb an den Fenstern stehen, blickte in den trüben Tag hinaus, gab der Jungfer Aufträge, die sie sofort widerrief, und kehrte immer wieder in den Salon zurück, um gedankenlos das Zifferblatt der Bronzeuhr zu betrachten. Stellte sich wirklich ein Gedanke ein, so dachte sie ihn nicht zu Ende, sondern eilte schnell in das nächstgelegene Zimmer, um sich von irgend einem anderen Gegenstand abziehen zu lassen.
Endlich, gegen Mittag, brachte ihr das Mädchen eine Depesche.
Sie nahm den Papierstreifen entgegen, dankte kurz und legte ihn neben sich auf den Tisch. Erst als sie sich wieder allein befand, griff sie danach und drehte das Blatt in den Händen umher. Dann erhob sie sich plötzlich, warf den Kopf zurück, als ob sie das letzte schwache Zaudern ein für allemal abweisen wolle, vergewisserte sich durch einen klaren Umblick, daß sie ganz und gar Herrin der Situation sei, und entfernte ruhig die Siegelmarke von der Depesche.
Sie schlug das Blatt auseinander und las:
»Reise soeben ab. Gestatten Sie mir, Ihnen um sechs Uhr meine Aufwartung zu machen. Ich küsse Ihre Hände. Georg.«
Ruhig faltete sie das Papier wieder zusammen und legte es auf eine Schale. Dann klingelte sie.
»Sie können das Frühstück bringen, Anna. Ich werde heute nicht dinieren.«
Sie trank in kleinen Zügen ein Glas Sherry aus und wählte in den Speisen herum, ohne viel zu genießen. Trotzdem saß sie über eine Stunde zu Tisch. Als auf ihr Klingelzeichen das Mädchen wieder erschienen war, fragte sie nach der Zeit.
»Es ist zwei Uhr, gnädige Frau. Befehlen gnädige Frau eine Toilette?«
»Zwei Uhr? Ja, da muß ich wohl daran denken, mich anzuziehen. Kommen Sie doch gleich mit.«
Während sie in ihrem Ankleidezimmer vor dem wandhohen Spiegel stand, kam es ihr in den Sinn, daß sie für Hans Steinherr nie einen großen Toilettenapparat hatte in Szene zu setzen brauchen. O, dem hätte sie in dem losen, weichen und bequemen Hauskleid immer am besten gefallen. Das war auch Hans Steinherr. Und der andere, der heute — endlich — sein Kommen gemeldet hatte — —
»Nein, Anna, was legen Sie mir nur heute vor! Das ist ja schon zwei-, dreimal getragen. Mädchen, seien Sie nicht so ungeschickt! Wo ist denn der Karton, der gestern gekommen ist? Ja, ja, das seegrüne Unterkleid und das Überkleid aus schwarzen Valenciennes mein’ ich. ›Diese fürstliche Robe?‹ fragen Sie Unschuld? Endlich der erste vernünftige Ausdruck, den ich von Ihnen höre. Also — die fürstliche Robe.«
Sie lehnte sich in ihrem Frisiermantel in den Stuhl und blickte unverwandt in den Spiegel. »Lassen Sie sich Zeit. Sie sollen mich heute so schön machen, wie ich noch nie war.«
»O, gnädige Frau sind immer schön. Wenn gnädige Frau noch so kunstvoll frisiert sind, schöner können gnädige Frau darum nicht ausschauen.«
Als wenn Hans Steinherr spräche ... Nur daß er für »gnädige Frau« einen etwas präziseren Ausdruck setzte.
»Erzählen Sie mir etwas, Anna!«
Und das Mädchen schwatzte drauf los, Geschichten von Bekannten und Unbekannten, und kam sich von Minute zu Minute wichtiger und interessanter vor, während Frau Bettina sie längst vergessen hatte. — — Bis das letzte Spitzenendchen mit kleinen Brillantnadeln über dem Seidenstoff befestigt war, hatte es fünf Uhr geschlagen.
Sie schickte das Mädchen fort, in der ganzen Zimmerflucht alle Flammen der elektrischen Kronen zu entzünden, und blieb selbst, ein Buch in der Hand, in ihrem Ankleidezimmer.
Punkt sechs Uhr klopfte das Mädchen. Sie sah dem erstaunten Gesicht an, daß es sich um eine außergewöhnliche Meldung handelte.
»Nun, Anna?« fragte sie lächelnd und nahm die ihr auf dem Tablett dargereichte Visitenkarte.
