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Die Sternbuben in der Großstadt

Zehntes Kapitel. Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.

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Noch ehe die Kirschenspeise kam, wußte Eva von Ringewald alles. Mathes und Peter erzählten, zusammen und allein; einer redete von der Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwätzten vom größten Weltwunder und dem merkwürdigen Zigeuner, und als Hulda selbst die süße Speise brachte, da gab es gerade ein fröhliches Gelächter am Tisch, und Eva sagte: „Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein bissel unnütz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es bestimmt nicht wiedertun.“

„Bestimmt net!“ rief Mathes.

„Du mußt immer mitkommen, Fräulein Eva,“ bat Peter.

„Sagt Tante Eva!“ Es fiel Eva ganz plötzlich ein, daß sie den Bübles eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. „Na also, dann ist das ’ne Tantenspeise!“ Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch, und ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bißchen eifersüchtig: „Mir müßt ihr aber auch noch von der Messe erzählen!“

Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die Mäglein mit der süßen Speise gefüllt hatten, riet ihnen die liebliche Tante selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre Briefschreibelust groß wäre.

Doch die Lust war weder groß noch klein, sie war gar nicht da, und so stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzählten ihr und Ida die Abenteuer des Morgens. Darüber verging die Zeit geschwinde. Die Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und oben im Gartenzimmer gab es eine große Überraschung. Frau von Ringewald saß wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie wollte nun von dem Meßbesuch hören. Da mußten die Gäste zum drittenmal ihre Abenteuer erzählen. Sie fanden dies höchst vergnüglich, und wenn noch drei Zuhörer und dann wieder drei Zuhörer gekommen wären, den beiden hätte es den größten Spaß gemacht.

Frau von Ringewald hörte mit einem so heiteren Gesicht zu, daß Eva in ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbübles für die Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate höre noch besser zu als Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hören wollen und den merkwürdigen Zigeuner langweilig gefunden, während Frau von Ringewald gerade von dem etwas wissen wollte. „Geige spielt er,“ murmelte sie, und das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.

Einen Augenblick war’s ganz still im Zimmer.

„Er ist aber kein richtiger Zigeuner,“ erklärte Mathes.

„Warum denn nicht?“ fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere Gedanken bringen wollte.

„Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und manchmal macht er so.“ Mathes kniff seine Äuglein ganz klein zusammen, hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. „So sieht er aus,“ riefen beide.

Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen Gesichtern gar nicht zigeunermäßig aussahen, und über dem Lachen überhörten sie das schrille Tönen der Klingel draußen, Stimmen und Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wäre bestimmt ihr Führer von vorgestern, tat sich die Türe auf, und Hulda ließ einen älteren Herrn eintreten. „Nun, so lustig?“ fragte der mit einem Gesicht, als krame er das Lachen nur höchstens alle Jahre einmal aus seiner Kommodenschublade heraus.

„Ach, Albert, du bist es!“ Frau von Ringewalds eben noch so heiteres Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben standen verlegen auf. Sie hörten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzählt hatte.

Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben nicht an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht unnütze Last aufgeladen, und verdrießlich fragte er: „Das sind nun wohl deine Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unnütz aus!“

„Sie sind recht brav,“ rief Eva rasch. „Flink, Mathes, Peter, gebt meinem Onkel die Hand.“

Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen daheim die Mutter, Mina, Herr Häferlein und viele andere noch gegeben hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm dann treuherzig ihre Hände hin. Die höfliche Verbeugung gefiel diesem, er sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: „Nun, wißt ihr denn auch, wer ich bin?“

Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie fanden den Namen des Onkels nämlich höchst komisch und dachten, man könnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.

„Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch!“ Herr Buchner konnte Nicken und Kopfschütteln nicht leiden, er war Gehorsam gewöhnt. Wenn er fragte, wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben, herrschte er sie streng an: „Nun sagt, wer bin ich!“

„Herr Brummerjan!“ riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie gedacht hatten: sie platzten heraus.

Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief erschrocken drein, während Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: „Wie soll ich heißen? Sagt’s noch einmal!“

„Herr Brummerjan!“ Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus, Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke hinein.

„So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate! Das ist ja sehr erfreulich!“ Herr Albert Buchner sah bitterböse drein, und Frau von Ringewald rief ängstlich: „Aber Jungen, was redet ihr da, wer hat euch das denn gesagt?“

„Hulda,“ antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen vergangen war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.

„So, Hulda, natürlich! Du hast wirklich sehr liebenswürdige Dienstboten, Renate; es wäre nun wohl Zeit, daß diese Hulda aus dem Hause käme.“

„Geht hinaus, geht in die Küche!“ Eva war tief erblaßt, sie schob die Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurück, und den beiden tönte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon auf der Treppe waren, hörten sie oben noch den Onkel laut und böse reden, dann dröhnte sein Schritt über den Flur, und die Türe klappte laut.

Ganz verstört kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die Küchentüre an. Hulda öffnete erstaunt. „Na nu, da kommen wohl Stolperhans und Purzelwu-die-Treppe-runter!“ rief sie. „Ihr seid wohl vor Herrn Brummerjan ausgerissen?“

„Er heißt ja net so!“ schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. „Er ist schlimm bös geworden, weil ich das gesagt habe.“ Mathes sah Hulda ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen Küchenstuhl nieder.

„Furchtbar bös,“ klagte auch Peter.

„Das habt ihr gesagt, ihm gesagt?“ jammerte sie.

Die Buben nickten kummervoll. „Du hast es uns doch heute erzählt, und wie wir’s net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!“

„Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte!“ Ida hatte nebenan in der Wäschestube das Gespräch mit angehört, und sie kam, das Bügeleisen in der Hand, rasch herein.

Hulda saß ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: „Ihr habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt?“ Und jedesmal antworteten Peter und Mathes kläglich: „Ja, wir haben’s gesagt.“ Und Peter fügte hinzu: „Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!“

„Kann man glauben, daß Jungen so ’ne Dummheit glauben!“ Hulda stöhnte und wickelte verzweifelt ihre Schürze um die Arme. „Was wird nur meine liebe gnädige Frau sagen!“ klagte sie.

„Er hat gesagt, du mußt nun fort,“ berichtete Mathes.

„Aus dem Haus!“ Peter nickte mitleidig dazu.

„Ich — aus — dem Haus, hier fort?“ Hulda wurde kreideweiß, und plötzlich sprang sie auf, rannte aus der Küche und polterte in großer Hast die Treppe hinauf.

„Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt!“ murmelte Ida ein wenig schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie begann den Buben zu erzählen, wie gut Hulda wäre, und schon so lange sei sie im Hause; wie Fräulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen wären, sei sie gekommen, und Fräulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wäre wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. „Und wenn sie den Herrn Buchner Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht,“ rief Ida. „Er hat sie immer nicht leiden können, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat er gesagt, sie verwöhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das alles gesagt, die vor mir hier im Hause war,“ schloß Ida.

Da öffnete sich sacht die Türe, und Eva von Ringewald trat ein. Sie lächelte ein wenig über die verlegenen Gesichter der Buben. „Kommt mit,“ sagte sie freundlich, „wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich muß noch etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.“

„Dann bleibt Hulda,“ flüsterte Ida vor sich hin, aber Eva hörte es doch. „Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort,“ sagte sie und nickte Ida zu.

Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mühlstein vom Herzen, und sie kletterten vergnügt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig an, und wenige Minuten später wanderten sie mit Fräulein Eva der elektrischen Bahn zu. „Ihr dürft aber nicht einen Schritt auf der Straße von mir fort gehen; versprecht ihr das?“ fragte die junge Tante.

„Ja!“ brüllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: „Net ein Schrittle lauf’ ich fort.“

Es dämmerte schon, und auf den Straßen und in den Läden wurden bereits die Lichter angezündet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch das Löwengäßle ging, glänzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei, drei helle Fenster, der Kaufmann Häferlein hatte seinen Laden erleuchtet, und in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das Lichtmeer der großen Stadt! Licht glänzte neben Licht. In manchen Häusern gab es kein dunkles Fenster, und in den Läden blitzte und schimmerte es noch viel heller und verlockender als draußen auf der Messe. Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von unten bis oben erleuchtet war, blieb Fräulein Eva stehen. „Es ist ein Warenhaus,“ sagte sie, „kommt, wir gehen hinein.“

Drinnen hätten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser gemacht; sie wußten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es anzuschauen. Es war wie ein riesengroßer Laden, und doch waren es eigentlich viele, viele kleine Läden nebeneinander, nur gab es keine Mauern dazwischen. Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man sehen. Aber Treppen schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte: „Jetzt fahren wir hinauf,“ und sie schob die Buben geschwinde in eine Kammer, ein Mann schloß die Türe, es wackelte ein bißchen, und dann machte der Mann wieder die Türe auf und sagte: „Zweiter Stock.“

Und wieder lagen hier unzählige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krügen, Vasen und ähnlichen Dingen tat Mathes plötzlich einen tiefen Seufzer und klagte: „Mein Geld!“

„Uuh!“ ächzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte, und er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpüppchen: „Das würd’ Gundel freuen!“

„Bitte, nichts anfassen!“ rief die Verkäuferin streng. „Die Figur kostet fünfunddreißig Mark.“

„O Gott,“ sagte jemand, „können die zwei dort ihre Münder aufreißen, schrecklich!“ Eine Dame ging vorüber und lächelte. Die Verkäuferin lächelte, und Eva wurde verlegen. „Kommt rasch weiter,“ sagte sie, „hier sind die Sachen zu teuer; für Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.“

„Wir haben doch kein Geld mehr!“ Die Sternbuben redeten wie daheim in der Löwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein bißchen brüllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und die beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.

„Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas kaufen könnt,“ versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, daß sie erst sagte, dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie auch nie, nur einen Zettel bekam sie, das war alles.

Sie fuhren noch ein Stockwerk höher, und wieder kaufte Eva, und wieder vergaß sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: „Nun bin ich fertig!“

Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten, war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der dachte, ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die Fahrt ging los, aber — Tante Eva und der Bruder fehlten.

„Nun ist Peter allein gefahren!“ rief Eva oben erschrocken. „Komm, da geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.“

Sie kamen auch glücklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwärts ging’s. „Erdgeschoß!“ rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein Peter war da.

„Er ist gewiß wieder hinaufgefahren.“ Eva begann ängstlich zu werden. „Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl!“ Sie schob Mathes hinein, und es ging wieder aufwärts — doch kein Peter war da.

„Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren.“ Eva rannte auf den ersten Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen sagte sie zu dem Führer: „Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der ähnlich wie der hier aussieht?“

Der Mann guckte Mathes an und nickte: „Freilich, freilich, so einer war dabei,“ versicherte er, „der ist erst mit runtergefahren und dann mit rauf.“

Eva erzählte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Führer lachte. „Den finden wir schon,“ versicherte er. „Wie ich die Jungen kenne, fährt der jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurück und warten Sie unten, er kommt schon wieder.“

Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurück, der Führer sah an jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an, und auch da stand kein Peter.

Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der erste wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Führer rief: „Na, das ist wohl der richtige, dem hört man’s gleich an, wenn er nur schon den Mund auftut, er ist vom Lande.“

Peter war ein bißchen verlegen, denn er war wirklich auf- und abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. „Hast dich wohl gefürchtet?“ fragte Eva linde.

„Noi!“ Peter sah sie strahlend an. „Erst war’s ’n bißchen komisch, aber dann war’s fein. Mathes, mach’s auch mal!“

„Ja!“ schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Türe: hinauf ging es.

„Ihr seid ja schrecklich!“ rief Eva, nun wirklich erzürnt. „Ihr habt mir doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun haltet ihr nicht Wort.“

„Hier ist doch net ’s Gäßle!“ murmelte Peter bedrückt. „Und — und — er ist doch net fortgelaufen!“

„Nein, nur fortgefahren!“ Evas Ärger hatte sich schon gelegt. Zur Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht wieder ausreißen. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes nicht zu warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben hatte ihn der Führer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. „Da ist der zweite,“ schrie er Eva zu. „Die Jungen müssen sie anbinden, Fräulein!“ Dabei gab er Mathes einen gelinden Stoß, Eva fing den Ausreißer auf, dankte dem Führer, und dann sagte sie: „Jetzt aber schnell heim. Und wehe euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir fortgeht! Bitterbitterböse werde ich dann.“

Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spät zwar, doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda saß neben ihr, sie sah verweint aus, aber doch ganz vergnügt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzählte, lachte sie sogar ein bißchen. „Nä, nä,“ rief sie, „früh auf der Luftschaukel, nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte Träume. Eßt nur nich viel zum Abendbrot, die Fahrerei und ’n voller Magen, das gibt ’ne schlechte Nacht.“

Hulda meinte es gewiß gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die Buben nicht. Die vergaßen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und nachher ließen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als sie in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bösen Träume. Und doch behielt Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlsäcklein, Mathes dagegen träumte wunderliche Dinge. Mit dem größten Weltwunder zusammen fuhr er immerzu Karussell, und vielleicht wäre er noch bis zum Morgen gefahren, wenn nicht plötzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen hätte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterböse an und schalt wie der Führer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal im Leben: Ausreißen ist gut, und riß aus.

Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.

Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und plötzlich rief da der brummige Schaffner und schrie: „Zahlen! Wer kein Geld hat, darf nicht herein.“

Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes an dem Gerüst empor, höher und höher und — plumps! da fiel er herunter.

Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meßplatz. Ganz verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn draußen stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein füllte das Bubenstübchen. Auch brannte auf der Straße, gerade vor dem Fenster, noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach seine Umgebung und merkte auch allmählich, daß er nicht in seinem Bett, sondern auf dem Fußboden lag. Nun war es für die Sternbuben etwas höchst Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch träumte. Erst als es ihm ein wenig kühl wurde, merkte er, daß er wirklich wach war.

„Peter!“ stöhnte er endlich, „Peter!“ Aber er konnte oft Peter rufen, der hörte ihn nicht. „Wach auf!“ schrie Mathes, aber Peter wachte eben nicht auf.

Schließlich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Straße Schritte laut; trapp, trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners geklungen hatte.

Trapp, trapp, trapp! In der nächtlichen Stille hallten die Schritte laut.

Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die Vorhänge zurück und schaute hinaus.

Die Schritte verstummten plötzlich, ganz still war es nun.

Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem Fenster, und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er riegelte also das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße lag ganz im weißen Licht des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah niemand auf der Straße gehen, doch da —

Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand ein Mann, und Mathes sah gerade — dem Zigeuner in das Gesicht.

Der Bube brüllte fürchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach wurde und den Bruder schreien hörte, schrie gleich mit. Davon konnte jemand schon munter werden.

Eva hörte das Geschrei. Hulda hörte es, und beide kamen fast zu gleicher Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes auf einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst hinaufgeklettert. Es dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen erfahren konnten, was eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene Fenster und blickten hinaus; still und friedsam lag die Straße im Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.

„Sie haben geträumt; ich hab’s ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es ihnen duselig geworden,“ erklärte Hulda. „Geben Sie ihnen Zuckerwasser, Fräulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender Zeit!“

Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten jeder ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurück, Hulda ließ zur Sicherheit noch die Rolläden herab, dann löschte sie das Licht, und einige Minuten später schliefen die Buben wieder fest.

Draußen sagte Hulda: „Sie haben geträumt.“

„Sicher!“ Eva nickte. „Es war zu viel, morgen dürfen sie nicht wieder auf die Messe,“ erklärte sie.

Aber als Mathes am Morgen beim Frühstück saß, da behauptete er: „Ich hab’ net geträumt, der Zigeuner ist auf dem Gäßle gestanden.“

Und dabei blieb er.

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