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Die vom Niederrhein

Zweites Buch (continued 2)

Reading edition

Frau Bettina blieb ruhig sitzen, und der Prinz verhielt sich nach ihrem Vorbild ebenfalls reserviert.

Hans Steinherr trat ein. Seine Augen blitzten in der Erwartung eines lachenden, überraschten Willkommens. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten daheim, der vergangene Abend mit seiner verweinten Seligkeit und den rätselhaften, springenden Gefühlsstimmungen lastete ihm auf der Seele. Wenigstens sehen wollte er Bettina und ihr den Beweis liefern, daß er ihretwegen selbst die langweiligste Gesellschaft gern ertrüge.

Mit lässiger Handbewegung stellte Bettina vor.

»Herr Doktor Steinherr — Seine Hoheit Prinz Georg.«

Der Prinz machte eine höfliche Verbeugung und nahm seinen Platz wieder ein. Hans Steinherr stand noch immer. Vergaß man vor der hohen Ehre, einem Prinzen von Geblüt das Gastrecht zu erweisen, ihm, der sich als Herr der Gastgeberin dünkte, einen Stuhl anzubieten?

»Was führt Sie her, lieber Herr Doktor? Ein neuer literarischer Plan? — Ich bin nämlich die Egeria dieses großen Dichters und bilde mir nicht wenig darauf ein,« wandte sie sich lächelnd an den Prinzen. »Hoheit haben allen Grund, auf der Stelle eifersüchtig zu werden.«

Hans Steinherr trat einen Schritt näher. Mit festem, zwingendem Blick sah er Bettina an, und auf seiner bleichen Stirn trat eine schwere, dunkle Ader hervor.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor,« sagte die schöne Frau hastig, »daß ich Sie nicht zum Niedersitzen einlade. Aber ich mußte, so schwer es mir wurde und entgegen allem Gastrecht, Hoheit bereits meinen leidenden Zustand erklären und ihn bitten, seinen Besuch morgen zu meinem Mittwochabend zu wiederholen. In meinem Schlafzimmer wartet das Migräninpulver, meine Herren.«

Der Prinz verstand und erhob sich sofort. »Möge Ihnen eine angenehme Ruhe und ein heiteres Erwachen beschieden sein, meine Gnädige,« und er küßte ihr, abschiednehmend, die Hand, dicht unter dem Verlobungsring.

Sie bemerkte seine Galanterie und gab es ihm durch einen leisen Druck der Fingerspitzen zu verstehen.

»Gute Nacht, Herr Doktor, auf morgen also! Ich rechne bestimmt auf Sie. Weil Sie heute zu kurz gekommen sind, dürfen Sie morgen eine Stunde früher erscheinen.«

Hans Steinherr verbeugte sich kalt. Er war überhaupt nicht zum Reden zugelassen worden.

Auf der Straße zogen die Herren die Hüte. Der Prinz winkte eine Droschke heran und ließ sich zu einem Theater fahren. Für den Klub, in dem er einst Stammgast gewesen war, war es ihm noch zu früh. Hans Steinherr wanderte planlos weiter.

Was war das? dachte er immer wieder, was war das? Das war doch eine Komödie, eine ganz richtige Komödie! Oder — auch früher schon? — Wie? Was? — Er fühlte sich total überrumpelt. Er fand sich nicht zurecht. Wofür hatte sie sich so geschmückt? Das fiel ihm nachträglich ein. Dann versagte das Gehirn den Dienst, und es war ihm so sonderbar angenehm, nicht mehr denken zu können. Nur der frivole Heinesche Vers zog ihm kreuz und quer durch den Sinn, und er konnte ihn nicht abschütteln:

»Um sechse des Morgens ward er gehenkt, Sie aber schon um achte Trank roten Wein und lachte.«

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Viertes Kapitel

Hans Steinherr war zu einem Entschluß gekommen. Als er am Spätnachmittag des nächsten Tages den Frack anzog, wußte er, daß der Abend die Entscheidung bringen müsse. Heute noch würde seine Verlobung mit Frau Bettina erklärt werden, oder — er machte mit Fassung seine Abschiedsverbeugung. Auf seinem Schreibtisch prangte eine große Photographie Bettinas. Sie zeigte den von der dunklen Haarwelle gekrönten Kopf im Profil, die klassischen Schultern und den weißen, schlanken Nacken, der von mattfarbener Seide wirksam umsäumt war. Er sah das Bild prüfend, finster an; wie einen Gegner, mit dem er heute noch die Klinge kreuzen müsse.

»Schöne Frau,« sagte er, »jetzt gilt’s. Zeig, daß du Seele hast, oder du bist verloren.«

Dann drehte er das Bild herum.

»Erst die Berechtigung nachweisen, daß du hier stehst, sonst könnte ich ja das Zimmer mit Bildern tapezieren.«

Eine Röte stieg ihm in die Schläfen.

Was für unwürdigen Zweifeln gab er Raum! Er verstand sich nicht, daß er von der Frau, mit der er im Begriff stand, seinen Namen zu teilen, auch nur vorübergehend anders denken konnte als in der höchsten Wertbemessung. Sie hatte Kapricen. Welche Frau von Welt hatte die nicht! War er doch selbst in diesem Winter nervös geworden und hatte sich doch Jahre hindurch in kalter Selbstüberwindung geübt.

Draußen auf dem Korridor wurden Stimmen laut. Es wurde nach ihm gefragt, und die Wirtschafterin gab Auskunft. Da vergaß er, das Bild wieder umzudrehen und wandte sich nach der Hausbesorgerin, die eingetreten war.

»Ein Herr möchte Sie sprechen, Herr Doktor. Er sagt, er wär’ ein Landsmann.«

»Wie heißt der Herr? — Sie wissen es nicht? — Nein, Sie brauchen nicht zum zweiten Male zu fragen. Lassen Sie den Herrn eintreten.«

Gespannt blickte er nach der Tür. Sonderbar, daß sich just in diesem Augenblick die Heimat melden mußte.

»Guten Tag, Steinherr; ’n Tag, ’n Tag! Jesses, Jüngsken, dich hätt’ ich bereits nich widdererkannt. Süch ens, wer da vor dir steht? Donnerlütsch, er hat kein’ Ahnung mehr vom Willibald Hüsgen am Wehrhahn.«

»Hüsgen —?« fragte Steinherr überrascht. »Wahrhaftig, an dich hätt’ ich zuletzt gedacht. Nichts für ungut. Es freut mich doch, daß du mich aufgesucht hast. Sei willkommen!«

»Na, wenn et dich nur freut,« meinte der Gast und schüttelte die dargebotene Hand, »dat is die Hauptsach’.«

»Nimm Platz, ich steh’ zwar, wie du an meinem Frack siehst, auf dem Sprunge, auszugehen, aber auf ein paar Minuten langt’s immer noch. Du besuchst mich dann in den nächsten Tagen wieder.«

»Och, Steinherr, laß doch heut die Gesellschaft schießen. Ich hatt’ grad Lust, mit dir so’n bißchen ’rumzukneipen.«

»Das läßt sich heute leider nicht machen,« versetzte Steinherr höflich. »Ich habe sogar fest zugesagt, schon vor dem Beginn der Abendgesellschaft zu erscheinen.«

Willibald Hüsgen überlegte. Er hatte sich einen schönen Rubensbart wachsen lassen, den er zärtlich streichelte.

»Du hast vielleicht gehört, Steinherr,« begann er mit offenem Selbstbewußtsein, »daß ich fix in die Höhe gekommen bin. Wir haben da in Düsseldorf ein bißchen revolutioniert. Die Herren Malermeister schliefen ja alle auf die Dauer ein; Gehirnschwund, Farbenblindheit, Verblödung. Die betrieben das Geschäft zuletzt rein fabrikmäßig und schmierten ihre Sächelchen nach dem Quadratfuß. Sie wünschen, mein Herr? Eine Düsseldorfer Landschaft? Ein zartes Genrebildchen? Ein derbes? Bitte, nehmen Sie Platz. Sie werden auf der Stelle rasiert. So, bitte, frisch von der Pfanne, gleich mitzunehmen, wie beim Kirmeßphotographen. Was es kostet? Fester Düsseldorfer Preis. Aber bestellen Sie doch ein Pendant dazu! Pendants, das ist das Feinste. Links vom Sofa, rechts vom Sofa. Heilig’ Mutterjottes, ich krieg’ Leibschmerzen!«

»Setz dich doch, Hüsgen!« sagte Steinherr lachend. Die heimatlichen Klänge regten ihn zu einer längst entwöhnten, heiteren Stimmung an. Wie lange hatte er solch eine Plauderstunde vermißt!

»Du,« meinte Hüsgen und ließ sich gemütlich nieder, »das Leitungswasser, hab’ ich mir sagen lassen, wär’ bei euch in Berlin gar nicht zu genießen. Schade.«

»Ach so,« fiel Steinherr ein, »du kommst ja vom Rhein. Da läßt sich natürlich eine Unterhaltung nicht anders als zwischen den Gläsern denken.«

»Zu allen Tages- und Nachtstunden,« erklärte Hüsgen. »Die Zeiteinteilung ist Menschenmachwerk. So was muß überwunden werden. Ah, das nenn’ ich doch eine Blume. Prosit! Es lebe der freie Geist!«

Sie taten sich mit einem Glase Rheinwein Bescheid, und Hüsgen nahm sofort den Faden wieder auf: »Ja, alter Junge, den Umwandlungsprozeß in Düsseldorf hast du nicht mitgemacht. Ihr hier draußen lebt in der Einbildung, in Düsseldorf liefe noch alles im alten, verschlafenen Trott. Schneidet euch nur nicht! Da ist Leben in die Bude gekommen; über Nacht, sag’ ich dir. Aus der alten ›Lätitia‹, dem ›Tartarus‹, dem ›Baldur‹ sind Maler hervorgegangen, Maler — na, mit einem Wort — Kerle! Ich bin nämlich, als die Gaudeamusbrüder sich in Wohlgefallen auflösten, weil mein Alter den Bierverlust nicht mehr tragen wollte und ein anderer Dummer mit dem Laternchen nicht zu finden war, in die ›Lätitia‹ eingetreten. Kurz, ich sag’ dir, die in Düsseldorf wissen jetzt, was sie wollen! Der Fink hat wieder Samen! Das neue Jahrhundert wird die Leute wieder an der Spitze sehen. Darauf kannst du kommunizieren gehen.«

»Das freut mich, zu hören. Es war aber auch Zeit geworden. Und du stehst also mit an der Spitze?«

Willibald Hüsgen verbeugte sich nur.

»Ich hab’ ein paar Riesenfetzen verkauft. Landschaften, aber ordentlich mit Erdgeruch. Weißt du, Landschaften, das ist heute nämlich das einzige. Früher, da schrie die bornierte Gesellschaft gleich: ›Dat is ja gar kein Möler, dat is ja nur en Landschafter!‹ Jawoll, un dann kam dat Echo von draußen: ›Seht ens, dat is Düsseldorfer Figurenmalerei. Dat sind Bilderbogen nach Zeichenvorlagen!‹ Zum scheckig lachen!«

»Also, du hast Erfolg,« sagte Steinherr und erhob sich. »Ich gratuliere herzlich. Und nun sei nicht bös, daß ich dich nicht länger hierhalten kann. Gerade heute abend darf ich nicht fehlen.«

»Ja,« meinte Hüsgen und schlürfte langsam sein Glas aus, »wenn sich das nun mal nicht anders einrichten läßt? Ich bin nur auf ein paar Tage hier, wegen meiner Ausstellung bei Schulte. Und eben für heut hatt’ ich dir noch eine Masse zu erzählen. Du,« fragte er plötzlich mit echter Hüsgenscher Unverfrorenheit, »kannst du mich denn nicht in die Gesellschaft einführen?«

»Heute geht’s schlecht,« sagte Steinherr reserviert. »Es ist ein Prinz da, den ich selbst nicht kenne.«

»Ein Prinz?« wiederholte Hüsgen wegwerfend. »Die sind, wenn’s ans Bilderbezahlen geht, akkurat wie andere Menschen. Wie heißt er denn? Vielleicht kenn’ ich ihn.«

»Prinz Georg von Dingsda. Irgend eine Seitenlinie.«

»Na natürlich kenn’ ich den. Der stand doch mal ein Jahr in Düsseldorf. Und trinken konnt’ der! Ich hab’ ihn mal aus dem ›Malkasten‹ nach Hause geschleppt, und zum Dank durft’ ich ihm gänzlich gratis seine Gäule malen. Drunter tat er’s nicht. Als kleines Erinnerungszeichen an die große, denkwürdige Stunde. Du, nimm mich mit; ich muß doch meinen edlen Mäcen begrüßen.«

Hans Steinherr lachte. Auch er hätte gern mit dem einstigen Kameraden noch geschwatzt. Wenn er den Menschen ansah, wenn er ihn sprechen hörte, wurden hundert alte Bilder in ihm lebendig. Die Proben im Hüsgenschen Hause, Francesca von Rimini, Hannes — Und die Fragen brannten ihm auf den Lippen.

»Höre, ich muß vorausfahren. Aber ich werde dich anmelden. Ich glaube, ich darf mir in dem Hause eine Einführung wohl gestatten. Wo wohnst du? Am Potsdamer Platz? Dann steig schnell mit in meine Droschke, ich setz’ dich vor der Tür ab, du ziehst den Frack an und kommst nach, und ich werde durch den Tiergarten hinfahren. Die Adresse geb’ ich dir. Nun aber eilt es.«

Auf der kurzen Strecke zwischen Potsdamerbrücke und Potsdamerplatz kramte Hüsgen schnell noch seine größte Neuigkeit aus.

»Was sagst du denn zu unserem Hannes? Das ist eine Karrière, was? Die verdient das Geld gleich scheffelweis, stellt sich hin, singt ein paar Lieder und trägt die dicken Kuverts auf die Bank. Wenn ich bedenke, daß ich das Mädel mal heiraten gewollt hab’ ... Nee, nee, das ist kein Spaß von mir. Damals wollt’ ich mich tatsächlich herbeilassen. Ich hatte nur noch nicht das dienstmäßige Alter. Und dann standest du mir in der Quere. Das war wirklich nicht hübsch von dir, Steinherr, denn du hattest doch keine ernsthaften Absichten. Na, ich war nicht schlecht wütend auf dich. Einmal hab’ ich sogar an deinen Alten geschrieben, aber anonym natürlich, das war ja nicht so schlimm. Gott, als Jung’ ist man ja immer ein Stück Halunke, besonders in dem eifersüchtigen Stadium, und du bist ja längst über so was ’raus.«

»Wie hast du denn nur meine Adresse erfahren?« lenkte Steinherr ab. Das Thema war ihm gerade jetzt unbequem.

»Deine Adresse? Springe ist doch hier. Kam heute mit mir zusammen an. Jesses, er will dich ja vor sieben Uhr besuchen. Der Hannes ist von London gekommen und singt heute abend in der Philharmonie, wo der Nikisch dirigiert. Oder ist es der Weingartner?«

Der Wagen hielt vor dem Hotel, und Hüsgen, der in seiner derben Selbstsucht Angst verspürte, die Gesellschaft mit dem Prinzen könnte ihm verloren gehen, sprang schnell aus dem Fonds und rief dem Jugendfreunde zu: »Das erzähl’ ich dir nachher alles ausführlich. Wohin soll der Kutscher?«

»Kurfürstendamm.« Steinherr nannte zerstreut Namen und Nummer.

»Auf Wiedersehen. In einer Stunde meld’ ich mich zur Stelle.«

Steinherr wollte ihn zurückhalten. Da fiel sein Blick auf die Bahnhofsuhr. Sechs vorbei. Er gab dem Kutscher einen Wink und lehnte sich, von einer plötzlichen unerklärlichen Müdigkeit befallen, tief in die Polster des Wagens zurück. Hannes in Berlin, mit ihm in derselben Stadt — —

Er sah die Straßen nicht, durch die der Wagen rollte. Er sah nur immer Bilder aus dem alten, einstigen Düsseldorf vor sich. Wanderungen durch den stillen Hofgarten, Wanderungen über die Rheinbrücke, Wanderungen nach all den kleinen altertümlichen Städtchen, Neuß, Zons, Kaiserswerth, über die der Zauber geschichtlicher Romantik lag, und Benrath, das für ihn den Zauber der Liebesidylle gezeitigt hatte.

War er wirklich einmal so jung, so selig verschwärmt, so trunken verliebt gewesen, daß er nicht anders gekonnt hatte, als seine Liebe durch die Natur zu führen, um seine innere Glückseligkeit mit der Umgebung in Einklang zu bringen? Und — er besann sich — so stark, so stolz, so lebensfreudig hatte er sich dazumal gefühlt, als er die Welt erobern wollte. Die Welt in einem süßen, milden, hingebungsvollen Mädchen. Und die Welt überhaupt! Er, der Sieger ...

Der Wagen hielt vor Frau Bettinas Haus, und Steinherr fuhr hastig empor.

Richtig, er war am Platz. Hier war ein Feld, Beweise anzutreten. Also heraus doch mit der jugend-trotzigen niederrheinischen Siegernatur, falls sie nicht vorzeitig vom Alter gestreift war wie ihr einstiger Besitzer!

Er biß die Zähne aufeinander und ging ins Haus.

Frau Bettina befand sich noch in ihrem kleinen Privatsalon, aber das Mädchen hatte Auftrag, Herrn Doktor Steinherr unverzüglich zu ihr einzuführen. Die Dame des Hauses erhob sich und kam ihm entgegen.

»Du hast dir heute Zeit gelassen, lieber Freund. Ich erwarte dich seit einer halben Stunde, und dringender als je.«

»Ich bitte um Entschuldigung. Ein Schulfreund suchte mich in dem Moment auf, in dem ich gehen wollte; ein junger, erfolgreicher Maler aus Düsseldorf, der augenblicklich eine Ausstellung bei Schulte hat. Hoffentlich hast du nichts dagegen, daß er heute abend hier erscheint. Ich wußte ihn nicht anders loszuwerden.«

»Aber heute abend gerade —« machte sie, sichtlich unangenehm überrascht.

»Du meinst, weil sich Hoheit angesagt hat?« Und mit leiser, ironischer Färbung fuhr er fort: »Das trifft sich im Gegenteil sehr gut, der Prinz Georg war während seiner Düsseldorfer Zeit der Mäcen des jungen Künstlers.«

Sie sah ihn ungewiß an. Dann nickte sie, daß die Angelegenheit nunmehr erledigt sei.

»Mein lieber Hans, wenn du den Namen des Prinzen nennst, ist mir, als ob es mit einem gewissen Sarkasmus geschehe. Das hör’ ich nicht gern.«

»O — ich konnte nicht ahnen, daß dir der Mann so interessant wäre. Übrigens, wir wollen uns nicht zanken.«

»Gewiß nicht. Ich wollte dir auch nur die Bitte vortragen, einige Rücksicht auf mich zu nehmen.«

Er sah stutzig zu ihr hin.

»Sollte ich in der Tat so weit heruntergekommen sein, daß ich es an — Rücksichtnahme fehlen ließe?«

»Gebrauche doch nicht immer gleich die stärksten Ausdrücke. Es greift dich doch niemand an.«

»Mir war, als ob ich einen Vorwurf zu hören bekäme. Oder — verzeihe — sollte es sich um — um eine Art Vorbereitung handeln?«

»Das ist ein Angriff auf mich,« fuhr sie auf. »Jetzt ersuche ich dich, dich deutlicher zu erklären.«

»Deutlicher — —. Das ist so ein vages Gefühl. Seit einiger Zeit tritt es auf, seitdem du so rätselhaft weich geworden bist. Aber das ist ja unsinnig, rein unsinnig. Verliebte sehen Gespenster.«

Er zwang sich zu einem Lächeln und trat auf sie zu.

»Guten Tag, Bettina. In dem Eifer, uns Liebenswürdigkeiten zu sagen, haben wir richtig vergessen, uns zu begrüßen.«

Sie beugte den Kopf und hielt ihm die Stirn hin. Da legte er ihr leicht die Hand unter das Kinn und bog ihren Kopf zurück. Und als sie die Wimper, die sie unmutig gesenkt hielt, endlich hob, traf ihr unvorbereiteter Blick in seine tiefgrauen, strahlenden Augensterne, und um seinen Mund gewahrte sie den alten, spöttischen Zug, der sie einst angetrieben hatte, den Einsamkeitsmenschen auf besondere Qualitäten zu erforschen. Sie hatte mehr als besondere Qualitäten, sie hatte den Mann gefunden.

Ihre Augen weiteten sich unter seinem Blick, ihre Brust schwoll unter einem tiefen Seufzer —

— — Den Mann gefunden — —!

Und unwillkürlich hob sie sich in seiner Umarmung auf die Fußspitzen und schob ihre Stirn an seine Wange hinauf.

Mit weicher Hand strich sie ihm ein Haarsträhnchen aus der Stirn und streichelte sein Gesicht. »Mein ganzes Dasein wird darin bestehen, dir Opfer zu bringen.«

»Also endlich hast du dich entschlossen? Endlich, Bettina?«

»Zu was, was du nicht längst schon wüßtest. Ich hab’ dich lieb. Verstehst du das? Lieb, lieb, lieb! Viel zu lieb, als daß ich dich heiraten möchte.«

»Ach — scherze jetzt nicht, Bettina!«

»Scherzen? Wer spricht von scherzen? Ich war noch nie so ernst wie jetzt. Wollte ich die Unklugheit begehen, dich zu heiraten, so wäre sowohl der Nimbus hin, der mich, wie der, der dich umgibt. Binnen kurzem hätten wir die Zahl der alltäglichen Ehepaare um eins vergrößert.«

Hans Steinherr staunte die Frau an, die mit ihm sprach. Hatte er recht gehört?

»Du, Bettina, du verwechselst die Personen. Ich bin’s — ich.«

»O, ich bin durchaus bei der Sache. Ich habe alles hundertmal, tausendmal überlegt und bitte dich nur darum, ruhig, ganz ruhig zu bleiben. Was glaubst du, was es heißt, wenn eine Frau wie ich dir sagt: Mein Dasein wird nur darin bestehen, dir Opfer zu bringen?«

»Ich lasse nur eine Deutung zu. Ist die falsch, so verzicht’ ich auf eine andere.«

»Das ist Hartnäckigkeit; nicht das, was ich Liebe nenne. Liebe aber ist für mich Leidenschaft; du kennst meine Natur. Und Leidenschaft, die nach acht Tagen in Schlafrock und Pantoffeln herumläuft — geh fort, das ist dir ja selber lächerlich. Menschen wie wir haben eine schärfere Luft zum Gedeihen nötig.«

»Du sprichst nur immer von uns beiden. Irr’ ich mich, oder geschieht das, um den ehrenwerten Dritten zu cachieren?«

»Uns soll doch eine bloße Form keine Skrupel machen? Ich behalte mir in meiner Ehe jede Freiheit vor und lasse sie meinem Gatten nicht weniger. Ich kann mich nicht zum zweiten Male fesseln lassen.«

Hans trat zurück, totenblaß, aber er verbeugte sich.

»Dann bleibt mir also nichts, als meinen allerergebensten Glückwunsch abzustatten. Der Name ist bei den hochfliegenden Plänen der gnädigen Frau ja nicht schwer zu erraten.«

»Es ist der Prinz,« sagte sie ruhig. »Du brauchst über diese Wahl wahrhaftig nicht betrübt zu sein.«

»Es wäre unstatthaft für mich, wollte ich deinen — Pardon, Ihren zukünftigen Gatten mit meinen Gefühlen in Zusammenhang bringen. Das würde eine Geschmacklosigkeit bedeuten — und den guten Geschmack möchte ich mir doch bewahren.«

Sie sah es ihm an, daß er trotz der eisigen Kälte, die er jetzt zur Schau trug, erregt war bis ins Innerste, daß ein beständiges Zittern durch seinen Körper lief, daß er sich mit der letzten Gewalt beherrschte.

»Hans,« stieß sie hervor, »was will ich denn? Deinen Ehrgeiz befriedigen und meinen Ehrgeiz befriedigen. Wir brauchen hier nichts zu beschönigen. Du sollst berühmt werden, und ich will beneidet sein.«

»Ah —« sagte er gedehnt, »du meinst: man beneidet eine Frau nicht um den Mann, sondern um den Liebhaber.«

»Nenn es, wie du magst. Das sind Worte. Ich will das Glück und die Liebe auf meine Weise.«

»Meine gnädige Frau, bei uns am Niederrhein pflegt man aus der Liebsten eine Frau, nicht aber aus dem Liebsten einen Geliebten zu machen. Wenn das in diesem Kreise hier nur Worte sind — ich habe ihnen nichts hinzuzufügen.«

Die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten. Er bewegte die Hand, als wollte er etwas Widerwärtiges beiseite schieben.

Da flammte es in ihr auf.

»So behandelt man mich nicht!« rief sie und trat ihm dicht unter die Augen. »Ich habe mehr an dir getan, als du zu wissen scheinst. Ich habe dich bekannt gemacht, und mehr als das, ich habe dich interessant gemacht, dir einen Nimbus in dieser sensationssüchtigen Welt gegeben, selbst auf die Gefahr meiner eigenen Persönlichkeit hin, nur um dich über alle hinaussteigen zu sehen.«

»Für dich oder für mich?« fragte er mit offenem Hohn.

»Nun ja, für mich! Tausendmal ja, für mich! Aber dir ist es zu gute gekommen. Und dafür rechne ich auf Dank, auf Ergebenheit. Ich kann und will dich nicht mehr lassen, und du, du — denke nur mit einem einzigen Gedanken daran, mich beiseite zu schieben. Du solltest sehen, was ich vermag. Wenn ich dich berühmt gemacht habe, ich kann dich auch —«

Hans Steinherr sah die rasende Frau von oben bis unten an. Dann drehte er sich auf dem Absatz herum.

»Du,« rief sie außer sich und faßte nach seinen Schultern, »das ist eine Behandlung, wie du sie deinem rheinischen Allerweltsmädel zu teil werden lassen kannst, mir nicht, mir nicht!«

Er hatte sich blitzschnell umgewandt und sie bei den Handgelenken ergriffen.

Kein Wort sprach er, aber er preßte ihre Gelenke, daß sie zusammenzuckte.

»Hans,« weinte sie leise, »sei doch gut, sei doch gut. Wenn ich dich nicht so wahnsinnig liebte —«

»Schäme dich,« sagte er kaum hörbar und ließ sie los. »Arme, betrogene Frau ...«

Und plötzlich war ihm, als ob er selbst schon einmal in einer ähnlichen Situation gestanden hätte. Er als der Betrogene, der sich selbst Betrügende.

»Es wiederholt sich alles im Leben,« murmelte er, »nur der Verlierende wechselt.«

»Hans —« versuchte sie noch einmal.

»Still, man kommt.«

Frau Bettina richtete sich auf und fuhr sich mit dem Tuch über das verstörte Gesicht.

»Du darfst jetzt nicht gehen. Nicht sofort. Das gäbe Aufsehen. Versprich es mir.«

»Gut, gut. Hab’ ich so lang’ Komödie gespielt, halt’ ich es auch noch eine halbe Stunde länger aus.«

»Ich werde dich wiedersehen.«

»Das wirst du nicht.«

Das Mädchen meldete, soeben sei Seine Hoheit erschienen. Die Gäste wären vollzählig. Auch ein fremder Herr schicke der gnädigen Frau seine Karte herein mit einer Empfehlung des Herrn Doktor.

»Ihren Arm, Herr Doktor ...«

In seinen Augen flackerte es, als er die Dame des Hauses in den Salon führte. Seine Haltung war noch aufrechter als sonst, seine Miene kalt und abweisend wie meist. Aber es war ihm, als ob er ohne zu atmen, ohne atmen zu können einherginge, und dieses Gefühl verursachte ihm direkt körperlichen Schmerz. Er führte seine Begleiterin, ohne sich bei den Gästen aufzuhalten, geradeswegs auf den Prinzen zu, der im selben Augenblick den Salon betrat.

Frau Bettinas Hand zitterte auf seinem Arm. Wollte er einen Eklat herbeiführen?

Doch als sie den Prinzen erreicht hatten, trat Steinherr mit kurzer Verbeugung wortlos zurück.

Da fand auch sie ihre Selbstbeherrschung, und sie reichte dem Prinzen lächelnd die Hand, die er an die Lippen führte.

»O —« sagte er bedauernd und nahm auch die andere Hand auf, »rote Streifen an den süßen Gelenken?«

»Ich habe Armbänder anprobiert, Hoheit, aber sie wollten nicht passen. Darf ich Ihnen die Herrschaften bekannt machen?«

Frau Bettina war an diesem Abend eine besonders entzückende Wirtin. Für jeden ihrer Gäste hatte sie ein freundliches Wort bei der Hand, das dem Prinzen die künstlerische oder gesellschaftliche Bedeutung des Vorgestellten schmückend erklärte, und ihre Augen strahlten heller, als sie sich von den bewundernden Blicken ihrer Freunde verfolgt sah. Sie las darin den offenkundigen Drang, ihr heute noch die Glückwünsche der Intimen darbringen zu können, und sie quittierte mit einem geheimnisvollen Sinkenlassen der langen, dunklen Wimpern. Nun war ein jeder orientiert. Und gerade die stille Erregung, die sie in dem Kreise wahrnahm, gab ihrem Auftreten das Bewußtsein.

Willibald Hüsgen war der vielbeschäftigten Hausfrau kurz präsentiert und mit einem gnädigen Nicken bewillkommnet worden. Der Prinz hatte kaum Notiz von ihm genommen. Von einem Wiedererkennen konnte nicht die Rede sein.

»Du,« flüsterte Hüsgen und stieß den wortkargen Steinherr in die Seite, »alles wat recht is: ene staatse Frau. Wär’ det nix für dich gewese?«

»Also Springe ist in Berlin?« fragte Steinherr zurück. Er fühlte, daß er sich zu jedem Worte Gewalt antun mußte.

Willibald Hüsgen aber war von dem eleganten Gesellschaftsbild viel zu sehr gefesselt, um aus der neuen Welt eine Exkursion in die altbackene zu unternehmen.

»Weißt du,« sagte er, »hier muß mer sich bloß beliebt mache. Hier gucken einen die Aufträg’ förmlich aus jeder Ritz’ an. Ich werde Hoheit nachher mal so ’nen stillen Wink geben, von wegen der Düsseldorfer Bekanntschaft.«

Dann sprach er ziemlich laut von seiner Ausstellung bei Schulte, um die Umstehenden darauf aufmerksam zu machen, daß auch er »wer sei«.

Das wurde von der Gesellschaft nicht gerade angenehm empfunden. Man befleißigte sich heute mehr denn je, dem Zusammensein einen gewissen feierlichen Charakter zu verleihen, und die ungenierte Stimme des Düsseldorfer Malers, der sich etwas zu gute darauf zu tun schien, auch in seiner Ausdrucksweise durch Urwüchsigkeit zu verblüffen und aufzufallen, störte empfindlich das verbindliche, harmonische Zeremoniell.

Es war an Frau Bettinas Abenden eine schöne Sitte, daß man zunächst dem Büfett im Speisezimmer zusprach und dann erst den Musik- und Diskutiersalon aufsuchte, um, angeregt durch die leibliche Stärkung, ausgiebiger den geistigen Genüssen sich hingeben zu können. Auch heute war das der Fall. Aber während der Büfettstunde wurde eifriger als gewöhnlich die Improvisation einer unmittelbar eingreifenden künstlerischen Veranstaltung besprochen. Man wünschte diesmal, das gefüllte Glas in der Hand zu behalten, um für jeden Moment gewappnet zu sein.

»Herr Doktor Steinherr, es gilt, Hoheit einen anregenden Abend zu verschaffen, und unserer strahlenden Hausfrau nicht minder. Bitte! Beginnen Sie mit einem stimmungmachenden Gedicht. — Sie haben zufällig nichts bei sich? Ach, das sagen die Herren Dichter immer, um sich den Hof machen zu lassen! Sehen Sie nur einmal gründlich nach, die Muse wird Ihnen bei ihrem letzten Besuch schon eine kleine Gabe zurückgelassen haben. — In der Tat nicht? Ja, dann hilft es Ihnen nichts, dann müssen Sie extemporieren.«

Frau Bettina und der Prinz wurden um Hilfe angerufen.

»Ah,« sagte der Prinz, »da steht uns ja ein seltener Genuß bevor. Sie würden mich wirklich verbinden, Herr Doktor. Ich bin gerade heute für Poesie besonders empfänglich.«

Über Bettinas Gesicht glitt ein seltsames Scheinen. Der Augenblick war da, den gegen den Stachel Lökenden wieder zur Raison zu bringen. War er zu bewegen, den Abend verherrlichen zu helfen, so war die Grundlage für ein späteres Wiederzusammenfinden dennoch geschaffen. Ein Gedicht, jetzt, zum festlichen Abend, das der Eigenschaft gerade dieses Abends irgendwie Rechnung trug, und er entäußerte sich damit seines beleidigten Stolzes und erkannte, wenn auch heute noch unter einem Zwange, ihre Wünsche und Pläne an.

Gespannt blickte sie zu ihm auf, ihre Hand im Arme des Prinzen.

»Fehlt Ihrer Harfe,« sagte sie, um ihn zu reizen, »die Saite, auf der die Töne des Glückes erklingen?«

»Ja,« fiel der Prinz lebhaft ein, »preisen Sie die Liebe. Ich höre, Sie sind der Berufenste.«

Um Hans Steinherrs Lippen zuckte es sarkastisch. Hoheit hatte unbewußt ein böses Gleichnis gebraucht.

Auch Frau Bettina hatte die Wimpern gesenkt und blickte starr auf einen Punkt.

Vom Musikzimmer her erschallten die Töne des Steinways. Ein berühmter Klaviervirtuose spielte meisterlich das Liebeslied aus der Walküre:

»Winterstürme wichen dem Wonnemond ...«

Als er geendet hatte, grüßte Steinherr, äußerlich unbewegt, die Hausfrau. Und mit einer Stimme, deren Kälte und Gelassenheit in seltsamem Gegensatz zu dem nervösen Wesen Bettinas stand, sagte er nur: »Ich bitte um Urlaub. Soeben höre ich von Freund Hüsgen, daß liebe Düsseldorfer Freunde mich noch erwarten. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, meine gnädige Frau. Sie wissen, die Heimat hat ihre Rechte. Nochmals: ich bitte um Urlaub.«

Er war gegangen, aber eine drückende Stille war geblieben.

Da glaubte Willibald Hüsgen sich zum Retter der Situation aufwerfen zu müssen, und er hob schnell sein Glas, das er nicht aus der Hand gelassen hatte. »Pröstchen, gnädige Frau ...«

Bettina sah über ihn hinweg. Und als nun gar Hüsgen, um sein gesellschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, auf den Prinzen einsprach und ihn unter lustigem Augenzwinkern an die Düsseldorfer Zeit erinnerte, kehrte ihm das Paar frostig den Rücken.

Willibald Hüsgen aber nahm französischen Abschied.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Fünftes Kapitel

Hans Steinherr schritt durch den naßkalten Februarabend, die Hände tief in den Taschen seines Paletots, den Kopf vorgestreckt. Er achtete nicht darauf, daß seine dünnen Lackschuhe durchweicht und bespritzt wurden, daß auf seinen Hut die Tropfen fielen. Er dachte überhaupt nicht. In seinem Kopf tanzten hundert Melodien durcheinander, Kinderlieder, Studentengesänge, Fastnachtsstrophen vom Rhein. Woher sie so plötzlich auftauchten, wer sie gerufen hatte — er wußte es nicht. Er wollte es auch gar nicht wissen. Sie waren eben da, sie erheiterten ihn, sie verkürzten ihm die Zeit. Also war es doch eine große Errungenschaft, über sie verfügen zu können. Und er summte sie mit, wie sie ihm durch den Kopf kreuzten, einen Vers nach dem anderen, eine Melodie nach der anderen, ohne sich über die Notwendigkeit Rechenschaft abzulegen.

Einmal blieb er stehen. Er hatte da ein Karnevalsliedchen im Dialekt vor sich hin geträllert, im Wortlaut, ohne zu stocken. Das kam ihm selbst wunderbar vor. Und darüber grübelte er nun doch. Er wußte ganz genau, daß er die Strophe kaum als Junge gekannt oder gesungen haben konnte. Sie mußte ihm von irgend einem Düsseldorfer Fastnachtsabend her im Ohr geblieben sein. Und nun meldete sie sich. Seltsam. War denn damals alles so tief gegangen, saßen selbst die geringfügigsten Tagesbildchen aus der Jugend so fest in ihm, daß sie nach jahrelanger Unterdrückung plötzlich schelmisch hervorlugten und ihm lustig zuraunten: Wir sind auch noch da, wir halten uns stets zu deiner Verfügung, wenn du einmal ein Stündchen für uns hast oder wir unser Stündchen für gekommen halten?

Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Gut, gut, mochte es so sein, wie es wollte. Karneval in Düsseldorf, Karneval in Berlin — es war ja schließlich völlig gleich.

Aha — ja — was war’s doch gleich? Hatte er da vorhin ein Erlebnis gehabt? Dort hinten, irgendwo, in dem Hause am Kurfürstendamm? Er mußte sich einen Moment besinnen, denn das Haus erschien ihm nur nebelhaft, und die Vorgänge des Abends — —? Ganz recht, er hatte Urlaub genommen, Urlaub von der Liebe. Das war doch alles sehr höflich gewesen, mehr als höflich. Doch das andere — das andere — —? War diese Verlobung nicht längst schon eine fertige Geschichte? Sämtliche Freunde des Hauses hatten es doch gewußt, nicht ein einziger, der überrascht gewesen wäre — —

Herrgott ja, es war keiner überrascht gewesen —!

Glühend heiß lief es ihm durch den Körper, er fühlte, wie sein Gesicht brannte, wie das Blut ihm in den Wangen klopfte, in den Schläfen, in den Halsmuskeln. Er nahm den Hut ab und vergaß, ihn wieder aufzusetzen. Also alle hatten sie es gewußt, nur er nicht ... Der Seladon war mit Blindheit geschlagen gewesen. Herr Hans Steinherr, Seladon der Frau Bettina Wittelsbach. Die höchste Charge, die er erreicht hatte, nachdem er von der Schlichtheit der Heimat geschieden war, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen!

Ah — —! schrie es in ihm auf, und er preßte die geballte Faust auf den Mund, um den Schrei, der ihm über die Lippen trat, zu ersticken. Mit entsetzten Augen blickte er sich um, ob ihn ein Vorübergehender belauscht haben könnte. Wie erbärmlich, wie jämmerlich erbärmlich war das, was er erlebt hatte! Nicht heute nur, nein, nein, all die Tage, Wochen, Monate hindurch. Seine Augen wurden so unheimlich klarsehend. Hundert Einzelheiten traten vor seine geschärfte Phantasie, Dinge, die er hingenommen hatte, um die oft fadendünne Stimmung nicht zu zerreißen, Küsse, die er geküßt hatte, obwohl sein Geist noch zornig gewesen war über Oberflächlichkeiten und Unarten der Frau, die er — küßte. Ihr Diener, Gnädigste, Ihr Diener — —. Das war ja doch der immer wiederkehrende Endreim gewesen — er hatte den Diener gespielt!

Er beschleunigte seinen Schritt. Er begann durch die Straßen zu laufen, um zu seiner Wohnung zu gelangen. Jeder Straßenköter, so glaubte er, müßte ihm doch die Rolle ansehen, die er in so beispielloser Überhebung verwechselt hatte.

Jetzt stießen sie im Hause Kurfürstendamm klingend die Gläser zusammen. Jetzt brachte wohl die alte, diplomatisch geschulte Exzellenz den Trinkspruch auf das Brautpaar aus. Und hinten, in einer Ecke des Salons, kommentierte man tuschelnd seinen raschen Abgang. Er sah sie ganz deutlich, die Intimen des Hauses, wie sie lächelten, in stillem Mitleid, mit einem Stich ins Schadenfrohe. Keiner hatte ihn gemocht, und er keinen von ihnen! Des freute sich seine Seele noch in dieser Stunde. Nur Bettinas wegen hatte er sie ertragen, Bettinas wegen, die so lieb zu betteln, so feurig zu überreden, so lachend jede Einwendung zu verwischen wußte. Es dämmerte in den Straßen, und er war bei ihr. Und sie lehnte ihren biegsamen Körper an ihn und strich über sein Haar; und wenn er sie küssen wollte, bog sie den Kopf zurück; und wenn er sich beleidigt zurückziehen wollte, überfiel sie ihn mit ihren Küssen. Kein Denken und Wägen hielt stand. Denken und Wägen auf morgen! Er fühlte nur ihre süße Gestalt und ihre heißen Lippen ...

Sein Gesicht verzerrte sich wie unter einem körperlichen Schmerz. Hatte er denn alle Würde verloren, daß er jetzt noch, nach dem soeben Erlebten, in Erinnerungen schwelgen konnte?

O, o, gab er sich selbst die Antwort, das ist doch kein süßes Schwelgen, das ist ein bitteres Schwelgen, das ist der Haß, die Wut, der Ekel. Das ist die Ironie, lachte er auf, die Ironie meines Lebens.

Und immer wieder redete er mit seinem eigenen Selbst und fand nicht Worte genug, um sich zu verwunden, zu demütigen und wieder aufzustacheln.

Ein Fluchwort preßte sich hinterher. Es war das erste Mal, daß er fluchte. Und er meinte auch nur sich damit zu treffen. Wieder und wieder stieß er das Wort heraus, aber es wurde ihm nicht leichter zu Sinn.

Heute würden sich die Gäste natürlich früher empfehlen. Nur der eine, der Prinz, würde noch einen Augenblick zögern, um einen Separatabschied zu nehmen. Dieser lächerlich wichtige, inferiore Dutzendprinz. Was er besessen hatte: Rennställe, Weiber, Hunde; was er nie besessen hatte: Witz und Verstand; was er noch besaß: Schulden und wieder Schulden — das war die Analyse. Es blieb kein Rest.

»Herr des Himmels!« stieß Steinherr hervor, »weshalb beschimpfe ich den Mann?«

Da war er schon wieder bei dem Bilde.

Die Gäste waren gegangen; den Hut in der Hand, zögerte der Prinz. Jetzt führte er mit unnachahmlicher Grazie ihre Hand an die Lippen. »Wer war denn dieser unglaubliche Mensch, der sich so merkwürdig benehmen zu müssen glaubte?!« Und sie antwortete lächelnd: »Mein Gott, ein Dichter. Er legte heute schlechte Formen an den Tag. Wir werden sie ihm abgewöhnen. Nicht wahr, mein Georg? Gute Nacht ...«

Dem hastig Einherschreitenden stand der Schweiß auf der Stirn. Er ballte die Finger zu Fäusten zusammen und renkte den Kopf, als ob ihm das Atmen Beschwerden machte. Das war doch Verrücktheit, glatte, blanke Verrücktheit, diese Selbstquälerei! Hier gab es doch nur eins: Verachtung! Aber das sprach sich nur leicht aus. Was würden die beiden Menschen nach seiner Verachtung fragen! Lachen würden sie über ihn!

Er öffnete weit die Augen, aber er sah nichts, in sich und um sich, als eine Leere.

Vermisse ich denn etwas? fragte er sich höhnisch. War denn überhaupt etwas vorhanden, was wert wäre, es auf der Straße ausklingeln zu lassen? Liebe? Die würde nicht toben und schimpfen. Für einen Groschen Ehrgeiz verloren gegangen, und in derselben Düte ein Rest schimmelig gewordene Vornehmheit!

Er stand vor seiner Wohnung. Neun Uhr erst ... Wie werd’ ich den Abend herumbringen ...

Dann ging er hinein, machte Licht und sah sich um; ganz scheu, als müßte er auch hier auf eine Überraschung gefaßt sein. Aber alles war unverändert. Und gerade dieses unveränderte Bild, das Tag für Tag das gleiche bleiben würde, während er sich selbst ein Fremder geworden war, ließ ihn das, was er vor einer Stunde aufgegeben hatte, wie einen unwiederbringlichen Verlust, in weit über alle Grenzen gehenden Maßen, erscheinen.

Müde, zerschlagen, saß er in seinem Stuhl. Die Arme hingen schlaff über die Lehne.

Was nun?

Er lächelte ironisch.

