Zweites Buch (continued 3)
Reading edition
»Das Spiel? Na, warten Sie. Das wollen wir gleich haben. Ah, siehste wie de biste? Gardez la reine!«
»Jawoll,« gab sie zur Antwort, schlug seinen Springer und bedrängte ihn im eigenen Lager. »Schach dem König, mein Herr.«
»Oho, das wäre ...«
»Ist bereits so. Matt!«
Betrübt ließ der alte Herr die Figuren durcheinander fallen.
»Da hört sich doch alles auf. Kein Glück in der Liebe und kein Glück im Spiel. Und Sie können über solch eine doppelte Schicksalstücke auch noch lachen! So sind die Weibsen!«
Sie ließ ihn ruhig sich ausschelten, aber das heimliche Lächeln blieb in ihren Augen sitzen.
»Sie haben ganz und gar unrecht,« sagte sie endlich sanft.
»Ich unrecht? Na ja, den verehrten Damen ist es ja selbst möglich, die Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Aber in meinem Falle — — Nee, nee, bitte, keinen Honig, lieber ein Glas Punsch.«
»Sollen Sie haben,« entgegnete die alte Freundin, »zur Feier Ihres Glückes.«
»Meines — Glückes —? Und soeben sehen Sie erst klipp und klar, daß ich weder Glück in der Liebe noch —«
Sie stellte das gefüllte Glas vor ihn hin und legte ihre verarbeiteten Hände auf die seinen.
»Doch. Sie haben Glück in der Liebe. Ganz Ihrem Wunsch gemäß ...« Und sie ließ den Blick nach den Ahnenbildern schweifen.
»Frau Stahl — —! Verehrte Freundin — —!« Der alte Junker wußte nicht, wo ihm der Kopf stand.
»Still, still. Ich sollte ja eigentlich noch nichts davon verraten ...«
»Still?« schrie Herr Friedrich Leopold und sprang auf die Beine, ohne auf das verdächtige Gliederknacken zu achten. »Still? O meine verehrte Frau, ich bin gewiß ein Mann von Erziehung, aber da soll der Deubel still bleiben, ich sage Ihnen, der Deu — — —«
Da hatte sie ihm schon die Hand auf den Mund gelegt.
»Aber ja, aber natürlich. Nur muß es doch zunächst Herr Heinrich erfahren. Das sehen Sie doch ein. Vielleicht kommt er heute abend schon zurück; dann können Sie morgen, wenn Sie wollen, die Fahnen zum Haus herausstecken.«
»Tu’ ich auch,« murmelte der alte Herr und marschierte aufgeregt im Zimmer auf und ab, »tu’ ich auch.« Und immer wiederholte er leise frohlockend, schmeichelnd, streichelnd: »Ein Stammhalter ... ein Stammhalter.«
Plötzlich kehrte er zum Tisch zurück, stand kerzengerade, faßte sein Glas und leerte es auf einen Zug.
»Das war für Frau Margot, die liebe ... liebe ... Frau Margot.«
Der rüstigen Greisin standen lachende Tränen in den Augen.
»Nun aber genug. Habt ihr Männer denn gar kein Zartgefühl? Bedenken Sie doch, wenn eine Frau gewissermaßen große Gesellschaftsdame gewesen ist, und überdies fünfundvierzig, die man ihr zwar nicht ansieht —«
»Ach was,« fiel Herr Friedrich Leopold lebhaft ein. »Große Gesellschaftsdame! Fünfundvierzig! Ein ganz famoses Frauenzimmer ist sie, mit der ich Staat machen werde, an der sich unsere Hyperkultur ein Beispiel nehmen soll! Meine Großmutter war gut und gern ein halbes Dutzend Jahre älter, als mein Vater sich zur Stelle meldete. Das nenn’ ich gesunden, rheinischen Schlag. Widersprechen Sie nicht. Ich versichere Sie meiner vollsten Unzufriedenheit, Frau Stahl.«
Er ereiferte sich von neuem, rannte strahlenden Auges herum und gestikulierte mit den Händen.
»Parbleu, diese Margot, diese — diese — — Nein, das halt’ ich nicht aus. Die muß geküßt werden, die muß — —«
Und mit einem Male begann er aus Leibeskräften zu rufen.
»Margot! — — Margot! — —«
Da riß der alten Frau die Geduld.
»Wenn Sie nicht augenblicklich Ruhe geben, Herr von Springe, so sag’ ich Ihnen schlankweg, daß ich Ihnen ein Märchen aufgebunden habe, und Frau Margot wird Ihnen dasselbe sagen. Was wollen Sie dann machen?«
Das leuchtete Herrn Friedrich Leopold ein, und ganz beschämt strich er die Segel bei.
»Liebe Frau Stahl,« bat er flehentlich, »aber sehen möcht’ ich sie nur, bloß sehen und mich an ihr freuen. Das werden Sie mir doch zugestehen können? Ich will ja kein Sterbenswörtchen verlauten lassen.«
Damit erklärte sich Frau Stahl einverstanden, nachdem sie ihm noch einmal »Zartgefühl« eingeschärft hatte.
»Ich will nur schnell den Abendtisch richten,« sagte sie, »dann ruf’ ich sie.«
Dem alten Herrn ging heute das Anrichten nicht schnell genug. Er sah sich veranlaßt, verschiedentlich in die Küche hineinzugucken und in zarten Worten seinem Mißfallen Ausdruck zu verleihen.
»Frau Stahl, Frau Stahl, sonst sind Sie doch immer die Jüngste — —«
Endlich ging sie, Frau Margot zum Tee zu bitten; und nun wäre ihr Herr Friedrich Leopold am liebsten nachgelaufen, um sie zum Bleiben zu bewegen. Denn er wußte absolut nicht, wie er sich nur benehmen sollte.
Da öffnete sich die Tür, und Frau Margot schlüpfte herein, weich und schmiegsam, lustig und lachend. Vom Scheitel bis zur Sohle ganz die Frau, die im zweiten Frühling ungeahnt emporgeblüht ist und jede Zeitrechnung Lügen straft. »Guten Abend, Papachen! Schachpartie zu Ende? Du Ärmster, hat dich Frau Stahl matt gesetzt?«
»Mein Kind,« antwortete Herr Friedrich Leopold mit Haltung und bot ihr den Arm wie einer Fürstin, »Unglück im Spiel — Glück in der Liebe.«
Sie saßen um den Teetisch herum und plauderten. Keiner verspürte rechte Lust, ordnungsgemäß zuzulangen. Frau Margot war mit ihren Gedanken immer wieder in Berlin, und immer wieder nannte sie den Namen ihres Gatten.
»Nun ist er fast eine Woche fort, eine ganze Woche, der Herumtreiber. Wenn er nur nicht mit Hannes durchgegangen ist! Pst, nicht in Schutz nehmen, Papachen! Die Liebe zu den Stahls liegt den Springes im Blut. Aha, jetzt wirst du rot. So ist’s recht, immer hübsch Farbe bekennen!«
Der alte Junker warf Frau Stahl einen schadenfrohen Blick zu.
»Das ist also, was die Damen ›Zartgefühl‹ nennen. Das muß für spätere Fälle festgestellt werden.«
Frau Stahl machte ihm heftige Zeichen mit dem Kopf. Sie traute dem Landfrieden nicht.
Aber Frau Margot war bereits wieder bei ihrem alten Thema. »Von Hannes hat Heinz spaltenlange Berichte geschickt. Und die Kritiken erst! Nein, das Mädel ist auch zu einzig. Hätt’ ich es doch hier, das liebe, liebe Ding — — Ich hab’ immer eine Sehnsucht danach, das ist nicht zu beschreiben. Gott, was mag nur mein armer Junge anstellen — —«
»Schreibt denn Heinrich nichts Neues von Hans?«
»O doch. Er ist täglich mit ihm zusammen. Der arme Kerl lebte seit einiger Zeit ganz außer Verkehr, schreibt Heinz, aber er hätte doch die alten Spuren in ihm wieder aufgedeckt und viel von der warmen Seele wiedergefunden, die der Junge früher in so reichem Maße besaß. Weißt du, Papa, ich mache mir seit langem schon die trübsten Vorwürfe, daß ich ihm früher nicht genug Mutter, oder doch nicht genug mütterliche Kameradin war.«
»Gold gehört ins Feuer, wenn es geläutert werden soll,« bestimmte Friedrich Leopold. »Und der Junge ist Gold, verlaß dich darauf. Ich habe auch nicht die Spur Angst.«
»Ja,« meinte Frau Margot sinnend, »du bist auch nicht seine Mutter.«
Da schwieg der alte Herr sinnend. Das Wort Mutter hatte seit einer Stunde für ihn einen besonders heiligen Klang.
»Ach, Großmutter Stahl,« sagte Frau Margot und spann träumerisch ihre Gedanken weiter, »Hans und Hannes — —. Unsere schönen Pläne — —. Nun sind wir hier, und der ist da, und der ist dort. Warum —?«
Die Greisin antwortete nicht. Sie blickte finster vor sich hin.
»Sie haben Hans nicht verziehen?«
»Nein.«
»Aber wenn er heimkommt — Heinz schrieb mir, daß er ihn überreden würde — Sie werden mir helfen und ihm auch helfen. Die Jugend glaubt ja doch, sie müsse sich erst immer Kämpfe schaffen, sonst sei das Glück nichts wert.«
»Wir wollen warten, bis er da ist, Frau Margot. Vielleicht bedankt er sich wieder einmal für unseren guten Willen.«
Es klingelte an der Korridortür. Frau Margot erhob sich sofort, um nachzusehen. Als sie zurückkam, hielt sie ein Briefchen in der Hand.
»Von Heinz,« sagte sie erregt und brach das Kuvert auf, »ein Dienstmann brachte es vom Bahnhof.«
»Heinrich ist angekommen?« rief der Senior so freudig, als ob der Sohn eine Weltumsegelung bestanden hätte. Frau Margots Augen überflogen hastig das Billett. Dann klärten sich ihre gespannten Züge, ihre Lippen lächelten, und sie mußte die Augen schließen, um sich zu sammeln.
»Nicht allein Heinz,« sagte sie mit zuckendem Munde. »Er hat sein Wort eingelöst, der treue Mann. Er bringt mir meinen Jungen zurück. Soeben sind sie in Düsseldorf angekommen.«
»Und noch nicht hier?« rief Herr Friedrich Leopold. »Ja da soll doch gleich! Müssen die denn zunächst stante pede irgendwo einen Schoppen machen?«
»Nein, nein, Papa, wo denkst du denn hin? Hans ist nicht ganz auf dem Posten gewesen in den letzten Tagen, schreibt Heinz, und nun möchte er sich nicht als Halbkranker präsentieren. Mein eitler Junge! Und Heinz ist mit ihm nach der Grafenbergerchaussee gefahren und liefert ihn in seinem Knabenstübchen ab. In seinem Knabenstübchen — —. Möge er dort, in der ersten Nacht unter dem heimatlichen Dache, finden, was ihm not tut: das Vergessen und — das Erinnern.«
Nie zuvor hatte Frau Margot ihr mütterliches Gefühl so stark ausströmen gefühlt.
»Ich glaube, heute bin ich wirklich glücklich,« sagte sie, und ihre Augen sahen in die Weite.
Herr Friedrich Leopold legte den Arm um ihre Taille und führte sie zum Kaminsitz, mit der zärtlichen Sorge, mit der man ein Kind geleitet. Wie schön, wie wohltuend das war. Sie streichelte ihm dankbar die Wange.
»Wie gut du bist, Papachen — —.«
Und der alte Herr, ganz überwältigt von den vielen Eindrücken des Abends, stotterte: »Ach was, Margot, gut — —! Lieb hab’ ich dich, Töchterchen, lieb, ganz furchtbar lieb. So lieb, daß ich gleich Hurra! schreien möcht’. Und überhaupt, wenn der Heinrich kommt — ach Gott, der glückliche Bengel! Du bist nun doch einmal ein Prachtweib, und nun, bitte — nun gib mir einen Kuß!«
Sie sah ein wenig scheu und errötend zu Frau Stahl hinüber. Aber als die Vertraute des Hauses gleichmütig fortfuhr, den Tisch abzuräumen, umfaßte sie schnell den schneeweißen Kopf, der dem des Gatten so ähnlich sah, und küßte ihn zu wiederholten Malen auf den Mund.
»So! Bist du jetzt zufrieden, Papa? Ihr seid doch Schwerenöters, ihr Springes, Vater wie Sohn.«
Und sie lachte glücklich in sich hinein, und der alte fröhliche Herr tat desgleichen.
Dann saßen sie, Herr Friedrich Leopold, Frau Margot und Großmutter Stahl, vor dem Kamin und gaben ihren Gedanken Audienz. Ein jeder still für sich. Ein jeder dachte sich eine Welt. Und doch war der Kreis ihrer Gedanken so eng umsponnen, daß sie sich alle darin wiederfanden.
Die Lampe surrte, und die Holzscheite knisterten in hellen Funken auf, die lustige Reigentänze vollführten. —
Es mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, da fuhr Frau Margot auf.
»Heinrich!«
Aber Frau Stahl war schon fort, um zu öffnen.
»Heinz! Heinz!« und sie lag an seiner Brust, glückstrahlend wie ein junges Mädchen.
»Bummler!« lachte sie, »Ausreißer, unverbesserlicher Junggeselle! Warte, ich werde dir die Leviten lesen, daß du dich wundern sollst! Acht Tage — —! Acht Tage — — Und nun unterschlägt er mir auch noch den Jungen.«
»Wenn du meinen Mund nicht freigibst ...«
Sie ließ ihn in ihrer Freude nicht zu Worte kommen. Alle Fragen, die sie erwartungsvoll im Herzen getragen hatte, drängten sich auf ihre Lippen und überholten sich.
»Was ist das mit Hans? Weshalb kommt er nicht zuerst zur Mutter? Du, so sag doch, wie er aussieht? Ich bin ja so froh, daß er da ist. So froh! Mach nicht solch ein liebes, dummes Gesicht. Natürlich freu’ ich mich auch über dich. Doch, doch! Aber wenn der Hans krank ist — du, ich möchte hin, sogleich. Ach Gott, wenn der Mann doch endlich sprechen wollte!«
Nun war es an ihm, ihr die Hände auf die Lippen zu legen.
»Was ist das für ein Empfang? Wie? Existiere ich gar nicht mehr? Ja, ja, gewiß, ich kusche schon. Also der Hans! Der ist in der alten Wohnung. Und da laß ihn heute abend allein, du liebste Frau und Mutter. Er ist noch ein bißchen herunter und möchte sich erst — hm — zurechtfinden. Verstehst du das? Bei einem Mann? Na, ja, ich wußte es. Morgen mit dem frühesten ist er bei dir. Und wenn ihr mich jetzt verhungern lassen wollt, kann ich nachher nicht weiterreden.«
Er hatte sie um die Taille gefaßt und schwenkte sie lachend durch die Luft wie einen Kreisel.
