← Table of contents
Die vom Niederrhein

Erstes Buch (continued 2)

Reading edition

»Ich verstehe Sie,« sagte Hans, und es war ihm ganz feierlich zu Mute.

Der andere bemerkte es und wechselte den Ton.

»Fidel, fidel!« rief er und schlug ihn leicht aufs Knie. »Als ich Sie vor dem Malkasten sah, Einlaß begehrend, junger Freund, fuhr es mir durch den Kopf: diese junge Künstlerseele schnappst du denen da drinnen weg. Und nachher hatte ich die Ehre mit einem Herrn aus Oberprima.«

»O, bitte, machen Sie sich nur über mich lustig. Vertreiben werden Sie mich deshalb doch nicht.«

»Sieh mal an,« meinte der Maler gedehnt. Dann stand er langsam auf, strich seinem Gegenüber freundlich über das Haar und ging quer durch das Zimmer zu einer Glastür, die zu einer Veranda führte. Er öffnete sie und schaute hinaus.

»Was der Bengel für eine zärtliche Stimme hat,« murmelte er. »Wie einst die kleine Margot. Und die hat getäuscht.«

Er kam zurück und blieb vor dem Ledersessel stehen. Der junge Mann verspürte eine leichte Unruhe, als er den prüfenden Blick auf sich gerichtet fühlte. Er wollte sich erheben und fragte unsicher: »Habe ich vielleicht etwas Inkorrektes gesagt, Herr von Springe?«

Springe drückte ihn in den Sessel zurück.

»Inkorrektes? — Bleiben Sie ruhig sitzen, Kleiner. — Inkorrektes? Herrgott, sagen Sie so viel Inkorrektes, wie Sie wollen. Das wird mir mehr Spaß machen als die tadellosesten Erziehungsproben. Geben Sie sich, wie Sie sind, nicht wie andere sind. Allons!«

»Dann,« sagte Hans und nahm einen mutigen Anlauf, »möchte ich Ihre Bilder sehen.«

»So!« meinte der Maler mit lachender Selbstironie. »Wenn das inkorrekt sein soll — schmeichelhaft für mich ist das ja gerade nicht. Aber ich werde meiner Lebensweisheit nicht untreu werden. Kommen Sie, verehrter Kunstkritiker.«

Er führte den jungen Mann, der mit hochrotem Kopf eine Erwiderung stammeln wollte, aber keine fand, im Atelier umher. Zu jedem Bilde, das er auf die Staffelei hob und in die richtige Beleuchtung rückte, gab er eine kurze Erklärung. »Gemalt in der Campagna, gemalt in Rom, gemalt an der sizilianischen Küste, gemalt im Park zu Versailles, wenigstens in der Studie; das übrige müssen Ihnen die Bilder sagen, oder es ist schade um die schöne Leinwand.«

Hans gab keine Antwort. Er trat vor die Bilder hin und versenkte sich in ihre Sprache. Und ihm war, als ob es nicht die Sprache der Landschaften wäre, die aus den seltsam packenden Gemälden redete, als ob er die Sprache einer Menschenseele vernähme, die sich hier, fern dem lauten Marktgetriebe, zum Beten gefunden hätte. Wie konnte ein Mensch so tief empfinden, wie seine Empfindungen so leidenschaftlich zum Ausdruck bringen! Ein Mensch, der so spottlustig durchs Leben schritt, wie Herr von Springe!

»Wie viel heimliche Liebe müssen Sie in sich tragen,« sagte er leise. »So kann nur ein Glücklicher malen.«

Springe legte ihm den Arm um die Schulter.

»Heimliche Liebe? Menschlein, Sie sind eine Poetennatur. Aber werden Sie erst älter, dann reden wir auch vom Glück. O, Sie süße Einfalt, als ob Liebe und Glück dasselbe wäre.«

»Ist es das nicht?« fragte Hans verwirrt.

»Doch, doch. Beruhigen Sie sich. Sie brauchen Ihre Erstlingsgedichte deshalb nicht gleich ins Feuer zu werfen. Aber wenn Sie eines Tages, was Gott verhüten möge, an einer Frau irre werden, die Sie geliebt haben, dann wundern Sie sich nicht, sofern Sie ein Künstler sind, daß Ihre Kunst tausendmal reicher wird. Das ist wie mit einem wilden Rosenstrauch, der aus den Schutthaufen verfallender Burgen seine prangendsten Blütenzweige treibt. Das Entgelt, das der Himmel zahlt. Für jeden Blutstropfen eine Doppelkrone. He, paßt Ihnen das nicht?«

»Ich möchte doch lieber —«

»Ihr Blut behalten? O ja, dafür gibt’s auch ein Rezept. Auf alles pfeifen, sobald man es richtig abtaxiert hat, und nicht heulen, wenn man herausfand, daß das hübsche Ding nur einen Groschenwert besaß. Das hält merkwürdig jung; und jung sein, das heißt lieben. Punktum, streu Sand drum.«

»Darf ich Sie noch etwas fragen?« bat der junge Schüler zögernd.

»Liebster, ich bin nicht allwissend. Sein Bündelchen Weisheit muß jeder vom Leben selber kaufen.«

»Nur eins noch, bitte. Halten Sie — halten Sie viele Frauen für Groschenware?«

»Kommen Sie doch mal ans Fenster,« sagte Springe nach einer Pause, »ich möchte Ihnen gern einmal in die Augen sehen. Also Sie sind bereits verliebt —.«

»Nein, nein, nein,« wehrte der Errötende halb unverständlich ab.

»Aha,« machte der Maler ironisch, »der Kampf der guten Erziehung mit der Stimme der Natur. Die Hauptsache ist, nicht feige sein.«

»Ich bin nicht feige, ich schwör’ es Ihnen. Ich bin nur unwissend. Die Damen, die ich in Mamas Salon kennen lernte —«

»Keine Beichte,« sagte Springe und strich ihm mit der Hand über das erhitzte Gesicht. »Und was die Groschenware betrifft, mein lieber, dummer Junge: Hüten Sie sich stets im Leben vor den Frauen, die Gefallsucht mit Liebe, und Sinnlichkeit mit Leidenschaft verwechseln. Das ist ganz verdammtes Kroppzeug aus dem Ramschbazar. Und nun hören Sie mal, Verehrungswürdiger, wenn Sie etwa vorhaben, hier auf Burg Springe sentimental zu werden, so werfe ich Sie samt Ihrer Kontrebande hinaus. Hausrecht! Verstanden?«

Er trat auf die Veranda hinaus, die von Weinlaub dicht überwuchert war. Die Hände auf die Brüstung gestützt, schaute er in die Luft, in die sich das erste Dämmer mischte. Nach einer Weile wandte er sich wieder um. Aus seinen Augen lachte die sieghafte Fröhlichkeit.

»Sehen Sie sich mal diesen Winkel an, Kleiner! Weinlaub oben, Weinlaub unten und Weinlaub von allen Seiten. Schreit das nicht förmlich nach einer Bowle? Und nachher kommt der Mondschein und setzt silberne Lichter auf den goldenen Wein. Und man schlürft lauter Schätze in sich hinein. Ah, das Zechen ist nicht die geringste Kunst. Menschen, die nicht zechen, sind mir verhaßt wie die Leisetreter, denn sie haben Angst, sich zu begeistern. Wir aber —« er unterbrach sich. »Na, wir wollen das doch lieber durch die Tat beweisen.«

Er ging zur Tür und rief in den Korridor hinaus: »Herr Friedrich Leopold, Burggeist, Kellermeister, erscheine! Mr wolle en Böwlchen drinke.«

Aus dem Nebenzimmer kam schmunzelnd der alte Herr.

»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein — apropos, würdest du mich mit deinem Gast bekannt machen?«

»Herr Hans Steinherr. — Mein Vater.«

»Steinherr?« wiederholte der alte Herr. »Hm, ja — — der Name ist mir ja nicht ganz unbekannt.«

»Hans Steinherr, wohnhaft Grafenberger Chaussee, seines Zeichens Oberprimaner, in Zukunft ein großer oder ein kleiner Mann, wie’s fällt, in der Gegenwart aber mein Freund, mein jüngster Freund. Dieser Steckbrief, du lebensweiser Vater, wird deiner Menschenwürdigung genügen. Daraufhin schau dir das Objekt einmal genauer an.«

»Da mein Sohn und ich Freunde sind,« sagte der alte, stramme Herr und schüttelte dem jungen Manne die Hand, »so sind seine Freunde meine Freunde. Also das wollen wir feiern. Das wäre jetzt die Hauptsache.«

»Hören Sie nicht hin, was dieses leichtfertige Alter spricht!« lachte der Maler. »Seine Lebensweisheit ist vom Weine abhängig, echt und unverfälscht rheinländisch. Wenn die Bowle winkt, sind alle Menschen Brüder.«

»Mein Sohn übertreibt schamlos,« widersprach der alte Herr würdig. »Er war’s, der nach der Bowle rief, ich aber war’s, der eintrat, um ruhig und sachlich zu zitieren: Die Botschaft hör’ ich wohl, allein —«

»Allein —?« wiederholte Springe junior.

»Allein mir fehlt der Wein,« vollendete Springe senior und zuckte bedauernd die Achseln.

Die beiden Springes sahen sich in die Augen.

»Behüter meiner zarten Jugend,« sagte der Junge endlich, »du gibst mir ein schlechtes Beispiel.«

»Mein Sohn,« sagte der Alte, »ich habe dich bislang nur den Weg zur Tugend geführt. Schlechter Wein aber, oder sogar gar kein Wein, das ist keine Tugend.«

»Die Weisheit deiner Jahre,« erwiderte der Junge, »ist bewunderungswürdig, und ich beuge mich voller Respekt. Aber ich argwöhne,« und er trat dicht vor ihn hin, »du hast die Tugend wieder einmal allein ausgeübt. Herr Friedrich Leopold von Springe, ich habe Sie im ernstlichen Verdacht, heimlich zu schnäpsen. Das ist Egoismus, mein Vater. Mit solchen Grundsätzen wird man nicht alt!«

Das Gesicht des siebzigjährigen, frischen Herrn wetterleuchtete vor Vergnügen.

»Heinrich,« sagte er, »wie würde ich meine Jugend so leichtsinnig aufs Spiel setzen. Außerdem: zur Liebe und zum Zechen genügt nie ein Menschenkind allein. Lerne das von deinem alten Vater.«

»Also liebst du mich nicht mehr,« seufzte der Maler, »denn du nimmst mir die Gelegenheit, mit dir zu zechen.«

»Es ist nicht meine Schuld,« verteidigte sich der alte Herr. »Ich war heute morgen persönlich bei Scheufgen, um einen ganz exquisiten kleinen, aber spritzigen Mosel zu bestellen. Und heute nach Tisch kommt so ein gallonierter Schuft und schleppt einen ganzen Korb Niersteiner an. Ich hab’ ihm nicht schlecht den Kopf gewaschen. ›Rheinwein? Mosel will ich!‹ hab’ ich ihn angedonnert, ›zum Teufel, ich bin doch ein Rheinländer!‹ Und was glaubst du? Der unverschämte Bursche packt seelenruhig seinen Korb aus und sagt schnippisch, ›die gnädige Frau habe das nun einmal so angeordnet‹. Die ›gnädige Frau‹! Die dicke Scheufgen! Na, da wurd’s selbst mir zu viel. Ich habe den arroganten Bengel kurz beim Schlafitchen genommen und ihn samt seinem Niersteiner vor die Tür befördert. ›Die gnädige Frau,‹ hab’ ich ihn angeblasen, ›soll nächstens ihre Ohren besser aufsperren, oder ich such’ mir ein besseres Haus! Bestellen Sie das Ihrer Gnädigen!‹« Der alte Herr fuhr sich mit seinem rotseidenen Taschentuch über die Stirn. »Auf diese Weise, mein Sohn, wären wir nun ohne Wein.«

Heinrich von Springe hatte mit merkwürdig interessierten Augen zugehört. Er ergriff die Hand des Vaters und schüttelte sie lange und kräftig.

»Das hast du sehr, sehr gut gemacht, Papa.«

»Nicht wahr?« meinte der alte Herr; aber er fragte etwas kleinlaut, denn die Herzlichkeit des Dankes schien ihm nicht ganz im Einklang mit dem kleinen Vorkommnis zu stehen.

»Selbstverständlich. Man darf sich nur nichts gefallen lassen. Dieses Volk möchte einem immer seinen schlechten Geschmack aufdrängen. Freilich, daß es unbedingt Mosel sein müßte —«

»Aber ich hab’ ihn der alten Tante doch deutlich genug bezeichnet.«

»Nee, Alterchen, bezeichnet hast du ihn nicht, und das mit der alten Tante stimmt auch nicht. Im Gegenteil: eine höchst scharmante Frau. Als sie gestern bei mir im Atelier war, um den Herbstzauber auf der Staffelei zu besichtigen, den sie, nebenbei gesagt, kaufen will —«

»Was,« rief der alte Herr und riß die blanken Augen auf, »die Scheufgen will Bilder kaufen?«

»Nein, lieber Papa,« sagte der Maler freundlich, »die Frau Präsident von Tondern. Als sie den ›Herbst‹ sah, meinte sie, da ich die Studien dazu im letzten Jahre gemalt hätte, müßte ich auch den Wein dieses gottgesegneten Jahrganges kennen lernen. Er sei zwar noch jung, aber schon gehaltvoll. Die Leute haben nämlich große Weingüter. Und heute schickt sie den Niersteiner. Brav, mein Vater, daß du das Unglück abgewendet hast. Dieser Umgang verdirbt unsere einfachen Sitten.«

Die Kinnlade des alten Herrn war mit einem Ruck nach unten gegangen, der Mund stand auf, und die Augen hatten den Ausdruck eines erstaunten Vogels. Er tastete mit der einen Hand nach der Hand des Sohnes, während die andere das Taschentuch an die Augen führte. Das Antlitz abgewandt, verhüllte mit der freien Hand auch der Maler sein Gesicht. So standen sie lange, und ein Schweigen entstand, das für den unbeteiligten Gast doppelt peinlich war. Dann ging ein Zittern durch ihre Körper, ihre Schultern begannen zu zucken, immer heftiger machte sich das Toben der Gefühle bei Vater und Sohn bemerkbar — und plötzlich lagen sie sich in den Armen und lachten und lachten, daß es die Wände zu sprengen drohte. Ob die Affäre unliebsame Folgen haben könnte, daran dachte weder das Kind von Vater noch das Kind von Sohn. Selbst Hans wurde angesteckt, und er schmetterte sein jugendhelles Lachen in das Duett der beiden sonnigen Menschen. Burg Springe beherbergte drei wahrhaft Glückliche ...

