Dreizehntes Kapitel. Der Zigeuner.
Reading edition
Mit Kasperle Zuckerherzele zusammen war auch das Heimweh davonspaziert. Die Buben schliefen vergnügt ein und wachten vergnügt auf. Sie dachten an Sonnenschein, Messegehen und ähnliche erfreuliche Dinge, aber das Wetter sagte am Morgen: „Platsch! ich regne noch.“
Es seufzte niemand so sehr darüber wie Hulda. Die tat, als wäre die Sonne besonders boshaft gegen sie, und sie lief immer wieder nachsehen, ob es nicht heller würde. So gegen elf Uhr war das wirklich der Fall. Ein blaues Fetzchen hing am Himmel, wie eine Bratenschüssel so groß, und Hulda erklärte: „Es macht sich, nachmittags scheint die Sonne. Wir können auf die Messe gehen.“
„Nein,“ erwiderte Eva, „heute nicht, ich werde den Buben unser großes Völkerschlachtdenkmal zeigen.“
„Messe ist besser,“ rief Hulda. „Sie sollten mit ihnen hingehen.“
„Die Buben waren ja schon zweimal draußen, und von der Stadt haben sie noch so wenig gesehen.“
„Die haben von der Messe mehr. Ob die Häuser ein Stockwerk haben oder zehne, ist denen gleich, Fräulein Eva, die Messe ist besser.“
„Dann gehen Sie meinetwegen mit ihnen hin.“
„Nee, Sie müssen mit, Fräulein Eva, ohne Sie geht das heute nicht.“
Eva lachte. „Das ist Unsinn, Hulda,“ sagte sie. „Sie wissen doch, ich gehe nie auf die Messe.“
„Aber heute, einmal geht’s doch!“ Hulda bettelte um das Messegehen, wie es Kinder um ein Weihnachtsgeschenk tun. Sie redete immer wieder davon, und als Mathes und Peter aus dem Garten heraufkamen und berichteten, jetzt wäre es schon beinahe trocken, und der blaue Fetzen am Himmel sei viel größer als eine Bratenschüssel, da bat Hulda wieder: „Gelt, Fräulein Eva, Sie gehen mit auf die Messe?“
„Unsinn!“ Eva sagte es zum zweiten Male. „Sie wissen doch, ich mag die Messe nicht leiden!“ Ganz ärgerlich ging sie in ihr Zimmer hinauf, und da geschah etwas höchst Verwunderliches, die Sternbuben waren ganz verdutzt darüber. Hulda setzte sich hin und weinte so bitterlich, als wäre das größte Unglück geschehen.
„Du mußt net so arg flennen.“ Mathes schüttelte sehr mißbilligend seinen Kopf, und Peter schüttelte auch, und dann stiegen beide die Treppe hinauf, suchten Tante Eva und erzählten ihr von Huldas Kummer.
„Sie sagt, sie müßt’ noch mehr Töpfle holen, und ohne die Töpfle wäre sie unglücklich,“ berichtete Peter wichtig.
Da gab Eva nach. Sie lachte sogar über die Töpfle und Huldas Unglück und sagte: „Meinetwegen, aber warum ich durchaus Töpfle mitkaufen muß, weiß ich nicht.“
„Die werden wohl arg teuer sein,“ erklärte Mathes weise. „Alleweil, wenn’s arg teuer ist auf dem Jahrmärktle, sagt Mina auch, Mutter soll gehen.“
„Also gut, mag es heute beim Töpflekauf bleiben, das Denkmal sehen wir uns morgen an!“
Mathes und Peter stiegen vergnügt wieder abwärts in die Küchentiefe und erzählten Hulda strahlend, Tante Eva würde mitgehen. Von Rechts wegen hätte nun Hulda höchst vergnügt und fröhlich sein müssen, vielleicht auch einen kleinen Hopser tun oder doch wenigstens den Buben ein Küchlein als Botenlohn geben müssen, doch nichts von allem geschah. Sie lachte nicht, sie freute sich nicht, sie seufzte nur, und zwar so schwer, als müßte sie einen Mühlstein aus einem tiefen, tiefen Brunnen heraufholen, just als wäre Töpfle kaufen bitterschwer.
Das war doch sonderbar!
Und reden tat Hulda auch nicht, außerdem wollte sie noch Zucker in die Fleischsuppe schütten, und es war gut, daß Ida rechtzeitig zu Hilfe kam.
Auch Ida sagte es, mit Hulda sei heute nichts anzufangen.
Da gingen die Buben wieder in den Garten zurück und schielten hinüber nach dem Nachbarhaus. Herta und Irene gefielen ihnen zwar immer noch nicht sehr, kurzweiliger waren sie aber doch als die seufzende Hulda.
Herta und Irene sahen von oben herab die Buben im Garten herumwandern, und sie sagten zueinander: „Sollen wir sie einladen? Ach ja, vielleicht laden sie uns dann auch ein!“
Ein paar Minuten vergingen, da erschienen die beiden Mädchen im Garten, und Herta rief gleich den Buben zu: „Heute spielen wir nicht, wir haben sehr viel zu tun.“
Nun taten ihnen die Sternbuben aber nicht den Gefallen zu fragen, was sie zu tun hätten; die dachten: Na, dann nicht, und kümmerten sich nicht weiter um die Nachbarinnen.
Die warteten und warteten, endlich rief Herta über das Gitter: „Ihr Jungen, wir haben heute Gesellschaft!“
„Wir gehen auf die Messe!“ riefen Mathes und Peter zurück.
„Aber bei uns wird’s fein! Es gibt auch Eis.“
„Wir gehen ins Zaubertheater!“
„Wir spielen Lotterie; jetzt gehen wir noch Gewinne kaufen.“
„Tante Eva schenkt uns Geld, wir dürfen uns kaufen, was wir wollen.“
„Wir tanzen auch.“
„Das ist dumm, da fällt man hin!“ rief Peter, dem dies meist geschah.
„Es ist fein, ach, himmlisch ist’s!“
„Noi, dumm ist’s!“
„Pah, ihr ärgert euch nur, weil wir euch nicht einladen!“
„Wir wollen gar net kommen!“
„Doch, ihr ärgert euch.“
„Noi, wir gehen auf die Messe!“
Vom Gartenzimmer her erklang Tante Evas Stimme, und die Buben ließen ihre Spielsachen und ihre streitlustigen Nachbarinnen im Stich und liefen in das Haus zurück.
Herta und Irene sahen sich enttäuscht an. „Sie kommen wieder,“ sagte Herta. Aber die Buben kamen nicht wieder, die Zeit verging, die Mädel mußten einkaufen gehen; ihre Einladung hatten sie gar nicht angebracht. Wenn wir zurückkommen, sind sie vielleicht da, dachten sie, liefen fort, sputeten sich und fanden den Garten leer. Nun war es zu spät. Kleinlaut kehrten sie in das Haus zurück, sie ärgerten sich über die dummen Buben und hätten sie doch so gern eingeladen, denn Annedore kam und zwei Freundinnen mit ihren Brüdern, und allen hatten sie erzählt, die Buben würden kommen, denn sie hatten gemeint, die würden nur zu gern zu ihnen kommen.
Mathes und Peter aber hatten ihre Nachbarinnen mitsamt ihrer Gesellschaft schon wieder vergessen. Die waren mit Tante Eva schnell noch allerlei einkaufen gegangen und mit einem tüchtigen Mittagshunger heimgekommen. Und nach dem Essen rüsteten sie sich zum Messegang.
Und wieder benahm sich Hulda sehr sonderbar.
Die ging mit einem Gesicht einher, als sollte sie zehn Pfund Kieselsteine zerbeißen. Sie seufzte, als sie in die Bahn stieg, und sie seufzte, als sie wieder ausstieg, sie seufzte auch, als sie den Messeplatz betraten, und dann hatte sie gar keine Lust zum Töpflekauf, auch keine, sich etwas anzusehen, sondern erklärte, Kaffeetrinken wäre am besten.
„Dazu braucht man doch nicht auf die Messe zu gehen, das hat noch Zeit!“ Eva schlug vor, erst in ein Zaubertheater zu gehen, aber Hulda seufzte nur und klagte, sie fiele nächstens gleich um vor Kaffeedurst.
Eva von Ringewald ärgerte sich wirklich. Huldas üble Laune begriff sie gar nicht. So war Hulda doch sonst nie. Was hatte sie nur! „Fehlt Ihnen etwas?“ fragte sie.
„Ach du lieber Himmel, mir ist das Herz so schwer!“
„Ja, aber dann hätten wir doch nicht hierhergehen sollen!“
„Doch doch, gerade hierher! Nur mit dem Kaffeetrinken dürfen wir nicht warten, ja nicht, ich halt’s nicht mehr aus.“
Daraus sollte nun einer klug werden. „Hulda kann ja Kaffee trinken, und wir holen sie ab,“ schlug Mathes vor, den das Zaubertheater just mehr lockte als die Kaffeeschenke.
„Nee, nee, alle müssen mit. Und — vielleicht ist auch der Zigeuner da, den sehen wir uns an.“
Eva gab wieder nach. Sie fühlte, Hulda hatte irgend etwas auf dem Herzen, irgend etwas bedrückte sie, und sie wollte die treue Seele nicht kränken. Sie schlugen also den Weg zur Kaffeeschenke ein, und bald betraten sie den Raum, Hulda seufzend, die Buben verdrießlich und Eva mit dem Gedanken: Es wäre wirklich besser gewesen, gar nicht auf die Messe zu gehen.
Es war noch ziemlich leer, doch die Zigeuner saßen wirklich schon mit ihren Instrumenten da und spielten.
Da horchte Eva auf. Eine der Geigen sang und klang so schön und traurig, daß ihr das Herz zu zittern begann. Jetzt schwiegen die andern, und nur diese eine Geige tönte, leise, zart, unendlich süß; es klang, als weine ein Mensch vor Heimweh und Leid bitterlich.
Eva ließ sich von Hulda sacht vorwärtsschieben, immer näher der kleinen Bühne, auf der die Zigeuner saßen. Der, der spielte, drehte dem Saal ziemlich den Rücken zu, sein Gesicht hielt er tief geneigt, nur seine dunklen Haare waren zu sehen.
Den Buben kollerten die Augen beinahe aus dem Kopf, so sehr mühten sie sich, ihren Zigeuner herauszufinden. Aber da Hulda immer tuschelte: „Leise, leise!“ gingen sie ängstlich auf den Fußspitzen, und es war schon merkwürdig, daß sie so einen Tisch erreichten, ohne über etwas zu stolpern. Auch setzen taten sie sich ohne viel Lärm, dann aber wollten sie sprechen, und wieder mahnte Hulda: „Still, still!“ Ja, sie hielt ihnen sogar den Mund zu, was beide furchtbar ärgerte. Solche kleine Hosenmätze waren sie doch wirklich nicht mehr. Sie sahen Tante Eva bittend an, die sah aber nichts, die hörte nur die Geige klingen und singen. Ihr liebes Gesicht wurde blaß, und ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie mußte an den Bruder denken, an den fernen, verlorenen, der ein Künstler hatte werden wollen. Und die Geige sang und klang immerzu.
„Das da ist er!“

Trotz Huldas Mahnungen, trotz dem Mundzuhalten schrie Mathes laut, und sein Finger zeigte dahin, wo die Zigeuner saßen. Auch Peter hob den Finger, und Eva wollte ihnen dies gerade verweisen, als der Zigeuner sich umdrehte und nach dem Tisch hinübersah.
„Er kennt uns!“ riefen die Buben.
Die Geige gab einen wunderlichen Ton. Srrr! Wie ein Schrei klang’s; zwei Saiten waren gesprungen, und der Zigeuner ließ den Bogen sinken.
Er starrte unverwandt Eva von Ringewald an, und die sah zu ihm auf. Totenbleich war sie geworden.
„Er ist’s wirklich und wahrhaftig, Fräulein Eva!“ murmelte Hulda. „Der dumme Junge, der Mathes, hat doch recht gehabt.“
Eva stand auf. Sie ging durch den Saal an den Tischen vorbei, an denen fremde Menschen saßen, dem Ausgang zu. Und oben auf der kleinen Bühne nahm der Zigeuner die Geige unter den Arm und lief auch hinaus.
Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges, was Mathes und Peter in die allerhöchste Aufregung versetzte. An der Türe gaben sich Eva und der Zigeuner die Hand, und dann gingen sie beide so Hand in Hand hinaus, und draußen nahm das bunte Gewühl der Messe sie auf — fort waren sie.
„Der Zigeuner hat Tante Eva geholt,“ schrie Peter. Er sprang auf, Mathes auch, beide dachten, wir müssen nachlaufen. Doch Hulda dachte anders. „Bleibt!“ rief sie, „bleibt!“ Und dabei hielt sie die Buben fest.
„Er nimmt Tante Eva mit.“ Mathes wehrte sich, aber Hulda hielt ihn fest. Doch Peter entschlüpfte und lief auch dem Ausgang zu.
„Jemine, was hat man mit euch für ’ne Not!“ jammerte Hulda, und sie schrie ganz laut: „Peter, Peter, hierbleiben!“
Peter kümmerte sich nicht darum, doch andere Gäste hatten den Ruf gehört, und ein Mann hielt Peter den Stock vor die Füße. Bums! da lag er, und der Mann sagte lachend: „Geh du nur zurück, ausreißen auf der Messe gibt es nicht!“
Beschämt stand Peter auf und sah sich um. Mathes saß neben Hulda am Tisch, Tante Eva und der Zigeuner waren verschwunden. Da kehrte er kleinlaut zu den beiden andern zurück, er dachte: Nun gibt’s Schelte. Doch diesmal gab es Kaffee und Kuchen, und Hulda sagte ganz sanft: „Setz dich nur! Ach du lieber Himmel, das ist ’n Wunder, ’n richtiges Wunder!“
Nun fing auch Hulda noch an zu weinen, die Tränen kollerten ihr richtig in die Kaffeetasse hinein, und dabei sagte sie nur immer: „Jemine!“ und „Ach, du lieber Himmel!“
Für die Neugier der Buben war das zu wenig, sie wollten wissen, warum Tante Eva mit dem Zigeuner davongegangen war, und sie drängten: „Hulda, wir wollen Tante Eva nachgehen.“
„Die findet ihren Weg schon allein!“
Hulda sah zur Decke auf, als liefe dort oben Tante Eva herum, und dann fing sie auf einmal an, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, und dabei lachte und weinte sie, und wenn die Buben sagten: „Wir wollen Tante Eva suchen,“ dann nickte sie und redete davon, was sie alles sehen wollten. „Wir gehen ins Zaubertheater,“ sagte sie, „und ins Lichtspiel und meinetwegen zu den Affen und dem Messerfresser, oder ich weiß nicht was er frißt; irgend einer, der irgend etwas Komisches frißt, ist immer da.“
„Aber Tante Eva —“
„Ja, ja, Jungchens, die finden wir schon! Und vielleicht ist sie auch nach Hause gegangen, und ihr wollt doch noch Luftschaukel, Karussell und Rutschbahn fahren und Kasperle sehen, auch ’ne Trommel könnt ihr kaufen und ’ne Trompete oder sonst was. Wenn’s auch lärmt, das schadet nichts. Und dann gehen wir noch zum Mann mit zwei Köpfen. Nee, vielleicht ist das ’n Kalb, oder vielleicht sind’s vier Beine und nicht zwei Köpfe, was auch erstaunlich wunderbar ist.“
„Aber Hulda,“ schrie Mathes, „ein Kalb hat doch immer vier Beine!“
„Ja, ja, meinetwegen sechse!“ Hulda trank und trank aus ihrer Tasse, dabei hatte sie gar keinen Kaffee mehr drin, und als die Buben darob lachten, lachte sie ganz laut mit, aber dann liefen ihr doch wieder die Tränen über die Backen, und sie brummelte vor sich hin: „Das ist ’n Tag, ach du lieber Himmel, was wird meine liebe gnädige Frau sagen!“
Mathes und Peter fanden Hulda sehr sonderbar, aber die verheißenen Herrlichkeiten lockten sehr, und sie bettelten: „Komm doch, vielleicht finden wir Tante Eva dort!“
„Ja, ja, wir wollen gehen. Vielleicht wollt ihr auch noch die Wachsfiguren sehen.“ Etwas viel hatte sich Hulda schon für diesen Nachmittag vorgenommen. Der hätte von Gummi sein und sich über drei Tage hinziehen müssen, um alle Pläne ausführbar zu machen. Und nachher hatte Hulda im Zaubertheater nicht einmal bis zum Ende Geduld. Es sei langweilig, behauptete sie, und als die Vorstellung zu Ende war und die nun dachten, jetzt kommen die Affen, der fressende Mann, Kasperle, die Lichtspiele und die Luftschaukel dran, rief Hulda: „Jemine, schon so spät! Wir müssen jetzt rasch nach Hause gehen, und überhaupt, ohne Fräulein Eva ist es doch nichts!“
Es blieb kaum noch Zeit, um Trommel und Trompete zu kaufen. Hurlebusch! ging das, und die Sternbuben liebten doch das lange Aussuchen sehr. „Sputet euch, schnell, schnell, wir müssen nach Hause, es wird dunkel!“
„Nee, Madamchen, das wird nicht so schnell dunkel,“ sagte die Trommelfrau, „das bleibt noch lange hell.“
„Unsinn, gleich wird’s dunkel!“
„Na, so was!“ Die Trommelfrau ärgerte sich. „Sie sind wohl dem heiligen Petrus seine Tante, daß Sie das besser wissen als unsereins?“ brummte sie. „Die jungen Herren wollen sich doch ordentlich was aussuchen für ihr Geld. Vielleicht noch ’ne kleine Drehorgel gefällig und für jeden ’ne Mundharmonika?“
Die „jungen Herren“ fuhren den Sternbuben gewaltig in die Nase. So waren sie noch nie genannt worden, und vor lauter Dankbarkeit hätten sie der Frau am liebsten ein Dutzend Musikinstrumente abgekauft. Doch darüber ließ sich mit Hulda nicht reden; die tippte einfach auf eine Trommel und eine Trompete, sagte: „Die sind gut!“, zahlte geschwind, und fort ging es.
Hulda machte Siebenmeilenschritte, Mathes konnte nicht trommeln, Peter nicht blasen, und sehr mißvergnügt stiegen beide in den Bahnwagen. Der bunte, lustige Platz lag noch im lichten Tagesschein, die Musik dudelte herüber, und die Buben dachten niedergeschlagen an alles, was sie hatten sehen sollen und nun nicht gesehen hatten. Rrrr! rasselten sie davon, der Meßgang war vorbei.
Bum! tönte es. Alle Leute im Wagen sahen verwundert auf, und ein junges Mädchen rief erschrocken: „Aber man stellt doch auch nicht eine Trommel auf den Sitz!“
Beim Anfahren hatte es einen Ruck gegeben, und das junge Mädchen hatte sich auf die Trommel gesetzt.
