← Table of contents
Die Sternbuben in der Großstadt

Achtes Kapitel. Auf der Messe.

Reading edition

Hulda zeigte ihre neue Freundschaft für die Sternbuben gleich an diesem Nachmittag. Sie erbot sich nämlich, mit den beiden auf die Messe zu gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr froh darüber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augäpfel zu hüten, stellte ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: „Die werden Augen machen! Aber auf die Luftschaukel dürfen sie nich. Denn da fallen sie mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei Arme und sechs Beine.“

Wie die Buben so viele Gliedmaßen brechen sollten, sagte Hulda nicht dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf ihren zwei Beinen sehr vergnügt mit ihrer neuen Freundin davon. Natürlich fuhr ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei, aber Hulda sagte: „Warten ist gesund.“ Also warteten sie, denn die Messe lief ja auch nicht gleich weg nach Huldas Ansicht.

Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie wußten nicht, daß seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben, und daß neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Ländern auch viele lustige, fröhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Künste zu zeigen. Dort, wo einst die Straße nach Frankfurt am Main führte, wo nach der großen Völkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer flüchtend dahinzog, befindet sich jetzt der große Marktplatz. Hulda hatte gesagt: „Es ist wie ein großer Jahrmarkt,“ und Mathes und Peter dachten daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie für sehr groß und bedeutend hielten. Als sie aber auf dem Meßplatz anlangten, da wünschten sie sich zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu sehen, was es zu sehen gab.

Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fünf Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine Stadt war die mit langen Budenstraßen. Und in den Buden schimmerte es in allen Farben, es glänzte und gleißte darin, und wenn einer nur Geld im Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bänder, Seidenstoffe und Blecheimer, Töpfe, Tassen, Teller, Gläser und Pfefferkuchen, Schuhe, Schürzen, Bücher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda wurde immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas anzusehen, gleich fragte jemand: „Na, junger Herr, was ist gefällig?“

„Ihr dürft auch nachher was kaufen; eine Mark für jeden hat mir Fräulein Eva geschenkt,“ sagte Hulda. „Aber erst überlegen, denn sonst kommt ’n Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.“

Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben mögen, das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: „Abends, wenn die Lampen brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe Sonne muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal dahin, das ist ’n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist’s einem nachher, als hätte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.“

Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda. Doch die brummte: „Erst soll’n die mal runterkommen, nä, da laß ich euch nich drauf. Seht mal dort, da ist ’n Zaubertheater.“

Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder eins und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit von ihnen eine heisere Stimme: „Seht wohl, ich bin auch da!“

„Kasperle!“ schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang, und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.

„Kasperle,“ riefen die Buben noch einmal, „bist du auch da?“

„Nu freilich!“ antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch redete. Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und Getöse, daß die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt: „Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur ’ne kleine Schmierbude!“

„Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!“ flehte Kasperle. „Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen Se noch wollen.“

„Unsinn!“ brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit glänzenden Augen: „Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer bei uns.“

Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann bleiben sie vor so ’n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.

Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde fuchswild darob.

Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her, und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und lachte, ohne freilich zu wissen, ob über Kasperle oder die Buben. Und diese jauchzende Fröhlichkeit der drei übertönte schließlich doch den Lärm der stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt gab es ein richtiges Gedränge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer lustiger, und gerade als er seine besten Späße machte, fing ein altes Frauchen an, vor der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas, Kupferpfennige und Nickelmünzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war der Teller schon ganz voll. Hulda legte ganz hochmütig fünfzig Pfennig auf den Teller, und die kleine Kasperlefrau knickste tief. „Allerschönsten Dank!“ murmelte sie. „Ach, ich wollte, die Herrschaften kämen jeden Tag! Wenn zweie so lachen können wie die Jungen da, dann ist das besser, als wenn Kasperle noch so laut schreit: „Ich bin da!“

Illustration from Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde für ein Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.

„Das war fein!“ sagte Mathes, und Peter stieß einen Seufzer aus: „Kasperle ist was Feines!“

„Kasperle hat’s arg gut!“ Mathes seufzte auch.

„Dummer Junge!“ brummte Hulda, „den Leuten geht es schlecht, das konnte man doch sehen, und es war schon recht, daß wir dastanden und so gelacht haben, sonst wär’ keine Katze weiter gekommen.“

Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?

Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mußte ihnen erst erklären, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern Prachtbauten hätte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hörte ihn selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schöneres zu sehen gab!

Die Buben senkten die Köpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es nicht gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.

„Mathes!“ rief da plötzlich Peter, und „Peter!“ rief Mathes, und beide steckten die Köpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten, und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: „Wir wünschen uns was.“

„Na, was denn? Wohl für die Mark von Fräulein Eva?“

Die Buben nickten lebhaft. „Wir wollen sie — Kasperle geben.“

Unsinn, hätte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann sich auch nicht lange, sondern nickte bedächtig mit dem Kopf: „Meinetwegen, mir ist’s recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr genug, und — Kasperle kann es gewiß brauchen.“

Einige Augenblicke später standen die drei wieder vor dem Budchen, und Mathes und Peter brüllten den Vorhang an: „Kasperle, komm raus, wir wollen dir was schenken!“

Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmützchen aus dem Vorhang herauslugte und eine klägliche Stimme fragte: „Vielleicht ’ne Wurst?“

„Noi, das hier!“ Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung über die reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. „Ich freu’ mich, ich freu’ mich!“ schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er sich auf die Brüstung der kleinen Bühne und begann zu singen, und es klang, als ob ein Hahn krähte:

„Kasperle ist ’n armer Mann, Hat nur sein Flick-Flickröcklein an, Hat nicht Bett, hat nicht Tisch, Hat nicht Braten und nicht Fisch. Trocken Brot am Morgen, Abends Kummer und Sorgen, Das ist ’n bißchen wenig, Doch tauscht er mit kein’ König; Denn allzeit lustig, allzeit froh Ist Kasperle, hussaholdrioh!“

Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten, und der Lärm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre Schützlinge gingen, drängten sich die Menschen vor dem Budchen ganz dicht zusammen; Kasperles Stimme übergellte selbst das Karussell, und Hulda sagte befriedigt: „Heute geht’s dem mal gut, aber nun gehen wir hier rein und trinken Kaffee.“

Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch. Freilich, so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen über den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt rissen sie Hulda von der Tür der Kaffeeschenke weg: „Da ist er, da ist er!“

„Wer denn?“ Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und Mathes und Peter konnten nur von ihm erzählen.

Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: „Solche laufen hier oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt’s was zu sehen!“

Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber schließlich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch für die neuen Gäste. Das Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor, auf der ein paar Männer in bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige spielten.

„Das sind die Zigeuner,“ erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im Saal saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.

Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen erzählt, hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in Erfüllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und Mina hatte alles dumme Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren Zigeuner Leute, die sich für zwei Buben schon des richtigen Ansehens lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.

Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich und suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche, wie Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: „Das ist er!“

Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht. Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich zu, und Mathes nickte auch.

„Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?“ fragte Hulda erstaunt. „Kennt ihr denn jemanden?“

„Ja, den Zigeuner oben,“ flüsterte Mathes, „der hat uns gestern heimgebracht.“ Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.

„I nä!“ Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: „Gestern war er aber blond!“

„Dann ist er’s eben nich!“ Hulda lachte. „Ihr seid schon ’n paar Dummchen; wie soll denn ’n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen schwarz, dann ist er eben ein anderer.“

Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut: „Er ist’s doch! Da, er sieht uns.“

Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rücken zu, und Hulda brummte ärgerlich: „So ’n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch lassen! Aber nun kommt, jetzt könnt ihr auf dem gräßlichen Drehding fahren, nur schlecht darf’s euch nich werden.“

Die Bübles versicherten eifrig, ihnen würde es nicht schlecht, es wäre ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.

Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel eins immer besser als das andere, und sie wählten und wählten, bis endlich Hulda sagte: „Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht.“ Da entschlossen sich die beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es Löwen und Tiger und noch viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich für drei Fahrten, und dann sagte sie, sie würde rasch einige Töpfe kaufen, inzwischen sollten die Buben fahren und sie wieder hier am Karussell erwarten. Dies versprachen die beiden, und sie erstiegen vergnügt ein paar Wüstentiere, und dideldum! ging die Fahrt los.

Hulda kaufte Töpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwänen, und als diese dritte Fahrt begann, sahen sie plötzlich unter den Zuschauern den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und diesmal nickte er wieder. Rundum ging’s, da war wieder der Zigeuner, sie nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und wieder nickten sie, und wieder nickte er.

„Wenn’s alle ist, gehen wir zu ihm,“ sagte Peter.

„Da ist Hulda,“ rief Mathes.

Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach ab, die Fahrt war zu Ende.

„Schon!“ sagten die Bübles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem köstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte ihre Töpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im Kreise herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen, konnten sie Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst die Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch obendrein aus. „Das ist doch so,“ erklärte sie, „wenn eins auf dem Karussell fährt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun kommt, jetzt gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!“

Affenbekanntschaften hatten die Sternbübles in ihrem Leben noch nicht viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das Theater hinein und dachten, wenn die Äffles so lustig sind wie Alette Amhags Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird’s fein. Es wurde aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!

Hulda nahm ersten Platz, und dann saßen alle drei nebeneinander auf roten Samtstühlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aßen und tranken, fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten allerlei Kunststücke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum Kußhände zu, zankten sich und versöhnten sich, zuletzt gab es sogar eine Hochzeit, und damit war das Spiel aus.

„Kommt!“ mahnte Hulda.

Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen, drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch drängte, da riefen beide: „Es war so kurz!“

„Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit ’ner Draufgabe hier sitzen!“ murmelte Hulda. „Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich dabehalten.“

Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda sagte: „Ihr werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt aufgepaßt, hier geht’s raus!“

Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag, der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber niemand; auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter glänzten auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Märchenland. Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und die Karussells glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer fröhlicher klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.

Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und füllten den weiten Platz.

Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf das Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr nicht uns, die schönen, sanften Himmelslichter?

Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte, funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte aber immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten, drehten sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte: „Kommt, kommt, es ist Zeit!“

Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit lauter Stimme irgend etwas schrie.

„Dummer Bengel!“ schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. „Junge, sieh dich doch vor!“ mahnte sie. „Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?“

Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar Schritte weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor der ein Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brüllte: „Hier gibt’s das größte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrößte!“ Hulda packte Mathes und zog ihn mit fort. „Nun komm endlich! Herrje, wo ist denn Peter?“

Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter übrig, als laut des Vermißten Namen zu rufen: „Peter, Peter!“

„Peter, Peter!“ riefen gleich ein paar andere Leute mit.

„Peter!“ gröhlte ein langer Bengel, „Peter!“ quiekte ein stubsnäsiges Fräulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh, Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoßen worden, weggedrängt, er wußte kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas überlaut: „Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!“

„Is recht, die Kleenen müssen ins Bette!“ schrie der lange Bengel, der vorher laut nach Peter gerufen hatte. „Das sind ja noch Wickelkinder, und man ’n Schnuller nich vergessen!“

So eine Beleidigung!

Mathes und Peter vergaßen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die große Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wären sie daheim in Breitenwert auf der Löwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott gefallen ließen. Ehe der fremde Junge noch wußte, wie ihm geschah, rannten die beiden wütend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die kleinen, derben Bubenfäuste auf ihn nieder.

Eine Prügelei auf dem Meßplatz!

Hulda schrie laut und versuchte ihre Schützlinge fortzuziehen. Neben dem großen Jungen aber erschienen plötzlich drei, vier andere, die sich drohend gegen die Sternbübles wandten, und die hätten beinahe recht tüchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und fortgezogen hätte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie auf einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in der Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.

„Der Zigeuner,“ sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.

„Jemine, was ihr mir für ’n Schreck eingejagt habt!“ Hulda sah sich nach dem Retter um, doch der war im Gewühle verschwunden, und sie nahm nun die Buben fest an den Händen und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: „Wo hast du denn die Töpfe?“

Ja, wo waren die!

„Im Affentheater hab’ ich sie vergessen, du meine Güte!“ jammerte Hulda. „Den ganzen Korb hab’ ich stehen lassen!“

Es half nichts, sie mußten noch einmal zurück. Wieder ging’s in Hast und Eile über den Platz, wieder drehten die Buben die Köpfe wie die Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen ihnen die Lichter zu glänzen, und auch das Affentheater, das sie bald erreichten, erschien ihnen größer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie gut, daß sie wieder hinein mußten, den Korb zu holen; den hatte Hulda nämlich neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: „Nun muß ich gar noch Eintritt bezahlen,“ sagte sie, „und dann müssen wir das Geld absitzen. Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!“

Mathes und Peter sahen gar nicht so betrübt aus wie Hulda. Der Gedanke, noch einmal ins Affentheater gehen zu müssen, machte ihnen den größten Spaß. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand groß und breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte freundlich: „Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat’s gut gefallen bei uns, wenn Sie sogar den Korb vergessen haben.“

Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das Wiederkommen beim nächsten Mal, und dann gebot sie: „Jetzt faßt ihr mich unter und nu flink, sonst schickt Fräulein Eva noch auf die Polizei nach uns und weint so sehr wie gestern!“

Wieder ging’s im Sturmschritt über den Platz der Haltestelle der elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saßen, merkten die Buben, daß sie eigentlich rechtschaffen müde waren. Sie lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen ihre Beschützerin nicht dann und wann einen kleinen Stoß gegeben hätte, wären sie vielleicht eingeschlafen.

Daheim empfing Fräulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei. „Endlich!“ rief sie. „Es ist schon so spät!“

Aus dem Erzählen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um den leisen Schlaf der Kranken nicht zu stören. Mathes und Peter durften in ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so müde ist und beinahe über seine eigenen Beine fällt, ist das nicht so leicht, und den Bübles ging es an diesem Abend so.

Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die Augen offen, und als Hulda zur Türe hinausging, rief er ihr nach: „Hulda, der Zigeuner sieht aus wie —“

„Denk’ jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl,“ unterbrach ihn Hulda, „sonst träumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk’ lieber ans Karussell, so ’n bißchen rundum fahren im Traum schadet nichts.“

Die Tür klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in die Kissen und brummte noch: „Und er sieht doch so aus!“ Dann schlief er auch ein.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings