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Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band

FÜNFTER THEIL ZWEITES BUCH DER PAARE

Karl Eugen Neumann translation

41.

Fünfter Theil

Erste Rede

DIE BRĀHMANEN VON SĀLĀ

Und jene brāhmanischen Bürger von Sālā begaben sich nun dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich einige vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder. Hierauf nun sprachen jene brāhmanischen Bürger von Sālā zum Erhabenen also:

»Weil sie falsch und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. Weil sie wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.«

{286} »Den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte des verehrten Gotamo, den verstehn wir nicht; gut wär’ es, wenn uns der verehrte Gotamo die Satzung dergestalt zeigen wollte, dass wir den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte verstehn könnten.«

»Wohlan denn, Bürgen, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da die brāhmanischen Bürger von Sālā dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das wahre, rechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das wahre, rechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Morden verworfen, vom Tödten hält er sich fern; Stock und Schwerdt hat er abgelegt, er ist mild und theilnehmend, voll Liebe und Mitleid zu allem, was da lebt und athmet. Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Stehlen hält er sich fern; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer Absicht, nicht zueigen. Ausschweifung hat er verworfen, von Ausschweifung halt er sich fern; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er keinen Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Thaten dreifach verschieden.

{288} »Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Lügen verworfen, vom Lügen hält er sich fern. Vor Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß nichts‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß es‹, wenn er nichts gesehn hat: ›Ich habe nichts gesehn‹, und wenn er es gesehn hat: ›Ich hab’ es gesehn.‹ So legt er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen wissentlich kein falsches Zeugniss ab. Das Ausrichten hat er verworfen, vom Ausrichten hält er sich fern. Was er hier gehört hat erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht erfreut ihn, Eintracht macht ihn froh, Eintracht befriedigt ihn, Eintracht fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von barschen Worten hält er sich fern. Worte, die lauter sind, dem Ohre wohlthuend, liebevoll, zum Herzen dringend, höflich, viele ansprechend, vielen angenehm, solche Worte gebraucht er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, von Plappern und Plaudern hält er sich fern. Zur rechten Zeit spricht er, den Thatsachen gemäß, gehaltvoll, der Lehre und Ordnung getreu; seine Rede ist werth, dass man ihrer gedenke, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, dem Gegenstande angemessen. Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, nicht lüstern. Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er nicht: ›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er frei von Gehässigkeit, frei von Uebelwollen: ›Mögen diese Wesen ohne Hass, ohne Schmerz, ohne Quaal glücklich ihr Dasein bewahren!‹ Und er hat rechte Ansichten, hegt keine verkehrten Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es; die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.

{289} »Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, unter den Göttern der Vier großen Könige — unter den Dreiunddreißig Göttern — unter den Schattengöttern — unter den Säligen Göttern — unter den Göttern der unbeschränkten Freude — unter den Jenseit der unbeschränkten Freude weilenden Göttern — unter den Göttern der Brahmawelt — unter den Glänzenden Göttern — unter den Hellerglänzenden Göttern — unter den Unermesslichglänzenden Göttern — unter den Leuchtenden Göttern — unter den Strahlenden Göttern — unter den Hellerstrahlenden Göttern — unter den Unermesslichstrahlenden Göttern — unter den Strahlengewordenen Göttern — unter den Gewaltigen Göttern — unter den Wonnigen Göttern — unter den Sonnigen Göttern — unter den Hehren Göttern — unter den Herrlichen Göttern — unter den Erhabenen Göttern — unter den Raumunendlichkeit genießenden Göttern — unter den Bewusstseinunendlichkeit genießenden Göttern — unter den Nichtdasein genießenden Göttern — unter den weder Wahrnehmung noch Nichtwahrnehmung genießenden Göttern wiedererscheinen möchte‹, so mag dies wohl sein. Und warum? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

{290} Nach diesen Worten sprachen die brāhmanischen Bürger von Sālā zum Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder in die Finsterniss ein Licht hielte, ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige Weise dargelegt. Und so nehmen wir bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge uns Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«

42.

Fünfter Theil

Zweite Rede

DIE BRĀHMANEN VON VERAÑJAM

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu dieser Zeit nun befanden sich brāhmanische Bürger aus Verañjam wegen irgend einer Angelegenheit in Sāvatthī. Und es hörten die brāhmanischen Bürger von Verañjam reden:

{291}[Das Folgende stimmt wörtlich mit dem Vorhergehenden überein.[33]]

43.

Fünfter Theil

Dritte Rede

DIE ERKLÄRUNGEN – I –

{292} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Als nun der ehrwürdige Mahākoṭṭhito gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der ehrwürdige Sāriputto weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem ehrwürdigen Sāriputto und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Mahākoṭṭhito zum ehrwürdigen Sāriputto also:

»‚Unverständig, unverständig‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, wird einer unverständig genannt?«

»Er versteht nicht, er versteht nicht, o Bruder: desshalb wird er unverständig genannt; was versteht er nicht? ›Das ist das Leiden‹ versteht er nicht, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ versteht er nicht, ›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht er nicht, ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er nicht. Er versteht nicht, er versteht nicht, o Bruder: desshalb wird er unverständig genannt.«

»Wohl, Bruder!« erwiderte der ehrwürdige Mahākoṭṭhito erfreut und befriedigt dem ehrwürdigen Sāriputto und stellte nun eine fernere Frage: »‚Verständig, verständig‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, wird einer verständig genannt?«

»Er versteht, er versteht, o Bruder: desshalb wird er verständig genannt; und was versteht er? ›Das ist das Leiden‹ versteht er, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ versteht er, ›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht er, ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er. Er versteht, er versteht, o Bruder: desshalb wird er verständig genannt.«

»‚Bewusst, bewusst‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, wird einer bewusst genannt?«

»Er ist bewusst, er ist bewusst, o Bruder: desshalb wird er bewusst genannt; und wessen ist er bewusst? Er ist der Freude bewusst und er ist des Leides bewusst und er ist der Abwesenheit beider bewusst. Er ist bewusst, er ist bewusst, o Bruder: desshalb wird er bewusst genannt.«

»Dieses Verständniss nun, o Bruder, und dieses Bewusstsein: sind diese beiden verbunden, oder sind sie getrennt, und kann man sie sondern und ihren Unterschied angeben?«

»Dieses Verständniss, o Bruder, und dieses Bewusstsein: diese beiden sind verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben. Denn was einer versteht, Bruder, dessen ist er bewusst, {293} und wessen er bewusst ist, das versteht er, darum sind diese beiden verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben.«

»Was für ein Unterschied besteht dann, o Bruder, zwischen diesen beiden verbundenen, nicht getrennten, dem Verständniss und dem Bewusstsein?«

»Zwischen dem Verständniss und dem Bewusstsein, o Bruder, die verbunden und nicht getrennt erscheinen, besteht der Unterschied, dass das Verständnis auszubilden, das Bewusstsein aber zu durchschauen ist.«

»‚Gefühl, Gefühl‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, spricht man von Gefühl?«

»Man fühlt, man fühlt, o Bruder: desshalb spricht man von Gefühl; und was fühlt man? Freude fühlt man und Leid fühlt man und die Abwesenheit beider fühlt man. Man fühlt, man fühlt, o Bruder: desshalb spricht man von Gefühl.«

»‚Wahrnehmung, Wahrnehmung‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, spricht man von Wahrnehmung?«

»Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder: desshalb spricht man von Wahrnehmung; und was nimmt man wahr? Blaues nimmt man wahr und Gelbes nimmt man wahr und Rothes nimmt man wahr und Weißes nimmt man wahr. Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder: desshalb spricht man von Wahrnehmung.«

»Dieses Gefühl nun, o Bruder, und diese Wahrnehmung und dieses Bewusstsein: erscheinen diese verbunden oder getrennt, und ist es möglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben?«

»Dieses Gefühl, o Bruder, diese Wahrnehmung und dieses Bewusstsein: diese drei erscheinen verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben. Denn was einer fühlt, Bruder, das nimmt er wahr, und was er wahrnimmt, dessen ist er bewusst; darum erscheinen diese Dinge verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben.«

»Und wer sich, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, was kann der mit dem geläuterten Denkbewusstsein erkennen?«

»Wer sich da, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, kann mit dem geläuterten Denkbewusstsein in dem Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes erkennen, in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegrenzten Bewusstseins erkennen, in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins erkennen.«

»Und das Erkennbare, Bruder, wie kann man das begreifen?«

»Das Erkennbare, Bruder, kann man durch das Auge der Weisheit begreifen.«

»Und die Weisheit, Bruder, wozu dient die?«

»Die Weisheit, Bruder, dient zur Durchschauung, dient zur Durchdringung, dient zur Entsagung.«

{294} »Welche Bedingungen liegen nun, o Bruder, der rechten Erkenntniss zugrunde?«

»Zwei Bedingungen, o Bruder, liegen der rechten Erkenntniss zugrunde: die Stimme eines anderen und tiefes Nachdenken. Das sind die zwei Bedingungen, o Bruder, die der rechten Erkenntniss zugrunde liegen.«

»Was für Eigenschaften muss aber, Bruder, die rechte Erkenntniss besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der Weisheiterlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht?«

»Wie viele Arten des Daseins, o Bruder, giebt es?«

»Drei Arten des Daseins, Bruder, giebt es: geschlechtliches Dasein, formhaftes Dasein, formloses Dasein.«

»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass immer wieder ein neuer Keim entsteht?«

»Weil die Wesen, o Bruder, versunken im Nichtwissen, vom Lebensdurst geködert, bald da und bald dort sich ergetzen, desshalb kommt immer wieder ein neuer Keim zustande.«

»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass nie wieder ein neuer Keim entstehe?«

»Durch den Nichtwissensekel, o Bruder, durch die Wissensgewinnung, durch die Auflösung des Durstes wird jede weitere Keimbildung aufgehoben.«

»Was ist nun, Bruder, die erste Schauung?«

»Da weilt, o Bruder, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Das nennt man, Bruder, die erste Schauung.«

»Und was für Eigenschaften, Bruder, besitzt die erste Schauung?«

»Die erste Schauung, Bruder, besitzt fünf Eigenschaften: da ist, o Bruder, ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat, dem Sinnen und Gedenken hingegeben, der Heiterkeit, Säligkeit und Einheit des Gemüthes. Solcher Art, Bruder, sind die fünf Eigenschaften der ersten Schauung.«

»Und von welchen Eigenschaften, Bruder, muss die erste Schauung frei sein, und von welchen erfüllt?«

»Die erste Schauung, Bruder, muss von fünf Eigenschaften frei und von fünf Eigenschaften erfüllt sein: da ist, o Bruder, ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat, lauter von Wunscheswillen, lauter von Gehässigkeit, {295} lauter von matter Müde, lauter von stolzem Unmuth, lauter von schwankender Ungewissheit; und er ist dem Sinnen und Gedenken hingegeben, der Heiterkeit, Säligkeit und Einheit des Gemüthes. Solcher Art, Bruder, ist die erste Schauung von fünf Eigenschaften frei und von fünf Eigenschaften erfüllt.«

»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör, der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne, Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theilhat, haben die nicht einen Hort, nimmt nicht etwas an ihrem Gebiet und Wirkungskreis theil?«

»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör, der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne, Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theilhat, die haben das Herz zum Hort, das Herz hat an ihrem Gebiet und Wirkungskreis theil.«

»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Getast. Wodurch bestehn nun, o Bruder, diese fünf Sinne?«

»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Getast. Diese fünf Sinne, o Bruder, bestehn durch die Lebenskraft.«

»Wodurch besteht aber die Lebenskraft, o Bruder?«

»Die Lebenskraft besteht durch die Wärme.«

»Und wodurch, o Bruder, besteht die Wärme?«

»Die Wärme besteht durch die Lebenskraft.«

»So verstehn wir nun jetzt die Rede des ehrwürdigen Sāriputto also: ›Die Lebenskraft besteht durch die Wärme‹, und: ›Die Wärme besteht durch die Lebenskraft‹; wie soll man, o Bruder, den Sinn solcher Rede deuten?«

»So will ich dir denn, o Bruder, ein Gleichniss geben: auch durch Gleichnisse wird da manchem verständigen Manne der Sinn einer Rede klar. Gleichwie etwa, Bruder, bei einer brennenden Oellampe durch die Flamme das Licht erscheint und durch das Licht die Flamme: ebenso nun auch, o Bruder, besteht die Lebenskraft durch die Wärme und die Wärme durch die Lebenskraft.«

»Sind wohl, o Bruder, die Elemente der Lebenskraft mit den intelligiblen Dingen identisch, oder sind sie von ihnen verschieden?«

»Welche Eigenschaften haben nun, o Bruder, diesen Körper verlassen, wenn er niedergestürzt, hingefallen daliegt, wie ein todtes Stück Holz?«

»Wenn drei Eigenschaften, Bruder, diesen Körper verlassen haben: die Lebenskraft, die Wärme und das Bewusstsein, dann liegt dieser Körper niedergestürzt, hingefallen da, wie ein todtes Stück Holz.«

»Welcher Unterschied besteht nun, Bruder, zwischen einem Todten, Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat?«

»Wer da todt und abgestorben ist, o Bruder, dessen körperliche Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen sprachliche Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen geistige Elemente sind aufgelöst und erloschen, die Lebenskraft ist aufgezehrt, die Wärme verflogen, die Sinne zerstoben; der Mönch aber, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat, dessen körperliche, sprachliche und geistige Elemente sind zwar aufgelöst und erloschen, doch die Lebenskraft ist nicht aufgezehrt, die Wärme nicht verflogen, und die Sinne sind gestillt. Das ist der Unterschied, Bruder, zwischen einem Todten und Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose, freudlose Gemütherlösung?«

»Vier Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose, freudlose Gemütherlösung: da erwirkt, o Bruder, ein Mönch, nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns, die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Das sind die vier Bedingungen, Bruder, um der leidlosen, freudlosen Gemütherlösung theilhaftig zu werden.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen den Eintritt der vorstellungslosen Gemütherlösung?«

»Zwei Bedingungen, Bruder, ermöglichen den Eintritt der vorstellungslosen Gemütherlösung: keiner Vorstellung Raum gewähren und sich in die Vorstellungslosigkeit verlieren. Das, o Bruder, sind die zwei Bedingungen, welche den Eintritt der vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die Dauer der vorstellungslosen Gemütherlösung?«

»Drei Bedingungen, Bruder, ermöglichen die Dauer der vorstellungslosen Gemütherlösung: {297} keiner Vorstellung Raum gewähren, sich in die Vorstellungslosigkeit verlieren und vorhergegangener Willensentschluss. Das, o Bruder, sind die drei Bedingungen, welche die Dauer der vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«

»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen das Ende der vorstellungslosen Gemütherlösung?«

»Zwei Bedingungen, Bruder, ermöglichen das Ende der vorstellungslosen Gemütherlösung: sich in die Vorstellungen verlieren, der Vorstellungslosigkeit keinen Raum gewähren. Das, o Bruder, sind die zwei Bedingungen, welche das Ende der vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«

»Und nun, o Bruder: die unbeschränkte Gemütherlösung, die unbeschwerte Gemütherlösung, die ledige Gemütherlösung, die vorstellungslose Gemütherlösung, sind das von einander verschiedene Begriffe, die auch eine verschiedene Bezeichnung haben? Oder sind sie einander gleich und ist nur die Bezeichnung verschieden?«

Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Mahākoṭṭhito über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.

44.

Fünfter Theil

Vierte Rede

DIE ERKLÄRUNGEN – II –

{299} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Da nun begab sich Visākho, ein Anhänger, zur Nonne Dhammadinnā, begrüßte sie höflich und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der Anhänger Visākho zur Nonne Dhammadinnā also:

»‚Die Persönlichkeit, die Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat denn wohl der Erhabene gesagt, Ehrwürdige, dass die Persönlichkeit sei?«

»Die fünf Stücke des Anhangens sind die Persönlichkeit, hat der Erhabene gesagt, Bruder Visākho, als da ist ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung, ein Stück Anhangen am Bewusstsein. Diese fünf Stücke des Anhangens, Bruder Visākho, sind die Persönlichkeit, hat der Erhabene gesagt.«

»Wohl, Ehrwürdige!« erwiderte Visākho der Nonne Dhammadinnā erfreut und befriedigt und stellte nun eine fernere Frage: »‚Die Entstehung der Persönlichkeit, die Entstehung der Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat denn nun, Ehrwürdige, der Erhabene über die Entstehung der Persönlichkeit gesagt?«

»Dieser Durst da, Bruder Visākho, der Wiederdasein säende, gnügensgierverbundene, bald da bald dort sich ergetzende, als da ist der Geschlechtsdurst, der Daseinsdurst, der Wohlseinsdurst[34], das, Bruder Visākho, hat der Erhabene gesagt, ist die Entstehung der Persönlichkeit.«

»‚Die Auflösung der Persönlichkeit, die Auflösung der Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat nun wohl, Ehrwürdige, der Erhabene über die Auflösung der Persönlichkeit gesagt?«

»Ebendieses Durstes vollkommen restlose Auflösung, Abstoßung, Austreibung, Aufhebung, Vertilgung, Bruder Visākho, das ist die Auflösung der Persönlichkeit, hat der Erhabene gesagt.«

»‚Der zur Auflösung der Persönlichkeit führende Pfad, der zur Auflösung der Persönlichkeit führende Pfad‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat da wohl, Ehrwürdige, der Erhabene über diesen Pfad gesagt?«

»Es ist dieser heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, von dem der Erhabene gesagt hat, dass er zur Auflösung der Persönlichkeit führe, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Vertiefung.«

»Nicht ist, Bruder Visākho, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen {300} außer den fünf Stücken des Anhangens: was da, Bruder Visākho, bei den fünf Stücken des Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei Anhangen.«

»Da hat einer, Bruder Visākho, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und betrachtet die Form als sich selbst, oder sich selbst als formähnlich, oder in sich selbst die Form, oder in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich selbst, oder sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich selbst diese, oder in diesen sich selbst. So kann, Bruder Visākho, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen.«

»Und wie, Ehrwürdige, kann der Glaube an Persönlichkeit nicht aufkommen?«

»Da hat einer, Bruder Visākho, als erfahrener heiliger Jünger das Heilige gemerkt, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst als formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst, noch sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese, noch in diesen sich selbst. So kann, Bruder Visākho, der Glaube an Persönlichkeit nicht aufkommen.«

»Welcher Art ist nun, Ehrwürdige, der heilige achtfältige Weg?«

»Solcher Art, Bruder Visākho, ist der heilige achtfältige Weg, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Vertiefung.«

»Ist nun der heilige achtfältige Weg, Ehrwürdige, ein Zusammengefügtes oder ein Einiges?«

»Der heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, ist ein Zusammengefügtes.«

{301} »Hat sich nun etwa, Ehrwürdige, der heilige achtfältige Weg aus drei Theilen zusammengestellt, oder ist er aus drei Theilen zusammengestellt worden?«

»Der heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, hat sich nicht aus drei Theilen zusammengestellt, sondern ist aus drei Theilen zusammengestellt worden. Rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln bilden den Theil der Tugend; rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Vertiefung bilden den Theil der Vertiefung; rechte Erkenntniss und rechte Gesinnung bilden den Theil der Weisheit.«

»Und wie erklärt man, Ehrwürdige, die Vertiefung, die Vorstellungen in der Vertiefung, das Rüstzeug bei der Vertiefung und die Pflege der Vertiefung?«

»Wieviel Unterscheidungen giebt es, Ehrwürdige?«

»Drei Unterscheidungen giebt es, Bruder Visākho: körperliche Unterscheidung, sprachliche Unterscheidung und geistige Unterscheidung.«

»Und was ist, Ehrwürdige, körperliche Unterscheidung, sprachliche Unterscheidung und geistige Unterscheidung?«

»Einathmung und Ausathmung, Bruder Visākho, ist körperliche Unterscheidung, Erwägung und Ueberlegung sprachliche Unterscheidung, Wahrnehmung und Gefühl geistige Unterscheidung.«

»Und warum, Ehrwürdige, ist Einathmung und Ausathmung körperliche Unterscheidung, Erwägung und Ueberlegung sprachliche Unterscheidung, und Wahrnehmung und Gefühl geistige Unterscheidung?«

»Einathmung und Ausathmung, Bruder Visākho, sind körperliche Eigenschaften, sind an den Körper gebunden: darum ist Einathmung und Ausathmung die körperliche Unterscheidung. Was man vorher in Erwägung und Ueberlegung gezogen hat, Bruder Visākho, spricht man nachher aus: darum ist Erwägung und Ueberlegung die sprachliche Unterscheidung. Wahrnehmung und Gefühl sind geistige Eigenschaften, sind an den Geist gebunden: darum ist Wahrnehmung und Gefühl die geistige Unterscheidung.«

»Und wie kann man, Ehrwürdige, die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangen?«

»Das ist nicht so, Bruder Visākho, als ob ein Mönch, dem die Auflösung der Wahrnehmbarkeit zutheil wird, sagen könnte: ›Ich werde die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangen‹, oder: ›Ich erlange die Auflösung der Wahrnehmbarkeit‹, oder: ›Ich habe die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangt‹; sondern er hat sein Gemüth vorher soweit ausgebildet, dass es dafür empfänglich wird.«

{302} »Und wenn einem Mönche, Ehrwürdige, die Auflösung der Wahrnehmbarkeit zutheil wird, was löst sich da zuerst auf, die körperliche Unterscheidung, oder die sprachliche Unterscheidung, oder die geistige Unterscheidung?«

»Wenn einem Mönche, Bruder Visākho, die Auflösung der Wahrnehmbarkeit zutheil wird, löst sich zuerst die sprachliche Unterscheidung auf, dann die körperliche und dann die geistige.«

»Und wie kann man, Ehrwürdige, die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufheben?«

»Das ist nicht so, Bruder Visākho, als ob ein Mönch, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt, sagen könnte: ›Ich werde die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufheben‹, oder ›Ich hebe die Auflösung der Wahrnehmbarkeit auf‹, oder: ›Ich habe die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben‹; sondern er hat sein Gemüth vorher soweit ausgebildet, dass es dafür empfänglich wird.«

»Und wenn ein Mönch die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt, Ehrwürdige, was erscheint da zuerst wieder, die körperliche Unterscheidung, oder die sprachliche Unterscheidung, oder die geistige Unterscheidung?«

»Wenn ein Mönch, Bruder Visākho, die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt, erscheint zuerst die geistige Unterscheidung wieder, dann die körperliche und dann die sprachliche.«

»Und was für Empfindungen, Ehrwürdige, kommen den Mönch an, wenn er die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat?«

»Drei Empfindungen, Bruder Visākho, kommen den Mönch an, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat: die Empfindung der Leerheit, die Empfindung der Vorstellungslosigkeit, die Empfindung der Reglosigkeit.«

»Und wohin neigt sich, wohin beugt sich, wohin senkt sich, Ehrwürdige, das Gemüth eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat?«

»Das Gemüth eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat, Bruder Visākho, neigt sich zur Einsamkeit, beugt sich zur Einsamkeit, senkt sich zur Einsamkeit.«

»Was für Gefühle giebt es, Ehrwürdige?«

»Es giebt drei Arten von Gefühlen, Bruder Visākho: das freudige Gefühl, das leidige Gefühl und das weder freudig noch leidige Gefühl.«

»Und wie erklärt man, Ehrwürdige, das freudige Gefühl, wie das leidige Gefühl und wie das weder freudig noch leidige Gefühl?«

»Körperliche oder geistige Freude, Bruder Visākho, die sich angenehm fühlbar macht, ist das freudige Gefühl; körperliches oder geistiges Leid, Bruder Visākho, das sich unangenehm fühlbar macht, ist das leidige Gefühl; und körperliche oder geistige Empfindung, Bruder Visākho, die sich weder angenehm noch unangenehm fühlbar macht, {303} ist das weder freudig noch leidige Gefühl.«

»Und was ist beim freudigen Gefühl, Ehrwürdige, Freude und was ist Leid, was ist beim leidigen Gefühl Leid und was ist Freude, und was ist beim weder freudig noch leidigen Gefühl Freude und was ist Leid?«

»Beim freudigen Gefühl, Bruder Visākho, ist die Dauer Freude und der Wechsel Leid, beim leidigen Gefühl ist die Dauer Leid und der Wechsel Freude, und beim weder freudig noch leidigen Gefühl ist das Verstehn Freude und das Nichtverstehn Leid.«

»Und was für ein Trieb, Ehrwürdige, haftet dem freudigen Gefühle an, was für ein Trieb haftet dem leidigen Gefühle an, was für ein Trieb haftet dem weder freudig noch leidigen Gefühle an?«

»Dem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, haftet der Trieb der Gier an, dem leidigen Gefühle haftet der Trieb des Hassens an, dem weder freudig noch leidigen Gefühle haftet der Trieb des Nichtwissens an.«

»Und haftet der Trieb der Gier, Ehrwürdige, jedem freudigen Gefühle an, haftet der Trieb des Hassens jedem leidigen Gefühle an, haftet der Trieb des Nichtwissens jedem weder freudig noch leidigen Gefühle an?«

»Nicht jedem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, haftet der Trieb der Gier an, nicht jedem leidigen Gefühle haftet der Trieb des Hassens an, nicht jedem weder freudig noch leidigen Gefühle haftet der Trieb des Nichtwissens an.«

»Was ist nun, Ehrwürdige, beim freudigen Gefühle verwerflich, was ist beim leidigen Gefühle verwerflich, was ist beim weder freudig noch leidigen Gefühle verwerflich?«

»Beim freudigen Gefühl, Bruder Visākho, ist der Trieb der Gier verwerflich, beim leidigen Gefühl ist der Trieb des Hassens verwerflich, beim weder freudig noch leidigen Gefühl ist der Trieb des Nichtwissens verwerflich.«

»Ist nun, Ehrwürdige, der Trieb der Gier bei jedem freudigen Gefühl zu verwerfen, ist der Trieb des Hassens bei jedem leidigen Gefühl zu verwerfen, ist der Trieb des Nichtwissens bei jedem weder freudig noch leidigen Gefühl zu verwerfen?«

»Nicht bei jedem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, ist der Trieb der Gier zu verwerfen, nicht bei jedem leidigen Gefühle ist der Trieb des Hassens zu verwerfen, nicht bei jedem weder freudig noch leidigen Gefühle ist der Trieb des Nichtwissens zu verwerfen. Da weilt, Bruder Visākho, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung; und so verwirft er die Gier, und kein Giertrieb haftet ihm an. Und ein Mönch, Bruder Visākho, sagt zu sich selbst: ›Wann doch nur werde ich das Gebiet erobert haben, das die Heiligen schon besitzen?‹ Und indem er also voll Sehnsucht der höchsten Erlösungen gedenkt, fühlt er sich schmerzlich bewegt; {304} und so verwirft er das Hassen, und kein Hassenstrieb haftet ihm an. Und ein Mönch, Bruder Visākho, erwirkt nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung; und so verwirft er das Nichtwissen, und kein Nichtwissenstrieb haftet ihm an.«

»Was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem freudigen Gefühle?«

»Aus dem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, erfolgt das leidige Gefühl.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem leidigen Gefühle?«

»Aus dem leidigen Gefühle, Bruder Visākho, erfolgt das freudige Gefühl.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem weder freudig noch leidigen Gefühle?«

»Aus dem weder freudig noch leidigen Gefühle, Bruder Visākho, erfolgt das Nichtwissen.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem Nichtwissen?«

»Aus dem Nichtwissen, Bruder Visākho, erfolgt das Wissen.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus dem Wissen?«

»Aus dem Wissen, Bruder Visākho, erfolgt die Erlösung.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus der Erlösung?«

»Aus der Erlösung, Bruder Visākho, erfolgt die Erlöschung.«

»Und was erfolgt, Ehrwürdige, aus der Erlöschung?«

Da war nun Visākho, der Anhänger, durch die Rede der Nonne Dhammadinnā erfreut und befriedigt, erhob sich von seinem Sitze, begrüßte die Nonne Dhammadinnā ehrerbietig, ging rechts herum und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Zur Seite sitzend erzählte nun der Anhänger Visākho dem Erhabenen Wort für Wort das Gespräch mit der Nonne Dhammadinnā. Nach diesem Berichte wandte sich der Erhabene an Visākho den Anhänger also:

»Weise, Visākho, ist die Nonne Dhammadinnā, wissensmächtig, Visākho, ist die Nonne Dhammadinnā. Wolltest du mich um Aufklärung bitten, Visākho, ich würde dir genau die selbe Antwort geben, {305} wie sie dir die Nonne Dhammadinnā gegeben hat: denn das ist der Sinn, und also bewahre ihn.«

So sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der Anhänger Visākho über das Wort des Erhabenen.

45.

Fünfter Theil

Fünfte Rede

DIE LEBENSFÜHRUNG – I –

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Vier Arten der Lebensführung giebt es, ihr Mönche: welche vier? Die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt, und die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt? Manche Asketen und Brāhmanen, ihr Mönche, sagen und lehren: ›Wir finden kein Arg an der Lust.‹ Sie lassen der Lust freien Lauf, pflegen Umgang mit lockigen Nonnen und sagen: ›Warum haben doch jene lieben Asketen und Brāhmanen aus Vorsicht vor kommender Schreckniss Verleugnung der Lust gepredigt, Ueberwindung der Lust gelehrt? Süß ist die Umarmung mit dieser jungen, geschmeidigen, flaumigen Nonne!‹ So reden sie und lassen die Lust gewähren. Haben sie die Lust gewähren lassen, so gelangen sie bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil, und empfinden schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Dann sagen sie: ›Dieses Schreckliche da haben jene lieben Asketen und Brāhmanen vorausgesehn und Verleugnung der Lust gepredigt, Ueberwindung der Lust gelehrt: denn Lust ist der Grund, {306} Lust ist die Ursache, dass wir jetzt schmerzliche, brennende, stechende Gefühle empfinden!‹