Draußen wurde an der Klingel gerissen.

»Besuch,« sagte der alte Herr und wischte sich die tränenden Augen. »Den können wir brauchen.«

Er ging selbst, um zu öffnen. Nach einer Weile steckte er den Kopf durch den Türspalt.

»Diesmal,« verkündigte er, »ist es der richtige Scheufgen! Ich werde die Bowle gleich auf Eis stellen. Zweitens habe ich Herrn Professor Schack anzumelden. Er scheint mir ebenso reparatur- wie bowlebedürftig.«

»Schack?« fragte der Maler schnell zurück. »I was! Herein mit Seiner professoralen Gnaden.«

Hastig und aufgeregt trat ein Mann von einigen dreißig Jahren ins Atelier. Sein Gesicht war blaß, aber ausdrucksvoll und intelligent. Seine unruhigen Augen bekundeten eine starke Nervosität.

»Guten Abend, Springe. Kann ich dich sprechen oder stör’ ich? Ah, Verzeihung, ich sehe, du hast Besuch.«

»Guten Abend, Schack. Pardon, Pardon, man muß wohl jetzt Professor sagen. Ja, wenn dir hier die Luft nicht zu revolutionär ist? So ein frischgebackenes Professorenwesen hat das im Geruch wie eine Hofdame den Sozialdemokraten. Herr Steinherr — Herr Professor Schack.«

Der Neuhinzugekommene erwiderte die Verbeugung des jungen Mannes zerstreut.

»O,« sagte er hitzig, »ich kann auch wieder gehen. Ich dachte nur, ein Mensch deines Genres würde ein Verständnis für die Gründe haben, derentwegen ich die Stellung an der Akademie übernahm.«

»Lieber Schack, ich habe schon als kleiner Junge nicht für die Geschichten geschwärmt, denen im Lesebuch eine Moral in Vers oder Prosa angehängt war. Wenn die Geschichte nicht für sich spricht, helfen alle Begründungen nichts. Wenigstens bei mir nicht. Du bist umgefallen. Was mich aber nicht hindert, mit dir als Menschen einen Becher zu leeren. In deinem Interesse schlage ich vor: Wir wollen auf die Terrasse gehen. Dort ist selbst für einen Akademieprofessor eine Luft, die sich neutral und höchst gebührlich aufführt. Avanti, signore.«

Springe schob den aufgeregten Kollegen vor sich her und winkte Hans freundlich zu, ihnen zu folgen. Das letzte verlorene Sonnengeflimmer zitterte durch das Weinlaub und malte weiße Kringel auf den Tisch. Die Herren saßen in ihren Stühlen und sahen dem Spiele zu. Irgendwo in der Nachbarschaft wurde ein Klavier bearbeitet, und ein jugendlicher Chor intonierte das Rheinlied:

»Nur am Rhein, da will ich leben, Nur am Rhein geboren sein — — —«

Der Chor klang rauh und ungeschult, aber das verschlug den Sängern nichts. Die mangelnde Schönheit wurde durch Lungenkraft und Begeisterung hinlänglich ersetzt. Mitten in das Rheinlied hinein ließ ein Sohn der roten Erde trutzig das Westfalenlied ertönen:

»Du Land, wo meine Wiege stand, O grüß dich Gott, Westfalenland!«

Eine Pause entstand. Dann sangen die lustigen Brüder einträchtig miteinander:

»Der Herr Pappenheimer, der soll leben, Der Herr Pappenheimer lebe hoch! Beim Bier und beim Wein Lust’ge Pappenheimer woll’n wir sein ...«

»Das sind die Balduren,« nickte Springe, »goldenes, unverschämtes Künstlerblut. Die Kerle sind unverkennbar an ihren schrecklichen Stimmen. Aber sie haben den Teufel im Leib und fürchten sich nicht vor Gott und der Welt. Darum lieb’ ich sie!«

»Jawohl,« knurrte der Professor, »nur vor der Malerei fürchten sie sich.«

»Ach du lieber Himmel, wer am bravsten im Taglohn malt, ist deshalb nicht der größte Künstler.«

»Soll das etwa auf mich gehen?« fuhr Professor Schack empor.

»Dort naht der versöhnliche Geist Herrn Friedrich Leopolds mit dem Abendimbiß. Ich beanspruche einen Waffenstillstand zur Provianteinnahme.«

Der alte Herr von Springe machte dem Geplänkel ein Ende. Mit der Zuvorkommenheit eines alten Ritters spielte er den Wirt, nötigte zum Zulangen und kredenzte in Gläsern verschiedener Formen und Farben den Wein. Als die Dunkelheit hereinbrach, entzündete er eine Ampel, die wie ein satter Rubin aus dem grünen Weinlaub über der Terrasse lugte, und holte eigenhändig die kristallene Bowlenschale. Man saß zu viert, feierlich, und kostete.

»Ah!« machte Schack und tat einen leisen Schnalzer.

»Das schmeckt wie flüssige Jugend,« bemerkte der alte Herr. »Davon kann man nie genug bekommen. Bitte auszutrinken.«

Man trank und plauderte. Von der Kunst wurde kein Wort gesprochen. Nach dem vierten Glas aber wurde Professor Schack melancholisch.

»Lieber Springe,« sagte er und blickte finster in das schwimmende Gold seines Glases, »ich bin dir noch eine Erklärung schuldig.«

»Lieber Schack,« entgegnete der andere, »das ist der große Irrtum. Du bist nur dir allein Rechenschaft schuldig. Geht die Rechnung auf, umso besser für dich. Stolperst du über einen Fehler, so mußt du ihn korrigieren. Lediglich deinetwegen. Das ist’s.«

»Ich weiß, worauf du hinzielst,« versetzte der junge Professor, »und ich will mich auch nicht entschuldigen. Aber menschlich verständlich will ich mich dir machen. Seit dem Tage, an dem ich dir im Malkasten mitteilte, daß ich zum Professor an der Akademie ernannt sei, meidest du mich. Du behauptest, ich wäre umgefallen, ich hätte — ja, ich hätte die Sünde wider den heiligen Geist begangen, weil ich meine individuelle Art des lieben Amtes wegen nach dem Akademiezopf regeln würde, langsam, aber sicher. Abgesehen davon, daß doch auch im anderen Lager Männer stehen —«

»Entschuldige,« sagte Springe, »du willst da gerade einem landläufigen Irrtum Worte verleihen. Ich kenne kein anderes Lager, ich kenne nur Künstler! Ob sie auf die sogenannte alte oder auf die sogenannte neue Manier malen, das ist mir ganz egal. Die Hauptsache ist mir, ob sie die schöne Illusion erzielen. Wie sie das machen, ist mir Nebensache. Die Individualität ist die Hauptsache. Ein Gott läßt sich nicht in spanische Stiefel schnüren, oder es wird ein Götze. Ein Ölgötze in unserem Falle. Und obwohl du weißt, daß auf der Akademie augenblicklich mit Nachdruck schablonisiert wird, gehst du hin und wirst Helfershelfer.«

Schack sah düster vor sich hin. Dann griff er nach seinem Glase, trank es aus und setzte sich aufrecht.

»Du hast eins vergessen. Der heilige Geist, gegen den man sündigen kann, besteht nicht allein in der Kunst. Er ist hier, da und dort. Er ist überhaupt der reine Kautschukbegriff. Jeder arme Teufel legt ihn sich auf seine Art aus. Schwärmer behaupten, er sei die Liebe.« Er stand auf. »Auf die Gefahr hin: ich bin ein Schwärmer.«

»Schack, alter Kamerad ...« Springe hatte sich schnell erhoben und den Aufgeregten sanft in den Sessel niedergedrückt. »Ich hatte ja keine Ahnung. Was ist denn los?«

»Siehst du,« begann der Akademieprofessor, »ich habe gemalt, was das Zeug hielt. Nicht oberflächlich, das weißt du. Ich habe, um mich deines Ausdrucks zu bedienen, den Gott in mir wahrhaftig nicht in spanische Stiefel geschnürt. Ich wurde verlästert, verhöhnt, als Tempelschänder gebrandmarkt. Ich arbeitete fort. Als die Schreier meine Entschlossenheit sahen, verliefen sie sich allmählich. Auch die Kritik wagte sich jetzt hervor. Man nannte mich in den Zeitungen eine interessante Erscheinung. Aber Bilder kaufen — das war nicht. Ich war von den Perücken, die im lieben Düsseldorf einmal die Papstgewalt haben, nicht approbiert. Unterdes wurde ich achtunddreißig. Und mein Mädchen wurde auch nicht jünger. Springe,« fuhr er fort und griff nach der Hand des Freundes, »das — das ist das Schrecklichste. Sehen, wie die Jugend schwindet. An der Liebsten es sehen. An den kleinen Fältchen der getäuschten Sehnsucht, den schmalen Wangen, die die heimliche Angst blaß färbt, dem ergebungsvollen Blick der Entsagung. Springe, du hast nicht geliebt, sonst wüßtest du, daß man in solchen Augenblicken sein künstlerisches Gewissen für eine Handvoll Haselnüsse verkauft, daß man seine Individualität hinschmeißt wie einen alten Handschuh, daß man zu allem, aber auch zu allem bereit ist, um nur nicht hinsterben zu müssen, ohne die Jugend der Liebsten und damit die eigene gerettet zu haben. Ruft allesamt, ich sei umgefallen. Ich weiß das besser. Ich zahl’ der Welt mit gleicher Münze, und inzwischen küsse ich im Blumengarten meines stillen Mädels alle blassen Rosen wieder rot. Erst kommen wir selber!«

Es war einen Augenblick still geworden auf der Terrasse.

»Und du,« brach Springe das Schweigen, »willst deine Individualität hingeschmissen haben? Ich habe dich falsch beurteilt, denn du hast mir nie von deiner Freundin erzählt. Vielleicht,« fügte er lächelnd hinzu, »weil du mir kein Verständnis für die Liebe zutrautest. Aber,« er wurde wieder ernst, »dem geliebten Weib gehört nicht nur die Kunst, ihm gehört das Leben zuallererst. Jetzt habe ich keine Angst mehr um dich. Schack, deine Liebe soll leben.« — —

Den alten Herrn und den jungen Gast hatten die beiden Maler gänzlich vergessen. Jetzt erhob sich der alte Herr und klingelte an sein Glas.

»Liebe Freunde,« begann er, »ich möchte zu diesem Thema auch ein Wörtlein sagen. Freund Schack hat soeben die Angst vor dem Altwerden bekundet. Nun, er hat ja auch das Arkanum dagegen gefunden. Aber wenn das Arkanum auf die Dauer Wirkung haben soll, müssen Sie alle selbst das Beste dazu tun. Ich bin siebzig Jahre. Wie? Bin ich nicht ein Jüngling? Sind Sie der Meinung, daß ich je im Leben alt werden könne? Wollen Sie das Geheimnis wissen? Nun, es ist einfach. Werden Sie nie im Leben blasiert! Versuchen Sie auch nie, über das Leben zu philosophieren. Sie behalten jedesmal unrecht und haben eine Menge Zeit vertrödelt. Das Alpha und Omega dieses Daseins ist, zu wissen: daß man lebt. Und es lohnt sich — glauben Sie das meiner langjährigen Erfahrung — am besten, daß man für diese kurze Erdenspanne so lacht und liebt, singt und trinkt, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Klappt einmal der Sargdeckel zu, und man entsinnt sich just in dieser Sekunde einer Seligkeit, die man abgewehrt hat, kriegt man noch im Grabe die Gelbsucht, und die schadet dem Teint. Ich meine natürlich den Teint der Erinnerung. Meine Freunde, es prangt und duftet die Sommernacht, und die Bowle nicht minder. Die Philister liegen in der Klappe und zetern über unsere Untugend. Die Tugend aber ist das Leben; mit ihm hört auch die schönste auf. Und diese Tugend wollen wir auf das kräftigste ausüben. Dann sind wir die Herren dieser Welt, dann sind wir die ewige Jugend. Bange machen gilt nicht. Prosit!«

Der Akademieprofessor fiel dem alten Herrn schluchzend um den Hals. Die Erregtheit der letzten Stunden, die rasch getrunkene Bowle, die wunderbare Sommernachtstimmung und die prächtigen Menschen um ihn her — er konnte nicht anders, er bekam es mit der Rührung.

Hans Steinherr hatte mäuschenstill dagesessen. Es war ihm heiß und kalt geworden, er hätte, ganz gegen die ihm anerzogenen Gewohnheiten, schreien und singen mögen, und plötzlich sprang auch er auf und fragte an, ob er ein Gedichtchen deklamieren dürfte, das ihm heute eingefallen sei.

»Silentium! Silentium für den Dichter!«

Und mit vor Erregung zitternder Stimme sprach der Jüngste des Kreises:

»Was nutzt der Kuß auf deinen Mund, Wenn nicht dein Herz erglommen? Tut sich der Lenz dem Blut nicht kund, Was soll der Name frommen? Und sehnst du dich, daß dir die Kunst Entschleiert sich soll zeigen: Lern fühlen nur mit inn’ger Brunst Und laß die Lippe schweigen. Gott ist im Sturm, im Frühlingswind Und in der Früchte Samen. Das Glück, du grübelnd Menschenkind, Du bannst es nie mit Namen. Tu auf das Herz zur Feierstund’, Bekränze still die Pforte. Dann regt sich’s auf der Seele Grund Wie seltne Bibelworte. Und ob dein Mund der lauten Welt Ihr Wesen nie verkündet: Wenn nur dein Herz die Zwiesprach hält, So hast du es ergründet. Das tiefste Glück, das du dir schufst, Blieb immer ungesprochen. Und wenn du es bei Namen rufst, Sein Zauber ist gebrochen.«

Blaß bis unter die Haarwurzeln wollte sich Hans setzen. Er war zu Ende. Aber Heinrich von Springe war hinter seinen Stuhl getreten und schloß den Jungen in seine Arme.

»Hättest du das auch zu Hause, in einer eurer Gesellschaften vorgetragen?« fragte er ihn halblaut und sah ihm in die Augen.

»Nein. Dort hätte ich es nie gekonnt. Hier fühl’ ich mich so, so — —«

Springe küßte ihn auf den Mund. Das »Du« behielt er bei. —

Der Akademieprofessor stellte nach einer Stunde fest, daß er den Rest seiner Energie für den Nachhauseweg nötig habe. Lachend führten ihn Springe und Steinherr die Treppe hinab. Der alte, fröhliche Herr folgte mit dem Licht, und er zitierte kräftig aus seinem Lieblingsdichter Wilhelm Busch für den Professor einen Abschiedsgruß.

»Einen Menschen namens Meyer Schubbst’ man vor des Hauses Tor Und man sagt’: Betrunken sei er, Selber kam’s ihm nicht so vor.

A rivederci, a rivederci , es lebe die Persönlichkeit!« —

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Fünftes Kapitel

Bei Willibald Hüsgen wurde emsig geprobt. Die Kostüme waren im Laufe der Wochen fertig geworden, die Dekorationen von Willibalds Meisterhand entworfen und in ziemlich eigenmächtiger Weise auf große Papierrahmen gemalt. Der Künstler nannte das kurz: al fresco. Mutter Hüsgen hatte bereits den Saal herrichten müssen, der während des Semesters den Gaudeamusbrüdern zur Kneipe diente, und der Wirt, der »Baas«, ließ seinen Stammgästen gegenüber geheimnisvolle Worte fallen, um durchsickern zu lassen, was für ein Mordskerl sein Willibald sei, und »von der Mutter hätte der Jung’ das nu mal nich«.

Zu Anfang September erklärte der selbstbewußte Arrangeur, daß die Vorstellung, wie es im Bühnenjargon heiße, nunmehr »stehe«. Das Knochengerüst wäre da, nun gelte es, Fleisch ansetzen. Bei der nächsten Probe am Samstag würde er mit der Durchgeistigung der Bilder beginnen.

Hans blickte auf Hannes. Aber das Mädchen lachte nicht zu den protzenhaften Worten wie einst, da ihnen auf dem Dachstubenatelier Herr Willibald die Eintrichterung der Leidenschaft versprochen hatte. Es war seit jenem Tage und mit der Zeit fortschreitend eine so seltsame Änderung mit dem jungen Geschöpf vor sich gegangen, daß es der Umgebung hätte auffallen müssen, wäre diese egoistische Jugend nicht viel zu sehr von sich selbst in Anspruch genommen gewesen. Mechanisch folgte sie den Regievorschriften, mechanisch nahm sie ihre Stellungen ein und ahmte die Bewegungen nach, so daß der rücksichtslose Haussohn mehr als einmal ein Donnerwetter über die verdammte Steifheit der Frauenzimmer im allgemeinen und im besonderen über die Häupter der Versammelten schickte. Dann färbte sie sich blaß und rot, verharrte regungslos und wie im Trotz in ihrer eckigen Haltung, um, sobald die Probe ihr Ende erreicht hatte, in einem Temperamentsausbruch sondergleichen durch das Zimmer zu tollen.

Hüsgen stand wie versteinert. Aber die Versteinerung wandelte sich bald zur wilden Wut.

»Kröte,« schrie er »alberner Aff’, wenn du dir etwa einbildest, mich hier zum Narren zu halten, so soll doch gleich — Rausschmeißen werd’ ich euch, rausschmeißen alle miteinander —!«

»Du hältst sofort den Mund!« fiel ihm Hans Steinherr kategorisch ins Wort.

Er war dicht an den Kameraden herangetreten, mit geballten Händen, und sah ihm herausfordernd in die Augen.

»Untersteh dich, in diesem Tone fortzufahren. In meiner Gegenwart werden keine Damen beleidigt!«

»Damen?« fragte Hüsgen höhnisch. »Du bist wohl jeck? Malchen, lach dich kapott, ihr seid ›Damen‹!«

»Wie deine Schwester darüber denkt, muß sie selbst wissen. Aber Fräulein Hannes ist hier Gast, und das Gastrecht respektiert man. Zumal wenn der Gast dir zuliebe gekommen ist, um so selbstlos wie möglich sich für deinen persönlichen Ehrgeiz verwenden zu lassen.«

»Ehrgeiz?« brauste Hüsgen auf. »Bist du übergeschnappt? Ihr versteht eben den Teufel von der Kunst!«

»Dann stell deine lebenden Bilder gefälligst allein!«

Einen Augenblick schien es, als sollten die lebenden Bilder wirklich lebendig werden. Aber der Geschäftsinstinkt des Wirtssohnes witterte noch rechtzeitig die Gefahr. Und knurrend lenkte Hüsgen ein, um sich im »Gaudeamus« den Triumph nicht entgehen zu lassen. Während die beiden Mädchen in einer Ecke beieinander hockten und Malchen verwundert die renitente Freundin anstarrte, versuchte der Akademieaspirant sich in der Fensternische vor dem Freunde reinzuwaschen.

»Steinherr,« sagte er eindringlich, »du mußt das doch einsehen. Wir Künstler sind geradeaus. Wir legen nun einmal keinen Wert auf das Äußerliche, weil wir alles auf das Innerliche konzentrieren. Aber unsere Seele — Mensch, unsere Seele — —!«

Hans maß den Redenden von oben bis unten.

»Erzähle mir doch keinen Unsinn, an den du selber nicht glaubst. Der Geist macht den Körper, und Rauhbeinigkeit ist noch lange nicht das Erkennungszeichen für spartanische Tugend. Übrigens bist du noch gar kein Künstler.«

»Was bin ich nicht?« versetzte Hüsgen atemlos.

»Noch kein Künstler. Wenn du’s erst bist, sprichst du nicht mehr so viel davon.«

»Ich —? Ich wäre kein —? Nu hört sich aber alles auf. Malchen, Hannes, kommt doch mal her! Ihr habt doch, weiß Gott, Verständnis! Malchen, du holst auf der Stelle mein Skizzenbuch. Und die Kreidezeichnungen bringst du her, die ich von Vatter gemacht hab’ und von Mutter. Im Schlafzimmer über dem Bett. Wenn die nich ähnlich sind! Aber laß man. Hier stehen doch die Dekorationen zur Francesca. Na? Wie? Ist das gemalt oder ist das geschwefelt und geflunkert? Ich kein Künstler! Aber der da, der da — Kuckt ihn euch an — das ist einer. Och! Och! Malchen, fix, hol mal en Kognak. Vatter is nich am Büfett.« —

Diese Szenen, die sich mit geringen Variationen häufig genug wiederholten, waren Hans peinlicher, als er es sich gestehen mochte. Nicht seiner selbst wegen. Er merkte, wie der Verkehr im Hüsgenschen Wirtshaus sein allzu sensitives Empfinden abhärtete und seine weiche Männlichkeit robuster machte. Das war sicher ein Gewinn. Aber das Kavaliertum, das ihm im Salon seiner schönen Mama anerzogen worden war, ließ zuweilen beschämt die Flügel hängen. Er hätte ganz anders für seine kleine Dame eintreten mögen, aber die schien für die feineren Unterscheidungen des Verkehrs noch weniger Verständnis zu haben als der rüpelhafte Willibald. Mit übertriebener Hast nahm sie stets Partei für den triumphierenden Haussohn und blitzte mit ihren dunklen blauen Augen ihren Ritter wie einen Lästigen an. Wurden die Proben erneuert, so sah man ihr das Unbehagen an, den jungen Mann berühren zu müssen. Steif wie eine Gliederpuppe hielt sie die Arme gereckt, und des Regisseurs Zorn wurde mit Recht entfacht über diese »niederträchtige Versündigung an der Kunst«.

Nachdem Hüsgen eines Tages erklärt hatte, daß sie nunmehr reif wären, um sich von Direktor Millowitsch für das Kölner Hänneschen-Theater engagieren zu lassen, und er nur noch einen und den allerletzten Versuch mit ihnen machen wollte, ordnete er für die nächste Zusammenkunft die erste Kostümprobe an.

Willibald Hüsgen hatte einige junge Kunstschüler ins Vertrauen gezogen, da er zu dem Prunkbilde, der Hofhaltung der Francesca, eine Anzahl Ritter benötigte. Die jungen Leute erschienen, die Hosen über die Trikots gezogen, lachend und lärmend im Hause und begannen im Festraum ungeniert Toilette zu machen, während Francesca-Hannes und ihre Palastdame Malchen in einem Nebenzimmer letzte Hand an ihre Kostüme legten.

Hans Steinherr betrachtete mit Verwunderung die Kostüme der Kumpane. Tausend Maskenschlachten schienen schon darin geschlagen worden zu sein, die Farben waren erblindet und verschossen, die Tuche mottenzerfressen und geflickt, und ein Duft ging von ihnen aus, der am Hofe der Malatesta kaum statthaft gewesen sein dürfte. Er wagte darüber eine Bemerkung an Hüsgen, der von einem wahren Begeisterungstaumel erfaßt zu sein schien.

»Was? Blinde Farben? Mottenlöcher? — Ja, Mensch, begreifst du denn nicht? Das ist ja gerade das Echte! Himmeldonnerwetter, das ist echt! Das riecht man ja geradezu!«

»Leider Gottes,« versetzte Hans und zog die Nasenflügel zusammen. »Aber es handelt sich doch nicht darum, was heute echt erscheint, sondern was damals echt war. Und du darfst dich darauf verlassen, daß sich die Herrschaften damals mindestens so anständig anzogen und auf Sauberkeit hielten wie die gute Gesellschaft heute. Das hier aber — das ist doch der reine Anachronismus.«

Willibald und die jungen Herren von der Akademie, die sich vor Entzücken über die »fabelhafte« Echtheit ihrer Gewandungen nicht zu lassen wußten und sich gegenseitig beschauten, betasteten und beschnüffelten, sahen sich sprachlos an. Der Horizont verfinsterte sich eine Weile. Dann meinte ein langer Akademiker wegwerfend: »Laßt den Kerl doch laufen, der hat ja keine Ahnung von echt!«

Hans trat zurück. Er wollte heute keinen Streit; auch machten ihn die sonderbaren Käuze lachen.

Das stilgerechte Kostüm aus purpurnem Samt, das sich eng an seinen schlanken Leib schmiegte, gab ihm ein fremdartiges Aussehen, und der feine Kopf mit dem braunen Haar erinnerte in der Tat an einen alten, seltenen Stich. Die purpurne Kappe mit den silberschillernden Reiherfedern saß fest im Gelock. Die Hände falteten sich über dem Griff des Degens.

Hüsgen ließ die Stellungen einnehmen. Die jungen Akademiker fanden sich überraschend schnell in die Situation und bildeten in ritterlicher Attitüde den Hofstaat und die fremden Gesandtschaften. Die alte Tradition, die Düsseldorf von jeher den Ruhm zuspricht, unübertroffen im Arrangement lebender Bilder zu sein, wurde wie auf ein Zauberzeichen in diesen formlosen Burschen lebendig. Sie standen da mit dem Anstand von Adelsgeschlechtern, und die bunten Lumpen wurden zu Prachtgewändern. Jetzt führte Hüsgen als mißgestalteter, finsterer Gianciotto Malatesta sein Weib Francesca ein, und Totenstille herrschte. Jeder der jungen Künstler spürte die Macht der Schönheit.

Das war Francesca. Blaß war sie wie eine weiße Rose, in deren Kelch eine Flamme sitzt. Das aufgenommene Haar lag wie Sonnengold auf der Stirn. Die mädchenhaften Formen des Körpers hoben sich unter dem reichbestickten Brokatgewand, und unter dem schweren Saume zeigten sich die scheuen, zierlichen Kinderfüße. Sie konnte nur langsam vorwärts schreiten, denn Fräulein Malchen als traute Gespielin hielt sich so würdevoll, daß sie die Schleppe der Fürstin, die sie trug, straff zog wie ein Sprungtuch.

Malatesta geleitete Francesca zum Thronsessel und nahm neben ihr Platz. Zur Seite hinter ihr stand Hans Steinherr-Paolo, versunken in diesen Traum von Jugendschönheit. Jetzt hob Francesca den Kopf, und ihre Blicke begegneten den Blicken Paolos. In diesem Augenblicke dachten beide nicht an die Gestalten, die sie darzustellen hatten. Francesca sah das feingeschnittene, leidenschaftliche Jünglingsantlitz, ihre Augen hingen in rückhaltlosem Staunen an seiner Erscheinung und ließen sie nicht los. Und während Paolo mit halbgeöffneten Lippen den keuschen Duft ihrer Haare einatmete und sich mit Augen, in denen ein Suchen und Sehnen war, unwillkürlich näher beugte, schwellte ein tiefer Seufzer die Brust Francescas, und ein geheimnisvolles Lächeln zog durch ihren Blick. Das Lächeln des Mädchens, das das Weib in sich erwachen fühlt.

»Bravo, bravo!« rief stürmisch die »Gesandtschaft« vor ihrem Thron. Ein Jubelgeschrei raste durch die jugendliche Versammlung, und Hüsgen-Malatesta versuchte auf seinem Thronsessel den Kopfstand. Gesandte und Mannen sprangen herzu und halfen dem überschwenglichen Fürsten wieder auf die Beine.

»Habt ihr’s gesehen?« rief er. »Habt ihr’s gesehen? Diese Bewegung? Diesen Blick? Das war Musik, he? Eine ganze Geschichte in einer Sekunde. Das große Vergessen im Liebestrank!«

Er stolzierte aufgeregt umher.

»Was sagt ihr nun? Nix! das glaub’ ich — Aber wenn ihr einen bloßen Schimmer hättet, was mich das für Müh’ gekostet hat, den beiden das einzupauken. Innerlichkeit konzentrieren, hab’ ich gesagt, Innerlichkeit! Über Nacht ist es gekommen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Aber dieser Herr war ich. Und wenn ich die Blasphemie morgen am Tag dem Pater Servatius beichten sollt’ und mit hundert Rosenkränzen gepönt werd’! So, und nun bedankt ihr beiden euch bei mir, daß ich euch hab’ was lernen lassen. Vorwärts, umkleiden zum zweiten Bild.«

Die beiden Mädchen waren ins Nebenzimmer geeilt. Hans Steinherr zog sich hinter die Bühne zurück, um seinen Anzug zu wechseln. Hüsgen warf als Rachegeist, der in der Nacht heimeilt, um die Untreue von Weib und Bruder zu bestrafen, einen weiten Mantel um die Schultern und nahm den blanken Stahl in die Faust. Alle Anwesenden, die in diesem Bilde nicht mitwirkten, hatten sich in den Hintergrund des Zimmers zurückzuziehen, das einstweilen verdunkelt wurde.

Nun tastete sich Francesca zur Bühne. Hans-Paolo half ihr hinauf und nahm mit ihr die Pose ein. Hüsgen-Malatesta ließ, zusammengekauert wie ein sprungbereiter Tiger, den Degen schwirren.

»Licht!«

Nur die Gasflamme über der Bühne strahlte hell auf. Ein unerwarteter Anblick:

Paolo in weißem Samtwams. Das Wams über der Brust zerrissen, die nackte Brust von Blut gerötet. Francesca hält den Taumelnden fest. Das zarte Nachtgewand liegt wie ein Duft um den süßen Mädchenkörper. Ihr rotschillerndes Haar ist gelöst und schlingt sich um den Hals des Geliebten. Seinen Nacken umwindet ihr bloßer Arm, und mit der freien Hand wendet sie den zweiten todbringenden Degenstoß des wutschäumenden Malatesta auf sich. Und plötzlich, als sei auch sie getroffen von dem erlösenden Stahl, ließ sie den ausgestreckten Arm auf die Schulter des in die Kniee gebrochenen Geliebten niedersinken, und ihr Körper hing schwer und fest an dem seinen, als wären sie eins.

