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Die Sternbuben in der Großstadt

Zwölftes Kapitel. Kasperle muß das Heimweh vertreiben.

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Herta und Irene gingen am nächsten Vormittag wirklich in den Garten, nur um die Buben zu ärgern. So meinten sie; heimlich hofften sie aber, Mathes und Peter würden sehr nett sein, und sie würden sich wieder miteinander vertragen, und sie würden sich auch mit Annedore versöhnen, alles würde gut sein. Doch sie kamen weder dazu, ihre Nachbarn zu ärgern noch sich mit ihnen zu versöhnen. Die erschienen gar nicht. Im Garten blieb es still, und als die beiden Mädel zur Mittagstunde mißmutig ihre schönen Spielsachen zusammenpackten und wieder hinaufgingen, kamen die Sternbuben gerade mit ihrer jungen Tante heim. Sie waren im Zoologischen Garten gewesen. Dort waren sie nicht eingeschlafen, ja sie wären gern noch einmal so lange dort geblieben, so gut hatte es ihnen gefallen.

An diesem Nachmittag ging es in der Ringewaldschen Küche wie in einer Menagerie zu. Mathes und Peter brüllten, brummten, kreischten und schrieen wie die Tiere, die sie am Morgen gesehen. Hulda mußte doch alles hören! Peter ahmte einen Affen nach, Mathes brüllte wie ein Löwe, und Hulda sagte, fürchterlich sei es.

Die Buben dachten nicht daran, in den Garten zu gehen; erst als Annedore kam, stiegen sie mit der hinab, und die war gern bereit, Zoologischen Garten mitzuspielen. Natürlich mußten sie wieder brüllen, kreischen und quieken, und dieser Lärm lockte Herta und Irene in den Garten. Und nun konnten sie nicht einmal tun, als wären die da drüben nicht zu sehen und zu hören, dazu war der Lärm zu groß. Und Annedore war ja auch dabei, um deren Freundschaft sie bangten.

Sie standen erst von fern, dann kamen sie näher und sagten nun doch zuerst guten Tag. Annedore nickte ihnen zu. „Wir spielen,“ rief sie vergnügt.

Mathes vergaß seinen Groll, er fand nämlich, der Zoologische Garten könnte reicher besetzt sein, und darum rief er über das Gitter den beiden zu: „Wollt ihr mitspielen?“

„Ja — wir können, ja!“ Herta sagte es sehr zögernd, und dabei hatte sie doch die allergrößte Lust mitzutun.

„Na, dann kommt! Herta kann Kamel sein und Irene Stachelschwein.“

„Pfui, seid ihr grob!“

„Wir sind doch net grob!“

„Ja, grob seid ihr — ihr Kellnerjungen!“

Mathes, der ohnehin ein Löwe sein wollte, brüllte laut vor Zorn; er war drauf und dran, über das Gitter zu steigen, doch Annedore hielt ihn zurück. „Die haben gedacht, du schimpfst sie,“ erklärte sie.

„Sie haben uns geschimpft!“

Annedore war sehr friedfertig. Zank und Streit mochte sie nicht leiden, darum rief sie über das Gitter:

„Das war doch nicht geschimpft!“

„Ich bin kein Kamel!“

„Ich bin kein Stachelschwein!“

„Es ist abscheulich, das zu sagen!“

Annedore lachte, und da erst begriffen die Sternbuben den Irrtum; sie lachten mit, lachten so herzhaft, daß ihre gekränkten Nachbarinnen angesteckt wurden. Sie kamen näher, Annedore erklärte, und über das Gitter hinweg versöhnten sich alle. Das Gitter trennte sie; und doch spielten sie zusammen. Diesseits waren die Käfige, und jenseits wanderten Herta und Irene einher und bewunderten die brüllenden wilden Tiere drüben. Sie waren lieber Zuschauerinnen als Kamel und Stachelschwein.

Es wurde nach aller Ansicht viel zu früh dunkel, und viel zu früh mußte Annedore heimwandern. Doch den frohen Nachmittag beschloß ein froher Abend, und die Sternbuben schliefen mit dem seligen Gedanken ein: morgen ist Sonntag.

Wenn schon die Wochentage so vergnügt waren, wie würde da erst der Sonntag sein!

Als Mathes und Peter erwachten, hörten sie ein sachtes, sanftes Rauschen. Unablässig erklang das, und im Zimmer war es auch nicht so hell wie in den vergangenen Tagen.

Es regnete! Plitsch platsch! tropfte es draußen, grau der Himmel, naß die Straße. Die Buben starrten ganz verdutzt hinaus. Auf Regenwetter hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten den Sonnenschein hingenommen, als müßte es so sein; der Gedanke, es könnte ein solcher Regentag kommen, der hatte ihnen himmelfern gelegen.

„Vielleicht hört’s auf,“ sagte Mathes.

