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Die vom Niederrhein

Erstes Buch (continued 3)

Reading edition

Im stürmenden Wetter, unter dem schwankenden Regenschirm dicht aneinandergeschmiegt, blieben sie oft mitten auf der Straße stehen und horchten, halb selig, halb verängstigt, auf etwas Unerklärliches, Beunruhigendes, Wunderbares — —. Und es war nur das Pulsen ihres Blutes, das sie in der dichten Berührung verspürten.

* * *

Nun war Frost eingetreten. Es ging auf Weihnachten zu. Manchen verregneten Sonntagnachmittag hatte sich Hans von der alten Frau Stahl erbettelt, ihn in dem primitiven Wohnzimmer der Pempelforterstraße zubringen zu dürfen. Denn an den Sonntagen verließ die Enkelin die Großmutter nicht. Über den einzigen freien Tag, den die alte Frau besaß, hatte sie auch allein zu verfügen. Seit in dem jungen Mädchen das Geheimnis der Frauennatur zur Offenbarung rang und unbewußt nach Betätigung drängte, umschloß sie mit verdreifachter Liebe die einzige Frau, die, wenn auch alt und greis, ihrem Leben näher stand und ihr das gleiche Geschlecht verkörperte. Dann wandelte sich der Liebeshunger in eine Liebesverschwendung.

Und in der Greisin stieg es jung und heiß empor.

»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle,« murmelte sie und reckte sich auf.

Mit Hans saß sie oft und plauderte. Ruhig, ernst, auf ihre Weise. Sie ließ ihn Blicke in ihr Leben tun, und ihr Leben, ihr siebzigjähriges, spiegelte siebzig Jahre der Menschheit. Alle Kreuz- und Quersprünge der Zeit und der Zeitgenossen, das Trotzen, Aufbegehren, Himmelstürmen, das Nachgeben, Erkennen, Resignieren, die Inzucht des Egoismus wie das Sichfeilhalten des Strebertums, alle Narrheiten und alle Tugenden des Menschengeschlechts hatten der alten Frau ein Spiegelbild lassen müssen, und sie mischte die Bilder in ihrem Kaleidoskop und hielt es dem stumm Aufhorchenden hin und sagte: »In all dem suchte die Menschheit das Glück. Schauen Sie nach, ob Sie es sehen.«

Und Hans sah es nicht.

»Ich sehe es in ganz etwas anderem,« sagte er mit seiner warmen Knabenstimme.

»Das taten die anderen von Haus aus auch. Aber sie waren zu schwach, ihre Meinung vor den Leuten festzuhalten. Links und rechts lockte es, akkurat wie das Glück. Und obenein schien es bequemer oder ruhmreicher, oder vornehmer und eleganter; und sie brachen von der Bahn aus und nahmen Richtwege. Da fanden sie die Bequemlichkeit, den Ruhm, die Vornehmheit, die Eleganz. Und das Glück, das dumme, kindische, einfältige, und doch über alles, alles, alles triumphierende Menschenglück? Ich bin siebzig Jahre. Fragen Sie Leute, die so alt sind wie ich, was sie an Orden und Ämtern bieten für das, was sie — als sie jung waren — auf der geraden Bahn liegen sahen. Damals, als sie sich ihrer Jugendmeinung, ihres Impulses schämten. Wissen Sie auch, was das ist: sich schämen? Scham ist Feigheit.«

Über das Wort hatte er lange nachgegrübelt. Er empfand sehr wohl, daß es nur bedingungsweise gebraucht worden war und auch nur bedingungsweise seine Anwendung finden konnte. Aber gerade deshalb wurde es ihm zum Sporn, den Motiven nachzuspüren und sich zu prüfen, wenn er drauf und dran war, sich einer Sache, eines Menschen wegen zu schämen. Bevor er dem Gefühl der Scham Gewalt über sich ließ, sezierte er mit Gedankenschnelle die treibenden Gründe. Waren sie ideeller Natur, gaben sie ihm ein Recht, mit sich oder anderen unzufrieden zu sein, so schämte er sich für sich und die anderen mehr denn früher. Ging ein egoistischer Zug hindurch, vor allem der, der zur grundlosen Überhebung und jener eigensüchtigen Art der Verleugnung drängt, aus der Petrus nach des verlästerten Nazareners Gefangennahme die Worte sprach: »Ich kenne den Menschen nicht,« so versuchte er mit Gewalt Herr über sich selbst zu werden und murmelte es nach wie eine Beschwörung: »Scham ist Feigheit.«

An einem Dezemberabend war es, als Hans der Gedanke kam, mit Hannes gemeinsam das Springesche Atelier aufzusuchen. Es sollte ein Überfall in aller Form sein. Er wollte, daß Springe das Mädchen sehen, daß er im stande sein sollte, sich ein Urteil zu bilden. Nie hatte er mit dem älteren Freunde über seine Neigung mehr gesprochen, als in losgelösten Andeutungen, nie einen Namen genannt. Nun aber trieb ihn der jugendliche Renommierstolz, ein Zipfelchen des Schleiers, den er über den selbstentdeckten Schatz gebreitet hatte, geheimnisvoll zu lüften. Er kam sich mit seinen neunzehn Jahren unendlich kavaliermäßig vor, als er, das sechzehnjährige Mädchen am Arm, die Treppe des Hauses in der Immermannstraße hinaufstieg und die Klingel zur Springeschen Wohnung zog.

Der alte Herr öffnete wie gewöhnlich. Er blinzelte überrascht, als er das Pärchen erblickte.

»Parbleu,« sagte er und machte eine Verbeugung wie aus einem graziösen, altmodischen Menuett. »Die verdammten Kalendermacher! Machen die Kerle einem weiß, Dezember sei; und vor der Tür steht der Frühling! Treten Sie ein, meine schöne, kleine Gnädige.«

Das junge Mädchen, im molligen, schwarzen Krimmerjackett, die Pelzmütze auf dem Kopf, trat errötend näher. Die chevalereske Begrüßung hatte ihr sensitives Schönheitsgefühl erregt und sofort die Brücken geschlagen zwischen ihr und dem jovialen alten Herrn. Als er ihr die Hand zum Gruße reichte, machte sie ihm unwillkürlich einen so tiefen, ehrerbietigen Knicks, wie er ihr vorher wohl nie in ihr kapriziöses Köpfchen gekommen war, und als er, erfreut, ihre derb behandschuhten Händchen hob, um ihr wie einer Dame den Zoll des Handkusses zu entrichten, kam sie ihm zuvor und berührte mit ihren warmen, jungen Lippen seine schönen, weißen Aristokratenhände.

Mit einem Griff nahm er das feine Kind um die Taille.

»Sommervögelchen,« sagte er mit lächelndem Drohen, während sie schelmisch seinem Blick stand hielt, »das bitt’ ich mir aber aus. Sparen Sie sich das Küssen, bis es für den Mund reicht. Gelt? Das ist abgemacht.«

Dann ließ er sie mit einer Verbeugung los und nahm die Hacken zusammen.

»Gestatten Sie, meine allergnädigste Kleine: von Springe. Übrigens der Ältere. Aber nur dem Geburtsschein nach.«

Da trat Hans vor und übernahm schnell die Vorstellung seiner Freundin.

»Fräulein Johanna Stahl. — Verzeihen Sie, Herr von Springe, daß ich Sie am Abend noch mit einem Besuch überfalle. Aber ich hatte Fräulein Stahl so viel von dem Atelier des Herrn Heinrich erzählt — und — und — am Tage habe ich wegen der Vorbereitung zum Examen so wenig Zeit — daß — daß — —«

»Wie denn nur? Die Freude ist auf unserer Seite. Burg Springe ist entzückt. Mein liebes Fräulein, lassen Sie sich von dem korrekten jungen Mann da nicht ihre köstliche Natur verderben. Erstens mal ist es erst sechs Uhr, und daß im Winter die Sonne früher untergeht als im Sommer, ist ihr eigenes Pech. Und zweitens bitte ich überhaupt, Burg Springe als Ihr Eigentum zu betrachten. So eine Lehnsherrin habe ich mir schon lange gewünscht. Meinen Respekt, schöne Gönnerin.«

»Donnerwetter noch mal!« entfuhr es ihm, als er sie an sich vorbeischreiten ließ und sie ihn mit ihren großen Augen kinderfroh anlachte. »Bitte, hier einzutreten. Verzeihen Sie eine kurze Weile, ich werde sofort Licht machen. Die jüngere Generation von Springe verrichtet im Nebenzimmer gerade ihr Abendgebet. Pardon also für wenige Minuten. Religiöse Handlungen soll man nicht stören.«

Er ging, um einen Kerzenfaden herbeizuholen, mit dem er die Lichter anzünden wollte.

Aus dem Nebenzimmer drangen die Klänge eines meisterhaft gespielten Flügels. Sie suchten sich mit sehnsuchtsvoller Friedlosigkeit, in durstiger Leidenschaft und tauchten unter in plötzlicher, zärtlicher Erinnerung genossener Träume, um dann ihre Stimme aufs neue zu erheben und von der großen Liebe zu sagen, die da gleich ist in der Nähe und in der Ferne, im Leben und im Sterben. Und die horchenden jungen Menschenkinder erschauerten vor der ungeahnten Menschenherrlichkeit. Sie waren blaß geworden, blaß in der Erkenntnis der Größe der Liebe, und ihre Hände kamen sich scheu entgegen, und als sie sich hielten, verkrampften sie sich. Der Mann am Flügel spielte Tristan und Isoldens Liebestod.

Und in der Dunkelheit des Zimmers, in dem sie warteten, von demselben Gedanken getrieben, hoben sie beide gleichzeitig die Arme und umschlangen sich und preßten in Angst und Wonne Mund auf Mund, wie sie noch nie einen Kuß geküßt.

Ebenso hastig ließen sie voneinander ab. Die Musik rauschte auf.

»Das ist wie ein Brautbesuch,« flüsterte Hans stockend.

»Wie ein Brautbesuch,« wiederholte das Mädchen und suchte den schweren Atem zu bändigen.

Herr Friedrich Leopold von Springe kam mit dem brennenden Kerzenfaden und zündete die großen Atelierlampen an. Auch die Kerzen in den Bronzeleuchtern mußten heute daran glauben.

»Ein bißchen festlichen Glanz muß Burg Springe doch hergeben,« meinte er schmunzelnd. »Ein Turnier kann ich in der Kürze der Zeit leider nicht abhalten lassen. Hoffentlich haben Sie sich vorhin im Dunklen nicht allzusehr gefürchtet.«

Der alte Herr schob die augenfällige Ergriffenheit der Kinder auf die aufwühlende Tristanmusik.

»So,« sagte er lakonisch, als drinnen der Deckel des Flügels klappte, »er hat ausgerungen.«

In der Tür stand Heinrich Springe. Er konnte sich in dem Lichtmeer nicht gleich zurechtfinden und beschattete einen Augenblick lang die Augen mit der Hand. Dann warf er den Kopf zurück, sah fest auf das Bild vor sich und ging mit ausgestreckten Händen auf seinen Besuch zu.

»Meine Freundin, Fräulein Johanna Stahl, würde sich so sehr freuen, wenn sie Ihr Atelier sehen dürfte ...«

»Herzlich willkommen. Das ist ja beinahe wie eine Weihnachtsbescherung. Gelt, Papa?«

»Wahrhaftig, mein Sohn, ich werde unsere Tanne um drei Tage zu früh anzünden. Man soll die Tage nicht nach dem Datum, sondern nach dem Inhalt feiern.«

Und der alte Herr verschwand händereibend im Nebenzimmer, in dem der Flügel stand.

Heinrich Springe hielt die Hände des jungen Mädchens. Wie entzückend die Kleine war, wie biegsam und weich, und doch wie stark und selbstsicher an der Seite ihres jungen Freundes! Es ging ein Duft von ihr aus, so frisch wie von einer Waldblume. Glückliche Jugend, dachte er, wer die Zukunft so sähe wie ihr!

»Darf ich Ihnen aus dem Jackett heraushelfen?« fragte er. »Es wird Ihnen zu warm werden, und ein Stündchen müssen Sie nun schon bei uns alten Junggesellen aushalten. Ergeben Sie sich nur gleich auf Gnade und Ungnade.«

»Ja, ja, mein Sohn,« fuhr er fort und schob Hans scherzend beiseite, »das hättest du wissen sollen, als du dich in dies Nest wagtest. Die alten Springes von ehedem waren arge Raubritter und Schnapphähne, und die jungen kitzelt zuweilen auch noch das Blut. Jetzt erfind nur schnell ein Lösegeld. Das Fräulein aber zahlt für sich.«

»Und wenn ich mich sträube?« lachte das Mädchen und reckte sich in ihrem blauen mit weißen Litzen besetzten Tuchkleidchen nachdrücklich auf.

»So stehle ich Ihnen Ihr Konterfei und laß es zu Weihnachten an böse Kinder verteilen mit der Unterschrift: ›Die unartige Johanna‹.«

»Da muß ich mir doch erst Ihre Malkunst ansehen,« meinte sie würdevoll, »damit ich mir klar werde, was vorzuziehen ist.«

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Arm reiche, meine Gnädigste?«

»Sie sind sehr aufmerksam.«

Hans war sprachlos. War das sein wilder, scheuer Hannes aus der Zweizimmerwohnung der Pempelforterstraße? War das dasselbe Mädchen, das noch vor wenigen Monaten nichts vom gesellschaftlichen Ton gewußt und sich feindselig gegen alles, was aus den ihr fremden Kreisen kam, gesträubt hatte? Wer hatte das in sie hineingelegt? Der gute Junge ahnte ja nicht, daß er es selber gewesen war. Er wußte ja so gar nichts von der geheimnisvollen Kraft der Frauennatur, die, wo sie liebt, spielend bewältigt, wozu sonst Jahre der Erziehung oft nicht ausreichen wollen. Hannes aber war nur von einem Gedanken beherrscht: ihrem Freunde keine Unehre zu machen, tapfer die erste gesellschaftliche Probe zu bestehen, zu zeigen, daß sie es wert war, aus der dunklen Ecke herausgeholt zu werden, und daß sie das Licht jetzt nicht mehr scheute. Es wurden Kräfte in ihr frei, vor denen sie sonst gezagt hätte, aber ein urplötzlich erwachter starker Wille spornte sie an, sich ihrer zu bedienen, damit der Freund jede ängstliche Besorgnis verliere, sich ihrer an anderer Stelle einmal schämen zu müssen, damit sich sein Vertrauen wie sein Stolz aus seinen kleinen, namenlosen Schatz stärke.

Sie lächelte ihm zu, als sie an des Malers Arm von Staffelei zu Staffelei wanderte. Halb Kinderlächeln war es, und halb süße, frauliche Überlegenheit.

Heinrich von Springe war nicht weniger überrascht als Hans Steinherr. Er hatte nach den wenigen Andeutungen seines jungen Freundes geglaubt, es handle sich um eine der unausbleiblichen Kinderliebeleien mit einem der kleinen, nicht gar zu prüden rheinischen Mädel. Und nun fand er ein Geschöpf, das zwar die ganze Rasse und die ganze Anmut der Rheinlandstöchter in sich verkörperte, dem aber eine Tiefe innewohnte, vor deren ernstem Grundspiegel er fast erschrak. Mit seinem geschärften Künstlerauge sah er in diesem Spiegel, welche Flut von Gefühlen die Tiefe bewegte, wie sich diese Mädchenseele ängstete und wie sie sich trotzig mühte, wie sie selig erzitterte und wie sie tapfer kämpfte. Und er sah, wie auf dem Grunde sich schon die Wandlung vom Kinde zum Weibe vollzogen hatte und ein grenzenloses Vertrauen rührend klar bis zur Oberfläche stieg. Jede Antwort, die sie ihm gab, jede freie Äußerung, die von einem feinen weiblichen Empfinden für Kunst und Schönheit Zeugnis ablegte, bestärkte seine schnelle Zuneigung zu dem seltsamen Mädchen, dessen zierliche Schönheit sein Entzücken herausforderte und dessen ungehobener innerlicher Reichtum sein Mitgefühl entzündete. Würde Hans Steinherr der Mann sein oder doch der Mann werden, den Schatz zu heben, ohne die Form zu zerstören? Die Form zu erkennen, ohne den Schatz verkümmern zu lassen? Was wußte der junge, unerfahrene Mensch von dem Wert des Geschenkes, das er wie ein blindtappendes Sonntagskind am Wege gefunden hatte! Noch hatte er keinerlei ernste Probe im Leben zu bestehen gehabt.

Heinrich von Springe streifte den jungen Mann zum ersten Male mit einem sorgenvolleren Blick.

»Kinder,« sagte er dann, »wie schön, daß ihr gekommen seid!«

»Sie sind also nicht böse?« schmeichelte Hans. »Eigentlich gehörte es sich ja nicht, Sie zu überfallen.«

»Mein Fräulein,« wandte sich der Maler an die Kleine, die, ganz Kind wieder, bei Hans’ Worten beschämt die Augen gesenkt hatte, »gewöhnen Sie diesem jungen Herrn doch die Salonsprache ab, wenn er sich unter Freunden befindet. Von Ihnen nehme ich als ganz gewiß an, daß Sie sich ebenso freuen wie ich. Stimmt’s?«

»Ja,« sagte sie ehrlich, und es wurde ihr so frei zu Sinn, daß sie klar und ruhig die Augen zu ihm erhob.

»Sie müssen mich nicht schelten, Herr Heinrich,« bettelte Hans. »Ich konnte doch nicht wissen, wie Sie meine Eigenmächtigkeit aufnehmen würden.«

»Auch nicht fühlen?« meinte der Maler und strich ihm über das Haar. »Bin ich dein Freund, he? Und bin ich ein blutwarmer Mensch oder ein verknöchertes Monstrum, das sich selbst zum Sterben mit Albertis Anstandsbuch in den Händen niederlegt? Kleiner Dummkopf du!«

»Ha,« entfuhr es Hannes, »das war famos!«

»Freut mich, mein Fräulein, daß ich mich zum Dolmetscher Ihrer Empfindungen machen durfte.«

Er ergriff mit übertriebenem Zeremoniell ihre Hand und führte sie an die Lippen, und Hans, glückselig, ergriff ihre andere Hand und führte sie ebenso an die Lippen, und das Mädchen stand zwischen ihnen, errötend und doch ihrer Freude nicht Herr; wie ein Weihnachtsengel, der seine Flügel ausspannt.

»Was ist denn das?« fragte Heinrich Springe und hob den Kopf.

Alle drei horchten sie auf. Aber ihre Stellung behielten sie inne.

Drinnen im Nebenzimmer suchte jemand auf dem Flügel eine Melodie. Jetzt hatte er sie, wenn auch etwas klapperig, weil er sie nur mit einem Finger zu spielen verstand.

»Ihr Kinderlein, kommet, O kommet doch all — — —«

Die Musik wurde von einer brüchigen, aber sehr gefühlvollen Stimme begleitet.

»Die Kinderlein sind wir,« flüsterte der Maler. »Weiß Gott, Herr Friedrich Leopold hat Ernst gemacht und das Geburtstagsfest des Herrn Jesus um drei Tage vordatiert!«

»Ihr Kinderlein, kommet!« mahnte die Singstimme des alten Herrn dringend von neuem, denn seine musikalischen Kenntnisse waren mit den beiden Verszeilen erschöpft.

»Also kommen wir,« entschied der Maler. »Man kann Weihnachten nie ausgiebig genug feiern.«

Noch immer hielten sie das Mädchen links und rechts bei den Händen, und so führten sie es hinein, just, als würde das stimmungsvolle Kindheitsfest nur für das fremde Mädchen gefeiert.

Auf dem Tisch strahlte eine kaum drei Schuh hohe, sattgrüne Tanne in buntem Kerzengeflimmer. Eine Schale, hochaufgetürmt mit Früchten aller Art, war neben einer bauchigen Champagnerflasche und langgestielten Kelchen aufgebaut. Durch das Zimmer zog der harzige Duft des Waldes.

Herr Friedrich Leopold saß am Flügel. Er hatte nun schon dreimal seinen Vers gesungen, und als er jetzt den reizenden Weihnachtsengel hereinschweben sah, überkam ihn eine andere poetische Erinnerung aus der Kinderzeit. Da der Finger auf den Tasten streikte, so klatschte er kurz entschlossen den musikalischen Rhythmus mit den Händen und sang dazu begeistert und aus Leibeskräften:

»Christkindchen, komm in unser Haus, Pack die große Tasche aus — —«

»Donnerwetter,« unterbrach er sich bestürzt und sprang eilig auf die Beine. »Das war natürlich nur ein Versehen, meine Allergnädigste, ein bloßes Vergreifen in meinem Liederschatz. Sie werden mir im Ernst nicht die bodenlose Unhöflichkeit zutrauen, von meinem lieben Gast das Mitbringen und Auspacken einer großen Tasche zu ergieren. Was singen wir nun?«

Heinrich Springe setzte sich auf den Klavierstuhl, sann einen Augenblick nach, und bald begann der Flügel unter seinen Händen zu jauchzen und zu jubeln. Der Maler sah Hannes an, die neben ihm stand. »Kennen Sie das?« fragte er, ohne sich im Spiel zu unterbrechen.

»Aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius.«

»Ah — — das überrascht mich. — — Die Lieder sind nicht sehr bekannt.«

»Die Musiklehrerin, von der Schule her, hat sie mich gelehrt. Ich durfte zuweilen zu ihr kommen.«

»Bitte, singen Sie,« und er begann von neuem.

Ihr Blick fuhr blitzschnell von einem zum anderen; hilfesuchend, verwirrt. Ihr Herz begann in rasendem Tempo zu schlagen. Der Maler wartete, die Hände auf den Tasten; der alte Herr und Hans standen gespannt neben der Tanne. Da hob sie sich in den Schultern und trat, die Stirn zusammengezogen, dicht an das Instrument heran.

»Wie schön geschmückt der festliche Raum. Die Lichter funkeln am Weihnachtsbaum. O fröhliche Zeit! O seliger Traum!«

Der Maler wandte während des Spiels den Kopf und nickte ihr zu: »Bravo!« Das half ihr über die Angst. Und sie sang so frisch und unbekümmert das Lied zu Ende, als wüßte sie von keinem Zuhörer.

Heinrich Springe reichte ihr die Hand.

»Sie haben ein schönes Organ,« sagte er, »und was mehr ist, Sie haben Seele. Wir müssen mehr miteinander musizieren. Topp, schlagen Sie ein!«

»Sie spielen wundervoll,« stammelte sie und suchte mit den Augen den Geliebten.

Den aber hatte Herr Friedrich Leopold bei den Rockaufschlägen genommen, ihn wach zu rütteln.

»Sie sind an der Reihe, mein Sohn! Es geht ein Rundgesang an unserem Tisch herumvidiwum!«

»Ich lebe seit Jahren im Stimmbruch, Herr von Springe.«

»Sie brauchen auch gar nicht zu singen; lassen Sie Ihre Muse singen; die ist doch so Gott will über den Stimmbruch erhaben. Sie Drückeberger sind der einzige, der heute abend nichts geleistet hat.«

»Ich habe Ihnen Fräulein Stahl gebracht,« sagte Hans mit einer Verbeugung.

»Wahrhaftig,« beeilte sich der alte Herr und erwiderte die Verbeugung tief. »Ich werde beim Papst darum einkommen, daß man Sie für diese Tat heilig spricht.«

Darauf ließ er mit einem Knall den Sektpfropfen an die Decke springen.

»Noch nicht, Vater,« bat der Maler. »Horcht! Das paßt in die Stimmung.«

Vom nahen Klösterchen in der Oststraße klangen die Glocken zu einer weihnachtlichen Messe.

»Hast du wirklich kein neues Gedicht verfaßt, Hans?« fragte der Maler. »Wir bilden doch eine Familie.«

»Hans dichtet?« rief Hannes überrascht. »Ach — ich meinte — Herrn Steinherr.«

»Herrn Steinherr?« versetzte der alte Herr trocken. »Hier gibt es nur einen Hans; und der dichtet in der Tat.«

»Ein Weihnachtsliedchen,« sagte Hans mit leiser Stimme, und es trat feierliche Stille ein.

»Komm, komm — — — — —! Die Weihnachtsglocken läuten. — — Du sollst das Lied mir deuten, Ganz leis, ganz fromm. Dort auf dem Tannenmoos, Von Zweigen überhangen, Laß, Liebste, dich umfangen Auf meinem Schoß. Still, still — — —! Was können Worte sagen? Ich spür’s an seinem Schlagen: Dein Herz, es will — Will aus dem Glockenklang Mir eine Mär’ verkünden, Die ich nicht konnt’ ergründen Ein Leben lang. Du! Du! — — — O, laß mich weiter hören! Mit keinem Hauche stören Will ich die Ruh’. Weich nicht verwirrt zurück — Ein Lachen und ein Singen Will dich und mich bezwingen Von innrem Glück. Bald, bald — — —! Und wieder brennen Kerzen, Und Glockenruf im Herzen Uns widerhallt. Was heiß in uns gegärt, Die Wünsche, die wir spannen Zu Weihnacht unter Tannen — Gewährt, gewährt! Dann, dann — — — — —! O jetzt noch schweigen müssen! Sprich’s aus in tausend Küssen, Was ich gewann. — — Horch, in den Lüften blieb Der Weihnachtsglocken Klingen, Und unsre Seelen singen: Ich hab’ dich lieb. — — —«

Er blieb unter der Tanne stehen und blickte, weltvergessen, sein Mädchen an, dem die Kniee zitterten. Sie hätte sich ihm an den Hals geworfen, trotz des fremden Ortes, trotz der fremden Menschen, wenn sie vermocht hätte, sich von der Stelle zu rühren. Ihr ganzes Wesen war in Aufruhr.

Heinrich Springe schenkte die Gläser voll und wortlos reichte er sie herum. Dann trat er auf Hans zu und legte ihm den Arm um die Schulter.

»Das soll das Wort sein, das diesem Tag die Weihe gibt: ›Ich hab’ dich lieb.‹ Komm, nenne mich du.« —

Noch ein halbes Stündchen blieben sie beisammen. Dann ging der Maler an den Flügel.

»Noch ein Abschiedslied,« sagte er und intonierte die Melodie. »Kennen Sie es wiederum, Fräulein Johanna?«

»Aus den Brautliedern von Cornelius,« erwiderte sie leise und setzte ein.

»Nun, Liebster, geh und scheide — — — Morgen ist auch noch ein Tag. — Morgen, morgen, morgen ...«

Und das »morgen« klang liebeschwer, sehnsuchtsvoll und wunderbar trostreich. — —

»Mein Dichter,« flüsterte sie erregt, als sie durch den Winterabend heimschritten, »du wirst so groß, so berühmt werden ...«

»Ich habe ja alles von dir!« rief er leidenschaftlich und preßte ihren Arm. »Ich dürfte dich nie verlieren.«

Da stieg ein seltsam neues Gefühl in ihrer jungen Brust auf. Das zärtliche Muttergefühl des Weibes für den Geliebten. —

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Achtes Kapitel

Die Abiturienten des Düsseldorfer Gymnasiums standen im Examen, während sich die Stadt zum Empfang des Prinzen Karneval rüstete.

Hans Steinherr stürmte aus dem Schultore heraus auf die Alleestraße. Ohne sich zu besinnen, eilte er quer über die Straße nach der Droschkenhaltestelle am Alleeplätzchen.

»Grafenbergerchaussee,« rief er dem Kutscher zu. »So schnell Sie können.«

Er rasselte am Gymnasium vorüber und warf einen triumphierenden Blick auf den nüchternen, grauen Kasten. Dann lehnte er sich wie ein Grandseigneur in die Polster zurück und musterte stolz die Passanten der Schadowstraße. Der Wagen fuhr dicht am Trottoir vorbei.

»Halt!« rief Hans plötzlich und war mit einem Sprunge aus der Droschke heraus. Er hatte Hannes gesehen.

»Bestanden!« jubelte er ihr zu. »Vom Mündlichen dispensiert! Als einziger!«

Sie konnte nicht sprechen. Sie faßte scheu nach seiner Hand und umklammerte sie. Das Gefühl seiner Bedeutung wuchs bei ihr ins Abenteuerliche.

»Nun? Keinen Glückwunsch?« lachte er obenhin. Seine Gedanken waren noch bei der Zensurenverkündigung.

»Doch, doch,« stammelte das Mädchen und hielt noch immer die Hand umklammert.

»Ich habe Eile,« belehrte er sie. »Meine Eltern warten. Wenn ich eben kann, bin ich heute abend bei euch.«

Sie sah ihm nach, wie er mit einer wichtigen Miene, die sie nie an ihm gekannt hatte, im Wagen davonrollte. Als sie weiter ging, traf sie auf Willibald Hüsgen.

»He, Hannes, weißt du schon? Der Kerl, der Steinherr, hat mal wieder Dusel entwickelt. Ach so« — unterbrach er sich mit einem hämischen Ton — »seitdem wir so feinen Umgang haben, wollen wir wohl Fräulein und Sie genannt werden. O, excusez! Soll prompt geschehen.«

»Wie steht es mit Ihrem Examen?« fragte Hannes freundlich.

»Gott, der Blödsinn! Wird gemacht. Das ist doch sonnenklar. Alles auf natürlichem Wege, ohne gegenseitige Aufregung. Der Streber, der Steinherr, nee, wie sich der Mensch hatte! Wie ’ne Petroleumlampe mit Explosionsgefahr. Ich hab’ Tag für Tag nicht einen Schoppen weniger getrunken. Weshalb auch? Als das Schriftliche vorüber war, hört’ ich den Direx zum Schulrat sagen: ›Er will nur Maler werden.‹ — So’n Esel! Als ob man im Vollbesitz der griechischen Grammatik auch nur ’nen ollen griechischen Gipskopp zeichnen könnte!«

Sie nickte, ohne weiter hinzuhören, ihm zu und wollte an ihm vorüber.

»Hören Sie mal, Hannes, was ich noch sagen wollte.« Er vertrat ihr den Weg. »Nun werden Sie doch wieder vernünftig werden, wie? Die Fisimatenten mit dem Bengel, dem Steinherr, die sind doch nun ex? Der wird jetzt irgend ein feines Korpsstudentchen und fragt den Deubel nach Ihnen. Bei uns aber, im Gaudeamus, da wird’s jetzt fidel, wenn ich erst von der Penne los bin. Lassen Sie mich nur in acht Tagen statt des Abiturientenkittels die Sammetjacke anhaben. Ich glaub’, ich könnt’ Sie gut brauchen.«

Sie sah ihn eine Sekunde lang starr an, drehte ihm schweigend den Rücken zu und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Mit offenem Munde staunte ihr Hüsgen nach.

»Na wart, du!« knurrte er und schaute sich um, ob keiner sein Fiasko bemerkt hätte, »dir werd’ ich deinen dämlichen Hochmut anstreichen. Hat sich was mit deinem Getue. Alberne Gans!«

Und er wippte, den Gang des Mädchens nachahmend, hinter ihr her und verschwand in der väterlichen Wirtschaft.

Hans Steinherr war, zu Hause angelangt, sofort in das Eßzimmer gestürmt. Herr Philipp Steinherr befand sich bereits daheim. Er sah darauf, daß pünktlich um halb eins zu Mittag gespeist wurde. Grämlich saß er bei Tisch und las in einer englischen Zeitung.

»Nun?« begrüßte er den Sohn. »Du bist ja ausnahmsweise von einer unheimlichen Pünktlichkeit. Bitte, Margot, klingle, damit sofort serviert wird. Die Fabrik wartet auf mich.«

»Bestanden, Papa! Ich habe das Examen bestanden!«

»Das ist doch wohl selbstverständlich. Zu dem Zweck geht man nämlich auf die Schule.«

»Aber glänzend bestanden, Papa, summa cum laude, und vom Mündlichen dispensiert!«

»Sieh mal an, unser junger Mann!« Die steinernen Züge Philipp Steinherrs hellten sich ein wenig auf. »So ist’s recht. Ahm deinem Vater nach. Immer aufs Ganze, und dem kleinen Gelichter den Daumen aufs Auge, so nur kommt man hoch. Man soll die Steinherrs noch einmal adeln — wenn wir wollen.«

»Mama,« begann Hans aufs neue, »ich weiß nicht, ob du zugehört hast, ich bin Student!«

Frau Margot winkte ihn herbei und reichte ihm die Hand.

»Das ist ja schrecklich,« versuchte sie zu scherzen. »Ein so großer Sohn, ein erwachsener Student, das kompromittiert mich ja geradezu. Nimmst du denn gar keine Rücksicht auf deine junge Mama?«

»Margot,« unterbrach Philipp Steinherr verstimmt, »ich hatte doch schon vor geraumer Zeit gebeten, daß serviert würde. Vielleicht hast du jetzt die Güte, das Zeichen zu geben.«

Das Mahl wurde, wie immer, einsilbig verzehrt. Herr Philipp Steinherr hatte die kleinbürgerliche Sitte, die in den Stunden der Mahlzeit nicht eine freundliche Erholung, sondern nur eine notwendige hastige Stoffzufuhr sieht, aus jenen Tagen beibehalten, da er selbst noch zu den kleinen Leuten zählte. Sie saß wie ein Flicken auf einem Gesellschaftsrock, und Frau Margot sah mit kühler Überlegenheit darüber hinweg.

Hans war es von Kind an nicht anders gewöhnt. Und doch hatte er im stillen gehofft, daß heute, an seinem Ehrentage, die Tischregel durchbrochen werden würde. Er hatte das Herz so übervoll, und er empfand eine leise Enttäuschung, daß keiner es gewahren wollte, daß man ihn nicht zum Schwatzen und Lachen animierte, daß alles blieb wie an Werkeltagen.

Beim Dessert übergab der Diener dem Hausherrn einen Brief. Philipp Steinherr las ihn, sah scharf zu seinem Sohn hinüber und steckte das Papier in die Tasche. Dann schälte er seine Orange weiter, aß die Frucht bis auf die Kerne und erhob sich.

»Mahlzeit,« sagte er zu seiner Frau, und sie neigte leicht den Kopf.

Als er schon in der Tür stand, wandte er sich noch einmal um.

»Du kannst nachher mal auf mein Zimmer kommen, Hans. Ich möchte einiges mit dir besprechen.«

Wenige Minuten später stand Hans im Arbeitszimmer seines Vaters.

Philipp Steinherr saß, das Fenster im Rücken, in einem Lehnstuhl. Sein Gesicht war beschattet, aber die Augen durchforschten scharf den vor ihm Stehenden. Eine Weile blieb es still zwischen Vater und Sohn. Dann sagte der Großfabrikant und deutete lässig auf einen Stuhl: »Du kannst dich setzen.«

Hans nahm Platz. Er wartete respektvoll, was der Vater ihm zu sagen haben würde.

Noch einmal musterten die scharfen Augen den Sohn. Aber die Stimme klang ruhig und geschäftsmäßig.

»Du wirst also zu Ostern zur Universität abgehen. Selbstverständlich wählst du das Studium der Jurisprudenz. Ein Großindustrieller muß heute so gut Jurist sein, wie der Leiter einer großen Bank.«

»Papa,« warf der junge Mann kleinlaut ein, »Jurist —?«

»Ja, Jurist. An etwas anderes hattest du doch wohl nicht gedacht?«

»Doch, Papa; ich will dir die Wahrheit gestehen. Die Juristerei hat nie etwas Anziehendes für mich gehabt.«

»Du sollst sie auch nicht zum Vergnügen erlernen, sondern für das Geschäft.«

»Ach, Papa, fürs Geschäft bist du doch da. Mich brauchst du doch wahrhaftig nicht.«

»Und wenn ich nicht mehr da bin? Daran hast du wohl gar nicht gedacht?«

»Nein, Papa, daran will ich auch nicht denken.«

»Das macht deiner Pietät Ehre, nicht aber deinem praktischen Verstand. Laß dir sagen, mein Junge, daß man bei der wirtschaftlichen Stellung, die wir im Staate einnehmen, nicht mit Gefühlen rechnet, sondern mit der stahlharten Erkenntnis der Pflichten. Umso besser wirst du alsdann die Pietät pflegen können, wie ich sie verstehe.«

»Welche Pflichten meinst du, Papa? Wenn ich mich bestrebe, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden —«

»Nützliches Mitglied der Gesellschaft! Was sind das wieder für jugendtörichte Phrasen. Die Gesellschaft soll uns ein nützliches Mitglied werden. Verstehst du den kleinen Unterschied? Wir sind in erster Linie die Erhalter und Ernährer des Staates, wir, die größte Steuerkraft des Landes. Wir sind die Ernährer und damit auch die Bändiger der Arbeitermassen, wir, die Großindustrie. Wir halten das Zünglein an der Wage. Und dafür gebührt es sich, daß man uns Äquivalente zahlt. Freiwillig geschieht das nicht. Das ist ein beständiges Markten und Feilschen, und es kommt darauf an, wer die hellsten und härtesten Köpfe hat, den Profit zu erzwingen.«

»Den Profit? Ich denke, du sprichst von Idealen?«

»Ideale? Im Volksleben? Im Wirtschaftskampf? Ach, du armer Schwarmgeist, es ist Zeit, daß deine Kathederweisheit unter den Schmiedehammer kommt. Ideale! Das ist auch so ein Ding, das noch niemand je mit Augen gesehen hat, so wenig wie den lieben Gott. Ein jeder macht sich ein Bild davon, aber just immer ein Bild, wie es ihm in seinen Kram paßt. In diesem Sinne lass’ ich die Ideale gelten. Als gesunde Selbstsucht nämlich. Das stellt zwar deine Begriffe von der Sache auf den Kopf.«

»Wie kannst du nur so sprechen, Papa!«

»Ich spreche in vollem Ernst. Und weil ich mich bemühe, dich als einen nunmehr erwachsenen Menschen anzusehen, laß ich die Ammenmärchen, die für das Proletariat gut sind, beiseite und spreche zu dir als Mann zum Mann. Ich spreche zu meinem dereinstigen Nachfolger. Und ich wünsche, daß du mich gut verstehst; zu deinem Besten. Es handelt sich für uns nicht darum, das Gros der lieben Mitmenschen auf ein höheres Niveau zu heben, sondern es handelt sich darum, unablässig unsere Position zu erweitern und zu stärken. Die Wohlfahrtsapostel, auch die aus unseren Gesellschaftskreisen sind wirre Köpfe, überspannte Flagellanten, die sich selbst eine Geißel binden, um sich einen Erlösergeruch zu geben. Ach du lieber Gott, diese Art Erlösergedanke wird Wahrheit werden, wenn es — keine Menschen mehr geben wird. Solang es aber noch zwei Menschen gibt, wird der eine Hammer und der andere Amboß sein. Ich glaube, da fällt dir die Wahl nicht schwer.«

»Und das Edle im Menschen, Papa? Daran müssen wir doch auch glauben?«

»An das Edle? Warum denn nicht! Aber das bleibt doch ein ganz persönlicher Luxusgegenstand. Wohl dem, der sich alle Tage ein Pöstchen darin leisten kann, ohne in den realeren Dingen des Lebens in Konkurs zu geraten. Die realeren Dinge gehen nämlich vor, oder du wirst mit deinem schönsten Edelsinn von dem Volk da, dem du ihn widmen willst, zertrampelt. Füll den Leuten den Magen; das übrige laß ihre Sorge sein.«

»Papa, ich glaube nicht, daß ich mich zu dieser Anschauung durchringen kann.«

»Mein lieber Junge, so reden alle Kronprinzen. Wenn du erst die Macht in die Hände bekommst, wirst du nichts Eiligeres zu tun haben, als dich zum Regime deines Vorgängers zu bekennen. Dann liegt der Knüppel plötzlich beim Hunde. Das ist mehr als berechtigte Notwehr, das ist der Selbsterhaltungstrieb, der die Wurzeln eines jeden geordneten Staatswesens bildet.«

»Du magst gewiß recht haben, Papa, aber alles, was mit hoher Politik zusammenhängt, liegt mir so fern.«

»Ach was,« entgegnete Philipp Steinherr und bewegte ärgerlich die Hand. »Hohe Politik! Für uns ist das hohe Politik, was uns am nächsten steht. Und das ist bei allen anderen, wie sie sich auch nennen, haarscharf ebenso. Klammere dich um Gottes willen nicht an die großen Worte! Die Politik ist immer der Egoismus der einzelnen, die sich aus Interessengemeinschaft zu einer Vielheit zusammengetan haben. Merk dir das Wort ›Interesse‹. Es allein bewegt die Welt.«

Hans sah still und gedrückt vor sich nieder.

»Papa,« sagte er endlich und wagte ein kleines Lächeln, »du hast ja deine Interessen so gut wahrgenommen, daß du dir nun auch einmal einen Luxus gestatten könntest.«

»Und der wäre?«

»Laß deinen Sohn werden, was er möchte. Ich habe doch so gar keine Neigung zur Fabrik. Sieh, Papa,« fuhr er hastig fort, als er an seinem Gegenüber ein schnelles Auffahren bemerkte, »wir sind doch reich. Und der Zweck des Reichtums ist doch, daß er uns in den Stand setzt, unserem Leben unbehindert von materiellen Sorgen ein Ziel zu geben, uns darin auszuleben. Ich möchte es, Papa. Ich will ja arbeiten wie du, aber auf meine Weise. Es kommt doch nicht darauf an, nur Geld aufzuhäufen, viel, viel mehr, als man je gebrauchen kann. Auf die innere Befriedigung kommt es doch an.«

»Und wie hattest du dir das mit der Fabrik gedacht, wenn ich mal nicht mehr bin?« fragte Philipp Steinherr kalt. »Denn jetzt wirst du dir doch etwas gedacht haben?«

»Die Fabrik — —? O, die würde doch ein anderer übernehmen und sicher besser leiten als ich.«

»O, die würde!« spottete Philipp Steinherr ihm nach. »Das denkst du dir so ganz einfach. Da kommt einfach ein Wildfremder und setzt sich in das weiche Bett, das ich, Philipp Steinherr, mit Daransetzung eines ganzen Lebens, unter Hergabe aller Kräfte, unter tausend Sorgen und Mühen zurechtgemacht habe. Nein, mein Junge, so haben wir nun doch nicht gewettet. Die Werke da draußen, ich hab’ sie gegründet, ich hab’ sie aus dem Nichts geschaffen und jeden Skrupel zurückgedrängt, wenn es hieß: vorwärts! Ja, glaubst du denn, das hätt’ ich lediglich zum Pläsier meines Herrn Sohnes getan? Nur damit der junge Herr in der Lage wäre, sich seine Tage so amüsant wie möglich zu gestalten? An dich, mein Junge, habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich habe nur an den Namen Steinherr gedacht, den ich vom Aushängeschild einer Schmiede an die Tore eines der größten Werke angeschlagen habe. Und da soll er stehen bleiben, solange es einen Steinherr gibt. An dem Namen soll niemand mehr rütteln und jeder sich beim Lesen an mich erinnern! Das war mein Lebensideal, wenn du absolut von Idealen hören willst.«

Er hatte sich erhoben und pochte mit den Knöcheln kurz und hart auf den Schreibtisch.

Auch Hans war aufgestanden. Er war bleich und kämpfte mit sich selbst.

»Papa,« sagte er langsam, »du hast vorhin von gesunder Selbstsucht und berechtigtem Egoismus gesprochen. Ich möchte die Lehre auch für mich in Anspruch nehmen. Mich treibt alles zur Kunst. Ob mein Talent ausreichen wird, ausübender, selbstschaffender Künstler zu werden, kann ich heute nicht sagen. Aber laß mich den Versuch machen und laß mich gleichzeitig Kunstgeschichte studieren.«

Philipp Steinherr wandte sich ab. Er wollte den Sohn das überlegene Lächeln, das über seine Züge flog, nicht sehen lassen. Künstler! Kunstgeschichte! Er hatte Schlimmeres erwartet. Weshalb sollte sich ein Großindustrieller in seinen Mußestunden nicht mit der Kunst beschäftigen. Ein jeder ritt eben sein Steckenpferd. Und daß der Junge nicht an der Kunst hängen bliebe, dafür wollte er schon sorgen. Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung.