Hans Steinherr tanzten Flammen vor den Augen. Er wußte nicht, wie ihm geschah. Alle Kraft hatte er nötig, den Mädchenkörper zu halten. Er preßte ihn mit Gewalt an sich, um ihn vor dem Niederfallen zu bewahren, und in die angstvolle Umschlingung hinein strömte eine Flut von unbekannter Süße hinüber und herüber. Er suchte ihre Augen, die starr die seinen suchten, sah ihren Mund wie blasse, verlangende Rosenblätter — dann sank ihr Kopf hintenüber, und er spürte ihre kühle, weiche Wange auf seiner entblößten Brust.

»Vorhang!« schrie er mit erstickter Stimme in die Kulisse, und irgend einer, der herbeigesprungen war, ließ die Gardine fallen.

»Was ist denn los?« rief Hüsgen ärgerlich und stolperte über die Bühne. »Die Bewegung war tadellos realistisch und du —«

»Rufe sofort deine Mutter. Die anderen sollen in den Garten. Malchen bleibt im Zimmer und verhält sich ruhig. Schnell, du!«

Die abgehackten Sätze kamen wie ein Kommando. Und Willibald Hüsgen duckte sich augenblicks, warf noch einen scheuen Blick auf das Mädchen, dessen Ohnmacht er jetzt erst gewahrte, und hieß die Gaffer das Zimmer räumen. Malchen trippelte an der Stubentür auf und ab und wartete angstvoll auf die Mutter, die der Bruder holen gegangen war.

Auf der Bühne kniete Hans, den Kopf der kleinen Freundin in seinen Arm gebettet. Ihr durchsichtiges Gesichtchen war blutleer, und der schlanke Mädchenleib lag wie leblos gestreckt.

»Nicht sterben,« flüsterte er, »nicht sterben. Durch dich hab’ ich ja erst zu leben begonnen. Das weißt du ja gar nicht. Du, Heinz Springe, der alte, prächtige Vater Springe, all die neuen Menschen — alles durch dich. Hörst du, kleiner Hannes?« Und es quoll in ihm empor, und ein heißer Tropfen hing sich an seine Wimper und fiel auf ihre Stirn. Da beugte er sich herab und küßte sie zärtlich, wie man eine Schwester küßt, auf die kalten Lippen. Wie eine Schwester? Ein Schauer durchrann ihn, und er wagte den Kuß nicht wieder. Wo nur Frau Hüsgen blieb ...

Da kam sie; äußerlich erhitzt vom schnellen Treppensteigen, im Gemüt seelenruhig. Sie hatte die Essigflasche gleich mitgebracht und rief Malchen zur Hilfeleistung heran. Aber das alberne Mädel fürchtete sich und drückte sich zur Tür hinaus, um die Magd zu rufen.

»Barmherzigkeit,« grollte die resolute Wirtin, »dat Kindchen stirbt uns noch unter die Hände weg. Fassen Sie mal an, jong Här. Sie sind jetz’ Samariter, verstehn Sie mich. Dat hat mit dem sonstigen Anstand absolut nix zu tun.«

Mit flinken Fingern öffnete sie dem jungen Mädchen das Gewand, legte einen essiggetränkten Lappen in die Herzgrube, einen essiggetränkten Schwamm auf die Schläfen, rieb und frottierte und hieß ihren Assistenten, die Arme des Mädchens im Takt auf und nieder zu heben. Hans folgte dem leisesten Wink. Er sah die hilflose, weiße Mädchenblume vor sich liegen in ihrer rührenden Schönheit, und ihm war feierlich zu Mute.

Das Mädchen öffnete die Augen. Das Blut hatte zu kreisen begonnen, und das Leben war zurückgekehrt.

»Weg!« sagte die Wirtin und machte dem jungen Manne eine energische Kopfbewegung. »Dat Samariterspiele is all jut, aber nu kömmt auch der menschliche Anstand retour. Jed’ Ding zu sein’ Zeit. Adjö, Herr Steinherr.«

»Ich werde mich umkleiden und dann unten warten,« antwortete Hans, machte eine ehrerbietige Verbeugung und verließ, ohne sich umzuschauen, das Zimmer.

Ruhig ging er später im Flur auf und ab. Wenn das Bild, das er vorhin gesehen, vor ihm auftauchte, war ihm, als ginge etwas Heiliges in ihm vor. Er wußte, daß er nie einen heiligeren Augenblick erleben würde. Wie ernst, wie glückselig ernst das stimmte. War das die Jugend?

Aus dem Gärtchen im Hof hörte er die Kunstjünger schwatzen und lachen. Sie tranken das Wohl der lieblichen Francesca und ihre baldige Genesung. Das war auch eine Art, die elastische Jugend zu äußern. Aber er brauchte nicht zu trinken, um seine Begeisterung anzufachen.

»Kleiner Hannes,« murmelte er, »kleiner, lieber Hannes! Weißt du noch? An dem Schützensonntag? Bis dahin war ich ein Kulturpflänzchen. An dem Tage lernte ich die Natur verstehen. Ach, wie das wohl tut — —. Lieber, kleiner Hannes!«

Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden. Soeben noch ernst und abgeklärt, überfiel ihn jetzt aufs neue die Unruhe, und er horchte in das winklige Treppenhaus hinein, ob er auf den Stiegen ihren Schritt noch nicht vernähme. Sollte sich der Anfall wiederholt haben? Dann — ja, dann hatte er doch hier unten nicht herumzulungern, dann war doch sein Platz dort oben, dann gehörte er doch an die Seite der armen, kleinen Kameradin.

Er hielt die Ungewißheit des Wartens nicht mehr aus. Zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, sprang er die Treppen hinauf. Vor der Tür des Dachstubenateliers war ihm der Atem ausgegangen, aber er wartete die Beruhigung der Pulse nicht erst ab, er klopfte an und drückte auf die Klinke.

Da saß Hannes, mit ihrem dünnen Sommerkleidchen angetan, am Tisch und trank aus einem Glase dunklen, roten Wein. Das Haar hing gelöst, um die Schläfen nicht zu drücken, an den schmalen Kinderwangen herab. Mutter Hüsgen hockte mit ihrer massigen Gestalt auf einem Schemel und ermunterte zum Trinken.

Bei dem hastigen Eintritt des jungen Mannes hielt das Mädchen das Glas unbeweglich an den Lippen und starrte ihn an. Die Erinnerung kehrte zurück, und wo diese aussetzte, stellten sich ängstigende Vermutungen ein. Die Hand, die das Glas zum Munde führte, begann zu zittern, das Auge zu flirren und zu flimmern, und eine Glut stieg von der Kehle an über Wangen und Stirn, so dunkel und tief wie der rote Wein im Glase. Frau Hüsgen winkte dem jungen Manne ärgerlich ab.

»Sachte, sachte! Dat jeht hier nich zu wie auf ene Bauernkirmeß: Flauwerden un jleich wieder Walzer. En bisken mehr Zartheit, jong Här.«

»Ich wollte nur — — ich hatte nur solche Angst — des Fräuleins wegen — —« stotterte Hans. »Ich hielt’s da unten nicht mehr aus ... Entschuldigen Sie.«

»Ich bin ganz wohl,« sagte die Kleine trotzig und senkte die Augen.

»Schön,« entschied die Wirtin und erhob sich, »dann machst du jetzt, daß du in die Klappe kommst. Un Großmutter soll dich besser päpeln. Du bist jetzt in die Jahre, wo mr aufpassen muß. Jesses Maria,« seufzte sie, »wat is dat sein Lebtag ein Elend mit uns arm Frau’nsleut!«

Ein schneller, scheuer Blick glitt aus den Augenwinkeln der Kleinen zu dem jungen Manne hinüber, der noch immer die Türklinke in der Hand hielt. Jetzt trat er näher und sagte, respektvoll zu Frau Hüsgen gewandt: »Wenn Sie gestatten, werde ich das Fräulein nach Hause bringen.«

»Ich kann allein gehen,« wehrte das Mädchen hastig ab und stand im selben Augenblick aufrecht da.

»Fräulein Hannes,« sagte Hans Steinherr ruhig, und er wunderte sich selbst über die Bestimmtheit seines Tones, »Sie werden diesmal vernünftig sein. Sie sind krank und haben sich denen zu fügen, die es gut mit Ihnen meinen.«

Sie sah starr an ihm vorüber. Dann wandte sie sich mit einer seltsam matten Bewegung ab, nahm ihren Hut vom Wandhaken, nestelte achtlos fast ihr Haar darunter und reichte der Wirtin die Hand.

»Ich dank’ Ihnen auch, Frau Hüsgen.«

»Keine Ursach’, aber nich die Spur!« Die resolute Frau klopfte ihr die Backen. »Also du wirst mir hübsch gesund. Un vergiß nich, Großmutter zu grüßen, un sie soll übermorgen zum Waschen kommen.«

Wieder der scheue Blick. Diesmal hatte ihn Hans Steinherr in den Augenwinkeln seiner Schutzbefohlenen aufblitzen sehen.

Ach, die Kleine schämte sich, weil sie zu einer Waschfrau ging. Daher das Abwehren einer Begleitung. Und wenn schon zu einer Waschfrau; was war dabei? Die Ereignisse hatten in Hans die romantischen Sinne geweckt. Was ging ihn Rang und Stand der Menschen an.

»Kommen Sie, Fräulein,« sagte er herzlich, »ich werde Sie bei Ihrer Großmama gut abliefern.«

Sie schritt, ohne ihn anzusehen, an ihm vorbei und die Treppe hinab. So eilig, daß er sich sputen mußte, sie an der Toreinfahrt wieder zu erreichen. Hier aber nahm er sie fest bei der Hand und sah sie an.

»Fräulein Hannes — —.«

Dann zog er ihren Arm durch den seinen und führte sie behutsam die Straße entlang. Willenlos ging sie neben ihm her. Den Arm hielt sie steif wie eine Marionette.

»Wo wohnen Sie?«

»Pempelforterstraße.«

»Nummer?«

Sie nannte sie und schwieg sofort wieder. Die unregelmäßigen Schritte der beiden hallten durch den stillen, dunklen Abend. Es war spät geworden.

»Sie dürfen so weit nicht zu Fuß gehen,« sagte Hans Steinherr nach einer Pause und blieb stehen. »Wir werden eine Droschke nehmen.«

»Nein,« stieß sie hervor. »Ich will nicht.«

»Wir werden es aber trotzdem tun,« meinte Hans ruhig, »oder fürchten Sie sich, mit mir in einer Droschke zu fahren?«

»Fürchten —?« wiederholte sie gedehnt. »Ich will nur nicht; der Nachbarn wegen.«

»Die liegen längst im Bett. Außerdem sind Sie Patientin. Ich wußte übrigens nicht, daß Sie keine Courage haben.«

Nun wartete sie mit ihm, bis eine Droschke sichtbar wurde.

»Fräulein Hannes,« sagte der junge Ritter verlegen, »ich — ich weiß wahrhaftig noch nicht, wie Sie eigentlich heißen. Sie — Sie gelten bei Hüsgens immer schlankweg als Fräulein Hannes. Schon Ihrer Großmama wegen muß ich das doch wissen.«

Das junge Mädchen rührte sich nicht. Da hielt die Droschke vor ihnen.

»Meine Großmutter heißt Frau Stahl,« murmelte sie. Dann ließ sie sich in den Wagen helfen, kauerte sich in die Polster und schloß sofort die Augen.

Hans Steinherr saß ihr gegenüber. Ihre Kniee berührten sich. Wenn sich der Wagen einer Straßenlaterne näherte, beugte er sich vor und spähte in das regungslose Mädchenangesicht, das bei aller süßen Kindlichkeit der Formen einen Zug der Entschlossenheit zeigte. Wie rührend dieser Ausdruck wirkte — —. Und in der Brust des jungen Mannes regte sich ein zärtliches Empfinden und erregte ihn. Dieses Kind in die Arme nehmen, es streicheln und mit der Überlegenheit, die das männliche Bewußtsein gewährt, trösten und ihm kosend zureden: »Kleines, kleines Närrchen, so lächle doch! Du bist ja viel zu schwach, um ein Lebenskämpfer zu werden. Und es wäre so schade um dich und so traurig ...«

Unbewußt hatte er begonnen, ihre herabhängenden Arme zu streicheln. Wie mager die Ärmchen geworden waren! Vor wenigen Monaten — das stand ihm noch deutlich vor Augen — hatte sich das Kleid straff um den vollen Arm gespannt. Sie hielt ganz still, als wäre die Berührung nicht einmal zu ihrer Wahrnehmung gedrungen. Da streichelte er ganz sacht ihre kalten Händchen. Und plötzlich fühlte er, wie sich ihre Finger um die seinen krampften.

Der Wagen hielt vor einem niederen, baufälligen Hause an. Die beiden merkten es nicht. Sie saßen stumm und starr nebeneinander und hielten sich bei der Hand. Keines wagte sich zu bewegen. Aber beide waren sie blaß, und zwischen ihnen ging der Atem schmerzhaft schwer.

Der Kutscher kletterte von seinem Bock herunter und öffnete den Wagenschlag.

»Hier is dat Palaischen; un ich kriegen eine Mark un fünfzig, netto, ohne ’t Trinkgeld.«

Hans sah verwundert auf. Hannes öffnete nur müde die Augen. Das Mädchen war so schwach, daß ihr junger Begleiter sie nur mit Mühe die ausgetretene Stiege, die zur oberen Wohnung führte, hinaufbringen konnte.

»Großmutter!« rief sie oben. Dann wankte sie und fiel gegen Hans’ Schulter.

In der Stube wurde ein Stuhl zurückgestoßen. Die Tür öffnete sich und, eine Lampe in der weit vorgestreckten Hand, stand eine hagere, sehnige Greisin auf der Schwelle. Sie fand zuerst kein Wort. Ein schreckensstarrer Ausdruck war in ihre Augen getreten, und ein Zittern flog ihr durch Schultern und Arme, daß Lampenglocke und Lampenglas leise und schwirrend erklirrten.

»Johanna! — Herr Gott, Johanna — — —«

Sie fuhr sich mit der verarbeiteten Hand über die Augen. Eine Sekunde nur. Dann ging ein Ruck durch ihren alten Körper, sie richtete sich kerzengerade auf, schritt auf Hans zu und nahm ihm das Mädchen aus dem Arm.

