Zweites Buch (continued 4)
Reading edition
Und er freute sich kindisch, wenn die kleinen unsichtbaren Gesangskünstler prompt einsetzten.
Jetzt war er so in sein Tun vertieft, daß er das Uhrenschlagen überhaupt überhörte. Nur einen Schritt überhörte er nicht. Der klang ihm denn doch zu bekannt. So ging nur Frau Margot.
Sie war schon dicht vor dem Hause, da lehnte er sich, die Zigarre zwischen den Lippen, weit aus dem Fenster, damit sie ihn erkennen sollte, und rief so gemütlich und fröhlich, als ob es sich um eine Absprache handelte: »Guten Morgen! Guten Morgen, du allerschönste Frau! Hast du dich auch herbemüht?«
Frau Margot war sprachlos. Sie hatte den Weg in der treibenden Angst der Ungewißheit zurückgelegt, von allen erdenkbaren Schreckensbildern erfüllt, und nun rekelte sich ihr geliebter Mann zigarrenrauchend im Fenster und machte Naturstudien!
»Aber Heinz — — aber Heinz!«
»Willst du zum Fenster einsteigen, oder soll ich dich feierlich an der Tür des Hauses empfangen?«
»Sei nicht so unvernünftig fidel. Ich bin ja ganz hin.«
»Das, Liebste, kommt davon, wenn man nicht seine unvernünftige Fidelität beibehält.«
»Heinz, so öffne doch!«
»Aber nicht prügeln, hörst du? Ich habe nichts verbrochen!«
Sie schüttelte lachend den Kopf über den Unverbesserlichen.
Nun war sie bei ihm im Zimmer und bestürmte ihn um Auskunft.
»Erst beichten, wer dich mir auf die Spur gebracht hat. Es muß alles seine Ordnung haben.«
»Ach Gott, Heinz, ich wachte auf und fand deinen Platz immer noch leer. Das ängstigte mich, und ich nahm meinen Morgenrock über, um zu sehen, ob bei den Toggenburgers noch Licht sei. Du und Hannes, ihr hattet ja den ganzen Tag über Heimlichkeiten gehabt. Und als ich wirklich noch Lichtschein entdeckte, klopfte ich leise an. Du kannst dir meinen Schreck vorstellen, als die Wirtschafterin von Hans mir öffnete.«
»Das ist die Strafe, wenn die Frau nicht vertrauensvoll den Mann erwarten kann,« sagte Heinrich Springe.
»Spotte du noch! Mir war alle Lustigkeit vergangen. Und als mir Frau Schmitz gar mitteilte, daß sie das Fräulein hätte holen müssen, weil der Herr Doktor daheim wohl erkrankt sei, da war ich im Handumdrehen angekleidet und, und — da bin ich.«
»Und nun beruhigt, Liebste?«
»Beruhigt —? Aber ich bin ja noch so klug wie zuvor.«
»Ach so,« stimmte Springe bei. »Ja — viel klüger bin ich auch nicht.«
»Aber so sag doch endlich, ob Hans wirklich krank ist!«
»Krank? I wo! Der wird sich in diesem Augenblick wohl so urgemütlich befinden wie noch nie in seinem Leben. Ich nehme das wenigstens an.«
»Heinz, sei ernsthaft! Was ist hier vorgegangen? Weshalb hast du Hannes in der Nacht herholen lassen? Du mußtest doch sehr schwerwiegende Gründe haben.«
»Ja, Margot, die hatte ich. Du siehst, ich bin jetzt ganz ernst. Hans wollte in dieser Nacht ohne Abschied von dannen. Er wollte wieder reisen, ins Ungewisse. Vielleicht wäre er nie wieder gekommen. Ich erfuhr davon, ich habe lang’ auf ihn eingeredet, bei uns zu bleiben, gesund und froh zu werden. Es half nichts. Da dachte ich: Hier kann nur eine helfen. Wenn die Namen der Mutter und des Freundes versagen, bleibt als letztes der Name der Geliebten. Und so griff ich denn zu der stärksten Beschwörung und ließ Hannes holen.«
»Sie muß ihn sehr lieb haben,« sagte Frau Margot leise und drückte die Hand des Gatten.
»Und er sie nicht minder,« entgegnete Heinrich Springe, »denn er scheint sie jetzt überhaupt nicht mehr hergeben zu wollen. Diese Egoisten haben meine Existenz total vergessen.«
»Wo sind sie denn? Ich möchte sie sehen.«
»Oben. In seinem Schlafzimmer.«
»In seinem — —?«
»Aber Liebste, mach doch nicht so liebe, dumme Augen. Sie sind in der Tat oben. Der Junge hatte sich zur Ruhe gelegt, um nicht gestört zu werden, und in der Frühe wollte er heimlich davon. Da ist das tapfere Mädel schnurstracks hinaufgegangen, um ihn zu zwingen, sie anzuhören. Nicht nur für sich, für uns alle. Spürst du denn nicht, wie kleinlich und nichts-bedeutend in der Stunde der Gefahr alle sogenannten Anstandsregeln werden? Zimperlichkeit ist nicht rheinische Art.«
Frau Margot schmiegte sich an seinen Arm und lachte zu ihm auf.
»Du, du? Ist das nicht unschicklich?«
»Unschicklich ist es,« sagte Heinrich Springe mit einem tiefen Atemzug, »aber es ist auch verdammt schön! Und siehst du,« fuhr er fort und legte den Arm um ihren Leib, »weil die Schönheit gar so selten ist, so soll man sie, wenn sie uns grüßt, halten und fassen, wie und wo man kann. Und nie, nie im Leben soll man sie ungeküßt von dannen lassen.«
Am offenen Fenster zog er ihren Kopf zu sich heran, und sie wehrte nicht, und sie küßten sich.
»Das ist aller Weisheit Schluß, du liebe Frau.« —
Die Tür öffnete sich. Da waren die Kinder.
Und wortlos eilten die beiden Frauen aufeinander zu und umarmten sich. Eine jede den Kuß des Liebsten auf den Lippen.
»Mutter —« sagte endlich Hannes.
Frau Margot aber nahm beider Hände in die ihren — — —
Heinrich Springe hatte sich abgewendet. Unmännliche Rührung mißbilligte er an der eigenen Person.
Dann standen sie alle am Fenster und atmeten tief in der Frühlingsluft.
»Wie weiß die Gärten in Blüte stehen,« sagte Hannes. »Das kommt, ohne Fragen und Zaudern, weil es seine Bestimmung ist.«
»Das ist eine bräutliche Nacht,« nickte Frau Margot. »Duft und Licht und Klang vermählen sich in eins.«
Heinrich Springe stand zwischen den beiden Frauen. Er wußte keine Sentenz. Aber er drückte sie beide an sich und sagte, lachenden, leuchtenden Auges in den aufsteigenden Morgen hinausschauend:
»Kinder, Kinder, es ist doch etwas Eigenes um den Frühling am Niederrhein.« — — —
