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Die vom Niederrhein

Erstes Buch

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Erstes Kapitel

Schiefergrau schob der Rhein seine Wassermassen an Düsseldorf vorbei. Er zwängte sich stöhnend durch die Joche der alten Schiffsbrücke und entpreßte den Bohlen und Planken der bauchigen Brückenkähne denselben hellsingenden, melancholischen Ton, den einst der lustige Bergwind dem Holze entlockte, als es noch mit quellenden, steigenden Säften auf einsamen Nordlandshöhen oder grünen Schwarzwaldgipfeln seine Kronen wiegte. Ausströmend fand er seine Gelassenheit zurück, trieb schwerfällig an dem roten Schloßturm der schönen Jakobe von Baden vorüber, der als altes Wahrzeichen der Stadt in die neue Zeit mit ihrer alles glättenden, die Erinnerungen auslöschenden Verschönerungssucht glücklich sich hinübergerettet hat, und nahm die Parade ab über einen zusammengewürfelten Haufen baufällig scheinender Hütten und Baracken, die sich wie eine Zigeunerhorde an die massigen Hüften ihrer Nährmutter, den kalt und erhaben seine Umgebung beherrschenden Bau der Kunstakademie, herandrängten. Dann tauschte er kurz Red’ und Antwort mit dem leisquellenden Wasser des Sicherheitshafens, überströmte kräftig den Rand der Golzheimer Insel, große Lachen in dem sandigen Boden zurücklassend, und entschwand nahe Kaiserswerth, der alten, efeuumsponnenen Feste, die einst Pipin erbaute und die die Entführung des vierten Heinrich sah, in einem scharfen Bogen gen Holland.

Unaufhörlich ging der Regen nieder. In der Nacht hatte er begonnen, und jetzt, nachdem die Glocken der Stadt längst Mittag verkündet hatten, zeigte er sich noch keineswegs zur Rast gewillt. Wer aus dem Rheintor heraustrat, sah Strom und Ebene, soweit der Blick reichte, in einen engmaschigen, grauen Schleier gehüllt, der nur dicht über dem Wasser eine langgestreckte, silberne Kante aufwies, den zitternden Reflex, den der beständige scharfe Anprall der Regentropfen auf der Wasserfläche schuf. Die Häuser der Ortschaft Oberkassel jenseit der Schiffbrücke — »auf der anderen Seit’« sagt der Eingeborene — waren nur als dunkle Schattenmassen erkennbar, und die Pappeln, Erlen und Weiden, die dem Stromlauf folgen und dem Bild des Niederrheins den besonderen Charakter geben, geisterten nur wie spindeldürre Finger durch die Luft, wenn eine schwächliche Brise den Regen zu Tal drückte.

Die ganze Atmosphäre war gesättigt mit jener feuchten, weichlichen Wärme, die das Menschenblut zur Unrast treibt.

Kein Ton als das einförmige Triefen des Regens, das Singen des Brückenholzes und zeitweilig ein dumpfes Aufbegehren der drängenden Wassermassen im Strombett oder an den Bordschwellen.

Jetzt zitterten die sentimental näselnden Laute einer Handharmonika hindurch. In der Deckskajüte eines am Kai verankerten Schleppkahnes rekelte sich die lange, verwitterte Gestalt des Schiffers auf dem Rücken. Über den Kopf hielt er mit ausgestreckten Armen die Harmonika, auf der er schläfrig allerlei Volksweisen improvisierte, wie sie just unter dem Griff der hin und her stolpernden Finger herauskamen. Durch das weitgeöffnete Hemd lugte unbekümmert die zottig behaarte Brust, ein schmaler Gurt schnürte die englischen Lederhosen über den Hüften kraus zusammen, an den Füßen, die in graublauen Socken staken, tanzten im Takt der Musik rote Plüschpantoffeln.

»Lambert!« tönte rufend eine Frauenstimme aus dem Unterdecksraum.

Der Schiffer war viel zu faul, eine Antwort zu geben.

Ein Kopf wurde in der Treppenluke sichtbar.

»Wat machste, Lambert?«

»Musik,« tönte es lakonisch zurück.

»Ach e nee,« machte die Frau höhnisch verwundert und kletterte nach oben, »wat du nich sagst! Ich hatt’ jejlaubt, du tätst schnarchen!«

»Domm’ Grielächer,« schimpfte der Rheinschiffer, drehte ihr seine Kehrseite zu und versuchte, auf dem Bauche liegend, weiterzuspielen.

Die Frau prüfte das Wetter.

»Jesus Maria Jusepp, wat es dat en Leid! Et rejent un et rejent.«

»Kuns’stück,« entgegnete verächtlich der Harmonikaspieler und zog die Register zu einem kläglichen Gewimmer. Mehr sagte er nicht.

Die Frau sah über die Achsel zurück und wartete.

»Du,« sagte sie nach einer Weile, in der nur noch das Surren des Regens vernehmlich war, und tippte den Gefährten mit dem holzbeschuhten Fuß in die Seite, »spürste noch nix oder spürste jet? Mr kann sich an de eigene Schlauheit verfresse, wenn mr kein Lust hat. Wat es dat also mit dem ›Kuns’stück‹?«

»Och, Tring,« höhnte der Ehegatte, »ich jlöw, du bis us Dülken jebürtig, wo die Gecke herkomme. Solang ich auf dem Rhing fahr un mein Vader un mein Bestevader: wenn mr von Kölle zu Tal kommt, oder von Wesel zu Berg, un et e su rejent wie heut, am heilige Sonntag et e su rejent, na, wat es dann?« Er machte eine schlappe Viertelwendung und gähnte. »Domm’ Dier, die Sank-Sebastian-Brüder in Düsseldorf feiern Schützenfest! Den ihre Schutzpatron, dat is ene brave Heilige. Dä will nich, dat en Malör passiert, deshalb speuzt er ihne dat Pulver naß.«

»Da tät ich doch hinlaufe und mich aufnehme lasse in die Brüderschaft.«

»Ich hau dat nich nüdig.«

»Ah so! E nee — — jewiß nicht — —« machte die Vierschrötige maliziös. Und mit einem Achselzucken: »ful’ Thommes!«

Dann retirierte sie, mit den Holzpantoffeln klappernd, lachend unter Deck.

Der Schiffer gab sich gar nicht erst die Mühe, über ihre Reden nachzudenken. Er blinzelte noch einmal nach dem Häusergewirr der Altstadt, über deren Dächern der Regen wie ein Dampf lag, und schlief ein. Er hielt seinen Sonntag. — —

Über die Kaimauer gelehnt, hatte ein junger Mann den Diskurs der beiden belustigt mit angehört. Der Regen füllte die Krempe seines Hutes und rann an dem schwarzglänzenden, eleganten Gummimantel glatt herab. Er achtete nicht darauf. Das schmalgeschnittene Gesicht — eher das eines Knaben als eines Neunzehnjährigen — war durch das Wetter leicht gerötet, das dichte, braune Haar klebte auf der Stirn, die dunkelgrauen Augen blickten klar und fest. Diese Augen machten die feine Jugendlichkeit der Züge wieder wett. Sie verliehen eine Reife, die von den weichen, knabenhaften Bewegungen seltsam abstach.

Der junge Spaziergänger richtete sich auf. Er schüttelte sich, daß die Tropfen ihn umzischten, und sog dann mit Nüstern und Lungen den charakteristischen Duft des Rheintals ein, den Duft, der zwischen Teer und Algen die Mitte hält.

»Düsseldorfer Luft!« dachte er stolz. »Ich glaub’, ich würde zu Grunde gehen, wenn mir die auf die Dauer entzogen werden sollt’.«

Er dehnte und reckte Arme und Körper.

»Was die Leute nur immer von der Schönheit des Oberrheins fabeln! Diese Spießbürger haben nur Sinn für das, was ihnen recht augenfällig auf dem Präsentierteller entgegengetragen wird. Aber hier? Wenn’s dort hinten über die weiten, einsamen Wiesen huscht, über die Wasserarme, um die Erlenbestände? Und der Horizont ganz, ganz fern — —. Was liegt da alles drin an Unerklärlichem, Schönem, Sehnsuchtsvollem — an Poesie — —. Schreien möcht’ man, schreien!«

Er fuhr sich mit dem nassen Rockärmel über das erhitzte Gesicht; das kühlte ihn auf der Stelle ab.

»Na ja,« dachte er weiter, »bist schon ein rechter Heimatsmensch, dem die Scholle nicht von der Stiefelsohle geht!«

Er lauschte.

Aus der Ferne klangen die verwehten Töne eines marschierenden Musikkorps. Nur die große Trommel und die Becken brachen sich vorläufig Bahn.

»Bumm, bumm, bumm — — —«

»Zingda, zingda, zingda, zingda!«

»Aha, der Schützenzug! Nun geht’s auf den Festplatz. Die Kirmeß gehört dazu, die gehört zur Volkspoesie des Niederrheins. Vorwärts, ›Hans der Träumer‹!«

Und der junge, hübsche Mensch versenkte die Hände in den schräg anliegenden Taschen seines Gummimantels und schritt im Takt der unablässig herüberdröhnenden Paukenschläge, den Kopf zur Abwehr des Regens leicht vorgebeugt, die Melodie des Schützenmarsches pfeifend, den Kai entlang. Er umging die Schleife des Sicherheitshafens, konnte sich nicht enthalten, die wenigen Schritte zum Eiskellerberg hinaufzuspringen, um noch einmal das Auge über das in den Konturen verschwimmende Rheinpanorama schweifen zu lassen, und durchquerte darauf die Anlagen des Hofgartens, um die kürzeste Straße nach dem Festplatz auf dem Golzheimer Gelände zu gewinnen.

Das Straßenbild hatte sich mit einem Schlage verändert. Die gute Düsseldorfer Bürgerschaft, vor allem der hier von alters her kräftig gedeihende Mittelstand, stets bereit, jede öffentliche Lustbarkeit als eine Art ausgedehnten Familienfestes zu begehen, hatte kaum die ersten Klänge der Schützenmusik vernommen, als sie auch schon mit Kind und Kegel den Ausmarsch begann. Der Regen genierte nicht. Gerade er trug dazu bei, den niederrheinischen Witz zu üben, wenn eine Hausehre couragiert die Kleider hochnahm, um sich durch die nassen Grasrabatten einen Weg zu bahnen, wenn ein Unglücklicher verzweifelt seinem Hut nachsetzte oder ein umgekippter Regenschirm sich in die Lüfte hob.

»Achtung, Pitter, die Menagerie vom Festplatz hält nich dicht. Süch ens: der Storch im Salat!«

»Wat denn! Dat is ’ne Störchin! Awer ’ne komplette.«

»Ach so, Sie sind dat, Frau Schmitz? Nix för ongot!«

»Da — —! Da! — Da ging ’ne Hot heidi! Kß! Kß! Kß!«

Schweißgebadet stürzte der Besitzer vorbei. Ein allgemeines »Ah« empfing ihn.

»Schnelllöper, Schnelllöper!! — Akurat wie Fritz Käpernick! Un alles omsünst. Et werd nich emol affjesammelt.«

Der umgekippte, vom Winde hochgehobene Regenschirm wurde von der Menschenkolonne mit staunendem: »Luffballon — —! Hurra: Luffballon!« begrüßt.

»Minsch, Minsch,« kreischte einer aus der Menge, »wat ham’mer en Freud!«

Und sofort fiel der ganze Chorus ein: »Wat ham’mer en Freud!«

Alles elektrisiert. Sommerliche Karnevalsstimmung.

Und von der Flanke her immer näher, dröhnender und gellender, die Musik.

»Bumm, bumm, bumm — — —«

»Zingda, zingda, zingda, zingda!« — —

Der junge Naturschwärmer vom Rheinkai befand sich bald inmitten der Menschenstauung, die an der Ehrenpforte zwischen dem eigentlichen Schützenplatz und der mit Jahrmarktbuden und Schaustellungen jeder Art besetzten Festwiese den Einzug der Sankt Sebastianus- und der ihr verwandten Gilden erwartete. Altem Brauche nach hatten die Schützenbrüderschaften am Vormittag das Hochamt gehört. Nun zogen sie heran, mit Gott und der Welt eines frohen Sinns. Die »gedienten« Leute faßten Tritt, die übrigen stampften lachend und plaudernd hinterdrein, die Beine in weißen Leinenhosen, »Porzellanbuxen«, wie sie der Volkswitz nennt, dazu schwarzer Bratenrock und Zylinder aller Dimensionen. Auch grünes Jägerhabit und Lodenhut mischte sich darunter. Die Büchse geschultert, die Musik vor den Fahnenzügen verteilt, dahinter der Schützenkönig des vergangenen Jahres, ein biederer Handwerksmeister mit einer fast über seine Kräfte gehenden Hoheitsmiene, mehr einem Fürsten von Gottes Gnaden ähnlich als dem Menschenpack, dem er morgen wieder die Schuhe flecken und sohlen würde, so schwand der Zug — Gewerbetreibende, Kaufleute, Künstler — mit einer Salve derber Zurufe und lustiger Grußworte überschüttet, durch die Ehrenpforte, um sich bald darauf an den Schießständen zu verteilen und das Königsschießen für das neue Schützenjahr zu beginnen. Wer von den Zuschauern Karten für den Schützenplatz erworben hatte, drängte nach. Der Rest, meist junges Volk aller Stände, verteilte sich auf der Festwiese, auf der jetzt, nach Beendigung des nachmittaglichen Gottesdienstes, die Bierzelte eröffnet wurden, die Jahrmarktsbuden zur Schau einluden, die Karussells ihre verstimmten Orgeln auf die Nerven losließen, die Clownkapelle des Kölner Hänneschentheaters ihre ohrenzerreißende Musik anhob, die Glocken bimmelten und die Aufrufer mit heiserer, in der Fistel jäh versagender Stimme unermüdlich das schiebende, stoßende, lachende, kreischende Publikum zum Besuch anfeuerten: »Hier herein, meine Herrschaften! Das muß man gesehen haben! Das muß man mitgemacht haben! Das muß man seinen Kindern und Kindeskindern erzählen können! Das gehört unbedingt zur Bildung! Herein, meine Herrschaften; das größte Schwein der Welt für zehn Pfennige — —!«

»Hallo, Steinherr, hierher!«

Der junge Mann im Gummimantel, der strahlend vor Vergnügen im dichtesten Trubel eingekeilt stand, hob sich auf den Zehen, um über die Köpfe der anderen hinweg die Rufenden zu erspähen. Jetzt hatte er sie entdeckt und winkte ihnen mit der Hand zu.

»Ich kann hier nicht heraus!« rief er. »Keine Möglichkeit.«

Aber schon hatte einer der außerhalb des Ringes stehenden jungen Herren einen anderen auf die Schulter gehoben, der nun von oben herab mit seinem Spazierstock nach Steinherr angelte.

»Schnappen Sie zu, Steinherr! Wir ziehen.«

»Das Angeln an dieser Stelle ist verboten!« schrie einer aus der Menge.

»Awer doch niemals för de Jeistlichkeit. Die hat dat Angelprivileg,« mischte sich ein anderer ein.

»Wo is denn hier Jeistlichkeit?«

»Sühst du denn nich? Dat Jungken hät doch ’ne lange Rock, so schwarz wie nur ’ne Deuwel oder ’ne Kaplan.«

»Oha!« rief dem Spottvogel ein dritter zu, »komm du nur morjen in die Beicht’. Dir kann’t sehr jut gehen!«

Dann ließ man Steinherr bereitwillig durch. Ein keckes Wort ist am leichtlebigen Niederrhein eine bessere Hilfe als Obrigkeit und Schutzmannschaft.