»Lassen Sie sie los! Wie kommen Sie dazu ...«

Es war wie Gewittergrollen in dieser Stimme, und doch ein Ton, der wie eigenes Entsetzen klang. Hans aber empfand in diesem Augenblick nur das Gefühl eines blinden Respekts gegenüber dieser großen, kräftigen Greisin, deren Gesicht so dicht voll Falten und Runzeln stand wie ein engbeschriebener Runenstein. Er sah mit Erstaunen, wie die alte Frau das Mädchen aufhob und auf ihre Arme nahm, als wäre es ein Federchen, das sie trüge.

»Ihre Enkelin,« berichtete er leise, »ist bei Hüsgens von einem Unwohlsein befallen worden. Eine Art Ohnmacht. Wenn Sie gestatten, Frau Stahl, bleibe ich noch hier. Vielleicht, daß Sie mich zum Arzt schicken möchten.«

Die Greisin schenkte ihm keinen Blick. Mit zusammengepreßten Lippen, den schlaffen Leib der Enkelin fest an ihrer Brust, schritt sie schweren Fußes durch das Zimmer und verschwand in einer Nebenkammer. Hans war ihr in das erste Zimmer gefolgt. Hier blieb er stehen und wartete geduldig ihre Rückkehr ab.

Der Raum diente als Wohnzimmer. Es war ein quadratisches Gelaß; eine dünn aufgerichtete Wand teilte es von der kleinen Küche ab. Aus der offen gebliebenen Tür der Nebenkammer fiel ein Lichtschein und beleuchtete fahl die alten Möbel. Einfache Strohstühle umstanden einen alten, ovalen Mahagonitisch; ein breiter Strohsessel mit buntbestickter, wollener Schlummerrolle schien das einzige Prunkstück. Auf dem Tisch lag ein schweres Buch, in dem die alte Frau wohl eben erst gelesen hatte. Hans erkannte es als die Bibel.

Jetzt wurde die Kammertür geschlossen, und Hans stand im Dunklen.

Er fand gar nichts Taktloses in der außergewöhnlichen Behandlung, die ihm zu teil wurde. Alles, was hier geschah, schien ihm so selbstverständlich und der ganzen Lage entsprechend, daß ihm nicht einfiel, sich zurückgesetzt zu fühlen. In dem Zupacken der Greisin, in der Art, mit der sie Beschlag auf das junge Mädchen legte, wie auf den Körper eines Verwundeten, den sie, einem altgermanischen Weibe ähnlich, der Schlacht da draußen entriß, hatte ein großer Zug gelegen, dessen Eindruck sich der so kurz beiseite Geschobene nicht zu entziehen vermochte. Dank, für ihn? In dem harten »Lassen Sie sie los« hatte die Antwort gelegen: Sie hat zu eurem Vergnügen beigetragen, in eurem Dienst ist das Kind zusammengebrochen, und an euch war es, ihr den Dank abzustatten. Daß ihr sie herschafftet, ist doch wohl die geringste Äußerung dieses Dankes.

Der Lauschende hörte die alte Frau in der Kammer auf und ab gehen. Er hatte wohl eine halbe Stunde im Dunklen verbracht, als sich leise die Tür öffnete und die Greisin mit dem Licht erschien. Sie drückte behutsam die Tür ins Schloß und trug die Lampe auf den Tisch. Wortlos blieb sie an ihrem Sessel stehen und starrte in das Licht. Noch immer nahm sie von ihrem Besucher keine Notiz. Da glaubte Hans, sich bemerkbar machen zu müssen, und trat einen Schritt vor.

Die alte Frau wendete den Kopf und sah ihn verständnislos an.

»Ah,« machte sie dann, als ob sie sich besänne, »Sie sind noch da?«

»Wie geht es dem Fräulein? Können Sie mich nicht zu irgend etwas gebrauchen, Frau Stahl?«

»Sie schläft,« murmelte die Alte. »Wenn sie den Schlaf nachgeholt hat, wird sie gesund sein.«

»Hat sich Fräulein Hannes überanstrengt?« fragte Hans leise.

»Überanstrengt?« wiederholte die Frau, und ein harter Zug trat in ihr faltiges Gesicht. »Das fragen Sie mich? Ich sollte doch meinen, daß Sie das besser wissen müßten.«

»Ich habe keine Ahnung,« stotterte Hans. »Wie sollt’ ich denn, Frau Stahl ...«

»Natürlich nicht. Davon habt ihr keine Ahnung.«

Die alte Frau ließ sich schwerfällig in ihren Sessel nieder. Dabei streifte ihre Hand die Bibel auf dem Tisch. Sie zog die Brauen zusammen, klappte das Buch zu und schob es von sich.

»Wollen Sie mir nicht erklären, Frau Stahl — —? Weshalb das Fräulein leidet, meine ich.«

Die alte Frau sah auf ihre Hände, die fest auf ihren Knieen lagen.

»Ist das so schwer —?« murmelte sie. »Sie leidet am Leben. Das ist ihr Erbteil.«

»Aber ihre Ohnmacht? Meine Fragen sind vielleicht ungeschickt.«

Die Greisin hob den Kopf und sah ihn durchdringend an. Dann machte sie eine Bewegung und sagte: »Setzen Sie sich, wenn Sie müde sind. Also Sie wollen wissen —. Nun ja, Sie sollen es. Es wird gut für Sie sein; wer weiß, wofür. Da hat sie gesessen,« fuhr sie finster fort, »da hat sie gesessen, jede freie Stunde, bis in die Nacht hinein, und entworfen und gezeichnet nach einem kleinen Blättchen, auf dem ein Kostüm zu sehen war, und Stoffe hat sie angeschleppt und Zutaten und geschneidert, gebandelt und gebastelt. Und nie wurde es ihr schön und reich genug, immer wieder hat sie geändert und geprobt und mit einer Erregung daran gearbeitet, daß sie Essen und Schlafen vergaß. Ob sie ihr bißchen Kraft nötig hatte! Sechs Stunden im Tag sitzt sie im Atelier des alten, biblische Geschichten malenden Professors Kehren. Ich arbeite seit zehn Jahren in dem Hause und kenne die Leute. Einmal hat sie als Kind dem Professor zu einem Engelsköpfchen gestanden. Aber ich hatte Furcht wegen ihrer leicht erregten Phantasie und litt es nicht mehr. Doch der Hang und Drang nach dem Schönen, nach dem Vornehmen stak in ihr. Eines Abends, es war im Juni oder Juli, kommt sie atemlos nach Hause und erzählt mir, daß sie bei Hüsgens lebende Bilder stellen wollen. Sie soll die Fürstin darstellen und muß Gewänder haben. Und nun trotzte sie, und nun schmeichelte sie, und dann lief sie zum Professor und machte mit ihm aus, daß sie ihm jeden Tag zu einem großen Historienbilde stehen wollte, und ich gab es endlich zu, daß sie sich das Geld für ihre Kostüme verdiente, denn ich konnte nicht mehr gegen sie an. Das steckt im Blut.«

Die alte Frau grübelte vor sich hin, als ob sie an andere Zeiten dächte.

»Sie hat eine Erziehung gehabt, wie junge Mädchen aus gutem Hause,« fuhr sie nach einer Pause fort. »Das war vielleicht falsch und paßte nicht mehr für unsere jetzigen Verhältnisse. Aber es war das Kind meiner Tochter, die bessere Tage gesehen hatte, es war mein Fleisch und Blut, und auch ich« — sie lächelte trübe vor sich hin — »auch ich hatte in der Jugend die Sonne gesehen. Bis mein Mann starb. Bis ich als junge Beamtenfrau eine Witwenpension erhielt, die zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben war. Weshalb ich nichts anderes unternahm, weshalb ich so weit heruntergestiegen bin? Das — das — das steht auf einem anderen Blatt. Meine Tochter starb und hinterließ mir — ihre kleine Johanna. Und einen Stolz hatte ich doch behalten, einen Stolz, und wenn es der Hochmut aus alten Tagen war: ich wollte sie erziehen, wie bisher alle aus unserer Familie erzogen worden waren. Sie sollte mir nicht unter das Proletariat, weil bei Mutter und Großmutter das Unglück zu Besuch gekommen war. Wie jedes andere Bürgermädchen sollte sie werden, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das bißchen Unterhaltung bei Hüsgens hab’ ich ihr gerne gegönnt. Es ist ein rechtes Haus. Nicht zu hoch hinaus und doch gut bürgerlich. Dort gehen weder Lumpen aus und ein, noch Barone. Und nun kommt sie mir ins Haus gestürzt und alles in ihr ist auf den Kopf gestellt. Sie lacht, sie tanzt, sie singt. Dann spricht sie stundenlang wieder kein Wort. Endlich bekam ich’s doch heraus. Ihr ganzes verändertes Wesen, ihr neu erwachter Lernfleiß, ihr Streben, auf ihre Sprache zu achten, auf ihr Benehmen, auf ihre Kleidung, das war alles ja so deutlich, daß sie mir gar nicht erst lachend zu versichern brauchte, ein Prinz stünde mit in den lebenden Bildern, gegen den Hüsgens und all ihre Bekannten Bauern seien, und nun müßte sie sorgen, daß sie neben ihm bestehen könnte und von ihm nicht nur geduldet oder gar ausgelacht würde. Damit begann das tolle Drauflosstürmen auf die Gesundheit, die fieberhafte Unruhe, der ich nicht mehr gewachsen war. Und jeder Groschen, den sie sich verdiente und den wir zu ihrer Kräftigung hätten anwenden können, er flog weg für den Flittertand, mit dem sie sich für ein paar Stunden in eine andere Welt täuschen wollte.«

Die Greisin war erregter geworden. Ihre Hände zitterten, als wollte sie einen nahenden Verlust aufhalten. Jetzt trat sie dicht an den jungen Mann heran.

»Hören Sie,« sagte sie und ihre Stimme klang heiser, »ich will aber nicht, daß sie sich täuscht. Ich habe genug an den Täuschungen im Leben. Ich will nicht, daß mit ihr gespielt wird, und daß sie an Einbildungen zu Grunde geht. Dazu ist sie mir zu lieb, verstehen Sie mich? Und wenn Sie auch dieser Prinz sind, gerade deshalb sage ich es Ihnen! Hier ist ein Haus, das wieder aufwärts will! Bringen Sie es mir nicht herunter! Die Kleine da — die Kleine — — ah, was rede ich nur alles!«

»Frau Stahl,« sagte Hans weich. Er wußte nichts anderes, als die Hand der alten Frau zu nehmen.

Sie achtete nicht darauf. Aber er fühlte an dem Zucken ihrer harten, verarbeiteten Finger, daß sie in ihrem Inneren Empfindungen, Worte niederkämpfte.

»So sprechen Sie doch nur weiter, Frau Stahl. Ich bin Ihnen ja so dankbar.«

Sie sah ihn an. Dann machte sie ihre Hand los und setzte sich wieder in den Sessel. Das Licht war heruntergebrannt. Ein Helldunkel, das die Schatten der Gegenstände vergrößerte, herrschte in der alten Stube. Die alte Frau erschien wie eine Riesin, wie die Überlebende eines einstigen Geschlechtes.

»Junger Herr — —« sagte sie sinnend.

»Ich heiße Hans Steinherr.«

»Gut, gut. Die Steinherrs sind reiche Leute. Ich kannte sie noch, als sie so klein waren wie wir jetzt. Alles im Leben läuft im Kreis. Wir dürfen uns nur nicht ganz herausschleudern lassen. Ach, das Alter macht geschwätzig. Doch ich habe auch die Jugend nicht vergessen. Ich verstehe mit ihr zu empfinden, wenn ich Ihnen auch hart und verknöchert erscheine. Ich will der Jugend nichts verkürzen, auch der Johanna nicht, so wenig, wie ich es ihrer Mutter getan habe. O Gott, die paar kurzen Jährchen der Lebensfreude! Aber sich nicht fortwerfen, nicht sich fortwerfen, oder es muß um ein Großes, ein Heiliges sein. Ich habe nie mehr davon gesprochen, aber Ihnen sag’ ich es, obwohl Sie so jung sind. Weil Sie mir vorhin danken wollten, weil ich es Johannas wegen tue. Meine Tochter — ihre Mutter — war seit Jahren verlobt. Als sie heiraten wollten, kam der Krieg. Er mußte mit, nach Frankreich. So etwas Herzzerreißendes habe ich nicht wieder erlebt. In den letzten Tagen mieden sie sich, sie hatten Furcht, sich zu berühren, und wenn sie sich in die Arme stürzten, schrie die Verzweiflung aus ihnen. Nicht, als ob der Mann Angst vor dem Kriege gehabt hätte. Er war Offiziersaspirant und nicht feige. Aber eine Ahnung lastete auf ihnen, sie würden sich nicht wiedersehen, sie würden sterben müssen, ohne für ihr treues, jahrelanges Warten belohnt zu sein. Sie wollten zu den Massentrauungen. Doch da rückte das Regiment schon aus. Den Jammer versteht nur eine Frau, und ich verstand ihn. Ich, ja ich, die Mutter, gab ihnen meinen Segen. Acht Tage darauf fiel der Mann bei Spichern.«

Wieder saß die alte Frau in sich gebückt und versonnen da. Dann fuhr sie langsam fort.

»Das Kind war die Johanna — —. Ein Schmerzenskind. Denn meine Tochter starb bald danach, und ich wurde die Mutter. Und deshalb, sehen Sie, deshalb nahm ich die geringste Arbeit auf, griff ich zu allem und jedem, was mir Verdienst versprach, um einst rein dazustehen vor meinem Herrgott, damit er meine einstige Menschenschwäche als Menschenliebe ansehen möge. Deshalb lese ich immer wieder in jenem Buche, das von der Liebe handelt, und deshalb will ich nicht, daß meine Rechnung und die Heilige Schrift betrogen werde.« Sie schöpfte tief Atem. »Solange ich lebe — nicht!«

Die Greisin richtete sich auf. Ihr Schatten wuchs bei dem niederen Licht groß bis an die Decke.

»Das war’s, was ich Ihnen sagen wollte. Und nun stören Sie uns nicht länger.«

»Frau Stahl —« bat Hans. Er hatte so viel zu sagen, aber er fand die Worte nicht vor dieser Frau.

»Gehen Sie. Aber so gehen Sie doch!«

Da ging er schweigend.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Sechstes Kapitel

Es war eine Sonntagsstille. Die Nachmittagssonne schmeichelte sich an den Kanten der leinenen Vorhänge vorbei in die kleine Kammer und lag nun, als hätte sie ihren Willen erreicht, golden und friedlich auf dem weißen Bette. Hannes saß aufrecht in den Kissen. Sie hatte das gelöste Haar über den Arm gebreitet und ließ die Enden in der Sonne schimmern. Ihre Augen besaßen wieder den alten Glanz, auf den Wangen zeigte sich eine feine Röte.