»Gnädige Frau, der Prinz von —«
»Es ist gut, Anna. Bitten Sie Hoheit, mich nur eine Sekunde zu entschuldigen. Ich würde sofort erscheinen.«
Noch einmal stellte sie sich vor den Wandspiegel, musterte ruhig ihre Gestalt und den Glanz ihrer Augen und ging mit der Sicherheit der Weltdame, um den Prinzen zu begrüßen.
Er stand mitten im Salon, im eleganten Frackanzug, den chapeau claque unter dem Arm, und eilte ihr, sobald sie die Portiere zurückschlug, entgegen.
»Meine schöne und liebenswürdige Freundin —«
Sie reichte ihm anmutsvoll die beringte Hand, die er wiederholt an die Lippen führte.
»Seien Sie mir herzlich willkommen, Hoheit. Was trieb Sie denn so plötzlich aus Ihrer Weltabgeschiedenheit her?«
»Die Sehnsucht, mich meiner gnädigen Frau zu Füßen zu legen.«
»Die Sehnsucht hat lange gebraucht, Hoheit, um zu diesem Entschluß zu kommen.«
»Man hatte ihr die Flügel zusammengeschnürt. Zürnen Sie ihr nicht. Ich war ein abhängiger Mann.«
»Sie waren? Soll ich das dahin verstehen, daß Sie es heute nicht mehr sind?«
»Die Entscheidung wird lediglich von Ihrer Güte abhängen, Bettina.«
Sie saß ihm gegenüber, frei und unbekümmert, und erwiderte seinen festen Blick lächelnd.
»Du lieber Gott, Hoheit, man appelliert so viel an meine Güte. Aber tragen Sie Ihr Anliegen vor.«
Der Prinz wurde für einen Moment unsicher. Er blickte auf die Spitzen seiner Lackschuhe und streichelte mit dem Rande seines Claques nervös die Bügelfalte seines Beinkleides.
Frau Bettina hatte Muße, ihn zu betrachten. Er war eine durchaus vornehme Erscheinung, ein Mann von glänzendster Haltung und großen Formen. Nur die melierten Schnurrbartspitzen und die leicht ergrauten Schläfen wiesen darauf hin, daß er die erste Jugend hinter sich hatte, aber seine fünfzig Lebensjahre hätte ein Fremder nicht erraten. Ein geschultes Auge konnte dem Kolorit des Gesichtes anmerken, daß Seine Hoheit den Lebensgenüssen nicht aus dem Wege zu gehen pflegte. Eine leise Lebemannstönung zog sich darüber hin.
»Meine gütige Gnädige,« sagte der Prinz und schaute zu ihr auf, »ziehen Sie doch in Betracht, ich bin in meinem bäuerlichen Waldnest gänzlich außer Form gekommen.«
»Ach, Sie wollen ein Kompliment hören? Nein, nein, Hoheit, so wollen wir nicht beginnen.«
»Meine gnädige Frau, so gestatten Sie mir, ohne Umschweife auf mein Ziel loszusteuern. Über meine Gefühle befinden Sie sich nicht im unklaren. Ich hatte mir, als ich im Herbst schied, die Freiheit genommen, sie Ihnen zu gestehen, und unsere Korrespondenz konnte sie nur noch verstärken und vertiefen. Der Grund meines damaligen Scheidens ist Ihnen bekannt. Es galt, Hindernisse hinwegzuräumen und« — er lächelte auf eigene Weise — »dem hohen Chef unseres Hauses die Gelegenheit zu bieten, sich durch den Augenschein von der nunmehr erlangten Reife zur Ehe zu überzeugen.«
»So notwendig war das?« warf sie ein.
»Meine Jugend hat ein bißchen lange gedauert, ich gestehe es zu. Dadurch aber hoffe ich, mir die Anwartschaft auf einen besonders soliden Ehemann erworben zu haben.«
— Und bei Hans Steinherr, dachte sie bei seinen Worten, sollte die Jugend mit der Ehe wiederbeginnen und endlos sein. —
»Sie haben sich höchst ehrenvolle Vorsätze gestellt, Hoheit,« erwiderte sie in dem Tone, den er angeschlagen hatte.
»Eh bien, meine Gnädige, gegen die Ehe als Ding für sich hatte mein Herr Oheim auch durchaus nichts einzuwenden, das einzige Hindernis war —«
»Die erwählte Dame.«
»Keineswegs, meine gnädige Frau. Die Persönlichkeit der Dame stand über jeder Situation. Lediglich die Rangfrage — verzeihen Sie, daß ich das erwähnen muß, aber die Fragen der Etikette rangieren bei Hof zum wenigsten mit dem Glaubensbekenntnis in einer Linie.«
»Also als gläubig ward ich ohne jede Prüfung befunden?«
»Prüfungslos,« lachte er und küßte ihr die Hand. »Schon daß Sie mich schlimmen Christen bekehrt haben, gewann Ihnen die Gloriole der Heiligen.«
»Es scheint mir doch,« sagte sie leichthin, »als ob die Fragen der Etikette demnach vor den Fragen des Katechismus rangierten. Aber ich werde Sie nicht weiter unterbrechen. Entschuldigen Sie, Hoheit!«
Der Prinz überwand die verblüffende Ironie schnell. Es war ihm darum zu tun, zur Hauptsache zu kommen.
»Der hohe Chef unseres Hauses vermochte an der Aufrichtigkeit meiner Gefühle auf die Dauer nicht zu zweifeln, viel weniger noch an der Stabilität meiner Absichten. Er geruhte, einzulenken und mir den Konsens zu bewilligen. Freilich unter Auferlegung nicht zu umgehender Opfer. Ich habe auf die Berechtigung zur Regierungsnachfolge Verzicht geleistet — nun, für ein Jahrhundert war die Kandidatur ohnedies in sicheren Händen, und später wird’s mir keinen Spaß mehr machen, — und ich werde à la suite der Armee gestellt. Den Drill hatte ich längst schon über, und ich werde in jeder Beziehung ein freier Mann. Am Tage unserer Ehe — ich bitte Sie um die Erlaubnis, Bettina, von uns in dieser Gemeinsamkeit zu reden — am Tage unserer Ehe wird uns im Anschluß an den Namen meiner Besitzung der Titel Graf und Gräfin Wallberg verliehen werden.«
Er erhob sich.
»Das wäre die Lösung der einen Seite der Frage. Die Lösung der anderen steht in Ihrer Hand.«
Auch Bettina hatte sich erhoben. Sie blickte einen Moment sinnend vor sich hin.
»Und man wird, Hoheit, mich nicht als lästigen Eindringling betrachten? Ich kann annehmen, daß man mir meine Stellung nicht zu einer exponierten gestaltet, daß es mir nicht an verwandtschaftlichem und freundschaftlichem Entgegenkommen seitens Ihrer Familienmitglieder fehlen wird? Das ›Nullerl‹ zu spielen, liegt nicht im Bereich meines Ehrgeizes.«
»Meine Brüder sind entzückt, Sie als Schwägerin zu sehen. Ihr Bild, das ich besitze, hat allein schon Wunder gewirkt. Meine Brüder Dick und Fredy suchen bei der schönen Herrin dieses Hauses und dieses Herzens um die Ehre nach, der Vermählungsfeierlichkeit beiwohnen zu dürfen, und senden jetzt schon ergebensten Handkuß mit der Versicherung blinder Anhänglichkeit. Gestatten Sie, daß ich mich meines Auftrages in vollem Umfange entledige!«
Er nahm mit ritterlicher Verbeugung ihre Hände und küßte die rechte und die linke.
»Georg,« sagte sie und zog sanft ihre Hände zurück, »halten Sie mich nicht für unzart. Aber bei einer so außergewöhnlichen Verbindung ist es direkt notwendig, den realen Dingen ins Auge zu sehen. Ich denke, wir sind über die Sentiments erhaben. Sie sehen in mir die schöne und liebenswerte Frau. Aber das dürfte nicht genügt haben, mir die Stellung an Ihrer Seite anzubieten. Sie sehen in mir auch die vollkommen unabhängige und mit den Schätzen dieser Welt einigermaßen gesegnete Frau.«
»Bettina!« warf der Prinz in verweisendem Tone ein.
»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, das an die zweite Stelle zu schieben. Aber es ist ein Grund mehr für mich, es zu beachten. Das können und dürfen Sie nicht in Abrede stellen. Vorwürfe zwischen uns müssen von vornherein ausgeschlossen sein, jeder von uns wird dem anderen seine kleinen Liebhabereien nicht mißgönnen. Ihr Rennstall hat Sie viel gekostet, der Troubadourendienst« — sie lächelte vor sich hin — »kurz, sagen Sie mir ruhig die Höhe Ihrer Engagements.«
»Bettina! Ich bitte tausendmal um Verzeihung. Aber das — das ist mir nicht möglich.«
»Nein, nein, lieber Freund, jetzt kein übertriebenes Zartgefühl. Wir haben ernstere Dinge vor, als hier das verschämte Liebespaar zu spielen. Wir kennen uns beide, und wir wollen es miteinander wagen. Schaffen wir also sofort die richtige Grundlage. Das ist für lebenserfahrene Menschen wie wir das einzig Würdige.«
»Ich strecke vor Ihrer klaren Lebensauffassung die Waffen, Bettina.«
»Also?« neckte sie und reichte ihm ermutigend die Hand. »Ist es eine sechs- oder eine siebenstellige Zahl?«
»Rund eine siebenstellige,« sagte er mit einem schweren Seufzer, der humoristisch klingen sollte.
»Nun,« entgegnete sie mit einem frappierenden Gleichmut, »das wird sich immerhin arrangieren lassen. Über diesen Punkt brauchen wir also nicht mehr zu sprechen. Die Regelung können wir unseren Sachwaltern überlassen. Und wann gedachten Sie die Verlobung zu publizieren?«
»Pardon,« sagte er, legte den Hut hin und kam auf sie zu. »Gestatten Sie mir, daß ich mich zunächst in aller Form Rechtens meines Besitzes versichere.«
Sie stand regungslos, mit leicht vorgebeugtem Kopf, und er küßte sie respektvoll auf die Stirn.
Dann atmete sie tief auf. Es war geschehen. —
Nun stand sie auf der Höhe, und das Leben war ihr tributpflichtiger denn je. Nach der Sklavenrolle der ersten Ehe die Herrscherrolle der zweiten. Unumschränkte Freiheit, und die Gesellschaft ihr zu Füßen. Jetzt erst wollte sie das Leben erschöpfen, jetzt war sie erst ganz gerüstet, denn über ihr hing der Schild.
»Meine liebe Bettina,« sagte der Prinz feierlich, »ich huldige als erster der Gräfin Bettina Wallberg.«
»Ich danke dir, Georg. Die Gebieterin wird nicht allzu strenge sein.«
Er steckte ihr einen reich gefaßten Brillantring an die Hand, und sie ließ es sich lachend gefallen, daß er alle Ringe, die sie trug, abzog und anprobierte, bis er sich für einen Rubin entschied.
»Das ist Herzblut,« erklärte er, »dein rotes, feuriges Herzblut.«
Sie schloß die Augen und dachte an ihr rotes, feuriges Herzblut — —
»Wie schön du bist. Ich habe weder in Paris, noch in Nizza eine wundervollere Toilette gesehen. Was brauchst du mich eigentlich? Du bist ja die geborene Prinzessin.«
Dann begann er, ihr seine Pläne zu entwerfen. Keine lange, offizielle Verlobung. Die Vermählung heute in vier Wochen. Nur so viel Zeit, um die notwendigen Reisevorbereitungen zu treffen. Dann eine mehrmonatliche Reise durch den Orient: Bukarest, Sofia, Konstantinopel, Alexandria, wohin und so weit sie wünsche. Seine intimen Beziehungen reichten an alle Höfe und Vizehöfe. Sie würden überall der glänzendsten Aufnahme gewiß sein können, und überall würde sie die Herzen besiegen.
Sie lauschte gern seinen weltmännischen Plaudereien. Eine schmeichelnde Vorahnung unzähliger Triumphe zog durch ihre Seele und gab ihr ein erhöhtes Selbstgefühl ...
Leben, leben — auf den Höhen! — —
Draußen erscholl kurz und fest die Korridorklingel.
»Ah, wir werden gestört,« meinte der Prinz bedauernd und horchte auf.
Auch Bettina war zusammengeschreckt. Sie kannte diese Art des Klingelns.
»Ich bin für niemand daheim,« murmelte sie zornig. »Ich habe ihm doch untersagt — —« Aber das Mädchen hatte keinen dahinlautenden Befehl. Zumal bei Herrn Doktor Steinherr wußte sie, daß eine zeremonielle Anfrage, ob gnädige Frau den Besuch anzunehmen gedenke, außer Betracht stand.
Hans Steinherr wechselte auf dem Korridor ein paar Worte mit dem Mädchen, darauf öffnete dieses die Salontür nach leichtem Anklopfen und meldete gewohnheitsgemäß den täglichen Besucher: »Herr Doktor Steinherr, gnädige Frau.«