„Und wir können doch auf die Messe gehen!“ Peter erriet des Bruders Gedanken, denn auch er hatte an die Messe gedacht. Hulda hatte nämlich gestern gesagt: „Am Sonntag ist es am allerfeinsten auf der Messe.“ Und nun hofften beide, Hulda würde mit ihnen gehen.

Doch als Hulda in das Zimmer kam, sah sie gar nicht aus, als hätte sie Lust dazu. Sie machte ein höchst verdrießliches Gesicht und brummte: „Es regnet.“

„Es hört sicher bald auf,“ antwortete Peter hoffnungsvoll.

„I nä, das hört nicht auf! Wenn’s so träscht, dann dauert’s immer ’n paar Tage.“

Das war keine schöne Aussicht. Aber das Regenwetter war es nicht allein, was Hulda die Laune verdorben hatte. Herr Buchner kam heute zum Mittagessen. Und obgleich sie sich vorgenommen hatte, ihn niemals mehr Herr Brummerjan zu nennen, sagte sie doch zu den Buben: „Herr Brummerjan kommt heute, da nehmt euch nur zusammen, mit dem ist nicht gut Kirschen essen!“

„Wir besuchen dich in der Küche,“ riefen die Buben etwas kleinlaut, denn ihre Freude über diesen Sonntagsbesuch war nicht groß.

„Nä, gibt’s nich! Bleibt ihr heute nur oben! Wenn heute was am Essen nicht gerät, denkt meine liebe Frau gar, ich hätt’s absichtlich gemacht. Heute muß ich meinen Kopf zusammennehmen. Und nachmittag geh ich zu meiner Schwester.“

„Net auf die Messe?“ fragte Peter enttäuscht.

„Bewahre, bei dem Wetter doch nicht! Heute heißt’s zu Hause bleiben.“

Dies sagte ein Weilchen später auch Tante Eva. Und weil sie selbst allerlei zu tun hatte, riet sie den Gästen: „Spielt recht fein! Ihr dürft auch den Spielschrank ganz und gar ausräumen.“

Für Ausräumen nun waren die Buben mehr eingenommen als für Einräumen. Sie ließen auch wirklich kein Stück im Schrank, sie spielten dies und das, und zuletzt entdeckten sie noch einen kleinen Tuschkasten und ein Bilderheft dazu. Ausmalen liebten Mathes und Peter sehr. Namentlich Peter setzte gern die Farben recht kunterbunt durcheinander, und eine rosenrote Kuh oder ein himmelblaues Schaf waren bei ihm nichts Seltenes. Sie räumten schnell den Tisch ab und begannen zu malen. „Das feinste Blättle kriegt Tante Eva,“ sagten sie zueinander, aber auch für Hulda suchten sie ein Bild aus, und Peter malte einen zitronengelben Hirtenjungen, der zuletzt aussah wie ein Papagei.

Draußen schrillte ein paarmal die Klingel, Stimmen ertönten und Schritte. Die beiden achteten nicht darauf. Sie erschraken daher sehr, als Ida die Türe aufriß und ihnen zurief: „Schnell, schnell, ihr sollt mal vor ins Gartenzimmer kommen!“

Klapp! schlug Ida die Türe wieder zu. Es hatte draußen wieder geklingelt, darüber vergaß sie zu sagen, was Fräulein Eva ihr aufgetragen hatte.

Schnell sollten sie kommen! Die Sternbübles ließen Bilder, Farben, Pinsel, alles liegen und rannten hinaus. Schnell kommen hieß rennen, hieß die Türen kräftig zuschlagen und ordentlich trapsen. Wie der Sturmwind kamen sie beide ins Gartenzimmer hinein, aber sie blieben erschrocken an der Türe stehen, denn das Zimmer war voll fremder Menschen.

Da saßen ein paar Damen, da saß auch Herr Brummerjan.

„Kommt nur näher!“ sagte Frau von Ringewald. Und Ida, die hinter beiden die Türe öffnete, schob sie vor. „Geht nur, geht!“ mahnte sie.

„Jungen, was habt ihr gemacht!“ rief Eva tief erschrocken.

In diesem Augenblick sahen sich die Buben selbst in einem großen, der Türe gegenüberhängenden Spiegel. Jemine, was war das!

Wie eigentlich alle Farben aus dem Tuschkasten auf ihre Gesichter und Hände gekommen waren, das wußten sie nicht, aber da waren sie. Besonders Peter sah beinahe wie sein zitronengelber Hirtenjunge selbst aus, ganz papageienbunt.

Und die Hände, ach die Hände erst!

Mathes und Peter wären arg gern in ein Mauslöchle oder Fingerhütle gekrochen, doch keins von beiden war da. Sie blieben daher vor Schreck wie angewurzelt stehen, hörten Gelächter, hörten auch Herrn Brummerjans verdrießliche Stimme: „Deine Schützlinge sehen nicht gerade sonntäglich aus, Eva!“

„Geht hinaus!“ Eva von Ringewald sagte es dreimal, sagte es so streng, wie sie sonst nie sprach. Aber Mathes und Peter waren zu verdattert, die rührten sich nicht.