Ihre Hände spielten, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Spiel.

»Großmutter!« rief sie nach einer Weile leise.

Die alte Frau, die im Nebenzimmer ein Nickerchen gehalten hatte, kam herbei.

»Hab’ ich dich aufgeweckt, Großmutter? Nicht? — Du, Großmutter, dann bleib doch bei mir sitzen. Willst du?«

»Aber gewiß, Kind.«

»Du, Großmutter — — — bist du mir arg böse?«

»Ach, Unsinn. Es ist ja nichts passiert.«

»Es ist nichts passiert — —« wiederholte das Mädchen und strich über ihr sonnenglühendes Haar.

Die alte Frau rückte die Kissen zurecht und zupfte und glättete an den Decken. Dann zog sie einen Stuhl heran und setzte sich nieder. Sie wartete.

»Hast du keine Angst gekriegt, Großmutter, als man mich brachte?«

Die Greisin machte eine jähe Bewegung. Aber sie bezwang sich und lächelte.

»Angst? Vor was denn? Ich kenn’ doch meine Johanna.«

»Du sagst das so — so — —. Was meinst du denn damit?«

»Krank werden kann jeder. Dabei ist nichts Böses. Die Krankheiten stehen in Gottes Hand, das Böse in der unseren. Siehst du, so meint’ ich es. Angst hat man nur vor dem Bösen.«

»Und das — das traust du mir nicht zu, Großmutter?«

»Nein, Kind, das trau’ ich dir nicht zu. Nicht, weil ich dich für so viel besser hielte als andere Menschen, sondern einfach darum, weil du es deiner Mutter wegen nicht darfst.«

Da schwiegen sie beide.

»Sag,« meinte dann das Mädchen sinnend, »Mutter war wohl sehr schön?«

»Sie war schön und gut. Gut ist viel mehr. Das war sie.«

»Und — und Vater?«

»Dein Vater, mein Kind, war ein Mann von Ehre. Er verdiente, daß deine Mutter ihn über alles liebte.«

»Und doch — und doch — —?«

»Und doch?« fragte die Greisin und hielt den Atem an.

»Gelt, Großmutter,« rief das Mädchen leidenschaftlich und schlang die Arme um den Nacken der Alten, »gelt, Großmutter, ich brauch’ mich nicht zu schämen?«

Die alte Frau preßte den Kopf der Jungen fest an ihre Brust. Unablässig streichelte ihre Hand den Scheitel und die zuckenden Schultern der Enkelin und bewegten sich lautlos ihre Lippen.

»So sprich doch, Großmutter, so sprich doch nur.«

»Kind, ich habe dir doch gesagt, daß deine Mutter gut war. Was sie tat, war Güte. Und die Reinheit der Güte verstehen die Menschen nicht. Nein, bei Gott dem Allmächtigen, du brauchst dich nicht zu schämen, du kannst stolz auf deine Mutter sein — wenn du nur stolz auf dich selbst bist.«

»Du, Großmutter,« stieß das Mädchen hervor, »ich glaube, ich könnte es auch. So lieben wie Mutter.«

Die Alte erwiderte nichts. Aber mit beiden Händen umspannte sie den Kopf der Enkelin und drückte ihn fest an sich. Eine atemlose Stille war um sie, die Sonne kroch langsam über die weiße Decke heran und überströmte das bange Alter und die bange Jugend.

»Johanna,« sagte die Greisin, »hör mich einmal an, Johanna. Wir haben alle ein Schicksal zu erfüllen. Dagegen können wir nicht an, und wir Frauen zumal nicht. Aber wie wir es erfüllen, darauf kommt es an. Was wir hineintragen und mit welchen Gedanken wir es tun. Verstehst du mich auch recht? Was bei dem einen Sünde ist, kann bei dem anderen zur Tugend werden. Aber immer nur bei einem, nicht bei allen! Nur sich kein Vorbild aufstellen wollen, denn es gibt keine Beispiele für uns. Was du tust, das tue, weil du es mußt, nicht weil du es magst. Und was du mußt, das ist: dir selber treu sein. Wir können von den Menschen keine größere Wertschätzung verlangen, als die wir uns selber beilegen.«

»Aber die Liebe, Großmutter ...?«

»Die Liebe, mein dummes Mädchen, ist der Stolz auf den Glauben des Geliebten.« — —

Das Mädchen hatte sich losgemacht. Mit gefalteter Stirn lag es in den Kissen und starrte in die Luft.

»Ist das wahr, Großmutter?«

»Es ist wahr.«

»Und wenn man den Stolz nicht hat?«

»So ist die Liebe eine Lüge. Und Lügen haben kurze Beine.«

»Du meinst, man geht daran zu Grunde. — — Ach, das Sterben kann nicht so schwer sein.«

»Wenn andere um uns jammern, nicht. Aber wenn man sich selbst bejammert.«

»Großmutter,« sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Ernst, der eine Feierlichkeit über ihre Züge goß, »ich glaube, ich habe den Stolz.«

»Ich habe mich immer darauf verlassen, Johanna,« erwiderte die Greisin.

»Soll ich dir die Hand darauf geben? Hier hast du sie.«

Sie ergriff die hartgearbeitete Hand der alten Frau und preßte sie mit ihren weichen Fingern.

»Ich werde dir keine Unehre machen, Großmutter.«

Die Alte nickte. Es war ihr feucht in die Augen gekommen, und sie wandte den Kopf.

»Was ist das für ein Sonntag,« murmelte sie. »Sieh nur, all die Sonne.«

»Laß noch mehr herein, Großmutter. Ich kann so viel vertragen.«

Und während die alte Frau die Vorhänge beiseite schob, kam endlich die Frage, die sie erwartet hatte.

»Hat sich denn keiner nach mir erkundigt?«

Aber die Frage rief jetzt nur noch ein stilles Lächeln auf den zerfurchten Zügen wach. Die Gemeinsamkeit des Blutes hatte sich dargetan. Der Handschlag der Enkelin galt.

»Der junge Herr Steinherr war in der Frühe da. Aber du warst noch gar nicht wieder aufgewacht. Da hat er etwas für dich abgegeben und gesagt, er wollte gegen Abend noch einmal vorsprechen.«

»Gott, was für ein Getue.«

»Mädel, Mädel,« lachte die Frau, »aus einem Fehler fällst du in den anderen. Muß ich denn mit einem Male deine eigenen Freunde gegen dich in Schutz nehmen?«

»Ach was, Freunde! Aufdringlich ist er!«

»Du — —,« sagte die alte Frau mahnend. »Vorläufig hast du allen Grund, ihm dankbar zu sein. Aber ich merke schon, du wirst wieder gesund. Das war soeben der echte Hannes.«

Hannes drehte sich auf die Seite. Sie war flammend rot geworden. Dann, nach einigen Minuten, klang es halb zag, halb trotzig aus dem Kissen: »Was hat er denn für mich abgegeben? Eine Gratulationskarte?«

Frau Stahl ging in das Wohnzimmer und kehrte zurück. Auf den bloßen Arm gestützt, sah ihr das junge Mädchen gespannt entgegen. Keine Spur mehr das ernste Wesen von vorhin, ganz das erwartungsfrohe Kind.

»Rosen,« rief sie jubelnd und streckte die Hände aus, »Rosen, ein ganzer Arm voll. Großmutter, das sind Maréchal Niel und das sind La France! Himmel, sind die schön! Und das — was ist denn das? Du,« sagte sie ganz feierlich, »das ist ja eine Bonbonnière, denk mal, von Branscheidt. Feineres gibt’s in ganz Düsseldorf nicht.«

Sie breitete die Herrlichkeiten auf der Bettdecke vor sich aus und staunte sie an. Dann schob sie die Konfitüren zusammen und reichte sie der Großmutter.

»Da, nimm nur, das ist was für dich. Ich darf ja jetzt doch nicht. Aber sofort essen.«

»Ich heb’ sie auf, Kind, bis später.«

»Ach, dann macht’s keinen Spaß mehr. So was Extraes muß immer extra auf der Stelle genossen werden. Dann schmeckt’s ganz anders. Zeig mal. Einen Bonbon kannst du mir doch abgeben.«

Sie stopfte sich eine große kandierte Frucht in den Mund und ließ die Großmutter ihre Schätze in Sicherheit bringen. Unterdes band sie den Rosenstrauß auseinander, roch an jeder einzelnen Blume, ordnete sie nach der Farbe, nach dem Duft, legte sie paarweise, Rosa und Gelb, zusammen, um endlich alle wieder zu einem großen Buschen zu vereinen und sie wie eine Garbe in den Arm zu legen. Die Wange hatte sie tief in die Fülle der Blütenkelche geschmiegt.

Als die Großmutter nach einer Weile eintrat, lag das Mädchen wie eine Rose unter Rosen. Schnell zog sie sich zurück, um dem Kinde die heimliche Freude nicht zu stören. Sie hatte ein merkwürdig junges Herz, die alte Frau, die einst ihrer Tochter den Segen gab, damit sie den blutroten Tag von Spichern leichter ertragen könne.

Daß sie heute immer ihrer Tochter gedenken mußte —

War es ein Unrecht gewesen — damals —?

Ein heller Schein flog über der Alten Gesicht. Reue? Wofür? Nur Sünder bereuen. Sie aber hatte aus tiefster Seele gehandelt, und die Seele ist ein Stück von Gott und spricht wahrer als die Gesetze der Menschen.

Die Greisin suchte ihre Brille hervor, rückte den Strohsessel dicht an den Tisch und schlug die Bibel auf. Sie traf die erste Epistel Pauli an die Korinther. Die Blätter teilten sich wie von selber bei dem 13. Kapitel, als kannten sie seit langem die Zufluchtstätte der alten Frau. Stumm und ernst blickte sie in das Buch. Dann las sie mit halblauter Stimme die gnadenreichen Worte des Apostels, die sie mit ihrem starken Menschensinn menschlich gerade deutete; das monotone Gemurmel klang wie ein Gebet, und über das Gebet hinaus wie ein Glaubensbekenntnis, und es war eine große Feiertagshaltung.

»Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässet sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich’s stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.«

Die alte Frau nahm die Brille ab und lehnte sich zurück. Sie lächelte. Wer wollte mehr wissen als sie, was gut und böse sei, wenn unser Wissen Stückwerk ist? Wer, der nicht erkannt hatte, daß die Liebe das Größte ist? — — Die Liebe! — Die alte Frau erhob sich. Das Lächeln machte einem feierlichen Ernste Platz.

»Sie freuet sich aber der Wahrheit!« sagte sie mit starker Stimme. »Das ist es. Die Wahrheit allein gibt den Ausschlag. Dann mag sein, was will: wir taten das Unsere.«

Es wurde an die Tür geklopft, die zur Treppe führte, und die Alte ging, um zu öffnen. Draußen stand Hans Steinherr.

»Treten Sie ein,« sagte sie freundlich, »meine Enkelin ist wach und auch wieder wohl.«

»Sie sind heute so gütig zu mir, Frau Stahl.« Der junge Mann drückte dankbar die dargebotene Hand. »Daran erkenn’ ich schon, daß es Fräulein Johanna besser gehen muß.«

Er hatte unwillkürlich an Stelle des kindischen »Hannes« Johanna gesagt.

»Es ist Sonntag heute,« entgegnete die Greisin einfach.

»Nicht wahr? Das ist wirklich ein Sonnentag! Alle Blumen strecken die Köpfe hoch.«

»Sie haben schon wieder Ihren Garten geplündert? Sie müssen nichts übertreiben.«

»Nur drei Rosen. Es waren die schönsten, und sie baten so sehr, für ihr Blühen belohnt und mitgenommen zu werden.«

Frau Stahl sah den Schmeichler prüfend an.

»Sie haben die Worte hübsch in der Gewalt. Das kleidet Sie. Hoffentlich tönt es unter dem Kleid gerade so.«

Hans verstummte. Aber er blickte offen zu der Sprechenden auf.

»Ich werde meiner Enkelin sagen, daß Sie da sind.«

Einige Augenblicke später stand er in ihrer Kammer.

»Guten Tag, Herr Steinherr,« tönte eine zage Stimme, die gern einen festeren Beiklang gezeigt hätte.

Da trat er an das Bett und reichte ihr seine Rosen. Zu sehen vermochte er immer noch nicht. Er fühlte, wie seine Hand scheu ergriffen wurde. Und nun sank der Schleier.

»Guten Tag, Fräulein Hannes,« sagte er rasch. »Gottlob, daß Sie wieder gesund sind!«

»Ach,« meinte sie und vermied seinen Blick, »das bißchen von gestern. Unkraut vergeht nicht.«

»Unkraut?« machte er staunend. Ihre ganze Lieblichkeit wurde er gewahr. Wie sie dalag, bis unter das Kinn zugeknöpft in dem weißen Linnen, das leuchtende Haar glatt heruntergestrichen zu beiden Seiten der zartgezeichneten Wangen, das leinene Hemdchen Hals und Brust bedeckend. Und vor ihr lagen die Rosen, die er am Morgen hergetragen hatte, und sie sagten so wenig, so gar nichts; wie kleine Dienerinnen vor einer kleinen Prinzessin.

»Unkraut?« wiederholte er und schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so was aussprechen!«

»Sie scherzt,« sagte Frau Stahl. »Ganz so gering schätzt sich Johanna doch nicht ein.«

Da wurde die kleine Rekonvaleszentin ausgelassen.

»Buh!« machte sie und streckte ihrem Besucher so plötzlich ihr Köpfchen entgegen, daß er zurückfuhr. Dann warf sie sich lachend zurück. »Ich bin ein Ungetüm, gelt? Ein schreckliches Menschenkind! Antworten Sie, auf der Stelle!«

»Wahrhaftig,« rief Hans begeistert, »das sind Sie! Aber ich glaube, mehr ein schrecklich liebes Menschenkind. Hab’ ich recht, Frau Stahl? Sie verstellt sich nur immer, damit’s keiner merkt.«

»Jawohl, ihre Unarten auch noch beloben! Na, nun setzen Sie sich nur nieder. Einen Augenblick dürfen Sie schon hierbleiben.«

»Großmutter,« sagte Hannes und lächelte die Alte an, »trinken wir denn heute nachmittag keinen Kaffee?«

»Ach so,« meinte die Greisin trocken. »So hatt’st du dir das gedacht?«

»Herr Steinherr ist doch zu Besuch gekommen,« schmollte die Kleine und zupfte an den Rosen.

»Aber ich bitte, Frau Stahl,« warf der junge Besucher verlegen ein, »ich möchte Sie nicht stören.«

»Freilich,« stieß das Mädchen trotzig heraus, »dann — dann — wenn es Herrn Steinherr geniert, bei uns Kaffee zu trinken. Es ist ja auch gar kein richtiger Kaffee. Wir trinken ihn nur so.«

»Fräulein Hannes!«

Hans Steinherr war empört.

»Das war schlecht,« fügte er nach einer Weile hinzu. »Das durften Sie mir ganz gewiß nicht sagen.«

Sie antwortete nicht, aber sie zog mit einer hastigen Bewegung ihr Haar bis über die Augen zusammen.

»Sie werden unseren Kaffee schon mögen,« meinte die alte Frau. »Wollen Sie mittun?«

»So viel Freundlichkeit hab’ ich ja gar nicht erwartet,« murmelte Hans.

»Ich werde das Geschirr hereinholen. Dann trinken wir mit Johanna zusammen.«

Sie ging ruhig hinaus, um den Kaffee aufzubrühen. Bald vernahm man ihr Hantieren mit Töpfen und Tassen.

Hans Steinherr blickte zu seiner kleinen feindlichen Freundin hinüber. Er konnte unter dem dichten Haarschleier nichts von ihrem Gesicht erkennen. Nur die im Haar verkrampften Fäustchen waren sichtbar.

»Fräulein Hannes,« sagte er recht knabenhaft weich.

Sie regte sich nicht.

»Sie schämen sich wohl, Fräulein Hannes? Dann ist ja alles wieder gut.«

Keine Antwort. Sie lag wie eine Bildsäule. Nur über ihrem Munde zitterte das Haar.

Da wagte er es, ihre Hände zu fassen. Und die Fäustchen, die so fest verkrampft schienen, zeigten sich so willfährig, nachzugeben, und er schob sie sacht beiseite und strich ihr ganz sanft das Haar aus dem Gesicht.

»Sie haben ja Tränen in den Augen,« sagte er leise und tupfte mit zartem Finger die Tropfen fort.

Sie ließ alles mit sich geschehen, aber sie wich auch seinem Blick nicht mehr aus.

»Buh!« machte er plötzlich, wie sie vorher, und streckte mit einer lustigen Grimasse den Kopf gegen sie aus.

Erschrocken fuhr sie zusammen. Und dann lachte sie, lachte, daß es durch die Kammer schmetterte, in einem Lachkrampf, der sich nicht bändigen lassen wollte. Und Hans sekundierte ihr mit seinem jungen, durchdringenden Bariton, und wenn der eine aufhören wollte, begann der andere von neuem, und beide wußten nicht mehr, worüber sie lachten. Über ein Nichts, über alles — das war ihnen Nebensache. Bis Großmutter Stahl energisch gegen die Türe pochte.

»Sind Sie — noch — ärgerlich auf mich?« schluchzte Hans.

»Och,« schluchzte Hannes und rieb sich mit dem Handrücken die Augen, bis sie brannten, »ich — ich hab’ mich ja nur — über mich selber — geärgert.«

»Dann — dann — könnten wir doch wirklich — gut’ Freund sein.«

»Ja — — —«

Da kam Frau Stahl mit dem Nachmittagskaffee. Schnell sprang Hans zu, um ihr behilflich zu sein. Er zog aus der Ecke einen kleinen Tisch herbei, deckte das Tuch darüber, das Frau Stahl unterm Arme trug und half ihr, die Sonntagsgenüsse aufbauen. Aniszwieback, gezuckerten Zwieback und Burger Brezeln. Die rüstige Frau stopfte ihrem Enkelkind ein paar Kissen in den Rücken, und dann saßen sie zu dritt in der kleinen Kammer und griffen wacker zu.

»Schmeckt Ihnen der Kaffee?« fragte die Kleine mit größter Unbefangenheit.

»Einfach fürchterlich!« erwiderte Hans.

»Das wundert mich,« fuhr die Kleine in aufrichtig klingendem Tone fort, »Großmutter nimmt aber bestimmt nur die beste Zichorie.«

»Ich hatte es auf gebrannte Eicheln taxiert,« entgegnete Hans verbindlich und bat um eine neue Füllung. »Wir haben soeben Freundschaft geschlossen, Frau Stahl. Sie merken es wohl am Ton.«

»Die Freundschaft ist immer die beste, die sich eines guten Tones befleißigt,« sagte die alte Frau. »Das hält die Gewöhnlichkeit der Gewöhnung zurück, den schlimmsten Feind der Freundschaft.«

Hans bröckelte stumm an seiner Brezel. Wie einfach und sicher die Greisin sprach. Dieser Frau glaubte er es, daß sie einst die Würde der Beamtenfrau ruhig mit der Stellung einer Lohnarbeiterin vertauschen konnte, ohne auch nur die Spur von sich selbst zu verlieren. Wie beneidenswert seine kleine Freundin war, daß sie eine solche Erzieherin hatte.

»Hat man Ihnen denn gar nichts aufgetragen?« hörte er plötzlich die Stimme des Mädchens.

»Aufgetragen?« fragte er und richtete sich auf. »Wer sollte mir denn etwas aufgetragen haben?«

»O, ich dachte nur — —« machte Hannes gedehnt. »Sie waren also nicht bei Hüsgens?«

»Gewiß, heute vormittag.«

»Und sie haben sich nicht nach mir erkundigt?«

Hans wurde ein wenig verlegen und suchte nach Worten. Sie bemerkte es sofort.

»Geben Sie sich keine Mühe,« sagte sie spöttisch, »ich bin nicht so feinfühlig.«

»Das sind Sie wohl,« warf er eifrig ein. »Aber Sie wissen ja selber, daß der edle Willibald alles andere eher ist. Ich fürchte, seine Schwester nicht minder. Doch daraus dürfen Sie sich nichts machen.«

»Tu’ ich auch nicht. Aber etwas muß doch gesagt worden sein.«

»Nun ja,« gab er zögernd zu, »Willibald hatte Angst, seine schönen Veranstaltungen könnten ihm in die Brüche gehen — so sagte er wörtlich — und er schalt auf das unzeitgemäße Krankwerden.«

»Also eine gute Besserung hat er mir nicht wünschen lassen,« sagte sie und zog die Stirn in Falten.

»Er hat es wohl nur vergessen,« begütigte Hans. »Sie kennen doch seine Art.«

»Dann soll er auch meine Art kennen. Ich werde ihn und seine schöne Veranstaltung auch vergessen.«

»Sie wollen nicht mehr mittun?« rief Hans überrascht. »Ach nein, Fräulein Hannes, das kann nicht Ihr Ernst sein. Wir haben uns doch alle so auf den Abend gefreut.«

»Und ich tu’ doch nicht mit,« beharrte sie trotzig. »Er soll sich suchen, wen er will. Ich lass’ mich so nicht behandeln. Von dem am wenigsten, diesem Bierwirtsjungen!«

»Johanna,« verwies Frau Stahl sie zürnend.

»Laß nur, Großmutter, ich tu’s doch nicht.«

»Fräulein Hannes,« sagte Hans niedergeschlagen, »was soll denn aber aus dem schönen Abend werden?«

»Och, der Abend läuft uns nicht weg. Wir unternehmen was für uns.«

»Für uns?«

»Nun ja. Großmutter, Sie und ich. Oder — paßt Ihnen die andere Gesellschaft besser?«

»Darauf gebe ich Ihnen jetzt keine Antwort mehr. Das ist gerade wie vorhin mit dem Kaffeetrinken.«

»Sie sind einverstanden!« lachte sie, ohne auf seine beleidigte Miene zu achten. »Großmutter, du auch? Also nächsten Sonntag? Wohin wollen wir denn? Nach Schloß Benrath? Ja, bitte, nach Schloß Benrath!«

Sie beugte sich vor, schlang die Arme um den Hals der alten Frau und küßte sie auf den Mund. Frau Stahl erhob sich schnell.

»Jetzt ist es aber Zeit, Herr Steinherr,« sagte sie mit freundlichem Ernst. »Das Kind wird viel zu unruhig.«

Sofort stand Hans auf. Man verabredete, sich am nächsten Sonntag nachmittag zwei Uhr am Bahnhof zu treffen. Bei gutem Wetter sollte der Rückweg zu Fuß angetreten werden. Hannes lag ganz still, mit geschlossenen Augen, im Bette, als Hans Steinherr sich verabschiedete. Sie gab ihm kaum die Hand.

»Ich kann Sie leider nicht auffordern, in der Woche noch einmal vorzusprechen,« sagte die alte Frau, als sie Hans die Tür im Vorzimmer öffnete. »Ich bin die ganze Woche draußen auf Arbeit.«

»O, Frau Stahl, ohne Ihren Willen würde ich es auch nicht wagen.«

»Es ist gut,« entgegnete sie.

»Haben Sie vielen Dank, Frau Stahl. Der Nachmittag bei Ihnen war wirklich schön.«

»Adieu, Herr Steinherr.«

Er stolperte die Stiegen hinunter und stand mit erhitztem Kopf auf der Straße. Wohin? dachte er. Nur nicht unter Menschen jetzt. Er eilte auf kürzestem Wege nach Hause, in den Garten. Er fühlte, daß seine Brust ganz schwer war von all den Gestalten, die er mit sich trug. Ein unerklärlich wonniges Gewicht. Bis in die Nacht saß er in der Laube und hielt mit den Gestalten allerlei närrische Zwiesprache. — —

Frau Stahl hatte leise die Kammertür geöffnet.

»Schläfst du, Johanna?« fragte sie.

Als keine Antwort kam, blieb sie im Wohnzimmer. Grübelnd stand sie am Fenster und blickte hinaus. Dann kehrte sie sich ruhig um und suchte sich eine Handarbeit heraus.

Sie sollen ihre Jugend haben, dachte sie, das ist ihr Recht. Man soll dem Menschenfrühling nicht ins Handwerk pfuschen, wenn man das Wort Glück im Munde führt. Und — und — das Kind gab mir doch die Hand darauf. — —

* * *

Zweimal im Laufe der Woche war Hans Steinherr im Atelier seines Freundes Springe gewesen. Er hatte sich stundenlang an den Bildern vorbeigeschoben, in alle Ecken geguckt und ganz sonderbar herumgedruckst.

»Was gibt’s denn, Junge? Hast du Schulden beim Konditor, eine schlechte Zensur, oder bist du verliebt?«

»Ach, Sie spotten ja nur.«

»Also verliebt. Dann behalt’s bei dir! Die Heimlichkeit erhöht den Reiz. Hoffentlich ist sie von altem Adel?«

»Sehen Sie? Ich wußte ja, daß Sie für gewisse Dinge kein Verständnis haben.«

Der Maler hatte eine Melodie gepfiffen und rastlos weiter gearbeitet.

»Herr von Springe?«

»Nun, mein Junge?«

»Wenn — wenn ich nun einmal jemanden nötig haben sollte, der — der — auf den ich mich — verlassen könnte?«

»Soweit meine Verständnislosigkeit reicht, würde ich der Jemand ja sein können.«

»Herr von Springe!«

Hans war auf ihn zugesprungen und hatte sich an ihn gehängt.

»Mach’ daß du nach Hause kommst und halte die Leute nicht auf. Marsch, ab! Hörst du nicht, ich habe zu arbeiten. Ich will allein sein.«

Und jedesmal, wenn der Junge nach solch einer Szene gegangen war, hatte der Maler die Arbeit beiseite geschoben und war auf die Veranda hinausgetreten, an der das Weinlaub rubinrot schimmerte und tausend dringendere Fragen stellte, als der Mund des mannbar gewordenen Knaben ...

Und nun war Sonntag. Ein Herbsttag von jener Schönheit und tiefen Schwermut, die noch einmal alle Erinnerungen des enteilenden Sommers zusammengreifen möchte zu einem lang nachschwingenden Akkord. Aus Hoffen und Bangen gemischt: Was wird der Tag bringen, was wird nach ihm kommen? Nütze den Tag! Er trägt in sich, was über den Winter hilft. Sein Zittern ist dein Zittern. — —

Hans Steinherr stand am Bahnhof. Er hatte sich bei den Eltern mit einem Ausflug entschuldigt, ohne die Namen der Teilnehmer anzugeben, und wartete nun schon seit einer Viertelstunde auf Frau Stahl und ihre Enkelin. Für jede der Frauen trug er ein paar Rosen in der Hand. Er war so aufgeregt, als gälte es eine Weltreise.

»Hier!« rief er plötzlich aus Leibeskräften und schwenkte den Hut. Da waren sie neben ihm.

Frau Stahl war nicht sonderlich modern gekleidet. Er merkte es nicht. Er war nur dankbar, daß sie gekommen war. Und Hannes? War das denn Hannes? Ja, war sie denn gewachsen in den acht Tagen und umsoviel reifer geworden? Er kam sich fast wie ein Knabe neben ihr vor.

»Wie geht es Ihnen?« murmelte er und stopfte ihr die Rosen in die Hand. »Wie ich mich freue! Sie sind also wieder ganz gesund? Freuen Sie sich denn auch ein wenig auf die Tour? Hier, Frau Stahl, bitte, nehmen Sie doch auch die Blumen. Da kommt der Zug. So, bitte, hier können wir einsteigen.«

Frau Stahl hatte den Griff des Coupés gefaßt. Jetzt ließ sie ihn wieder los.

»Herr Gott,« lachte sie, »da wären wir beinah falsch eingestiegen. Das ist ja die erste Klasse.«

»Dann stimmt’s doch. Bitte, Fräulein Hannes.«

Das junge Mädchen blickte fest auf die Coupénummer. Dann preßte sie die Lippen zusammen und stieg ein, als ob sie’s anders nicht gewöhnt sei. Frau Stahl folgte schweigend, und als letzter Hans. Während der kurzen Fahrt bis zur Station Benrath wollte kein Gespräch zu stande kommen.

Steif schritten die Frauen die Feldwege einher, die zum Schloß führten. Auch Hans war verstimmt. So zogen die drei Menschen fürbaß.

»Soll ich den Pedell rufen, damit er uns das Schloß zeigt?« fragte Hans, als sie vor dem Rokokobau standen und die Blicke über die Rasenfläche schweifen ließen, die sich vor ihm ausbreitete.

»Bitte,« sagte Hannes kurz.

Der Pedell kam und übernahm die Führung. Aber was er auch von dem Erbauer, dem kunstsinnigen pfälzischen Herzog Karl Theodor und seinem fröhlichen Hofstaat zu erzählen wußte, was er berichtete von allerhand Zeitläuften und Schicksalen, von hohen und höchsten Herrschaften, die geruht hatten, in diesen und jenen historischen Betten zu ruhen: er fand nicht das mundaufsperrende Verständnis, das er bei diesen Gästen zu finden gehofft hatte. Erst das Trinkgeld stimmte ihn um. Er empfahl angelegentlich, nicht zu versäumen, den Park zu besuchen. »Der herrlichste Park, den der Niederrhein besitzt. Mit der Dunkelheit wird er geschlossen. Sonst müssen Sie übers Gitter klettern.«

Wieder standen die drei Menschen draußen und blickten stumm über die Rasenfläche.

»Sind Sie müde, Frau Stahl? Wir hätten wohl erst die Wirtschaft aussuchen sollen. Entschuldigen Sie, daß ich nur an mich dachte.«

»Großmutter hat sich in den letzten Tagen überarbeitet,« sagte Hannes kurz.

Hans blickte auf die alte Frau und errötete. Hannes gewahrte es und wandte sich finster ab.

»Komm, Großmutter, es ist nicht weit. Nur ein paar Schritte bis zum Grund.«

Durch die lockende Sonntagspracht gingen sie mit lässigen, müden Bewegungen.

Im Wirtshaus im Grund saßen sie, bis die Sonne im Westen zu flammen begann. Da drängte die alte Frau, die jungen Leute sollten den Tag nicht vertrauern und noch einmal hinausgehen. Sie fühlte sich bereits wieder wohler. Das Stillsitzen und der Abendfriede täten ihr am besten.

Da gingen die beiden jungen Menschenkinder den Weg zurück zum Schloß und traten durch das Gittertor in den gepflegten Garten und gingen weiter, an den Sandsteingöttern vorbei, vorüber an den Wasserspielen und dem mit Seerosen bedeckten Bassin, die laubenartig verwachsenen und künstlich verschnittenen Heckengänge entlang, in denen es einsam war wie in stillen Grotten, und weiter, bis der Park sie aufnahm mit seinen Baumriesen und wundervollen Landschaftsbildern, bis sie den Rhein in der Ferne aufblitzen sahen und sein heimatliches Gemurmel hörten.

Es war ein Duften um sie her nach kräftigem Waldboden.

Und sie blieben beide stehen und schlossen die Augen und sogen den Duft ein. Den Duft von niederrheinischer Scholle, deren Kinder sie waren.

Als sie die Augen öffneten, hatte die flammende Abendsonne den Park mit Glut gefüllt, die Bäume schillerten in goldenen Konturen, und die Wipfel waren wie purpurne Baldachine. Das Gras zu ihren Füßen war ein persischer Teppich geworden in bunten Farben und phantastischen Mustern.

»Wie — schön — —« stammelte fassungslos das junge Mädchen.

Und der junge Begleiter ergriff ihre Hand, als müßte er ihr zeigen, daß sie ritterlichen Schutz genösse in diesem Zaubermärchen.

Als die tiefen Schatten fielen und das Licht auslöschten, behielt er die Hand in der seinen, und so gingen sie wie Kinder, die sie waren: Hand in Hand.

Es wurde nicht dunkel heute. Ein silbriger Schimmer spielte in dem Dämmer und durchdrang es. Der Mond kam herauf. Durch den flüsternden Park gingen die Kinder Schulter an Schulter, bis sie in den Laubengängen waren, in denen einst die Liebe des Rokoko geseufzt. Drüben, im Garten, lächelten die verschwiegenen Sandsteinfiguren, die allwissenden Heidengötter, wie ehedem; auf den Teichen träumten die Wasserrosen; durch die Hecken glitt ein Singen wie von einer Harfensaite, immer derselbe, einzige, sehnende Ton; und der Park dort öffnete wie eine Mutter die Arme weit.

Die Kinder spürten ein Zittern in den Händen, an denen sie sich gefaßt hielten. Sie blieben stehen. Da lief das Zittern durch ihren Körper.

Und das Mädchen legte den Kopf zurück und blickte mit weitgeöffneten ergebungsvollen Augen dem Knabenkopf entgegen, der sich mit bebendem Mund über sie beugte und ihre Lippen suchte.

Sie berührten sich wie ein Hauch, staunend blieben sie übereinander gebeugt, und in ihre kalten Wangen strömte das junge, warme Leben zurück.

Die Hände lösten sich und hingen schlaff herab. Dann hoben sich die Arme, scheu und ungelenk, und eines umschlang den Nacken des anderen, und die Lippen, halbgeöffnet, neigten sich zueinander und drängten sich fest aneinander und kehrten, wenn sie sich lassen wollten, immer wieder hastig, durstig zueinander zurück. Keines sprach ein Wort. Aber wenn sie innehielten, zählte eines des anderen Herzschläge. Bis die Herzschläge durcheinander jubelten.

»Hannes, Hannes, ich habe dich so lieb, daß ich es nicht sagen kann.«

»Ich hab’ dich lieb gehabt, wie ich dich sah, und werde nur dich lieb haben,« murmelte das Mädchen, und ihre Finger zitterten auf seinem Haar, seinen Augen, seinen Wangen.

»Weshalb warst du immer so böse zu mir?«

»Sprich doch nicht,« flehte sie und hob die feuchten Augen und die jungen, verlangenden Lippen.

Da faßte er sie um den biegsamen Leib und preßte sie an sich, daß ihnen beiden schwindelte.

»Komm, komm, du sollst dich setzen,« und er führte sie behutsam zu einer Bank.

Sie saß auf seinem Schoß, seinen Kopf in beiden Händen, und sah ihm ganz nahe in die Augen.

»Du!« stieß sie jäh hervor und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Du! Du! Du!« stammelte er. »Wenn du mich vergessen solltest!«

»Hans!« rief sie, und sie lachte und schluchzte durcheinander.

»Weshalb hast du mich immer so gequält? Sag es mir doch, damit ich ruhig werde,« bat er.

»Ich kann es nicht. Ich kann es wahrhaftig nicht.«

»Aber ich leide darunter. Ich habe ja nie einen anderen Menschen so lieb gehabt.«

»O, du! Und ich? — Und ich werde auch nie einen anderen Menschen lieb haben können. Nie! Hörst du? Ich habe nicht und ich werde nicht. Hans, Hans!«

»So mußt du es mir auch sagen können. Erst heut nachmittag — o, du weißt — da warst du so kalt.«

»Sei nicht böse,« sagte sie beschämt und drückte ihr Gesicht an seine Brust.

Und plötzlich, unaufgefordert, begann sie zu sprechen. Ohne ihr Gesicht von seiner Brust zu heben.

»Ich war ja so kindisch. Siehst du, als ich dich sah, und immer wieder sah, da warst du für mich so vornehm. Und ich wollte nicht, daß du vornehmer wärst als ich. Und ich hatte solche Angst, du könntest es merken, daß du vornehmer seist als ich und könntest dich über mich lustig machen wollen. Deshalb war ich so trotzig. Lieb hatt’ ich dich ja längst. Und du mich auch; das merkte ich. Aber ich wollte, daß du dich nicht schämen solltest. Ich wollte werden wie du, und ich will es auch werden. Ich will es! Du darfst dich nie, nie meiner schämen. Ach, du, es kann dich ja keiner so lieb haben wie ich. Auf der ganzen Welt nicht! Im ganzen Leben nicht!«

Hans kniete vor sie hin, umschlang ihre Kniee und drückte seinen Kopf in ihren Schoß.

»Wie gut das tut,« sagte er aus Herzensgrund. »Wie lieb du bist!«

Er küßte ihr Kleid, und sie schmiegte die Wange auf sein Haar.

»Schwöre mir, daß du mein Weib wirst. Daß du auf mich warten wirst, was auch kommt!«

Sie schwur es, mit einem stillen Lächeln in der Stimme.

Und er gab tausend heiße Knabenschwüre zur Antwort.

»Komm, Hans,« sagte sie endlich, »Großmutter wartet. Sie vertraut auf mich.«

Da stand er von dem kühlen Boden auf, und sie gingen wieder Hand in Hand, wie Kinder gehen. Durch den lauschenden Garten, vorbei an den lächelnden Sandsteingöttern.

Sie hatten lange zu suchen, bis sie eine Stelle im Parkzaun fanden, durch die sie hindurchschlüpfen konnten. Das Parktor war verschlossen. Doch der Spaß des Suchens war größer als die Angst. Und alles Kindische kehrte in ihnen zurück. Ausgelassen tollten sie den Weg zum Wirtshaus im Grund zurück.

Frau Stahl war im Garten eingenickt. Der Wirtssohn spannte eine Kalesche an und fuhr die Gäste nach der Stadt zurück. Die alte Frau schlummerte im Fonds, müde von der Last der Arbeit, der Sorge und der Jahre. Ihr gegenüber saß das Märchen, das sich Jugend nennt, und schaute selig lächelnd in die ewigen Sterne.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Siebentes Kapitel

Der Spätherbst setzte mit endlosem Regen ein. Es regnete fort bis in den Dezember. Verdrießlich eilten die sonst so lebensfrohen Düsseldorfer über die Straßen, verdrießlich über das Wetter und die allgemeine schlechte Geschäftslage. Selbst in den Narrensitzungen, die wie alljährlich pünktlich mit der elften Abendstunde des elften November begonnen hatten, um mit weiser Gründlichkeit den Karneval, den »Fastelowend«, für den Monat Februar vorzubereiten, wurde mehr gallige Bosheit als blanker Humor gezeitigt. Im Hofgarten war das Herbstlaub an den Bäumen verfault. Harte Windstöße rissen es von den Zweigen und klatschten es auf den Boden, wo es zu einer breiigen Masse ward. Die Schwäne auf den Teichen ruderten zerzaust am Ufer entlang, als wären sie in der Mauser. Kein Mensch bekümmerte sich um die sonst so verwöhnten Tiere. Über den Rhein, den das aufgewühlte Grundwasser der Nebenflüsse lehmiggelb gefärbt hatte, pfiffen die Winde, daß jeder die Kaimauer mied. Die Schiffahrt war eingeschränkt. Die Frachtkähne wagten sich bei dem rapid wachsenden Pegelstand nicht aus den Heimatshäfen, und die paar kleinen Lokalboote fuhren meist ohne Passagiere. Große Geschäftskrisen standen vor der Tür, und der unaufhörliche Regen machte die Stimmung immer noch grauer.

Hans und Hannes gewahrten von alledem nichts. Die Not der Zeit blieb ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie wußten nicht anders, als daß das goldene Zeitalter hereingebrochen sein müsse. Und wenn sie an jeder Straßenecke über das erbärmliche Hundewetter schelten hörten, so lachten sie und segneten das Hundewetter. Unter demselben Regenschirm, eng aneinandergeschmiegt, unternahmen sie ihre Streifzüge durch die entlegenen Viertel der Altstadt oder setzten den Brückenwärter in Erstaunen durch stundenlange Promenaden auf der menschenleeren Schiffsbrücke.

»Nu säg ehner, wat en Rejen is!« brummte der Alte kopfschüttelnd. »Dene hät et dörch et Dach jerejent, da sind se öwerjeschnappt. Knatsch jeck.« — — —

Hans und Hannes hörten und sahen nichts, als nur sich selbst. Jedem ging im anderen eine neue Welt auf, und sie suchten sie sich zu eigen zu machen und aus der Vermischung eine einheitliche mit erweiterten Grenzen aufzubauen. Das Mädchen war dem jungen Manne in der schnelleren Anpassung weit voran. Als hätte ihre Seele nur darauf gewartet, daß einer an die verriegelte Pforte poche und das »Sesam, öffne dich« spräche, so breitete ihr Empfinden und ihr Verständnis die Schwingen. Mit dem unausgesprochenen Fraueninstinkt fand sie heraus, was in ihrer ungebundenen Natur den guterzogenen Freund verwirrte, sie las ihm sein ganzes Formentalent ab, das sie bisher als den Ausdruck angeborener Vornehmheit angestaunt hatte, und zitterte insgeheim vor Freude, wenn sie seinen verwunderten Blick bemerkte. Aber sie sprach nie ein Wort über ihre Lerntätigkeit. Sie hatten auch so viel anderes zu besprechen ...

Regelmäßig trafen sie sich zwischen der sechsten und siebenten Abendstunde, wenn Hans das notwendigste Aufgabenpensum der Schule erledigt hatte. Die Ecke am Pempelforter-Stall, neben Schloß Jägerhof, galt ihnen als Rendezvous, aber meist trafen sie sich, da Hannes als erste zur Stelle war, halbwegs der Jakobistraße und bogen sofort in den triefenden, aufgeweichten Hofgarten ein. Als Hans im Gummimantel erschien, erschien auch Hannes im Gummimantel. Daß sie ihn aus dem Erlös ihres Francesca-Gewandes erstanden hatte, verschwieg sie. Der elastische Stoff legte sich fest um den schlanken Mädchenleib, hob die feinen Formen und gab der Figur etwas über die Jahre hinaus Vollendetes und Reifes.

»Wie wunderschön du bist!« sagte Hans. »Wie ein verkleideter Page. Man wagt gar nicht, dich anzufassen.«

Dann nahm sie seinen Arm, drückte sich an ihn und versuchte, mit ihren zierlichen Füßen seinen Schritt einzuhalten.

Kam ein Tümpel, so hob sie die Röckchen, prüfte erst mit der Spitze des Stiefels die Tiefe und schritt hindurch wie eine kleine Bachstelze.

»Du sollst mir nicht so nach den Füßen schauen, Hans,« sagte sie drüben.

»Ach, Hannes, liebster, süßer Hannes, in ein paar Jahren bist du ja doch meine Frau.«

»Ich will es aber nicht, Hans. Oder riskierst du das auch bei den jungen Damen, die in eurem Hause verkehren?«

Dann ging er verstimmt neben ihr her. Bis die Bäume sich lichteten und die Alleestraße sichtbar wurde, und sie sich plötzlich mit einer jähen Bewegung an seine Brust warf und sich von ihm herzen, drücken und küssen ließ und den Kuckuck danach fragte, ob er das auch bei den jungen Damen, die in seinem elterlichen Hause verkehrten, »riskierte«.

»Hans, ach, du, du!«

»Hänschen, Hänschen, weshalb bin ich nicht schon was geworden!« — —

Mit der gleichen, jähen Bewegung machte sie sich los, und mit der sicheren Eleganz, als wäre sie die Schwester des so apart erscheinenden jungen Menschen, überschritt sie mit ihm die Straße, um durch die Altstadt oder an der Kunstakademie vorbei den Weg zum Rhein zu nehmen.

Sie führten keine tiefen Gespräche, die beiden. Und doch war ihnen jedesmal, wenn sie sich trennten, als hätten sie die Tiefen der Weltweisheit erschöpft, und sie fühlten sich in ihrer Lebensklugheit bereichert mehr denn von allen Schuljahren.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings