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Die Sternbuben in der Großstadt

Sechstes Kapitel. Der böse Brief.

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Eva hatte den kleinen Gästen noch ein paar feine, bunte Briefböglein gebracht und sie ermahnt: „Vergeßt nicht, an die Mutter zu schreiben!“ Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.

Es war sehr still in der Wohnung. Die Küche war im Kellergeschoß, von da drang kein Lärm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und Eva saß in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gästen sehen, aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie vergaß die beiden vollständig. Die fühlten sich auch ganz behaglich in ihrer Einsamkeit. Sie räumten erst wieder einmal den Spielschrank aus und wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: „Erst das Briefle.“

Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als er die hübschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig. „Weißt was,“ sagte er, „wir schreiben zusammen, du ein Sätzle, ich ein Sätzle!“

„Fein,“ erwiderte Mathes, „fang an!“

„Noi, fang du an, du bist älter!“

„Du hast’s gesagt.“

Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den Gedanken, der sollte anfangen, der über beide Betten hinwegspringen könne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststück schien leicht, aber es mißlang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den Betten herum. Ein Weilchen machte ihnen das den größten Spaß, dann mahnte Mathes wieder: „Das Briefle dürfen wir net vergessen.“ Er hatte es nämlich der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er würde schreiben.

„Fang an!“ rief Peter.

„Noi, fang du an!“

Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie platzen. Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann stritten sie noch kichernd miteinander: „Du hast zuerst gelacht!“

„Noi, du!“

„Du!“

„Du du du!“

Schließlich fiel Mathes eines der vielen Sprichwörter ein, die Frau Tippelmann daheim in der Löwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz: „Der Klügere gibt nach. Ich fang’ an.“

„Noi, ich fang’ an!“ Peter wollte nun doch der Klügere sein.

„Ich hab’s zuerst gesagt.“

„Wir wollen losen!“

Diesen Ausweg schlug in strittigen Fällen immer Schwester Gundel zu Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen, falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte einen fangen. Die Lose ließen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen sich höchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach ihnen im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchständer begann zu tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf Peter das andere in der Waschschüssel entdeckte. Da gab es keinen Streit mehr, Mathes mußte anfangen, und er malte eifrig auf den schönsten rosafarbenen Bogen: „Liebe Mutter!“ „Wir sind hier,“ schrieb Peter darunter, und Mathes fügte hinzu: „Die Reise war fein.“

„Es geht uns immer gut.“ Peter seufzte über das lange Sätzle, und Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und schrieb: „Wir haben uns schon färlaufen.“

„Das erzähl ich,“ schrie Peter und riß dem Bruder die Feder aus der Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit über den weißen Tisch, und das rosa Böglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den Sternbübles auch selten ab, beide grämten sich daher nicht weiter darum, und Peter schlug vor: „Wir machen Küßle draus.“ Da er die Feder hatte, schrieb er auch gleich: „Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind Küßle.“

Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn etwas von Küssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also schrieb er flink: „Fiele Grüße, und heute hat’s Schokklatenbuhding gegeben. Dein lieber Sohn Mathes.“

„Fein!“ rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.

Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spaßhaft, und da es auch noch ein himmelblaues Böglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und kein Mensch konnte den Brief lang und ausführlich nennen. Mühsam zu lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen darunter gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. „Das muß ich schreiben,“ schrie er, „du darfst es aber net sehen.“

„Doch,“ beharrte Peter, „ich muß es sehen.“

„Erst nachher, halt die Augen zu,“ gebot Mathes, „es wird fein.“

Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder schrieb, bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand: „Die Huhldah hier ist ein äklicher Affe!“

Peter quiekte vor Vergnügen. Das war fein! Gundel mußte das wissen, und grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.

„Wir stecken’s schnell ein, das darf niemand lesen.“ Er begann die Umschläge zu suchen. Fräulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so viel sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. Über dem Suchen kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und über den Herrlichkeiten darin vergaßen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen, spielten und spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva kam selbst, die kleinen Gäste zu rufen, und als sie die Tintenklecksfinger sah, schalt sie: „Aber pfui, nun flink, wascht euch!“

Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und während Eva half, mit der Bürste die schwarzen Finger zu reinigen, sah sich Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwühlt, das Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte: „Fräulein Eva, sehen Sie nur, wie die’s treiben!“

Eva von Ringewald seufzte. Ja, schön sah es nicht aus, aber schelten mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich hätte nachsehen müssen.

Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas Umherschauen war doch recht ungemütlich. Wenn die nun die Briefe erblickte! Da rief Hulda schon: „Nä, und der gute weiße Tisch, so viele Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!“

Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefähr, Kleckse macht man doch nicht, die kommen von selbst!

Wenn Fräulein Eva sie nur freigelassen hätte. Aber die scheuerte mal an der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreißen ging doch nicht.

Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her: „Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!“

„Net lesen!“ schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: „I wo, so was tut man doch nicht!“

Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa, tat, als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu den Briefen hin.

„Net lesen,“ schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ängstlich, daß Fräulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: „Was steht denn so Geheimnisvolles drin?“

„Ich leg’ die Wische nur zusammen,“ brummelte Hulda, aber sie hielt dabei doch den himmelblauen Brief merkwürdig lange in der Hand, und plötzlich riß Mathes seine Hände aus der Waschschlüssel und rannte durch das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreißen.

Doch das Unglück war schon geschehen.

Hulda hatte das Wort über sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: „Mit den Bengels, Fräulein Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen können se schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals nich jemand so geschimpft!“

Hulda brach in Tränen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen Bübles: „Was habt ihr getan?“ fragte sie traurig.

Die beiden blieben ganz stumm, sie wußten wirklich nicht, was sie sagen sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bißchen wütend; warum war Hulda auch so neugierig gewesen!

„Gebt mir einmal den Brief her,“ sagte Eva, die nicht einmal so recht verstanden hatte, über was für ein Wort Hulda so böse gewesen war.

Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglückseligen Brief, und weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er ehrlich: „Ich war’s, ich hab’s geschrieben.“

Illustration from Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

„Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Sätzle,“ rief Peter eifrig, denn ihm war’s zumute, als hätte er den schlimmen Satz mitgeschrieben.

Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. „Jetzt trocknet euch ab, dann räumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor,“ gebot sie kurz. Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, daß die Buben ihr bedrückt nachschauten. Nun war sie gewiß bitterböse, o je!

Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wußte nicht recht genau, sollte sie lachen oder sich ärgern. Eigentlich ärgerte sie sich, und im Grunde hatte sie den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden sein, ach, das war ein Reinfall gewesen! Ärger und Unordnung brachten sie ins Haus, mehr nicht.

Frau von Ringewald saß bleich und müde in ihrem Sessel am Kaffeetisch, als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal wie so oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den verlorenen Sohn. Wo war er, lebte er noch?

Da legte ihr Eva Mathes’ Brief auf den Tisch. „Lies, was die beiden wieder angerichtet haben; Hulda hat’s gesehen und ist wütend. Sie sind doch arg unnütz die beiden.“

Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. „Es sind halt Kinder!“ erwiderte sie. „Erzähle einmal, wie kam’s, daß Hulda den Brief gelesen hat?“

Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: „Und meine Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?“

„Ein bißchen, ja,“ bekannte Eva. „Ich habe sie mir artiger vorgestellt und dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.“

„Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben denn die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht. Na, und heute früh?“

Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und sagte zärtlich: „Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.“

Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief schreiben wollten.

„Ja,“ rief Mathes eifrig, „ich schreib ihn.“

„Das feine Bögle!“ Peter sah bedauernd drein. „Wir streichen’s durch.“

„Das geht auch!“ Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten wie eine Gewitterwolke daherkam. „Den beiden tut’s leid, was sie geschrieben haben, Hulda,“ sagte Frau von Ringewald, „und sehen Sie, es ist durchgestrichen.“

„Hm!“ Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und verkündigte ihnen: „Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr, und irgend ’ne Geschichte wird’s schon noch, solange ihr da seid. Und nu bring’ ich den Kaffee!“

Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bübles atmeten auf, als wäre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr gemütlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein höchst friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschläge gesteckt, Eva schrieb die Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nächsten Straßenecke gehen und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von diesem Ausgang schnell zurück, denn Eva hatte gesagt: „Nachher spielen wir zusammen.“

Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald saß dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als hätte sie Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzählte Eva eine Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schloß, einem rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf. Es war eine sehr lustige Geschichte, über die selbst Hulda lachte, weil sie nämlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bißchen zuhörte.

Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wörtlein über dies und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und seufzte: „Bin müde.“

„Weißt was?“ schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.

„Wa—aaas denn?“ Peter gähnte schauerlich.

„Wie der Mann aussah, der uns heute geführt hat? Der sah aus, wie —“

„Nuuu!“ Peter pustete laut, er war eingeschlafen.

„Nun sag’ ich’s net,“ knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen und schlief auch ein.

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