Der junge Mann war lachend zu seinen Freunden getreten.

»Guten Tag, meine Herren. Was? Ein fideles Leben hier. Sie haben wirklich Glück mit Ihrer Garnisonstadt. Wollen Sie mich auf Ihren Bummel mitnehmen?«

Die jungen Leutnants in elegantem Zivil — ein paar Neununddreißiger und ein paar Fünfter Ulanen — die, wie das ganze Offizierkorps, im Hause des Großindustriellen Steinherr fleißig verkehrten, nahmen den Sohn des Hauses in ihre Mitte und zogen weiter auf Abenteuer aus, wie der Tag es gebot.

»Na, wenn Sie zu Ostern Ihr Abitur haben, Steinherr, werden Sie doch auch bei uns bleiben. Welchem Regiment wollen Sie denn die Ehre schenken?«

Hans Steinherr schüttelte den Kopf.

»Sprechen wir um Gottes willen nicht davon. Ich habe genug darüber zu Hause zu hören. Es ist ja selbstverständlich eine hohe Ehre, Offizier zu sein, aber — aber es gibt doch auch noch andere hohe Ehren.«

»I natürlich! Zum Beispiel: Sohn des Hauses Steinherr zu sein.«

»Die schönste Frau Düsseldorfs zur Mama zu haben.«

»Und selbst ein so verteufelt hübscher Bengel —«

»Stopp, stopp, meine Herren; ich akzeptiere nur die Ehre, die meine Mama betrifft.«

Er nahm dankend, etwas verlegen, den Hut ab. Die jungen Offiziere warfen übermütig salutierend die Hand an die Hutkrempe. —

Die Julisonne arbeitete sich nun doch noch durch. Ihre Strahlen brachen in die letzten Regenschauer, und alle Feuchtigkeit, die noch zwischen den grauen Wolkenfetzen und dem morastigen Erdboden schwebte, wurde aufgesogen. Ein prachtvoller Regenbogen, in den klarsten Farben prangend, spannte sich von der Golzheimer Insel bis weit hinein in die Stadt Düsseldorf.

Die jungen Leute hatten die Zeltgassen durchquert, sehr feierlich das Kölner Hänneschentheater und etwas weniger ehrerbietig die Riesendame besichtigt, hatten sich elektrisieren und photographieren lassen, dann, um die Kraft der Muskeln zu erproben, ein Dutzendmal »den kleinen Lukas gehauen« und sich kindisch gefreut, wenn unter dem schweren Hammerschlag die Metallscheibe an der Stange emporsauste und an der Spitze die Glocke anschlug. Sie hatten in den Schießbuden holländische Tonpfeifen zerschossen und allerlei sonderliche Artigkeiten mit den Schießbudenmädels ausgetauscht, waren juchzend auf dem Karussell gefahren, immer zu zweit auf dem mächtigen Rücken eines hölzernen Löwen oder einer springenden Pantherkatze, und hatten so viel Allotria getrieben, wie überschüssige Jugendlust unter dem Eindruck einer Festwiese, sinnverwirrenden Lärms und ausgelassenster Kirmesfreiheit es nur vermag.

Hans Steinherr war immer mitgezogen. Er lärmte nicht, wie die übrigen, aber er genoß innerlich alles und jedes doppelt. Sein feines Knabengesicht glühte, seine Nasenflügel spannten sich, sein Herz hämmerte vor Lust. In ihm quoll etwas empor, was er noch nie mit solcher Macht gespürt hatte. Es war ein Kraftgefühl ohnegleichen, ein Gefühl, etwas Unerhörtes zu vollbringen. Noch nie hatte er so die Freiheit genossen, so stark den Puls des Lebens empfunden. Ein reiches Muttersöhnchen, hatte er sich zumeist mit einem Blick aus der Vogelschau begnügt und das Fehlende dem Spiel der Phantasie zur Ergänzung überlassen. Nun stand er dem Volksleben Brust an Brust gegenüber, fein farbendurstiger Sinn trank sich einen Rausch, sein niederrheinisch Blut, das so schön in Zucht und Ordnung gehalten worden war, klopfte ihm von den Fingerspitzen bis in die Schläfen.

Eine mächtige Wasserlache hatte sich diesseit des Engpasses, der schmalen Landzunge, die das Inselterrain mit dem Stadtgebiet verband, angesammelt. Drüben stand ein junges Mädchen, braun wie eine Kastanie, dem Alter nach ein Kind, fünfzehnjährig. Aber das fadendünne Sommerkleid, das erste fußlange wohl, das sie trug, spannte sich schon unter dem Druck heimlich drängender Formen. Der altmodisch breite Schäferhut aus gebleichtem Stroh saß auf einem Paar Flechten, deren volle Enden bis in die Kniekehlen schlugen. Sie ließ die verträumten Augen über die breite Wasserlache nach dem lärmenden Zeltlager schweifen und pendelte mit dem kleinen Fuß, der in derbem Leder stak, über den Rand der Sandleiste.

Steinherrs Gesellschaft war herangekommen und rief dem hübschen Kinde Scherzworte zu. Einer begann das Lied von den zwei Königskindern:

»Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief.«

Da setzte Hans Steinherr, einer impulsiven Regung nachgebend, im Sprungschritt durch das Wasser, daß die Tropfen ihm um die Ohren flogen, erreichte atemlos den jenseitigen Rand, schlang den Arm um die Kniee der überrumpelten Kleinen, hob das heftig sich wehrende Geschöpfchen empor und watete zurück, unbekümmert darum, daß das aufklatschende Wasser ihm die Beinkleider verdarb und ihm in die Stiefel rann.

Die jungen Offiziere begleiteten als einzige Zuschauer den Vorgang mit lautem Hallo. Aber das zarte Ding erwies sich als eine ungefügige Wildkatze. Es packte den ungerufenen Ritter, der sich in der Rolle des heiligen Christophorus versuchte, mit beiden kleinen nervigen Fäusten in den Stirnlocken und bedrängte ihn so heftig, daß er fast zum Straucheln kam. Es wurde ihm purpurn vor den Augen. Er spürte das stürmende Blut des jugendlichen Mädchenkörpers dicht über seinem eigenen jugendlichen Herzen, das sich mit einem fremden im Schlag verschmolz. Das war etwas noch nie Empfundenes. Noch nie hatten seine Knabenhände ein Mädchen berührt. Tausend Gefühle durchwühlten ihn in Sekundenschnelle, ließen Duft, Klang und Farbe in ihm entstehen, regten ihn an und verwirrten ihn durch ihre Süße, schlugen ihn gleichzeitig zum Ritter und nahmen ihm die Kraft.

»Ruhig, du, oder ich küß dich!« stieß er plötzlich hervor.

Er wußte selbst nicht, woher er die Worte genommen hatte.

Jetzt setzte er sie am anderen Ufer ab und wischte sich aufatmend die Stirn. Seine Hand war blutig, als er sie zurückzog.

»Die kleine Hexe hat Sie gekratzt?«

Er nickte, verlegen lachend. Daß sie ihn auch empfindlich mit den strampelnden Füßen getreten hatte, behielt er für sich.

Aus den Augenwinkeln sah er scheu nach seiner kleinen Dame, die trotzig Kehrt gemacht hatte, im Begriff, durch das Wasser wieder zurückzuwaten. Er trat zögernd auf sie zu, und sie streifte mit einem hastigen Seitenblick die Schramme auf seiner Stirn, dicht unter den lockigen Haarsträhnen.

»Nun?« fragte er mit angenommenem Knabenhochmut.

»Ich will hier nicht sein,« brachte sie hervor, und die dunkelblauen Kinderaugen verschleierten sich.

Da hob er sie, als könnte das gar nicht anders sein, zum zweiten Male auf und trug sie stumm, mit zusammengebissenen Zähnen, zurück. Sie schien ihm schwerer als vorhin, obwohl sie sich nicht regte. Drüben setzte er sie behutsam ab. Einen Herzschlag lang standen sie sich schweigend und verstört gegenüber und sahen sich an. Dann nahm er, wie er es im Salon seiner schönen Mama zu tun pflegte, die Mädchenhand, die noch in der seinen lag, und führte sie an die Lippen.

Hui, flog die Kleine davon, als wäre sie nie gewesen. Die Zöpfe flatterten hinter ihr drein und sprühten Funken in der tiefstehenden Sonne. Fort war sie.

Und Hans Steinherr, ohne sich um die zurückbleibende Gesellschaft zu kümmern, die bereits mit einem Rudel flügger Mädel kokettierte, wandte der Festwiese den Rücken und ging den Weg zurück, den er am Nachmittag gekommen war. Durch den Hofgarten schritt er und über den Eiskellerberg, immer weiter, den abendlich stillen Kai entlang, den geliebten Rhein zu Füßen, nichts hörend, nichts sehend; mit den Augen eines, der unvermutet in die Wunder eines Feenlandes geblickt.

Als er die Schiffbrücke erreicht hatte, betrat er, noch immer ganz versunken in seinen rätselhaften Zustand, die schwanken Bohlen. Er hatte schon ein paar Schritte zurückgelegt, als er hinter sich einen kurzen, groben Zuruf vernahm. Er fuhr zusammen, wachte auf und wandte sich um. Was wollte denn nur der gestikulierende Mensch von ihm?

»Sie, jong Här, dat Brückengeld schaffen Sie allein auch nich aus der Welt!«

Ach so, er hatte vergessen, den Brückenzoll zu entrichten. Brückenzoll? Wo war er denn und wohin wollte er nur? Unter ihm plauderte der Rhein so geschäftig, wie er ihn nie glaubte gehört zu haben: Neuigkeiten, Heimlichkeiten. Und er dachte: Sag’s nur laut, Alter, ich versteh’ dich doch. Dabei lächelte er ganz still in sich hinein, denn er wußte gar nichts. Nur so verwandt fühlte er sich plötzlich mit all dem Leben und Weben der Natur um sich her, so vertraut, so zugehörig.

Er kehrte zum Brückenhäuschen zurück, ließ sich, während er den Zoll entrichtete, ruhig den mißtrauisch prüfenden Blick des Einnehmers gefallen und nahm den Weg wieder auf. Mit einem Male zuckte ihm ein Marschtempo in den Beinen. Und sofort streckte er den schlanken Leib, richtete sich auf der Brücke zusammen und marschierte in dröhnendem Taktschritt ab. Dabei sang er aus voller Kehle.

Der Wärter sah ihm kopfschüttelnd nach.

»De hät bereits Öwerfracht,« meinte er zum Einnehmer und machte mit dem zerkauten Ende seines Pfeifenstiels eine bezeichnende Geste nach der Gegend des Schützenplatzes.

Hans Steinherr aber schritt unbekümmert seines Wegs. Er hatte sein Marschtempo noch beibehalten, als er schon längst in den Fußweg linker Hand eingebogen war und in den Rheinwiesen wanderte. Seinen ganzen Vorrat von Volksliedern sang er herunter. Wie die Glieder einer Kette ließ er sie aneinander anschließen, ob sie passen wollten oder nicht. Er fühlte sich kindisch wie ein Abcschütze und abgeklärt wie ein Greis. Wie seltsam weich die Luft war! Wie Samt. Und gerade so war’s in seinem Innern. Ganz, ganz weich .... Und mitten in seiner Freude ertappte er sich dabei, wie er ein paarmal heftig schluckte. — So bemitleidenswert kam er sich plötzlich vor, trotz seiner Gehobenheit.

»Heißa, heißa!« schrie er laut hinaus und begann ein tolles Rennen. Diese verrückte Sommerabendstimmung wollte er schon unterkriegen.

Nun stand er, festgebannt. Vor ihm flammte ein Hochofen des Industriedorfes Heerdt, aber doch nur wie ein Widerschein der feurigen Lohe, die über der altertümlichen Stadt Neuß und ihrem ragenden Dome lag.

Die untergehende Sonne.

Mit gefalteten Händen stand er, den Hut unterm Arm, feierlich, unbeweglich, staunend, als hätte er nie zuvor das Himmelsschauspiel genossen. Tönten nicht auch Harmonien um ihn her? Er horchte gespannt und erschauerte. Was war das? Hatten sich seine Sinne verfeinert? Konnte er die Sonne singen hören und die Farben gleichsam als Duft empfinden? Seit wann, seit wann — —? Darüber grübelte er nach und hörte sein Herz schwere Schläge tun.

Der Sonnenball war gesunken und entschwunden. Aber die Luft war noch vollgesogen von dem Licht, das erst mählich zerfloß. Dann blinzelten ein paar Sterne, und das Wasser warf ihr Bild zurück. Es sah aus, als ob auf dem Rhein Irrlichter schwämmen, kein Hauch weit und breit.

Behutsam, als ob er den Gottesfrieden nicht stören dürfe, glitt Hans Steinherr auf einen Weidenbaum zu, der in phantastischer Gestaltung aus dem Ufersande ragte. Hier stand er, den Arm um den Stamm geschlungen und lauschte. Er belauschte die neue Welt, die sich vor ihm aufgetan und die ihn doch vor kurzem noch die alte dünkte. Und er belauschte den neuen Menschen, der sich da heimlich in ihm regte und dehnte und alles mit seinem Wesen zu erfüllen trachtete.

In der Ferne sah er ein Licht auftauchen. Es kam stromab und wuchs schnell heran. Jetzt unterschied er die Laterne eines Dampfers, der verspätet zum Hafen eilte. Morgen, in junger Sonne, würde er seine Fahrt zu Tal wieder aufnehmen, dem Meere zu. Mit können — mit können! Und mit den Atemzügen des Rheins, mit den leisen, schmalen Wellen, die das Ufer küßten und entflohen und wiederkamen und wiederkamen, ohne sich greifen zu lassen, durchzitterte ihn die Sehnsucht nach dem Leben.

Er war ganz wach, so wach, daß er sogar den Rhythmus des Rheins mit dem Rhythmus seines Herzens verglich. Das däuchte ihn so wunderlich, daß er am liebsten laut über sich selbst gelacht hätte. Aber er traute sich nicht. Er hatte auch gar keine Zeit dazu, denn er mußte ja die Rhythmen in Worte kleiden. Er mußte, mußte! Es war ein Zwang und eine Befreiung. Süß, herb; trotzig, weich. Dann sprach er eine Weile atemlos vor sich hin, und plötzlich sprang er auf.

Beschämt; selig. Heiß bis unter die Haarwurzeln.

Er, Hans Steinherr, der Primaner, der Ostern ins Examen steigen würde, hatte ein Gedicht vollbracht, sein erstes, allererstes — —! Es handelte vom Rhein, dem alten, dem geliebten Rhein. Und — überdies noch von — — Liebe — Liebe? Was war denn das für ein Begriff? Wie? He? Antwort!

»Ach was, ich weiß nicht,« lachte Hans laut hinaus, und einem neuen jähen Übermutsdrange folgend, rannte er wie ein Füllen durch die im Mondschein glänzende Wiese und rastete nicht, bis er den ersten Tanzsaal Oberkassels an der Schiffsbrücke erreicht hatte, aus dem Juchzen und Stampfen in die Nacht hinaus scholl.

»Wenn die Mama ihren wohlerzogenen Sohn so sehen würde,« dachte er. »Sie würde es nicht glauben.«

»Und ich glaub’s fast selber nicht,« fügte er laut hinzu. »Herr Gott, ich war doch den ganzen Nachmittag in Gesellschaft von Offizieren. Bis — nun — bis — Ach, was geht mich die kleine Kröte an? Frech war sie und — Donnerwetter, wie lieb so ’n Ding ist, wie — wie — — Hans, du hast einen Schwips!«

Nun wollte er sich vor Lachen ausschütten. Er war wie ausgewechselt. Dann hörte er aufmerksam der Tanzmusik zu, die aus den geöffneten Fenstern des Wirtshauses drang; ganz ernsthaft, als horchte er auf eine Offenbarung. Er unterschied deutlich die Uniformen der Husaren, der Ulanen, der Infanteristen, sah die gebräunten Gesichter der wackeren rheinischen Jungens, die, stolz auf ihr »zweierlei Tuch«, den Ballsaal beherrschten und den Kopf so dicht über die brennendroten Wangen ihrer Tänzerinnen gereckt hielten, daß diese nicht wußten wohin damit, um den vielen genierlichen Tanzküßchen zu entgehen. Mitten im Saale entstand eine Stockung. Ein Zivilist hatte die Kühnheit gehabt, von der Schönen eines kleinen, windigen Neununddreißigers eine Extratour zu begehren. Der Soldat lehnte verächtlich ab. Ein Wortwechsel folgte, in dem der Soldat »Rheinkadett« und der Zivilist »Sandhase« schimpfte; eine kurze, aber umso schnellere Prügelei — und alles tanzte mit verdoppelter Hingebung weiter. Die Leute hatten nicht viel Zeit, sie mußten pünktlich, zur Sekunde, in den Kasernen sein.

Hans Steinherr lauschte mit glänzenden Augen. Was war das für ein Tag! Und heute mittag erst hatte er ein Loblied auf das niederrheinische Land angestimmt und sich einen Heimatsmenschen genannt. Kannte er denn diese Heimat? Mit Ausnahme der Szenerie? War das nicht vielleicht, rein äußerlich, der ererbte Stolz auf die Vaterstadt, auf sein Düsseldorf gewesen?

Und plötzlich packte ihn der Wunsch nach lauter, lustiger Kumpanei.

Es fiel ihm ein, daß er sich als Schüler des Gymnasiums des Wirtshausbesuches zu enthalten habe. Bisher hatte er das nicht als Entbehrung empfunden. Zu Hause herrschte genug geselliges Treiben, und die Mama liebte keine Extravaganzen an ihrem Sohne. In diesem Augenblicke kam ihm das gesellschaftliche Leben daheim wie bestellte Schablonenarbeit vor. Er hätte die Komplimente und Gesprächsthemen am Schnürchen hersagen können. Alles sehr hübsch, sehr witzig sogar. Aber das wahrhaft Rassige, das durch alle sieben Himmel Jauchzende, das Ursprüngliche fehlte. Der Inhalt und Ausdruck der Jugend. — Hans verspürte zum ersten Male seine neunzehn Jahre.

»Verwünschtes Pennal,« murrte er. »Na warte, noch ein Semester, und ich habe dich für ewig im Rücken.«

Wohin also nun?

Ihm fiel der »Malkasten« ein. Sein Vater gehörte der Künstlergesellschaft als passives Mitglied an. Bei Tisch hatte er davon gesprochen, heute abend, wenn das Wetter sich klären würde, im Garten des Malkastens, dem alten, schönen Jacobischen Park, in dem auch Goethe einst gelustwandelt, mit einigen Herren eine Bowle zu trinken.

Also zum »Malkasten«, so schnell ihn die Füße trugen.

Der Brückenwärter auf der Düsseldorfer Seite, an dem er vorüberrannte, schien ihn wiederzuerkennen. »Hä ’s ömmer noch jeck,« knurrte er und machte ironisch einen Sprung beiseite. —

Außer Atem langte Hans vor dem Malkasten an. Hastig öffnete er das Gittertor und prallte heftig gegen einen Herrn, der es ebenso eilig zu haben schien, hinauszukommen, wie der andere hinein.

»Hoppla, Verehrtester!« rief der Herr lachend und faßte ihn mit beiden Händen um die Taille. »Um ein Haar, und Sie hätten sich ins Unglück gestürzt. Sagen Sie mal, Sie wollen doch nicht ernsthaft da hinein? Zu den Neunmalweisen in der phrygischen Mütze mit der Troddel dran? Junger, junger Mann!«

»Das beabsichtige ich freilich,« versetzte Hans Steinherr kurz.

Der andere aber ließ sich durch den Ton des Gekränktseins nicht abschrecken. Er führte den Jüngling unter die nächste Laterne und sah ihm mit gemachtem Ernst eindringlich in die Augen. Dabei parodierte er die Schülerszene des Faust: »Ihr seid allhier erst kurze Zeit und kommet voll Ergebenheit. — Denn ich sah Sie noch nie vordem, Verehrtester. — Ihr kommt mit allem guten Mut, leidlichem Geld und frischem Blut. Möchtet gern was Rechts hier außen lernen. — Sehen Sie, wenn ich der Mephistopheles wäre, für den sie mich da drinnen verschreien, so müßte ich jetzt mit Salbung sagen: Da seid Ihr eben recht am Ort. Aber das wäre verdammt gelogen. Weisheit ist nicht verdaulicher, wenn sie altbacken genossen wird. Und nun entscheiden Sie sich. Wollen Sie hinein zu den Perücken, die Simson, als er die Philister erschlug, übersah, weil er sie für Haubenstöcke hielt, oder wollen Sie mit mir, in irgend eine Vagabundenschenke, aber unter Geschöpfe Gottes, die lebendiges Fleisch auf dem Gebein haben.«

»Vorwärts,« bestimmte Hans und schob resolut den Arm in den des Unbekannten. Nach den vielen Wundern des Tages hatte er das Verwundern verlernt. Zudem: der Mann imponierte ihm.

Der aber streifte den schnell Vertraulichen von oben herab mit einem kurzen, prüfenden Blick und schritt, ohne von seinem Begleiter vorderhand weiter Notiz zu nehmen, eine italienische Opernarie summend, durch die Straßen, die zur Altstadt führten.

Hans Steinherr hatte unterwegs Gelegenheit genug, den ihm so plötzlich bescherten Wandergefährten mit Muße zu betrachten. Es war eine schlanke, sehnige Figur, nach neuester Mode gekleidet. Aber die Eleganz wurde mit solcher Selbstverständlichkeit getragen, daß sie nicht weiter auffiel. Der Kopf war der eines vornehmen Mannes; scharf geschnitten, mit vorspringender Hakennase, unter die sich ein weicher, blonder Schnurrbart schmiegte; mit blauen, echten Germanenaugen, deren Blick Kühnheit und Intelligenz, und einem Munde, dessen weiche und doch charakteristische Linie Lebenslust und Spottsucht verriet. Das Alter war unbestimmbar. Vielleicht, daß die Schätzung von vierzig Jahren die richtige war, doch sah der Fremde jünger aus. Hans war es übrigens, als müßte er die auffallend vornehme Erscheinung schon des öfteren in Düsseldorf gesehen haben.

Vor ihnen lag die Ratingerstraße, winklig und unregelmäßig, mit ihren engbrüstigen Gebäuden, vorspringenden Erkern und altmodischen Giebeldächern im Mondlicht einem Bilde gleich, das aus der Versunkenheit längst entschwundener Zeiten emporgestiegen schien. Ihre Schritte hallten auf dem holprigen Pflaster und weckten das Echo an der Häuserzeile entlang.

»Was meinen Sie, Verehrtester, dieser Ausschank macht einen höchst vertrauenswürdigen Eindruck.«

Hans fand zwar im stillen, daß das gepriesene Haus eher einer Räuberherberge ähnlich sähe, aber er nickte energisch und trat hinter seinem Begleiter ein.

In dem Tabaksqualm, der, in dichten Streifen übereinander lagernd, die Stube füllte, hielt es schwer, die Umgebung festzustellen. Erst, als sie hinter einem weiß gescheuerten Tisch auf handfesten Holzstühlen saßen, gelang es Hans allmählich, sich zu orientieren. Das Zimmer war mäßig groß, die Decke aus schweren Balken gebildet, die Alter und Rauch tiefbraun gebeizt hatten, die Wände zeigten kaum eine Handbreit der ehemaligen weißen Tünche, mit Kohle, Rötel und Farbe hatten sich Generationen werdender Maler hier al fresco verewigt. Neben dem Eingang prangte das primitive, peinlich sauber gehaltene Büfett, hinter dem das Wirtspaar thronte, der »Baas« in gestrickter Weste und schneeweißen Hemdärmeln, die »jung’ Frau«, eine behäbige Matrone, mit weißer Latzschürze über dem mächtigen Busen. Ein Küferjunge mit vorgeschnalltem Lederstück bediente. Von der Decke hingen große Petroleumlampen nieder, um die sich der Tabakrauch wie der Hof um die Mondscheibe sammelte. Sie leuchteten nieder auf Gerechte und Ungerechte, auf gestikulierende Arbeitsleute im Sonntagstaat und auf gesetzte Bürger; und unter diese mischten sich Prachtexemplare von Düsseldorfer Künstlern, trunkfeste Männer, die mit lautem, nimmermüdem Humor die ganze Wirtschaft dirigierten. Man neckte sich und log sich gegenseitig die unglaublichsten Geschichten vor, mit glänzenden Schalksaugen den Reinfall des Gegners erwartend, und irgend einer bestellte immer wieder eine Runde des köstlich bitterlichen, einheimischen Bieres. Der gehobenen Künstleratmosphäre entsprechend, trugen die beliebtesten Speisen — die Speisekarte wies die stattliche Auswahl von vier Nummern auf — besonders vollklingende Namen. Hans Steinherr wunderte sich, wie häufig am Büfett »ein halber Hahn« beordert wurde, bis er dahinter kam, daß dies hochtönende Gericht aus einem halben Roggenbrötchen mit Holländer Käse bestand.

Hansens Begleiter schien hier eine wohlbekannte und von allen respektierte Erscheinung zu sein. Die älteren Maler begrüßten ihn mit kräftigem Händedruck und ebenso kräftigem Scherzwort. Einige der jüngeren, die sonst der Ansicht huldigten, das echte Künstlertum müsse unbedingt durch rauhbeinige Manieren bewiesen werden, verstiegen sich sogar zu einer Bewegung, die eine Verbeugung ausdrücken sollte.

Hans traute seinen Augen nicht. Der Kellnerjunge brachte eine Flasche Sekt, und keiner der mundfertigen demokratischen Geister ringsum schien gegen diese Reglementswidrigkeit auch nur das geringste einzuwenden zu haben. Der Gastgeber schenkte die beiden Gläser voll und stieß mit dem jungen Manne an.

»Entschuldigen Sie,« stotterte Hans, »ich habe mich noch nicht vorgestellt — —«

»Sind Sie ein anständiger Kerl? Na also! Ich bin’s auch, schmeichle ich mir. Prosit!«

Aber Hans fand es dennoch passender, seinen Namen zu nennen.

»So, so — —. Steinherr. Hm. Übrigens, wenn Ihnen so viel an der Etiketteaufschrift gelegen ist: von Springe. Sagen Sie mal, junger Freund, Sie sind ein Sohn der hochedlen Firma Steinherr, Grafenbergerchaussee? Und wollen Maler werden?«

»Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete Hans bescheiden. »Vorläufig werde ich zu Ostern ins Abiturientenexamen steigen.«

Herr von Springe fuhr erstaunt mit dem Stuhl gegen die Wand.

»Wie? Was? Hör’ ich recht? Ein Pennäler? Sie schlagen sich noch mit Fibel und Schiefertafel herum? Und ich Volksverführer hielt Sie für einen wackeren Lehrling des heiligen Lukas und schleppe Ihre zarte Jugend in diesen Rauchfang? Ah, ich werde Ihrer Frau Mama morgen eine Entschuldigungsvisite machen, damit es keine strammen Hosen setzt. Bitte tausendmal um Verzeihung.«

Purpurne Röte stieg in dem feinen Gesicht des jungen Mannes auf. Dann, sich gewaltsam beherrschend, sagte er so ruhig, wie es ihm nur möglich wurde: »Sie schmeichelten sich vorhin, auch ohne Namensetikettierung als anständiger Mensch zu erscheinen. Nach diesem Überfall muß ich freilich annehmen, daß der Schein trügt. Guten Abend.«

Aber der Effekt seiner Rede entsprach nicht seinen Erwartungen. Herr von Springe lachte, daß die Gäste von ihren Stühlen auffuhren.

»Bravo, bravo, gut gebrüllt, Löwe! So lieb’ ich meine Pappenheimer! Das Kerlchen hat, weiß Gott, Rasse. Hier geblieben, mein Junge, kein schiefes Maul mehr gezogen, du hast vollkommen recht, ich bin ein Verbrecher und gebe dir hiermit feierlichst eine Ehrenerklärung.«

Er hielt ihm das Glas hin, und, halb widerstrebend, halb unwiderstehlich angezogen von dem bannenden Wesen des lachenden Mannes vor ihm, stieß der junge Heißsporn an.

Bevor eine Stunde vergangen war, hatte Hans Steinherr dem Fremden mit den sieghaften Augen alle die rätselvollen Eindrücke des Tages anvertraut, die sein junges Leben erregt hatten wie nie zuvor. Auch das Gedichtchen stammelte er, und von Springe lachte nicht. Er ließ nur seine Augen über ihn hinblitzen, und die Freude an der Unberührtheit dieser jungen Seele, die unbewußt zu Taten drängte, stand ihm auf der Stirn.

»Du bist ein Dichter, mein Sohn.«

»Ich möchte ein Künstler werden, Herr von Springe. Sie — Sie müssen ein großer Künstler sein.«

»Herzlichen Dank für die gute Meinung.«

»Spotten Sie nicht über mich. Aber wer als Mensch so über den Situationen steht —«

»Kindskopf, was weißt du davon!«

Er blickte schweigend in sein Sektglas.

»Die Hauptsache ist, für den Künstler und den Menschen, den Humor an der Sache nicht verlieren.«

»Darf ich Sie besuchen?« schmeichelte Hans.

»Du darfst. Aber jetzt zu Bett, Kleiner, deine Schlafenszeit muß längst da sein.«

Und sie gingen.