»Ich mache dir einen Vorschlag, Hans,« erwiderte er nach einigem Besinnen. »Du versprichst mir, regelrecht Jura zu studieren, bis zum Doktor. Das Staatsexamen schenke ich dir. Ich stelle dir dafür frei, auch kunstgeschichtliche Vorlesungen zu hören und dich, soweit es deine Zeit gestattet, auch selbst in den ›freien Künsten‹ zu üben. Du gehst zunächst nach Bonn. Ich wünsche, daß du in ein Korps eintrittst. Nach dem ersten Semester dienst du dein Jahr bei den Bonner Husaren ab. Später kannst du Heidelberg wählen und zum Schluß Berlin. Unterdes werden sich deine Meinungen oder deine Talente geklärt haben. Du siehst, ich komme dir entgegen, und nun sind wir, denke ich, all right!«

Er hielt ihm die Hand hin, und Hans, froh ein Zugeständnis erlangt zu haben, legte die seine hinein.

Philipp Steinherr lächelte geringschätzig. Weiches Wachs, der Junge. — —

Hans war schon in der Tür, als ihn der Vater zurückrief.

»Du, noch eins. Was kommen mir da für tugendhafte Dinge zu Ohren?« Er faßte ihn vorn an der Weste und schüttelte ihn mit gutgespielter Gemütlichkeit hin und her. »Ich darf doch wenigstens hoffen, du hast dich anständig betragen? Du Duckmäuser, du!«

»Hat man über mein Betragen geklagt, Papa?« fragte Hans verdutzt.

»Die, welche es angeht, wird sich hüten. Hat wohl auch keinen Grund dazu. Aber ich bitte mir aus, daß du ihr auch keinen Grund mehr gibst. Na ja, es ist ja gut. Ich will dir keinen Sermon halten. Wer hat nicht auch seine kleine Schülerliebelei gehabt? Aber nun ordne mir die Sache schnell und bündig, damit du mit klarem Kopf ins Studentenleben gehst!«

Er wollte ihn mit einem vertraulichen Klaps abschieben, aber Hans blieb stehen.

»Hast du mir noch etwas mitzuteilen, Hans? Dann bitte kurz. Ich habe mich bereits über Gebühr verspätet.«

»Ich habe dir nur mitzuteilen, Papa, daß du dich irrst.«

Schwer kamen die Worte heraus, aber sie waren nachdrücklich gesprochen. Philipp Steinherr horchte auf und maß den Sohn von oben bis unten.

»Wenn du vorhin auf die Verehrung anspieltest, die ich für Fräulein Johanna Stahl hege — und ich wüßte nicht, wen anderes du meinen solltest —«

»In der Tat. Fahre nur fort, du machst mich begierig.«

»Papa,« sagte Hans und trat auf ihn zu, um seine Hand zu ergreifen. Doch Steinherr übersah die Bewegung. »Papa, ich sehe ein, daß du Grund hast, böse zu sein. Verzeih mir. Ich hätte es dir selber sagen sollen. Und ich wollte es dir auch sagen, nur jetzt noch nicht, wo ich noch so gar nichts geleistet habe.«

»Sehr rücksichtsvoll, obwohl deine Streifzüge die Spatzen von den Dächern pfeifen. Trotzdem: ich will dir deine Dummheiten verzeihen. Ich sagte ja schon: in den Jahren begeht jeder seine Jugendeselei. Aber nun auch rechtzeitig Schluß gemacht. Jedenfalls wünsche ich von der sauberen Angelegenheit nichts mehr zu hören.«

Hans Steinherr sah seinen Vater entgeistert an.

»Du mußt mich nicht recht verstanden haben,« murmelte er, »oder — oder man hat dich falsch unterrichtet.«

»Bist du noch immer nicht zu Ende? Du stellst meine Geduld auf eine lange Probe.«

»Du hast davon begonnen, Papa; jetzt mußt du mich auch aussprechen lassen. Wünschest du, daß ich mich kurz fasse?«

»Ob ich es wünsche!«

Der Alte und der Junge standen sich dicht gegenüber. Keiner wich dem Blick des anderen aus. Und zum ersten Male las der Mann, der sich nie die Mühe gegeben hatte, in Menschenseelen zu lesen, in den Mienen seines Sohnes das Erbteil der niederrheinischen Heimat: die Hartköpfigkeit und das verhaltene brausende Temperament.

Hans sah nichts von den zusammengezogenen Falten auf der Stirn des Vaters. Vor seinen Augen stand das scheue, zierliche Geschöpf, das so rührend in seinem Armutsstolz gewesen war, sich ihm nicht aufzudrängen; das ihn geflohen und ihn schlecht behandelt hatte, um nicht zu erliegen, und, als er sie dennoch endlich von seiner treuen Wahrhaftigkeit überzeugt hatte, ihm stets mehr gegeben hatte als er ihr. Er sah ihre furchtsamen Augen voll schreckhafter Spannung auf sich gerichtet, ob er mutig sein, ob er sie nicht verleugnen würde, und er sagte laut: »Ich liebe Johanna von ganzem Herzen.«

»Das bezweifle ich keineswegs. Es fragt sich nur, wie lange du den Unsinn noch fortzusetzen gedenkst.«

»Vater!«

»Sag mir doch: wie alt bist du eigentlich?«

»Zwanzig Jahre geworden.«

»O! Ganz respektabel. Und die — die kleine Person?«

»Sechzehn.«

»Dacht’ ich’s mir doch. Sie soll sich ein Kinderfräulein nehmen und keinen Geliebten.«

»Vater!« brauste Hans auf. Er war nicht wiederzuerkennen. Jede Spur von Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, alles an ihm vibrierte, seine Nasenflügel bebten, die Augen waren weit aufgerissen.

»Was fällt dir ein, Junge? Mäßige dich auf der Stelle!«

»Mir fällt ein,« keuchte Hans, »dich zu bitten, daß du dich mäßigst. Du hast kein Recht, ein Mädchen zu beschimpfen, das reiner und selbstloser ist als wir alle. Wenn du sie kennen lernst, wirst du gewinnen, nicht sie.«

»Du wärst im stande und brächtest sie mir ins Haus.«

»O nein. Ich lasse sie nicht beleidigen. Aber in mein Haus hoffe ich sie dereinst zu bringen. Und wenn sie später erst meinen Namen trägt, wird sie schon geschützt sein.«

»Du hast wohl vergessen, daß du deinen Namen von mir hast. Darüber habe ich zu bestimmen. Und ich bestimme, daß, wenn ich es für an der Zeit halte, der Name nur in aufsteigender Linie vergeben wird. Vorläufig bist du mir noch zu kindisch, um dir meine Pläne auseinanderzusetzen.«

»Über meine Gefühle hast du nicht zu bestimmen. Wenn ich das zuließe, wär’ ich nicht wert, einer anständigen Frau in die Augen zu sehen.«

»Bist du toll geworden, Bursche? Ist deine Mutter vielleicht keine anständige Frau? Oder glaubst du, wir hätten uns nur unserer schönen Augen wegen genommen? Geh hin, schäm dich vor deiner Mutter, wenn du das bei deinem neuen Verkehr noch nicht verlernt hast.«

»Meine — Mutter — —?« wiederholte Hans betäubt. Wachte er? Hatte er wirklich richtig verstanden? Seine Mutter hätte — nicht aus tiefstem, innersten Gefühl heraus — — Ja, war denn das überhaupt möglich? Konnte man eine Ehe schließen eines Namens und nicht einer Liebe wegen —? Er sah sich wirr um. Er war doch in seinem elterlichen Hause? Wo blieb denn sein Verständnis? Wo blieben alle seine jugend-begeisterten Argumente? Nichts, nichts regte sich in ihm. Es war ein Rauhreif auf seine junge Seele gefallen und fröstelnd ließ sie die Flügel hängen.

Da schlich er scheu aus dem Zimmer. — —

»Wohin?« fragte er sich im Treppenhaus.

»Zur Mutter?«

»Nicht, nicht!« Er hatte Angst, eine unsägliche Angst, er könnte sie nicht mehr verstehen. Und sie würde ihn auslachen.

»Zu Frau Stahl? Zu Hannes?«

Er hatte dem Mädchen versprochen, zu kommen. Aber wie sollte er ihr unter die Augen treten? Er, mit seinem schlechten Gewissen, das vor einer Stunde noch gut gewesen war, und das man ihm schlecht gemacht hatte.

In seiner Kehle stieg es auf. Er weinte mit trockenen Augen. Alles war grau um ihn. Das würde sich nun nie mehr ändern. Nie mehr? Und der erste Schmerz der Jugendliebe ließ ihn sich aufbäumen, in einem titanenhaften Trotz, um ihn sogleich wieder niederzudrücken, ganz fest auf den platten Boden.

»Heinrich von Springe!«

Der Name fuhr ihm heraus. Springe mußte ihm beistehen, ihn wieder zu sich bringen. Der lachende Springe, der sich mit Tod und Teufel herumzuschlagen verstand und immer Sieger blieb. In seiner Erregung wuchs ihm der Freund zum Heiligen Georg. Der mußte es wissen. Der Springe, o ja! Der sah mit seinen ironischen Blicken allen Dingen auf den Grund und ließ sie nicht los, bis sie ihm Red’ und Antwort gestanden hatten. Aber auslachen — auslachen würde ihn Heinrich Springe nicht.

Er eilte, so rasch ihn seine Füße trugen, zur Immermannstraße. An der nächsten Ecke traf er die Straßenbahn, aber er lief lieber hinter ihr her, als sich mit Menschen zusammen in einen engen, kleinen Raum zu setzen. Die stupiden Gesichter hätten ihn krank gemacht.

Oben, an der Etagentür, zog er so heftig die Klingel, daß er selbst zusammenfuhr.

Er hörte es gleich am Schritt: es war der Maler, der öffnen kam. Der alte Herr machte seinen gewohnten Nachmittagspaziergang.

»Heinrich!« rief der verstörte junge Mensch und warf sich leidenschaftlich dem Freund an die Brust.

Der drückte schnell die Tür ins Schloß und zog ihn ins Zimmer.

»Gemach, gemach, mein großer Junge! Es wird schon zu reparieren gehen.«

»Du weißt ja noch gar nicht, was geschehen ist —«

»Ist das Examen nicht geglückt? Das wäre doch wunderbar.«

»Das Examen? Ich hab’ es als Bester bestanden. Aber dann kam’s, heute mittag; erst des Studiums wegen, und als das endlich geregelt war, Johannas wegen. Man hat meinem Vater alles entstellt hinterbracht. Und auf Erläuterungen ließ er sich gar nicht ein. Er hat sie verächtlich abgetan, sie beschimpft und —«

»Erzähle der Reihe nach,« sagte der Maler und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Der Aufgeregte ist immer im Nachteil. Beim ersten Kanonenschuß läuft man nicht von dannen.«

Hans bezwang sich. Der starke Wille des Freundes übte auf ihn seine Wirkung. Er ließ sich auf einen Stuhl niederdrücken und begann mechanisch herzusagen, was sich bei Tisch und nachher im Arbeitszimmer des Vaters zugetragen hatte. So monoton er sprach, er vergaß nicht das Nebensächlichste. Und ebenso berichtete er den Abschluß der Unterhaltung und die andeutenden Worte über seine Mutter.

Heinrich von Springe hatte, den Kopf in die Hand gestützt, zugehört. Die müde Beichte des Jungen war längst zu Ende, und immer noch saß der Maler in sich versunken im Stuhl. Da berührte eine zitternde Hand sein Knie.

»Ja, ja. Gewiß. Ich habe verstanden.«

Er erhob sich, öffnete die Tür zur Veranda, daß ein kalter Luftstrom über seine Stirn fuhr, schloß die Tür wieder und kam zurück.

»Also helfen soll ich dir. Deshalb bist du doch gekommen. Einen Freundschaftsdienst verlangst du.«

»Du wirst nicht können und auch nicht mögen.«

»Nicht mögen? Man mag vieles nicht und schluckt’s doch herunter, wenn’s dienlich ist. So ein rechter Magen kann eine Menge vertragen — Und was das Können oder Nichtkönnen betrifft — darüber kann man als Mann erst urteilen, wenn man nach mißlungenem Experiment auf der Nase liegt. Bis dahin aber hat man schlankweg Courage zu haben.«

Er ging ins Nebenzimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Hans folgte ihm wie ein Schatten.

»Was willst du tun?«

»Zunächst deiner Frau Mama meine Aufwartung machen. In Herzensangelegenheiten ist immer die Mutter die zuständige Instanz. Du bleibst ruhig hier. So, hier hast du ein Glas Wein; das trink mal aus, um die Lebensgeister aus den Winkeln zu locken. Wenn du müde wirst, leg dich auf das Sofa. Und damit: Gott befohlen.« —

Heinrich Springe schritt, die Hände in den Taschen seines Paletots vergraben, durch den unfreundlichen Februartag. Er ging mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinandergepreßten Lippen. Und als wollte er sich ungerufener Bilder erwehren, beschleunigte er plötzlich seinen Schritt. Als er in die Grafenbergerchaussee einbog, schlug es in der Stadt fünf Uhr. Er blieb stehen und schöpfte Atem. Vor ihm lag das Steinherrsche Haus.

»Weiß Gott, Mensch,« sagte er vor sich hin, »hast du gar selbst das Kanonenfieber?«

Er zog die Hausglocke und gab dem öffnenden Mädchen seine Karte. »Für die gnädige Frau.«

Wenige Minuten später, und er wurde in den Empfangssalon geführt. Er wartete.

»Meine gnädige Frau — —«

Sie war eingetreten, mit hastigem Schritt, und nun zögerte sie, mitten im Zimmer.

»Ich weiß nicht, ob ich noch den Vorzug habe —« fuhr er fort, um ihr über die Peinlichkeit der Minute hinwegzuhelfen.

»Haben Sie endlich den Weg zu mir zurückgefunden?« entgegnete sie zurückhaltend. »Es ist lange her, Herr von Springe. Sehr lange — —«

»So lange, gnädige Frau, daß Ihr kleiner Irrtum leicht verzeihlich ist. Nicht ich war’s, der vom Wege abgekommen war.«

»Kommen Sie nur, um mir das zu sagen? Der Heinrich Springe, den ich einmal kannte, war ritterlicher.«

»Ich bitte um Verzeihung,« murmelte Springe. »Ich habe nicht das Recht, die Beweggründe Ihres Lebens zu prüfen.«

»Aber Sie haben es getan. O ich weiß. Und ich kenne auch das Resultat. Sie kamen ja nicht wieder.«

»Es wird Ihnen nicht schwer geworden sein, darüber zu lächeln, gnädige Frau. Was war an mir gelegen?«

»Wir waren einmal glückliche Kameraden,« sagte sie, als besänne sie sich auf die Zeit. »Die Erinnerungen der Jugend laufen mit durch das ganze Leben und bestimmen den Wert aller späteren Eindrücke. Das ist bei mir nun einmal so. Möglich, daß ein Mann glücklicher darin ist.«

»Nein,« erwiderte Springe fest, »ein Mann ist nicht glücklicher darin. Auch er ist von dem Gewinn oder Verlust seiner Jugend abhängig. Und deshalb sehen Sie mich heute vor sich. Nicht meinetwegen. Mein Konto ist geschlossen. Aber einer anderen Jugend wegen, der ich Sie zu helfen bitte, daß ihr die paar Ideale des Lebens erhalten bleiben, die uns wie ein paar gute Gottesgroschen jede dürre Zeit erträglich machen. Wenn Sie selber die Eindrücke, die wir aus der Jugend mitnehmen, so hoch eintaxieren, wie Sie soeben sagten, so werden Sie mich nicht als einen unnützen Bittsteller wegschicken.«

»Sie stehen noch immer, Herr von Springe.«

»Ich danke Ihnen für die Antwort.«

Dann saßen sie sich stumm gegenüber und suchten unbewußt in ihren Zügen die Kinder von einst. — —

»Ich komme wegen Hans,« brach der Maler endlich das Schweigen. »Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß wir gute Freunde geworden sind.«

»Ich habe es geahnt,« erwiderte sie leise. »Er hat mir nichts anvertraut. Hier geht jeder seinen Weg.«

»Sie haben es geahnt und keinen Einspruch erhoben.«

»Ich wußte ihn in guten Händen.«

Er rückte zusammen und sah sie mit maßlosem Erstaunen an.

»Ja, ja; es ist so,« sagte sie mit einem Anflug von Lächeln. »Ich bin wohl doch nicht ganz so schlecht, wie Sie vermuteten.«

»Frau Margot — —« entfuhr es ihm unbedacht.

»Sie kennen also meinen Namen noch? Lieber Freund, nur der Name ist geblieben.«

»Gnädige Frau,« sagte er mit Aufbietung aller Willenskraft. »So geht es nicht weiter. Ich gedenke tiefernste Dinge mit Ihnen zu besprechen, und Sie gedenken mit mir zu kokettieren.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich kokettieren will,« rief sie beinahe heftig. »Ist denn in Ihren Augen alles Lüge, alles Verstellung an mir? Muß ich denn, wenn ich mich einmal freue, von Herzen freue wie ein junges Mädchen, immer gleich wieder geduckt und gedemütigt werden? Gut, gut, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen gegenüber den Ton gebrauche, den ich für die ganze indifferente Menschheit gebrauche — o bitte, befehlen Sie nur, Sie können ihn haben.«

»Frau Margot,« sagte er, beugte sich vor und faßte ihre Hände. »Meine liebe Frau Margot — —«

Ihre Aufwallung ging vorüber. Aus seinen Händen strömte es in sie über wie eine Beruhigung.

»Sind das Freundeshände?« lächelte sie. »Wie gut es doch mein Hans hat!«

»Sie kokettieren nicht, gnädige Frau?«

»Doch, doch, ich kokettiere. Daß Sie es nur endlich wissen! Und wenn ich noch länger mit Ihnen kokettiere, werde ich Ihnen noch eingestehen, daß ich Sie vermißt habe. Mehr können Sie von einer koketten Frau nicht verlangen.«

Springe hatte ihre Hände losgelassen und sich erhoben. Er sprach zu ihr. Und während er zu ihr sprach, blickte er über sie hinweg, in den winterlichen Garten, und sie konnte glauben, er spräche vielleicht nur zu sich selbst.

»Ich habe Sie geliebt, Frau Margot, dabei ist nichts Unrechtes, denn wir waren Kinder. Wenn wir im Hausflur oder in einer Zimmerecke spielten, waren Sie die kleine Prinzessin und ich Ihr Page. Darunter taten wir’s nicht, denn wir wurden beide daheim mit großen Ansprüchen an das Leben erzogen und — hatten keinen Pfennig. Als ich die ersten langen Hosen erhielt, nahm ich mir vor, mich zum Ritter schlagen zu lassen, um Sie zu gewinnen. Wir haben damals oft ernsthafte Beratungen darüber gepflogen. Ich glaube, es wurde sehr viel Gefühl dabei verbraucht. So viel, daß für die Praxis wenig übrig blieb. Ich diente mein Jahr bei den Neununddreißigern ab, und Sie feierten Ihren siebzehnten Geburtstag. Als ich gratulieren kam, konnte ich gleich doppelt gratulieren. Dem Geburtstagskind und der glücklichen Braut. Ihr Vater mußte zugreifen, und Sie folgten den Spuren der Erziehung. Das war im Winter des Jahres achtundsechzig. Ein paar Monate daraus waren Sie verheiratet. Hm, ja, ich hab’ das verstehen gelernt. Ich wollte Maler werden. Wollte erst! Und, wie mein alter Herr immer zu sagen pflegte: Er war Maler, und sie hatte auch nix. Da konnte ich mir das Exempel schon zusammenrechnen. Dann wollte ich mir wenigstens ein Surrogat schaffen, und ich nahm, da es mit dem siegreichen Rittertum nichts geworden war, die Pagendienste wieder auf. Das war ein stiller, seliger Dienst, der nichts anderes wollte, als für Ihr Glück wachen. Aber als ich nach dem Feldzug aus Frankreich heimkehrte, hatte sich die Zahl der Pagen vermehrt und die Königin bedurfte meiner nicht mehr. Ich durfte zurücktreten und hinfüro meinen Erinnerungen leben.«

»Nein, Heinrich,« rief Frau Margot erregt, »so war es nicht! Es war nicht meine Schuld. Sie gingen, weil mein Mann eine — eine — Geschäftspraxis gegen Sie und Ihren Vater geübt hatte, die Sie verletzen mußte. Wie können Sie mir die Verantwortung aufbürden! Ich verstand ja nichts von alledem und war schon so apathisch.«

»Ach, meine gnädige Frau, Sie glauben, des entgangenen Geldes wegen wäre ich fortgeblieben?«

»Weshalb — nur sonst?« entgegnete sie zögernd. Sein ironischer Ton hatte sie beschämt.

»Muß ich es Ihnen wirklich aussprechen? Muß ich Ihnen sagen, daß ich den Glauben an Sie verloren hatte, weil Sie nichts, aber auch gar nichts taten, um ihn mir zu erhalten? Den Glauben an die Jugend und ihre starken Bande? Kein Freundeswort von Ihnen kam, kein Versuch wurde gemacht, mich wissen zu lassen, daß die Dinge, wie sie lagen, nichts zwischen uns beiden ändern dürften. Ich war für Sie erledigt, wie mein Vater für Ihren Gatten. Sie waren die große Dame, und ich der armselige Bilderstümper.«

»Heinrich,« fragte sie ganz leise, »haben Sie — haben Sie lange darunter gelitten?«

Er gab keine Antwort.

»Wollen Sie mir nicht erwidern? Auch dann nicht, wenn ich — wenn ich Ihnen sage, daß ich — bis heute — darunter gelitten habe? Ich bin ja heute eine alte Frau. Achtunddreißig Jahre! Da darf ich schon ein Geständnis wagen. Ja, ich habe unrecht an Ihnen gehandelt und unrecht an der Jugend. Und zur Strafe hat mich die Freudigkeit der Jugend verlassen, seit — Sie mich verließen. Meine Erinnerungen wollen nicht fröhlich werden. Ist das nicht Buße genug? Keine Rückschau zu haben, aus der man die Fröhlichkeit zieht? — Nun habe ich Sie wohl zufrieden gestellt.«

Heinrich Springe beugte sich über ihre Hand. Er suchte nach Fassung.

»Sie sind ja noch so jung,« murmelte er. »Mit achtunddreißig Jahren steht man mitten im Leben.«

»O ja,« bestätigte sie bitter, »soweit die Lebewelt in Betracht kommt. Mitten drin! Das war doch die Ansicht. Aber die Gefühlswelt — ach, lieber Freund, klingt es in Ihren Ohren nicht lächerlich, mich von einer Gefühlswelt reden zu hören?«

»Ich bedauere Sie.« —

»Glauben Sie mir, was ich möchte? Noch einmal die Prinzessin im Hausflur und in den Zimmerecken sein. Mein Gefühlsleben haben wie einst. Ich wüßte dann, was Glück ist.«

»So suchen Sie es. Es ist nie zu spät.«

»Wollen Sie mir den Weg zurück zeigen?« fragte sie und sah ihn voll an.

»Ja, Margot,« sagte er, »ich will. Als ich Ihr Haus betrat, wußte ich nichts dergleichen. Ich kam wegen Ihres arg mitgenommenen Jungen. Helfen Sie ihm aus seinem Leid, und Sie helfen sich aus dem Ihren. Er liegt bei mir daheim und wartet auf mich, seinen Freund. Lassen Sie ihn wissen, daß er auch noch eine Freundin hat, die seine Schmerzen mit ihm versteht. Tragen Sie Sorge, daß ihm seine Jugend nicht verdorben, daß er nicht vor der Zeit alt und blasiert wird, und Sie werden die erste der fröhlichen Erinnerungen für sich gewonnen haben.«

»Mein Mann hat mir schon davon gesprochen,« erwiderte sie nachdenklich. »Das Mädchen soll keinen legitimen Vater haben, und die Großmutter eine Arbeiterfrau sein.«

»Das Mädchen ist rein, und überdies schön und klug und liebenswert. Für seine Geburt kann kein Mensch. Es hat allen Anspruch darauf, glücklich zu werden wie die Höchstgeborenen. Ich kenne die kleine Johanna und weiß, was sie Hans sein wird. Ich war mehrfach mit meinem Vater dort im Hause, denn mein biederer Alter macht der siebzigjährigen Großmutter die Cour, die eine Arbeitsfrau geworden ist, weil sie für die Erziehung ihres Enkelkindes arbeitet.«

»Ich werde hingehen,« sagte Frau Margot und richtete sich auf. »Nein, nein,« wehrte sie glücklich, als er ihr die Hände küßte, »es ist noch eine Bedingung dabei. Erstens: Hans wird Vertrauen zu mir haben und ruhig mit seinem Vater abreisen, der eine kurze Italienreise plant. Und zweitens: Sie dürfen mich nicht mehr aufgeben.«

»Frau Margot,« entgegnete er nur, »ich habe Sie wiedergefunden. Nun werden wir alle wieder jung sein.« — —

Als er hastig seiner Wohnung zueilte, tobten ein paar verfrühte Fastnachtsläufer an ihm vorbei. Er war drauf und dran, ihr stürmisches »Helau!« mit dem gleichen Juchzer zu erwidern. Zwanzig Jahre waren von ihm abgefallen.

Zu Hause fand er Hans auf dem Sofa ruhig eingeschlafen.

Und er beugte sich lange über ihn, strich ihm das Haar aus der Stirn und suchte in dem Gesicht des Jungen nach den Zügen einer anderen Jugend.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Neuntes Kapitel

Hans Steinherr trug die Farben eines der vornehmsten Korps der rheinischen Universität, und unter den Kommilitonen galt er als der Mann der Zukunft. In welcher Hinsicht, darüber stand die Ansicht bei den jungen Herren noch nicht fest. Aber daß ein Mann von seinen Mitteln, seinen Allüren, seinen Konnexionen — manche zählten auch seine Talente hinzu — eine glänzende Karriere machen würde, das sah der Blindeste ein.

Als er aus dem krassesten Fuchsentum herausgeschlüpft war und wagen durfte, hin und wieder seine Stimme in die Wagschale zu werfen, erkannte er bald seine Geltung und seine Kräfte. Das gab ihm einen Anreiz. Es war nicht so sehr jugendliche Eitelkeit, als das stärkere Gefühl des Ehrgeizes, unter diesen scharf auf die Form sehenden Leuten aus den besten Häusern noch besonders hervorzustechen und über sie hinaus als das Muster eines untadelhaften Gentleman betrachtet zu werden. Er wurde tonangebend in seinen Anschauungen, wie im Schnitt seiner Kleider, und sein Ehrgefühl entwickelte sich aufs peinlichste. Galt es einen Ehrenhandel zu erörtern, Hans Steinherr gab das Votum; stand die Frage nach standesgemäßer Aufführung zur Verhandlung, Hans Steinherr entschied mit der Kaltblütigkeit eines alten Römers. Er hielt auf Klassenabstufungen wie kein zweiter. Als er zum ersten Male auf die Mensur gestellt wurde, schlief er in der vorhergehenden Nacht vor Aufregung nicht eine Sekunde und lag wie im Fieber. Aber als er auf der Tenne stand, und ihm aus einem wilden Durchzieher das Blut in den Mund lief, wehrte er sich störrisch dagegen, daß der Hieb als Abfuhr erklärt werde, und verlangte so lange auszupauken, bis der Korpsarzt erklärte, jede Verantwortung ablehnen zu müssen.

Die neue Welt, die sich vor ihm auftat, nahm ihn ganz und gar gefangen, und in seinem jugendlichen Überschwang glaubte er bald, in ihr die einzige gefunden zu haben.

»Geliebter Leibfuchs,« sagte ihm einmal sein in hohen Semestern stehender Leibbursch, dessen Worte er als heiligste Orakelsprüche zu betrachten pflegte, »du bist ein ganz famoses Haus, aber du zeigst zu viel dein Temperament. Deine Gefühle spiegeln sich auf deinem Gesicht auf zehn Meter Entfernung. Da liest man Sonnenschein und Gewitter im voraus, wie in der Zeitung. Mein Sohn, überlaß das den Kirmeßgästen, die mit ihrem Gefühlslärm hausieren gehen. Leute wie wir haben sich unter allen Umständen in der Zucht.«

Und von Stund’ an überwachte der Schüler sein Mienenspiel, und er wurde nach Anweisung kalt und gemessen. Das schuf ihm ein neues Übergewicht.

In den Hörsaal war er nur wenige Male gegangen. Das Korpsleben nahm ihn gänzlich in Anspruch. Und sein Vater rügte das keineswegs. Gute Verbindungen anknüpfen, schien dem Manne, der nur die realen Seiten eines jeden Unternehmens in Betracht zog, nicht der letzte Zweck der Universitätsjahre.

Trotz der Nähe der Stadt und der guten Bahnverbindung hatte Hans Düsseldorf noch nicht wieder besucht. Er redete sich vor, daß er gerade während des schwächeren Sommersemesters im Korps unabkömmlich sei, und verschob den Besuch auf die Ferien. Insgeheim zwar peinigten ihn andere Gedanken. Die Menschen daheim — die Springes, Frau Stahl, Johanna — erschienen ihm seit kurzem in einem anderen Licht. Sie waren prächtige Menschen, ohne Frage, und er verdankte ihnen entzückende Stunden. Aber eigentlich und nur ein wenig streng genommen: sie waren doch ein bißchen arg altmodisch und als intimer Umgang doch wohl nicht so ganz zweifelsohne. Wenn er dachte, daß ihn einer seiner Korpsbrüder bei Frau Stahl Kaffee trinken sehen könnte, stieg ihm heiß das Blut in die Wangen. Die beiden von Springe, das war schon etwas anderes. Wenn nur nicht Heinrich so gräßlich radikal seine Ansichten zu äußern liebte und der alte Herr immer so komisch den Jugendlichen spielte! Und Johanna — —?

Es gab Zeiten, wo ihn eine rasende Sehnsucht nach ihrer Zärtlichkeit packte und er in Gedanken seitenlange Briefe an sie entwarf. Kam er dann von einem Ausflug heim, an dem die Damen des Korps in Schönheit und Eleganz teilgenommen und ihn durch den Esprit der großen Welt berauscht hatten, so fühlte er eine peinliche Ernüchterung, und höchstens eine Ansichtspostkarte flatterte als kurzer Gruß nach dem windschiefen Haus in der Pempelforterstraße. Dann schämte er sich vor sich selbst, aber er war nicht mehr Herr seiner selbst. Er stand unter einem Zwang, dem er gehorchte wie einem Fetisch. Ein unausgesprochenes Lächeln, das seine Qualifikationen als Gesellschaftsmensch in Frage gezogen hätte, würde ihn rasend gemacht haben.

Nur in den ersten Wochen seines Bonner Aufenthaltes hatte er in längeren Episteln dem Mädchen daheim ein Bild von den Herrlichkeiten des Studentenlebens entworfen. Damals auch war er noch dem Briefträger entgegengelaufen, der ihm die lieben, halb kindlichen, halb frauenhaften Antworten brachte. Und selbst Heinrich Springe war nicht vergessen worden. Eines Tages hatte der Maler in einem Briefumschlag, der den Poststempel Bonn trug, ein schmales Büchlein vorgefunden, das den Titel führte »Meine Lieder« und den Autornamen »Hans Steinherr«. Aus der ersten Seite stand in Druckschrift zu lesen: »Meinem Mentor Heinrich von Springe — Telemach.«

Eine Druckerei in Düsseldorf hatte, wohl auf Kosten des Herausgebers, den Verlag übernommen.

Der Maler war an diesem Morgen für keinen Menschen sichtbar. Er saß in seinem Atelier und las die zwei Dutzend Gedichte mit einer Gründlichkeit, als ob er sie auswendig lernen wollte. Er las nicht nur die Worte. Als er mit den Worten fertig war, begann er zwischen den Zeilen zu lesen. Dann lehnte er sich, das Büchlein auf den Knieen, zurück und ließ die Lieder plastisch werden. Die Bilder aber waren eigenwillig und änderten ihre Züge. Und der Maler lachte dazu leise vor sich hin ...

Wie eine Erquickung war das schmale Buch. Ein echter und rechter Jugendgruß.

»Meinem Mentor — Telemach.«

»Jawohl, Mentor!« polterte er. »Netter Mentor, der bei der Mutter nicht einmal sein Versprechen eingelöst hat. Abgemacht. Heute nachmittag geh’ ich hin.«

Er traf Frau Margot zu Hause, zum Ausgehen gerüstet.

»Ich will nicht lange stören, gnädige Frau. Sagen Sie mir nur, wann ich wiederkommen soll.«

»O nein, so entschlüpfen Sie mir nicht. Ich lege nur den Hut ab und bin gleich wieder bei Ihnen.«

»Versäumen Sie auch nichts, gnädige Frau? Ich möchte mir keine Ihrer Freundinnen zur Feindin machen.«

»So furchtsam sind Sie? Lassen Sie sich doch einmal ansehen.«

»Nur Frauen gegenüber. Da kenn’ ich mich nicht aus.«

»Trotz Ihrer sicherlich reichen Erfahrungen? O Gott, wie beschämt Sie tun!«

»Ich habe nur eine Erfahrung gemacht, gnädige Frau.«

Sie blieb ganz ruhig. Nur ihre Stimme vibrierte ein wenig bei der Antwort.

»Ich meine, wir sollten, wenn wir uns sehen, immer ganz besonders fröhlich sein.«

»Wahrhaftig, Frau Margot,« rief er herzlich, »da sprechen Sie mir aus der Seele! Und nun werde ich mich mal auf mindestens eine Stunde häuslich hier niederlassen.«

»Oder,« fragte sie, »haben Sie Lust zu einem Spaziergang? Dann können Sie mich begleiten.«

»Wollen Sie mich den Düsseldorfern als Ihre neueste Akquisition vorführen? Wenn das Ihren Geschmack nur nicht kompromittiert. Gut, spannen Sie mich nur an Ihren Wagen.«

»Nein,« lachte sie, »mit Ihnen ist wirklich kein Staat zu machen. Es würde aussehen, als ob ein gestrenger Mentor seine ungezogene Schülerin spazieren führte.«

»Halt; Mentor—« unterbrach er sie. »Das Wort fliegt mir heute schon zum zweiten Male zu. Ich mache Ihnen eine Proposition. Sie behalten Ihr entzückendes Hütchen auf und setzen sich für eine Viertelstunde ganz stumm dort in die Sofaecke. Dann begleite ich Sie, so lange Sie mich wollen, auf Ihrer Promenade. In dieser Zwischenzeit aber möchte ich Ihnen Gedichte vorlesen.«

»Gedichte — —« fragte sie verblüfft. »Sie haben doch nicht etwa — —«

»Ihr Vertrauen ehrt mich,« versetzte er unerschütterlich. »Aber Sie dürfen sich beruhigen, die Gedichte stammen von einem anderen.«

»Schade,« meinte sie bedauernd.

»Na, wenn Sie meinen, ich sähe noch leidlich lyrisch aus — an der Courage zum Dichten soll’s mir nicht fehlen.«

»Tun Sie es nicht, Heinrich,« riet sie mit mütterlicher Würde, »das Leben ist zu kurz und Sie verlieren zu viel Zeit damit.«

»Ganz meine Ansicht. Aber nun: Obacht! Ich bitte das geehrte Auditorium um Ruhe.«

Er begann zu lesen. Mit natürlicher Stimme, ohne Pathos, wie es die einfachen Verse verlangten.

Die Viertelstunde ging vorüber und keiner bemerkte es. Der Maler las Gedicht für Gedicht, wie sie der Reihe nach in dem Büchlein enthalten waren. Und zum Schluß das Weihnachtslied, das Hans an dem improvisierten Christabend so feierlich-ernst vorgetragen hatte.

»Horch, in den Lüften blieb Der Weihnachtsglocken Klingen, Und unsre Seelen singen: Ich hab’ dich lieb. — — —«

Er hatte geendet, und leise schloß er das Büchlein. Er sah Frau Margot an.

Die wischte seit einiger Zeit an ihren Augen herum. Als sie sich beobachtet fühlte, ließ sie rasch die Hand sinken und versteckte sich hinter einem lachenden Ärger.

»Mein Gott,« sagte sie hastig, »wie kann man einem gänzlich unvorbereiteten Menschen nur so etwas antun!«

»Nicht wahr?« meinte er lakonisch.

»Heinrich,« drängte sie, »gestehen Sie nur, Sie selbst sind der Übeltäter.«

»Mein Name steht zwar auf der ersten Seite, gleich hinter dem Titelblatt,« gab er zu, »aber es steht davor: ›Meinem Mentor‹ und dahinter: ›Telemach‹. Daß ich ein Mentor sei, haben Sie soeben selbst, wenn auch nicht in schmeichelhafter Weise, behauptet. Und der Telemach? Ja — da ich Sie ablehne, muß es schon, damit’s doch in der Familie bleibt, Ihr — Hans sein.«

»Ach nein,« versetzte sie kopfschüttelnd.

»Ach ja,« versetzte er kopfnickend.

Und dann lachten sie sich gemeinsam aus.

»Der Junge, der Junge!« — sie konnte es nicht begreifen — »wo mag er das nur herhaben! ...«

»O — Sie kennen nicht die Vererbungstheorie? Vielleicht hat eins seiner Eltern in der Jugend mal ähnliches geträumt, wofür er jetzt die Worte gefunden hat. Darwinismus, wirklich, sonst nichts.«

»Spotten Sie nicht immer,« sagte sie und legte ihm die Hand auf den Mund. Dabei schloß sie für einen Moment die Augen. Heinrich Springe hielt ganz still. Es war ihm leid, daß es nur ein Augenblick war.

»Ich kenne jetzt auch das Mädchen,« fuhr sie nach einer Weile fort. »Wenn auch nur vom Sehen. Ich habe so oft die Pempelforterstraße aufgesucht, bis ich sie bei einem Patrouillengang entdeckte. Ein süßes Geschöpf — — —. Seit der Zeit gehe ich häufig um dieselbe Stunde hin. Aber mir ist immer noch nicht eingefallen, wie ich eine persönliche Annäherung herbeiführen könnte. Mit der Tür ins Haus stürzen, geht doch für mich nicht an.«

»Wollen wir jetzt unsere Wanderung antreten?« erwiderte er. »Wie ich annehme, nach der Pempelforterstraße?«

Er öffnete die Tür, und die gefeierte Weltdame schritt an dem merkwürdigen Manne vorüber. Als wäre er sich nur guter Taten bewußt, ging er offen und frei neben ihr einher.

»Sehen Sie mal,« sagte er unterwegs, »kennen Sie vielleicht den alten Herrn dort, der im Begriff ist, zu einer Salzsäule zu erstarren?«

»Aber das ist doch — das ist doch Ihr prächtiger Vater ...«

»Gelt? Das ist doch Herr Friedrich Leopold? Aber besonders geistreich — bei allem schuldigen Respekt — sieht er gerade nicht drein. Tag, Papachen. Na, so aufgeräumt?«

Der alte Kavalier hätte beinahe vergessen, seinen grauen Zylinder zu ziehen. Er blickte verdutzt dem Paare nach. »Hm, hm,« machte er bloß, »hm, hm; wird schon seine Richtigkeit haben.« Dann setzte er seinen Spaziergang fort.

Als das Paar in die Pempelforterstraße einbiegen wollte, kam vom Hofgarten her Hannes. Sie ging, die Augen an den Boden geheftet, nachdenklich ihren Weg und fuhr zusammen, als sie Springes Anruf vernahm.

»Potz Tausend, Fräulein Johanna, Sie machen sich! Schon so stolz, daß man einen guten Freund über den Haufen rennt?«

»Ach — Herr von Springe — Sie sind’s. Gerade dacht’ ich an Sie.«

»Nicht flunkern, Fräuleinchen,« drohte er ihr. »So viel Selbstverleugnung verlang’ ich ja gar nicht.« Und als sie errötend von ihm zu der fremden Dame sah, fuhr er fort, als ob sie sich über etwas Selbstverständliches unterhielten: »Nun? Gute Nachrichten von Bonn?«

Sie errötete noch stärker, aber es war ein Strahlen in dem Erröten, und sie nickte lebhaft.

»Darf man vielleicht hören? Ich bin doch gewissermaßen der Nächste dazu — natürlich: soweit es keine Geheimnisse sind.«

»Ich habe ein Gedichtbuch bekommen,« sagte sie so leise, als streichelte sie jedes ihrer Worte.

»Was Sie sagen! Ein Gedichtbuch? Von wem ist es denn? Von Goethe? Oder gar von Heinrich Heine —«

»Von Hans selbst,« antwortete sie und sah ihn triumphierend an.

»Machen Sie keine Späße, Fräulein Johanna! Von Hans? Und gedruckt, sagen Sie? Wirklich mit Druckbuchstaben?«

»Ach, Herr von Springe,« sagte sie und wiegte den Kopf neckend vor ihm hin und her, »mich foppen Sie heute nicht. Ich ärgere mich heute ganz bestimmt nicht. Und wenn Sie wüßten, was ich weiß, würden Sie auch anders sein.«

»So — —? Was wissen Sie denn?«

»Ihr Name steht vorn in dem Buch,« raunte sie und sah ihn mit erwartungsvollen Augen an.

Aber die Wirkung blieb aus.

»Ihr Name? — Wer ist denn diese ›ihr‹? Der Radschläger von Jung’ wird sich doch in Bonn keine Flamme angeschafft haben?«

Nun wurde sie doch ein wenig entrüstet.

»Ich meine Ihren Namen, Herr von Springe, Ihren groß geschrieben.«

»Donnerwetter!« rief er erstaunt und schlug die Hände zusammen. »Apropos, Fräulein, ich schreibe meinen Namen immer groß.«

Frau Margot stand zur Seite und ergötzte sich königlich an der Unterhaltung, die sie belauschte. Ihre Freude an dem eigenartig schönen und frischen Mädchen, in dem das Knospen und Blühen noch im Streite lag, wuchs von Minute zu Minute. Sie konnte sich nicht länger enthalten, sie selbst mußte mit dem Mädchen plaudern.

»Dürfte man das seltene Buch einmal sehen?« sagte sie freundlich und trat näher. »Bücherneuheiten sind immer interessant.«

»Meine kleine Freundin, Fräulein Johanna Stahl« — stellte Springe vor — »meine große Freundin — —« und er murmelte höchst unverständlich einen Namen. »Fräulein Johanna wird sicher so liebenswürdig sein, uns einen Blick auf das Buch zu gestatten. Da, wie sie sagt, mein Name in dem Büchlein vorkommt, so hab’ ich doch sozusagen ein Recht darauf, nachzusehen, ob man auch keinen Unfug mit mir getrieben hat.«

»Das Buch liegt aber oben in der Wohnung,« stotterte Hannes kleinlaut.

»Sie scherzen, Fräulein. Wetten, daß Sie es vorn in der Jacke stecken haben?«

Frau Margot kam der geängstigten kleinen Mitschwester zu Hilfe.

»Wenn Sie das Buch in der Wohnung haben, wäre es wohl unbescheiden, Sie zu bitten, uns auf einen Augenblick mit hinaufzunehmen? Wir würden Ihnen zwar sicherlich keine Ungelegenheiten machen.«

Das Mädchen nagte nervös an der Unterlippe.

»Bitte,« stieß sie dann kurz hervor und ging vorauf. Lächelnd folgten ihr die beiden Besucher. — —

»Ich will nur ablegen,« sagte Hannes, als sie zu dritt in der einfachen Wohnstube standen, und ging eilig, ohne den Blick vom Boden zu erheben, in die Schlafkammer.

»Sagt’ ich’s nicht,« flüsterte Springe schelmisch, »sie hat es doch im Jackett.«

Frau Margot hob beschwörend die Hand. Ihr war eigentümlich zu Mute in diesem engen, dürftigen Raum.

Da kam Hannes zurück. Sie hatte die dünne Sommerjacke abgelegt und stand nun rank und schlank in ihrem weißen Kleide da. Das Buch trug sie in der Hand.

»Darf ich das Buch nehmen?« fragte Frau Margot und hielt, als sie es nahm, mit leichtem, wie zufälligem Griff die Fingerspitzen des Mädchens in ihrer Hand fest.

»Meine Lieder — Hans Steinherr,« las sie ab, und dann sprach sie einige der Gedichte, die sie aufschlug, halblaut vor sich hin. Plötzlich hielt sie inne und sah mit forschendem Blick das Mädchen an.

»Sie zittern ja, Fräulein. Ich spür’ es in Ihren Fingerspitzen. Ist Ihnen nicht wohl?«

»Doch,« kam die Antwort, und die Lippen schlossen sich wieder. Aber auf der Stirn stand eine tiefe Falte.

Frau Margot las weiter, um nach wenigen Zeilen von neuem einzuhalten.

»Bin ich Ihnen unangenehm? — Sie ziehen Ihre Hand zurück?«

»Ich weiß jetzt, wer Sie sind. Sie sind Hans Steinherrs Mutter.«

»Wie kommen Sie mit einem Male darauf?«

Und — plötzlich fassungslos — stammelte Hannes: »Weil Sie mich so quälen — — —«

»Mädchen!« rief Frau Margot bestürzt, »Mädchen! Was sagen Sie da!« Und schnell schlang sie die Arme um die zuckenden Schultern der Erregten und drückte das von dem schweren, leuchtenden Haar gekrönte Köpfchen fest gegen ihre Brust ... »Springe,« bat sie mit einem Blick. Und Heinrich Springe verstand und verließ leise die Wohnung.

Dort oben aber ließ sich Frau Margot Steinherr auf einen Stuhl nieder und zog das widerstandslose Geschöpf auf ihren Schoß. Mit weicher Hand strich sie ihm wie einem Kinde über die Augen und spielte mit seinen Flechten, die ihm in das verweinte Gesicht gefallen waren. Sie wunderte sich selbst, wie lind, wie sanft sie das alles tat. Es war doch sonst nicht ihre Art gewesen, über den Gefühlen anderer sentimental zu werden. Was war es nur, das in ihr flutete? Seit dem Tage, da sie mit dem wiedergekehrten Springe Kindheitserinnerungen ausgetauscht. Und heute so viel stärker, angesichts dieses bangenden, jugendwarmen Glücks, das sie auf dem Schoße hielt — —.

»Komme ich Ihnen noch immer so schrecklich vor?« fragte sie lächelnd.

Hannes schüttelte stumm den Kopf, den sie noch immer an die Brust der fremden Dame gedrängt hielt.

Wie wohl das tat! Wie köstlich es sich hier lag! Sie empfand das feine Wogen und konnte jeden Herzschlag zählen. Sie hielt ganz still und preßte nur die Lippen auf das Kleid Frau Margots.

»Kleines Liebchen — —« sagte die verträumt. »Kleines Liebchen — — —«

Und wieder stieg ein Wundern in ihr auf, woher sie nur diese nie gebrauchten Worte nahm.

»Also lieb haben Sie meinen großen Jungen?« fuhr sie nach einer Weile fort. »Und so ganz hinter dem Rücken der Mama, die man für eine Vogelscheuche hält?«

»O, Sie sind so schön!« stieß Hannes hervor und sah mit ihren lächelnden Kinderaugen zu ihr empor.

»Kind, Kind, was für Schmeicheleien! Wer ist von uns beiden schön? Vielleicht war ich es mal ein wenig, als ich so jung war wie Sie. Heute sind Sie es.«

»Nein, nein,« rief Hannes stürmisch, »Sie sind es heute! O, so schön werd’ ich in meinem ganzen Leben nicht werden.«

Frau Margot erhob sich schnell, um ihre Verwirrung zu verbergen. Tag für Tag hatte sie in der Gesellschaft, von allen Offizieren der Garnison und den sämtlichen Herren der Regierung, ähnliche Worte vernommen und sie wie einen ihrer Stellung schuldigen Tribut entgegengenommen. Sie waren ihrem Ohre so bekannt wie den Lippen der Herren geläufig. Wie man eine Phrase wechselt. Und oft, in den letzten Jahren, wenn ein neuer, jüngerer Stern am Gesellschaftshimmel Düsseldorfs erschien, hatte sie innerlich gebangt, es könnte wirklich eine Phrase sein ... Jetzt aber — dieses Kind — mit dem klaren Blick und der jugendlichen Begeisterung — Gott, sie wurde ja über die Lobpreisung verwirrt wie ein junges Ding von sechzehn Jahren, das zum ersten Male von seinen Reizen erfährt. Wirkte denn diese Jugendlichkeit ansteckend?

Sie nahm sich zusammen und ging nachdenklich durch das Zimmer. Dabei warf sie durch den Türspalt einen Blick in die Schlafkammer. Wie leuchtend weiß das Stübchen war. Nein, da hinein gehörte kein anderer Schmuck als die weißen Glieder des schlanken Mädchens.

»Fräulein Johanna,« sagte sie und blieb vor ihr stehen, »geben Sie mir mal Ihre Händchen. So. Und damit wollen wir es für heute bewenden lassen. Wir haben uns gesehen und gesprochen und müssen nun zunächst unsere Gedanken sammeln. Ein jeder über den anderen. Ich denke,« fügte sie mit einem ermunternden Blick hinzu, »das soll uns nicht schwer fallen. Versprechen kann ich Ihnen heute nichts, wenigstens nichts, was über meine Person hinausgeht. Mein Mann ist gewöhnt, sich seine eigenen Ansichten zu bilden und danach zu handeln. Aber Sie sind ja noch so jung und werden abwarten können, besonders, da Sie jetzt wissen, daß mit mir zu reden ist. Oder wissen Sie das nicht?«

»Doch, doch,« stammelte die Kleine.

»Nun, so kommen Sie zuweilen zu mir. Morgen nachmittag, um diese Stunde. Geben Sie acht, wir werden uns schon befreunden und auch Pläne schmieden. Ihre Frau Großmutter hoffe ich noch kennen zu lernen. Adieu, mein Kindchen. Und vergessen Sie nicht: morgen!«

Hannes knickste und beugte sich sprachlos über die feingeäderte Frauenhand. Da faßte Frau Margot sie unter das Kinn und küßte sie auf die Stirn.

»Adieu, adieu — — —«

Draußen auf der Straße wartete Springe auf sie. Er tat keine Frage, und sie gingen eine ganze Weile, ohne zu reden, nebeneinander her. Aber das Schweigen brachte sie einander näher.

»Sie sind also meiner Ansicht?« fragte sie endlich unvermittelt und blieb stehen.

»Umgekehrt, gnädige Frau, Sie sind der meinen, und das macht mich froher, als ich sagen kann.«

»Des kleinen, herzigen Mädchens wegen?«

»Nein, Ihretwegen, Frau Margot. Sie verstehen mich.«

Und sie verstand, was er meinte.

»Hat die Kleine besondere Talente, die man ausbilden könnte? Ich möchte für alle Fälle etwas für sie tun.«

»Sie ist überraschend musikalisch. Es würde sich lohnen, sie im Gesang ausbilden zu lassen.«

»Sie soll mir morgen etwas vorsingen. Dann werde ich mit einer Gesangsmeisterin sprechen.«

»Werden Sie mir erlauben, mein Scherflein dazu beizutragen?«

»Springe,« meinte sie, »können Sie mir denn gar keine Freude gönnen?«

»Geteilte Freude ist doppelte Freude. Wenigstens für mich. Ich bin nun einmal ein Egoist.«

»Ja,« sagte sie, »mir wird es auch so gehen. Wir beide als gemeinsame Pflegeeltern — —.«

»Nun haben wir schon ein gemeinsames Kind.«

»Springe!« verwies sie ihn empört, aber sie mußte doch über ihn lachen. »Sie sind und bleiben ein unverbesserlicher —«

»Optimist,« vollendete er. »Man muß seinem Herrgott für alles danken.«

Er brachte sie bis vor ihr Haus, und sie verabschiedeten sich mit einem kameradschaftlichen Händedruck.

Am nächsten Tage war Hannes gekommen, und sie kam fast Tag für Tag. Es dauerte lange, bis sie die Scheu vor den glänzenden Räumen überwunden hatte. Nicht der Komfort war es, der auf ihr lastete, sondern das ungewisse Gefühl, daß sie hier wie ein heimlicher Dieb aus- und eingehe. Der Geist Philipp Steinherrs ging sichtbar für sie durch die Räume. Und ob sie auch den Fabrikanten tagsüber draußen auf seinen Eisenwerken wußte und keinerlei Überraschung zu befürchten hatte: daß sie nicht wie ein von allen gern gesehener Gast das Vaterhaus ihres Hans betreten konnte, bedrängte um des Liebsten willen ihren Mädchenstolz.

Frau Margot beobachtete die junge Gesellschafterin mit ungetrübtem Auge. Sie wünschte den Charakter in allen seinen Phasen zu ergründen. Und gerade der stumme Seelenkampf, den sie wahrnahm, war es, der ihr die stärksten Sympathien einflößte. Als sie sich sicher wußte, daß ihre Zuneigung zu dem äußerlich seltsamen und innerlich so klaren Wesen eine unerschütterliche geworden sei, begann sie mit festen Händen in den Bildungsgang ihrer Schutzbefohlenen einzugreifen. Sie brachte sie persönlich zur Gesangsmeisterin, und als die ernste Frau beinahe enthusiastisch erklärte, in der Kleinen stecke eine Altistin von seltener Begabung und seltenem Wohllaut der Stimme, schloß sie auf der Stelle den Studienvertrag ab, demzufolge Hannes dreimal in der Woche das Haus der Meisterin zu besuchen hatte. Doch hierbei blieb Frau Margot nicht stehen. Sie wies das Mädchen an, ihre Sprachstudien wieder aufzunehmen, führte nach einiger Zeit die Konversation öfters im englischen oder französischen Idiom, wählte vornehme, deutsche Lektüre aus und ließ sie wie spielend alle die kleinen Handgriffe lernen, die eine schöne Frau im Salon als Wirtin oder Gast erst recht liebenswert erscheinen lassen. Als der Herbst vorüberging und die Saison anhob, schickte sie das bildungshungrige Mädchen zuweilen in die großen Konzertaufführungen oder auch ins Theater, das sich damals eines hohen Rufes erfreute. Und beim nächsten Zusammensein ließ sie sich die Eindrücke schildern, korrigierte unauffällig den Geschmack und erläuterte freundlich, was ihrem Fassungsvermögen noch unklar geblieben war.

Und der Herbst war nun lange schon vorüber, die Universitätsferien waren zu Ende gegangen, und Hans war nicht gekommen. Er hatte mit einigen seiner Kommilitonen sofort von Bonn aus eine Ferienreise angetreten, die vom Vater mit Vergnügen gesehen wurde und ihn auf fröhlichen Mittelmeerfahrten zurückhielt. Dann war Philipp Steinherr ihm entgegengereist, hatte ihn in Bonn equipiert, und Hans hatte seinen Dienst bei den blauen Husaren angetreten.

»Der Prophet gilt nichts im Vaterland, wenn er seine Entwicklung unter den Augen der Nachbarn abmacht,« hatte Philipp Steinherr dem Sohne erklärt. »Zeige dich den Leuten daheim nicht zu oft in deiner unreifen Zeit, tobe deine Dummheiten außerhalb der Mauern Düsseldorfs aus, und man wird, wenn du nach ein paar Jahren zurückkehrst als Doktor der Rechte, Reserveoffizier und was weiß ich, stets eine Art Respektsperson in dir sehen und nicht den Allerweltsduzbruder, dem man mit der alten, plumpen Vertraulichkeit begegnen kann. Ich möchte, daß du daheim einmal Numero eins wirst.«

Und Hans hatte sich vorgenommen, sich nicht eher daheim zu zeigen, als bis er zum mindesten die Tressen erlangt hätte und ihm dadurch, als Offiziersaspirant, unter den Besuchern seines väterlichen Hauses von vornherein eine angemessene Stellung gewährleistet sei. Er tat seinen Dienst mit einem Ehrgeiz, der ihm schnell die Beachtung und das Wohlwollen seiner kavalleristischen Vorgesetzten eintrug.

Die Briefe an Hannes wurden in dieser Zeit noch seltener. Er entschuldigte sich mit seinen tausend Dienstobliegenheiten, Strapazen und Ärger, und vertröstete auf ein Wiedersehen, das alles klären würde. Was er sich unter dieser Klärung gedacht hatte, war ihm selbst nicht bekannt. Nur jetzt nicht nachdenken.

Daß Hannes bei seiner Mutter verkehrte, war ihm unbekannt geblieben. Frau Margot hatte gewünscht, daß die Mitteilung unterbliebe, damit der Junge eines Tages umsomehr von dem Ereignis und den sich an Hannes so augenfällig bemerkbar machenden Folgen überrascht würde. Aber dem Jungen eilte es scheinbar ja gar nicht, sich überraschen zu lassen. Ein Grund mehr, ihn nicht unnötig und voreilig in den inneren Konflikt zwischen Vater und Mutter hineinzutreiben.

Ruhig ging das Leben in Düsseldorf seinen Weg. Die geschäftliche Krisis, welche die ganze deutsche Industrie ergriffen hatte, war zwar nicht gewichen, aber schon sahen einige Wetterkundige der Großindustrie Zeichen auftauchen, die auf einen baldigen und jähen Umschwung hindeuteten. Philipp Steinherr war nicht der letzte, der sie bemerkte. Aber er sprach kein Wort von besseren Zeiten, von Zeiten, die der Industrie eine bis dahin in Deutschland unerhörte Hausse bringen sollten; er handelte auf seine Weise. Als der Sommer kam, hatte er zu seinen Werken in aller Heimlichkeit einige Etablissements hinzugekauft, die sich allein nicht mehr zu halten vermochten, und ließ alsbald unauffällig alle Betriebe in Stand setzen und die Vorräte an Rohmaterialien für billiges Geld verdoppeln, um beim ersten beutekündenden Morgenrot sofort gerüstet auf der Schanze zu stehen.

Da trug man an einem frühen Sommerabend den unersättlichen Mann auf einer Bahre ins Haus. Während einer hitzigen Auseinandersetzung auf dem Werk war er vom Schlag getroffen umgesunken.

Es war noch Leben in ihm, als man ihn in seinem Zimmer bettete. Zwei der besten Ärzte hielten bei ihm Wacht, bis ihm das Bewußtsein dämmernd zurückkehrte. Frau Margot, furchtbar erregt und an nichts anderes denkend als an die Linderung seiner Schmerzen, wich und wankte nicht von seinem Lager.

Philipp Steinherr öffnete den Mund. Sein Bestreben, Laute hervorzubringen, war schrecklich anzusehen. Er rollte die Augen hin und her, als ob er jemand suche. »Hans — —« quoll es ihm undeutlich über die Lippen. Er hatte seinem Nachfolger noch so viel zu sagen.

»Es ist nach ihm depeschiert, Philipp,« beruhigte Frau Margot, kaum im stande, sich auf den Füßen zu halten. »Er kann bald hier sein.«

Sie legte ihm die Hand auf die feuchte Stirn, und der Mann, der nie im Leben nach einer schmeichelnden Frauenhand viel Verlangen getragen hatte, empfand im Sterben den wohltuenden Zauber der Berührung. Seine angstvoll starrenden Blicke wurden weicher, er hob mit Aufbietung aller Kräfte die Hand, um sie auf ihre Hand zu legen. Dann verschied er in den Armen seiner Frau. — — —

Als Frau Margot totenblaß durch die Zimmer schritt, schlug ein leises Weinen an ihr Ohr. Sie stutzte. Wer konnte da so heiß um den Toten trauern, der im Leben keine Freunde besessen und sie auch nie gewollt hatte? Sie schlug die Portière zu dem Kabinett zurück, das an ihr Schlafzimmer stieß, und erblickte Hannes.

»Was machen Sie hier, Kind?« fragte sie tonlos.

Da warf sich das Mädchen an ihren Hals und schluchzte in wilder Angst.

»Wie wird er das nur ertragen, wie wird er das nur ertragen — — —«

»Sei still, mein Töchterchen,« sagte Frau Margot, »wir müssen einer dem anderen beistehen.«

Sie hatte dem fremden Kinde gegenüber das erste Du gefunden.

»Im Salon — ist — noch jemand,« brachte Hannes unter den Tränen hervor.

Frau Margot befreite sich sanft aus der Umarmung und schritt durch die Zimmer weiter zum Salon. Sie wußte, daß es Springe war. Und Heinrich Springe ging ihr, als er ihren Schritt hörte, entgegen und nahm stumm ihre Hände in die seinen und drückte sie.

»Ich bleibe hier,« sagte er dann, »vielleicht kann ich Ihnen etwas abnehmen. Aber Sie müssen sich jetzt unbedingt zurückziehen. Tun Sie es Ihrem Jungen zuliebe, der jeden Augenblick kommen kann, damit Sie ihm Fassung zeigen können, wenn er die seine verliert.«

Sie nickte bloß zu seinen Worten und ging.

Die Dienstboten hatten die Rollläden heruntergelassen und im Treppenhaus das Licht entzündet. Der Sommerabend senkte sich tief herab.

Da rasselte ein Säbel auf der Treppe, Sporen klirrten, und bald darauf gellte ein Schrei durch das Haus: »Papa, Papa — — —!«

Nach einer halben Stunde wankte Hans aus dem Zimmer. Er hatte die besänftigenden Worte der Mutter kaum gehört, wiederum war sein Leben widerstandslos von den neuen Eindrücken überwältigt worden, und er fand nicht den Halt in sich selbst.

Er vermochte die schwere Luft im Hause nicht zu ertragen, nach anderthalbjähriger Abwesenheit kamen ihm die Räume fremd vor, die Dienstbotengesichter waren ihm unbekannt. Und allein wollte er sein, allein, um alles zu begreifen und eine äußerliche Haltung zurückzugewinnen.

Er stolperte durch den dunklen Garten nach der Laube, in der er als Primaner so oft Verse gedichtet hatte. Vom Gartentisch, an dem sie gesessen hatte, erhob sich eine Gestalt, die der Mond hell beschien. Das feine Gesicht, die tiefen Augen, das leuchtende Haar — das war doch, das war doch — —

»Hans —« sagte da die Stimme, die nur der Liebsten gehören konnte.

Und als er vor ihr stand, schreckhaft weiß, trocken brennenden Auges und der Sprache beraubt, trat sie auf ihn zu und nahm sein kaltes Gesicht zwischen ihre Hände und küßte ihn leise zum Willkommen.

»So weine doch,« sagte sie, »so weine doch nur ...«

Da löste es sich in seiner Brust, da war ihm, als hörte er ferne Heimatsglocken rufen, und sie riefen näher und näher und löschten aus, was zwischen fern und nah lag. Den Kopf an der Schulter des Mädchens, weinte er und weinte — um alle seine Verluste.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Zehntes Kapitel

Das Trauerjahr war zu Ende gegangen.

Nach wie vor leuchtete der Name »Philipp Steinherr« in großen Metallbuchstaben an den Oberbilker Eisenwerken, aber der, der den Namen in harten, unvergänglichen Zügen geschaffen hatte, war nicht unersetzlich geblieben.

»Ist es nicht ein schwermütiger Gedanke,« hatte einst Frau Margot im Gespräch mit dem Freunde geäußert, »daß kein Mensch eine Lücke hinterläßt? Es wird Morgen und es wird Abend und wieder Morgen, und das Leben schreitet fort und Handel und Wandel, und keiner dreht sich um nach dem, der einst war und ohne dessen Stimme sonst kein Unternehmen möglich schien. Was hat da aller Ehrgeiz genutzt, wenn jedes Ding so bald unpersönlich wird?«

»Nein, Frau Margot,« hatte Heinrich Springe geantwortet, »darin kann ich keinen Grund zur Klage sehen. Für mich liegt gerade in dem Umstand, daß kein Mensch unersetzlich ist, etwas ungemein Tröstliches und — Aufrüttelndes. Inwiefern Tröstliches, meinen Sie? Nun, weil es auf die Dauer auch den größten Schmerz paralysiert, wenn die beständig mahnende Kluft fehlt; denn sonst würde die Vernichtung eines jeden Menschenlebens die Vernichtung einer Anzahl anderer Menschenleben nach sich ziehen und so fort bis ins Unendliche. Die Selbstzerfleischung aber kann nie der Zweck einer Schöpfung sein. Der Mahner Tod schwindet hin wie ein Phantom, weil wir seine Spur nicht mehr sehen, die Lust zum Leben, die erschreckt den Kopf unter die Flügel gezogen hatte, wagt sich scheu hervor, blinzelt mit den Augen und bemerkt, daß sie nach wie vor und trotz heftigen Sträubens den Duft der Rosen empfindet, den Gesang der Vögel vernimmt und das Licht der goldenen Sonne sieht. Und damit komme ich zu dem, was ich das Aufrüttelnde der Idee nennen möchte. Wenn wir erst einmal gewahr geworden sind, daß das Leben nach der Spanne, die es uns läßt, uns nicht vermißt, so sollen wir hingegen, während dieser Spanne, nichts vom Leben missen wollen, sondern bei dem kurzen Besuch alle Gastgeschenke entgegennehmen und, wenn’s not tut, sie seinem Reichtum entreißen. Damit nehmen wir unserem Toten nichts und schaffen uns Lebendigen unser Recht. Es ist eine fixe Idee, wenn man glaubt, man komme über den Schmerz um einen Dahingeschiedenen nie mehr hinweg, wenn man sich um diesen Schmerz lebendig begraben will, und läßt doch bei dem geringsten Zahnweh einen Arzt zur Hilfe rufen. Für ehrliche Naturen sollte es keine Inkonsequenzen geben, auch aus Gefühls- und Pietätsgründen nicht. Entweder — oder!«

»Also Witwenverbrennung — ich meine damit natürlich mehr, das Auslöschen alles dessen, was er hinterlassen hat —« sagte sie nachdenklich, »oder —?«

»Hand ans Steuer,« vollendete er. »Nur nicht das widersinnige Vegetieren, dies halbe Verzichtleisten und Nirgendhingehören, das vielleicht einer Generation Schaden und uns keine Zufriedenheit bringt.«

»Und wenn wir nun die Hand ans Steuer legen? Auch uns wird es eines Tages entzogen.«

»Verstehen Sie denn darin nicht die Größe des Gedankens, Frau Margot? Es wird kein Unterschied gemacht! Auch bei unseren Nachfolgern nicht! Ein endgültiges Triumphieren gibt’s nicht! Herr Gott, bei solchem maschenlosen Kommunismus verliert der Tod doch jeden Schrecken.«

»Und die Werke, die wir zurücklassen müssen und die in fremde Hände übergehen? Ist das nicht quälend?«

»Der Kopfschmerz, den wir uns darüber machen, vergeht in dem Moment, in dem wir die Augen schließen. Sind wir am Abend unseres Daseins mit dem Bestand unserer Werke und mit uns zufrieden, so ist uns die Krone des Lebens geworden. Und wissen wir überdies, daß wir kein Glück vorbeiließen, soweit es uns erreichbar war, so sind wir selbst nach unserem Tode noch glücklich zu schätzen. Darum sag’ ich: bis zum letzten Atemzug die Hacken einschlagen in die Felsen und Quellen hervorrufen, aus denen wir trinken können. Austrinken, wenn es uns schmeckt. Das nachfolgende Leben ist nicht auf unsere zwei Augen gestellt, so wenig wie das unsere auf die Augen unserer Vordermänner. Es rauschen immer wieder neue Brunnen.«

»Sie sind ein Lebenskünstler, Heinrich Springe. Woher haben Sie diese hieb- und stichfeste Weisheit genommen — —«

Dann bot er ihr den Arm und führte sie in den Garten, zu den Rosen.

»Wie sie blühen und duften,« sagte er. »Und sie schießen und sprießen aus demselben Stock hervor, der im letzten Herbst verblüht war. Liebste Frau: es gibt kein Jahr, in dem nicht Rosen blühen.« — — —

Und auch in Frau Margot blühten die Rosen auf, die so lange durchwintert hatten.

Hans Steinherr hatte am Tage nach der Beerdigung seines Vaters den Freund in seiner Wohnung aufgesucht, um sich wegen der Fortführung der Werke Rats zu holen. Nach längerer ernster Konferenz war man übereingekommen, sich zu Frau Margot zu begeben, um ihr die einstweiligen Pläne zur Begutachtung vorzulegen.

»Ich habe ja nicht die geringste Ahnung von dem Wesen der Betriebsführung und rationeller Fabrikationswirtschaft,« hatte Springe geäußert, »und daß Hans mir in diesen Dingen nichts weniger als überlegen ist, bedeutet auch gerade keinen Trost. Wollen Sie jedoch die Meinung eines sonst ziemlich klarblickenden Menschen haben, so ist es die: Lassen Sie den Oberingenieur der Firma rufen. Der Mann ist zwanzig Jahre im Dienst und hat die ganze Entwicklung der Werke mit durchgemacht. Er weiß um alle Zukunftspläne und hat Interesse an ihrem Werden, weil sein geistiges Kapital darin angelegt ist. Das ist aber nicht genug. Soll die ganze Leitung in seine Hände übergehen, so muß seine Bedeutung nach außen hin gesteigert werden. Seiner selbst wegen, damit er nicht auf Konkurrenzgedanken kommt, und der Beamten und Arbeiter der Fabrik wegen, damit sie mit Respekt seinen Weisungen folgen. Das scheint mir aber nur möglich, wenn Sie ihn zum Teilhaber ernennen. Geben Sie ihm den Titel und beteiligen Sie ihn — neben seinem festen Gehalt — mit einem gewissen Prozentsatz am Reingewinn. Sie werden pekuniär gut dabei fahren und vor allem jeder Sorge überhoben sein.«

Der Abend war mit Verhandlungen mit dem Oberingenieur ausgefüllt worden, der sich als ein kluger und ruhiger Mann erwies. Die Eintragungen in das Firmenregister hatten bald darauf stattgefunden. Hans war zu seinem Regiment zurückgekehrt, und nun lief die Zeit wieder hin, als wäre in ihrem Gleise keine Unebenheit gewesen.

Hans hatte von seinem Kommandeur die Erlaubnis erhalten, die erste achtwöchentliche Reserveübung sofort an das Dienstjahr anschließen zu dürfen. Dadurch wurde er der Notwendigkeit enthoben, sich bis zum Beginn des neuen Semesters nach Hause begeben zu müssen, denn eine andere Reise erschien ihm jetzt nicht passend. Vor den Verhältnissen daheim aber bangte ihm. Er wußte nun um das Verhältnis Johannas zu seiner Mutter, er sah voraus, daß man ihm keine Hindernisse mehr in den Weg legen, sondern im Gegenteil an seinen Besuch frohe Erwartungen knüpfen würde. Und diese Erwartungsfreudigkeit war ihm unbequem, sie war ihm geradezu fatal.

Nun stand er dicht vor dem Reserveoffizier, und er setzte allen Ehrgeiz darein, nicht zum Train abgeschoben zu werden, sondern beim Regiment weiter zu bleiben. Die Anschauungen seiner neuen Freunde, seiner ganzen Umgebung, hatten viel zu stark auf ihn abgefärbt, als daß er im stande gewesen wäre, sich ein anderes Glück zu denken, als das von seinem ganzen Kreise akklamierte und — beneidete.

Hannes’ auffallende Mädchenschönheit tauchte vor ihm auf. Er wich dem Bilde betreten aus, dann aber blickte er verstohlen hin und sein Auge begann zu strahlen und sein Herz zu schlagen, je länger er es ins Auge faßte. Dies letzte Wiedersehen! Als sie in der Laube vor ihm stand, eine andere, schönere; und doch dieselbe, liebe. Nie, nein nie und nirgends hatte er ein so starkes, überquellendes und wiederum so beruhigendes Heimatsgefühl gehabt, wie in der Stunde, da er an ihrem Halse hing und sie ihn das befreiende Weinen lehrte ...

»Keine würde sie übertreffen,« dachte er selig, »keine ihr gleichkommen. Sie hat den Mund einer Geliebten und die Augen einer Mutter.«

Plötzlich übergoß flammende Röte seine Stirn, und er wandte sich rasch ab und trommelte nervös gegen die Fensterscheiben.

»Aber wenn es auskäme? Ihre Herkunft, ihre Familie, ihre — Geburt? Und es kommt aus,« rief er laut, »so was bleibt nie verheimlicht, dafür sorgen die guten Freunde. Man wird zu tuscheln anfangen und sich erzählen und alles mehr noch übertreiben, als ob es nicht so schon genug wäre. Man brauchte nur zu erfahren, daß sie als Kind zum Modell gesessen hat. Ob nur zu einem Engelsköpfchen, danach fragt ja die Menschheit nicht. Da heißt es einfach: Modell! Und jeder denkt sich ein Manko an Schamhaftigkeit dabei. Himmel und Hölle, weshalb mußte die Alte auch einen solchen Unfug zugeben. Vererbtes Blut, schlechte Erziehung — wo sind da die Kautelen? Als Primaner denkt man ja an nichts anderes, als an das Gesichtchen. Aber ich bin kein Primaner mehr. Ich habe Verpflichtungen gegen meine Gesellschaft. Ich würde mich mit sehenden Augen unmöglich machen, nicht den Verkehr einhalten können, den ich haben will und muß. Wenn’s ein anderer wäre, ich würde doch ganz genau so darüber denken. Da kann und darf ich mich nicht ausschließen wollen.

Und dabei hab’ ich doch das Mädchen so lieb —«

»Ruhe, Ruhe. Nichts überstürzen. Zeit gewinnen, nur Zeit gewinnen.« —

Von Bonn ging er auf zwei weitere Semester nach Heidelberg. Auch hier wurde er bei einem Korps aktiv, aber er betrieb doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit seinen Studiengang. Als der Herbst kam, bereitete er sich auf die Übersiedlung nach Berlin vor; da erhielt er einen Brief Heinrich Springes, der ihn bat, diesmal einen Teil der Ferien zu Hause zu verbringen, da er verschiedenes mit ihm zu besprechen habe, das am angenehmsten an Ort und Stelle seine Erledigung fände. Es war ihm nicht sympathisch. Aber er mochte auch den alten Freund nicht vor den Kopf stoßen und reiste an einem der nächsten Tage ab. — —

Für Hannes war das letzte Jahr wie das vorletzte geblieben. Sie nahm das Studium mit einem Ernst, der weit über ihre achtzehn Jahre ging, und wenn sich Ermüdung einstellte, dachte sie an den Geliebten, lächelte jede Mattigkeit hinweg und sprach vor sich hin: »Ich tue es ja nicht für mich, ich tue es ja für ihn.«

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