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Die Sternbuben in der Großstadt

Siebentes Kapitel. Gartenfreundschaft.

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Am andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und wer ausgehen wollte, fragte sich: „Nehme ich nun einen Regenschirm mit oder nicht?“

Die Sternbübles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen höchst munter und vergnügt auf und schwätzten den Tag an wie zwei Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust und Freude. Als sie aber in das Frühstückszimmer kamen, sah es da eher nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem Stuhl, und Fräulein Eva ermahnte gleich: „Seid stille, Mutter fühlt sich nicht wohl.“

Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, daß eine Mutter krank war. Die ihre war immer gesund und immer tätig. Also wußten sie auch nicht recht, was sie tun sollten, vergaßen das Gutenmorgensagen und blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.

„So schlimm ist es nicht,“ sagte die Frau Pate linde, „kommt nur her und sagt mir guten Morgen, ihr könnt auch reden, soviel ihr wollt.“

Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde es an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das riesengroße Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein großes Bilderbuch sein sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte nicht weggehen, ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gästen, sie möchten sich etwas im Garten umschauen.

Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen ließ sich schon drin. Also zogen sie ganz vergnügt hinein und durchschritten ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle Winkel hinein, und dann begannen sie zu zählen, was es alles drin gab. Erst die Bäume, dann die Büsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur einen einzigen Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.

So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Gärten andere Kerle!

Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer Johannisbeeren wie kleine Kirschen so groß gegeben. Verächtlich sahen beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie enttäuscht: „Es hängt nichts dran.“

„Was soll denn dranhängen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem Weihnachtsbaum?“ fragte über den Zaun hinüber ein spitzes Stimmchen.

Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen sie zwei Mädel, ungefähr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr spöttisch dreinsahen und kicherten, als wären die Sternbuben ein paar Hampelmänner. „Was macht ihr denn da?“ fragte die eine, die eine rosa Schleife wie eine Taube so groß im blonden Haar trug.

„Ihr seid wohl Gärtnerjungen, weil ihr die Bäume so anseht?“ fragte die andere, deren braune Zöpfe mit weißen Schleifen verziert waren.

„Noi!“ riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.

„Nein, wie ihr sprecht!“ Die Mädel kicherten wieder, und die Blonde fragte weiter:

„Woher seid ihr denn?“

„Aus Breitenwert.“

„Aus —?“

„Breitenwert,“ wiederholten die Buben laut.

„Den Ort gibt’s gar nicht,“ rief die Braune hochmütig, „den haben wir noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist’s ein Dorf?“

„Noi, eine Stadt!“

„Pah, wie groß denn? So groß wie Leipzig?“

„Beinahe,“ riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr groß und weit.

„Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem fremden Garten?“ Die kleine Braune sah aus, als wäre sie der Herr Schuldirektor und sollte eine Prüfung abhalten.

„Wir sind doch Besuch!“ Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu werden, außerdem kamen ihnen die Mädchen höchst wunderlich vor; so fein geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Löwengasse einher. Die beiden sahen aus wie die großen Wachspuppen, die sie gestern in einem Geschäft gesehen hatten.

„Besuch, bei wem denn?“

„Bei meiner Pate,“ bemerkte Mathes, „sie hat uns eingeladen.“

„Ist das Frau von Ringewald?“ Die Braune sah auf einmal sehr freundlich aus. „Die ist reich,“ flüsterte sie wichtig. „Aber wie heißt ihr denn?“

So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann besannen sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren die Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen, was ihr Vater wäre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.

Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein Haus, von dem man erzählen kann, und sie erzählten unbefangen von der Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mädel ihre Näslein immer höher reckten, just als käme von den Sternbuben her ein übles Gerüchlein.

„Ein Wirtshaus, puh!“ rief die Braune.

„Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch!“ Die Blonde kicherte spöttisch, und dann fragte sie hochmütig: „Dann werdet ihr wohl mal Kellner?“

Über das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie höhnte verächtlich: „Kellnerjungen, Kellnerjungen!“

Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbübles waren zwar sehr harmlos und zutraulich, den bitterbösen Spott fühlten sie aber doch, und ein gewaltiger Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die Blonde an der rosa Schleife und Peter griff über das Gitter nach den Zöpfen der Braunen, und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die Buben sie tüchtig hin und her.

Und Breitenwerter Bubenfäuste können schon zufassen. Den Mädeln wurde himmelangst, und sie schrieen ganz jämmerlich.

Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert hätte sich bei solchem Geschrei sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus einem der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Gärten hinaussahen. Doch Mathes und Peter wurde über dem Geschrei selbst Angst, und sie ließen ihre kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben in ihrem Garten in der Mitte stehen und schalten zornig hinüber: „Pfui, pfui, ihr frechen Kellnerjungen!“ Und dann begannen sie bitterlich zu weinen; es klang, als wäre ihnen das größte Unrecht geschehen. Sie kauerten am Boden nieder und schluchzten erbärmlich, und den Sternbuben wurde es selbst dabei ganz wind und weh zumute. So etwas konnten sie nicht vertragen.

„Flennt doch net so!“ riefen sie über das Gitter.

„Ihr — ihr — seid — so — so — grob!“ schluchzten die beiden.

„Und ihr habt uns geschimpft.“

„Es war doch nicht so schlimm!“

„Doch!“ schrieen die Sternbuben.

„Nein,“ schluchzten die Mädel, „ihr seid doch Wirtshausjungen.“

„Das ist was Feines!“ Mathes reckte und streckte sich, und plötzlich schrie er die Mädel an, als wären sie taub. „Bei uns hat schon mal ’n König gewohnt.“

„Ja, und ’n Herzog und furchtbar viele Grafen,“ fügte Peter hinzu.

Ein König, ein Herzog und Grafen! Die Mädel hörten auf zu weinen, sie sahen ihre Nachbarn halb eifersüchtig, halb mißtrauisch an. „Wirklich?“ fragten sie.

„Wir lügen doch net!“ Mathes warf ganz hochmütig den Kopf zurück, er fühlte, er mußte den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. „Fein ist’s bei uns,“ lobte er, „viele, viele Stuben haben wir, und in einer steht ein Bett mit goldenen Engeles drauf, da hat der König drin geschlafen.“

„Ja, und in unserm Gärtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und Birnen,“ rühmte Peter.

Der Silberne Stern, der so viele Köstlichkeiten barg, stieg in der Achtung der beiden Mädel. Sie dachten an die großen Prunkhotels, die sie kannten, und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das Weinen auf; mit den Buben da drüben ließ es sich vielleicht doch unterhalten. Noch zögerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte näher, und die Braune sagte halb verlegen, halb herablassend: „Erzählt doch mal, wie ist’s denn bei euch?“

„Na, fein!“ Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein wenig schuldig fühlten, begannen zu erzählen. Und wunderbar war das, das Heimathaus und die Löwengasse bekamen goldenen Glanz in der Erinnerung. Das kleine Gäßle schien ihnen viel länger und breiter als die Straße, in der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht groß war, wuchs und wuchs und wuchs zehnmal größer als all die grünen Winkel, die da von Häusern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern erst! Kein Palast konnte schöner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die Spiele, die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.

Den Mädeln klang es wie ein Märchen. Und dieses Märchen lockte und lockte; sie vergaßen, daß die Buben sie gerauft hatten, sie standen plötzlich wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es wäre, Räuber und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: „Wir können’s ja mal zusammen spielen!“

Aber da war das Gitter dazwischen, das böse Gitter!

„Lauft auf die Straße; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr durch das Haus zu uns,“ riet die Blonde.

„Wir dürfen net auf die Straße.“ Der Vorschlag lockte, aber Mathes und Peter fanden es doch etwas bedenklich. „Wir klettern über das Gitter,“ schlugen sie vor.

„Könnt ihr das?“ Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins, zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.

Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, — die Blonde hieß Irene, die Braune Herta — vergaßen ganz und gar, daß es ihr allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.

Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. „Recht passen tut’s net,“ erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin. Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in Breitenwert?

Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: „So wird’s gemacht und so,“ und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.

„Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?“ fragte sie verdutzt.

„Über das Gitter.“ Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben ein großes Geschrei: „Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!“

Eva lachte. „Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die Hosen nicht,“ sagte sie, „und verpaßt das Frühstück nicht über eurem Spiel!“

Das Frühstück vergessen!

Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes und Peter kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.

Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der Räuberhöhle, denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem Überfluß etwas, doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich dies und das, und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten, kam den Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten den Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen beide auf einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten, die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.

Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaßig vor, aber als Herta weiter erzählte, daß Frau von Ringewald vor Kummer immer krank sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen unmöglich, daß Fräulein Evas Bruder ausreißen sollte, und Peter schüttelte heftig seinen Kopf und rief: „Noi, das ist net wahr, ich glaub’s net.“

„Ich auch net,“ schrie Mathes, „ihr flunkert.“

Herta und Irene waren über diesen Widerspruch so verdutzt, daß ihnen wirklich die Mäulchen stillestanden; ein paar Sekunden wußten sie kein Wörtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: „Es ist aber doch wahr!“

„Noi, wir glauben’s net.“

„Aber doch, fragt doch Hulda danach!“

Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie sich alle vier hin und her, die Mädel schrieen laut, die Buben noch lauter, und vielleicht wäre noch eine schlimme Geschichte draus geworden, gar wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich gekleidetes Dienstmädchen erschienen wäre, um Herta zu holen. „Aber Herta!“ rief dieses entsetzt. „Was sind denn das für Jungen, die sind wohl von der Straße?“

Die Sternbübles sahen zwar ein bißchen beschmutzt aus, denn sie waren als Räuber auf der Erde herumgekrochen, so wüst aber doch nicht, wie das Mädchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterböse drein.

Nun hatten sich Mädel und Buben zwar eben noch tüchtig gestritten, und Herta besonders war sehr wütend auf die widerborstigen Bübles gewesen, doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schönes Spielen zusammen, und sie rief gekränkt: „Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir wieder zusammen, nicht wahr?“

Mathes und Peter nickten eifrig. „Wir klettern wieder über das Gitterle,“ sagte Mathes, „und vielleicht spielen wir Indianer; da müßt ihr euch aber ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.“

„Um Himmelswillen!“ schrie Frieda. „Das ist ja gräßlich!“

„Das wird fein,“ jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wären ihnen die in die Haare gefahren und als hätten sie sich miteinander gezankt. Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder über das Gitter und winkten und nickten noch von drüben herüber, bis die Mädel im Hause verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich: „Manchmal sind’s Äffles und manchmal sind sie’s net.“

Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein, überlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: „Hier kann nur eins helfen.“

Eva wußte wohl, es war die Rückkehr des Bruders an das Herz der Mutter, was der Arzt meinte. Ach, würde das jemals geschehen?

Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Fräulein Eva erst recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Köpfe, als diese zu ihnen trat.

Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bübles selbst an, ein bißchen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. „Wo sind denn Herta und Irene?“ fragte sie.

Mathes gab Antwort. Er erzählte von dem Dienstmädchen, das gemeint hätte, sie wären Straßenjungen.

„Seid ihr darum so niedergeschlagen?“ fragte Eva lächelnd.

Mathes und Peter schüttelten die Köpfe, sie sahen sich an, wurden rot, aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.

Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch spürte sie, die haben etwas, die verbergen etwas vor mir. „Kommt nun herein,“ sagte sie ein wenig kurz und streng, das Heimlichtun ärgerte sie.

Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: „Geht in eure Stube oder seht euch noch hier ein bißchen um.“ Dann lief sie davon, und die beiden blieben allein.

Denen gefiel das ganz gut. An den Wänden des hübschen Zimmers hingen allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie an einer kleinen Treppe, die abwärts führte. Von da herauf war Hulda manchmal gekommen, also mußte es da unten auch noch Räume geben. Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig die Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur mündeten verschiedene Türen, und aus einer, die nur angelehnt war, zog den beiden ein Düftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses Düftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen Mathes und Peter in der Küche und waren selbst höchst verwundert darüber.

Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber Kuchen aus dem Ofen zog. „Hm,“ brummte sie, „was wollt denn ihr hier?“

Das wußten die Buben nun selbst nicht.

„Die Jungen kommen,“ rief Ida, die auch in der Küche war, „weil Sie immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.“

Das ärgerte Hulda und sie knurrte: „Quitschquatsch, ich bin auch freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist mir’s allemal recht. Kommt rein!“ schrie sie Mathes und Peter an, als wollte sie die verschlingen.

Die Buben zögerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend, aber da schrie Hulda noch lauter: „Kommt rein, macht die Türe zu; es zieht mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?“

Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam näher. Weil Ida immer lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein. Und dann saßen sie plötzlich auf der Küchenbank, und zwischen ihnen stand ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: „Eßt, eßt, in so ’n Jungenmagen geht viel und noch was rein.“

„Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gästen sind!“ Ida lachte und lachte, die Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: „Gehen Sie man nach oben, wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gäste. Nicht wahr, wir unterhalten uns?“ brüllte sie die Sternbübles an.

Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Köpfen, blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar Minuten später unterhielten sie sich wirklich höchst vergnügt mit Hulda, und zwar hatte eigentlich die Küche vom Silbernen Stern die Unterhaltung begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzählten dies und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern möchte ihr schon gefallen, wurden Mathes und Peter sehr vergnügt und redelustig. Sie erzählten auch von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt hatten, und unversehens waren sie bei der Geschichte von dem ausgerissenen Bruder Fräulein Evas und wußten nicht wie.

„Herrje!“ schrie Hulda erschrocken. „Davon dürft ihr nie ein Sterbenswörtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer!“ Sie vergaß ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach in ein bitterliches Schluchzen aus. „Der Junge, der Junge, wenn man an den denkt, bricht’s einem das Herz,“ klagte sie.

Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein gekommen wäre.

„Die Küchles brennen!“ schrie Mathes erschrocken.

„Herrje!“ Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech voll dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen ausbrechen konnte, rief Peter: „Das ist net schlimm, so schmecken sie fein.“

„Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!“

Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und dieser Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und rief: „Wenn ich groß bin, geh’ ich ihn suchen.“

„Ich auch!“ Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda schlug ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander, und im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie mittun.

Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: „Ich störe wohl?“ rief Hulda laut „Ja!“ und — die Buben nickten dazu.

So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze Freude. Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie schön das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. „Wie unser Fritz noch dabei war, bin ich oft hingegangen,“ sagte sie, „und unser Fräulein Eva konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so zu Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals hat’s angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber Himmel, und hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!“

Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr also fort: „Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige Frau nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie der Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt’ auch mit, aber ich hab’ mich gegrault vor ’n Land, wo die Leute anders reden als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und wollt’ für unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der Junge mußte zu ihm; er wollt’ ihm die Musik austreiben, hat er gesagt. Zu dumm, daß ich das nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder, bei dem, meinte sie, wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei harte Köpfe zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat’s dem Herrn Onkel schon leid getan, er hat suchen lassen, aber ’ne Stecknadel hätte man leichter gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich denk’ immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.“

„Ich such’ ihn,“ schrie Mathes.

„Ich auch!“ Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. „Ihr seid gute Jungen,“ murmelte sie. „Ist schon recht, daß ihr gekommen seid. Ich mag euch auch gut leiden, ganz gewiß.“

„Wir dich auch,“ schrieen die Buben.

Und so wurde die Freundschaft unter Tränen besiegelt, und als die Buben ein Weilchen später wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf Fräulein Evas Frage, wo sie gewesen wären: „Bei Hulda.“

„Da war’s fein!“ rief Peter, und Mathes nickte bedächtig dazu: „Sie sagt, nun wären wir befreundet.“

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