So endete der ereignisvollste Tag in Hans Steinherrs bisherigem Leben.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Zweites Kapitel

Der alte Philipp Steinherr, Fabrikbesitzer und Stadtverordneter, hatte klein angefangen. Grauköpfige Düsseldorfer Bürger erinnerten sich sehr wohl noch der kleinen Blechschmiede auf freiem Felde beim Dorfe Bilk, in der er als junger Mann selbst das Handwerk ausgeübt. Mit nie rastendem Ehrgeiz hatte er seinen Hammer geführt. Seine Bildung hatte er mit zähem Eifer in abendlichen Fortbildungsschulen und durch unablässiges Selbststudium vervollkommnet. Kein Gebiet der über Nacht emporblühenden Technik durfte ihm verschlossen bleiben, sein Spürsinn witterte das goldene Zeitalter, das die Technik zur Wissenschaft und diese Wissenschaft zur Macht stempeln würde, er sah bereits die neue Morgenröte und richtete sich auf ihren Empfang ein, als alles um ihn her noch im Gleise der alten, guten Zeit fortschlenderte, mit echt rheinischem Leichtsinn die Tage hinnahm, wie sie kamen, und — als Hauptsache dieses Erdendaseins — die Feste feierte, wie sie fielen. Philipp Steinherr hatte wenig Feste gefeiert. Seine Gedanken waren zeitlebens auf den Erwerb gerichtet gewesen, auf den Erwerb mit allen Mitteln, die er für seinen Zweck tauglich befand. Der aber war eben der Erwerb, der Konkurrenzkampf, der Aufstieg aus den Niederungen des Lebens zu den Höhen der Besitzenden. Das Wort des Marschalls von Danzig, der auf die hochmütige Frage eines Junkers, ob er sich in der Zahl der Ahnen mit ihm messen könne, schlagend erwiderte: »Nein, aber ich bin ein Ahne,« hatte ihn nicht mehr losgelassen, als er es bei der Lektüre eines Buches gefunden. Der Ahnherr seines Geschlechtes wollte er werden, der bei der Arbeit grübelnde Blechschmied, obwohl er damals noch den Gedanken an Hochzeit machen mit einem geringschätzenden Lächeln abtat. Eins aber wußte er: ein neues Wappenschild richtet man am leichtesten auf heruntergerissenen alten auf, im Kampf der Schlachten wie im Kampf der Industrie. Nur keine Sentimentalitäten beim Geschäft! Man konnte über Leichen schreiten und dennoch ein achtbarer Mann bleiben.

Das hatte Philipp Steinherr in seinem ganzen Leben bewiesen. Als junger dreißigjähriger Meister erfand er ein billigeres Fabrikationssystem. Er unterbot die Marktpreise so lange, bis er die kleinen Betriebe in der Runde zum Auffliegen gebracht oder von sich abhängig gemacht hatte. Er sog die Kräfte seiner Leute bis zum letzten Blutstropfen aus, entledigte sich ohne Bedenken der verbrauchten, ohne sich über das weitere Schicksal der abgerackerten Alten auch nur einen Gedanken zu machen, und arbeitete, um jeden bösen Leumund zu verstopfen und gleichzeitig seine Leute zur Hergabe der letzten Muskelkraft anzuspornen, mitten unter ihnen mit nie versagender Rüstigkeit. Wenn er an Sonn- und Feiertagen die Messe gehört, gebeichtet und kommuniziert hatte, verschloß er sich tagsüber in seinem kleinen Laboratorium, um Versuche über Versuche anzustellen, und saß Abends über seinen Büchern oder trieb Sprachstudien.

Die Kriegsjahre 1864 und 1866 trugen ihm große Lieferungsaufträge ein. Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn gemacht, der sich zuweilen hier draußen auf den Feldern erging. Wenigstens erschien ihm dazumal der Herr sehr vornehm. Er besaß die kordialen Allüren des etwas heruntergekommenen Edelmannes, die für die unteren Stände stets etwas Bestechendes haben. Dem Meister erzählte er, daß er inspizieren gehe, ob man ihm in der Nacht sein Königreich nicht fortgetragen hätte. Einst habe das ganze Wiesen- und Ackerland, so weit das Auge reiche, seinen Vorfahren gehört, aber der Letzte dieser Biedermänner, sein Herr Vater, habe so gründlich damit aufgeräumt, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrigbliebe. Dieser kleine Fetzen Land, einen Steinwurf groß und völlig unkultivierbar, sei der Rest eines einst fürstlichen Vermögens. Vorläufig aber immer noch viel zu geräumig, um sich jetzt schon darin begraben zu lassen.

Dieser lustige Junker, stets in Geldverlegenheit und nie in Sorge um den kommenden Tag, wurde der Mittelsmann zwischen Philipp Steinherr und den Militärbehörden. Die Konnexionen aus den Zeiten der Väter hatten noch vorgehalten, dem Sprossen der alten, niederrheinischen Familie ein paar kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Als die Schlacht von Königgrätz geschlagen war, hatte Philipp Steinherr den Grundstock zu seinem Vermögen gelegt. Nun konnte er daran denken, eine vorteilhafte Ehe zu schließen. Ihm, dem Fabrikanten, standen die Häuser offen. Er heiratete eine blutjunge Dame, die ihm zwar keine Barmittel, dafür aber einen hochgeachteten Düsseldorfer Namen als Mitgift einbrachte. Er hatte ganz richtig gerechnet. Diese Verbindung brachte ihn vorwärts.

Frau Margot beschenkte ihn im nächstfolgenden Jahre mit einem Sohne und schien damit ihre Pflichten als erledigt zu betrachten. Sie richtete sich mehr und mehr auf die Weltdame ein, was für die im Grunde gut spießbürgerlichen Kreise der Stadt immerhin ein Ereignis war, erhöhte ihre Bedeutung in den Augen der Damenwelt noch durch einen wöchentlichen »Jour«, zu dem sich bald die jungen Offiziere der Garnison und die bessergestellten Elemente der Künstlerschaft drängten, schöngeisterte und flirtete und gewöhnte sich bald an, ihren wenig unterhaltenden Mann lediglich als notwendiges Übel zu betrachten.

Der aber lächelte nur zu dem Tun und Treiben seiner kindischen Gemahlin. Er brauchte ja die Leute, die sie um sich sammelte und durch Koketterien zu fesseln wußte, dann aber — so sehr er sich gegen das Eingeständnis sträubte, fürchtete er sich auch ein klein wenig vor der spöttisch überlegenen Miene der jungen Frau, die so trefflich den Unterschied zwischen Geburt und Erziehung anzudeuten wußte und ihm die mangelnde Lebensart fast greifbar zur Erkenntnis zu bringen vermochte. So ließ er sie gewähren, lebte fürder als Hofmarschall neben ihr hin und machte aus jeder Not eine zinstragende Tugend.

Der Deutsch-französische Krieg brachte den gewaltigen Umschwung und Aufschwung in der Industrie, den Philipp Steinherr seit Jahren vorausgesehen hatte. Die große Zeit fand ihn vorbereitet. Ganz in der Stille war ihm ein epochemachendes neues Verfahren in der Herstellung von Eisenblech geglückt. Als der Tag von Sedan vorüber war und die deutschen Armeen auf Paris rückten, ging auch er zum Angriff über, kühl wie ein Börsenspieler. Es galt, so schnell wie möglich Terrain anzukaufen, das beste, das sich zu großen Fabriksanlagen eignete. Mit mathematischer Sicherheit rechnete er aus: war erst der Krieg siegreich beendet, würde eine wilde Spekulation losbrechen und die Werte der Grundstücke ums Vielfache multiplizieren. Dem galt es zuvorzukommen. Er hatte sein Bargeld und den Kredit für die sofortige, jeden Mitbewerb überflügelnde Inangriffnahme und steigernde Unterhaltung eines weit um sich greifenden Betriebs nötiger.

Aber die Bauern von Bilk waren mißtrauisch. Sie wollten zu Kriegszeiten keine Grund- und Bodengeschäfte machen. Ihr Instinkt gab ihnen Witterung von größeren Verdiensten. Schon nach wenigen Tagen merkte Steinherr, daß ein schlauer Spekulant gleich ihm an der Arbeit war, denn die Bauern nannten unerhörte Preise. Bis zum Winter schlug er sich mit der hartnäckigen Bande herum, dann gab er es auf. Jedoch nur, um nachdrücklich einen anderen Plan durchzuführen, den er bisher nur, einem feinbohrenden Schamgefühl nachgebend, in ganz einsamen Stunden zu streicheln gewagt hatte.

Durch die Freunde seiner Frau, die zur Zernierungsarmee gehörten, hatte er die unumstößlichsten Nachrichten, daß der Fall von Paris nur noch eine Frage von Tagen sein könne. Da opferte er skrupellos die Regungen der Freundschaft. Der fröhliche Mittelsmann, der ihm einst durch die Verschaffung von Armeelieferungen zur Grundlegung seines Wohlstandes verholfen hatte, mußte mit seinem Erbe daran glauben. Das »Königreich«, die paar Hufen Landes, lagen zu beiden Seiten des Bilker Baches langhin gestreckt. Sie waren, wenn die Industrie zur Blüte gelangte, weitaus das günstigste Terrain, nahe genug den Bahnhöfen der Bergisch-Märkischen und der Köln-Mindener Bahn, um sich an diese durch kurze Anschlußgleise anzugliedern.

Philipp Steinherr verließ an diesem Tage die Fabrik vor Feierabend. Er begab sich auf dem kürzesten Weg nach Hause, sicher, den Freund als lustigen Gesellschafter seiner Frau anzutreffen. Er hatte sich nicht getäuscht.

»Du kommst so früh schon?« begrüßte ihn Frau Margot.

»Ich verspürte Lust, ein Stündchen zu verplaudern. Hast du Nachricht von deinem Heinrich?« wandte er sich an den Gast.

»Soeben überbrachte ich der schönen Hausfrau Botschaft von meinem Jungen. Zum Leutnant befördert, vor dem Feinde, und als Marschsoldat ausgerückt. Ja, mein Lieber, so weit hätten wir es mit kaum zwanzig Jahren nicht gebracht, das ist meine Erziehung! Von meinem Alten — Gott hab’ ihn selig — hatte ich, als ich zwanzig zählte, nichts, als mein Königreich im Bilker Feld und einen gehörigen Schuß von seinem Podagra im Blut.«

»Und wenn er zurückkommt? Was wird er beginnen?«

»Er wird sich dieser schönen Hausfrau zu Füßen legen, ganz wie bisher. Das ist auch meine Erziehung,« und er küßte galant die Hand der jungen Frau.

»Margot wird,« entgegnete Steinherr, »vorausgesetzt, daß sie ernstliches Interesse an dem hoffnungsvollen jungen Manne nimmt, die Tändeleien abstellen und für seine Zukunft bedacht sein. Wie ich weiß, bereitet sich Heinrich vor, die Kunstakademie zu besuchen.«

»Ach du leew Herrgöttche!« seufzte der Sorglose humoristisch, »der Jong wird Möler, un der Alte hät auch nix! Die Rechnung wird schon auf die Dauer stimmen.«

»Ich will dir einen Vorschlag machen,« sagte Steinherr nachdenklich.

»Lieber Freund,« fiel der andere lachend ein, »wenn du mir etwas pumpen willst — gnädige Frau verzeihen wohl diese gräßliche Wendung des Gespräches — so muß ich dich darauf aufmerksam machen, daß, solange mein Heinz und ich dieser schönen Frau um die Wette den Hof machen, wir uns nicht noch obendrein von dem Gatten besolden lassen können.«

Frau Margot lachte wie eine Turteltaube und reichte dem Schwerenöter die Hand zum Kuß. Sie empfand den lustigen Kavalierdienst des Alten fast so entzückend wie die heißen Huldigungen des Jungen, der ihr Gespiele gewesen war.

»Pardon,« sagte Steinherr kalt, »ich dachte, du könntest, wenn es sich um die Zukunft deines Sohnes handelt, auch einmal fünf Minuten ernst sein. Ich beabsichtige nicht im Traume, dir etwas zu schenken, aber ein für dich profitables Geschäft möchte ich dir vorschlagen. Wirklich, aus Freundschaft.«

»Aus Freundschaft? Ein Geschäft? Meines Jungen wegen? Hm, das läßt sich hören.«

»Wieviel, glaubst du, wird die Ausbildung deines Sohnes kosten?«

»Na, gut wär’ es, wenn man zweitausend Taler bar in der Hand hätte. Aber die paar Zinsen, die ich beziehe, lassen nicht daran denken.«

»Siehst du,« sagte Steinherr und zog seine Brieftasche heraus, »ich möchte dir, deinem Jungen und meiner Frau, ja auch mir, eine Freude machen und dich bitten, mir dein Königreich zu verkaufen. Ich habe Lust auf ein Stückchen Feld. Vielleicht, daß ich mir einen Gemüsegarten und eine Grasbleiche dort anlege, einige Obstbäume und eine hübsche Laube. Margot wünschte sich lange schon derartiges. Hier sind zweitausend Taler. Einverstanden?«

Der joviale Freund stutzte. Dann lachte er schallend hinaus.

»Philippus, du machst Witze? Da lebst du nicht mehr lange, alter Sohn! Einen Gemüsegarten von fünf Morgen, für euch zwei Leute, denn das Baby rechnet noch nicht mit. Und ich verstehe doch recht: Gemüsegarten? Auf einem Stück Land, auf dem der Herrgott nur nackte Schnecken und Regenwürmer wachsen läßt. O Philippus, du dauerst mich!«

Steinherr lachte mit. Dann, ernst werdend, meinte er ruhig: »Das Bedauern schenk’ ich dir gern. Jeder Mensch hat seine Marotte.«

»Wie? Du sprichst im Ernst? Du wolltest wirklich?«

»Hier liegen die zweitausend Taler. Wenn du einverstanden bist, kann die Regierung deines Königreichs morgen schon auf mich übergegangen sein.«

Der Freund hatte sich erhoben und ging im Zimmer auf und ab.

»Philippus,« sagte er dann und blieb vor Steinherr stehen, »du meinst es gut mit mir. Und ich — hm — ich werde dir jetzt wie ein ganz gemeiner, undankbarer und gieriger Rabe erscheinen. Aber, siehst du, wenn ich auch ein einigermaßen flottes Tuch bin: etwas bin ich doch auch meinem Jungen schuldig. Na, also kurz: Glaubst du nicht, daß das Land da draußen nach dem Krieg Grundstückswert bekommen wird, daß sich die Stadt ganz dort hinüber ausdehnen wird? Wenn erst die Milliarden ins Land kommen, wird selbst die ordinärste Plebs von der Bauwut befallen werden, geschweige denn die Mammonspächter und die Herren von der Industrie.«

»Ah — du mißtraust mir? Gut, gut.«

»Sagt’ ich es nicht? Nun bin ich der schäbige Rabe! Donnerlütsch, Minsch! Ich? Einem Freunde mißtrauen? Ich wende mich an Sie, schöne Hausfrau. Bin ich denn wirklich schon so tief gesunken?«

Da er nicht weiter wußte, nahm er seinen Marsch durch das Zimmer wieder auf. Ganz kleinlaut, weil ihn das Gefühl peinigte, nicht ritterlich verfahren zu sein, fügte er nur hinzu: »Ich meinte ja auch bloß, wegen der Kriegsentschädigung. Vielleicht hast du die Folgen davon noch gar nicht so ins Auge gefaßt. Ich Tagedieb habe ja genügend Zeit dazu, Luftschlösser zu bauen und in meinem Königreich nach Gold zu schürfen.«

Steinherr setzte die überlegene Miene des Geschäftsmannes auf.

»Ihr werdet euch mit euren Milliardenerwartungen gründlich in die Nesseln setzen. Der Beweis? Nun, was hat uns das Siegesjahr Sechsundsechzig gebracht? Das trägt ein Hund auf dem Schwanze fort. Dem Herrn von Bismarck schien es doch geratener, die gute Laune des Herrn Nachbarn für künftige Zeiten zu schonen. In Geldangelegenheiten sind alle Leute nun einmal am kitzlichsten. Frankreich gegenüber wird der Herr von Bismarck zum guten Schluß auch keine andere Politik einschlagen. Die deutsch gewesenen Provinzen zurück, sonst aber den französischen Geldbeutel nach Möglichkeit geschont. Er wirft jetzt nur mit Zahlen um sich, um nachher durch seine Großmut umso nachhaltiger zu versöhnen. Übrigens würde auch England eine solche Schröpfung Frankreichs nicht zulassen. Zum dritten und letzten aber: wer bürgt dir dafür, daß dieser Krieg so bald zu Ende geht und wie er zu Ende geht? Die Franzosen stempeln ihn zum Volkskrieg. Schau mal nach dem Norden, nach Amiens zum Beispiel, welche Heeresmassen dieser Monsieur Faidherbe da wieder aus dem Boden gestampft hat. Eure Milliarden haben einstweilen nur auf dem Monde Kurs. Hier unten könnt ihr damit verhungern.«

Er trommelte einen kurzen Marsch auf dem Tisch. Dann trat Stille ein.