Herr Gott, dachte Herr Friedrich Leopold, wo bleibt denn die große Gesellschaftsdame?
Aber dann zupfte er seinen Junior am Rock, und als sich der Racker durchaus nicht stören lassen wollte, zupfte er energischer und ruckte mißbilligend mit dem Kopf.
»Margot, Margot,« rief Heinrich Springe, »nun schau dir doch um alles in der Welt mal diesen schamhaften alten Herrn an. Oder — du — er ist eifersüchtig!«
»Er weiß eben noch nichts; er hat eben auch nicht die geringste Ahnung,« sagte Herr Friedrich Leopold weise zu Frau Stahl. »Dieser große Kindskopf. Es ist unglaublich.« — —
Frau Margot sorgte, daß für den Gatten noch einmal aufgetischt wurde. Als er abgespeist hatte, saß die ganze Gesellschaft wieder um den Kamin herum, und Springe berichtete. »Den Hans, den hätten wir hier. Ein bißchen erkältet zwar, auch seelisch, aber ich vertrau’ auf euch Frauen. Mit Kamillentee wird’s nicht allein zu machen sein, aber ihr habt ja auch noch andere Heilmethoden, wie den Magnetismus, das Handauflegen. Gerade das Handauflegen — so eine liebe, stille und doch vielsagende Frauenhand — —. Aber wem sag’ ich das! Was wir Männer mit dem Seziermesser suchen, das findet ihr Frauen mit dem Instinkt!«
»Und deine Meinung, Heinrich?«
Er strich der Gattin über das ängstlich zu ihm aufschauende Gesicht. »Heimweh an den Rhein,« resümierte er kurz.
Da atmete sie tief auf und drückte ihm dankbar die Hand.
»Denkst du noch an den Abend, als wir uns verlobten? Dort drüben auf der Veranda? Ich hatte nur eine Bedingung zu stellen: Mach mir auch den Hans glücklich. Dann fehlte mir nichts mehr, um auch an mich zu denken.«
»Und an mich nicht?« fragte Heinrich Springe schalkhaft.
»O, du bester Mensch, wenn ich an mich denke, so heißt das doch: an dich.«
Da konnte sich der Ehemann nicht enthalten. Er mußte sich erheben und trotz der Zuschauer Frau Margot in die Arme nehmen und eine Familienszene absolvieren. Wieder stand Herr Friedrich Leopold hinter ihm, und als der Junior den Kopf hob, rieb sich der Senior vor Freude die Hände und nickte ihm mit weitaufgerissenen, leuchtenden Äuglein heftig zu, als wollte er sagen: »Ich gratuliere, ich gratuliere.« Aber er sagte keinen Ton. Der Junge machte ein zu dämliches Gesicht.
Und nun wandte sich Heinrich Springe zu der Greisin und nahm ihre Hände und berichtete von Hannes. Wunderdinge! Wie ihr die vornehmsten Menschen der Reichshauptstadt und selbst die Damen vom Hof zugejubelt hätten, ohne Aufhören, zehnmal, zwanzigmal. Und wie sie ausgesehen hätte. Noch viel schöner und vornehmer als die ganze vornehme Umgebung. »So echt und recht Stahlsch,« sagte Herr Heinrich mit einer Verbeugung. Und gesungen hätte das Mädel, gesungen! »Wie nur ein Menschenkind singen kann, das über seine Schönheit hinaus eine gewaltige Gottesseele besitzt.«
In den Augen der Greisin zitterte ein Licht, und es wurde, je weiter der Mann da vor ihr sprach, ein stolzes Licht, und sie bewegte unhörbar die Lippen. Sie gedachte wohl der Tochter, die ihr Mutterglück draußen auf dem Goltzheimer Friedhof verschlafen mußte, und des einsamen Mannes, der bei Spichern lag, und segnete sie um ihrer Liebe willen.
»Grüße hat mir das Mädel aufgetragen,« schloß Herr Heinrich, »Grüße, damit würd’ ich bis morgen nicht fertig. Aber das Beste ist doch: in sechs Wochen haben wir sie hier, und bis zum Winter sollen wir sie behalten.«
Frau Margot empfand beinahe eine mütterliche Eifersuchtsregung. »Und Hans?« fragte sie hastig. »Wie lange werden wir Hans haben?«
»Wenn er sich wiederfindet — für immer. Und wie sollte er nicht, unter den guten Augen einer solchen Mutter!«
»Glaubst du wirklich, daß er wieder heimisch werden könnte — —?«
»Die Guttaten der Heimat werden den hartgewordenen Sinn weich und gütig machen.«
»Du weißt nicht, was er unter gut versteht,« sagte sie nachdenklich. »Er ist so eigenartig — — der arme Junge.«
Da aber legte sich Herr Friedrich Leopold ins Mittel.
»Darüber kann es nur eine einzige Auffassung geben,« versicherte er aufs bestimmteste, »ebenso wie es nur einen einzigen Philosophen gibt, der, weil unwiderlegbar, die allgemeinste Anerkennung besitzen muß. Wie sagt also dieser einzige Philosoph? Er sagt:
›Das Gute, dieser Satz steht fest, Ist stets das Böse, das man läßt.‹
Wonach sich zu richten. Gute Nacht.«
Und heiteren Gemütes trennte man sich. —

Achtes Kapitel
Hans Steinherr war in seinem Knabenzimmer aufgewacht. Es dauerte lange, bis er sich in die Situation, in die Umgebung hineinfand. Er lag in den weichen Kissen, in denen er acht Stunden ununterbrochen und fest geschlafen hatte, und ließ die fragenden Blicke an den Wänden des Zimmers umherwandern, vom Plafond bis zum Fußboden, und vom Fußboden zurück zu der gemalten Decke, die ihm so bekannt erschien.
Langsam wachte das Bewußtsein auf.
Er war zu Hause. — —
Das erste Gefühl, das er empfand, war das Gefühl des Geborgenseins.
Das Gefühl des Kindes, das in dem elterlichen Hause eine uneinnehmbare Festung erblickt.
Und er schloß die Augen und schlief ruhig weiter. Unbesorgt um den Tag.
Dann fuhr er auf.
Ein Gedanke hatte sich in seinen Traum hineingebohrt. Der Gedanke, daß er seine Mutter noch nicht begrüßt hatte.
Er wollte aufspringen und sich ankleiden. Dann zögerte er und blieb.
Ach ja, er würde sie ja nicht im Hause finden. Daß er das vergessen hatte — —.
Dieses Haus gehörte jetzt ihm allein; aber die Mutter — gehörte nicht mehr ihm allein.
Es hatte sich eben vieles verändert, während er in der Fremde gewesen war. Er selbst hatte sich ja auch verändert, weshalb da die anderen nicht? Aber die anderen hatten dadurch gewonnen, und er —?
Die kinderselige Stimmung war verflogen. Er lag ausgestreckt in den Kissen und starrte in das Zimmer wie in ein Unbekanntes. Er bemühte sich, den Zweck der Heimreise zu ergründen, und zwang sich Bettinas Bild vor die Augen. Aber das Bild ließ ihn kalt, zu kalt, um ihn heimgetrieben zu haben. Es mußte ein stärkeres gewesen sein.
Die Heimat selbst? — Es dämmerte in ihm auf, daß er auch mit der Heimat die Fühlung verloren haben würde. Sie wußte nichts von seinem Leben, und er nichts mehr von ihrem. Er war ja allen so fremd geworden, Menschen und Dingen. Und mit bitterem Lächeln gestand er sich: Es wird wieder eine Illusion gewesen sein, der du voreilig nachgegeben hast; eine Illusion, wie so viele schon in deinem Leben.
Er lag ganz still und wartete, ob etwas antworten würde, von außen oder in seinem Innern. Aber er hörte nur die Taschenuhr auf dem Tischchen neben sich ticken, und er sagte sich: Nun, wenigstens die Zeit läuft um.
Stunde auf Stunde verging, und er konnte sich nicht entschließen, aufzustehen. Ihn beherrschte das lastende Empfinden, als habe er nichts, so gar nichts zu versäumen.
Dann vernahm er die Hausuhr, deren glockentiefen Klang er als Knabe so geliebt hatte. Er zählte aufmerksam ihre Schläge nach. Zehn Uhr! Was half’s, für heute mußte er nachgeben.
Die Frische, die er beim Erwachen verspürt hatte, war gewichen. Mit müden Bewegungen kleidete er sich an, und als er fertig war, dachte er: Was nun? Er würde sich wohl zunächst zum Frühstückszimmer begeben müssen ...
Die Hausverwalterin war eine würdige Matrone. Sie war früher schon im Hause bedienstet gewesen und kannte die Eigenheiten der Familie. Als Hans in das Zimmer eintrat, fand er den Tisch gedeckt, mit Düsseldorfer Bäckereien versehen, Butter und Gelee bereit gestellt und die Kaffeemaschine lustig brodeln. Die Alte mußte an seiner Tür gehorcht haben, um pünktlich zur Minute aufwarten zu können.
Diese kleine, vertrauliche Aufmerksamkeit tat ihm doch wohler, als er es für möglich gehalten hätte. Während er sich niederließ und das Abkühlen des Kaffees abwartete, tönten in ihm feine, zage Stimmchen eines uneingestandenen Behagens. Da lagen auch die Morgenzeitungen, sauber zusammengefaltet, neben seinem Gedeck. Lächelnd griff er danach. Was sollte ihm der Moniteur der Provinzstadt zu sagen haben? Zuerst las er die hohe Politik, Zeile für Zeile, ohne sich viel Neues dabei denken zu können. Aber allmählich wurde das Interesse selbsttätiger, als er über die Lokalereignisse geraten war. Er las im Kunstbericht über eine große Aufführung der Nibelungentrilogie in der Oper, mit den besten Kräften aus aller Welt. Und staunend las er unter der Rubrik »Städtische Angelegenheiten« von den riesigen Projekten, die in der Durchführung begriffen waren, dem gewaltigen Bau einer zweiten, festen Rheinbrücke, der Zuschüttung des alten Sicherheitshafens, den in Angriff genommenen mächtigen Hafen- und Werftanlagen, die in wenigen Jahren beendet sein sollten und das alte Düsseldorf zur stolzen, gleichwertigen Rivalin des hochgemuten Köln machen würden. Zufällig traf in einer Notiz sein Auge die Einwohnerziffer. Die stille Gartenstadt, die Oase am Niederrhein, marschierte rüstig auf die Viertelmillion zu. In weniger als zehn Jahren hatte sie ihre Einwohnerzahl auf das Doppelte vermehrt. Da lag Gesundheit und Fruchtbarkeit im Boden. Das war gesegnetes Land.
Der Kaffee war ihm über dem Studium kalt geworden, aber er schmeckte ihm auch so. Und das Schwarzbrot, dies einzig in der Welt existierende bergisch-märkische Schwarzbrot, und der weiße, lockere »Bauernplatz«! Er aß, als ob er ausgehungert wäre, und hatte doch vor einer halben Stunde nicht den geringsten Appetit verspürt. Schlaf, Appetit — aha, die Heimatsluft meldete sich doch. Und mit der Heimatsluft die Heimatslust. Die Kunde, die er da aus dem Anzeiger schöpfte, von dem Vormarsch Düsseldorfs, von dem Blühen und Wachsen der Stadt, berührte direkt sein vaterstädtisches Herz, das er im Lärm der Metropolen verloren zu haben glaubte, und er murmelte wie ein Alteingesessener: »Hoho, hinter den Bergen wohnen auch noch Leute!«
Was mochte die edle Malkunst angeben? Den großen Worten Hüsgens traute er nicht recht. Aber nun war er ja selbst am Platz und würde sich schon unterrichten. An Zeit fehlte es ihm ja nicht — ah, an Zeit! Und wieder kroch die Beklommenheit heran und legte sich von neuem auf die frischgesproßten Triebe wie ein Rauhreif.
Er nahm Hut und Mantel, ging langsam die Treppen hinab, um die Haushälterin zu begrüßen und die unumgänglichen Anordnungen zu treffen, und benutzte die Hintertür, um einen kurzen Umweg durch den Garten zu machen. Der Gärtner hatte schon vorgearbeitet, Bäume, Büsche und Ranken waren beschnitten und die Wege ausgeharkt und mit bläulich schimmerndem Rheinkies bestreut. Aber die Kahlheit, der Mangel an Farbe und Leben ließ ihn frösteln, die dürre Laube, in der er einst, als die Blätter rauschten, Hannes wiedergesehen hatte, maß er mit großem, erschrockenem Blick, und er eilte, die Straße zu gewinnen.
Viele Leute sah er an den Fenstern und vor den Häusern, und er brauchte sich nicht auf die Namen zu besinnen. Aber es war keiner, der ihn wiedererkannt hätte. Man hatte ihn nicht vermißt und wußte vielleicht nicht einmal mehr, daß der alte Philipp Steinherr einen Sohn besessen hatte. Wodurch auch? Er hatte es ja nicht für nötig befunden, sich in der Erinnerung zu halten, weder durch einen Wunsch, noch durch eine Tat.
Und dennoch wurde er das Gefühl nicht los, daß man ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, mit einer Aufmerksamkeit, der ein spöttisches Lächeln beigemischt wäre. Er wußte ganz genau, daß er es mit einer Einbildung zu tun hatte, und trotzdem konnte er sich nicht von ihr befreien und wanderte mit niedergeschlagenen Augen durch die Straßen der Vaterstadt wie ein Mensch, der sich eines Unrechts bewußt ist. Den Weg zur Immermannstraße hatte er gedankenlos eingeschlagen, und ebenso gedankenlos blieb er stehen und wunderte sich, daß er sich vor der Wohnung Springes befand.
Wie ein blinder Gaul, der seine alte Tränke wiedererkennt, sagte er sich.
Dann schritt er mit einer Eile hinauf, als käme er dadurch schneller über den Moment des Wiedersehens hinweg.
Er brauchte nicht zu klingeln. Frau Margot hatte ihn schon seit dem frühen Morgen am Fenster erwartet und stand jetzt auf dem obersten Treppenabsatz, um ihn als erste in Empfang zu nehmen.
»Mutter!« stammelte er, als sie hastig die Arme um seinen Hals legte und ihn in ihr Zimmer zog.
Frau Margot konnte nicht sprechen. Sie klopfte nur immer wieder seine schmalen Wangen, strich ihm das Haar zurecht, drückte seinen Kopf an ihre Schulter und küßte ihn auf den Scheitel. Sie saßen sich gegenüber, und noch einmal sagte er leise: »Mutter,« legte seinen Kopf in ihren Schoß und seine Lippen auf ihre Hände.
So hatte er sich das Wiedersehen nicht ausgemalt, so nicht. Diese schweigende Liebe, diese stumme, mitfühlende Rücksichtnahme traf ihn tief. Er fühlte sich mehr denn je aus den Gleisen geschleudert.
Allmählich sammelte er sich, und er brachte es über sich, aufzublicken und die Mutter mit einem herzlichen Lächeln anzuschauen. Das Lächeln aber fand den lange vorbereiteten Widerschein.
»Mein lieber Junge, da bist du ja wieder. Also ganz vergessen hattest du mich doch nicht!«
»Nein, Mama, dich nicht.«
»Wie männlich, wie stattlich du geworden bist!«
»Und wie du jung geblieben bist, Mama. Du hast dich so gar nicht verändert.«
»O doch,« sagte sie, und eine geheime Freude vibrierte in dem Ton. »Du wirst mich auslachen, wegen meiner Eitelkeit, aber — aber — ich bin noch jünger geworden.«
Die Worte hatten einen so vollen, tiefen Klang gehabt. Sie benahmen dem Heimgekehrten jedes Grübeln, jede Frage. Er wußte jetzt, daß er eine glückliche Frau vor sich hatte, eine glückliche Gattin, und — wenigstens heute, in dem Augenblick, da sie das Gesicht des Sohnes wiedersah — eine glückliche Mutter. Nur war sie auch eine glückliche Frau und glückliche Gattin gewesen die Jahre hindurch, die er fern von ihr verbracht hatte! Wenn er morgen wieder ging — ob er wirklich eine Lücke hinterließe?
Da waren die Zweifel wieder, die ihn von jedem Auskosten des Genusses zurückschreckten.
Nein, er würde keine Lücke hinterlassen. Im Gegenteil, er war doch, bei Licht und mit vernünftiger Erwägung betrachtet, ein störendes Element in diesem Hause der Fröhlichkeit. Man hatte zu viel Zartgefühl, um ihn das merken zu lassen. Aber das liebe bißchen Sentimentalität beiseite geschoben, und im Grunde verhielt es sich so. Nur keine Selbstüberhebung mehr, nur nicht den anmaßlichen Glauben, als sei er, nah oder fern, die Angel der Familie! Welcher Familie denn? Hier gab es nur eine Familie Springe.
Das alles zog ihm ruhig und geordnet durch den Kopf und gab ihm die höfliche Haltung eines Mannes, der für jede erwiesene Freundlichkeit ein dankbares Empfinden besitzt, ohne ihre Äußerungen als selbstverständlichen Tribut beanspruchen und herbeiführen zu wollen.
»Ist Heinrich zu Hause?« fragte er, und im gleichen Moment suchte er sich zu verbessern. »Entschuldige, Mama,« sagte er verwirrt, »das — das sollte natürlich keine Achtungsverletzung dir gegenüber sein. Die — die alte Gewohnheit brach durch. Wünschest du, daß ich ihn Vater nenne?«
»Großer Dummkopf,« lachte sie errötend, »bist du denn ein Baby? Mir ist nichts lieber, als daß er dein Freund ist, nichts als dein Freund. Gibt es denn etwas Schöneres unter Männern?«
Er betrachtete sie still, und nun wurde auch er gewahr, daß sie jünger schien als vor Jahren, daß in ihren Augen ein mädchenhafter Glanz lag und über ihre Züge eine weiche Hand geglitten war. Zum ersten Male überkam ihn eine innere, selbstlose Mitfreude, und er nahm ihre Hände zärtlich zwischen die seinen.
»Ich gratuliere dir zu allem, Mama.«
Da löste sie rasch ihre Hände, zog ihn fest an sich und atmete dabei tief, wie von einem Alpdruck befreit.
»Danke dir, mein Junge, danke dir ...«
»Soll ich jetzt Heinrich begrüßen?« fragte er nach einer Weile.
»Er ist fortgegangen. Er meinte, er hielte es sonst doch nicht aus und würde uns in die weichste Stimmung hineinprasseln. Da hat er sich vor sich selber in Sicherheit gebracht.«
Sie sahen sich lächelnd an. Nun war auch der Gatte und Freund in ihren Kreis einbezogen.
»Erzähle mir von dir, Hans! Mich interessiert alles, was du erlebt hast. Nein, nein, du brauchst keine angstvollen Augen zu machen, ich will dich nicht inquirieren. Erzähle mir nur Heiteres, was dich freut.«
»Ich habe nichts Heiteres erlebt, liebe Mutter. Was soll ich da erst berichten!«
»Du warst krank, armer Junge? Heinrich hat es mir von Berlin aus geschrieben.«
»Krank? Ach ja, ganz recht, ich war auch krank. Ich muß die Krankheit schon lange in mir gehabt haben.«
»Aber nun ist sie gehoben, Hans; du fühlst dich wieder gesund —?«
»Rekonvaleszentenstimmung, Mama, nicht schwarz, aber auch nicht übermäßig farbig. Es wird sich schon klären.«
»Du solltest zu uns ziehen, Hans,« drängte sie sanft, »wenigstens auf ein paar Monate, bis du dich eingelebt hast. Ich möchte dich so gern pflegen.«
»Du würdest mich ja nur aufs neue verzärteln, liebe Mama.«
»Wenn auch. Hast du denn nur schon gemerkt, daß hier eine ganz besondere Luft weht, mein ernster Junge? Eine Luft, in der man gar nicht anders kann, als fröhlich sein und lachen?«
»Man kann auch mit traurigem Herzen lachen.«
»Hier nicht, hier ganz gewiß nicht,« versicherte Frau Margot lebhaft. »Und in sechs Wochen käme eine neue Pflegerin hinzu, oder — vielleicht — eine halbe Patientin.«
»Von wem sprichst du, Mama?«
»Von Johanna. Von Hannes. Freut es dich nicht, deine kleine Jugendfreundin wiederzusehen?«
»Ob es mich freut? Darauf wird’s wohl nicht zuerst ankommen. Ob es sie freuen wird, Mama, das ist die richtige Frage. Und ich fürchte fast — doch wozu sich darüber heute schon den Kopf zerbrechen!«
»Du möchtest also nicht zu uns ziehen, Hans? Da draußen wird es dir bald einsam werden.«
»Ich bin ein Einsamkeitsmensch, Mama. Habe Geduld mit mir, und ich will dir dankbar sein.«
Sie wollte Geduld haben; so unendlich viel Geduld ... Seit ihr in der Nacht Heinrich Springe in kurzen, scharfen Umrissen Bild für Bild aus dem Leben des Sohnes gezeichnet hatte, glaubte sie manches Gleichlautende in ihrem und Hans’ Charakter und damit manche Wiederholung von Kämpfen und Schicksalen erkannt zu haben. In der Erziehung war es versäumt worden. Die Jahre der Jugend hatten ihn nicht mit dem nötigen Fonds an rheinischer Frische und Elastizität ausstatten können, weil er daheim im Vater nur den rastlos drauf los arbeitenden Geschäftsmann, in der Mutter die vielbeschäftigte oder die ausruhende Weltdame, die für das begehrliche Knabenherzchen wenig Zeit erübrigen konnte, erblickt hatte.
Und in Frau Margots Phantasie verschoben sich die Maßstäbe, und sie war geneigt, alle Schuld sich selbst zuzuschreiben und nun den Dingen, wie sie geworden waren und deren Vorentwicklung in der Knabenseele sie nicht rechtzeitig gesteuert hatte, das Geringe entgegenzusetzen, das ihr blieb: die unendliche Geduld.
»Mama,« sagte Hans, »du quälst dich, ich seh’ es dir an. Du hast ja gar keine Ursache.«
»Doch, doch; du verstehst das nicht.«
»Ich verstehe es schon, Mama. Was in und außer mir fehlgeschlagen ist, das mußte kommen, weil der Grundfehler in mir selber lag. Ich hatte immer nur Träume, sprunghafte Gedanken, die jeden Schein, der mir fremd geblieben war und mir deshalb im ersten Augenblick imponierte, schleunigst zu einem neuen Erfahrungssatz stempelten. Mir fehlte die Sammlung, Mama, und die Freude, anderen wie mir eine Freude zu machen; und so schwebte ich in der Luft.«
»Ich hätte dir helfen sollen, Hans.«
»So beunruhige dich doch nicht. Es gibt für jeden Menschen einen Zeitpunkt, an dem er Farbe bekennen muß, was denn eigentlich an ihm ist. Ganz nach Ausfall dieses Examens richtet sich die eigentliche Entwicklung. Wer hier den Anschluß verpaßt, aus Leichtsinn, Trägheit oder Überhebung, der bekommt seinen Stempel für das ganze Leben. Davon hilft ihm selbst alle für ihn aufgebotene Familienliebe nicht ab.«
Er strich freundlich über ihre Hände, als wäre er der Tröster und sie das Kind.
»Nun heißt es, sich mit dem empfangenen Stempel auf möglichst anständige Weise abfinden.«
Sie hielt seine Hände fest und drückte sie mutig.
»Mein Junge,« sagte sie mit tiefer Überzeugung, »es gibt für jede Krankheit eine Heilung. Wir dürfen nur nicht die Krankheit lieb gewinnen und den Arzt vorüberlassen, wenn er kommt. Siehst du, wir sind erwachsene Menschen, und ich kann es dir sagen, ohne Furcht, gegen deinen Vater undankbar zu erscheinen, von dir mißverstanden zu werden. Auch ich war krank, lange, sehr lange sogar. Eigentlich bis zu dem Tage, an dem Heinrich Springe kam, zum zweiten Male kam. Ich hatte ihn als Mädchen gern, und doch habe ich nicht gewartet und habe mich anders entschieden, weil auch mir die rechte Sammlung fehlte und ich in der Luft schwebte. Weil ich mir angewöhnt hatte, alles nur von mir aus zu beleuchten. Und der Rückschlag blieb auch bei mir nicht aus. Es gab gar nicht genug Zerstreuungen, um über eine Leere hinwegzukommen. Zum Schluß war es doch nur ein Vegetieren in vornehmem Stil. Es war reichlich spät, da kam der Arzt. Und ich nahm alle meine Gesundheit zusammen und alle meine Erinnerung an die Gesundheit, und diesmal ließ ich ihn nicht vorbei und griff zu, als er mir die Hand bot, und weil ich das Wollen hatte, riß er mich mit einem Ruck heraus. Ins Leben.«
Sie sah den Sohn strahlend an, und wieder wunderte er sich, wie jung sie war.
»Da steh’ ich nun im Leben,« fuhr sie fort, »nicht in dem, was die große Welt Leben nennt und was nichts ist als eine Parodie auf das Menschentum, sondern in dem Leben, das einem so viel Umarmungen zurückgibt, als man ihm bietet. Ach, Hans, ich möchte meine Arme nur immer so ausstrecken! Wie viel verlieren wir törichten Menschen doch durch die Blasiertheit und Gespreiztheit unseres Wesens!«
»Du mußt sehr glücklich geworden sein, Mama!«
»Weil ich sehe, daß ich im stande bin, andere glücklich zu machen.«
Er verstand sie. Und lächelnd nahm er der Mutter schönes Gesicht in seine Hände, sah ihr lange in die Augen und küßte sie auf den Mund.
Ein Vergleich drängte sich ihm auf, ein ganz vager Vergleich, der kaum Berührungspunkte besaß, aber selbst an dieses Minimum klammerte er sich plötzlich an. Die Mutter mußte ihm antworten können, wenn überhaupt einer.
»Glaubst du, Mama, daß eine Frau darüber hinwegkommen kann, wenn sie einen Mann geliebt und doch verabschiedet hat?«
»Nein, mein Junge, sie wird es nicht können. In der ersten Zeit bildet sie es sich ein. Das Neue schafft ihr Beschäftigung. Aber wenn das Neue alt wird und die Beschäftigung ausbleibt, und wenn sich dann, so ganz allmählich und zuerst wie zur Zerstreuung, die Erinnerungen einstellen — mein alter Hans, die Erinnerungen sind unsere liebsten Freunde, aber sie können auch unsere schlimmsten Feinde werden. Wenn sich bei einer Frau die Erinnerungen einstellen und erst leise und dann lauter zu rufen beginnen: Dies und das war dein und du hast es aus Laune oder Feigheit verscherzt, und wenn sie dann kein Mittel sieht, an das alte Ende den neuen Anfang zu knüpfen — die Frau wird innerlich alt vor der Zeit, und selbst das schöne Wort der Pflichterfüllung kann ihr nur äußerlich aufhelfen.«
»Und was soll der Mann tun, der aus Laune oder Feigheit verleugnet worden ist?«
»Den Wert der Frau zu erkennen suchen und danach handeln.«
»Es gibt also doch Unterschiede?«
»Frauen können wie Kinder den Weg verfehlen; dann gebührt ihnen immer noch Liebe und Nachsicht.«
»Und wenn sie es bewußt tun, als fertige Menschen, mit der Berechnung, im Wiederholungsfalle nicht anders zu handeln?«
»Mein lieber Hans, über solche Frauen spricht man nicht.«
Des Heimgekehrten Gedanken schweiften noch einmal zurück zu der Stadt, die er gestern verlassen hatte. »Über solche Frauen spricht man nicht.« Hast du es gut verstanden, Bettina? — Ein bitterer Geschmack legte sich ihm auf die Zunge, und über sein Gesicht breitete sich die Selbstironie. Von Hannes zu Bettina — das war eine Reise gewesen, des Schweißes der Edeln wert! »Über solche Frauen spricht man nicht,« tönte es laut und hallend in seinem Innern — aber man denkt auch nicht mehr an sie.
Das war Hans Steinherrs letzter Gedanke an Bettina Wittelsbach.
»Mama,« sagte er, und der Versuch, heiter zu erscheinen, gelang ihm, »lach mich doch aus, weil ich hier in der schönen Pose des Weltschmerzlers vor dir agiere. Und solch ein Beispiel wie dich vor Augen! Ist das nicht närrisch?«
»Willst du Herrn von Springe begrüßen?« griff Frau Margot lebhaft die Stimmung auf, »und Frau Stahl?«
Der Sohn erhob sich sofort.
»Wenn ich ihnen gelegen komme?«
»Das sind zwei Menschen, denen nie etwas ungelegen kommt,« lachte Frau Margot heiter. »Geh nur hinüber. Unterdes werde ich in der Küche nachsehen, ob man auch die Ehre des Tags zu würdigen weiß. Heute habe ich meines Jungen wegen aber auch alles verbummelt.«
War das seine Mutter? fragte er sich, als er über den Korridor schritt. In der Küche wollte sie nachsehen? War das ein Scherz, oder vermischte sich bei ihr das Interesse für das geistige und leibliche Wohl ihrer Lieben jetzt in eins? Sie ist wirklich eine Frau geworden, dachte er staunend, meine verwöhnte, geistreiche und — so viel gelangweilte Mama, eine wirkliche und wahrhaftige Frau ...
Auf sein Klingeln an der Korridortür Herrn Friedrich Leopold von Springes wurde nicht sogleich geöffnet. Aber einen Streit vernahm der Draußenstehende ganz deutlich, und als er die Worte verstand, wußte er, daß er nicht fehlgegangen war.
»Nee, nee, nee, verehrte Frau, sagen Sie das nicht. Die jüngsten Beine von uns beiden habe ich!«
»Aber, Herr von Springe, dafür bin ich doch da.«
Und dann öffneten ihm alle beide. Rechts stand Herr Friedrich Leopold in der Hausjoppe, links Frau Stahl in weißer Schürze.
»Der Hans! Der Hans!« schrie Herr Friedrich Leopold und schwenkte an hocherhobenem Arm die Hand wie eine Wetterfahne.
»Guten Tag, Herr Doktor,« sagte die Greisin trocken, aber auch in ihrer Stimme zitterte etwas.
Der alte Junker hatte den Besucher gleich mit Beschlag belegt. Seinen Arm um den des jungen Freundes geschoben, führte er den Heimgekehrten im Triumph in seine Burggemächer.
»Ha’, hamm’, ham’ mer dich emol, du Durchgänger? Herr Doktor müssen schon verzeihen, daß ich Du sage, aber da ich nun einmal durch Recht und Gesetz Ihr Großvater bin, du liebenswürdiger Jüngling du, so kannste nix mache. Höchstens — — aber natürlich! Nach alter, deutscher Sitte! Wollen zuallererst doch mal Bruderschaft trinken. Wie sagt doch Krökel, der Klausner alt und greis? ›Mit Verlaub, ich bin so frei!‹ Das soll ein Manneswort sein. Frau Stahl, edle Burgverschließerin, bitte ganz ergebenst um eine Flasche Rauentaler Ausbruch.«
»Rheinwein, Herr von Springe? Und so schweres Zeugs?«
»Rheinwein, dem Rheinwein gebührt! Und was ist schwer, wenn zwei kräftige Männer das Werk mit Händen anfassen! Notabene, woher wissen Sie tugendhafte Frau denn, daß das Zeugs so schwer ist? Sie haben wohl mal — ganz heimlich — mit Verlaub, ich bin so frei — —?« und er machte die entsprechende Geste.
Als sich Frau Stahl, entrüstet über den Verdacht, in den Keller begab, wollte sich Herr Friedrich Leopold totlachen.
»Siehst du, mein Sohn, das mußt du dir für später merken. Das ist ein Kniff von mir, mit dem krieg’ ich alles. Nur den lieben Seelen insinuieren, als ob sie das Beste für sich behalten wollten. Dann kommt die Entrüstung und mit der Entrüstung die verächtlich tuende Freigebigkeit. Aber mir schmeckt’s doch.«
Nach fünf Minuten plauderte der alte Herr bereits, als ob sie nie getrennt gewesen wären.
»Du,« meinte er zwischendurch geheimnisvoll, »deine Mutter ist eine charmante Frau. Weißt du? — —«
Dann brachte Frau Stahl den Wein, und der alte Herr putzte selbst die langstengligen Römer aus.
»So, mein Junge, nu mal fix übers Kreuz. So — o —.« Er wischte sich den Mund. »Ich heiße Friedrich Leopold. Ach nee, das zieht ja zwischen uns beiden nicht. Also ich bin dein Großvater, der dich sehr lieb hat und dasselbe von dir beansprucht. Und nun wollen wir mal wie echte Kreuzritter gegen den Heiden ziehen.«
»Gegen den Heiden?« wiederholte Hans Steinherr verwundert und ließ sich das Glas frisch füllen.
»Hie Buch und Kreuz und Mönchsgebet — sie müssen alle von dannen,« variierte der strenggläubige Zecher. »Dieser Rauentaler, dieser Heide, hat sich selbst der schmerzlosesten Taufe entzogen. Vertilge ihn, vertilge ihn! Er ist reif!«
Er stieß mit Hans an und zwinkerte, verständnisvoll schmunzelnd, mit dem Auge.
»Du — die charmante Frau soll leben! Jung’, Jung’, ham’ mer en Freud’!«
Hans verstand zwar nicht recht, weshalb sich der alte Herr gerade heute so unbändig über die charmante Frau freute, aber er nahm an, daß das wohl die Normalempfindung Herrn Friedrich Leopolds gegenüber Frau Margot sei, und dankbar tat er Bescheid. Die Trinksprüche waren indes noch nicht zu Ende.
»Einmal ist keinmal, nicht wahr, Frau Stahl? Aber dreimal — das können Sie durch die einfachste Addition feststellen — das ist dreimal. Das dritte Glas also — Was? Ich soll vor Tisch nicht mehr trinken? O, wenn Sie ahnten, wem wir dies dritte Glas bringen, hätten Sie schon aus purstem Familienegoismus geschwiegen. Das dritte Glas unserem Prachtmädel, unserem Hannes. Marke: Stahl!«
Er drängte der alten Freundin ein Glas auf, verbeugte sich höfisch und ließ die Gläser fein aneinander klingen.
Hans Steinherr fühlte eine sich steigernde Beklommenheit. Rasch trat er auf die alte Frau zu und hielt ihr das Glas hin.
Die Greisin sah ihm, ohne eine Gemütsregung zu äußern, ruhig in die Augen und stieß mit ihm an. Dann wandte sie sich dem alten Herrn zu, der am liebsten sofort in eine allgemeine Fiduzität hineingesegelt wäre, und sagte warnend: »Herr von Springe, Frau Margot und Ihr Herr Sohn erwarten uns in einer Viertelstunde drüben zu Tisch. Und Sie sind noch immer in der Hausjoppe.«
»Donnerwetter,« meinte Herr Friedrich Leopold, »eine Berufung auf Frau Margot, das heißt so viel als: stramme Haltung! Na, nimm’s nicht übel, mein Sohn, daß ich verschwinde. Ich lass’ dich ja, während ich Gala anlege, in der allerbesten Gesellschaft zurück.«
Dann war Hans Steinherr mit Frau Stahl allein.
Er saß auf seinem Stuhl, vornübergebeugt, die Arme auf den Lehnen, und beobachtete sinnend jede ihrer Bewegungen, während sie ab und zu ging, den Tisch in Ordnung brachte und sich im Zimmer zu schaffen machte.
»Wissen Sie noch, Frau Stahl, wie ich an dem Sonntag zu Ihnen kam, drüben in der Pempelforterstraße, und bei Ihnen Kaffee trank?«
»Weshalb sollte ich das nicht mehr wissen, Herr Doktor?«
»Wie lang’ ist das her! — — Ich war damals noch ein Junge.«
»Das kann ich nicht beurteilen, Herr Doktor.«
Er zuckte zusammen. Sie hatte ihn falsch verstanden oder mißverstehen wollen.
»Haben Sie gute Nachrichten von — von Hannes?« fragte er nach einer Pause.
»Ich danke. Man muß schon zufrieden sein, wenn sie gesund bleibt.«
»Haben Sie denn — haben Sie denn Besorgnisse? Ich meine: Ihre Enkelin fühlt sich doch wohl?«
»Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor. Meine Enkelin hat bis heute noch nicht geklagt.«
Wieder die Pause, die kein Ende nehmen wollte. Nur das mechanische Klappern von Stricknadeln.
Da erhob sich Hans Steinherr von seinem Stuhl und ging zu der alten Frau hinüber.
»Frau Stahl, ich bin nach Düsseldorf zurückgekommen, um meinen Frieden zu schließen, mit meinen Angehörigen und, wenn es angeht, auch mit mir. Meine Mutter hilft mir, Heinrich Springe und der alte Herr helfen mir — wollen Sie allein nicht?«
»Wir sind doch nicht Ihre Angehörigen, Herr Doktor.«
Hans Steinherr preßte die Lippen zusammen. Dann streckte er die Hand aus und sagte leise: »Verzeihen Sie mir!«
Die Greisin ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn mit großen Augen an.
»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr Doktor. Ob Ihnen Johanna was zu verzeihen hat, das hat sie mir nie gesagt.«
»Doch, Frau Stahl. Sie — gerade Sie. Sie haben mich damals voll Vertrauen auf meine Ehrlichkeit in Ihr Haus aufgenommen und mich Einblicke in ein starkes, stolzes Leben tun lassen. Jeder andere wäre daran gewachsen. ›Scham ist Feigheit,‹ sagten Sie damals. Mein Wankelmut hat das Wort traurig bestätigt, ich mußte erst noch einmal durch die Schule gehen, um es in seiner Wahrheit verstehen zu lernen. Frau Stahl, ich bin nicht mehr feige, ich bin nur noch beschämt. Vielleicht halten Sie es der Mühe wert, dies trübe Geständnis entgegenzunehmen.«
Die alte Frau rückte unruhig auf ihrem Stuhl.
»Wenn ich Ihnen von der Beschämung abhelfen könnte — —. Aber gute Lehren sind Stroh statt Hafer.«
»Verzeihen Sie mir!« sagte er noch einmal leise.
Sie sah zu ihm auf. Sie sah sein müdes Gesicht und das Ruhebedürfnis in seinen Augen. Und dann erhob sie sich und nahm seine Hand an. Sie packte sie mit festem Druck und hielt sie in der ihren. Irgend etwas wollte sie sagen. Doch sie nickte nur, ließ seine Hand los und ging in ihre Küche.
»Ich hätte es nicht ertragen,« murmelte Hans Steinherr; »von allen, nur von ihr nicht. Nun ist mir freier.«
Er nahm seinen Platz wieder ein und wartete auf Herrn Friedrich Leopold, der bald erschien.
»Oho — so ganz solo? Ja, mein Sohn, weiß man denn außerhalb Düsseldorfs nicht mehr, wie man Süßholz raspelt? Ausgerissen ist dir die verehrte Frau? Du bist zu schüchtern, Hans.«
Er strich sich den weißen Schnurrbart hoch und klopfte behutsam ein Stäubchen vom Rockärmel.
»Tipp topp, gelt? Als wenn’s zum Tanzen ging’.«
Draußen wurde an der Schelle gerissen, daß es Sturm läutete.
»Das sind die jungen Leute von drüben,« sagte Herr Friedrich Leopold, »überschüssige Kraft.« Und er ging öffnen.
Dann stürmte Heinrich Springe ins Zimmer. Frau Margot folgte gemütlich am Arme des Vaters.
»Da bist du ja, Hans. Herrgott, wie ich mich freue! Und rote Backen hat er schon gekriegt, ordentlich rote Ba —« Sein Blick fiel auf den Senior. »Du, sag mal, du hast ja auch rote Backen gekriegt, aber so verdächtige? Ihr habt wohl das Krökelspiel gespielt, vom frommen Klausner? Ah, sieh da, der stumme Zeuge. Rauentaler Auslese. Hm, hm, hm. Margot,« wandte er sich an seine Frau, »wirf doch den Plebejer, den Zeltinger, aus dem Eiskühler. Die Herren haben bereits anders bestimmt.«
Der alte Herr aber freute sich, als ob er den Sohn mit einer brillanten Pointe hineingelegt hätte.
Dann ging es zu Tisch. Hans Steinherr führte die Mutter, Herr Friedrich Leopold holte Frau Stahl herbei, und Heinrich Springe machte den Beschluß. Feierlich zogen sie über den Korridor in die andere Wohnung hinüber.
Nach der Tafel verlangte es Hans, die Fabrik zu sehen. Inmitten der Fröhlichkeit war plötzlich ein Drang nach Tätigkeit in ihm erwacht. Er bat, ihn für den Nachmittag zu entschuldigen, und versprach, sich zum Abend wieder einzustellen.
Langsam wanderte er durch den frischen Tag hinaus nach Bilk. Hier bleiben können, hier bleiben können! tönte es in ihm. Er reckte sich in den Schultern, und es war ihm, als spürte er neues Blut.
Wie die Sonne dort über dem Feldstreifen zittert. Gerade, als ob es schon Frühling wäre ... Und dann sprach er vor sich hin: »Die Heimat. Die Heimat. Das hier ist die Heimat ...«
Manchmal blieb er stehen und sog aus tiefen Lungen die frischwehende Luft ein. Alles schien ihm in Glanz eingehüllt, und obwohl die Landschaft hier nichts Anziehendes bot und ringsumher die Mauern und Schornsteine der industriellen Werke emporragten, glaubte er, selten ein schöneres Bild gesehen zu haben.
Und er malte es sich verlockend aus, hier wieder Wurzel zu schlagen, unter diesen Menschen hier wieder das Lachen zu lernen, durch angespannte Tätigkeit sich die Achtung zu verdienen und — ja, ja! weshalb sollte es nicht möglich sein! es mußte sich auch das ermöglichen lassen bei tapferem Ausharren und unermüdlichem Werben — und am eigenen Herd das Glück festzuhalten. »O, du Jugendkraft, du, du! Die vom Niederrhein haben dich in Erbpacht!«
Warm lief es ihm durch alle Glieder. Die Märzsonne hatte für ihn Juliglut. — —
Bis zum späten Abend war er in der Fabrik geblieben. Er hatte die Feierabendglocke gehört und die Scharen geschwärzter Arbeiter unter dem Fenster des Privatbureaus vorüberwallen sehen, während er immer noch saß und sich von dem Leiter der Werke einen Überblick über die Geschäftslage geben, Pläne vorlegen, den Gang der Fabrikation erläutern ließ. Und je länger er saß, umso schärfer und quälender wurde die Entdeckung, daß ihm jeder Sinn für das fehlte, was ihm der Teilhaber der Firma Philipp Steinherr doch so klar und übersichtlich an Hand der Bücher, Karten und Tabellen vortrug, daß er nie den Sinn dafür erlangen würde. Denn die genialste Berechnung, in technischer wie in kaufmännischer Beziehung, rüttelte kein außergewöhnliches Interesse in ihm wach. Mit stumpfer Bereitwilligkeit hörte er zu und stellte immer nur sein Unvermögen fest.
Er hatte sich von dem Teilhaber, der noch einige wichtige Arbeiten zu erledigen wünschte und deshalb noch nicht in die Stadt hineinfuhr, mit herzlicher Danksagung verabschiedet, den Wagen abgelehnt und den Heimweg zu Fuß angetreten. Aber die Sonne war fort, und die Frühlingsahnung war fort. In seinem Innern waren alle die hoffnungsfröhlichen Stimmen des Nachmittags jäh verstummt, so angstvoll er auch horchte.
Und plötzlich warf er sich an einer Böschung nieder und preßte sein Gesicht verzweifelt gegen die Heimatserde.
»Es ist nichts mehr, es ist nichts mehr. Es ist ja alles verpfuscht! — — —«

Neuntes Kapitel
Der erste Tag im Mai!