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn gegen Ende des Sommers ein kriechendes Schlinggewächs Frucht trüge, und es fiele ein Saamenkorn an die Wurzel eines Prachtbaumes. Da würde, ihr Mönche, die Gottheit die in dem Baume lebt, erschreckt und bestürzt, in Aufregung gerathen. Aber nun kämen, ihr Mönche, Freunde und Verwandte der Gottheit herbei, die Haingottheiten, die Waldgottheiten, die Baumgottheiten, alle die Götter die Kräuter, Gräser und Wipfel beleben versammelten sich und sprächen tröstend im Chore: ›Fürchte dich nicht, Lieber! Fürchte dich nicht, Lieber! Ganz sicher wird ja dieses Saamenkorn von einem Fasan verschlungen oder von einem Reh zerkaut oder bei einem Forstbrand vernichtet oder von Waldarbeitern aufgelesen oder von Termiten fortgeschleppt werden, oder es wird überhaupt nicht keimen.‹ Doch dieses Saamenkorn, ihr Mönche, würde weder von einem Fasan verschlungen noch von einem Reh zerkaut noch bei einem Forstbrand vernichtet noch von Waldarbeitern aufgelesen noch von Termiten fortgeschleppt werden, sondern würde keimen. Während der Regenzeit wände es sich empor, wüchse sich völlig aus, wäre Liane geworden, jung, geschmeidig, flaumig, Ranken treibend, und süchtig umklammerte diese den Prachtbaum. Da wäre nun, ihr Mönche, der Gottheit die in diesem Baume lebt also zu Muthe: ›Warum haben doch meine lieben Freunde und Verwandten, die Haingottheiten, die Waldgottheiten, die Baumgottheiten, die Götter der Kräuter, Gräser und Wipfel kommende Schreckniss vom Saamenkorne befürchtet und insgesammt also mir zugesprochen: ‚Fürchte dich nicht, Lieber! Fürchte dich nicht, Lieber! Ganz sicher wird ja dieses Saamenkorn von einem Fasan verschlungen oder von einem Reh zerkaut oder bei einem Forstbrand vernichtet oder von Waldarbeitern aufgelesen oder von Termiten fortgeschleppt werden, oder es wird überhaupt nicht keimen‘: süß ist es ja, von dieser jungen, geschmeidigen, flaumigen Liane umrankt zu werden!‹ Und sie schlängelte sich um den Prachtbaum herum, um den Prachtbaum herumgeschlängelt verzweigte sie sich oben, oben verzweigt wirkte sie einen Rankenschleier herab, und mit diesem Rankenschleier erstickte sie dann die mächtigen, mächtigen Stämme des Prachtbaumes. Da wäre nun, ihr Mönche, der Gottheit die in diesem Baume lebt also zu Muthe: ›Das ist das Schreckliche, das meine lieben Freunde und Verwandten, die Haingottheiten, die Waldgottheiten, die Baumgottheiten, die Götter der Kräuter, Gräser und Wipfel vorausgesehn haben, und desshalb haben sie mich alle zusammen trösten wollen: {307} denn jenes Saamenkorn ist die Ursache, dass ich schmerzliche, brennende, stechende Gefühle empfinde!‹ —: Ebenso nun auch, ihr Mönche, sagen und lehren da manche Asketen und Brāhmanen: ›Wir finden kein Arg an der Lust.‹ Sie lassen der Lust freien Lauf, pflegen Umgang mit lockigen Nonnen und sagen: ›Warum haben doch jene lieben Asketen und Brāhmanen aus Vorsicht vor kommender Schreckniss Verleugnung der Lust gepredigt, Ueberwindung der Lust gelehrt? Süß ist die Umarmung mit dieser jungen, geschmeidigen, flaumigen Nonne!‹ So reden sie und lassen die Lust gewähren. Haben sie die Lust gewähren lassen, so gelangen sie bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil, und empfinden schmerzliche, brennende, stechende Gefühle. Dann sagen sie: ›Dieses Schreckliche da haben jene lieben Asketen und Brāhmanen vorausgesehn und Verleugnung der Lust gepredigt, Ueberwindung der Lust gelehrt: denn Lust ist der Grund, Lust ist die Ursache, dass wir jetzt schmerzliche, brennende, stechende Gefühle empfinden!‹ Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt? Da ist einer, ihr Mönche, ein Unbekleideter, ein Ungebundener, ein Handverköster[35], kein Ankömmling, kein Abwärtling, gestattet keine Darreichung, keine Vergünstigung, keine Einladung, späht beim Empfangen des Almosens nicht nach dem Topfe, nicht nach der Schüssel, nicht über die Schwelle, nicht über das Gitter, nicht in den Kessel hinein, nimmt nicht von zu zweit Speisenden an, nicht von einer Schwangeren, nicht von einer Säugenden, nicht von einer, die vom Manne kommt, nicht von Beschmutzten, nicht wo ein Hund dabei steht, nicht wo Fliegen hin und her schwärmen, isst keinen Fisch, kein Fleisch, trinkt keinen Wein, kein gebranntes Wasser, keinen gegohrenen Haferschleim. Er geht zu einem Hause und begnügt sich mit einer handvoll Almosenspeise; geht zu zwei Häusern und begnügt sich mit zwei handvoll Almosenspeise; geht zu sieben Häusern und begnügt sich mit sieben handvoll Almosenspeise. Er fristet sein Leben durch die Mildthätigkeit von nur einer Spenderin, von nur zwei Spenderinen, von nur sieben Spenderinen. Er nimmt nur jeden ersten Tag Nahrung ein, nur jeden zweiten Tag, nur jeden siebenten Tag. Solcherart wechselnd beobachtet er streng diese bis auf einen halben Monat ausgedehnte Fastenübung. Oder er lebt von Kräutern und Pilzen, {308} von wildem Reis und Korn, von Saamen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz, von Gräsern, von Kuhmist, fristet sich von Wurzeln und Früchten des Waldes, lebt von abgefallenen Früchten. Auch trägt er das hänfene Hemd, trägt das härene Hemd, trägt einen Rock, geflickt aus den im Leichenhof und auf der Straße gefundenen Fetzen, hüllt sich in Lumpen, in Felle, in Häute, gürtet sich mit Flechten aus Gras, mit Flechten aus Rinde, mit Flechten aus Laub, birgt die Blöße unter pelzigem Schurze, unter borstigem Schurze, unter einem Eulenflügel. Und er rauft sich Haupt- und Barthaar aus, die Regel der Haar- und Bartausraufer befolgend; ist ein Stetigsteher, verwirft Sitz und Lager; ist ein Fersensitzer, übt die Zucht der Fersensitzer; ist Dornenseitiger und legt sich zur Seite auf ein Dornenlager; steigt allabendlich zum dritten Mal herab ins Büßerbad. So übt er sich gar vielfach in des Körpers inbrünstiger Schmerzensaskese. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt.

»Was ist das aber, ihr Mönche, für eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt? Da ist einer, ihr Mönche, von Natur aus heftigem Begehren geneigt, und das Begehren lässt ihn oft Schmerz und Quaal empfinden; ist von Natur aus heftigem Hasse geneigt, und der Hass lässt ihn oft Schmerz und Quaal empfinden; ist von Natur aus heftigem Wahne geneigt, und der Wahn lässt ihn oft Schmerz und Quaal empfinden. Und nur mit Schmerzen, nur mit Quaalen, nur unter bitteren Thränen kann er das lautere, reine Leben der Heiligkeit führen. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Und was für eine Lebensführung ist es, ihr Mönche, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt? Da ist einer, ihr Mönche, von Natur aus heftigem Begehren nicht geneigt, und das Begehren lässt ihn selten Schmerz und Quaal empfinden; ist von Natur aus heftigem Hasse nicht geneigt, und der Hass lässt ihn selten Schmerz und Quaal empfinden; ist von Natur aus heftigem Wahne nicht geneigt, {309} und der Wahn lässt ihn selten Schmerz und Quaal empfinden. Gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen weilt er in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erwirkt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt. Das sind, ihr Mönche, die vier Arten der Lebensführung.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

46.