Mathes wollte ein großes Klagegeschrei erheben, aber Hulda sagte: „Sei nur still, in Leipzig gibt’s noch mehr Trommeln, und zum Vergnügen hat sich das Fräulein ja nicht hineingesetzt.“
„Nein, wirklich nicht!“ Das junge Mädchen war so rot geworden wie der Trommelrand, und als in der Ecke ein Platz frei wurde, lief es rasch hinüber und warf von da aus bitterböse Blicke auf Mathes. Dazu sagte auch noch eine alte Dame laut: „Ich finde es recht überflüssig, Kindern solche Marterwerkzeuge zu kaufen; sie quälen damit nur ihre Umgebung. Ich würde das nie tun; man müßte so etwas verbieten.“ Streng sah sie zu den Buben hin.
„Na, ’ne Trommel geht noch, aber ’ne Trompete!“ brummte aus einer Ecke heraus ein Herr. Er hatte eine Brille auf, und Peter meinte, hinter der ein paar Augen zornig funkeln zu sehen.
Erschrocken preßte er seine Trompete fest an sich, und da lachte jemand, und es war wirklich der Herr in der Ecke. „Der hat nur Spaß gemacht!“ tuschelte Mathes Peter zu.
„Er freut sich über das Trompetle,“ tuschelte Peter zurück. „Weißt du was?“
„Na, was denn?“
„Ich blas ihm was vor.“
„Aber hier net!“ Mathes sah den kühnen Bruder ganz entsetzt an.
„Doch, hier!“ Peter schielte wieder zu dem Herrn hinüber, wirklich, der lachte, und die Brillengläser funkelten.
„Wir müssen aussteigen.“ Hulda sprang auf. „Schnell, schnell!“ mahnte sie, obgleich der Wagen noch nicht hielt.
Die Buben sprangen flink auf, und während sie an der Türe standen und auf das Halten warteten, bewies Peter, daß der alte, unnütze Sternbüblessinn noch da war: er setzte blitzschnell die Trompete an den Mund und tutete los.
Greulich klang es.
„Um Himmelswillen!“ Die Dame, die vorher gescholten hatte, hielt sich die Ohren zu, ein paar Leute riefen laut: „So was ist nicht erlaubt.“
„Tutuut, tututuut!“
„Blasen ist verboten!“ schrie der Schaffner.
Der Herr in der Ecke lachte, die Dame rief: „Das muß man anzeigen.“
Doch da standen Hulda und die Buben schon draußen, und der Wagen rasselte weiter.
„Tutuut, tututuut!“ klang es ihm nach.
„Junge, bei dir rappelt’s wohl!“ Weiter sagte Hulda nichts, und als in der stillen Straße, durch die sie nun gingen, Peter noch einmal blies und Mathes auf seiner Trommel versuchte, doch noch etwas zu lärmen, schwieg Hulda dazu. Ja, sie schien es gar nicht zu hören; sie rannte erst, doch kurz vor dem Hause ging sie langsam, blieb vor der Türe stehen und flüsterte vor sich hin: „Der liebe Gott mög’s gut gemacht haben!“
Den Buben wurde es ganz feierlich zumute. Hulda sah so seltsam aus. Und dann schloß sie innen leise die Türe auf und sagte halblaut: „Macht keinen Lärm, Jungen, und geht gleich in eure Stube, ich will erst mal sehen, ob —“
Hulda konnte nicht weiter sprechen, die Türe vom Wohnzimmer tat sich auf, und Eva von Ringewald kam heraus.
„Tante Eva,“ riefen die Buben, „warum bist du mit dem Zigeuner weggegangen?“
Eva gab keine Antwort. Sie fiel der alten treuen Hulda um den Hals und machte es wie diese draußen auf der Messe, sie lachte und weinte durcheinander.
„Hulda, o Hulda, du hast es gewußt!“
„Der da war’s.“ Hulda zeigte auf Mathes, und dieser, der meinte, er würde angeklagt, schrie erschrocken, denn er war sich keiner Schuld bewußt: „Ich war’s net.“
„In deinem Brief hat’s gestanden.“
Mathes und Peter schwiegen vor Staunen. Sie verstanden kein Wort von dem, was Tante Eva und Hulda zusammen redeten; von Mathes’ Brief sprachen sie, und Hulda sagte, der wäre für sie wie ein Blitz gewesen, und Mathes hatte dabei doch nichts von einem Gewitter geschrieben.
Und dann mußten die Buben in ihr Zimmer gehen, und Tante Eva sagte, sie würde sie gleich holen, aber erst müßte Hulda hineingehen.
Nach einer Weile kam Tante Eva und rief die Buben. Ihre Stimme klang dabei so feierlich und so glückselig, als hätte sie eben ein Weihnachtslied gesungen. Sie schob die Buben sacht in das Wohnzimmer hinein und sagte: „Hier sind die beiden.“
Ja, da waren die Sternbuben, aber wer saß denn da drinnen neben der Tante Pate und lächelte ihnen entgegen? — Der Zigeuner war es!
Niemand anders als der Zigeuner!
Und wie sah die Tante Pate aus! Als hätte die liebe Sonne selbst ihr sanft und linde das bleiche Gesicht geküßt, ihre Augen glänzten, und der Zigeuner saß neben ihr und hielt ihre Hände fest.
„Kennt ihr mich?“ fragte der Zigeuner. Er lachte die Buben an, und wie er so lachte, schaute Mathes flink zu Tante Eva hinüber, auch sie lachte, und wirklich, jetzt sah er’s wieder, Tante Eva sah aus wie der Zigeuner.
„Das ist dein Bruder,“ rief Mathes, dem Huldas Erzählung einfiel.
„Aber ich bin doch ein Zigeuner!“
„Noi!“ Mathes schüttelte heftig den Kopf, während Peter etwas zweifelnd dreinsah, aber da schob sie Tante Eva schon beide zu dem Fremden hin und sagte innig: „Ja, er ist mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!“
Der Zigeuner war wirklich der heimgekehrte Sohn des Hauses, Fritz von Ringewald. Warum er inzwischen ein Zigeuner gewesen war, erfuhren Mathes und Peter erst später von Hulda. Die saß bei ihnen in ihrem Zimmer und erzählte ihnen, während sie schmausten, denn das mußten sie allein tun; drinnen wollte die Mutter mit ihren Kindern an diesem Abend allein sein.
Übel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mühsam durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es anfing, ihm besser zu gehen, als er drüben in Amerika eine Stellung gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig über ihn gekommen, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu treten. Arm und unberühmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.
„Es ist ein rechtes Glück, daß ihr gekommen seid,“ schloß Hulda ihre Erzählung. „Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen hätte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann säße der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der Messe, und meine arme, liebe gnädige Frau grämte sich weiter. Na, ich sage nichts mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen könnt ihr alle Ferien kommen; mir soll’s nur recht sein.“
Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch allerlei liebe und freundliche Worte, erzählte von schönen Tagen, die noch kommen sollten, von viel Ferienfreude für Herz und Magen. Dann kam auch noch Tante Eva, küßte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinüber, und als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller Freude dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte sich Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate so viel angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter denken müssen.
Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an diesem Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr auf, knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel einfiel, ihn tröstete: „Morgen kriegst du eine andere,“ da murrte er: „Will keine!“
Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glückselig gewesen wäre, dann hätte sie sich geärgert. So redete sie noch freundlich zu dem Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: „Hast noch Hunger? Tut dir was weh?“
„Noi — ich will heim!“
Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh zurückgetrieben hatte, und sie strich dem betrübten Büble über das heiße Gesicht und erzählte ihm von der Heimreise und sagte: „Aber wenn du fährst, dann weine ich.“
Dies tröstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er müßte Hulda etwas trösten; darum brummte er: „Morgen fahr ich doch noch net, sei nur net traurig!“