Neuntes Kapitel. Noch einmal die Messe.
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Nichts störte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie träumten von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater und von sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt durcheinander, und einmal murmelte Peter halblaut: „Die Schule fängt an, es klingelt schon.“
Mathes hörte nicht darauf. Der saß gerade im Traum auf einem Tiger und ritt auf dem die Löwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es sehr sonderbar, daß plötzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich wurde ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die Türe vom Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den lichten Tag ins Zimmer scheinen.
„Nä, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze!“ rief Hulda. „Sechsmal habe ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.“
„Uahuah!“ Peter gähnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte er auch Hulda und merkte, es war Tag.
Und was für ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene Sonne, als wären noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war kränker geworden, und was Peter in der Nacht für die Schulklingel gehalten hatte, war die Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein paar Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das Gärtchen recht. Über der Messe hatten sie Herta und Irene völlig vergessen, nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie rannten nach dem Frühstück vergnügt in den Garten, um beide zu sehen.
Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald durch den Garten. Sie hatten heute Hüte auf und Handschuhe an und erzählten, sie würden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr herablassend zu und sagte gnädig wie eine Prinzessin: „Ihr dürft mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Straße auf euch.“
Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie rannten schnell in das Haus zurück und brachten drinnen ihr Anliegen vor. Fräulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter in solchen Fällen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht, redete etwas von Verlaufen, aber Hulda sagte: „Ach, mit den beiden Zierpuppen von drüben können sie schon gehen, die sind wie Damen und machen sicher keine dummen Streiche.“
Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun. Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst leckere Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging sie noch in den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten Tränen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus, und am liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis freundlich umschmiegen.
Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann verließ sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.
Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: „Jetzt sieht uns niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!“ Und husch! drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.
Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben, sondern viel eher etwas frech und unnütz. „Paßt auf,“ sagte sie zu den Sternbuben, „wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell immerzu. Habt ihr Geld?“
Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört doch Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke in funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: „Haltet gut damit Haus!“ Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch sehr spaßhaft.
„Annedore wollte mitgehen,“ sagte Irene etwas zaghaft.
„Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.“ Herta sah aus, als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten alle vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein bißchen wie der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am nächsten stand, bekam einen tüchtigen Puff.
„Hallo, da bin ich! Ich darf.“
„Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!“ Herta rümpfte verächtlich die kleine Nase.
„Ohne Erlaubnis macht’s mir keinen Spaß.“ Annedore zuckte die Achseln, dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. „Sind das die?“ fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und Peter die Hand hin und sagte: „Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das Herta nur geflunkert?“
Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht war, darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen. Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief: „Wir müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.“ Und flink ergriff sie Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und Annedore folgten.
Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene lachend voraus liefen. „Es ist unpassend, zu rennen,“ sagte sie zu den Buben; „vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und ungezogen.“
Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.
„Wir rennen oft bei uns,“ sagte endlich Mathes.
„Na ja, in einer kleinen Stadt!“ Herta sah sehr hochmütig drein. „Ich habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß man natürlich nicht, was sich schickt.“ Und da ihr die Buben auf diese Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von ihrem Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst hätte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie waren froh, als der Meßplatz erreicht war.
Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die drei, und Annedore rief: „Ihr geht ja wie Schnecken!“
„Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.“ Herta sagte es sehr spitz, und dann erzählte sie: „Wir haben uns unterhalten; nicht wahr, Jungen, es war sehr fein!“
„Noi!“ riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: „Du hast alleweil allein geschwätzt, wie — wie — ’ne Elster.“
„Pfui, ihr seid aber frech!“ Herta war tief gekränkt, sie brach gleich in Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel lachten, und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder ernsthaft dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das ärgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu fallen, aber die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig herüber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran, die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die Elster streiche ich ihnen noch an.
So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle. Dafür aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm, und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles recht ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt, trödelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich miteinander, ließen sich von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer, der himmelblaue Strümpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt trug, fing an, sich mit den Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein Herold und rufe immer das größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das größte Weltwunder, da könnte er spazierengehen.
In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: „Ludwig, Ludwig, der Kaffee kocht!“ Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strümpfen spornstreichs davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte: „Das war sie.“
„Wer denn?“ fragte Herta.
„Na, das größte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart.“ Die Frau, die klein und sehr dick war, schüttelte den Kopf. „Es lohnt sich nicht sehr, sie anzusehen,“ meinte sie; „meine Wachsfiguren sind schöner, kommt doch zu mir rein, ich mach’s billig; weil Vormittag ist, kostet es nur ’nen Groschen.“
Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben, denn jemand schrie sie an: „Karussell gleich fährt. Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“
Die fünf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie ihm vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weißen Zähne blitzten, und dann sagte er noch einmal: „Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“
„Die sollen erst bei mich reinkommen,“ rief die Frau mit den Wachsfiguren ärgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah sehr stattlich und verlockend aus, und Annedore hüpfte von einem Bein auf das andere. „Wir wollen fahren, wir wollen fahren,“ bettelte sie.
Eine Minute später saßen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich, die Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann war das Vergnügen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen weiter. Es gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glänzte, alles stand bunt und lustig in ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle fing an zu rufen, die Luftschaukel drehte sich, und die fünf vergaßen die Zeit, vergaßen den Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal surrten und brummten seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten auf; was war das?
„Die Fabrikpfeifen sind’s, es ist zwölf, wir müssen bald heim,“ sagte Annedore und zeigte hinüber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort dunkle Häusermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleißfinger, die anzeigen: Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Fleiß und Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie ließen die Fabriken pfeifen, soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelärme um sich herum.
Aber auch die Mädel vergaßen die mahnenden Stimmen in der Luft.
„Nur noch ein Weilchen,“ sagte Herta. „Noch einmal Karussell und dann noch Luftschaukel.“
„So viel Geld hab’ ich nicht mehr,“ erklärte Annedore.
Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen. Sie war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden heran und fragte: „Was kostet dies, was kostet das?“ und rannte dann lachend wieder weg. Sie saß auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt auf einem Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehört, da rannte sie schon zur Luftschaukel hin. „Jetzt wird’s fein!“ schrie sie. „Kommt flink!“
„Ich fahr nicht mit,“ sagte Irene, „mir wird’s schwindlig.“
Annedore zögerte, und Herta ergriff Peters Hand: „Komm du mit!“ Peter folgte und Mathes folgte, und schließlich kam Annedore auch mit, und kaum saßen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen höher und höher, schon konnten die Kinder auf die Köpfe der Zuschauer sehen, nun auf die Budendächer, noch höher ging’s hinauf, da schrie Herta plötzlich: „Ich falle, ich falle!“
Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter faßte sogar zur Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch schrie sie unausgesetzt und wurde so weiß wie ein Blättlein Papier.
Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter ihnen, auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwärts, schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: „Bitte aussteigen!“
Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben schoben, und plötzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus, sie wußten nicht wie.
Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: „Ihr Diener, meine Herrschaften, nicht zu höflich!“
Und dann griffen etliche Hände zu, und endlich standen die vier wieder auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein Mann klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und tröstete sie: „Das geht bald vorbei. So, nun ist’s gut; na, da sitzt noch Staub.“ Er klopfte an Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: „Du verlierst dein Taschentuch, kleines Fräulein.“ Er war überhaupt so freundlich, wie nur einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu Irene, wünschte ihnen noch viel Vergnügen, und ehe sich die Kinder bedanken konnten, war er verschwunden.
„Der war nett!“ Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um, auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht und dort war er nicht, aber — sie jauchzten laut auf — dort war der Zigeuner.
„Da ist er, da ist er!“ Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte mit dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich fanden, sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: „Wer ist da?“
„Der Zigeuner von gestern.“
„Ein echter Zigeuner!“ Peter sah stolz drein. „Ganz echt ist er,“ versicherte er noch.
„Kennt ihr ihn?“
„Hm, vielleicht!“ Mathes machte ein Gesicht, als hätte er die ganze Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: „Sag’s doch, woher kennt ihr ihn?“
Mathes erzählte und Peter erzählte, und dabei schauten alle fünf unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte fertig waren, rief Annedore: „Ihr müßt ihm guten Tag sagen, da merkt ihr’s gleich, ob er es ist.“
„Ja, fein! Und wir gehen mit.“ Herta zappelte vor Ungeduld, den Zigeuner zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklärte: „Ich graule mich.“
„Hier kann er uns doch nichts tun!“ Annedore und Herta zogen die Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu und blieben vor ihm stehen. „Guten Tag!“ Mathes zog seine Mütze, Peter zog seine Mütze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah über sie beide hinweg, als wären sie zwei Mücklein.
„Guten Tag!“ Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der Zigeuner an. „Was wollt ihr?“ fragte er, und seine Stimme schnarrte wie eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht geschnarrt.
„Er ist’s net!“ rief Mathes enttäuscht. Aber da drängte sich keck und flink und ein bissel frech Herta heran und fragte: „Haben Sie die Jungen neulich nach Hause gebracht?“
„Wohin denn?“ Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun auch greulich. „Zu Ringewalds,“ sagte sie kleinlaut und wich langsam zurück.
„Nix kennen! Wer sein das?“ Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt wieder ganz anders, aber Peter stieß den Bruder an und tuschelte ihm zu: „Er ist’s doch!“
In diesem Augenblick summten und tönten wieder die Fabrikpfeifen, ein paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie erschrocken: „Jetzt ist’s eins, wir müssen nach Hause.“
„Ach was, wir essen erst gegen zwei!“ Herta sah ganz unbekümmert aus, aber Annedore und Irene sagten beide ängstlich: „Wir müssen furchtbar schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald wäre krank; wenn die sich nun sorgt!“
Den Buben selbst fuhr der Schreck über die späte Stunde arg in die Beine. Sie vergaßen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mädel folgten, im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: „Wir fahren alle, dann geht es flink.“
„Dort ist unsere Bahn, sie fährt gleich fort.“
Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: „Halt, halt!“ und die Buben ächzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.
„Zahlen!“ sagte der Schaffner und sah sie brummig an.
Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mädel suchten in ihren Handtäschchen nach, da schrie Herta: „Mein Täschchen ist weg!“
„In meinem ist nichts mehr drin,“ klagte Irene.
Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensäckle um und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.
„Na, wird’s bald!“ brummte der Schaffner, der aussah, als wäre er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden.
Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte: „Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben’s so eilig, lassen Sie uns mitfahren.“
„Geht nicht,“ knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, „wer kein Geld hat, muß aussteigen.“
„Fahr du, Herta,“ rief Annedore rasch, „geh zu Frau von Ringewald und sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.“
„Nein, nein!“ Herta schluchzte laut. „Das kann ich nicht, das kann ich nicht.“
Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: „Aussteigen, flink! Nur wer Geld hat, kann bleiben.“
Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. „Ich geh mit euch,“ sagte sie, „ich lasse euch nicht im Stich.“
Die fünf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut und schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf dem Löwengäßle getan hatten. Über das Gebrüll erschraken nicht nur die Mädel, auch viele Vorübergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben gar stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstraße ein. Dort schalt Herta böse: „Schämt euch doch, so weint man nicht, das schickt sich nicht!“
„Unsere Beuteles!“ klagte Mathes. „Ganz neu waren sie, und so schrecklich viel Geld war drin!“
„Ich will — su — suchen gehen,“ schluchzte Peter. Der meinte, es könnte nicht schwer sein, auf dem Meßplatz zu suchen.
„Ihr seid zu dumm!“ Herta hatte schon wieder die Tränen getrocknet, und sie, die draußen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine kleine Dame. „Seid stille,“ fuhr sie die Buben an, „so ein Geschrei schickt sich nicht!“
So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte: „Was fehlt euch, Kinder?“ rief sie heftig: „Das schickt sich nicht, ich schäme mich mit euch zu gehen; komm, Irene!“ Und blitzschnell bogen beide in eine andere Straße ein und riefen von dort: „Komm mit uns, Annedore!“
„Nein!“ Annedore schüttelte den Kopf sehr nachdrücklich, und ihre rostbraunen Zöpfe flogen hin und her. „Ich lasse die Jungen nicht im Stich, die kennen den Weg noch nicht,“ rief sie ärgerlich den Freundinnen nach.
Im Augenblick hörten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes feiges Davonlaufen kränkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore: „Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!“
Aber Annedore lachte über den trotzigen Bubenstolz. „Mitgefangen, mitgehangen, sagt mein Vater immer,“ antwortete sie. „Ihr wißt den Weg doch nicht, und würdet ihr mich denn im Stich lassen?“
„Noi!“ riefen beide Buben, und Mathes fügte wichtig hinzu: „Seine Kamerädles läßt man net im Stich!“
„Kamerädles!“ jauchzte Annedore. „Wie fein das klingt! Wir sind Kamerädles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher heim als die andern.“
Den Buben war das sehr recht. Sie faßten sich alle drei an den Händen und rannten die Straßen entlang, und Annedore erzählte dabei von ihrem Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darüber vergaßen die beinahe ihre verlorenen Schätze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds an. Dort standen Hulda und Ida auf der Straße und hielten Umschau nach den Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.
„Herrje!“ schrie Hulda böse, „ihr —“
„Wir sind schuld,“ unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzählte sie, flinker als ein Regentröpflein fällt, von dem gemeinsamen Meßbesuch und dem verlorenen Geld. „Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an der Luftschaukel stand,“ schloß sie.
„Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach Hause!“ schrie Hulda. „Ihr seid doch —“
„Sie können nichts dafür,“ unterbrach sie Annedore wieder, und ihre blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der Blick.
Das war noch ein Kamerädle! Mathes reckte sich und rief: „Sie kann auch net dafür, sie hat gedurft, und ein Gröschle hat sie und ist net mit dem Bähnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt, sie wär’ unser Kamerädle.“
„Ja, und die Jungen müssen mich besuchen, und ich besuche sie, und wenn sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.“
„Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange!“ brummelte Hulda. „Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei?“ fragte sie.
„Davongelaufen sind sie!“ Und nun ging das Erzählen an, und Hulda hätte wohl den Meßbesuch von Anfang bis zu Ende erzählt bekommen, wenn sie nicht gesagt hätte: „Das Mittagessen ist längst fertig.“
„Ich muß heim; morgen auf Wiedersehen!“ Annedore lief davon, daß ihre Zöpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an der Türe stand Fräulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte traurig: „Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!“
Da hingen Mathes und Peter die Köpfe wie zwei Schneemännlein, wenn der Tauwind bläst, Hulda aber sagte: „Lassen Sie sich nur erst erzählen, Fräulein Eva, wie’s war; ihr Kamerädle, wie sie’s nennen, sagt, sie wären nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann gibt’s keine Kirschenspeise nachher.“