Wieder war Düsseldorf, das glücklich gelegene, den anderen Städten im Reich um reichlich vierzehn Tage vorausgeeilt, im Hofgarten rauschten die vollbelaubten Kronen der Bäume, das Gesträuch war mit Blüten übersät, und der Flieder duftete über die ganze Stadt.
Seit einer Woche hatte in der Immermannstraße Hannes Einkehr gehalten.
Sie hatte eine anstrengende Tournee hinter sich, aber sie fühlte sich, wie sie lachend versicherte, trotz alledem elastisch wie eine Haselgerte und gedächte sich nur deswegen sechs Monate auf die faule Seite zu legen, um den nötigen Vorrat an Düsseldorfer Luft zu sammeln.
»Man muß doch zuletzt wissen, wo man ›zuständig‹ ist,« erklärte sie Heinrich Springe, »wenn man nicht ganz verzigeunern will. Und das Zigeunertum — ach Gott, das ist eine schöne Lüge.«
»Du, Mädel, so schlau wie du ist nun auch der Hans. Ganz still und beschaulich ...«
»Er gefällt mir nicht,« sagte sie, »ich wollt’, er schlüge Skandal.«
»Na, hör mal, so was von Radaulustigkeit — —! Du wirst wohl noch nach Oberkassel tanzen gehen?«
»Dem Hans tät’s vielleicht gut. Es riss’ ihn aus seiner Beschaulichkeit.«
»Aber Kind, gerade über die Beschaulichkeit sind wir ja so herzensfroh!«
»Ihr seid liebe Menschen,« sagte sie und lehnte sich an seinen Arm, »ihr denkt nur Gutes und Gesundes, weil ihr selbst gut und gesund seid.« Sie sah zu ihm auf, ohne sich an seiner Schulter zu rühren. »Wißt ihr denn, was es mit dieser stillen Beschaulichkeit von Hans auf sich hat? Ach, Onkel Springe, ich habe es gleich gewußt. Er beschaut seine Wunden.«
»Hannes!« rief Springe erschrocken und zog das Mädchen mit einem Ruck an sich, »Hannes, was willst du gleich gewußt haben? Herrgott, sollten wir denn wirklich blind gewesen sein? Und du — du meinst — du hätt’st recht?«
Sie sah ihn noch immer an und nickte mit traurigen Augen.
»Es ist so, Onkel Springe. Wundert es dich, daß ich dafür ein feineres Verständnis habe als ihr?«
Auf die Frage war Springe nicht vorbereitet, und er fand kein Wort der Entgegnung. Aber sein gerades, ehrliches Herz erkannte die gleichgesinnte Natur und schwoll empor bei diesem offenen Eingeständnis.
»Mädel, Mädel,« brachte er nur heraus und fuhr ihr mit breiter Hand über Haar und Gesicht, »was bist du für ein Mädel!«
Das war nicht geistreich, das empfand er selbst. Aber für ihn gab es in diesem Augenblick alles wieder, und für sie auch; und das war ihnen beiden die Hauptsache.
»Was fang’ ich nur an, um ihn aus dieser verdammten Beschaulichkeit wieder ’raus zu kriegen, Hannes? Ich schäm’ mich ja zu Tod’. Beinah — beinah — na, muß ich’s sagen? Beinah wie in Berlin, Kurfürstendamm: und Heinrich Springe ging hinaus und weinte bitterlich, weil er sich aus einem finsteren Cato in einen Pudel verwandelt hatte, der vor zwei schönen Frauenaugen hübsch Apport machte. O Gott, o Gott, Hannes, sag das nur keinem wieder! Wenn ich damals nicht dich gehabt hätte! Wie ein Chirurg gingst du los ... Ihr Frauen seid doch die geborenen Ärzte.«
»Du, Onkel —«
»Gut,« sagte Springe und drückte ihr die Hand. »Wenn ich nämlich an die Affaire denke, wird mir immer noch glühheiß. Das brauchte nur Margot zu wissen. Ich läge platt unterm Pantoffel. Also sprechen wir wieder von Hans; schon, damit ich meine Haltung wiederfinde.«
»Onkel,« sagte das Mädchen nachdenklich, »ich glaube, ihr drückt ihn zu sehr mit eurer Liebe. Da kommt er sich vor wie ein Invalide, wie ein Almosenempfänger. Mit solchen Kranken muß man sich frisch-fröhlich herumzanken, ihren Widerspruchsgeist wecken. Der Mensch fühlt sich nie gesünder, als wenn er widersprechen kann. Das steigert sein Selbstgefühl und macht ihn trotzig.«
»Ob Trotz gerade die richtige Tugend ist — —?«
»O, du unkluger Mann! Trotz gibt nach, und dann ist der Trotzige der Gebende. Aber Resignation, die nachgibt, bleibt die Empfangende. Das verträgt kein Mann auf die Dauer an sich selbst.«
»Sag mal, Kind, ich hoffe, diese Weisheit hast du nur aus deinen Arien.«
»Sie ist mir über Nacht gekommen, seit ich Hans gesehen habe.«
»Und was soll ich tun? Jetzt stehe ich blind zu deiner Verfügung.«
»Suche ihn zu zerstreuen, bring ihn unter Männer, rede mit ihm über Dinge, die ihm am Herzen liegen, über Kunst, über Literatur, und zeig dich unwissend, dreist oder ungeschickt, damit seine Empörung wach wird, seine Verteidigungslust; damit er ins Feuer gerät. Ach, Onkel, wenn ich könnte, wie ich wollte —«
»So will doch, Kindchen! Du nähmst mir da wirklich ein Kommissiönchen ab.«
Sie schüttelte den Kopf, und auf ihrer Stirn grub sich die Falte, die sie als Kind so oft gezeigt hatte.
»Ich kann mich doch nicht wegwerfen,« murmelte sie. »So was tut man wohl in der Stunde der Gefahr, aber doch nicht aus freien Stücken. Das säh’ ja aus, als ob ich Sonderinteressen dabei verfolgte.«
»Wenn du ihn lieb hast ...« fragte Springe unsicher.
»Weil ich ihn lieb habe, weil, weil! Er soll gesund werden, nicht ich. Ich — ich bin’s ja.«
»Das weiß Gott!« sagte Springe herzlich. »Und jetzt versteh’ ich dich auch ganz. Seinen Stolz willst du.«
»Ja,« sagte sie leise, mit einem versonnenen Lächeln, und sie hatte nasse Wimpern.
»Ich werde es einmal mit Herrn Friedrich Leopolds Rezept versuchen,« entschied Heinrich Springe. »Der Wein erfreut des Menschen Herz, und heute, am ersten Mai, fließt im ›Malkasten‹ die allgemeine Maibowle. Da kommen die Malmännlein aus Höhlen und Klüften, Hunderte an der Zahl. Und viele — ach, wie viele! — waren beim Barbarossa im Berg und haben geschlafen, die Zipfelmütze über beide Ohren, einen gottgesegneten Schlaf. Da verwandelte sich der Pinsel in ihrer Hand zum Weißquast, und die heilige Ölfarbe zur unheiligen Tünche. Aber ein Geschwätz machen sie, ein Geschwätz, sag’ ich dir, daß den umsitzenden Künstlern graut. Hans soll es mitmachen!« — —
Hans Steinherr war in der letzten Woche nur zweimal in Burg Springe als Gast erschienen. An dem Tage, an dem die Familie Hannes feierlich am Bahnhof eingeholt hatte, war er erst zur Abendstunde gekommen.
Im Besuchsanzug, einen Strauß Flieder in der Hand, war er ins Atelier eingetreten, in dem das Mädchen vor einem neuen Werke Springes, einem schlummernden Parkteich, überwacht von dichtgedrängten, blühenden Kastanien, stand.
Als sie seinen Schritt vernahm, wandte sie sich um.
»Guten Tag, Herr Hans. Wie geht es Ihnen? Ich freue mich, Sie wiederzusehen.«
Und er hatte auf das schöne, in sich gefestigte Geschöpf hingestarrt, und als er die Lippen bewegte, um zu erwidern, spürte er, daß in ihm etwas zerrissen war, in diesem Augenblick.
»Hannes, Fräulein Hannes ...« sagte er mit Anstrengung, und dann bot er ihr zögernd die Hand, die die Blumen hielt, und sie nahm die Blumen und nahm seine Hand.
»Wie aufmerksam von Ihnen! Haben Sie herzlichen Dank!«
»Sie sind aus dem Garten draußen,« sagte er, um nur seine Stimme zu hören. »Der Frühling kam zeitig dies Jahr.«
Sie nickte und vergrub ihr Gesicht in den Strauß. Der herbe Zug um seinen Mund tat ihr weh.
Dann sprachen sie von ihren Reisen. Ganz so wie Menschen, die sich auf einer Station getroffen haben und plaudern, um die Zeit hinzubringen. Und doch achtete und wartete sie auf nichts anderes als auf ein Wort, das den alten Hans verraten würde, und alles, was er sprach, ging an ihrem Ohr vorüber, eilig, schnell zerflatternd, damit sie die Aufnahmefähigkeit behielte für das, was doch kommen mußte.
Aber es kam nicht. Der Mann, der vor ihr saß, war nicht mehr kindergläubig genug, um durch den Schleier hindurch in ihrer Seele zu lesen. Er sah nur die Zerstreutheit, mit der sie ihm zuhörte und antwortete, und sein unruhiges Gewissen gab ihm ein, daß es ihr peinlich sein müßte, dem Manne höflich und freundlich gegenüber zu sitzen, den sie als Mädchen geküßt hatte.
Einmal dachte er daran, die Vergangenheit zu berühren und sie um Verzeihung zu bitten. Aber angesichts dieser vornehm stillen Erscheinung, deren selbstsichere Haltung keinen Schluß mehr auf das wilde, zärtliche Gemüt des einstigen Hannes zuließ, schien ihm seine Anwandlung anmaßend und kindisch. Die Kinderzeit, in der ein einziges »Sei wieder gut!« die Schranken wegräumte, war nicht mehr. Hier hieß es nicht, reden, hier hieß es, zeigen. Und er hatte nur einen Bankrott aufzuweisen gegen ihre Reichtümer. Einen solchen Handel machte er nicht. Er war kein Betrüger.
So lief die Stunde ab, und das Ergebnis war der Wunsch auf ferneres Wohlergehen. Dann saß sie wieder vor dem Bild mit dem schlummernden Parkteich und den blühenden Kastanien, aber sie saß mit geschlossenen Augen.
Im Nebenzimmer begrüßte Hans seine Mutter. Hannes hörte, wie er bat, ihn zum Abendessen zu entschuldigen, und wie Frau Margot ihm doch abschmeichelte, daß er blieb. Dann saßen sie miteinander bei Tisch, und Großvater Springe war aufgeräumter denn je, und seine unbesiegbare Laune holte sich auch heute den Triumph, die Tischgesellschaft zu erheitern und die gewonnene Stimmung durchzuhalten. Später bestürmte Frau Margot Hannes um ein Lied, um ein ganz kleines nur. Aber als sie nachgeben wollte, obwohl ihr die Kehle wie zugeschnürt war, sah sie, daß Hans geräuschlos das Zimmer verließ. Da versprach sie für morgen so viel Lieder, als man zu hören wünschte, nur heute möchte sie sich schonen.
Auch Heinrich Springe hatte das stille Verschwinden des Freundes wahrgenommen und war ihm gefolgt. Als er zurückkam, teilte er mit, daß Hans nicht durch Abschiednehmen habe stören wollen. Der Junge fühle sich heute nicht recht wohl, habe aber ebenfalls für morgen alles mögliche versprochen. Und die beiden Springes, Frau Margot und selbst Frau Stahl nahmen das mit unschuldigem Herzen als ein gutes Zeichen und tauschten, heimlich sich zunickend, strahlende Blicke miteinander aus.
Hans aber war nach Hause zurückgekehrt und saß die Frühlingsnacht hindurch in der Laube und hörte nicht die Stimmen des Frühlings und hörte nur die Stimmen der Nacht.
Das ist nun vorüber, alter Junge ...
Was ist vorüber? fragte er sich mit bewußter Selbstironie.
Und er fuhr fort, sich Rede und Antwort zu stehen und den Sarkasmus wider sich selbst zu kehren.
Was vorüber ist? Nun, was denn sonst als das Wiedersehen? Oder hattest du dir gar etwas anderes gedacht, als du hingingst? Ja, mein lieber, eingebildeter Mensch, wenn du noch solche Träume spinnen konntest, wirst du jetzt belehrt sein, daß das, was du meintest, längst, längst schon vorüber ist.
Sie ist schön, nicht wahr? Wie die goldrote Haarwelle auf ihrem feinen Knabenköpfchen ruht, als wollte sie locken: Löse mich. Dich brenne ich nicht. Wenn du mich über dein Gesicht legst, will ich dich kühlen ...
Sie ist ein Märchen, gab er zur Antwort. Hast du vergessen, daß alle Märchen beginnen: Es war einmal ...?
Und wenn das Märchen dennoch Leben gewinnt und die Augen aufschlägt?
Ach, du armer Phantast, die Augen werden an dir vorübergehen. Schau dich an. Sieht so ein Märchenprinz aus? Überbleibsel bringt man nicht auf eine Königstafel, und gierige Bettler werden im Hofe abgefertigt.
Ich bin kein Bettler! brauste es ihm durch den Kopf. Ist es mir denn in den Sinn gekommen, zu betteln? Bin ich so weit herunter, daß ich auf Freibeuterei ausgehe? O nein, mein guter Hans, o nein, so viel Anstand hast du doch noch in den Knochen, um dich nicht wehleidig aufzudrängen und um Gottes Barmherzigkeit willen ein Almosen zu verlangen. Um zu erklären: Jetzt, du schöne, lachende Frau, wo es dir geglückt ist und mir nicht, passen wir besser zusammen. O nein, ich bin kein Bettler. Ich weiß sehr gut, was ich bin, und mache mir keine Illusionen.
Seine Lippen legten sich fest aufeinander, und je fester sie sich schlossen, desto heller wurde sein Auge, in dem das alte Erbgut der Kinder dieses Landes glänzte und schimmerte: der Spott, der selbst mit dem Tiefstand des Lebens noch um ein Lachen trotzt.
Und er zog die Bilanz der letzten Wochen, der Zeit, die er wieder in der Heimat zugebracht hatte, und verglich die Kredit- und Debetseite. Wieder und wieder hatte er sich aufgerafft, wie nur ein Mann es kann, und war hinausgegangen in die Fabrik, um sein Interesse mit zäher Energie zu zwingen. Aber was half all sein Wollen? So zappelt auch ein Fisch auf dem trockenen Land. Das Element, in dem er sich befand, war nicht das seine, ihm fehlte die kaufmännische Gabe und das technische Verständnis.