Was nun? Das hört sich ja an, als ob ich überhaupt schon etwas getan hätte. Ich hab’ dem Leben nichts genutzt, und das Leben hat mir nichts genutzt. Quitt! Wir haben uns beiderseitig nichts vorzuwerfen.

Sein Blick fiel auf das der Wand zugekehrte Bild Bettinas.

Langsam erhob er sich, nahm das Bild vom Schreibtisch und betrachtete es. Ganz bedächtig, ganz eingehend. Nun hatte er die Augen durchforscht, nun heftete sich sein Blick auf den Mund. Ein Zittern ging durch seine Hände, und es wurde stärker und stärker, bis er mit jähem Griff den Karton packte, um ihn zu durchreißen. Aber er tat es nicht. Er warf das Bild auf den Tisch und preßte die Lippen zusammen. Seine Augen brannten in einem trockenen, quälenden Schmerz. Wozu nur das alles? Wozu nur? Es war doch nirgend ein Zweck zu ersehen!

Als er die Lampe niedriger schrauben wollte, fiel ihm auf dem Schreibtisch eine Karte ins Auge. Mechanisch nahm er sie auf und las. »Heinrich von Springe.«

Und darunter stand: »Ich werde vor zehn Uhr noch einmal mein Glück versuchen.«

Hans Steinherr legte die Karte auf den Tisch zurück.

Das Glück versuchen? ... dachte er. Das wird wohl bei mir mehr als verlorene Liebesmüh’ sein. Das Glück versuchen!

Im Halblicht saß er und erwartete den angekündigten Besuch. Wenige Minuten, und er hatte ihn vergessen. Nur seine Scham hatte er nicht vergessen, seinen beleidigten Stolz, seine beleidigte Männlichkeit. Das wogte und quirlte in seinem Kopf durcheinander, und er war dem Ansturm gegenüber willenlos. »Aus ist’s, aus, aus!« murmelte er immer wieder vor sich hin, und dennoch arbeitete er unablässig an neuen Plänen, um die gescheiterte Hoffnung zu reparieren. Es war ein Kampf in ihm, den er verachtete und den er gleichwohl mit jeder Fiber kämpfte. Um ein Phantom —.

Es hatte an seine Tür geklopft. Nun klopfte es wieder, und die Tür öffnete sich. Ein Mann stand auf der Schwelle und spähte durch das Halbdunkel.

»Hans —?« fragte eine Stimme, die ihm eigenartig vertraut vorkam.

Er machte eine Bewegung, die seine Anwesenheit verriet. Da stand auch schon der Besucher vor ihm.

»Hans, mein alter Junge, es ist lange her, daß wir uns nicht sahen. Deine Mutter läßt dich grüßen.«

Er antwortete nicht. Nur die Hände hielt er fest, die ihm Springe entgegengestreckt hatte.

»Hans, ist es dir immer noch nicht lieb, mich wiederzusehen? Ich denke, wir sind Männer geworden seitdem.«

»Doch, doch. Entschuldige meine scheinbare Teilnahmlosigkeit. So nimm doch Platz!«

Springe legte seinen Mantel ab, ging zum Tisch und ließ das Licht aufflammen.

»Laß dich zunächst einmal anschauen,« sagte er ruhig. »Ob es der alte Hans ist.«

Steinherr wehrte mit der Hand ab, aber Springe achtete nicht darauf. In Gedanken versunken, stand er vor dem einstigen Schützling.

Der zwang sich zu einem Lachen.

»Zufrieden mit der Musterung? Nicht ganz, wie ich merke. Ich bin nur ein bißchen alt geworden in der Einsamkeit. Aber sonst, sonst — —. Nun setz dich doch, und wenn es dich freut, will ich dir sagen: Es ist gut, daß du hier bist.«

Springe zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihm dicht gegenüber. Ihre Kniee berührten sich.

»Hans, Hans,« sagte er herzlich.

Der aber wurde unruhig und blickte an dem Gast vorbei.

»Laß gut sein; wir wollen uns das Wiedersehen nicht mit alten Geschichten verkümmern.«

Springe schüttelte nur den Kopf. Dann fragte er unvermittelt: »Hast du mich nötig, Hans? Kannst du mich brauchen? Was gehen uns alte Geschichten an, wenn neue dringendere zu erledigen sind? Leute wie wir geben sich die Hand und verstehen sich.«

»Verzeihe. Mach’ ich in der Tat einen so niederschmetternden Eindruck?«

»Ich möchte den Grund wissen.«

»Ja, lieber Heinrich — ich darf dich wohl noch so nennen — den Grund möchte ich auch wissen. Nimm an, ich bin ohne Grund so, gänzlich ohne Grund. Das klingt dumm, aber es hilft weiter.«

»Was das anbetrifft, wir haben Zeit.«

»Das klingt aus deinem Munde allzu bescheiden. Du wirst Besseres zu tun haben, als dir über das Aussehen eines Menschen Kopfschmerzen zu machen, der selbst nicht einmal weiß, ob er Kopf genug hat, um Schmerzen zu fühlen.«

Springe lehnte sich zurück und schwieg. Dann sagte er langsam: »In der Ironie hast du es jedenfalls weit gebracht.«

»Ich hatte einen guten Lehrmeister,« erwiderte Steinherr lächelnd; »er hieß Heinrich von Springe und war in diesem Fach ein Meister. Bitte, verkleinere mir den Mann nicht, ich verdanke ihm viel.«

»Der Mann muß ein Stümper gewesen sein, lieber Hans.«

»Ich widerspreche einem verehrten Gast nicht gern, aber hier scheint es mir Pflicht. Pflicht oder Selbsterhaltungstrieb — wie du es nennen willst. So laß dir denn sagen, daß das, was aus seiner Lebensanschauung auf mich abgefärbt hat, das Beste war, was ich gewinnen konnte. Und das war just der ironische Gesichtswinkel.«

»Trotzdem. Ich bleibe dabei, der Kerl war ein Stümper oder — du hast nicht ausgelernt.«

»Ich habe, was ich brauche. Mehr wie seine Bedürfnisse kann man nicht befriedigen.«

Springe sah ihm fest in die Augen.

»Was nutzt dich die Ironie allein? Die ist wie ein Zwilling, der ohne den anderen Zwilling nicht leben und nicht sterben kann. Nörgelnde Grämlichkeit statt scharfer Lebenslust. O ja, die Ironie hast du erlernt. Nur eins, das Lachen, das rheinische Lachen hast du nicht gelernt, noch nicht gelernt; und das gehört dazu wie der Klöppel zur Glocke. Es wird Zeit, mein Sohn; lern das Lachen!«

Hans Steinherr erhob sich rasch. Das war das Wort, das ihm gefehlt hatte. Das Lachen, das Lachen! Das gekonnt haben, vor ein paar Stunden, so recht aus Herzensgrund, so recht befreiend und alles reinfegend — das Lachen ... damit hätte er gesiegt, über sich, über die anderen, über die Situation. Weshalb hatte er nicht lachen gekonnt!

Der Aufruhr in ihm, der sich eine kleine Weile gelegt hatte, brach mit erneuter Gewalt los. Durch seinen Kopf schossen blitzschnell die Bilder: das tödlich beleidigte und doch jäh erschrockene Gesicht Bettinas, wenn er ihre Eröffnungen mit einem schallenden Gelächter entgegengenommen hätte, wenn er sich mit lautem, humorvollem Lachen auf dem Absatz umgedreht hätte und lachend ohne weiteres zur Tür gegangen wäre. Das würde ihr einen anderen Respekt vor der Art seiner Persönlichkeit beigebracht haben, als die hohen Worte seiner Liebesmoral. Das würde sie zusammengeschüttelt und aufgerüttelt haben mit Fäusten, und bevor er aus dem Zimmer gewesen wäre, hätte sie widerspruchslos sich und ihre Welt der Kraft seines Lachens anvertraut.

Er stand am Fenster und hielt das Holz der Fensterschwelle gepackt, um den Sturm abzulenken. Weshalb war der Mann nicht gestern gekommen, ihn an heimische Art zu mahnen! Dieser Mann, der ihm schon einmal den rechten Weg gezeigt hatte, den Weg zur Jugend. Langsam kam er durch das Zimmer zurück. Er hatte wohl doch noch einiges nachzuholen.

»Heinrich,« sagte er, »ich habe dich vorhin nicht einmal ordentlich begrüßt. Das möchte ich jetzt. Es hat vieles zwischen uns gestanden, was nur in meiner Einbildung existierte und längst beschämt verflogen ist. Aber du hast recht. Leute wie wir geben sich die Hand und verstehen sich. Ich werde dich nicht mit Sentimentalitäten langweilen. Wie geht es meiner Mutter?«

»Sie hat sich in den Kopf gesetzt, nicht älter zu werden.«

»Ihr seid sehr glücklich miteinander?«

»Glücklich? Das Wort kann ich nicht mehr definieren. Es wird wohl bei uns der Normalzustand so bezeichnet werden müssen. Lieb haben wir uns wie die Kindsköpfe.«

Er faßte den Jüngeren beim Schopf.

»So, nun komm mal her. Deine Mutter hat mir aufgetragen, dir sofort, wenn ich dich zu fassen kriegte, einen Kuß von ihr zu applizieren. Da hast du ihn.«

»Du hast dich in den fünf Jahren nicht verändert — —. Und Herr Friedrich Leopold?«

»Adrett wie ein Zwanzigjähriger, der sich vorgenommen hat, hundert zu werden. Bleiben ihm nach seiner Rechnung also noch gutgezählte achtzig Jahre zur Verfügung.«

»Und — und Frau Stahl?«

»Stellt lebende Bilder.«

»Du, drück dich klarer aus! Lebende Bilder?«

»Ganz richtig. Mit Herrn Friedrich Leopold gemeinsam. Philemon und Baucis und sonstiges aus der Geschichte berühmter alter Liebespaare. Ein paarmal wollt’ ich schon den Kaplan holen, um dem Geseufz’ ein Ende zu machen.«

»Sie führt ihm die Wirtschaft, wie mir Mutter schrieb?«

»Die Wohnung liegt auf der anderen Seite des Korridors, in derselben Etage mit der unseren; genannt: die Toggenburg. ›Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz ...‹ und so weiter. O, die beiden sind klassisch gebildet und handeln ganz ihrer Bildung gemäß.«

»Da wären wir glücklich bei der Liebe,« meinte Hans mit einem Versuch, zu scherzen.

»O bitte, frag nur.«

»Heinrich!«

»Nun? Was denn? Sollte ich dich falsch verstanden haben? Ich dachte, du hättest dich nach deiner Jugendliebe erkundigen wollen.«

Hans blickte unbeweglich vor sich hin.

Wie schmal der Junge geworden war.

»Wie geht es Hannes ...«

»Ach, mein Jung’, die steckt uns noch alle eines Tages in ihre Kleidertasche.«

»Sie muß jetzt sehr groß geworden sein ...«

»Groß? In jeder Beziehung. Als herangewachsenes Menschenkind und als Künstlerin. Wenn sich Größe nach dem Einkommen bemessen läßt, ist sie jedenfalls größer als ich.«

Er lachte behaglich in sich hinein, als freute er sich, daß das Mädel ihn überholt habe.

»Du hast sie heute singen gehört ... In der Philharmonie ... Hüsgen sagte es mir.«

»Ja, heute hab’ ich zum ersten Male erfahren, was Singen ist. Um und um wird man von der Stimme gekehrt. Noch so verstockt kann man sein, die Stimme lockert das ganze steinige Erdreich auf und bringt Triebe in dir zum Blühen, Triebe sag’ ich dir, von denen du selbst keine Ahnung mehr hattest. Man möchte heulen über sich selbst, aus purer Wonne, welch ein guter Kerl man doch im Grunde ist. Und das macht alles der Hannes. Jedem Wort gibt sie Leben, ganz schlicht, ganz natürlich, aber mit einer Tiefe — das ist überhaupt nicht zu erzählen. Einfach hören mußt du sie, und wenn du sie nebenbei ansiehst, zerstört dir das auch die Illusionen nicht. Das war eine Sonntagslaune vom lieben Gott, als er das Mädel schuf.«

»So,« sagte Hans; und dann wiederholte er: »So — so —«

Dann schwiegen sie beide, bis Hans, aus seinen Gedanken auffahrend, hastig den Faden wieder aufnahm. »Weshalb bist du denn nicht bei ihr? Das Konzert muß doch längst vorüber sein?«

»Sie ist zum Künstlersouper gequält worden. Und da ich ihr mitteilte, daß ich noch zu dir wollte —«

»Das hast du ihr gesagt?«

»Aber weshalb denn nicht? Sie hat mir außerdem Grüße an dich aufgetragen.«

»Der Hannes — —,« nickte Steinherr und lächelte abwesend vor sich hin. »Bitte, du wolltest weiterreden ...«

»Kurz, sie hat zum Souper zugesagt unter der Bedingung, daß man sie um elf Uhr gehen ließe. Um elf Uhr hat sie nämlich im Hotel ein Rendezvous.«

Hans Steinherr blickte überrascht auf, und Springe amüsierte sich. »Mit Onkel Springe nämlich. Der ›Onkel‹, das bin ich. Na, von so süßen Lippen läßt man sich das Prädikat schon gefallen. Auf elf Uhr also bin ich im Hotel Kaiserhof auf eine Tasse Tee befohlen. Du gehst natürlich mit.«

»Ich — —? Ich glaube, du überschreitest da gehörig deine Onkelgewalt.«

»Aber so sperr dich doch nicht. Wir bilden doch sozusagen eine Familie. Du wirst es ja erleben, was für freudige Augen sie macht, ihren alten Kameraden wiederzusehen. Junge, Junge, ich fürchte, du taxierst unseren Hannes falsch.«

Hans Steinherr saß, die gefalteten Hände im Schoß, und blickte auf einen Punkt. Wie eine weiche Welle floß es über ihn hinweg. Als ob er krank sei, und weiche, kühle Hände legten sich auf seine heiße Stirn. »Ich möchte sie wiedersehen,« sagte er wie zu sich selbst. Er hatte Heimweh.

»Was ist das nur?« fuhr er empor und ging zur Tür. »Es klingelt in einem fort.«

An der Korridortür traf er den Hausverwalter.

»Ein Brief für Sie, Herr Doktor. Das Haustor war schon verschlossen, aber ich hab’ dem Boten noch geöffnet.«

Hans Steinherr gab dem Mann ein Trinkgeld und kehrte ins Zimmer zurück. Beim ersten Blick auf das Papier erkannte er Bettinas steile Schriftzüge. Seine Hände flogen, daß das Papier knatterte. Dann nahm er sich mit Macht zusammen.

»Entschuldige,« sagte er, »ein eiliger Brief, wie es scheint.«

Springe nickte. Aber mit gespannten Blicken verfolgte er jede der nervösen Bewegungen.

Hans riß das Kuvert auf. Es enthielt nur eine Visitenkarte Bettinas. Unter dem Namen stand in eiligen Zügen: »Ich erwarte dich aufs bestimmteste morgen früh elf Uhr.«

Dreimal, viermal, immer wieder las Hans die wenigen Worte. Als er endlich den Arm sinken ließ, sah er farblos und um Jahre gealtert aus. Das Blatt fiel auf den Tisch. Es war ganz still im Zimmer.

Den starkgemuten rheinischen Maler packte ein Grauen vor dieser künstlichen Ruhe. Er war gewohnt, den Dingen ins Auge zu sehen. Aber hier war ein unsichtbarer Feind. Gleich beim Eintritt ins Zimmer hatte er es an der apathischen Müdigkeit des jungen Freundes gespürt, und nun, da er ihn durch unverfälschten Heimatsodem verscheucht zu haben glaubte, kam er wieder. Den Zustand ertrug er nicht. Zustände waren für alte Weiber.

»Hast du schlechte Nachrichten, Hans?«

Der hörte gar nicht.

Da nahm Springe das Blatt vom Tisch auf und las es.

»Hans!«

»Wie meinst du?«

»Was will die Frau von dir?«

»Du siehst ja. Sie wünscht, ich soll zu ihr kommen. Also — werde ich — hingehen.«

»Du sagst das in einem Ton, als ob dich das Hingehen Überwindung kostete.«

»Überwindung —? Ich — ich spreche in einem Ton —? Du — wie war das doch noch mit — mit dem Lachen? Weißt du, mit dem Lachen, das ich nicht gelernt haben sollte. Man — ganz recht — man muß nur alles humoristisch nehmen.«

»Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, laß uns gehen.«

»Gehen? Wohin?«

»Zu Hannes. Sie wird uns längst schon erwarten. Es ist halb zwölf.«

»Es geht nicht, Heinrich. Ich kann, leider, nicht mehr mit. Morgen — vielleicht.«

Springe trat dicht vor ihn hin. Er zwang den anderen, ihn anzusehen.

»Und weshalb kannst du nicht mehr mit? Den Mut, mir das zu sagen, wirst du doch nicht verloren haben?«

Hans Steinherr hielt den Blick aus. Und ohne sich zu bedenken, antwortete er dem einstigen Mentor: »Wenn ich morgen zu dieser Frau gehe, kann ich heute nicht mit Johanna zusammen sein.«

»Der Dame wegen oder Johannas wegen?«

»Johannas wegen.«

Sie blickten sich noch immer voll in die Augen. Dann sagte Springe kalt: »Also gedenkst du etwas zu tun, was eines Hans Steinherr unwürdig ist.«

»Heinrich!«

»Ich wiederhole es, wenn du es wünschest. O, ich bin kein Sittenrichter und Tugendbold. Du könntest ja die Frau lieb haben und sie dich, und Hindernisse könnten euch im Wege stehen. Wer wollte euch deshalb verdammen! Vielleicht ist die Dame verheiratet. Wir sind alle Menschen, und auf die Kraft und Reinheit unserer Empfindungen kommt es an.«

»Nein, sie ist nicht verheiratet. Noch nicht. Obwohl sie es früher war.«

»Mit anderen Worten: sie ist Witwe und aufs neue verlobt. Hab’ ich recht?«

»Verlobt. Seit heute abend. Ich wußte nichts davon, mein Wort darauf.«

»Du wurdest also getäuscht? Herrgott, so sprich doch! Ich seh’ es dir ja an, daß du auf dem toten Punkt bist, daß es dich drängt, irgend etwas herauszuschreien. So schrei doch! Ich bin wie eine Felswand, die das Echo nur einmal hergibt, und sicher nicht an Unberufene. Soll ich dir helfen? Soll ich dich zum Widerspruch reizen? Nun gut, selbst auf die Gefahr hin: Hans Steinherr, dem einst das beste Mädchen nicht gut genug war, steht im Begriff, sich für die schlechteste Frau zum Spielzeug zu degradieren. O, o! Wir wollen hier keinen Ringkampf aufführen. Sag mir ins Gesicht, daß ich lüge ...«

Steinherr ließ die erhobenen Arme sinken. Er murmelte unverständliche Worte.

»Verteidige dich nicht und sie nicht. Sie vor allen Dingen nicht. Wenn eine Frau in der Stunde ihrer Verlobung an einen anderen schreibt, ja nur an einen anderen denkt — weißt du, ich möchte das Wort für mich behalten. Ich habe zu viel Respekt vor der Weiblichkeit im allgemeinen. Hans, was ist dir?«

Steinherr hatte sich an der Tischkante halten müssen. Es kreiste ihm vor den Augen.

»Junge, komm zu dir! Vielleicht hab’ ich eine Dummheit gemacht; vielleicht liegen hier die Dinge so besonders, daß ich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet habe. Du, hör mich! Wenn ich auch beinahe dein Vater bin, du sollst mich bei den Ohren nehmen dürfen, und ich will nicht mucksen.«

Hans Steinherr richtete sich auf. Er strich sich mit der Hand über die Stirn und sah sich um.

»Ich vertrottele wohl nächstens noch. Laß nur ruhig deine handfesten Sprüche auf mich los. Vielleicht findet sich noch eine anständige Stelle an mir, an der das eine oder andere haften bleibt. Die Hoffnung ist zwar nicht groß.«

Da trat Springe mit raschem Schritt auf ihn zu, schlang seine Arme um ihn und drückt den Kopf des jungen Freundes fest an seine Brust. »So, nun heul dich aus, ich sag’s keinem wieder.«

Und nach einer Weile: »Ach, ich glaub’s ja gar nicht, daß du dich verloren hast. Irgend eine Dickköpfigkeit, aber keine Preisgabe des innersten Menschen. Nur rede — das erleichtert. Ich bin ja nun doch einmal dein approbierter Vertrauter. Denk an den Tag, an dem du mir Hannes brachtest.«

Aber Hans gab keine Antwort mehr. Ein plötzlicher Schüttelfrost hatte ihn gepackt.

»Komm, mein Junge, ich geleite dich in deine Klappe. Du hast eine Erkältung in allen Knochen und gehörst sofort ins Bett. Morgen sprechen wir weiter. Rheinland läßt sich nicht unterkriegen.«

Er führte ihn, der wie ein Schwerkranker taumelte, behutsam ins Schlafzimmer und war ihm behilflich. Dann ließ er sich die Schlüssel anweisen. »Ich bringe sie dir morgen gegen Mittag zurück. Deine Hand darauf, daß du inzwischen die Dame nicht wiedersiehst. Heraus mit dem rheinischen Stolz!«

Als er durch den Salon zurückschritt, sah er das Bild Bettinas liegen. Er nahm es auf und betrachtete es lange, mit Künstleraugen.

»Den guten Geschmack verleugnet der Bengel nie,« knurrte er. »Pfui Deubel, wie schön!«

Mitternacht war vorüber, als er im Hotel ankam. Hannes saß noch in dem kleinen, separierten Teezimmer und wartete. Und wieder ließ Springe seine Künstleraugen blitzen. Das war doch ein anderes Bild.

Die schlanke Gestalt mit den hochgeschwungenen, festen Formen, das kühne, intelligente Köpfchen, auf dem die rotblonden Flechten wie ein Kranz aus purpurnem Weinlaub lagen, und die tiefen, stillen Augen von der Farbe des blauen Bergsees — das war echt germanisches Blut, so heiß wie keusch, so treu wie furchtlos.

»Guten Abend, Hannes!«

»Guten Abend, Onkel Springe!«

»Kleines Liebchen, willst du mir einen großen Gefallen tun?«

»Aber natürlich. Mach’s nicht so feierlich, du erschreckst mich sonst.«

»Dich erschreckt schon nichts. Also: geh schlafen. Darum wollt’ ich dich bitten. Und morgen frühzeitig auf. Dann wollen wir lange plaudern.«

Sie erhob sich und kam auf ihn zu.

»Ist Hans krank? Ist etwas mit ihm geschehen? Als du nicht pünktlich warst, wußt’ ich es.«

Er legte den Arm um ihre Schulter.

»Welch ein feinkorrespondierendes Empfinden — —. Wenn ich dir die Wahrheit sage, wirst du sie mir auch sagen?«

»Ja, ja,« drängte sie, »das solltest du wissen. Ich kann nicht lügen.«

»Hans ist drauf und dran, über Bord zu gehen. Aber wir werden das nicht zulassen, wir nicht, gelt, du? Und nun, gerad’ heraus: Hast du ihn noch lieb?«

»Ja, Onkel Springe, ich hab’ ihn so lieb wie früher.«

»Gute Nacht, mein tapferes Mädel. Auf morgen!«

Als sie in der Tür war, nickte sie ihm nochmals lächelnd zu; als müßte sie ihm, dem Manne, Mut einflößen. — —

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Sechstes Kapitel

Erst spät in der Nacht war Hannes eingeschlafen, und als sie erwachte, war es noch nicht sieben Uhr. Ihre Gedanken setzten sofort dort wieder ein, wo die Ermüdung sie unterbrochen hatte: bei Hans.

Die Arme unter dem Kopf verschränkt, lag sie ganz still, mit weitgeöffneten Augen.

Hans ... Wie oft hatte sie das Wort vor sich hin gesprochen, in all den Jahren des heißen Mühens und Studierens, der ersten, angsterfüllten Versuche und der großen, stolzen Siege in ihrer Kunst. Er wußte es ja nicht. Er wußte ja nicht, daß sie ihm alles verdankte, den ganzen, reichen Inhalt ihres Lebens. Er hatte die Liebe in ihr wachgeküßt, und die Liebe hatte den Ehrgeiz der vornehmen Seele geweckt, es dem Geliebten gleich zu tun an Wissenseifer, und den Drang nach der Schönheit der Form. Dann hatte er den ersten, gewaltigen Schmerz in sie hineingetragen, und der Schmerz hatte den großen Stolz gezeitigt, zu zeigen, daß es für den Mann kein Herabsteigen gewesen wäre zur unlösbaren Verkettung von Seel’ und Leib.

Ein leises, liebes Lächeln glitt um ihren Mund. Hans — — —.

Die Wunden, die sie bei dem jähen Abschied davongetragen, waren längst verharrscht. Und im Laufe der Jahre waren die Narben immer glatter, immer feiner geworden. Wenn sie in stillen Nächten, in denen sie heimdachte, mit gleitendem Finger danach tastete, fand sie kaum noch die Spuren. Dann dehnte sie den jungen, gestählten Körper und spürte in ihm statt Wunden und Schmerzen das Wunder der Frauenkraft. Eines Tages — o, eines Tages würde er sie nötig haben, wie den Duft der Heimatscholle, den kein Sohn des Niederrheins auf immer zu missen vermochte, der zu den Treuen im Lande zählte. Sie glaubte fest an diesen Zug der Heimat. Warte nur, über ein kleines ...!

Sie hatte gewartet, und das Warten war ihr nicht sauer geworden. Alle Energien in ihr waren frei geworden und, von einem zähen Willen geleitet, den Weg gegangen, den ihr erst der Trotz und dann in seltsamer Wandlung das erwachte Gefühl der Persönlichkeit gewiesen hatte. Mit geklärtem Auge schaute sie mehr und mehr in alle Dinge und ihre Beweggründe hinein, und wenn sie auf eine unbefriedigte Ehe traf, sah sie die Verschiebung der einst harmonierenden Motive nicht so sehr in äußerlichen Ablenkungen, als in dem rein innerlichen Umstand, daß die Frau am Tage der Hochzeit mit der straffen, geistigen Erziehung abzuschließen pflegte, während für den Mann jetzt erst die Weiterentwicklung und mit ihr die geistigen Kämpfe begannen. Fand er auf die Dauer kein mitgehendes Verständnis, fand er in ihr, in der er eine Kameradin erhofft hatte, immer wieder nur das launenhafte Kind, kaum auf einer höheren Warte stehend als die Kinder, die sie geboren hatte und die sie zu stolzen, starken Menschen erziehen sollte, fand er in ihr nie und nimmer anderes als das Evageschöpfchen, das »um seiner selbst willen« geliebt sein wollte — was Wunder, daß die Kluft breiter und breiter wurde und eine der Seelen frierend am Ufer stand.

Das war dem jungen, im Dunkel seines ersten Liebeswehs umherirrenden Mädchen wie eine Erleuchtung gekommen: eine Frau muß dem Manne, auch nach dem Rausch des Lenzes, ebenbürtig bleiben; nicht in der Fülle des Wissens, aber in der Fülle des Verständnisses. Dann hat sie ein Recht auf ihn, als sein wahrhaftiger Zeltgenosse, der Kampf und Sieg mit ihm teilt, beides wie ein gleichwertiges; nicht als seine hübsche Magd, der er für ein Lächeln ein Armband mit heimbringt.

Darauf war ihr Streben gerichtet gewesen. Sollte der Tag kommen — auf alle Fälle, sie wollte bereit sein.

Der Tag war nicht gekommen. Ihn mit kleinen Künsten herbeizuführen, lag in ihrem Wesen nicht.

Die Reihe war an ihm, dem Manne — und sie wartete, und wenn sie vergeblich warten sollte. Heute stand sie ihm nicht mehr nach, weder in der Kunst, noch im Leben.

Der selbstbewußte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens schwand plötzlich hin, eine Unruhe trat in ihre Augen. Sie zog die Arme unter dem Kopfe fort und saß aufrecht da.

Was hatte Onkel Springe gestern abend gesagt? Was war mit Hans?

»Er ist drauf und dran, über Bord zu gehen — —«

Noch einen Moment ließ sie die Worte in ihren Ohren tönen und hämmern. Dann war sie mit einem Sprunge aus dem Bett und kleidete sich an. »Oho,« murmelte sie vor sich hin, während sie die Haken ihres Promenadenkleides schloß, »oho!« Sie wußte nicht, war es eine Drohung, war es, um sich selbst Mut zu machen. Noch war ihr ja gänzlich fremd, in welcher Lage, in welcher Bedrängnis Hans eigentlich stak. Aber die Gewißheit, daß es eine Bedrängnis war, genügte, um sie vergessen zu machen, daß — die Reihe an ihm sein sollte, zu ihr zu kommen; und all die mütterlichen Eigenschaften, die unbewußt im Weibe ruhen, waren in ihr ausgelöst.

Sie klingelte dem Zimmermädchen.

»Sehen Sie doch sofort nach, ob Herr von Springe schon sein Zimmer verlassen hat. Sonst lassen Sie ihn wecken.«

Heinrich Springe erwartete seinen Bundesgenossen bereits im Frühstückszimmer. Sie ließen sich an einem separaten Tisch servieren und saßen allein.

»Guten Morgen, meine Lerche!«

Sie legte den Arm um seinen Hals und ihre weichen Lippen auf seinen Mund.

»Töchterchen,« sagte er zärtlich und streichelte ihr Gesicht und ihr Haar ... »Dort kommt der Kellner. Jetzt heißt es zulangen. Ein Mensch, der ein ordentliches Frühstück im Magen hat, hat schon halb gewonnen. In diesem Sinne los, Hannes! Wer die beste Klinge schlägt!«

Da hielt sie wacker mit.

»Wunderst du dich nicht, daß ich dir gar keine Komplimente über dein Singen mache?« fragte er nach einer Weile. »Du mußt mich unbedingt für einen Barbaren halten. Gelt, das ist die Meinung?«

»Onkel Springe! Wer ist denn musikalischer als du?!«

»Für den Hausgebrauch, Kind. Die musikalischen Schwingungen muß jeder Künstler in sich verspüren, ob Maler, Dichter oder Klavizimbelspieler. Aber sieh mal, Mädel, da reise ich geschlagene acht Stunden mit dem Kurierzug, um dich nach Jahren wiederzuhören, und als es geschehen ist, bleibe ich stumm.«

Sie streichelte seine Hand und sah ihn schelmisch von der Seite an. »Du wolltest wohl erst die Kritiken in den Morgenblättern lesen?«

»Schlauberger!« lachte er. »Übrigens ist das bereits auch geschehen. Die Herren Musikkritiker verstehen zwar durch die Bank mehr von Instrumentalmusik als von einer Stimme, aber diesmal haben sie sich denn doch zu einem schönen Jubelchor vereinigt. Mein Mädel hat es ihnen angetan, mußte es ihnen ja antun; mir hattest du es ja auch angetan, daß ich den unbezwinglichen Drang verspürte, alle Menschen teilnehmen zu lassen, irgend eine gute Tat zu tun, und da bin ich spornstreichs zum Hans gelaufen.«

Damit war das Wort gefallen. Die beiden sahen sich ernst an.

»Eine Frau ist im Spiel,« sagte Springe kurz.

»Liebt er sie — —?«

»Wenn’s das wäre! Gelt, Mädel, dann würden wir uns bescheiden. Aber das ist es eben nicht. Es ist schlimmer. Er ist mit seinen Sinnen, seinem Hochmut, seiner Eitelkeit engagiert. Das ist ein böses Trisolium für einen Mann, der gewohnt ist, alles von sich selbst aus zu beurteilen und sich in jeder Situation zu bespiegeln. Die Coeur-Dame aber hat ebenfalls ihren Ehrgeiz für sich. Sie möchte außer einem Gatten von Rang und Würden auch noch einen Mantelträger — hm, anders kann ich dir das nicht erklären — und für dies ehrenvolle Pöstchen hat sie in ihrer großen Güte Hans ausersehen.«

»Und Hans — und Hans?«

»Ist aus allen seinen Himmeln gestürzt. Ich habe die feste Gewißheit, daß er sie nicht liebt, so, weißt du, Kind, wie wir das Wort verstehen, mit dem Ewigkeitsbegriff. Aber er ist im Lauf der Jahre ein armer, einsamer Mensch geworden, und todmüde. Da kommt nun eine schöne Frau des Wegs — sagen wir: die gefeiertste Weltdame — und da der verschlossene Sonderling für sie Nouveauté ist, beginnt sie zur Kurzweil das Spiel. Der Mann, der schon auf alle Freuden des Lebens verzichtet hat, traut seinen Augen nicht, zögert, alte Erinnerungen werden in ihm lebendig, und, teils aus Haß, teils aus Gier, noch einmal seine Kräfte zu erproben — er greift zu. Wenn ein Todkranker sich an etwas anklammert, mein Kind, dann fragt er nicht viel nach den Qualitäten, dann redet nur noch sein Egoismus, denn er weiß, es ist das letzte Mal ...«

Springe sann nach. In seinem Geiste sah er, wie Bild für Bild sich entwickelt hatte.

»Die schöne Frau aber,« fuhr er mit ironischer Betonung fort, »hatte bereits andere Pläne, auf die sie nicht verzichten wollte. Und da ihr unterdes Hans unentbehrlich geworden war, als Troubadour, so wirkte sie mit verdoppeltem Nachdruck auf seine Sinne, um ihn für das vorbehaltene Pöstchen des Schleppenträgers gefügig zu machen. Gestern abend erfolgte die Erklärung, und der überrumpelte Hans warf dennoch im ersten Ansturm den Bettel über den Haufen.«

»Ah — —« stieß die Zuhörerin hervor, und über ihr blaß gewordenes Gesicht huschte eine Röte.

»Das muß der Frau wohl imponiert haben. Möglich auch, daß sie darauf vorbereitet war, den Mann erst ein bißchen der Raserei überlassen wollte, um sich dann über den Niedergebrochenen gnädig zu neigen, überzeugt, daß er nun für ein Glück halten werde, was ihm zuvor das Anfassen nicht wert schien. Als ich gestern bei Hans war und meine Plaudereien aus der Heimat ihn still und in sich gekehrt gemacht hatten, platzte in die frommste Stimmung ein billet de diable hinein. Und die schönste Explosion war fertig.

Ich halte im allgemeinen nichts von sogenannten Schickungen. Das sind Eselsbrücken für Faulpelze, die nicht fest zupacken wollen. Aber als in diesem Augenblick bei Hans just eine schwere Erkältung zum Durchbruch kommen mußte, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerz, na, Kleine, da hab’ ich für das eine Mal die Segel gestrichen und die ›Schickung‹ akzeptiert. Auf vierundzwanzig Stunden mindestens liegt er in der Klappe. Gottlob! Mit einem feudalen Husten und Schnupfen kann man weder den Othello, noch den Romeo agieren.«

»Onkel Springe,« bat sie leise, »sei doch ernsthaft!«

»Ich war nie ernsthafter als jetzt. Als ich gestern nacht vor dem Schlafengehen noch für einen Moment in das Café des Kaiserhofs trat, traf ich Herrn Willibald Hüsgen, der Hans bei uns vermutete und ihm auflauern wollte, um sich für den ›genußreichen Abend‹ im Hause Frau Bettina Wittelsbachs zu bedanken. Hans hatte ihn auf seine Quälereien hin dort eingeführt. Herr Willibald war ebenso konfus wie wütend, scheint sich aber einen gut rheinischen Abgang gemacht zu haben. Von ihm hörte ich, daß der bevorzugte Bräutigam ein kleiner, wenn auch etwas abgetakelter Prinz ist. Verstehst du jetzt? Und hier ist das Billett, das Hans gestern nach dem intimen Verlobungszirkel noch erhielt. Ich habe es eingesteckt.«

Er legte die Karte Bettinas auf den Tisch, und Hannes las. Dann lehnte sie sich schweigend zurück, aber in ihren Augen und um ihren Mund stand ein Zug fester Entschlossenheit.

»Nun —?« fragte Springe. »Jetzt gilt’s, den Kriegsplan entwerfen, Kleine.«

»Ich werde zu der Dame hingehen.«

»Was — —? Du — —?«

»Jawohl, ich. Es muß doch auf der Stelle etwas geschehen. O nein, nicht meinetwegen.«

»Aber, Mädel, alter, tapferer Hannes, was willst du denn dort?«

»Das weiß ich noch nicht. Wenn ich ihr gegenüberstehe, werd’ ich es wissen.«

Springe schwieg. Dann nahm er Hannes’ Hände.

»Hör mich mal an. Ich weiß mit Frauenzimmern schlecht Bescheid, oder sie müßten sein wie Frau Margot, du und Mutter Stahl. Düsseldorfer Auslese. Aber daß du zu der Dame hingehst, das duld’ ich nicht. Wenigstens jetzt noch nicht. Du bist ein junges Mädchen, und ich ein gesetzter Mann, wenn’s auch keiner glaubt. Folglich — werde ich hingehen. Das war auch meine Absicht.«

»Onkel Springe, dir werden deine Kavaliertugenden im Wege stehen.«

»Ja, Kind, um mich dort herumzuprügeln, geh’ ich auch nicht hin.«

Nun mußte sie doch lächeln, trotz ihrer schweren Stimmung.

»So meinte ich es nicht. Aber gewisse Dinge können sich nur Frauen sagen. Und wenn du nichts erreichst?«

»Dann, ja dann soll die Reihe an dir sein. Abgemacht!«

Sie erhoben sich und unternahmen einen Spaziergang, über die Linden, durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten. Das Thema wurde nicht weiter berührt. Sie waren beide wortkarg geworden.

Als es gegen elf Uhr ging, verabredeten sie, da das Wetter heiter war, eine Rendezvousstelle am westlichen Ausgang des Tiergartens. Springe nahm einen Wagen und fuhr zum Kurfürstendamm. Dem Hausmädchen, welches ihm die Korridortür öffnete, gab er seine Karte und trug ihm auf, der gnädigen Frau zu bestellen, daß er eine Mitteilung von Herrn Doktor Steinherr zu überbringen habe. Wenige Minuten darauf stand er im Empfangssalon Bettina gegenüber.

Sie sah etwas abgespannt aus, aber gerade der matte Flor um die Augen verstärkte den pikanten Reiz.

»Meine gnädige Frau,« sagte er mit tiefer Verbeugung, »ich erbitte Ihre Verzeihung, daß ich so gänzlich ungerufen —«

»O,« erwiderte sie lächelnd, »die Freunde des Herrn Doktor Steinherr sind auch meine Freunde.«

»Ich werde mir diesen Vorzug zu eigen machen.«

Sie zog einen Moment die Augenbrauen hoch; dann wies sie lässig auf einen Sessel. »Sie ließen mich wissen, daß ein Auftrag des Herrn Doktor Sie zu mir führe ...«

»Ein Auftrag? Pardon, nein. Das ist ein Mißverständnis. Lediglich ein Mitteilungsbedürfnis trieb mich her.«

Eine Pause trat ein. Frau Bettina war auf der Stelle orientiert. Und diese Pause benutzten sie beide, um sich schweigend zu beobachten. Dann sagte die Dame des Hauses kalt: »Jetzt ist es an mir, Ihre Verzeihung zu erbitten. Aber ich erwarte in dieser Minute noch Besuch.«

Heinrich von Springe verneigte sich, aber er blieb sitzen. »Der Besucher, meine gnädige Frau, ist leider durch eine heimtückische Krankheit ans Bett gefesselt.«

»Hans ist krank — —?« entfuhr es ihr so schnell, daß sie ihren Fehler nicht mehr korrigieren konnte.

»Ja,« wiederholte Springe höflich, »er ist krank. Gestern abend ist er plötzlich erkrankt.«

Sie nagte nervös an der Lippe, um die Beherrschung wiederzufinden. Dann sah sie ihr Gegenüber scharf an.

»Sie wissen, um was es sich handelt?«

»Um eine Influenza, gnädige Frau.«

»Ah —!« rief sie zornig und sprang auf. »Mir scheint, Sie wollen die Situation ins Lächerliche ziehen.«

Auch Springe hatte sich sofort erhoben.

»Wenn gnädige Frau mit der Frage etwas anderes bezweckten, dann allerdings habe ich —«

»Nein, nein,« lachte sie ungeduldig auf, »es handelt sich in der Tat um diese — diese Influenza.«

Springe lachte unaufgefordert mit, als ob er die Pointe in ihren Worten durchaus nicht verstanden hätte.

»Sie haben recht, gnädige Frau, das ist freilich eine außerordentlich komische Krankheit.«

Da wurden ihre Gesichtszüge unbeweglich.

»Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Freundlichkeit, mich zu benachrichtigen. Ich darf aber wohl Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«

Und als Springe zögernd auf seinem Platze verharrte, sagte sie mit einer hoheitsvollen Abschiedsverneigung: »Herr von Springe — —?«

Da rückte sich Springe zusammen und trat einen Schritt näher.

»Gestatten Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich noch ein bei der Vorstellung entstandenes Versäumnis nachhole. Ich möchte nicht gehen, ohne mich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vater Hans Steinherrs zu präsentieren.«

Frau Bettina trat überrascht zurück, glühende Röte auf der Stirn. »Sie scherzen,« stammelte sie verwirrt, »das ist doch nicht möglich.«

»Die Verwunderung ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau. Sollte Hans das nie erwähnt haben?«

»Er liebte es nicht, von daheim zu sprechen,« gab sie, immer noch fassungslos, zur Antwort. »Nur einmal, ganz kurz, erwähnte er eines alten Freundes, der durch Heirat sein, Hansens, Stiefvater geworden sei.«

»Dieser alte Freund bin ich, gnädige Frau, und die Freundschaft ist auf meiner Seite unverändert geblieben.«

»Sie sind nicht alt ...« sagte sie gedankenlos.

»Ist denn äußerlich erkennbares Alter ein unbedingtes Erfordernis zum Ehemann?«

Sie zuckte zusammen. Das war Hohn. — — Nun hatte sie sich wieder.

»Da Sie sich als Vater meines besten Freundes ausweisen,« sagte sie mit lächelnder Liebenswürdigkeit, »so müssen Sie mir schon erlauben, daß ich Sie noch ein wenig hier behalte. Das ist eine unerwartete Freude für mich.«

Springe stutzte; aber er ließ sich wieder nieder.

»Und nun erzählen Sie mir von ihm. Von dem Hans, als er noch ganz klein und unartig war.«

»Sollte es nicht,« erwiderte Springe verblüfft, »in unserem Falle richtiger sein, Sie erzählten mir von dem Hans, als er schon ganz groß und — artig war?«

»Bitte, bitte,« schmeichelte sie, und ihre dunklen Augen schienen weich und flehend. »Was ich zu berichten habe, ist nicht immer erfreulich. Er hat mir viel Sorgen gemacht, aber ich hab’ ihn gern und bewundere sein Talent; und von seinen Freunden erträgt man viel, das haben Sie wohl auch erfahren. Erzählen Sie mir von seiner Jugend. Nachher mag die Reihe an mich kommen, zu ergänzen.«

Noch einmal machte Springe einen Anlauf, das Gespräch auf der anderen Bahn zu halten. Aber sie legte ihm sanft die Spitzen ihrer zarten Finger auf die Hand und sah ihm mit dem rätselhaft lächelnden Blick in die Augen.

Das arme Ding, dachte er mitleidig, sie kann nun einmal nicht gegen ihre Natur. Es ist ein Jammer, daß man so einem schönen Geschöpf wehe tun muß. Na, anders geht’s doch nicht.

Aber er begann zunächst zu erzählen. Vom Rhein, vom Düsseldorfer Leben, von seiner ersten Bekanntschaft mit Hans, von den großen Qualitäten des jungen Freundes und seiner Entwicklung, von den feinen, dichterischen Talenten, die durch eine Jugendliebe geweckt worden seien, und vieles mehr. Jedesmal, wenn er zu Ende kommen wollte, berührte sie leise seine Hand, und ihr Auge verlangte, daß er fortfahre.

Mitten in einer Schilderung hielt er inne. Die Zimmeruhr hatte die Mittagsstunde geschlagen. Der Zweck seiner Mission fiel ihm heiß aufs Herz. »Gnädige Frau,« sagte er sich erhebend, »Sie müssen mir den Jungen freigeben, zumal ich mich gleichzeitig beehren darf, Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche zur Verlobung auszusprechen.«

Frau Bettina lehnte sich tief zurück. Das war die Ironie, die ihr immer imponierte.

»Und wenn ich ihn trotzdem behalten möchte.«

»Das ist des Rheinlands nicht der Brauch. Wir da von der Westgrenze sind als reichlich selbstbewußt, oder sagen wir ruhig: hochmütig verschrieen bei aller unserer Lebensleichtigkeit; auch in unserem Lieben machen wir Anspruch auf die erste Stelle.«

»Und in Ihrem Hassen?«

»Ich bin kein Adelsnarr. Aber auf dem Wappen meiner Familie steht der rechte Spruch: ›Pectus amicis, hostibus frontem.‹ Sie haben die Wahl.«

»Ich verstehe kein Latein.«

»Ich auch nicht. Ich hab’s wieder verlernt, seitdem ich merkte, daß in der Welt viel zu wenig ›deutsch‹ geredet würde. ›Die Brust dem Freund, die Stirn dem Feind‹, lautet der Spruch.«

»Wollen Sie mein Freund sein, Herr von Springe?«

»Gnädige Frau tun mir unverdiente Ehre an.«

»Wer ist heute noch ein Freund? Ihr Hans, o ja; heute schon läßt er mich allein. Aber ein Mann ist er doch, der Tollkopf, und deshalb muß er mein Freund bleiben. Und Sie sind sein Erzieher ... Aus dieser Quelle hat er geschöpft. Lassen Sie mich auch davon profitieren.«

»Meine gnädige Frau, der Zweck meines Besuches ist denn doch wohl —«

»Den Zweck Ihres Besuches,« fiel sie ein und schüttelte ihm herzlich die Hand, »den sollen Sie mir morgen sagen, um diese Stunde. Kommen Sie allein, oder kommen Sie mit Hans. Heute laß ich mir die schöne Stimmung, die ich Ihnen danke, nicht angreifen. Das ist Ihre eigene Schuld.«

Sie sah ihn an, mit halb über die Augen gesenkten Wimpern.

»Auf Wiedersehen, Herr von Springe! Ihrem Pflegling die zärtlichsten Wünsche.«

Da stand er draußen; lachend, wütend, vollständig durcheinandergewirbelt. Die Hexe, sprudelte es in ihm. Da hat sie mich so lange von Düsseldorf erzählen lassen, bis wir glücklich so familiär geworden waren, daß ich ihr nicht mehr grob kommen konnte. Hannes meinte ja gleich, meine Kavalierstugenden — — ach was, Kavalierstugenden! Blamiert hast du dich, alter Sohn! Vor zwei kokettierenden Satansaugen hast du geschnurrt wie ein Kater, dem man das Fell streicht!

Als er seiner Bundesgenossin ansichtig wurde, schlug ihm doch das Herz. Aber er bemäntelte seine Niederlage nicht.

»Sie hat mich in Watte gewickelt,« knurrte er und biß sich auf den Schnurrbart. »Viel hätte nicht gefehlt, und ich wär’ ihr um den Hals gefallen.«

»Gott sei Dank!« gab das Mädchen zur Antwort.

»Gott sei Dank?« wiederholte Springe perplex. »Wieso denn das?«

»Onkel Springe, wenn selbst du nicht standhalten kannst, ist Hans doch auch entschuldigt!«

Das ist die Logik der Liebe, dachte Springe. Aber er war kleinlaut geworden und sagte es nicht laut.

»Erwarte mich im Hotel, Onkel. Spätestens in einer Stunde bin ich zurück.«

Er sah ihr nach, wie sie über den Damm mit leichtem, flotten Gang auf eine Droschke zuschritt. In dem rotblonden Haar lag die Vorfrühlingssonne wie eine lustige Lohe. Ist das ein Mädel! gestand sich Springe. Man wird gesund und fröhlich vom bloßen Anschauen. Da liegt ein anderer Schmiß drin als in der Treibhausblume von vorhin. — — — Na, na, na ... Nachträglich Schimpfen, das ist auch so eine Art —.

Dann wandte er sich ab und schlug langsam den Weg zum Hotel ein. — — —

Hannes hatte Frau Bettina ihre Künstlerkarte hineingeschickt, wie sie sie im Verkehr mit Konzertdirektoren und Arrangeuren zu benutzen pflegte.

»Johanna Stahl?« las Bettina nachdenklich. »Die berühmte Altistin, die gestern erst im Philharmonischen — Sagen Sie der Dame, Anna, daß ich sehr erfreut bin, sie zu empfangen.«

Die beiden Frauen standen sich gegenüber.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Bettina, überwältigt von der eigenartigen Erscheinung und der jugendlichen Schönheit der Sängerin, und streckte ihr beide Hände entgegen, »was verschafft mir den Vorzug, einen so ausgezeichneten Gast bei mir zu sehen?«

»Bewilligen Sie mir wenige Minuten Gehör, gnädige Frau? Ich möchte vorausschicken, daß die Angelegenheit, die mich herführt, in erster Linie Ihre Interessen tangiert.«

Bettina ließ die Arme sinken. Die andere hatte ihre Willkommenbewegung gänzlich übersehen.

»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sagte sie mit formeller Höflichkeit. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Hannes machte von der Einladung keinen Gebrauch. Eine Sekunde lang kreuzten sich ihre Blicke. Die eine sah die dunkeläugige, gefährliche Favoritin, die andere das freie, unerschrockene Germanenmädchen.

»Ich spreche gern die Hoffnung aus,« begann Hannes ruhig, »daß unsere Unterredung ebenso kurz wie befriedigend verläuft. Mein Pflegeonkel, Herr von Springe, ist, wie sich denken ließ, unverrichteter Sache heimgekehrt. Ich hatte ihm gleich gesagt, daß das kein Geschäft für Männer sei.«

»Ein Geschäft —? Mein Fräulein, Sie bedienen sich recht seltsamer Ausdrücke.«

»Wir wollen hier nicht um Worte streiten, gnädige Frau. Das würde die Erledigung der Angelegenheit nur verzögern.«

»So — so — —. Sie kommen aus demselben Grunde wie Herr von Springe? Nun, ich finde das für Sie nicht sonderlich delikat.«

»Gnädige Frau, Sie wollen gütigst beachten, daß das — Parfüm nicht von mir herstammt.«

»Mein Fräulein!«

»O nein, Sie erschrecken mich nicht. Ich fasse mich kurz. Das ist auch mein Geschmack. Es liegt in Ihrem Interesse, daß ich Sie bitte, Ihre Beziehungen zu Herrn Hans Steinherr ohne weiteres abzubrechen.«

»Verehrtes Fräulein,« lachte Bettina und zuckte die Achseln, »die Rolle der verlassenen Ariadne, in der Sie sich gefallen, ist einfach lächerlich.«

»Es freut mich, daß Sie das Kolorit dieser Rolle richtig taxieren, obwohl ich nicht viel mit ihr zu tun habe. Ich reise morgen nach München und singe in acht Tagen in Paris. Aber eben Sie, gnädige Frau, möchte ich vor dieser Rolle bewahren.«

»Tragen Sie keine Sorge. Ich qualifiziere mich nicht dazu.«

»Das zu erfahren, läge lediglich in meiner Hand.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Ich frage Sie nur, ob Sie, die Verlobte eines hohen Herrn, die Beziehungen zu meinem Jugendfreunde lösen wollen oder nicht.«

»Und wenn ich Ihnen jegliche Antwort darauf verweigerte?«

»Soll ich das als Antwort auslegen?«

»Es steht in Ihrem Belieben.«

»So zwingen Sie mich, auf der Stelle zum Prinzen Georg hinzufahren und ihm den Inhalt dieser Unterredung mitzuteilen. Entscheiden Sie sich!«

Bettina war erblaßt. Ihre Brust hob und senkte sich tief, und die langen Wimpern zitterten über ihren Augen.

»Wenn Sie durchaus Lust verspüren, sich selbst mit diesem Schritt zu kompromittieren — —. Sie verstehen mich wohl. Übrigens wird man Sie nicht empfangen.«

»Man wird mich empfangen. Ich bin meiner Kunst dankbar, daß sie mir alle Türen öffnet. Und vor einer Kompromittierung fürchte ich mich nicht. Das ist mir die Freundschaft schon wert.«

Die beiden Frauen sahen sich fest in die Augen. Dann sagte Bettina mit einer starken Willensanstrengung: »Ihr glühendes Eintreten stellt mir den Preis so verlockend vor, daß ich Lust habe, freiwillig dem Prinzen abzusagen und Herrn Doktor Steinherrs Werbung heute noch anzunehmen.«

»Das kommt zu spät, gnädige Frau.«

»Mein Fräulein, ich muß mir jetzt jeden weiteren Einspruch verbitten.«

»Gestern hätten Sie noch ein Recht dazu gehabt, heute nicht mehr. Ich lasse Hans nicht unglücklich machen.«

»Unglücklich? Wenn ich ihn heirate? Das ist zum wenigsten originell.«

»Hans würde über die gestrige furchtbare Enttäuschung nie hinwegkommen. Er würde nie das Vertrauen zurückgewinnen und an den quälenden Gedanken zu Grunde gehen.«

»In Ihnen aber, nicht wahr, in Ihnen würde er die rechte Gefährtin finden. Nun, ich bin nicht seelengroß genug, um Ihnen den erwählten Gatten abzutreten. Mein Entschluß ist jetzt gefaßt.«

»Gnädige Frau,« begann Hannes, und ihr stolzer Mädchenkörper reckte sich hoch auf. Über ihrem Gesicht lag eine finstere Ruhe. »Gnädige Frau, ich habe bis jetzt nicht von mir gesprochen, aber wenn Sie mich zwingen, werde ich von mir sprechen.«

»Ah — das klingt wie eine Drohung ...«

»Und es ist eine Drohung. Sehen Sie mich an. Wir sind zwei Frauen, und keiner hört uns. In der Stunde der Gefahr soll keine falsche Scham zwischen uns stehen. Sehen Sie mich an. Sie sind schön und üben Ihren Einfluß auf die Männer; und ich —« eine dunkle Röte flog über ihre Stirn, aber in ihren Augen blieb das stahlharte Leuchten — »ich traue mir zu, es mit Ihnen aufzunehmen. Kein Mann hat mich je berührt, mit Ausnahme Hans Steinherrs, als er noch ein halber Knabe war. Das fällt mit in die Wagschale. Wagen Sie es, von seiner Stimmung Gebrauch zu machen, wagen Sie es, ihn für immer an sich zu ketten und damit sein Leben zu zerstören, nachdem Sie seinen Glauben schon zerstört haben! Selbst dann werde ich meine mädchenhafte Scheu überwinden, und ich werde schöner sein und treuer sein als Sie, und ich werde länger jung bleiben um seinetwillen! Wagen Sie den Kampf? Ich werde ihn mit der Heimatsstimme rufen und dem Ton der alten Erinnerungen. Für sein Glück soll mir kein Opfer zu schwer sein, und der Herrgott wird es mir verzeihen.«

Frau Bettina starrte das Mädchen an. Das war kein Ausbruch verwundeter Eitelkeit, das war die hinreißende Frauenreinheit, die alles darf, und die durch nichts befleckt wird. Und mit einem Male kam sie sich alt und müde vor neben dem jungen, zu jedem Kampf entschlossenen Geschöpf.

»Gehen Sie, gehen Sie!« murmelte sie und drückte die Hand vor die Augen.

Da trat Hannes auf sie zu und zog Frau Bettinas Hände herab. »Ich bin, als ich eintrat, Ihrem Händedruck ausgewichen, gnädige Frau. Lassen Sie mich jetzt Ihre Hände drücken.«

»Ich weiß nicht, womit Sie es mir angetan haben,« stammelte die Frau. »Sie — Sie haben den gläubigen Mut ...« Und plötzlich, dem Impuls des Weibes folgend, schlang sie den Arm um Hannes und sah ihr leidenschaftlich in das ernste und doch so jugendstrahlende Gesicht.

»Leben Sie wohl, Sie glückliche Natur! Ihr Hans soll nie wieder von mir hören. Nur drei Abschiedszeilen zum Adieu.«

Mein Hans — dachte Hannes mit einem wehmütigen Lächeln. Aber sie behielt tapfer ihre Haltung bei, und ruhig und gefaßt schieden die Frauen voneinander. — —

Im Hotel ließ sie Springe auf ihr Zimmer bitten. Sie nickte dem aufgeregt Hereinstürmenden zu.

»Hans wird nicht über Bord gehen. Die Gefahr ist vorbei.«

* * *

Als Springe am Nachmittag den Freund aufsuchte, fand er ihn am Schreibtisch sitzend. Stumm wies Hans Steinherr auf ein Blatt Papier. Bettina schrieb ihm, daß sie noch am selben Abend zu Verwandten ihres Verlobten abreise, ihn aber um seine Verzeihung bitte.

»Komm mit nach Düsseldorf!« sagte Springe ernst. »Du bist es dir und du bist es auch der Mutter schuldig. Die Heimat wird dich gesund machen.«

»Ich glaube an kein Gesundwerden mehr, Heinrich. Ich habe meine Wurzeln eigenhändig zerstört.«

Aber er ließ sich leicht überreden, er war müde und hatte eine traurige Sehnsucht. —

Hannes war nach München abgereist. Er hatte ihre Grüße empfangen und sie selbst nicht gesehen. Sie schien vor ihm geflohen zu sein, und das schmerzte ihn tiefer, als er es Springe wissen ließ.

In den ersten Märztagen fuhr Hans Steinherr an der Seite Heinrich von Springes durch Hannover, Westfalen und das niederrheinische Land. In sich versunken blickte er auf die Lichter Düsseldorfs, die sich rasch näherten. Er kam nicht als Sieger, aber er kam.

Die Heimat hatte ihren erkrankten Sohn zurückgefordert.

Illustration from Die vom Niederrhein: Roman

Siebentes Kapitel

Herr Friedrich Leopold von Springe saß an seinem hochbeinigen Schachtisch, dessen eingelegte Platte von einer niederen Galerie umgeben war, um die Figuren vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Er trug eine elegante, flauschige Jagdjoppe, sein dünnes Haar war sorgfältig frisiert, und sein schlohweißer Schnurrbart strebte noch immer in keck gestutzten Spitzen nach oben. Nur in seinen Händen war ein leichtes, wenn auch kaum auffallendes Zittern zu bemerken, wenn er den Läufer zum Sturm beorderte oder den Springer den Rösselsprung vollziehen ließ. Er behauptete zwar, das sei die Aufregung des Spiels, kompliziert durch die Partnerschaft einer angebeteten Dame.

Diese Partnerin und Verehrte seines Herzens thronte in Gestalt Frau Stahls auf einem hohen Ledersessel ihm gegenüber. Über ihre faltigen Züge huschte, so oft sich Herr Friedrich Leopold in einer chevaleresken Bemerkung gefiel, ein kurzes, verschämtes Lächeln, das sie alsbald unter einem verdoppelt strengen Ernst zu verstecken sich mühte, gerade so, als müßte man sich von dem gefährlich tuenden alten Herrn der unglaublichsten Heißspornigkeiten gewärtig halten und dürfte daher seinem Jugendfeuer nicht die geringsten Konzessionen machen.

Eine warme Gemütlichkeit herrschte in dem Zimmer. Kein Geruch nach Lavendel und Rosmarin. Aber es duftete verräterisch nach echtem Sellnerschen Punsch vom Karlsplatz.

»Durchaus nicht, weil ich am Alkohol hänge,« pflegte der alte Herr jedesmal zu betonen, wenn er aus dem Tischuntersatz das Glas hervorholte und verbindlich gegen Frau Stahl hob. »Ich bin eigentlich von Haus aus Vegetarier und schwärme für junges Gemüse. Aber wo soll der Mensch in den ersten Tagen des Märzen Maikräuter herbeziehen!«

Gegen diese eiserne Logik ließ sich nichts einwenden. Und wenn auch Frau Stahl von Zeit zu Zeit mit dem liebevoll geschärften Blick, mit dem man große Jungen zur Einkehr zwingt, auf die nach dem Tischuntersatz tastende Hand des alten Herrn schaute, so ungefähr, als ob sie auf seinem Handrücken etwas ganz außerordentlich Interessantes erblickte, so erhob sie sich doch zu mehreren Malen am Abend, um aus dem Kamin schweigend den dampfenden Wasserkessel hervorzuziehen.

Dann saß Herr Friedrich Leopold ganz still, die Hände im Schoß gefaltet, und beobachtete ihr Tun. Mit leichtgewölbten Nasenflügeln schnupperte er den Duft, der aus der innigen Vermählung des Punschsirups mit dem brodelnden Wasser aufstieg, und bewegte leise die Lippen.

»Aber, Herr von Springe,« sagte die alte Frau mahnend, »können Sie denn gar nicht abwarten?«

»Ach,« erwiderte Friedrich Leopold harmlos, »Sie meinen also wirklich, das geschehe wegen des Punsches? O, meine gute Frau Stahl, in welchem Irrtum bewegen Sie sich. Wenn meine Lippen sich regen, so tun sie es, weil es sie zum Reden drängt. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Und wenn ich so die Zierlichkeit Ihrer Bewegungen bei der Punschbereitung betrachte — nein, nein, lassen Sie mich nicht weitersprechen. Aber das Wort des einzigen Philosophen, den ich anerkenne, bleibt dennoch wahr: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«

»Haben Sie denn Sorgen, Herr von Springe? Das bißchen Podagra meldet sich doch nur beim Witterungsumschwung.«

»Liebessorgen, meine verehrte Frau; Liebessorgen um Sie.«

»Ja,« sagte die alte Frau und hob betrüblich die Achseln, »da ist freilich nix zu machen. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich bleib’ fest, aus Konsequenz.«

»Na, dann geben Sie mir wenigstens den Leidenskelch. Frau Stahl, Frau Stahl! Wenn ich in meinen besten Mannesjahren jählings zum Trinker werde — Sie tragen die Verantwortung. Nein, nein!« protestierte er, »keine stärkere Wasserzugabe. Ich bin durch Ihre Absage genügend abgebrüht.«

Sie aber ließ sich nicht behindern, den Trank nach Gutdünken zu mischen.

In dem offenen Kamin knatterten die Holzscheite hinter dem Eisengitter. Das war bei kaltem Wetter Herrn Friedrich Leopolds größte Freude.

»Sehen Sie,« belehrte er Frau Stahl, »der Stolz auf sein altes Adelsgeschlecht, das ist doch kein leerer Wahn. Man muß ihn nur richtig handhaben. Ich bin ja nur ein dürres Reis an unserem Stammbaum, aber trotzdem, ich habe die Geschichte unseres Hauses im kleinen Finger. Und wenn ich so sitze und grübele — dann gehört ein offenes Kaminfeuer dazu und das Rattern und Knattern der Scheite. An so einem Kaminfeuer haben sich auch meine Herren Vorgänger im lustigen Mittelalter höchstihre Fußsohlen gewärmt, wenn sie von mehr oder weniger tugendhaftem Beginnen auf ihre Burg am Rhein zurückkehrten. Geben Sie gut acht. Der Kamin und das Füßewärmen tun’s nicht allein; aber — die Tradition. Es ist so ein eigentümlich Ding um so eine Familientradition. Man sollte ihr auch in Bürgerkreisen mehr nachgehen. Glauben Sie mir, die Gedanken daran wandeln sich in Blutkörperchen um, und die Blutkörperchen geben Haltung. Man weiß, man ist seinen Vorgängern und Nachfolgern etwas schuldig, und wäre es auch nur die — gute Haltung. Ein Meteor, das sich von seinem Heimatstern ablöst, strahlt zwar sehr schön und setzt alle Welt einen Atemzug in Staunen, aber wenn es seine Bahn durchsaust hat, sinkt es auf fremder Erde in Nacht und Grauen. Höchstens findet’s ein Professor. Der klopft und riecht dran herum und — o Tragikomödie des Meteors — erklärt der gläubigen Jüngerschar: Meine Herren, das, was Sie hier sehen, ist durchaus kein Element an sich. Es hatte einmal elementare Qualitäten, als es noch seine Kräfte aus dem zuständigen Heimatsrevier des Saturn oder Uranus zog. Jetzt aber, jetzt — tun Sie’s in Ihre Sammlung, unter: Verschiedenes.«

Der alte rheinische Junker stemmte seine Füße fest gegen das Kamingitter und fuhr fort: »Die Familientradition, ja, die hat eben etwas an sich. Man braucht sie nicht nachzubeten, bloß in den Knochen soll man sie haben. Das ist auf alle Fälle ein feiner Regulator zwischen dem modernen Geist und der alten Materie. Sie mögen sagen, was Sie wollen: das sind Imponderabilien, die man bei der Rassenentwicklung nicht unterschätzen soll. Schauen Sie sich um unter den Söhnen des Landes. Bengel sind sie ja alle, gottlob!, und das ist ein gesundes Zeichen. Aber wie Sie, im engeren, unter den Akademikern untrüglich die Verbindungsstudenten herauswittern, so werden Ihnen, im weiteren, immer die jungen Leute auffallen, die durch ihre Erziehung darauf hingeleitet worden sind, ihrer Altvorderen, ob bürgerlichen oder adligen Grades, zu gedenken. Was natürlich mit der persönlichen Hinneigung des einzelnen zum Genie oder zum Schafskopf auch nicht das allermindeste zu tun hat. Ich resümiere nur auf die Haltung; in allen Lebenslagen.«

Die alte Frau, die das Leben wissend gemacht hatte, nickte. Auch heute freute sie sich an der draufgängerischen Frische des Altersgenossen, aber sie hatte Lust, zu opponieren.

»Und wenn ein Kind keine Familientradition besitzt? Es gibt doch auch solche Würmer.«

»Donnerwetter,« sagte der alte Herr eifrig, »dann heißt es eine anlegen; auf einer Basis, so groß und breit und tief und unveräußerlich, wie — na — kurz — wie ein Fideikommiß. Deubel ja, muß das schön sein, eine werdende Familie zu etablieren, so eine mit Haken und Ösen. Und der dolle Stolz, den man dann darauf hat!«

»Zum Beispiel: wie der alte Steinherr,« meinte Frau Stahl nebenbei.

Herr Friedrich Leopold sah sie groß an.

»Ich sprach doch nicht von einem Krämergeschäft mit Addieren, Multiplizieren und Bruch- und Prozentrechnung, bis die Siebenstellige im Münzwert voll ist? Nein, meine verehrte Frau, ich meinte die Etablierung eines besonders feinen und körperlich gesunden Menschenschlags, mit Addieren und Multiplizieren, bis die Siebenstellige im geistigen oder seelischen Wert voll ist, von der dann die Nachkommen auf Generationen hinaus zehren. Um Ihnen ebenfalls mit einem Beispiel zu dienen: Hannes!« — —

Die alte Frau stand auf, ging zum Kamin und schüttelte dem Realphilosophen derb die Hand.

»Ja, ja, ja,« philosophierte der weiter, »und langlebig macht so eine gute, alte Familienerinnerung! Wenn andere Leute in das Kaminfeuer blicken, denken sie zurück bis zu dem Tage, an dem sie ihre Nase im Gesicht verspürten. Bei mir jedoch werden hundert Jahre wie ein Tag. Da seh’ ich alle meine Leute durch die Jahrhunderte schreiten, und alle sind sie mir bekannt, die Würdigen und die Borstigen, und so oft ich sie aufmarschieren lasse — ätsch, ich bin der Jüngste. Sehen Sie, meine verehrte Freundin, darin liegt das große Geheimnis meiner ewigen Jugend.«

Die Greisin sann nach.

»Sie sind ein glücklicher Mensch,« sagte sie dann.

»Bin ich auch.«

»Den einen trifft’s und den anderen kann’s auch treffen. Wenn man in die Jahre kommt, von denen geschrieben steht: sie gefallen mir nicht ...«

»Nee, nee, nee, Frau Stahl, nun schwindeln Sie. Die Jahre gefallen uns gar nicht schlecht. Jungen Leuten wie uns kann’s doch nicht auf ein paar lumpige Jahre ankommen. Die Hauptsache ist: leben, und wissen, daß man lebt! Beste Freundin, Ihre Lippen sind sonst doch immer schwer an Sprüchen der Weisheit. Ist Ihnen denn über den Wert des Lebens kein kräftig Wörtlein geläufig?«

Die alte, ungebeugte Frau mit dem großen Lebenstrotz saß auf ihrem Ledersessel und strich mit der Handfläche über die aufmarschierten Schachfiguren hin und her. Dann begann sie zu reden: »Es begegnet dasselbe einem wie dem anderen, dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie dem Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert. Wie es dem Guten gehet, so gehet’s auch dem Sünder. Wie es dem, der schwört gehet, so gehet’s auch dem, der den Eid fürchtet. Das ist ein bös Ding unter allem, das unter der Sonne geschieht, daß es einem gehet wie dem anderen; daher auch das Herz der Menschen voll Arges wird, und Torheit ist in ihrem Herzen, dieweil sie leben; danach müssen sie sterben. Denn bei allen Lebendigen ist, das man wünscht: Hoffnung; denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe.«

»Bravo!« rief Herr Friedrich Leopold und rieb sich die Hände. Besonders das Beispiel hatte seinen Beifall.

»Denn die Lebendigen,« fuhr die Greisin mit einem kleinen Lächeln über des alten Freundes Zustimmungsruf fort, »wissen, daß sie sterben werden; die Toten aber wissen nichts, sie haben auch keinen Lohn mehr; denn ihr Gedächtnis ist vergessen, daß man sie nicht mehr liebet, noch hasset, noch neidet; und haben keinen Teil mehr auf der Welt in allem, das unter der Sonne geschieht.«

»Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe,« bestätigte der Zuhörer.

»So gehe hin,« schloß die Greisin frisch, »und iß dein Brot mit Freuden, trinke deinen Wein mit gutem Mut —«

»Bravo, bravo —«

»— denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß sein, und laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem Weibe, das du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben währet; denn das ist dein Teil im Leben und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonne. Alles, was dir von Handen kommt zu tun, das tue frisch; denn in der Hölle, da du hinfährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch Weisheit.«

»Schade um den Schluß,« sagte Herr Friedrich Leopold, »aber bange machen gilt nicht, und Spaß muß sein.«

Dann verließ er seinen Kaminsitz, nahm Frau Stahl gegenüber am Schachtisch Platz und schaute sie voll ehrlicher Bewunderung an.

»Allen Respekt, Verehrteste, das war eine Leistung. Aber, aufrichtig: aus sich selbst haben Sie das nicht, das haben Sie mal irgendwo gelesen.«

»Das steht in der Bibel, Herr von Springe; im Prediger, neuntes Kapitel.«

»Ja, ja, ja,« sagte der alte Junker ein wenig kleinlaut .... »Hören Sie mal,« meinte er nach einer Pause, und das ehrliche Staunen stand wieder in seinen Augen, »wie haben Sie das nur alles seit der Schulzeit behalten?«

»Ich habe das seit der Schulzeit regelmäßig wieder aufgefrischt, Herr von Springe.«

»Aber natürlich, aber natürlich ... Eigentlich schlimm, daß ich ... Aber nun hab’ ich ja den Pastor im Hause, mir wird nichts mangeln,« und er schüttelte der Freundin vergnügt die Hand.

Dann spielten sie, wie allabendlich, ihre Schachpartie zu Ende.

Draußen stritt die Dämmerung mit dem Märzabend. Hier drinnen war es friedlich und fröhlich. Eine hohe Stehlampe mit breitem, rotem Schirm erleuchtete und beschattete zugleich harmonisch die kleine Welt der beiden Alten, die kraft ihrer Erinnerungen die Grenzen ausdehnen konnten zu einem weiten Reich und zusammenziehen zu einem stillen Hafen. Im Kamin sangen die Buchenkloben alte, einfältig schöne Lieder, und von der gebräunten Ledertapete schauten im engen Beisammen ein paar nachgedunkelte Ahnenbilder, Frau Margots strahlende Züge und die klaren, kühnen Mädchenaugen des Lieblings Hannes herab.

Herr Friedrich Leopold streifte die Bilderreihe mit einem liebevollen Blick.

»Wir sind das Bindeglied,« meinte er und nickte zu der kleinen Galerie hinüber. »Wir sitzen hier als Vermittler auf der Wacht, bis wir selber ein Ahne werden. Aber dazu muß man zunächst Großvater sein ...« Frau Stahl sah ihn prüfend an und lachte dann vor sich hin.

»Finden Sie nicht,« fuhr der Unverbesserliche fort, »daß man uns eigentlich ein großes Vertrauen schenkt, uns so mutterseelenallein zu lassen? Das heißt: das Vertrauen hat eigentlich etwas Beleidigendes. Wie alt sind wir denn? Knapp fünfundsiebzig pro Person. Vor lumpigen vierzig Jahren hätte man uns nicht so allein gelassen, meine verehrte Frau. Das sollten wir den Rackers da drüben doch mal anstreichen, und da wir sicher noch kostbare fünfundzwanzig Jährchen vor uns haben, so meine ich, ein ehrenwerter Antrag — —«

Und er schmunzelte wie ein Spitzbube, der seinen Partner in Bedrängnis gebracht hat.

Frau Stahl legte den Kopf auf die Seite und blinzelte ihn an.

»Na ja,« ließ sie sich nach einer oberflächlichen Prüfung des Antragstellers vernehmen, »das Köpfchen wäre ja noch ganz gut, aber ...«

»Bitte, da gibt es durchaus kein Aber!« rief Herr Friedrich Leopold, und reckte seine lange Gestalt, um schleunigst wieder zusammenzuknicken. Irgendwo in den Gelenken hatte es verdächtig geknackt.

»Achtung, Achtung! Nicht das Spiel aufhalten!« Frau Stahl tat mit der Königin einen kühnen Raubzug.

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