„Ärgern Sie sich nicht, Fräulein von Ringewald, die beiden haben gemalt, da kommt so etwas vor.“ Die Stimme klang den Buben hold in die Ohren, und sie sahen flehend zu der schlanken, hübschen Frau auf, die neben sie getreten war. „Ich muß euch doch einmal anschauen, denn sonst ist meine Annedore betrübt.“

Und sacht schob Annedores Mutter Mathes und Peter in das Nebenzimmer. An der Türe drehte sie sich um und bat: „Ich darf, nicht wahr? Ich möchte doch meiner Annedore neue Freunde kennenlernen!“

Und dann waren die Buben allein mit Frau Reinach, sie hörten die gütige, frohe Stimme, und da wagten sich allmählich ein paar Wörtlein aus ihren Mündern. Annedores Mutter wußte gut, wie man Bübles und Mädles, wenn der Mund zugefroren scheint, auftaut. Ihre Stimme klang wirklich wie ein sanfter, warmer Sommerwind. Die Sternbuben hatten in den letzten lustigen Tagen, an denen vielerlei im bunten Wechsel an ihnen vorübergezogen war, herzlich wenig an Breitenwert, an den Silbernen Stern, ihre Mutter und an Gundel gedacht. Plötzlich fiel ihnen alles ein. Ihre Mutter sprach anders als Frau Reinach, und doch meinten sie, die Mutter zu hören. Irgend etwas zwickte und zwackte da an ihren Herzlein herum, tat weh und machte sie traurig.

Annedores Mutter strich ihnen sacht über die beschmierten Gesichter. „Nun geht, ihr zwei, und wascht euch und seid wieder vergnügt. Übermorgen müßt ihr wieder zu uns kommen. Annedore freut sich schon darauf. Soll ich sie grüßen?“

Mathes und Peter nickten, und weil ihnen nichts zu sagen einfiel, nickten sie wieder und wieder. Endlich murmelte Peter schüchtern: „Kann sie net morgen kommen?“

„Nein, morgen ist sie zu ihrer Freundin Herta eingeladen, da darf sie nicht mehr absagen.“

Im Nebenzimmer tönten die Stimmen lauter, Schritte erklangen, da sagte Frau Reinach noch rasch: „Jetzt muß ich auch gehen, Kinder. Lebt wohl und vergeßt das Waschen nicht vor dem Essen.“

Bedrückt schlichen sich Mathes und Peter in ihr Zimmer. Da lag ihre schöne, bunte Malerei auf dem Tisch, und sie sahen fast böse darauf hin. Die dummen Farben, warum klebten die auch so an! Seufzend gingen sie beide an den Waschtisch und begannen eine große Rumpelei. Sie wollten sich sehr schön machen und nahmen dazu ihre Bürstlein zu Hilfe; sie rieben und rieben, bis Gesichter und Hände krebsrot waren, da endlich fanden sie, es sei genug geschehen. Just da kam Ida ins Zimmer. Die rief schon an der Türe ärgerlich: „Buben, was habt ihr denn gemacht? Schelte hab’ ich noch um euretwillen gekriegt. Na, seid ihr nun rein? Je, je, ihr glänzt ja wie ’n paar Tomaten!“

So eine stille Mahlzeit wie diese hatten die Sternbuben im Hause der Pate noch nicht erlebt. Frau von Ringewald fühlte sich matt, sie sprach kaum, nur manchmal warf sie den Buben einen freundlichen Blick zu. Auch Eva tat das. Deren Groll war rasch vergangen, weil aber Mathes und Peter mit ihren Nasen beinahe auf den Tellern lagen, sahen sie die guten Blicke nicht. Sie hörten nur immer Herrn Brummerjan reden. Der hatte eine heisere Stimme, die immer verdrießlich klang, immer so, als tadele er. Wie gut er es eigentlich im tiefsten Herzen meinte, das wußte nur seine Schwester. Die wußte auch, daß der Bruder mit ihr um den verlorenen Sohn litt, wußte, daß er seine Strenge längst bereute. Eva dagegen grollte dem Onkel bitter, und darum war sie wie immer in seiner Gegenwart schweigsam.

In diese Stille hinein klang ein paarmal ein lautes Klirren und Klappern. Erst fiel Peter seine Gabel auf den Fußboden, dann warf Mathes beinahe den Teller hinab. Jedesmal sagte Herr Brummerjan ärgerlich: „Nicht so laut!“ und jedesmal klapperten die Buben vor Schreck noch lauter.

„Die Buben sind schrecklich unerzogen!“ rief der Onkel gereizt. „Sie sollten wirklich nicht mit am Tisch essen.“

Und das sagte er gerade, als Ida eine schöne rosenrote süße Speise brachte, die gar lieblich duftete.

Die Sternbuben erschraken. Und wie es kam, wußte Mathes selbst nicht: sein Teller begann zu rutschen, er wollte ihn halten, Peter wollte helfen, und da sprang Peters Teller hops! vom Tisch, es klirrte, und das feine Gerät lag zerbrochen am Boden.

„Unausstehlich ist’s!“

Eva stand rasch auf, sagte leise zu den Buben: „Kommt!“ und führte die zwei still aus dem Zimmer. „Ida bringt euch den Nachtisch in euer Zimmer, geht jetzt,“ sagte sie draußen, und dann kehrte sie selbst schnell in das Speisezimmer zurück. Sie wollte um der Mutter willen den Onkel nicht ärgern.

Vom Mittagstisch weggeschickt!

Als Ida mit dem Nachtisch ins Bubenstüble kam, fand sie die beiden bitterlich weinend am Fenster stehen.

„Heult nur nicht!“ tröstete sie gutmütig. „Fräulein Eva hat euch ordentlich viel süße Speise geschickt und da auch noch kleine Kuchen dazu, kommt nur und eßt!“

Ida ging wieder aus dem Zimmer, und die Sternbuben aßen den Nachtisch. Aber Tränen sind keine gute Würze. Das köstliche Gericht schmeckte ihnen nicht, die Herzen waren ihnen schwer, sie fühlten sich einsam und unglücklich, und Mathes sagte endlich mit tiefem Seufzer: „Ich möcht’ heim!“

„Ich auch!“ Peters Tränen salzten die süße Speise. Bissen um Bissen stopfte er in den Mund, und als er fertig war, heulte er laut: „Ich will heim!“

Als Eva von Ringewald nach einem Weilchen kam, um nach ihren Schützlingen zu sehen, fand sie zwei rechte Jammerbübles am Fenster stehen. Sie tröstete linde, sagte, sie wäre nicht böse, ließ sich sogar die Malerei zeigen, das Bildle, das sie haben sollte, ermahnte, es fertig zu machen, und meinte, als sie ihre Gäste verließ, um mit dem Onkel, während die Mutter schlief, Schach zu spielen, alles sei nun gut.

Heimweh ist aber ein böses Ding. Wenn es einmal da ist, spaziert es nicht so geschwind wieder zum Herztürlein hinaus. Und in den Herzen der Sternbübles saß das schlimme Ding und erzählte an diesem Regensonntag immer vom Silbernen Stern und der Löwengasse.

Am liebsten wären beide rutsch! mit der Bahn heimwärts gefahren. An Regentagen war’s auch lustig in der Löwengasse; da platschte man im Gäßle herum, ließ Schiffchen schwimmen, lief zu den Nachbarn. Da rannte man husch! husch! und sagte dann stolz: „Ich bin unter dem Regen weggelaufen, kein Tröpfle hat mich getroffen.“ Man sagte das nämlich auch, wenn man quitschquatschnaß war.

Ja, das Löwengäßle, wenn man doch gleich mal hätte dort sein können!

Und vor Heimweh kamen die beiden in eine bitterböse Streitlaune.

„Wir wollen malen,“ sagte Peter.

Mathes brummte: „Ich mag net.“

„Du mußt, deine Bildles sind noch net fertig.“

„Ich mag net.“

„Du bist dumm!“

„Du bist ’n Esel!“

„Ich hau dich!“

„Ich hau wieder!“

Und rips raps! lagen sich beide in den Haaren. Sie pufften und knufften sich, zerrten sich durch das Zimmer, ein Stuhl flog um, auf dem Tisch schwappte das Wasser über die Malerei, sie merkten es nicht. Aber Hulda merkte es gleich. Die kam nämlich, um Abschied zu nehmen, ehe sie zu ihrer Schwester ging. „Buben!“ schrie sie, „rappelt’s bei euch, daß ihr euch am lieben Sonntagnachmittag prügelt? Na, so was!“ Sie packte beide und schüttelte sie tüchtig.

„Ich möcht’ heim!“ jammerte Peter.

„Ich auch!“

„I nä, auf einmal! Ihr habt wohl Heimweh?“

„Noi, ich hab’ net Heimweh,“ klagte Mathes, „aber ich möcht’ heim.“

„Ich will auch heim!“

„Also habt ihr doch Heimweh! Ja, aber warum haut ihr euch denn?“ Hulda schüttelte immerzu den Kopf. „Das soll nun jemand begreifen!“

Sie begriff es nicht, und die Sternbübles begriffen auch nicht, was da so in ihren Herzen zwickte und zwackte, sie unfroh machte; sie sagten nur immerzu: „Wir haben net Heimweh!“

„Ach was, papperlapapp! Natürlich habt ihr Heimweh!“ Hulda sah sich nachdenklich im Zimmer um. „Wißt ihr was?“ rief sie plötzlich und holte aus dem Schrank die bunten Briefbogen heraus. „Darauf schreibt ihr wieder an eure Mutter und an Gundel und an alle eure Freunde.“

Schreiben! Mathes dehnte das Wort ganz lang, sehr viel Lust hatte er nicht. Doch Hulda wußte gut zuzureden, und so entschlossen sich die Buben wirklich, Briefles zu schreiben.

Hulda räumte noch selbst den Tisch ab, stellte alles zurecht, ermahnte die Buben, mit den Tintenklecksen sparsam zu sein, und dann ging sie. Unterwegs dachte sie: Bin neugierig, ob sie mich nun wieder ekliger Affe nennen!

Doch diesmal kam Hulda in den Briefen sehr gut weg. Vielerlei stand in den Schreiben: von der Messe, dem Zoologischen Garten, vom Zigeuner, von Annedore und der Konditorei. Eva, die den beiden selbst ihr Vesper brachte, war froh, sie so gut beschäftigt zu finden. Sie versprach ihnen: „Wenn der Onkel fort ist, spielen wir noch Lotto zusammen.“

Draußen rann und rauschte der Regen unablässig nieder. Der Tag erlosch frühe. Der Onkel ging, und er verlangte sogar beim Abschied, noch die Buben zu sehen. Hinterher tat es ihm doch leid, daß er sie verjagt hatte, und er lud sie sogar ein, sie sollten ihn besuchen. Er erhielt freilich keine Antwort. Denn wenn ein Kirchturm gekommen wäre und gesagt hätte: „Wir wollen zusammen Haschen spielen,“ verwunderter hätten die Sternbuben nicht sein können. Da brummte Herr Brummerjan: „Kleinstädter sind’s, man merkt es!“

Kaum war der Onkel weg, da kam Hulda wieder. Tante Eva sagte: „Nun spielen wir noch Lotto.“

Vor dem hübschen Bilderlotto riß das Heimweh ein bißchen aus; die Buben wurden wieder ganz vergnügt. Während Eva mit ihren Gästen im Wohnzimmer spielte, sagte Hulda gnädig zu Ida: „Ich will mal bei den Buben aufräumen!“ Und dann ging Hulda in das Bubenzimmer, räumte auf und — las die drei Briefe, die Mathes und Peter geschrieben hatten.

Die gute Hulda war nämlich neugierig wie eine Elster, sie wollte wissen, was diesmal von ihr in den Briefen stand.

Sie las und freute sich. Da stand: „Hulda liben wir fuhrchbar.“ Na, das hörte sich doch anders an als „ekliger Affe“. Hulda las die Briefe von Anfang bis zu Ende, und obgleich sie auch mit der Rechtschreibung ein wenig auf Kriegsfuß stand, dachte sie doch: Na, na, Buben, Fehler macht ihr aber arg viele!

Doch was stand denn da?

Hulda las den Satz einmal, zweimal, ja, sie las ihn zum drittenmal, und ganz bestimmt, er lautete: „Der Ziehgeuner siht aus wie Tante Efa, und erst hat er mal blond ausgesän.“

„Dumme Jungen!“ brummelte Hulda. Sie legte den Brief weg, nahm ihn wieder auf, schüttelte immer mehr den Kopf, und dann setzte sie sich plötzlich auf einen Stuhl; sie konnte nicht mehr stehen bleiben, so sehr war sie vor ihren eigenen Gedanken erschrocken. „So was, das ist doch nicht möglich!“ Hulda hatte die Gewohnheit, manchmal mit sich selbst zu sprechen; sie tat das jetzt auch und sagte tief seufzend vor sich hin: „Dumme Jungen! Der Zigeuner unserm Fräulein Eva ähnlich! O du lieber Himmel, auf was für närrische Gedanken kommt man noch! Nä nä, so was, so was!“

Hulda vergaß, daß sie das Abendessen herrichten wollte, sie vergaß den grauen Regentag, die Sternbuben und noch vielerlei, sie dachte nur immer an einen blonden Buben, den sie so lieb gehabt hatte wie ein eigenes Kind. „Fritz, mein Fritz,“ klagte sie, „wärst du doch nicht in die weite Welt gegangen!“

Draußen regnete es immerfort, doch auch innen im Zimmer gab es ein Regengüßlein. Hulda weinte, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht und weinte bittere Tränen hinein, und ein paar tropften auf Mathes Brief, und es wurden große Flecke daraus. So weinend fand sie Ida, die kam, an das Abendessen zu erinnern.

„Hulda!“ rief sie erstaunt, „was ist denn los? Haben gar die Jungen wieder frech geschrieben?“

„I wo!“ Hulda trocknete sich seufzend die Tränen ab, nahm Mathes’ Brief, steckte ihn schnell in den Umschlag und klebte den zu. „Nett haben sie geschrieben, ich — ich dachte ..., na eben, ich dachte nur so allerlei.“

Ida schielte nach den Briefen hin, zwei lagen noch da, und sie wollte gerade danach greifen, als sie Mathes und Peter draußen trapsen hörten. „Schnell, schnell, Hulda, das Abendbrot! Wann soll denn die gnädige Frau ihre Suppe bekommen, wohl um Mitternacht?“

„Herrje!“ Hulda rannte zur Türe hinaus, stieß dort mit den Sternbuben zusammen, die sie ganz verdutzt ansahen. Hulda hatte geweint!

Zwei Minuten später wußte es die Pate und Tante Eva: Hulda hat geweint!

„Habt ihr sie geärgert?“ fragte Eva erschrocken.

Aber die Buben hatten ein gutes Gewissen, und darum stiegen sie auch unverzagt zu Hulda in die Küche hinab und fragten Hulda sehr eindringlich nach ihrem Kummer.

„Mir fehlt nichts,“ brummte diese. „Ich war nur mal ’n bißchen traurig, weil — weil —“

„Weil’s geregnet hat?“ fragte Peter.

„Ja, darum, und nu ist’s wieder gut. Geht nur rauf!“

Viel war mit Hulda an diesem Abend nicht anzufangen. Sie blieb wortkarg, behauptete, das Regenwetter wäre ihr in die Glieder gefahren, und sicher würde es noch drei Tage lang regnen.

Das war kein guter Trost. Mathes und Peter gingen nicht so vergnügt wie sonst zu Bett, und als sie allein im Dunklen lagen, kam das böse Heimweh wieder und quälte sie, und sie machten es wie Hulda, sie weinten. Sie taten dies freilich nicht still, sondern ziemlich laut, und Eva hörte plötzlich wieder ein schauerliches Gebrüll. Erschrocken lief sie zu ihren kleinen Gästen hinüber, drehte das Licht an und sah nun beide heulend in ihren Betten sitzen.

„Aber Buben, was fehlt euch denn?“

„Ich möcht’ heim!“

„Ich will auch heim!“

„Meine Mu—mutter!“

„Mu—u—“ Peter konnte das Wort gar nicht mehr zu Ende sagen, er wühlte schluchzend den Struwwelkopf in seine Kissen.

Sie haben Heimweh, dachte Eva mitleidig und versuchte die beiden Schelme zu trösten. Erst mit guten Worten. Morgen würde die Mutter schreiben, und morgen würde sie ihnen wieder etwas Neues zeigen. Als das nicht half, fragte sie: „Soll ich euch vielleicht eine Geschichte erzählen?“

Wutsch! lief das Heimweh zur Türe hinaus; Mathes und Peter wischten sich die Tränen aus den Augen, und beide riefen: „Ja, aber eine lange!“

„Eine von der Messe,“ bat Mathes.

„Vom Affentheater,“ verlangte Peter.

„Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch erzählen,“ sagte Eva, „und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also hört!“

„Es war einmal eine alte Frau. Die besaß ein Karussell. Das war ihr einziger Besitz. Damit mußte sie für sich und ihre drei Enkelkinder den Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein großes, schönes Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig. Und wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt kam, da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell fahren. Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und gingen lieber zu den großen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme Frau nur immer geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht lustig zuging, dann saß sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im Winkel, und der Hunger quälte sie. Sie sah, wie sich die andern Karussells lustig drehten, wie sie gar nicht leer wurden, und ihr kleines, schäbiges Karussell stand da, und niemand mochte damit fahren.

Einmal, es war auf einer großen Messe —“

„Hier in Leipzig?“ fragte Peter eifrig.

„Ja, es kann sein, daß es in Leipzig war, genau hat dies der Mann, der meiner Großmutter die Geschichte erzählt hat, nicht gesagt, wo es war. Also, die alte Frau war wieder einmal auf einer großen Messe. Gerade neben der Kasperlebude stand ihr Karussell, und es ging, wie es immer ging. Kleine und große Leute liefen an ihr vorbei, Lust zu fahren hatten nur wenige. Ich werde mein liebes, altes Karussell als Brennholz verkaufen müssen, dachte die Frau traurig, und dann kann ich mit meinen drei Enkelkindern betteln gehen. Was soll ich nur anfangen in meiner großen Not!

Es war gerade Sonnabendnachmittag, als die Frau Katharina so verzweifelt neben ihrem Karussell saß. Viele Leute waren auf der Messe, überall war es voll, nur sie hatte noch nicht einen einzigen Groschen eingenommen. Und morgen war der letzte Sonntag; dann konnte sie wieder zusammenpacken und mit ihrem grünen Wäglein, den ein altersschwaches, mageres Pferdchen zog, und ihren Enkelkindern in die weite Welt hinausziehen.

Wie die Frau so trübe vor sich hinsann, hörte sie plötzlich neben sich den Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem Menschen ein gutes Wort gönnte. Mit allen Meßleuten stritt und zankte er sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, würdige Leute blieben vor der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in ihrem Leben über den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm gewiß gestohlen worden.

Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann immer sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank daneben gesessen und sich über die vielen Leute gefreut, die alle auf den Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle gestohlen haben?

‚Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,‘ riefen ein paar Buben. ‚Wir wollen suchen helfen.‘

Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. ‚Bleibt draußen,‘ schrie er, ‚ich suche ihn allein, er muß doch da sein!‘

Aber Kasperle war nicht da.

Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie; dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb verschwunden.

Die Leute draußen murrten: ‚Ohne Kasperle gibt es keinen Spaß, dann gehen wir lieber wieder.‘ Und nach und nach wurde es leer vor der Bude, nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr kleiner Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und schließlich liefen sie auch fort, und da schloß der Mann seine Bude zu und rannte weg. Er wollte sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am liebsten aber hätte er alle Meßbuden eingerissen, so wütend war er.

Die ganze Zeit über hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen könnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn bitten müssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie schwer habe ich es doch im Leben!

In diesem Augenblick war es ihr, als höre sie ein leises Flüstern, oder war es ein Vogel, der sang, oder ein Mäuslein, das pfiff? Sie schaute sich um, und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermißte Kasperle auf ihrem Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so, als wäre es keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.

‚Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drüben darf mich nicht sehen.‘

Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie zwei kleine, schwarze Stecknadelköpfe glitzerten sie.

‚Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?‘ fragte die Frau erschrocken.

‚Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich bin.‘

Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt über den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine Frage von ihr ab. Der redete weiter und erzählte, drüben der grobe Kerl hätte ihn seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberühmten Puppenspieler, gestohlen. ‚Ich war dem sein Liebling,‘ klagte Kasperle, ‚er nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes Bettchen bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schöne Kleider an. Dieser Mann hatte mich von seinem Großvater geerbt, der noch wußte, wo wir echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als hundert Jahren auf Messen und Märkten herumgezogen, habe viel von der Welt gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich hätte nie gedacht, daß es einem armen Kasperle so schlecht gehen könnte wie mir. Drüben, dein Nachbar, Karussellfrau, das ist ein böser Mann. Der weiß wohl, daß ich lebendig bin, und da quält er mich, wenn wir allein sind. Er sperrt mich in einen dunklen Kasten ein mit Mäusen zusammen, und er weiß doch, wie sehr ich mich vor Mäusen fürchte. Auch einen Hund hat er mit scharfen Zähnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine Ecke; dann muß mich der Hund holen, und ich zittere immer, daß mich der zerbeißt.‘

‚Du armes, armes Kasperle!‘ sagte die Karussellfrau mitleidig.

‚Nenne mich Zuckerherzele!‘ bat der kleine Kerl. ‚Das hör’ ich so gern, aber nur von guten Menschen. Doch du bist gut; ich habe dich schon die ganze Zeit über beobachtet und immer gedacht, wenn ich ausreißen kann, dann fliehe ich zur Karussellfrau, die verrät mich nicht.‘

‚Nein, sicher nicht, du armes, kleines, liebes Zuckerherzele, du!‘ rief die Frau.

‚Siehst du, so nennst du mich recht.‘ Kasperle schlug vor Freude die Beinchen über dem Kopf zusammen. ‚Ausgerissen, fein!‘ kicherte er, ‚und nun bleibe ich bei dir und — bimmelbammel! drüben rennt Schnauz, wenn der mich sieht, bin ich verloren.‘

‚Schnell, versteck dich im Musikkasten.‘ Die Frau ergriff flink Kasperle und steckte ihn schnell in den Kasten. ‚Es sind ganz bestimmt keine Mäuse drin,‘ sagte sie.

Es war aber auch die höchste Zeit. Schnauz kam angerast. Er stellte sich vor das Karussell, schnupperte und kläffte laut.

‚Geh weg,‘ rief Frau Katharina erschrocken, ‚ich habe keine Knochen und Wurststücke für dich, geh, geh!‘

Doch Schnauz rührte sich nicht. Von ferne sah nun die Frau auch noch ihren groben Nachbar kommen, und es wurde ihr himmelangst, Kasperle, das kleine, liebe Zuckerherzele, könnte entdeckt werden.

‚Dreh flink dein Karussell!‘ wisperte da ein Stimmchen, und Schnauz, der das wohl gehört hatte, kläffte noch lauter.

In ihrer Angst begann die Frau wirklich das Karussell zu drehen, und ihre drei Enkelkinder, die es hörten, kamen angesprungen. ‚Ich will das Geld einnehmen,‘ rief Hans, der älteste Bub, ‚ich stelle mich hier hin.‘

Ach du lieber Himmel, es kommt doch niemand! dachte die Frau traurig. Doch erstaunt horchte sie auf. Die Musik, die sonst immer so kläglich war, so recht dünn und jämmerlich, die klang auf einmal, als kichere jemand immer dabei. Die Töne hüpften und tanzten. Didididihoppela, dumdumdumdumtrallalla! Lustig war es anzuhören.

Die Vorübergehenden horchten, blieben stehen, ein paar Buben kamen zuerst angerannt.

‚Wir wollen fahren, wir wollen fahren! Wie lustig das klingt!‘

‚Wir auch!‘ riefen auch ein paar Mädel und klirr! rollten die Groschen und Sechser in den Hut von Hans.

Und o Wunder! Immer mehr kleine und auch große Leute kamen, und alle wollten sie fahren, alle sagten sie, so eine lustige Musik sei auf der ganzen Messe nicht zu hören. Die Frau nahm mehr ein als sonst in einem Monat, und ihr grober Nachbar, der seine Bude wieder aufgetan hatte, schaute neidisch zu ihr hinüber. Er ließ seine Puppen springen und tanzen, er hatte auch wirklich ein neues, sehr schön gekleidetes Kasperle, doch wenn ein paar Kinder stehen blieben und zuhörten, sagten sie gewiß: ‚Heute gefällt uns Kasperle gar nicht, heute ist er langweilig.‘

Und sogar Schnauz läuft heute hinüber, dachte der Mann grimmig, lockte den Hund und sperrte ihn ein. Da steckte Kasperle ein ganz, ganz klein wenig die Nase zum Musikkasten heraus. ‚Karussellfrau,‘ fragte er, ‚ist Schnauz fort?‘

Die Frau nickte. ‚Eingesperrt!‘ tuschelte sie.

‚O lirum larum, dummer Schnauz!‘ jubelte Kasperle. ‚Eingesperrt, eingesperrt! Ich platze vor Lachen, wie mein Großvater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei meiner Nase, jetzt soll die Musik noch vergnügter klingen!‘

Wutsch! war er wieder drinnen im Kasten, und wieder ertönte sein Kichern.

Auf dem Platz draußen erzählten es sich die Leute. ‚Da, in der Ecke, neben der Kasperlebude steht ein kleines, altes Karussell, es ist gar nicht schön, aber so lustig fährt’s sich’s darauf, nicht zu sagen wie!‘

Und wer das hörte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens Hut voll Geld, und für eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.

‚Großmutter Karussellfrau,‘ wisperte Kasperle, ‚schick erst die Kinder schlafen, die dürfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermäulchen, die verraten mich sonst, und dem Schnauz da drüben ist doch nicht zu trauen.‘

Am nächsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen Karussell fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll. Schnauz lief bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der grobe Nachbar ärgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle war und blieb verschwunden.

Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Länder, und immer sahen die großen und kleinen Leute zuerst verächtlich auf das wackelige, alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: ‚So etwas sollte man doch gar nicht mehr aufstellen!‘ Wenn aber dann die Töne hüpften und kicherten, dann wurden selbst die verdrießlichsten Griesgrame lustig und lachten; sie wußten freilich nicht, warum sie so vergnügt wurden.

Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Sümmchen erspart, und sie dachte manchmal: Es wäre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen könnten. Doch der Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu trennen, wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer Wanderung auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie gewesen war. Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroßen Kirchen, eine Stadt, in der alles ein bißchen eingeschlafen zu sein schien. Selten öffnete sich eine der schweren alten Haustüren, selten ging ein Mensch durch die engen, düsteren Gassen.

Als der grüne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzählte ihr, es kämen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. ‚In meiner Jugend, da war es lustiger,‘ sagte er. ‚Da gab es hier oft ein Kasperletheater, über das alle Menschen lachen mußten. Der alte Mann, dem es gehörte, der lebt noch hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm gestohlen worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen. Na, ich begreif’s ja nicht, wie man sein Herz an so ’n Klapperbalg hängen kann. Au weh!‘ Der Mann faßte sich erschrocken an die Nase, denn eine von den dicken Perlen, die das Karussell schmückten, war ihm daran geflogen. ‚So was! Wo kommt denn die her?‘ brummte er unwirsch.

Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbösen Gesicht zum Musikkasten hinaussah. ‚Wart, du Grobian!‘ schalt er. ‚Ein echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine ganze Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich böse, hui!‘

‚Ich glaube, hier ist irgendwo ’n Vogel,‘ brummte der Mann. ‚Aber wissen Sie, Frau, schön ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, für unsere Stadt mag’s gut sein.‘

Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder und fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!

Sie ging und öffnete den Musikkasten. Da saß Kasperle, seine Beinchen hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrübt aus. ‚Karussellfrau,‘ sagte er, ‚es geht nicht mehr, ich muß fort.‘

‚Zuckerherzele, Goldpünktchen, mein allerliebstes Schnuckerle, tu das nicht! Bitte, bitte, nicht! Bleib bei mir!‘

‚Es geht nicht, Karussellfrau. Siehst du, hier ist mein alter Herr. Der ist’s, von dem der Mann vorhin erzählt hat, und nun ich ihn gefunden habe, muß ich zu ihm. Er ist mein rechter Herr, und wir Kasperles sind treu. Leb wohl, liebe, gute Karussellfrau!‘

Kasperle drehte sich wie eine Kugel zusammen und rollte so aus dem Musikkasten heraus. ‚Vergiß mich nicht,‘ rief er noch einmal, und dann war er verschwunden.

Und er kam auch nie wieder.

Frau Katharina verkaufte ihr Karussell nun als Brennholz, zog in eine kleine Stadt, und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute dort.“

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