Dann hatte er es im stillen mit der Kunst versucht. Die Muse zwar war nicht zu beleben, denn jede Gefühlsäußerung erschien ihm wie ein Hohn, und künstlerische Formspielereien waren ihm verhaßt. Aber durch die Kunstausstellungen war er gewandert und durch die Ateliers, und er hatte sich einen Überblick verschafft über den Stand der vaterstädtischen Kunst, über den neuen, urwüchsigen Heimatstrieb und über den alten Zopf. Das war ein Gebiet, das er beherrschte, und hiefür gedachte er zu schaffen.
Sobald er jedoch vor dem Stoß weißen Papieres saß, befiel ihn wieder der Gedanke an den Unwert all seines Tuns. Weshalb denn nur etwas leisten wollen? Für wen denn? Für das Streicheln einer lieben Hand. Für das Leuchten zweier Augen. Das hätte sich gelohnt, das hätte gefördert. Aber für das bißchen Ehrgeiz oder, wenn es hoch kam, für das Kerzenstümpfchen Idealismus? — Und die Freude, die ihm auf Sekundenlänge über die Schulter geguckt hatte, war entflohen — —.
Das also, schloß er, ist das Resultat! Daß es etwas minimal ist, kann ich nicht verneinen.
So verging die Frühlingsnacht.
In den nächsten Tagen sah er Hannes wieder, plauderte mit ihr, bis er merkte, daß er mitten im Satz verstummt war und sie seit Minuten anstarrte, und sich schnell empfahl, um der Selbstquälerei ein Ende zu machen. —
Als am Abend des ersten Mai Heinrich Springe bei ihm erschien, packte ihn die Angst, der Freund käme, um ihn zu einem Familienabend zu holen. Umso hastiger ging er auf den Vorschlag ein, der Maibowle des ›Malkastens‹ beizuwohnen. Er wurde sogar ordentlich aufgeräumt, und Heinrich Springe dachte erstaunt und beschämt zugleich: Das Sakramentsmädel, der Hannes, hat doch mal wieder recht behalten. Er gehört unter trinkfeste Männer. —
Im ›Malkasten‹ war es gedrängt voll. Hunderte von Künstlern und Kunstfreunden waren in den weiten Räumen untergebracht, aber sie mußten dicht zusammenrücken, denn das Fähnlein der Durstigen war in der Rheinstadt schon an Abenden ohne tiefere Bedeutung nicht klein. Eine Schicht blauen Zigarrendampfes schwamm wie ein Nebel über der Festversammlung und gab dem Bilde das Kolorit eines alten niederländischen Gemäldes.
»Teniers oder Höllenbreughel?« fragte Springe lachend seinen Begleiter, während er sich durch das Labyrinth der Tische einen Weg bahnte. »Was? Das nennt sich doch noch gesunde Kneipenluft! Und dieser göttliche Radau! Hier kommt’s nicht drauf an, was man sagt, sondern daß man es möglichst laut sagt. Stimmenschwerheit entscheidet! Achtung, der Pitter hat ’s Wort! Hier — hier ist noch Platz.«
An einem mächtigen, runden Ecktisch hatten sie Unterkunft gefunden. Man bat um Ruhe. Man klopfte ganz energisch auf die Tischplatten. Dann ebbte das Stimmengewirr ab wie eine lange, chromatische Tonleiter.
Der ›Pitter‹, ein weißhaariger, unverwüstlicher Maler der älteren Generation, stand neben dem Klavier und strich mit überlegener Miene den weißen Knebelbart. Er hatte als Maler und Mensch warten gelernt. Plötzlich erfaßte er den ersten Moment der Ruhe. Wie eine Fanfare drängte sich sein schmetterndes Organ in die Pause hinein und füllte den Luftraum mit einer Vehemenz, daß kein fremder Hauch neben ihm noch Platz zu finden vermocht hätte. Pitter hatte das Wort. Daran war nicht mehr zu rütteln. Und er gab es von sich, als sänge er Samuels Fluch über König Saul.
»Auch eine Auffassung,« nickte Springe zustimmend. »Das Schwermutslied von der ›Krone im Rhein‹ durchweg auf forte gesungen. Is mal was Neues.«
Dann sorgte er, daß aus dem riesigen Wandbassin, in dem das Meer der Bowle floß, auch ihnen der Humpen häufiger gefüllt werde. Ernste Männer traten von Zeit zu Zeit an den köstlichen Quell, prüften den Pegelstand des Inhalts und besprachen in geheimnisvollem Flüsterton die Zufuhr an Mosel- und Sektflaschen. Dann feierten die Humpen auf den Tischen, und es war dürre Zeit im Land, bis die Auserwählten geprüft und wieder geprüft hatten und sich der schweigende Ernst ihrer Mienen in die strahlend aufsteigende Sonne der Zufriedenheit wandelte.
Der Geist der Töne bedrängte heute viele im ›Malkasten‹. Von Viertelstunde zu Viertelstunde erhob sich ein neuer Sänger, begehrte stürmisch die allgemeine Aufmerksamkeit, lächelte und begann. Man sang Getragenes und man sang Kitzliges, letzteres aber, der guten Sitte wegen, im Düsseldorfer Dialekt; und man sang endlich im Chor aus den »hundert allerschönsten Volksliedern für einen Silbergroschen« manch ein artig Stückchen.
Springe amüsierte sich herrlich. »Jeder Kerl hier,« behauptete er, »ist ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Sein Genre könnt ihr am Singen erkennen. Der Landschafter singt urwüchsig, der Schlachtenmaler mit edlem Feuer, der biblische Historienmaler mit schönem nasalen Ton, der Genremaler mit neckischen Koloraturen, der Porträtist möglichst korrekt und der Tiermaler grunzt. Das gehört zum Metier.«
Sofort wurde am Tisch widersprochen. Nicht aus Gekränktheit, aus der bloßen Lust des Rheinländers am Opponieren. Und ehe drei gezählt werden konnte, lag das längst erwartete Thema, die alte und die neue Kunst, auf der Tischplatte wie ein Vivisektionstier, und jeder schnitt lustig mit seinem Messer darin herum.
Hans Steinherr hatte kaum ein Wort gesprochen. Er hörte auch nur mit halbem Ohre hin. Was ihm auffiel, war, daß er unter den Hunderten von Köpfen keinen einzigen zurechtgemachten Künstlerkopf fand, keine Samtjackengenialität, keinen Satanisten, keinen Melancholiker. Eher noch einen gemütlichen Biedermeier aus der Hasencleverzeit. Aber den meisten war ein festererbter, knorriger Zug zu eigen, der Vertrauen weckte und Vertrauen gab, trotz der Spottsucht um den Mund.
Das ist die Gesundheit, sagte sich Hans Steinherr; Ungesundes wird hier abgestoßen wie eine tote Zelle im Gewebe.
In dem Stimmengewirr am Tisch war das Wort »modern« gefallen. Und Heinrich Springes Stimme erscholl: »Also ’raus mit der Sprache! Haltet ihr mich für modern oder nicht?«
»Aber natürlich! Wenn Sie nicht, wen denn?«
»Soo? Das möcht’ ich mir denn doch ergebenst verbeten haben. Sie glauben wohl wunder was für eine Schmeichelei Sie mir gegenüber da losgeworden sind. Nee, meine Herren. Ich male meinen Stiebel nach meiner Art; wie, das ist Nebensache; mit welchen technischen und Anschauungsmitteln, das besagt nichts; die Hauptsache ist: ist das Bild gut?! Gut, meine Herren, gut! Da liegt der Hase im Pfeffer. Und ich sage Ihnen: das ist und bleibt der ideale Hase! Prost, ihr Herren!«
»Prosit! Prosit! Springe hoch! Springe soll eine Rede halten! Si—len—ti—um!!«
»Soll ich den Kerls mal den Kopf waschen?« fragte Heinrich Springe lachend Hans. Er hoffte heimlich, auch den Freund aus seiner Lethargie aufzurütteln, und er ließ sich bewegen und erhob sich. Er sprach nur für den dichtgefüllten, mächtigen runden Ecktisch, der jetzt auch von den Nebentischen belagert wurde.
»Ihr wißt,« begann er, »ich bin ein Feind jedes akademischen Zopfes; aber der schwache Mensch kann auch in das Extrem verfallen, und auch das mißbillige ich. Der Künstler, ob Anhänger der alten oder neuen Kunst, muß seine Ideale haben, das erst gibt seiner Kunst die Weihe. Das Wort ›Ideal‹ steht heute ziemlich tief im Kurs. Es ist nicht ›modern‹. Und damit ist ihm von den vielen, die da vorgeben, die beste Gesellschaft auf allen Gebieten des Lebens, der Künste, der Wissenschaften, mit einem Wort, der herrschenden Mode zu repräsentieren, der Stab gebrochen. Ideale! Was unserer Zeit mehr als je das Gepräge gibt, ist der unbändige Geschäftssinn, der nach allen Dingen des Tages seine Fühler streckt und als Ausgleich das leichte Amüsement für die mißhandelten Nerven beansprucht, wenn nicht eine besondere Sensation. Der ›Geschäftssinn‹, bewußt oder unbewußt, ist der Totschläger des Ideals. Unbewußt bei den vielen Tausenden, die blind den Hammelsprung als Herde mitmachen, aus Furcht, der ›Mode‹ nicht zu genügen. Bedauernswerte Menschen, denen ein neuer Gewandschneider mehr zu sagen hat als alle Weisheit einer großen Überlieferung.
Der Gewandschneider dominiert. Nicht allein in der Kleidung. Seine Doppelgänger bearbeiten das Gebiet der Kunst, des gesellschaftlichen Lebens; sie bestimmen das Niveau des Geisteslebens. Der Charlatanismus hat hohe Zeit und schießt üppig ins Kraut. Heute heißt es, um jeden Preis originell sein! Ist originell gleichbedeutend mit individuell, soll ihm Lob und Preis gesungen werden. An solchen Charakteren kann ein Volk nie wohlhabend genug sein, denn sie geben ihm den Stempel der Kraft und Ursprünglichkeit. Aber welch traurige Konterbande wird mit diesen Begriffen getrieben! Spekulative Köpfe haben einen billigen Ersatz gefunden. Um aus der Allgemeinheit emporzutauchen, wird irgend eine ›neue Richtung‹ ausgerufen, je kühner und extravaganter, desto besser. Schwarz wird für Weiß ausgegeben, eckig und kantig für allein bequem, unsinniges Gestammel für Offenbarung, Frivolität für den Gipfel des feinen Menschentums und der Tingeltangel für die letzte und schönste Blüte der dramatischen Kunst. Edle Dreistigkeit hat immer noch suggestiv gewirkt, zumal im lieben deutschen Vaterland.
Aber, ihr Herren, ohne die Pflege seiner altüberlieferten Ideale, an die sich harmonisch die neuen knüpfen, ist eine wurzelechte Entwicklung eines Volkslebens nicht denkbar. Und diese Pflege bedingt Tiefe des Gemüts und Ernst der Gesinnung, just die Erscheinungen, durch deren starkes Vorhandensein der Deutsche sich in allen Zeiten vor den Nationen auszeichnete, die seiner Gesamtheit den Namen des ›Volkes der Denker‹, meinetwegen selbst den des ›deutschen Schulmeisters‹ gaben, die das deutsche Volk aber kraft seiner seit den Altvordern angesammelten Schätze an Idealgütern befähigten, eintretenden Falls einen Enthusiasmus zu entwickeln, der wie im Befreiungsjahr 1813 elementar durch die Lande brauste, die Entäußerung alles Materiellen zu Gunsten des Ideals in Flammenschrift auf den Fahnen führend, ein Enthusiasmus, der in den Kriegsjahren 1864, 1866, 1870 und 71 aufs neue siegreich in die Erscheinung trat. Aller tüftelnder Geistreichtum, der heute so vielfach mit Worten und Dingen spielt, um die eigene Persönlichkeit modisch in griechisches Feuer zu setzen, erhält diesen hohen Sinn im Volkstum nimmer wach. Und aller Spott, alle Ironie, mit der man die tiefreichenden Volksanschauungen heute vielerorts in Literatur, den bildenden Künsten und dem Leben zu Gunsten eines Witzes lächerlich zu machen trachtet, wird den Parteigängern im letzten Grunde selbst zum Schaden gereichen.
Die Mode ist vergänglich, das Ideal unsterblich. Aber daß es nicht für eine ganze Zeitspanne verstümmelt und einer aufblühenden Generation entzogen werde, dafür, ihr Herren, ist ernstlich Sorge zu tragen. Die Ideale im Volksleben sind die Wurzeln eines kraftvoll vorwärtsstrebenden, in sich gefestigten Staatswesens. Sie sind die Stützen zur Macht. Sie schaffen den Glauben an eine große Vergangenheit und die Hoffnung auf eine große Zukunft. Nehmt einer Nation ihre Ideale, und ihr zeigt ihr den Weg zur Internationalität. Der Kunst aber liegt es vor allem ob, die Hüterin der Volksschätze zu sein, sie zu hegen und zu pflegen, damit sie einst in der Stunde, in der das Vaterland an die Ideale appelliert, nicht an ausschlaggebendem Wert eingebüßt haben. Und, ihr Herren, lassen Sie es mich an dieser Stelle aussprechen: das große Wort: ›Die Kunst ist international‹, hält vor der Sonne nicht stand, wollen wir nicht im gewissen Sinne zur Schablone übergehen. Es gibt so wenig eine internationale Kunst, wie es überhaupt eine internationale Kultur geben kann. Wie eine Kultur nur von nationalem Boden auszugehen vermag, soll sie nicht nach kurzem Überschwang an innerer Unhaltbarkeit jämmerlich zerfallen, so wird auch die Ausübung der Kunst und ihr innerstes Wesen stets von der Rasse abhängig sein. Eine deutsche Seele muß unsere Kunst in sich tragen, und sie muß in den Werken unserer Künstler zum sieghaften Ausdruck gelangen, soll sie frei und individuell neben der ausländischen bestehen und dermaleinst in der Kunstgeschichte als Epoche bezeichnet werden. Daran laßt uns in Düsseldorf festhalten, und wir werden die Düsseldorfer Kunst wieder an der Spitze marschieren sehen trotz aller französierender Mantelträger da draußen. Ihr Herren! In diesem Sinne trinke ich auf die Stadt Düsseldorf!«
Das war Heinrich von Springes Maienrede.
Er hob seinen Bowlenhumpen und trank ihn bis zur Nagelprobe aus.
Und die Alten und die Jungen drängten sich um ihn herum. Man stieß mit ihm an, man schüttelte ihm die Hand, man sprach auf ihn ein und klopfte ihm auf die Schulter. Doch als er sich nach Hans Steinherr umwandte, sah er gerade noch, wie dieser still den Saal verließ.
Da stellte auch Springe sein Glas hin, holte seinen Hut aus der Garderobe, und als er auf der Straße stand und den Freund zwischen den Bäumen des Hofgartens verschwinden sah, folgte er ihm aus der Ferne. —
Hans Steinherr gedachte einen Abschiedsgang zu tun.
Während er den einstigen Mentor im ›Malkasten‹ reden hörte und alle Glocken des Lebens um ihn läuteten, fühlte er sich einsamer und überflüssiger denn je. Seine Ideale lagen zertrümmert, und dem Menschenkind, das allein ihm hätte aufbauen helfen können, hatte er einst selbst die Wege gewiesen.
Schluß der Tragikomödie! tönte es in ihm — Vorhang nieder, bevor du an Altersschwäche eingehst! Sei ein Mann!
Und während um ihn herum das lachende Leben mächtiger erbrauste, hatte Hans Steinherr ruhig und schweigend seinen Tod beschlossen.
Der volle Mond stand über dem Hofgarten, den Steinherr langsam durchwanderte. Wie Silber rieselte es an den grünen Zweigen und Stämmen herab. Die ganze Landschaft lag in Silber und Grün. Links ihm zur Seite murmelte der glitzernde Düsselbach, und durch das frühlingsprangende Gebüsch blinkten die weißen Teiche, auf denen träumende Schwäne stille Bahnen zogen. Der Zauber der Romantik lag ausgebreitet über dem Kleinod des Niederrheins.
Und weiter wanderte er, bis er durch die Nacht die Wogen des Rheinstroms klingen hörte und die rastlos drängenden Wassermassen sah. Er schaute den Strom hinab und hinauf, und wieder hinauf und hinab. Mit einem langen, dankbaren Blick. Dann wandte er sich zur Stadt zurück und schritt, am Hohenzollernschloß, dem Jägerhof, vorbei, die Pempelforterstraße entlang.
Da lag das kleine, baufällige Haus, in dem Hannes ihre Jugend verbracht hatte, in dem er das junge, sonst so trotzige Geschöpf zum ersten Male in seiner süßen Weichheit unter Rosen gesehen hatte. Unter seinen Rosen. Er entsann sich ganz genau, wie er die Blumen selbst am frühen Morgen im Garten abgeschnitten hatte. Die Rosen aber, die sie jetzt schmückten, waren nicht mehr die seinen, und das alte Haus wurde nun abgerissen.
Er konnte nicht anders, er nahm den Hut ab, wie zum Gebet. Seine Augen lagen tief eingesunken und erloschen in ihren Höhlen.
Als er sich endlich losriß, sah er einen Menschen neben sich stehen.
Es war Springe.
Wortlos standen sich die beiden Männer gegenüber. Dann nahm der Ältere sanft den Arm des Jüngeren.
»Komm nach Hause, Hans!«
»Ich bin auf dem Wege.«
»War der Umweg so dringend nötig?«
»Ja, Alter, er war nötig.«
»Hans,« sagte der andere und faßte ihn unwillkürlich fester am Arm, »du hast mir noch nie so schlecht gefallen wie in dieser Mondbeleuchtung.«
»Das wird sich bis morgen geändert haben.«
»Rede nicht so delphisch. Ohne Grund hast du nicht gerade diese Route zum Nachhausegehen gewählt. Du führst etwas im Sinne. Das — das sah vorhin einem Abschiednehmen ganz verteufelt ähnlich. Hans! Sei offen gegen mich. Du willst uns verlassen, dich treibt es wieder fort ...«
»Und wenn es so wäre. Wir hätten alle Ruhe.«
»Ruhe —? Du, schau mich einmal an. Ganz frei, ganz ohne Rückhalt, so, wie du als Junge konntest —«
Und plötzlich durchfuhr es den Mann. Er hatte in diesem stillen, lächelnden Blick etwas gelesen. Er glaubte sich zu täuschen. Er faßte den seltsam ruhigen Freund bei den Schultern und starrte ihm in das weiße Gesicht. Es war kein Zweifel mehr, er hatte Klarheit.
»Hans,« brachte er mühsam hervor, »Hans, das darfst du nicht. So weit sind wir, bei Gott, noch lange nicht! In acht, in vierzehn Tagen bist du gesund, ich garantier’ es dir. Aber das darfst du nicht!«
»Was ist denn Großes dabei — bei einer Reise!«
»Lüge nicht, Hans! Du kommst nicht wieder, wenn du reisest; du — du willst dich töten ...«
Das Wort war gesprochen, und atemlos wartete Springe auf ein Echo.
»Lieber Heinrich,« sagte Hans Steinherr ernst, »so lieb ich dich habe: in meine letzten Entschlüsse einzudringen oder gar einzugreifen, dazu gebe ich niemand das Recht. Auch dir nicht.«
Heinrich Springe nahm sein Herz in beide Hände. Er zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe, zur kühlen Überlegung. Hier war nur Kaltblütigkeit am Platz.
»Hans,« sagte er, »ich sehe, du entziehst mir dein Vertrauen, obwohl ich nun genug weiß. Aber was hilft mir das Wissen! Über dein Leben habe ich nicht zu verfügen, und wollte ich es doch tun, so würd’st du schon Mittel und Wege genug finden, um dein Vorhaben auszuführen. Nur einen Aufschub verlang’ ich.«
»Dies ist die letzte Nacht.«
»Wann hast du es beschlossen?«
»Vor einer Stunde.«
»Vor einer Stunde erst? Und jetzt schon —? Hans, so stehlen sich Kassendefraudanten aus dem Leben oder unreife Knaben. Nicht Männer, die da wissen, daß sie eine Mutter und Freunde zurücklassen. Du wirst noch eine Nacht darüber hingehen lassen, du wirst den Mut bekunden, am hellen, lichten Tag deinem Vorhaben ins Auge zu sehen. Du wirst dich zur Ruhe legen, und wenn du morgen früh ausstehst und du sagst mir: Es bleibt dabei — so will ich gehen und dich nicht mehr hindern. Daraus gebe ich dir mein Ehrenwort, mein heiliges, nie gebrochenes Wort.«
»Es ist zwecklos, aber ich will dir den Wunsch erfüllen. Komm mit! Du kannst mich sogar überwachen.«
Schweigend schritten sie durch die mondbeglänzte Frühlingsnacht, die tausendfältig das Leben gebar.

Zehntes Kapitel
»Was wünschest du, das geschieht?« fragte Hans Steinherr wie ein freundlicher Wirt, als sie in seinem Hause an der gartenbekränzten Grafenbergerchaussee angelangt waren und Heinrich Springe rastlos durch das Zimmer wanderte.
Der Angeredete unterbrach seinen Gang.
»Hans —!« sagte er, und er legte alle Liebe und alle Innigkeit in den Ton. Er ging auf ihn zu, faßte seine Hände und suchte seinen Blick. »Hans — —!«
Der aber schüttelte stumm verneinend den Kopf.
»Hans,« fuhr Springe eindringlicher fort, »du kannst es ja nicht wollen. Du hast ja vergessen, an deine Mutter zu denken. Ich will von niemand sonst reden. Nur von deiner Mutter ...«
»Meine Mutter,« sagte Hans Steinherr und sah zur Seite, »meine Mutter ist durch das Glück geschützt. Der Verlust, der sie trifft, wird an ihrem Reichtum nichts ändern.«
Er holte tief Atem. Dann fand er ein ruhiges und entschlossenes Wort: »Heinrich, mache keinen weiteren Versuch. Laß mich nicht bereuen, daß ich dich nicht auf der Stelle abgewiesen habe. Ich versprach dir, die nüchterne Überlegung am Morgen abzuwarten, obschon sie nicht nüchterner ausfallen kann. Mehr kann ich nicht und mehr will ich nicht. Das — ist mein letztes Wort.«
»Hans — —!«
Aber als der Freund sich abwandte, müde der Erwiderungen, ließ Springe von jedem Überredungsversuch ab, trat hinter ihn und legte schonungsvoll den Arm um ihn.
»Komm, ich bringe dich in dein Zimmer. Du sollst jetzt ruhig schlafen.«
Hans Steinherr lächelte leise über die sorglichen Bemühungen, aber er ließ sie geschehen.
Sie gingen die Treppen hinauf, in das obere Stockwerk, in dem das Schlafzimmer lag. Dort ließ sich Hans schweigend auf das Ruhebett fallen.
»Laß die Lampe brennen, Hans. Licht ist gut gegen einsame Gedanken. Und ich möchte von Zeit zu Zeit nachsehen kommen, ob du eingeschlafen bist oder den Wunsch hast, mich zu sprechen. Gute Nacht, Hans; ich wünsche dir mit aller Bedeutung eine gute Nacht!«
Unten im Hausflur blieb er stehen und horchte angespannt. Dann stieg er schnell ins Souterrain hinab und klopfte behutsam an der Tür der Wirtschafterin. Die Alte hatte den leichten Schlaf des Alters. Sie erwachte sofort und fragte, ob der Herr Doktor noch ein Verlangen habe.
»Bitte, Frau Schmitz, stehen Sie gleich auf! Ich bin’s, Heinrich von Springe. Sie müssen mir eine Gefälligkeit erweisen.«
In wenigen Minuten hatte die erschrockene Person ihre Kleider übergeworfen. Springe beruhigte sie.
»Es ist nichts. Herr Hans fühlt sich nicht ganz wohl. Aber ich möchte doch auf alle Fälle mit Fräulein Stahl sprechen. Gehen Sie doch bitte sofort zur Immermannstraße — die Dienstmädchen machen leicht eine übertriebene Geschichte daraus — und ersuchen Sie Fräulein Stahl in meinem Namen, sich gleich herzubemühen. Das Fräulein versprach mir, aufzubleiben, bis ich aus dem ›Malkasten‹ zurück sei. Wir wollten noch plaudern.«
»Soll ich nicht,« fragte die alte Frau ängstlich, »gleich einen Doktor mitbringen?«
»Das wird hoffentlich nicht von nöten sein. Eilen Sie nur!«
Er sah ihr vom offenen Fenster aus nach, wie sie in ihrem großen Umschlagetuch eilig die Straße dahintrippelte.
Eine qualvoll lange Stunde begann für den Mann am Fenster. Er zog die Uhr. Es war eins. Vor zwei Uhr konnte Hannes nicht eintreffen. Und wenn sie nicht aufgeblieben, wenn sie schon zur Ruhe gegangen war? Aber nein, sie hatte ja am Abend erst versprochen, zu warten. Es drängte sie ja viel zu sehr, zu hören, ob der heitere Abend günstig auf Hans eingewirkt habe. Sie wollten ja noch Pläne miteinander schmieden, allein, ohne von den anderen gestört zu werden.
Hannes würde kommen; Hannes würde ganz bestimmt kommen!
Fern, aus einem der Gärten, tönten die langgezogenen Koloraturen einer Nachtigall. Sobald ihr Ruf in einem Triller erstarb, antwortete eine andere. Hin und her ging das Spiel, im Lauschen und im Schwelgen.
Aber Springe hatte heute keinen Sinn für den Wohllaut der Nacht. Als er sich dennoch beim Horchen ertappte, riß er sich ärgerlich los. Das Tirilieren zog ihn ab. Er hatte sein Gehör einer anderen Richtung zu schenken.
Das Viertelstundenschlagen der Turmuhren erschien ihm endlos. Er tastete nach seiner Zigarrentasche. Aber jetzt zu rauchen, kam ihm wie ein Verbrechen vor. Er verspürte auch nicht die geringste Lust.
Eben hatte es dreiviertel zwei geschlagen, und seine Nervosität war gestiegen, daß er die Zähne zusammenbeißen und die Fingernägel in das Fensterbrett einkratzen mußte. Herrgott, das ging ja über Menschenkräfte. Das war ja wie eine Nacht vor dem Schafott. Schlimmer, schlimmer. Da oben lag ein Mensch, den Tod vor Augen, und er stand hier unten, tatenlos, wie ein Publikum. Er fühlte, wie auf seiner Stirn große, kalte Tropfen standen. Und da draußen dieses schwelgende Nachtigallenkonzert, als gäbe es jetzt auf der weiten Welt nichts Dringenderes zu tun, als Liebeslieder zu singen ...
Ein Schritt! Ein ganz hastiger Schritt! — —?
So weit, als er es vermochte, beugte sich Springe aus dem Fenster, um die Straße zu übersehen.
Da! Das Mondlicht schuf taghelle Beleuchtung. Eine Frau! Eine Frau im Umschlagetuch ...! Heiliger Vater im Himmel, die Frau kam allein zurück!
Er stürzte nach der Haustür, er öffnete —
Es war Hannes.
Der Umschwung seiner Empfindungen war so stark, daß er sich einen Atemzug lang gegen die Tür lehnen mußte — daß das Mädchen in jäher Angst nach seinen Armen griff — daß sie Entsetzliches befürchtete —
»Nein, nein!« stieß er hervor. »Es kam nur — ich dachte — Frau Schmitz käme allein. Ich sah nur das große Umschlagetuch. Wenn man in der Nacht wartet, spielt die Phantasie Streiche. Mädel, Mädel, Gott Dank, daß du da bist!«
Er drückte geräuschlos die Tür ins Schloß und führte das Mädchen vorsichtig ins Zimmer.
»Du warst noch auf, als die Frau kam? Hat keiner etwas gehört?«
»Ich stand am Fenster, Onkel, und öffnete ihr, ohne daß sie zu läuten brauchte. Als sie mir deine Bestellung ausgerichtet hatte, nahm ich gleich ihr Umschlagetuch, ohne erst den Hut zu holen, bat die Frau, an meiner Stelle dort zu bleiben, für den Fall, daß Großmutter zufällig aufstehen und nach mir sehen sollte, und hastete hierher. Aber so sprich doch um Gottes willen, was ist? Was ist mit Hans?«
Und in fliegender Eile berichtete er ihr die Vorgänge des Abends.
»Was ich auch vorbrachte, Hannes, alles war vergebens. Er war fertig mit sich. Er hatte Abschluß gemacht. Das einzige, was ich in meiner Todesangst erzielte, war der Aufschub bis zum Morgen. Und bis dahin ist nicht mehr weit.«
Hannes stand blaß vor ihm, aber sie stand aufrecht. Die großen, tiefen Augen weit geöffnet, ging ihr Blick an ihm vorbei.
»Nein, Onkel Springe, so spät ist es noch nicht.«
»Ich wußte mir keinen anderen Rat als dich.«
»Ich danke dir, Onkel Springe, Hat er von mir noch gesprochen?«
»Nein, Kind. Aber das beweist nichts. Viel eher ...«
»Onkel Springe,« sagte sie, bevor er vollenden konnte, »ich muß sofort zu ihm.«
»Ich hatte das erwartet,« murmelte Springe, »aber es mußte von dir ausgehen.«
»Willst du mich hinbringen? Wo ist er jetzt?«
»Ich habe ihn dazu bewogen, sich zur Ruhe zu legen. In seinem Schlafzimmer.«
Aus den letzten Worten hörte sie die zögernde Frage heraus. Da sah sie ihn ernst an.
»Wie kann mich das hindern! Komm, Onkel Springe. Und dann, nicht wahr, dann läßt du mich allein.«
In Springes Brust stieg eine breite Atemwelle auf. Er antwortete nichts als: »Ich wußte es ja, ich wußte es ja. In dir täuscht man sich nicht.«
Dann ging er ihr voran in das obere Stockwerk und öffnete leise die Tür zu Hans’ Zimmer.
Hans Steinherr lag auf dem Ruhebett, ganz still, das Gesicht der Wand zugekehrt.
»Bist du es, Heinrich?« fragte er und wendete ein wenig den Kopf.
Hannes hatte die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt. Jetzt, allein mit ihm, schlug ihr das Herz so rasend, daß ihr schwindelte. Aber sie bezwang sich mit aller Tapferkeit, trat rasch an ihn heran, beugte sich über ihn, und bevor er einen Schrei der Überraschung auszustoßen vermochte, hatte sie ihre Lippen fest auf seinen Mund gepreßt, als müßte es so sein — —.
»Hans, mein alter, lieber Hans! Nun sage mir, was dir fehlt.«
Hans Steinherr versuchte zu sprechen. Er rang nach Klarheit, nach Bewußtsein. Mit entsetzten Augen starrte er die Erscheinung an, von der er nicht wußte, wie sie zu dieser Stunde in dieses Zimmer kam. Und sie strich mit ganz weicher Hand über diese wilden Augen und sagte nur immer: »Mein alter, lieber Hans ...«
Noch einmal versuchte er, die Lippen zu bewegen. Aber es kam kein Ton. Sie sah nur, wie seine Schultern schütterten, und sie hinderte ihn nicht. Vielleicht, daß er weinte — —. Nur mit zärtlichen Fingern strich sie über sein Haar und wiederholte von Zeit zu Zeit: »Alter, lieber Hans! Glaubtest du denn wirklich, daß ich dich so gehen lassen würde? Einfach gehen lassen?«
Dann wurde er allmählich stiller, und sie saß bei ihm und wartete geduldig, bis er reden würde. Ihre weichen, warmen Hände, die jetzt auf seiner Stirn lagen, zeigten ihm, daß sie wartete.
»Was nun?« stammelte er, »was denn nun? Das — das habt ihr ja glücklich zu stande gebracht. Nun kann ich es doch nicht mehr tun — —«
»Wenn du es getan hättest, Hans, und ich hätte es erst morgen früh erfahren, ich hätte dich doch nicht allein gelassen.«
Er sah sie verständnislos an. Seine Gedanken sprangen noch immer im Zickzack durch seinen Kopf.
»Darauf bist du nicht selbst gekommen, Hans? Daß ich abgereist wäre, um die lieben Menschen hier nicht so arg zu treffen, und dir an irgend einem Winkel der Welt — nachgefolgt wäre?«
»Hannes, Hannes!« brachte er hervor, »wie kannst du das aussprechen — —«
»Wundert dich das? Das solltest du dir nicht gedacht haben, und wußtest doch, daß ich dich liebte?«
»Nein, nein!« rief er. »Das habe ich nicht gewußt. Das wäre ja Wahnsinn gewesen.«
»Was es ist,« sagte sie und lächelte vor sich hin, »das kann ich dir nicht sagen. Denn ich weiß ja nur das eine: daß ich dich lieb habe; so lieb, wie nur je im Leben; wie damals, als wir Kinder waren, und noch viel lieber.«
»Quäl’ mich nicht! Quäl’ mich nicht so!«
Da nahm sie hastig seinen Kopf und drückte ihn gegen ihre Brust. »Ruhig,« beschwichtigte sie mit ihrer tiefen, klingenden Stimme, »ruhig, ganz ruhig. Es ist so, und nun hast du es mir zu glauben.«
Er regte sich nicht. Er lag wie im Arm einer Mutter. Wie unendlich wohl das tat — —
Und nach einer Weile sagte sie: »Du darfst nur sprechen, wenn du vernünftig bist.«
»Ich bin’s.«
»Nur, wenn du etwas Vernünftiges zu sagen hast.«
»Hannes, Hannes, du bist so lieb, so — so — und es ist doch alles nutzlos.«
»Magst du mich so wenig leiden, Hans? Trotzdem ich mich dir aufdränge?«
»Du kannst scherzen,« sagte er tonlos. Aber als sie eine Bewegung machte, drückte er den Kopf fester gegen ihre Brust und schlang scheu den Arm um ihren Hals.
Sie hielt ganz still. Das war der Knabe — — der Knabe von ehemals.
»Hannes, es ist nichts aus mir geworden. Ich bin nichts und ich werde nichts. Hingegen du — du hast alles erreicht. Das sind doch keine Gleichheiten, die zueinander passen.«
»Dein Talent ist zehnmal größer und wichtiger als meins. «
»Mein Talent? Ich habe keins. Ich hab’s in der Fabrik draußen kläglich erproben können.«
»Wer spricht denn von der Fabrik?«
»Von der Fabrik nicht?«
Er ließ sie los und schaute sie staunend an.
»Ja, wenn nicht von der Fabrik, von was denn in aller Welt?«
»Hältst du mich für so dumm, mein dummer Hans? Meinst du denn, ich hätte deine Gedichte und deine kunsthistorischen Aufsätze nicht in den Zeitschriften gelesen? Oder traust du mir so gar kein Verständnis zu?«
Er lachte laut auf. »Meine Gedichte! Meine Aufsätze! Ein nettes, wirres Zeug — —«
»O ja,« sagte sie, ohne die Ironie zu beachten, »ein bißchen wild ging es ja manchmal darin zu. Aber das lag nicht an deinem Kunstvermögen, das lag an dir armem, liebem Kerl selbst. Dir fehlte die Sammlung. Man muß ein Ziel haben, um unbeirrt marschieren zu können.«
Und als sie sah, daß wieder der sarkastische Zug um seinen Mund auftauchen wollte, fügte sie mit ganz leiser, ganz durchsichtiger Schelmerei hinzu: »Wie kann man Sammlung haben, wenn man nicht einmal eine Frau hat!«
»Hannes!« rief er, von dem alten Heimatston gepackt, »Hannes!«
»Aha, das siehst du ein. Das ist der erste Schritt zur Besserung. Und da ich nun doch einmal dabei bin, mich dir auf die schönste Weise anzutragen, so merk dir noch, daß ich schon ganz tüchtig verdiene, und daß du, als der Mann, mich unbedingt überholen mußt.«
Da lachte er nur auf.
Aber nun gab sie nicht mehr nach und kniete an seiner Seite, als wollte sie sich ganz klein machen.
»Hans, Hans, heraus mit dem Ehrgeiz! Ich habe allezeit zu dir aufgeschaut! Du bist ja so reich an Wissen und Können, daß du deine Schätze gar nicht einmal überblicken kannst, wenn du erst anfängst, mit deinem Pfund zu wuchern! Und höre einmal: Ich hab’ eine große Furcht. Eine gewaltige Furcht wegen meines großen Einkommens. Wahrhaftig, Hans. Ich fürchte — ich fürchte — ach, Hans, ich werde einmal entsetzlich faul werden. Und wenn du mich lieb hast, wirst du dir das selber zuzuschreiben haben.«
Und wieder hatte der frische Heimatston des rheinischen Mädchens gesiegt.
»Hannes, das geb’ ich nicht zu. Auf keinen Fall! Die Kunst ist etwas Heiliges, der wird man nicht untreu.«
»So geh mir mit gutem Beispiel voran!«
»Nein, du mir!«
»Ich habe zuerst drum gebeten. Sei nicht geizig!«
»Aber ich weiß ja nicht einmal, wie und wo ich es anfassen soll.«
»Hans, das sagt ein Düsseldorfer? Hier, deine, unsere Vaterstadt wartet. Hier ist Terrain. Hier werden Männer benötigt, die für die alte und jung aufblühende Düsseldorfer Kunst eine Klinge zu schlagen wissen. Gegen den Zopf bei uns selber und gegen die Hämlinge da draußen! Wie? Hab’ ich das nicht schön gesagt? Hans, hier gibt’s Arbeit. Und wenn du mit ihr noch nicht auskommst, widme dich dem öffentlichen Leben. Ach, Hans, und wenn dich der Ehrgeiz plagt, kannst du noch einmal beigeordneter Bürgermeister für das Kunstdepartement der guten Stadt Düsseldorf werden. Hans, sind das nicht Aussichten?«
Und sie lachte ihr klingendes, glückseliges Lachen, das ansteckend auf den staunenden Horcher wirkte, der mit leuchtenden Augen jedem ihrer Worte gefolgt war.
»Hans, gib acht, wenn die Sammlung kommt! Wenn du erst deine Kräfte in Kopf, Herz und Faust zusammen hast! Wie dann der Dichter sich melden wird, der die Stimmen in sich und um sich her sammelt. O, ich bin ja so froh, daß du kein Wunderkind geworden bist, kein Überflieger ohne Wurzelland. Ein Baum muß wachsen in Sturm und Wetter.«
Sie hatte den Kopf an den seinen geschmiegt, und plötzlich begann sie leise eine Verszeile aus »Ännchen von Tharau« zu singen.
»Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt — —«
Da konnte er sich nicht mehr enthalten. Da schlang er die Arme um sie und küßte sie auf die Lippen, auf die Augen, auf das schimmernde, rotblonde Haar. Als ein Gesunder! Als ein Mensch, der nach dem Leben verlangt, nach dem fröhlichen Kampf und dem segenschweren Sieg.
»Hannes, alter, kleiner Hannes! Liebste, ach du Aller-Allerliebste! Jetzt lass’ ich dich nicht mehr los.«
»Ich hab’ dich nie losgelassen, Hans.« — —
Sie hörten ihre Herzen schlagen. Das war ein Gleichklang.
Und mit einem Male, in der neuen Gesundheit seines Empfindens, wurde sich Hans Steinherr der Situation bewußt.
»Mädel, Mädel, wo bist du denn hingeraten? Das ist ja mein Schlafzimmer — —«
»Herr Gott!« schrie sie auf und wich bis an die Wand zurück.
»Hans,« sagte sie dumpf, aber in ihrer Stimme vibrierte der Schalk und das Glück, »du hast mich fürchterlich kompromittiert.«
»Aber du warst ja als Krankenschwester bei mir.«
»Der Kranke ist kerngesund. Ich hab’ die Beweise. Kannst du das leugnen?«
»Nein, ich kann es nicht leugnen.«
»Du hast mich also kompromittiert, und du wirst wissen, was ein Ehrenmann zu tun hat.«
»Hannes!« flehte er.
»Ja oder nein?«
»Wenn es denn nicht anders ist —: Ja!«
»O, bitte: das genügt mir nicht. Deutlicher, klarer, Herr Doktor Steinherr!«
»Hannes, ich seh’ es ein, ich muß dich heiraten.«
Da flog sie wie der Wind heran und umhalste ihn wie ein glückliches Kind. »Hans, mein alter, lieber Hans!«
»O du alter, kleiner Hannes!«
»Weißt du, wir könnten die beiden Namen in einen fassen.«
»Wir sind ja eins und sind es immer gewesen.«
Und sie plauderten und schwatzten wie die Kinder von den Erinnerungen, und das dritte Wort war: »Weißt du noch?«
»Weißt du noch,« fragte Hannes, »als wir im Regen durch den Hofgarten liefen und ich es nicht wollte, daß du mir auf die Füße sahst, wenn ich über die Pfützen springen mußte, und du dann riefst: Ach, in ein paar Jahren bist du ja doch meine Frau?! Und heute bin ich zu dir gekommen, weil ich es mußte, und weißt du, was ich jetzt rufe?: Ach, in ein paar Wochen bist du ja doch mein Mann! Kuß! So, und jetzt müssen wir zu Onkel Springe.«
Aber sie hielt ihn noch einmal an der Tür zurück. Mit einem lieben, ernsten Zug im Gesicht.
»Hans, du darfst mich nicht falsch verstehen. Meine Liebe soll dir nie eine Last sein, sie soll dir — meine Liebe sein. Du hast als Künstler die Welt nötig. Du mußt sogar die Welt nötig haben, wenn du immer ein Wahrheitsschilderer bleiben willst. Und du wirst überall die Schönheit suchen, und manch eine Frau wirst du schön und interessant finden. Hans, ich werde nie eifersüchtig sein. Meine Liebe steht so felsenfest, daß ich weiß: ich werde der Hafen sein, zu dem er nach jeder Ausfahrt freudig und mit überlegenem Lächeln zurückkehrt. Das, Hans, das war’s, was ich dir noch sagen wollte.«
Er hielt ihre Hände fest und war keines Wortes mächtig.
Dann gingen sie, Hand in Hand. Sein Schritt war fest und schnell. Ein aufrechtes Mannestum war in ihm und eine Heiterkeit, die nach frischer Lebenstat Ausschau hält, den Dank für das Leben zu bekunden. — —
Heinrich von Springe war, nachdem er Hannes in Hans Steinherrs Zimmer hatte eintreten lassen, sofort umgekehrt. Zuerst hatte er seine Wanderung durch das Parterrezimmer wieder aufgenommen, dann war er lange auf einem Fleck stehen geblieben, um seiner Erregung Herr zu werden, und die abenteuerlichsten Pläne waren ihm durch den Kopf gegangen, für den Fall, daß das Mädchen unverrichteter Sache zurückkehren würde. Als aber Viertelstunde auf Viertelstunde verstrich, ohne daß das Mädchen wieder aufgetaucht wäre, löste sich die lastende Spannung in ein verblüfftes Staunen, und das Staunen endlich in ein breites Behagen — —.
Es schlug drei Uhr. Da tastete er wieder einmal nach seiner Rocktasche, und diesmal brachte er schmunzelnd sein Etui hervor und zündete sich mit der Miene eines Mannes, der einen Genuß zu würdigen versteht, eine große Zigarre an.
Dann legte er sich in das offene Fenster, so bequem es ihm möglich schien, und beobachtete den heraufziehenden Frühlingsmorgen.
Noch immer schlug im fernen Garten eine Nachtigall, und ihr lockender Ruf ließ eine zweite antworten. Aber Dialog und Duett irritierten ihn nicht mehr. Ja, wenn ihm eine Pause in musikalischer Beziehung zu lang ausgesponnen vorkam, nahm er seine Zigarre aus dem Mund und ahmte leise den Lockruf nach.
»Tü — — Türülü — — —«