Diese Stille wirkte auf den Hausfreund beklemmend. Er räusperte sich, schritt nach der schönen Hausfrau, die ihm zulächelte, nach dem Hausherrn, der mit einer geradezu beleidigenden Gelangweiltheit nach der Decke starrte und die Daumen umeinanderlaufen ließ, räusperte sich nochmals und trat dann entschieden vor.

»Philippus,« sagte er, »wir kennen uns jetzt ein halbes Dutzend Jahre. Ich hab’ dir, wie du behauptest, ein paar Gefälligkeiten erwiesen. Du mir auch. Als Geschäftsleute wären wir ja — nehmen wir mal so an — quitt; aber als Freunde — nee! Schön. So muß das ja auch sein. Und nun, wo du mir deine Freundschaft mal wieder da offenbaren willst, wo sie bei anderen Leuten aufhört, am Portemonnaiechen, da komme ich, ich netter Bruder, dir mit allerhand Eigennützigkeiten, die sich weiß Gott im Ohre eines Fremden beinahe wie Verdächtigungen ausnehmen müßten. Gib mir deine Hand, du wackerer Eisenblechmensch, und laß mich sie drücken. Nichts wie Vertrauen hab’ ich zu dir, Vertrauen und Dankbarkeit. ’raus mit dem kalten Mammon und der warmen Liebe! Dafür sei es zehnmal dein, mein Königreich. Nur noch die Zustimmung meines Jungen, und das Geschäft ist perfekt und die Thronfolge geregelt.«

Er schüttelte Steinherr die Hand, daß die Gelenke knackten.

»Heinrichs Zustimmung?« meinte der Geschäftsmann nachdenklich. »Hältst du denn die für nötig?«

»Du wirst mich vielleicht auslachen. Aber es war nun einmal mein Ehrgeiz — und du weißt, in diesem Artikel unterhalte ich nur ein bescheidenes Lager — daß der Junge zum wenigsten eine Scholle Heimatsboden sein eigen nennen sollte. Daß ich es konnte, das war ja auch für mich ein sogenanntes ›erhebendes Bewußtsein‹. Grundbesitzer! Na ja ... Tempora mutantur. Da bin ich nun zu Ende mit meinem Latein.«

Philipp Steinherr bemerkte die Weichheit des Freundes mit Besorgnis. Jetzt nur keine Sentimentalität aufkommen lassen, sondern Trumpf spielen!

»Ja,« machte er kopfschüttelnd, »wenn du das deinem Sohn schreibst, wird er in dem ganzen Handel natürlich nichts als ein Opfer sehen, das du ihm darbringen willst, sich an Großmut nicht übertreffen lassen wollen und dankend verzichten.«

»Entschuldige, aber für so’n Jammermann wirst du mich doch wohl nicht halten.«

»Hm — — was meinst du, wenn — wenn — meine Frau ihm schriebe? Sie malt ihm seine Zukunft, den Künstlerruhm, den er sich erringen kann, und — na, das wird sie schon selbst am besten wissen. Wie denkst du, Margot?«

»Herr Heinrich wird mir gewiß folgen,« sagte Frau Margot träumerisch. Was verstand sie von den Geschäften der Männer!

»Bis ans Ende der Welt, bis in die Hölle, nee, nee, bis in den Himmel, das Leckermaul!« begeisterte sich der lebensfrohe Causeur, heilfroh, daß er nicht mehr von Geschäften zu reden brauchte. »Und ich alter Krippensetzer werde das Fingerlecken haben. O Philippus, weshalb mußtest du dir eine so charmante Frau nehmen!«

Philipp Steinherr hatte eine Flasche Rheinwein beordert.

»Trinken wir auf eine glückliche Zukunft,« sagte er bedeutsam.

Doch der andere hatte, den gefüllten Römer in der Hand, vor der Frau des Hauses das Knie gebeugt.

»Majestät,« sprach er, »ich habe bisher nur Eurer Schönheit gehuldigt. Lasset mich heute als erster Euch huldigen als der Herrscherin meines Euch zu Füßen liegenden Königreichs. Ich bin Euer Gefangener. Lang lebe und blühe Königin Margot die Erste!«

Die alte, fröhliche Haut ahnte nicht, daß er wirklich eingefangen war.

Eine Woche später traf Antwort aus dem Lager vor Paris ein. Heinrich dankte der Jugendfreundin für das große Vertrauen, das sie in ihn setze und dessen er sich durch seine Kunst und durch seine Anhänglichkeit würdig zeigen werde.

Das Terrain am Bilker Bach ging in den Besitz Philipp Steinherrs über.

Es folgte der Fall von Paris und der Friedensschluß. Wie ein Sturmwind kam die neue Zeit ins Land, das Kapital wurde mobil, die Städte empfanden ihre Enge und reckten sich und dehnten sich aus, industrielle Unternehmungen schossen überall zu Dutzenden empor und suchten der Bauspekulation den besten Boden abzugewinnen, und die Grundstückswerte verdoppelten, verdreifachten, verzehnfachten sich.

In Philipp Steinherrs neuen, mächtigen Eisenwerken dampften die Schlote bei Tag und Nacht. Er war der erste auf dem Platze gewesen. Und als nach wenigen Jahren das einst so einsame Terrain durch lange Straßenzüge der Stadt angegliedert war, als sich die Spekulation durch die unsinnigen, überhetzten Ausgaben zu Grunde gerichtet hatte und das mangelnde oder festgelegte Kapital auch der Industrie den gewaltigen Rückschlag brachte: Philipp Steinherr spürte nichts von schwerer Zeit. Er wuchs und wuchs und war längst Millionär, bevor sein Sohn Hans die ersten Gymnasialklassen hinter sich hatte.

Von dem einstigen Freunde wußte der mit Ehrenämtern überladene Mann seit langem nichts mehr. Der Name klang im Steinherrschen Hause wie das Märchen von der Blechschmiede, die einem Gerüchte nach der Hausherr einstmals draußen im Feld bewirtschaftet haben sollte. An dem Tage — und der Tag war sehr schnell gekommen — an dem der einstige Besitzer des »Königreichs« erfahren hatte, daß er mit kalter Überlegung um hunderttausend Mark geprellt worden war, hatte er das Steinherrsche Haus zum letzten Male betreten. Er war gekommen, seinen Sohn abzuholen, der ahnungslos mit dem Fabrikanten plauderte und nicht dabei vergaß, Frau Margot anzuschwärmen.

»Heinrich,« hatte der alte Junker gelassen gesagt, »mach der Dame dein Kompliment, wie es sich für einen Kavalier gebührt. Und dann setz deinen Hut auf, bevor du an dem kleinen Spitzbuben da vorübergehst, — wie es sich für einen Kavalier gebührt!«

Der Vater war dem Sohne mit der Tat vorangegangen. Er hatte sich zeremoniell vor Frau Margot verbeugt, sich umgewandt, den Hut auf den Kopf gesetzt und war an Philipp Steinherr vorüber zur Türe hinausgeschritten, als sähe er in Luft. Und der Sohn, der bei aller leichten Sinnesart und den Zechgewohnheiten seines Erzeugers die unbedingte Ehrenhaftigkeit seines alten Herrn kannte, war ihm, ohne zu fragen, mit demselben Zeremoniell, auf den Hacken gefolgt.

Trotz des überlauten Lachens ihres Gatten über die »Komödiantenallüren« hatte Frau Margot doch des Gefühls sich nicht erwehren können, daß in diesem scheinbaren Komödiantentum eine erkleckliche Dosis überlegenen Rittersinns gelegen habe. Sie empfand die Demütigung umso stärker, als die beiden einstigen Freunde und Verehrer den Grund des Bruches mit keinem Wort in der Öffentlichkeit laut werden ließen und nicht im Traume daran dachten, die gesellschaftliche Stellung der Steinherrs zu gefährden. Von diesen armen Schluckern einfach übersehen zu werden, hatte sie beschämt, ihre Eitelkeit verletzt und ihren Zorn erregt. Diese Wunde wollte sich auch im Laufe der Zeit nicht schließen.

Hin und wieder hörte sie über die originelle Zigeunerwirtschaft der beiden reden, die hinfort wie Kameraden zusammen hausten, las in den Zeitungen von dem wachsenden Ruhm des Jungen, der in seiner Kunst mehr und mehr ein Eigener wurde, oder stand wohl auch in den Ausstellungen vor seinen Bildern, die bei aller Realistik einen bannenden Farbenrausch zur Schau trugen. Dann fühlte sie ein feines, feines Bohren in ihrem Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete. Und wenn sie darüber grübelte, tauchte aus verschollenen Jugendtagen das Bild eines Jünglings vor ihr auf, dessen heißes Knabentum sie einst geliebt hatte. Die verwöhnte Weltdame, die seit Jahren die Grenzen ihrer Jugend künstlich zu erweitern trachtete, fand in solchen Stunden keinen Spott über ihre Gefühle. Ein einziges Mal in ihrem so rein äußerlichen Leben hatte die Liebe sie gestreift. Die Liebe zu ihrem Pagen.

Sie hatte sie geopfert, aus Bequemlichkeit, aus Egoismus; in der Hoffnung auf Ersatz.

Die elegante Frau mit den müden Zügen, die in ihrem Rosengarten draußen im Villenviertel der Grafenbergerchaussee unter einem Zeltdach ruhte, strich mechanisch mit der Hand über die Augenlider.

»Long, long ago — —« murmelte sie. »Der Page ist jung geblieben und seine Königin wird alt. Wir hätten miteinander jung bleiben können ...«

Sie schloß die Augen und horchte auf das feine, feine Bohren in ihrem Herzen, das wie aus weiter Ferne sich meldete — — —.

Bei der Mittagstafel hatte ihr Sohn von seinem neuen Freunde erzählt. Der Name von Springe hatte die Konversation der Ehegatten verstummen gemacht.

»Von Springe? — Ach, das war ja der tolle, alte Junker. Hm ...«

»Von Springe?« — — Das war ja einst die Jugend ...

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Drittes Kapitel

Auf der breiten, baumbestandenen Allee, der Hauptpromenade Düsseldorfs, auf welche die Nachmittagsonne heiß herniederbrannte, wurde es plötzlich lebendig. Es hatte soeben vier Uhr geschlagen. Das graue, kastenartige Gymnasium entließ seine Schutzbefohlenen.

Sexta und Quinta stürmten zuerst hervor. Kleine Halbwilde, noch bar jeden wissenschaftlichen Ernstes, hatten sie bei dem ersten Luftzug, der sie traf, die tiefe Bedeutung der Deklination von mensa und der Konjugation von amare vergessen, erfüllten bereits Korridore und Schulhof mit ihrem Lärm, inszenierten schleunigst ein paar Raufereien, um den »Stärkeren« festzustellen, schlugen wild mit den am Riemen geschwungenen Tornistern um sich, sausten im Wettrennen über den aufstäubenden Reitweg, von den Schimpfworten der für die Lungen ihrer Pfleglinge besorgten Kindermädchen verfolgt, und trennten sich an den Straßenecken mit der würdevollen Grandezza ihrer vergötterten Lederstrumpfgestalten. Ein Knirps rief dem anderen das Stelldichein zu: »Mein großer Bruder Falkenauge wolle nicht vergessen, daß der springende Panther ihn erwartet. Die Hunde von Sioux sind auf dem Kriegspfad wider uns. Hör, Schrüwken, dene müsse mer ens ordentlich dat Fell verjücke.«

Quarta und Tertia folgten. Hier hatte schon das Leben mit seinen Forderungen eingesetzt. Man tauschte Briefmarken, alte Münzen, Quarze; man handelte um all die tausend Dinge, die die unergründliche Hosentasche eines Lateinschülers nur zu fassen vermag. Einige ganz Betriebsame hielten sich abseits und besprachen den Plan einer Lotterie, in der ein lebendiges Eichhörnchen ausgelost werden sollte. Dieses Eichhörnchen demnächst zu fangen, war der Hauptpunkt der heimlichen Konferenz. Einer schlug eine aufregende Jagd im Ellerbusch vor. Ein Phlegmatiker wies darauf hin, daß an der Mühle in Wersten, ganz nahe der Stadt, ein Eichhörnchen frei in einem Kasten hinge und ein kleines Rad triebe. Es wäre doch viel bequemer und auch sicherer, wenn man — »Schuft!« hieß es empört. Aber man ging doch zunächst nach Wersten.

Nun nahte Sekunda. Eine Gattung für sich. Mannbar gewordene Leute, ihren Empfindungen nach; dicht davor, bei Erlangung des Zeugnisses zum einjährigfreiwilligen Dienst ihre Bildung ein für allemal als abgeschlossen zu betrachten oder doch, sofern sie die Prima zu absolvieren gedachten, in dem erhebenden Gefühl, daß die Büffelei fürs Abiturientenexamen bei der immensen Länge der Zeit besser erst im nächsten Jahre vorzunehmen sei. Selbstverständlich sprach man nur vom »Weib«. Etwas Selbstverständlicheres gab es nicht, höchstens — die Verachtung für die, die nicht mitzusprechen vermochten. Man sprach über »meine, deine, seine Poussage« in der geläufigen Art, in der sich Besitzer von Serails unterhalten mögen. Nahte ein weibliches Wesen — und zählte es auch nicht mehr als zehn treubewachte Lenze —, so kniff man die Augen ein und zupfte nervös an der Haut über der Oberlippe. Dienstmädchen und das, was nicht die Töchterschule besuchte, galt als Freiwild. Hier waren Augenrollen und laute Bemerkungen am Platz. »Donnerwetter, gut gewachsen.« — »Unsinn, zu kurze Taille.«

Den Beschluß machte Prima. Jünglinge von Erziehung, das reinste Produkt der neunmaligen Filtration einer neunklassigen Schule. Zwei Welten vereinigten sich in ihnen: die gegenwärtige, mit ihren jugendfrohen, schwärmerischen Idealen für die Freuden des jungen Lebens, die Schönheiten der Kunst und die Erhabenheiten der Dichtung, und die künftige, mit ihrem Hinweis auf den Beruf und die Stufenleiter der Erstrebungen. Diese Verschmelzung prägte sich deutlich in den Augen, den Bewegungen, der Haltung aus. Sonnenschein und Frühreife. Der künftige Student, der künftige Offizier, der künftige Kunstjünger wurde bereits markiert, unbewußt fast, aber dennoch untrüglich. Aufmerksame Beobachter vermochten selbst den gelinden Übergang zu den Feinheiten der Klassifizierungen zu erkennen, wie sie zwischen Korpsstudenten und Burschenschaftern, zwischen den Herren der Infanterie und der Kavallerie bestehen. Trotz ihrer Gemessenheit hatten sie im Rassigen die meiste Ähnlichkeit mit Sexta. Die Treffpunkte des Kreises offenbarten sich. Der Sturm war auch in ihnen lebendig, wie bei jenen Knirpsen, nur gezügelt durch die Erziehung; er war aufs neue lebendig geworden im Wonneschauer der Erwartung, an der Schwelle der zweiten Jugendhälfte. Ihre Disputationen waren von einer inneren Leidenschaftlichkeit erfüllt. Ihre Ansichten, ihre Aussprüche über antike Kunst und modernes Theater, über die soziale und pekuniäre Stellung eines Amtsrichters zu der eines Hauptmanns, über die Berechtigung eines philosophischen Systems, die Billigkeit einer Kneipe und die Tugend der Frauen waren kategorisch.

Als einer der letzten verließ Hans Steinherr das Schulgebäude. Er ging allein, trug die Bücher unter den Arm geklemmt und schlenderte langsam die Allee entlang. Den weißen Strohhut in den Nacken gerückt, die Hände in den Taschen seines hellen Sommeranzuges, summte er vor sich hin und horchte, ob es ein Liedvers wurde.

Ein paar Klassenkameraden schauten sich nach ihm um. Dann gingen sie weiter. Der junge Steinherr war den meisten von ihnen zu apart, er legte ihnen durch sein zurückhaltendes Wesen zu großen Zwang in der Unterhaltung auf.

Als Hans dicht hinter ihnen in die Elberfelder Straße einbog, schwenkte einer der Primaner die Mütze und rief einem jungen Mädchen, das in diesem Augenblicke ihren Weg kreuzte, ein paar Worte zu. Hans blickte auf. Dann spannten sich seine Züge, er fühlte, daß er flammend rot wurde und daß sein Atem plötzlich ganz kurz geworden war. Instinktiv machte er eine Bewegung nach dem Hute, aber sein Arm blieb in der Luft hängen. Dabei starrte er auf das junge, schlanke Geschöpf in dem fadendünnen Sommerkleidchen, mit dem altmodischen Schäferhut auf den schwer herabhängenden Flechten, bis sie vorbei war. Sie hatte die Augen gesenkt gehalten, als sie an ihm vorüberschritt, aber eine leise Röte, die sich von den flaumweichen Wangen bis in den kleinen Halsausschnitt stahl, zeigte an, daß auch sie ihn bemerkt und erkannt hatte.

Sein Abenteuer von der Golzheimer Insel ...

Sie war verschwunden, und er atmete tief auf; und nochmals und wieder. Mitten auf dem Trottoir blieb er stehen, ließ sich von den Passanten stoßen und lächelte in die Luft hinein. Alles um ihn und in ihm streichelte und schmeichelte. Sein Wesen verspürte tausend kosende Berührungen und drängte unerklärlich, sie zu erwidern. Ein Unnennbares, eine grenzenlose Verwunderung lag über ihm ausgebreitet.

Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie linkisch, wie überaus hölzern er sich soeben dem Kinde gegenüber benommen hatte. Und nun färbte die Scham seine Wangen so rot, wie vorhin die Überraschung. Er hätte sich prügeln mögen dafür, daß er nicht wenigstens den Hut heruntergerissen, gleichviel, ob sie seinen Gruß bemerken wollte oder nicht. Was war er doch für ein steifleinener Bursche! Ob sich das Ding insgeheim nicht über ihn lustig machen würde?

Der Zorn rüttelte ihn gänzlich wach. Mit langen Schritten eilte er hinter seinen Klassenkameraden her und gesellte sich zu ihnen.

»Heiß heute, was?« und er nahm seinen Hut ab und wischte sich die Stirn, um seine Verlegenheit zu bemänteln.

»Nanu,« erwiderte der Angeredete erstaunt und ironisch, »ich dächte, deine so wohl temperierte Natur wäre über so was erhaben.«

Hans ging über den Spott hinweg.

»Doll heiß!« fuhr er fort. »Wie wär’s, Hüsgen, wenn wir nachher irgendwo eine Kneiperei veranstalteten?«

»Was gefällig? Kneiperei? Steinherr und Kneiperei? Ich hab’ mich wohl verhört?«

»Du hast ganz recht gehört. Natürlich, wenn du vor einem Anker Bier kneifst — —«

»Nu schlag einer lang hin! Steinherr, wahrhaftig, ich glaub’s jetzt selber, daß dir heiß ist. Seit wann gestatten dir denn deine vornehmen Grundsätze solche Extravaganzen? O Steinherr, du steigst bergab, du mischest dich unter das Volk. Laß das gemeine Vergnügen uns gewöhnlicheren Sterblichen.«

Der stämmige Bengel schüttelte wie in tiefem Schmerz das von einer Künstlermähne umwallte Haupt. Es amüsierte ihn königlich, den Kameraden, der sich von allen Streichen mehr als nötig und üblich zurückhielt, derb zu hänseln.

»Hör mal, Hüsgen,« antwortete Steinherr ruhig, »du tust dich etwas groß. Ich hab’ zwar nicht das Zeug zu einem Kneipgenie, aber Leute wie dich trink’ ich, wenn ich will, dreimal unter den Tisch.«

»Ach nee, wenn du willst? Wirklich? Schön, du sollst wollen. Daran kommst du jetzt nicht mehr vorbei.«

»Gut. Heute abend.«

»Heute abend kann ich nicht. Aber morgen.«

»Du willst dich wohl präparieren? Oder hast du ein Rendezvous? Du grüßtest da vorhin so ’n kleines Mädel.«

Hans Steinherr hielt inne. Diese tastende Diplomatie war ihm bisher fremd gewesen, und er ärgerte sich über sein Vorgehen. Aber er scheute sich, von dem großtuerischen Kameraden, der zu Ostern die Kunstakademie beziehen wollte, seiner zaghaften Neugier wegen verspottet zu werden. So wartete er denn mit Spannung auf die Antwort.

»Ein kleines Mädel? Gott, ich kenn’ so viele. Wo denn?«

»An der Ecke der Elberfelder Straße.«

»Ach so — —. Du meinst den Hannes?«

»Den Hannes? Ich sag’ dir doch, ich mein’ ein Mädel!«

»Behaupte ich denn, daß es ein Junge ist? Hör doch zu, Mensch!«

»Also Hannes heißt sie ...?«

»Hannes.«

Hans Steinherr gab sich einen Ruck. Er mußte mehr erfahren.

»Und ihretwegen bist du heute abend nicht zu haben?« sagte er mit erzwungener Neckerei.

»Wegen Hannes?« Der junge Kunstaspirant warf sich in die Brust. »Nee, Backfische sind nicht mein Schwarm. Ich muß schon was Reiferes haben, à la Rubens, verstehst du? Der wußte, was gut ist. Nicht dein Geschmack, wie? Du hast eben keine Ahnung!«

»Und Hannes?« beharrte der andere.

»Ach, Hannes! Hm, gewiß, wird sich schon auswachsen. Glaub’ schon, daß diese Linien eines Tages —«

»Danach habe ich nicht gefragt.«

Hans Steinherr stieß es fast herrisch hervor. Er hätte den plumpen Menschen plötzlich am Halse würgen mögen.

Der sah ihn mit überlegenem Hohn an.

»Ja, nach was dann? Entschuldige nur, wenn ich deiner keuschen Seele —«

»Das ist ja Unsinn,« unterbrach ihn Hans kurz. »Also du triffst das Mädchen heute abend nicht?«

»Natürlich treff’ ich sie. Sie kommt sogar zu uns. Der Künstlerverein Gaudeamus — lauter flotte Akademiker — hat zu Beginn des Wintersemesters große Feier. Zehnjähriges Bestehen! Ich werde offiziell zwar erst zu Ostern eintreten, weil mein Alter sich hat einreden lassen, das Abiturientenexamen sei erst der Schlüssel zum Leben, aber ich bin in der Stille doch schon Konkneipant. Als Haussohn! Die Gaudeamus-Brüder haben nämlich ihr Lokal bei meinem Alten. Du weißt vielleicht, daß wir eins der ältesten Düsseldorfer Wirtshäuser besitzen?«

Hans Steinherr nickte. Der alte Hüsgen war eine stadtbekannte Persönlichkeit und ein wohlhabender Mann, der seinen Stolz darein setzte, seinen Jungen wie die der Vornehmsten das ganze Gymnasium durchlaufen zu lassen. Mochte er nachher werden, was er wollte.

»Also ich werde zu dem Fest lebende Bilder stellen. Aber welche, die sich gewaschen haben. Die Kerle sollen Augen machen, was ich kann. Daher fang’ ich jetzt schon mit den Vorbereitungen an. Alles stilecht: Kostüme, Stellungen. Die Stellungen wollen probiert, die Kostüme entworfen und geschneidert sein. Das ist alles nicht so einfach, wenn man’s mit der Kunst ernst nimmt. Da hat nun meine Schwester den Hannes aufgestöbert, eine frühere Schulkollegin; gerad’ nix Feines von Haus aus, aber Schick und Geschmack hat der Balg.«

Die anderen Kameraden hatten sich von ihnen getrennt. In Gedanken versunken schritt Steinherr neben dem stämmigen Wirtssohn her, der, stolz, sein Künstlertum proklamieren zu können, weitschweifig seine Pläne auseinandersetzte und die Schönheiten der Renaissance beschwor, als wäre er heute schon ihr Herr und Meister. Hans Steinherr hörte kaum hin. Während die Schlagworte an sein Ohr tönten, die sich von einer jungen Künstlergeneration auf die andere vererben, hatte ihn eine Idee erfaßt und ließ ihn nicht mehr los.

»Du,« unterbrach er plötzlich den Redseligen, »könntest du mich nicht gebrauchen?«

Sie waren am Wehrhahn angelangt, dicht vor dem Hüsgenschen Hause.

Verblüfft machte Hüsgen Halt. Dann betrachtete er mißtrauisch die Miene des anderen, der den Kopf geneigt hielt und mit der Stiefelspitze Figuren beschrieb.

»Steinherr,« sagte er endlich, »entweder, du hast heute eine Marotte, oder du willst dich gar lustig machen. Für beides findest du in deinen Kreisen bessere Gelegenheit. Adjüs.«

Er wollte ins Haus, aber Steinherr faßte ihn am Ärmel.

»Sei doch nicht gleich ein so grober Patron. Wenn ich dich höflich frage, kannst du mir doch wohl eine höfliche Antwort geben.«

»Was?« rief Hüsgen und riß die Augen auf, »das war dein Ernst vorhin? Aber du hast doch früher keinen Schritt in unser Haus gesetzt? Die Bude und die Gesellschaft drin waren dir und deinesgleichen doch immer zu power. Hier verkehren wirklich keine Millionäre.«

»Hüsgen,« erwiderte der Kamerad ernst, »bin ich dir so oberflächlich erschienen? Glaubst du nicht, daß ich mich oft genug danach gesehnt habe, mit euch herumzutollen? Früher, als wir noch jünger waren? Aber ihr ließt mich ja nie zu. Mein Anzug genierte euch. Also, wenn sich da so was wie eine Scheidewand aufgetan hat: ich bin doch nicht schuld. Oder hast du mir sonst was vorzuwerfen?«

Der derbe Bursche biß sich auf die Lippe und blickte stumm vor sich nieder. Die Situation wurde ihm unbehaglich. Am liebsten hätte er sich durch einen Sprung in den Torweg gedrückt.

»Nun?« beharrte Hans und trat ihm einen Schritt näher.

»Mensch,« stotterte der Schulkamerad, »du — du — na, du warst uns eben zu vornehm.«

»Und du, als werdender Künstler, sprichst auch heute noch solche inferiore Begriffe aus? Weiß Gott, und wenn ich keinen Knopf mehr an der Hose hätte, dazu wär’ ich zu stolz. Adieu, Hüsgen.«

»Hör mal,« schrie es hinter ihm her, »komm um sechs!«

Hans wandte sich um.

»Ich will deine Anschauungen nicht verwirren,« rief er zurück.

»Also um sechs!« brüllte der andere aus dem Torweg heraus, als ob der Einwand gar nicht bis zu ihm gedrungen wäre. »Aber gefälligst pünktlich! Adjüs!«

Hans Steinherr schob den Strohhut in den Nacken und schritt wacker aus. Er kam sich mit einem Male so unternehmungslustig vor. Und dabei spürte er doch innerlich eine seltsame, wohlige Unruhe. Ah, war das wieder ein schöner Tag heute! In dem Garten, der die Steinherrsche Villa umschloß, dufteten die Rosen betäubend, die Jasminblüten lagen wie ungezählte weiße Sterne in den grünen Hecken, und der Springbrunnen sandte aus weitgeöffnetem Reiherschnabel eine Garbe Schaum in die sonnendurchzitterte Luft.

Es war ganz still im Garten und im Hause. Mama war zum Kaffee zu einer Freundin gefahren; die Damen hatten jetzt, wo es bald zur Saison nach Ostende ging, so vieles miteinander zu besprechen. Der Vater war draußen in den Fabriken.

Hans ließ sich den Kaffee in die Laube bringen. Er hatte eine vollerblühte Marschall Niel-Rose vom Zweige geschnitten und preßte sein Gesicht in den Blütenkelch. Um ihn her lebte und webte das leise summende Getön des Sommers.

Hatte er geschlafen? Er war aufgesprungen und sah nach der Uhr. Fünf bereits. Der Kaffee stand noch immer unberührt und war kalt geworden. Er nahm einen Schluck, dehnte sich und ging schnellen Schrittes ins Haus. Auf seinem Zimmer setzte er sich sofort an den Arbeitstisch und nahm energisch die Bücher vor. Die Zeigefinger in die Ohren gesteckt, studierte er emsig sein Pensum für den morgigen Tag.

Da schlug es sechs Uhr vom Kamin. Die durchdringenden Töne der Metallplatte mußten doch wohl zu seinem Bewußtsein gelangt sein. Er fuhr auf, starrte die Uhr an, schob die Bücher beiseite und griff nach seinem Hut. Doch er ging noch nicht. Den Hut in der Hand, stand er am Fenster und blickte hinaus. Wie der Garten prangte! Welch ein herrliches Besitztum war doch sein väterliches Heim! — — Im Garten rief eine kleine, schwarzbraune Amsel. Da lächelte er, ein unsicheres, zärtliches Knabenlächeln, und verließ langsam das Haus. Eine Straßenbahn fuhr vorüber. Er sprang auf die Plattform, und in wenigen Minuten erreichte er den Wehrhahn. Vor der Hüsgenschen Wirtschaft lauerte bereits der Haussohn.

»Süch ens, der Steinherr!« tat er verwundert. »Hat dich die Frau Mama losgelassen? Na, komm nur ’rein, du wirst dir auch bei uns die Stiebel nicht schmutzig machen.«

Hans folgte ihm durch den Torweg. Der mit Lorbeerbäumen und verstellbaren Hecken bestandene Hof, der sich anschloß, war dicht mit Menschen besetzt, die den Vespertrunk begannen. Durch die offene Tür des Schenklokals sah man die Ehegatten Hüsgen am weißgescheuerten Büfett mit Biergläsern und Butterbroten hantieren.

»Willst du mich nicht deinen Eltern vorstellen?« fragte Hans bescheiden.

»Vorstellen? Meinen Alten?« Hüsgen junior traute seinen Ohren nicht. »Mensch, du bist doch hier nicht bei Hofe.« Dann, in neu erwachtem Mißtrauen, zog er die Augenbrauen hoch. »Übrigens, wenn das ein Witz sein sollte — deine Witze verbitt’ ich mir.«

Hans Steinherr schüttelte den Kopf.

»Hüsgen, daß man im eigenen Hause nicht den Grobian spielt, einem Gastfreund gegenüber, das hätten dich auch mittlerweile deine griechischen Klassiker lehren können.«

»Ach was, ein echter Künstler ist immer grob. Ich pfeife auf eure Finessen.«

»Na, wenn du meinst, die Grobheit allein mache den Künstler, so kannst du deinen Eltern das Lehrgeld für die Akademie sparen.«

»Gott, wie viel Worte wegen einer überflüssigen Form. Vatter! Mutter!« rief er zur Büfettür hinein, »ich hab’ hier einen Gast, den jungen Steinherr von der Grafenbergerchaussee.«

Hans trat vor und verbeugte sich.

»En Gläschen Bier jefällig?« fragte der biedere Alte und hob ein Glas an den Zapfhahn.

Der Sohn des Hauses stieß den Schulgenossen ironisch in die Seite und grinste.

»Och, Vatter,« wies die lebensgewandtere Wirtin den geschäftseifrigen Gatten zurecht, »dä jong Herr Steinherr is doch en Fründ von uns’ Willibald. Freut mich sehr, Herr Steinherr,« fügte sie zierlich wie ein junges Mädchen hinzu, strich sich die Hand an der Schürze trocken und reichte sie dem jungen Manne zum Gruß. »Laßt euch als häufiger sehen. Gelt? — Un nich überarbeiten, Jüngkens.«

Als die beiden jungen Leute die Treppe hinaufstiegen, lachte Willibald Hüsgen ziemlich respektlos.

»Fein, so’ne Vorstellung, wie?« und er ahmte die Stimmen der Alten nach. »En Gläschen Bier jefällig? Freut mich sehr, Herr Steinherr ...«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Hans entrüstet. »Wenn ich doch regelmäßiger in eurem Hause verkehren will, habe ich wohl deinen Eltern gegenüber zuallererst die Pflicht der Höflichkeit.«

»Ah so, du willst regelmäßiger — —. Mir kann’s ja recht sein. Hier ist meine Bude, links, drück auf die Klinke. Der Herr segne deinen Eingang.«

Sie waren ungefähr unter dem Dach angelangt. Hans tat, wie ihm geheißen, drückte die Klinke auf und trat ohne weiteres ein. »Donnerwetter!« entfuhr es ihm. Dann blickte er sich mit großen Augen um. Auf die weißgetünchten Wände war mit Kohle ein Bacchantenzug gezeichnet, übertrieben in den Formen, willkürlich in der Linienführung, aber keck und saftig im Entwurf. Die Zimmerecken waren mit mächtigen Bündeln Schilfkolben ausstaffiert, auf denen eine silbrige Staubschicht lag. Von der Decke herab hing ein Kronleuchter, der aus einem großen, mit Kerzen besteckten Faßreifen gebildet war; ein Uhu, in dessen weitgespreiztem, mottenzerzaustem Gefieder der Reifen zu ruhen schien, verlieh dem Beleuchtungsapparat einen phantastischen Reiz. Dicht an das Fenster war eine Staffelei gerückt, die einen gewaltigen Leinwandrahmen trug. Ob das Bild, das in satten Farben darauf begonnen war, eine Prozession oder eine blühende Kirschbaumallee vorstellen sollte, war noch nicht zu erkennen, der Meister erklärte es vorläufig für das Gelage des Sardanapal. »Weißt du,« setzte er belehrend hinzu, »hier taugen ja die Weiber nix. Zu schmal in den Hüften.«

»Schafskopp,« sagte jemand trocken hinter der Leinwand.

Selbst der unverfrorene Willibald fand für einen Augenblick nicht das Gleichgewicht.

»Sprach da nicht jemand?« flüsterte Hans Steinherr nach einer Pause.

»I wo!« entgegnete der Haussohn grob, »da spielte jemand Flöte. Kommt heraus da, ihr Gesindel,« rief er und zerrte an dem Vorhang, der als Draperie von der Staffelei herabhing. »Müßt ihr Frauenzimmer denn die Ohren überall haben? Vorwärts!«

Hinter dem Vorhang kicherte es. Dann wurde das Tuch zurückgeschlagen und ein sechzehnjähriges, derbes Mädel trat, flammend rot zwar, aber resolut vor.

»Meine Schwester Malchen,« sagte der junge Künstler grimmig, »Herr Steinherr, Oberprima. Nanu, wo steckt denn der Hannes?«

»Hier,« tönte eine feine Stimme, in der Scham und Trotz miteinander stritten. Das junge Mädchen war unbemerkt hinter dem Vorhang hervorgetreten und stand nun unbeweglich im Hintergrund des Zimmers.

»Der Hannes,« sagte Hüsgen mit einer Gebärde zu Steinherr hin. Damit waren für ihn die Formalitäten erledigt.

Hans Steinherr blickte verwirrt zu dem jungen Mädchen hinüber. Er sah, wie sie die Lippen fest aufeinander schloß, wie die dunkelblauen Augen einen Stahlglanz erhielten, und er trat rasch auf sie zu.

»Hans Steinherr,« stellte er sich höflich vor und wartete auf Antwort. Aber sie antwortete nicht. Über ihrer Nasenwurzel grub sich die kindliche Trotzfalte nur noch tiefer, und der Blick, mit dem sie ihn feindlich streifte, nahm ihm den Rest von Unbefangenheit.

»Ich glaube, mein Fräulein ...« stotterte er, »verzeihen Sie, Fräulein, ich habe mich noch —«

Weiter kam er nicht. Die Kleine tat, als wäre er ihr gänzlich fremd, und Fräulein Malchen nahm keinen Anstand, vergnügt in ihr Taschentuch zu kichern. Herr Willibald aber machte auf seine Art reinen Tisch.

»Ach, Steinherr, würdest du dir wohl merken, daß wir nicht hier sind, um einen Kontertanz zu probieren, sondern um Kostüme zu entwerfen. Schleppt mal den Tisch ans Fenster, ihr beide. Malchen, hol die Zeichnungen. Ich werde erklären.«

Während er den Rock abstreifte und es sich in Hemdärmeln bequem machte, rückten Steinherr und seine kleine Feindin den Tisch aus der Ecke heran. Die Kleine nahm all ihre Kräfte zusammen, um nicht schwächlich zu erscheinen. Die junge Brust hob und senkte sich bei der ungewohnten Anstrengung.

»Loslassen!« befahl Hans kurz. Und da sie nicht gewillt schien, zu gehorchen, setzte er den Tisch nieder.

»Das ist doch keine Arbeit für Mädchen,« sagte er und sah sie an. Dann packte er den Tisch allein, drückte ihn gegen die Brust und schleppte ihn mit Aufbietung aller Kräfte ans Fenster.

»Faulwams!« rief er dem Freunde zu.

»Bitte sehr,« entgegnete Hüsgen gelassen, »einer muß dirigieren.«

Hans schob den jungen Mädchen Stühle hin, stellte sich neben dem Kameraden auf und hörte mit freundlicher Geduld den im Grunde einfachen Erklärungen zu, die der Dozierende mit großer Wichtigkeit vortrug.

»Ich denke, ihr habt mich begriffen,« schloß der Primaner seinen Vortrag. »Was die Renaissance ist, hab’ ich euch nun haarklein auseinandergesetzt. Das ist die Zeit der äußerlichen Pracht und der innerlichen großen Leidenschaften. Aber uns geht hier nur die Pracht an. Über die Leidenschaften reden wir später, wenn wir mit den Kostümproben beginnen können. Die trichter’ ich euch dann schon ein, die Leidenschaften. Hannes,« unterbrach er sich, »was fällt dir denn eigentlich ein, zu lachen?«

Steinherr sah schnell zu der Gemaßregelten hinüber. Sie saß, den Kopf geneigt, und die Abendsonne lag voll auf ihren schweren Zöpfen, die in der roten Lichtflut wie Feuer gleißten. Ein Beben flog über die feine Gestalt. Und als dem jungen Manne einfiel, daß der ungeschlachte Hüsgen, der echte Bierwirtsprößling, diesem Geschöpf die Ausdrucksart der Leidenschaften einzutrichtern versprochen hatte, da konnte auch er nicht an sich halten und er brach in ein fröhliches Gelächter aus.

»Am Lachen erkennt man die Dummen,« erklärte Willibald, nachdem er sich von der ersten Verblüffung erholt hatte. »Wenn ihr bedauernswerten Böotier keinen Sinn für die Kunst habt, so sagt es doch gleich. Dann brauch’ ich mich mit eurem Spatzenhirne doch nicht aufzuhalten.«

Er wollte, tief gekränkt, seine Zeichnung zusammenklappen und sich erheben. Aber Steinherr hinderte ihn daran.

»Entschuldige nur,« sagte er. »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst. Laß uns fortfahren. Oder — wenn du gestattest — laß mich an dem Entwurf der Skizzen teilnehmen. Vielleicht reicht mein Talent auch noch so weit.«

»Was?« schrie Hüsgen und schlug auf den Tisch, »du Duckmäuser, du wirst auch Künstler? Weshalb hast du mir denn das nicht gleich gesagt?«

»Ob ich Künstler werde?« wiederholte Hans Steinherr und ließ die Blicke auf den im Abendrot flammenden Flechten seiner stumm horchenden Nachbarin ruhen. »Ein echter Künstler? — — Ich fürchte, lieber Hüsgen, ich bin nicht grob genug dazu.«

»Du,« sagte der verständnisvoll, »werde gefälligst nicht anzüglich. Das ist schlimmer als Grobheit.«

Stillschweigend setzte sich Hans an den Tisch und griff nach den Zeichnungen. Es waren Kostümentwürfe im Stile des Cinquecento. Er vertiefte sich hinein, dachte nach und nahm, ohne zu fragen, den Bleistift auf. In feinen, sicheren Schraffierungen zeichnete er das Prunkgewand einer Florentinerin aus der Zeit der Medici.

Willibald Hüsgen sah ihm sprachlos zu. Auch Hannes hatte sich an den Tisch gedrängt und blickte erst scheu, bald aber mit offenkundiger Bewunderung auf die schlanken, gepflegten Hände, die so leicht produzierten. Man hörte nur die Atemzüge der jungen Leute und das Stricheln des Bleistiftes.

»Mensch,« brach endlich der zukünftige Akademiker das Schweigen, »Mensch, du kannst ja was.« Aber, als hätte er seiner Stellung als Kunstpapst dieses Kreises bereits etwas vergeben, fügte er in protegierendem Tone hinzu: »Gezeichnet kann man das zwar noch nicht nennen, das ist eher ein Gedicht. Na, wird schon noch werden. Geschmack hast du.«

Fräulein Hannes maß den Redner mit einem spöttischen Blick, während Malchen auf Geheiß des Bruders die Gewandfetzen herbeischleppte.

Hüsgen zeigte sie dem Kameraden.

»Siehst du, das hier wird das Nachtgewand der Francesca von Rimini. Im Schnitt stimmt’s, und im übrigen ist das ja verteufelt einfach. Möcht’ wissen, was die Gans, die Male, dabei zu kichern hat. Himmel Wetter,« fuhr er drein, »hier handelt es sich doch um Kunst, nicht um ein altes Nachthemd!« Er zuckte die Achseln, überlegen, verächtlich, mitleidsvoll. »Also wir stellen ein großes, glänzendes, höfisches Bild, die Francesca als Fürstin; und ein feines, intimes: die Francesca mit ihrem Geliebten, wie sie gemeuchelt werden. Hannes übernimmt die Francesca. Das Nachtgewand hat sie bald fertig, sie kann nämlich Maschine nähen. Jeder muß für sich selber sorgen, streng nach meinen Skizzen,« flunkerte er, und mit der Schlauheit des Wirtssohnes, die Wirkung seiner Worte gespannt beobachtend, fügte er seelenruhig hinzu: »Der Liebhaber der Francesca, der schöne Paolo, steht natürlich im Vordergrund des Interesses. Um den werden sich alle reißen. Aber ich will ihn dir überlassen, Steinherr, weil du die richtige Figur dazu hast. Nun blamier’ mich bloß nicht mit deinen Kostümen. Knausern gibt’s hier nicht, wir müssen alle bluten. So, nun bedank dich mal.«

Hans Steinherr schüttelte dem geriebenen Jüngling voll herzlicher Freude die Hand. Er dachte viel zu anständig, als daß er einen besondern Grund für diesen seltsam schnellen Freundschaftsbeweis geargwöhnt hätte, und er warf nur einen fragenden Blick auf das junge Mädchen, das durch viele Proben hindurch nun seine Partnerin werden würde. Hannes aber tat, als ob sie von den Beschlüssen nichts vernommen hätte. Sie saß über eine Handnähmaschine gebeugt und steppte das Nachtgewand der Francesca von Rimini. Das von Gesundheit strotzende Malchen hockte, die Hände im Schoß, auf einem Schemel vor ihr und sah ihr gähnend zu.

»Malchen,« kommandierte der Bruder, »du kannst jetzt mal für Abendbrot sorgen. Bring Bier mit und spekulier, daß du ’n paar Zigarren aus der Groschenkiste schnappst.«

»Dat dhun ich nich,« empörte sich Malchen. »Gang du nur selber spekulieren.«

Der Bruder brummte etwas, was gerade nicht wie Bewunderung für die schwesterliche Tugend klang, und bequemte sich endlich, hinter der Voraufgegangenen das Zimmer zu verlassen.

Hans und Hannes waren allein.

Durch das offene Fenster kam die Dämmerung gezogen und spann ihre Schleier um die Gegenstände und die beiden Menschenkinder. Das Mädchen drehte mit verdoppeltem Eifer das Rädchen der Nähmaschine.

»Sie werden sich die Augen verderben,« sagte Hans leise.

Sie stand auf, trug die Handmaschine auf den Fenstertisch und setzte wortlos ihre Arbeit fort. Nur das Rädchen schnurrte und belebte die Stille.

Hans gab den Gedanken an eine Unterhaltung auf. Er ließ sich am Tisch auf einen Stuhl nieder und sah ihr stumm auf die kleinen, fleißigen Finger. Zuweilen wagte er den Blick zu erheben und die feine Silhouette in sich aufzunehmen. Da stand das Rädchen still.

»Das geniert,« sagte sie böse.

»O nein,« antwortete er trotzig, »mich geniert das gar nicht.«

Sie preßte die Lippen zusammen, und das Rädchen schnurrte weiter.

Wie ein breiter Mondscheinstreifen zog der weiße Stoff unter der Nadel her. Der junge Mann folgte ihm mit den Blicken, und als die Kante knisternd sein Knie berührte, griff er ihn auf und ließ ihn gedankenlos durch die Hände gleiten. Dann fiel ihm ein: dieser selbe Stoff, dem er die Wärme seines Blutes mitgab, würde auf ihrem Körper ruhen, sich an ihre Glieder schmiegen. Und ganz lind und sacht, als beginge er ein heimliches Verbrechen, fing er an, das feine Linnen zu streicheln ...

Übte sein beschleunigter Pulsschlag einen Rapport aus? Konnte die Leinwand, die ihm durch die schmeichelnden Hände glitt und zu den hurtigen Fingern der Arbeitenden eilte, sein Gefühl verraten? Das böse, gepreßte Lippenpaar des Mädchens wurde weicher, etwas Süßes, Fröhliches, fast Schelmisches huschte um den Mund. Noch einmal schnurrte das Rädchen. Dann stand es still.

»Es ist dunkel,« murmelte sie und lehnte sich hintenüber. Aber die erwachte Weibsnatur horchte mit feinen Ohren, ob der vornehm gekleidete junge Herr das alte Gewebe weiter streicheln würde. —

Auf der Treppe polterte das Geschwisterpaar. Nun flog die Tür auf, und greller Lampenschein überströmte das Gemach. Die Idylle war zu Ende.

»Prost!« brüllte Hüsgen und stieß die Biergläser auf den Tisch. »Malchen bringt jet zum Müffeln. Zugelangt! Hier sind auch die Havannas. Kosten mich einen Griff und zwei Sekunden Angst. Es lebe die Kunst! Prost, Leute!«

Es ging gegen zehn Uhr, als die Gäste des Hüsgenschen Ateliers sich verabschiedeten. Man hatte die regelmäßigen Zusammenkünfte auf Mittwoch und Samstag festgesetzt.

Draußen, auf der abendstillen Straße, sah Hans Steinherr seine kleine Dame fragend an. Ohne von seinem Blick Notiz zu nehmen, neigte sie kurz den Kopf und ging an ihm vorbei. Er beeilte sich, ihr zu folgen, und hielt neben ihr Schritt, so sehr sie auch hastete. So zogen sie die Straße den Hofgarten entlang, der vom Duft der Sommernacht erfüllt war. Und hier faßte sich der große Junge ein Herz und bot dem graziös einherschreitenden Kind den Arm an.

»Wohl nur, weil’s dunkel ist,« sagte sie ernsthaft.

»Fräulein Hannes!« rief er gekränkt.

»Glauben Sie an Sternschnuppen?« fragte sie schnell. »Man muß sich was wünschen. Da! — und da auch!«

Und während er hastig in die Luft starrte, war sie verschwunden.

»Gute Nacht!« rief er durch die hohlen Hände und horchte.

Aus der Ferne tönte es lachend zurück: »Gut’ Nacht!« — — —

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Viertes Kapitel

Am nächsten Tage zog sich Hans Steinherr zum ersten Male seit Jahren in der Unterrichtsstunde eine Vermahnung zu. Er hatte auf den Vortrag des Mathematikprofessors nicht acht gehabt und wußte, als er aufgerufen wurde, nicht zu antworten. Bei einer eingehenden Prüfung, die der Professor sofort mit seinem Schüler veranstaltete, stellte es sich heraus, daß Hans nicht einmal die geringste Ahnung hatte, welches Thema überhaupt verhandelt worden war. Die ganze Oberprima staunte. Der Musterknabe des Gymnasiums hatte sich menschlich schwach erwiesen. Nur Hüsgen lachte. Und sofort entlud sich über sein Künstlerhaupt der Zorn des Schulgewaltigen. Aufgefordert, an Stelle Steinherrs den Vortrag inhaltlich wiederzugeben, hielt er zwar mit mächtigem Stimmaufgebot eine längere Rede, mußte sich jedoch bedeuten lassen, daß er sich hier durchaus nicht in einer Narrensitzung der Tonhalle befände, in der der albernste Mann der berühmteste Mann sei, sondern »verstehen Sie mich recht, Herr, in einem königlich preußischen Lehrinstitut, in dem der Anstand mit der Wissenschaft zu wetteifern hat! Sollte sich das eine oder das andere dieser Worte oder gar beide nicht in Ihrem Vokabularium befinden, so wird es mir eine Freude sein, Ihnen diese Begriffe vor dem Schlußexamen noch zu verdeutlichen«.

Der stämmige Bursche hörte mit übertriebenem Interesse zu. Dann aber ließ er sich kopfschüttelnd und mit einer Miene auf seinen Platz nieder, die grenzenloses Mitleid mit der Auffassung des aufgeregten Pädagogen bekundete. Diesmal war es die Klasse, welche lachte.

Hans Steinherr nahm sich vor, dem Professor nach Schulschluß eine Entschuldigung vorzutragen. Aber kaum war die Glocke des Pedells erklungen, als sich auch schon Hüsgen an ihn hängte, um seinen Witz an ihm zu üben.

»Gratuliere, gratuliere. Du vermenschlichst dich in überraschender Weise. Glaube mir,« fügte er pathetisch hinzu, »die schöne Francesca und ihr Kavalier wußten auch nichts von Logarithmen, und sie waren dennoch glücklich.«

Hans Steinherr konnte das Geschwätz nicht ertragen; er schüttelte den Kameraden an der nächsten Straßenecke ab und eilte nach Hause. Der Nachmittag war schulfrei. Er arbeitete mehrere Stunden hindurch mit einem Eifer, als gälte es, die Vergehen eines ganzen Semesters und nicht die eines einzigen Tages wieder gut zu machen. Im Garten ließ die kleine, schwarzbraune Amsel ihren Ruf ertönen. Sie störte ihn nicht. Dann, während er eine Pause machte, um sich das Erlernte zu überhören, vernahm er die Lockrufe deutlicher. Ruhig weiter memorierend ging er zum Fenster, öffnete es und begab sich an seinen Arbeitsplatz zurück. Jetzt machte er zwischen den Sätzen hin und wieder eine Pause. Er lauschte auf den kleinen Sänger. Mit dem Liede zog durch das offene Fenster der Duft des Gartens ...

Der junge Stubengelehrte murmelte noch einige Worte seines Pensums. Dann lehnte er sich langsam in seinen Stuhl zurück, streckte sich wohlig und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

So blieb er lange, und seine Träumereien setzten dort ein, wo sie am Morgen durch den Aufruf des Mathematikprofessors unterbrochen worden waren. — —

»Wie schön ist es, jung zu sein,« wogte es in seinem Innern, und es stieg auf seine Lippen und formte sich zu Worten. Und mit tiefer Inbrunst sprach er sie aus und wiederholte sie: »Jung zu sein — immer, immer.«

Konnte man diese Gefühle, die ihn durchströmten, diese Jugend, konnte man sie bannen?

Er schauerte leicht, öffnete die Augen weit und setzte sich grübelnd am Tisch zurecht.

Jung bleiben? — Wem war das geglückt, von allen Menschen, die er kannte? »Mama,« sprach er lächelnd vor sich hin; aber das Lächeln wollte nicht bleiben. Er war an diesem schweigenden Sommernachmittag merkwürdig hellsehend geworden. »Mama?« wiederholte er. Sie hieß heute noch in Freundes- und Besucherkreisen »die schöne Frau Margot«. Aber wirklich jung? Achtunddreißig Jahre ... Ja, ist denn das schon keine Jugend mehr?

Es packte ihn eine Angst. Seine Mama, die er nie anders als jung und schön gekannt, sie hatte die Jugend nicht mehr? Und wenn es keine Jugend war, die sie antrieb, heiter, strahlend, lebendig zu sein, was war es dann?

›Unrast‹, sprach es laut in ihm.

Das Wort war da. Er erschrak darüber und suchte die Beweggründe. Doch es blieb ihm nur das Wort, so sehr er sich quälte, und wie einen körperlichen Schmerz empfand er plötzlich seine völlige Lebensunkenntnis.

Er versuchte, an seinen Vater zu denken. Und wieder stand er vor einer Mauer. Sein Vater? Ob der überhaupt in seiner Jugend jung gewesen war? Zu einer Zeit selbst, in der Knaben aus Schilf und Haselholz Flöten schneiden? Nein, das Bild wollte keine Gestalt gewinnen. So weit er zurückdachte, er kannte seinen Vater nicht anders als mit derselben unveränderlichen, eisernen Miene des Mannes, für den es keine Überraschungen gibt, nie gegeben hat.

Was aber ist das Leben ohne Überraschungen? philosophierte der junge Grübler. Mich hat es doch überrascht, und ich war noch nie so selig. Ist es denn erforderlich, ist es denn von einer willkürlichen Altersgrenze abhängig, daß das zu Ende geht?

Er ging erregt im Zimmer auf und ab.

Nein, nein, sagte er sich und suchte sich krampfhaft eine Hoffnung zuzuführen, das liegt an uns, das muß an uns liegen. An jedem einzelnen, wie er es anpackt, was er einsetzt, ob er den rechten Mut hat —.

Und mit einem Male fiel ihm sein nächtliches Abenteuer am Schützenfesttage ein.

Er sah den Mann am Gitter des Malkastens auftauchen und sich ohne weiteres von dem Fremden mit Beschlag belegt. Der feine, vornehme Kopf, die blauen, sieghaften Augen tauchten vor ihm auf. Er hörte die spottlustigen Worte in seinem Ohre klingen, die den Perücken den Respekt verweigerten. Und dennoch war es keine lustige Person, kein Allerweltskerl, der nach dem lachenden Applaus der Menge geizte. Das hatte ihm der Respekt gezeigt, der diesem Manne selbst in der buntgewürfelten Malerkneipe der Altstadt von Leuten entgegengebracht wurde, denen in der Kunst nie ein anderer Name heilig war als der eigene.

Herr von Springe ...

Der hatte die Jugend, und er zählte vierzig Jahre. Der würde sie haben, und wenn er das doppelte Alter erreicht hätte. Ob er sein Mentor werden würde, wenn er ihn bäte? Mit sehnsüchtigem Knabengesicht streckte er die Arme aus — —

Im Arbeitszimmer des Vaters suchte er im Adreßbuch die Wohnung. »Immermannstraße.« Wenige Minuten später befand er sich auf dem Wege.

Als er das Haus erreicht hatte, wollte ihm der Mut entweichen, einzutreten. Er ging einige Male vor der Haustür auf und ab, musterte verstohlen die Fenster und überlegte gerade, ob er nicht besser täte, den Besuch zu verschieben, als er auch schon mit zusammengebissenen Zähnen eine jähe Wendung machte und sich im Hausflur befand. An der Korridortür der ersten Etage waren zwei Namenschildchen übereinander angebracht: »Friedrich Leopold von Springe.« »Heinrich von Springe.« Ohne sich zu besinnen zog Hans Steinherr die Klingel.

Kurz darauf ertönte ein kurzer, fester Schritt. Die Tür wurde geöffnet, und ein sehniger alter Herr mit kurzgehaltenem, schneeweißem Haar und aufgebürstetem, schneeweißem Schnurrbärtchen stand vor ihm.

»Womit kann ich dienen?« fragte er und musterte mit seinen klaren Augen den Jüngling.

»Ich möchte zu Herrn von Springe.«

»Bin ich selber. Oder wünschen Sie die jüngere Auflage? Die ist auch zu haben. Bitte nur hereinzuspazieren.«

Hans folgte dankend der Aufforderung. Der alte Herr in grauem Gehrock und weißer Weste war ihm sofort bekannt erschienen. Er hatte ihn zu Hunderten von Malen auf den Promenaden gesehen.

»Heinrich,« rief der alte Herr und pochte an eine Türe, »Besuch für dich, mein Sohn.«

»Eintreten!«

Hans trat ein. Er stand in einem hohen, weiten Atelierraum und wagte kaum zu atmen. Eine gediegene Pracht strömte auf ihn ein, nirgendwo Überladung, aber jedes Stück unzweifelhaft echt und von erlesener Form, Möbel, Teppiche, Gobelins, Lampen und Leuchter, Vasen und Bronzen. Von den an den Wänden aufgestapelten Bildern waren einige zu übersehen: die rotglühende Campagna, der Triumphbogen des Titus, eine südliche Felsenlandschaft mit heranrollender See. Auf einer Staffelei stand ein Bild, an dem der Maler arbeitete: ein schweigender Park in purpurnen, braunen und gelben Tinten, die Sinfonie des in Schönheit sterbenden Herbstes.

Heinrich von Springe wandte sich nach seinem Besucher um. Er erkannte ihn wohl nicht gleich, denn er kniff einen Augenblick das linke Auge ein und überlegte.

»Aha,« machte er dann, »mein junger Freund, der Dichter.«

»O, nicht doch —«

»Nicht? Mir war doch so? Oder wollten Sie gar Anstreicher werden wie ich? Übrigens war das früher eine schöne Sitte, daß man den Gast nicht ausfragte, sondern sich einfach der Ehre seines Besuches freute. Gestatten Sie mir, ebenso zu verfahren.«

Er legte Pinsel und Palette beiseite, rieb sich die Hände an einem seidenen Tuch und begrüßte den jungen Mann mit kräftigem Handschlag.

»Schön, daß Sie Wort halten. Machen Sie es sich bequem und strecken Sie die Beine, so weit Sie wollen. Burg Springe ist stolz darauf, Sie in ihren Mauern zu beherbergen.«

Er nahm ihm den Hut aus der Hand und drückte den Gast in einen tiefen Ledersessel.

»Zigarette gefällig? Bitte, bitte, es ist mir eine Freude, Sie mit Feuer zu bedienen.«

Nachdem auch er sich eine Zigarette angezündet hatte, nahm er dem Besucher gegenüber Platz, blies mit schweigendem Behagen ein paar Rauchringel in die Luft und meinte: »’n ja.«

Hans rührte sich nicht. Er fühlte sich unsagbar wohl in dem tiefen, kühlen Lehnstuhl, in dem seine schlanke Gestalt fast verschwand, umgeben von Schätzen der Kunst und in Gesellschaft eines sicherlich hervorragenden Mannes, der ihn, den Unfertigen, Unbewährten, wie einen Gleichgestellten behandelte. Es hätte ihn nicht weiter gestört, wenn die Unterhaltung mit diesem einzigen »’n ja« beendet gewesen wäre. Nur hier bleiben dürfen. Sonst wünschte er nichts vom Augenblick.

Der Maler betrachtete ihn lächelnd. Er spürte den Überschwang heraus, dem sich der hübsche Junge da hingab, und es gefiel ihm.

»Ist Ihnen der Schützensonntag gut bekommen? Hoffentlich haben Sie wegen der späten Sitzung keine Unannehmlichkeiten zu Hause gehabt?«

»Sie sind sehr freundlich, Herr von Springe. Als ich am nächsten Tage meinen Eltern von Ihnen erzählte, kam ich ohne Tadel weg. Ich war ja noch so begeistert.«

»Sie junge Schwarmseele. — Man fand also nichts zu erinnern?«

»O nein, kein Wort. Es wurde auch sogleich von Tisch aufgestanden.«

»So, so. Man stand sogleich von Tisch auf .... Gut. Reden wir von etwas anderem. Sagen Sie mal, junger Freund, ich war an dem Abend wohl etwas unparlamentarisch. Oder ziehen Sie das klare, deutsche Wort ›ruppig‹ vor? Nur heraus mit der Sprache, ich kann’s vertragen.«

»Sie beschämen mich, Herr von Springe. Es war doch ein so wundervoller Abend.«

»Ja, ja,« sagte Springe und stäubte mit dem kleinen Finger die Asche von seiner Zigarette, »ich entsinne mich. Ich hatte mich im Malkasten erbost, über eine Mitteilung, über einen Kumpan, der umgefallen war.«

»Umgefallen?«

»Ach so, das verstehen Sie nicht. Ich meine: der ›aus Gründen‹ eine Reverenz vor den Perücken gemacht hatte. Glauben Sie mir, man soll nie etwas aus Gründen tun.«

»Pardon, jetzt versteh’ ich wirklich nicht.«

»Na ja, es klingt paradox. Aber wenn der Mensch schon Gründe herbeiholen muß, fährt seine Ursprünglichkeit zum Teufel. So tun, so leben, weil man nicht anders kann, weil einen der Geist, die Stimmung, der Herzschlag so treibt und nicht anders, das ist das einzig Richtige, das einzig Menschenwürdige und nebenbei auch das einzig Vergnügliche im Leben. Und auf das Letzte kommt es nicht zuletzt an. Oder man spielt sich selbst die abgeschmackteste Komödie vor. Aus Gründen!«

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