Fünfter Theil

Sechste Rede

DIE LEBENSFÜHRUNG – II –

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Die meisten Menschen, ihr Mönche, hegen das Verlangen, hegen den Wunsch, hegen die Absicht: ›Ach, möchte sich doch das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche mindern und das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche mehren!‹ Und diesen Menschen, ihr Mönche, die solches Verlangen, solchen Wunsch, solche Absicht hegen, mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche, mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche. Was gebt ihr da, Mönche, als Grund an?«

{310} »Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr, wenn nur der Erhabene jenen eigenthümlichen Umstand erklären wollte! Das Wort des Erhabenen werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Gewiss, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Da ist einer, ihr Mönche, ein unerfahrener gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich, kennt weder die zu pflegenden Dinge noch die nicht zu pflegenden Dinge, kennt weder die würdigen Dinge noch die nichtswürdigen Dinge. Unbekannt mit den zu pflegenden Dingen, unbekannt mit den nicht zu pflegenden Dingen, unbekannt mit den würdigen Dingen, unbekannt mit den nichtswürdigen Dingen pflegt er die nicht zu pflegenden Dinge und pflegt die zu pflegenden Dinge nicht, würdigt er die nichtswürdigen Dinge und würdigt die würdigen Dinge nicht. Und indem er nicht zu pflegende Dinge pflegt und zu pflegende Dinge nicht pflegt, nichtswürdige Dinge würdigt und würdige Dinge nicht würdigt mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Doch der erfahrene heilige Jünger, ihr Mönche, das Heilige verstehend, der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre wohlzugänglich, das Edle verstehend, der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich, kennt die zu pflegenden Dinge und kennt die nicht zu pflegenden Dinge, kennt die würdigen Dinge und kennt die nichtswürdigen Dinge. Bekannt mit den zu pflegenden Dingen, bekannt mit den nicht zu pflegenden Dingen, bekannt mit den würdigen Dingen, bekannt mit den nichtswürdigen Dingen pflegt er die nicht zu pflegenden Dinge nicht und pflegt die zu pflegenden Dinge, würdigt er die nichtswürdigen Dinge nicht und würdigt die würdigen Dinge. Und indem er nicht zu pflegende Dinge nicht pflegt und zu pflegende Dinge pflegt, nichtswürdige Dinge nicht würdigt und würdige Dinge würdigt, mindert sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Vier Arten der Lebensführung giebt es, ihr Mönche: welche vier? Die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt, die Lebensführung, {311} die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt, und die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt, so begreift diese der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht versteht, nicht der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht. Und indem er sie pflegt und ihr nicht entsagt mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt, so begreift diese der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht versteht, nicht der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht. Und indem er sie pflegt und ihr nicht entsagt mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt, so begreift diese der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht versteht, nicht der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr. Und indem er sie nicht pflegt und ihr entsagt mehrt sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, so begreift diese der Unverständige nicht, erkennt nicht der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.‹ Da er sie nicht begreift, nicht versteht, nicht der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr. Und indem er sie nicht pflegt und ihr entsagt mehrt sich das Unersehnte, {312} Unerwünschte, Unerfreuliche und mindert sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer unwissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt, so begreift diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr. Und indem er sie nicht pflegt und ihr entsagt mindert sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt, so begreift diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie nicht, entsagt ihr. Und indem er sie nicht pflegt und ihr entsagt mindert sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte, Erwünschte. Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt, so begreift diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht. Und indem er sie pflegt und ihr nicht entsagt mindert sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

»Was nun, ihr Mönche, die Lebensführung anlangt, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, so begreift diese der Verständige, erkennt der Wahrheit gemäß: ›Das ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.‹ Da er sie begreift, versteht, der Wahrheit gemäß erkennt, pflegt er sie, entsagt ihr nicht. Und indem er sie pflegt und ihr nicht entsagt mindert sich das Unersehnte, Unerwünschte, Unerfreuliche und mehrt sich das Ersehnte, Erwünschte, Erfreuliche, und warum? Weil es eben also, ihr Mönche, geschehn muss, wenn einer wissend ist.

{313} »Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt? Da ist einer, ihr Mönche, unter Schmerzen und Quaalen ein Mörder und empfindet seines Mordes wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen ein Dieb und empfindet seines Diebstahls wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen ein Wüstling und empfindet seines Wüstens wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen ein Lügner und empfindet seiner Lüge wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen ein Verleumder und empfindet seiner Verleumdung wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen barsch und empfindet seiner Barschheit wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen geschwätzig und empfindet seiner Geschwätzigkeit wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen selbstsüchtig und empfindet seiner Selbstsucht wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen boshaft und empfindet seiner Bosheit wegen Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen und Quaalen falsch und empfindet seiner Falschheit wegen Schmerzen und Quaalen. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt.

»Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt? Da ist einer, ihr Mönche, mit Lust und Genügen ein Mörder und genießt seinen Mord mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen ein Dieb und genießt seinen Diebstahl mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen ein Wüstling und genießt sein Wüsten mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen ein Lügner und genießt seine Lüge mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen ein Verleumder und genießt seine Verleumdung mit Lust und Genügen, {314} ist mit Lust und Genügen barsch und genießt seine Barschheit mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen geschwätzig und genießt seine Geschwätzigkeit mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen selbstsüchtig und genießt seine Selbstsucht mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen boshaft und genießt seine Bosheit mit Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen falsch und genießt seine Falschheit mit Lust und Genügen. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt.

»Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt? Da hält sich einer, ihr Mönche, unter Schmerzen und Quaalen vom Morde zurück und seine Verwerfung des Mordes kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Diebstahl zurück und seine Verwerfung des Diebstahls kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Wüsten zurück und seine Verwerfung des Wüstens kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Lügen zurück und seine Verwerfung des Lügens kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Verleumden zurück und seine Verwerfung des Verleumdens kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Barschsein zurück und seine Verwerfung der Barschheit kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Schwatzen zurück und seine Verwerfung des Schwatzens kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen von der Selbstsucht zurück und seine Verwerfung der Selbstsucht kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen von der Bosheit zurück und seine Verwerfung der Bosheit kostet ihn Schmerzen und Quaalen, {315} ist unter Schmerzen und Quaalen wahrhaft und seine Wahrhaftigkeit kostet ihn Schmerzen und Quaalen. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Und wie ist, ihr Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt? Da hält sich einer, ihr Mönche, mit Lust und Genügen vom Morde zurück und seine Verwerfung des Mordes gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Diebstahl zurück und seine Verwerfung des Diebstahls gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Wüsten zurück und seine Verwerfung des Wüstens gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Lüge zurück und seine Verwerfung der Lüge gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Verleumden zurück und seine Verwerfung des Verleumdens gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Barschsein zurück und seine Verwerfung der Barschheit gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Schwatzen zurück und seine Verwerfung des Schwatzens gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Selbstsucht zurück und seine Verwerfung der Selbstsucht gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Bosheit zurück und seine Verwerfung der Bosheit gewährt ihm Lust und Genügen, ist mit Lust und Genügen wahrhaft und seine Wahrhaftigkeit gewährt ihm Lust und Genügen. Der gelangt bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt. Das sind, ihr Mönche, die vier Arten der Lebensführung.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Kürbissflasche da hätte, mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese Kürbissflasche ist mit Gift versetzt: wenn du willst, so trinke. {316} Aber dieser Trank wird dir nicht behagen, weder an Farbe, noch an Geruch und Geschmack, und nach dem Genusse wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹ Doch unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte ihm weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, und nachdem er ihn getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche Schmerzen: — Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Trinkschaale da hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte, aber mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese Trinkschaale birgt schönes, duftendes, wohlschmeckendes Nass, ist aber mit Gift versetzt: wenn du willst, so trinke. Zwar wird dir der Trank behagen, an Farbe, Duft und Wohlgeschmack, aber nach dem Genusse wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹ Doch unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte ihm zwar an Farbe, Duft und Wohlgeschmack, nachdem er ihn aber getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche Schmerzen: — Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man faulen Urin da hätte, mit mancherlei Heilkräutern versetzt, und es käme ein Mann herbei, der die Gelbsucht hat, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, dieser faule Urin ist mit mancherlei Heilkräutern versetzt: wenn du willst, so trinke. Der Trank wird dir freilich nicht behagen, weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, aber der Genuss wird dir wohlbekommen.‹ Und besonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte ihm freilich weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, nachdem er ihn aber getrunken, würde ihm wohl: — Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man Rahm und Honig, Butteröl und Zucker da hätte, innig vermischt, und es käme ein Mann herbei, der an Blutbrechen litte, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, hier ist Rahm und Honig, {317} Butteröl und Zucker, innig vermischt: wenn du willst, so trinke. Dieser Trank wird dir an Farbe, Duft und Geschmack eben recht sein, und der Genuss wird dir wohlthun.‹ Und besonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank wär’ ihm eben recht an Farbe, Duft und Geschmack, und nachdem er ihn getrunken, würde ihm wohl: — Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken die Sonne am Himmel aufgeht und alle Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Mönche, erscheint da diese Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und Priester und flammt und leuchtet.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

47.

Fünfter Theil

Siebente Rede

DER FORSCHER

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten Gemüthsart versteht, soll beim Vollendeten die Prüfung anstellen: ›Ist er der vollkommen Erwachte, oder ist er es nicht?‹ Darüber muss er sich klar werden.«

»Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr, wenn doch der Erhabene den Sinn dieser Rede erläutern wollte! Das Wort des Erhabenen werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

{318} »Gern, o Herr!« erwiderten da aufmerksam jene Mönche dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

‚Beschwichtigt bin ich ohne Fürchten, Nicht bin aus Fürchten ich beschwichtigt: Verlangensledig lustentpflegt Ist was Verlangen war versiegt.‘‹

»Und nun, ihr Mönche, ist noch der Vollendete selbst zu befragen: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich beim Vollendeten,

Meine Spuren sind es nur, Meine Bahnen nur, Aber ich bin andrer Art.‹

»Das ist die Art, ihr Mönche, wie man beim Vollendeten die Satzung prüft, und das ist die Art, wie der Vollendete der Satzung gemäß wohl geprüft wird.«

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

48.

Fünfter Theil

Achte Rede

VOR KOSAMBĪ

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Kosambī, in der Gartenstiftung. Zu jener Zeit nun war unter den Mönchen von Kosambī Zank und Streit ausgebrochen, sie haderten mit einander und scharfe Wortgefechte fanden statt. Sie konnten sich nicht versöhnen und wiesen eine Versöhnung ab, sie konnten sich nicht verständigen und blieben der Verständigung unzugänglich.

{321} Da begab sich nun einer der Mönche zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also:

»Es ist da, o Herr, unter den Kosambiyer Mönchen Zank und Streit ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe Wortgefechte finden statt. Sie können sich nicht versöhnen und weisen eine Versöhnung ab, sie können sich nicht verständigen und bleiben der Verständigung unzugänglich.«

Da gab nun der Erhabene einem Mönche den Auftrag:

»Gut, o Herr!« erwiderte der Mönch dem Erhabenen und begab sich zu jenen Mönchen. Dort angelangt sprach er also zu ihnen:

»Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Wohl, Bruder, wir kommen!« sagten jene Mönche und begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Zu den dort Sitzenden sprach nun der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, dass unter euch Mönchen Zank und Streit ausgebrochen sei, dass ihr mit einander hadert und scharfe Wortgefechte führt? Dass ihr euch nicht versöhnen könnt und eine Versöhnung zurückweist, dass ihr euch nicht verständigen könnt und der Verständigung unzugänglich bleibt?«

»Allerdings, o Herr!«

»Was meint ihr nun, Mönche: zu einer Zeit wo ihr unter einander in Zank, Streit und Hader liegt und euch mit scharfer Rede angreift, dient ihr wohl zu einer solchen Zeit eueren Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen, mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen?«

»Freilich nicht, o Herr!«

»So ist es klar, Mönche, dass ihr zu einer solchen Zeit eueren Ordensbrüdern weder mit liebevoller That dienet, so offen als verborgen, noch mit liebevollem Worte, so offen als verborgen, noch mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Was wollt ihr also, Bethörte, was bezweckt ihr, was beabsichtigt ihr mit euerem Zanken, Streiten und Hadern, {322} mit eurer scharfen Rede, mit eurer Unversöhnlichkeit und Unverständigkeit? Das wird euch Bethörten lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.«

Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:

»Das aber, Mönche, sind die sechs Dinge, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen. Und von diesen sechs Dingen, ihr Mönche, die nicht zu vergessen sind, ist eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: es ist jene Ansicht, die heilige ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht. Gleichwie etwa, Mönche, bei einem Thurme eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen ist, nämlich die Zinne: {323} ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei diesen sechs Dingen, den nicht zu vergessenden, eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht.

»Wie reicht nun, ihr Mönche, jene Ansicht, die heilige, ausreichende, dem Grübler zur völligen Leidensversiegung aus? Da geht, ihr Mönche, der Mönch in den Wald, oder an einen Baum, oder in leere Klause, und erforscht sich also: ›Ist wohl in mir noch eine Umspinnung, die mein Herz derart umsponnen hat, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn kann?‹ Wenn ein Mönch, ihr Mönche, gierumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, hassumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, trägheitumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, stolzumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, zweifelumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, dieser Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, jener Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, Zank und Streit liebt, hadert, sich in scharfe Reden einlässt, so ist sein Herz eben umsponnen. Er aber erkennt: ›Es ist keine Umspinnung in mir, die mein Herz derart umsponnen hätte, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn könnte. Wohl empfänglich ist mein Sinn, die Wahrheiten zu fassen.‹ Das ist die erste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Weil ich nun jene Ansicht hege und pflege und ausbilde, gelang’ ich da zur eigenen Ebbung, gelang’ ich da zur eigenen Erlöschung?‹ Und er erkennt: ›Weil ich jene Ansicht hege und pflege und ausbilde gelang’ ich zur eigenen Ebbung, gelang’ ich zur eigenen Erlöschung.‹ Das ist die zweite Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, kann die wohl auch außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz ebenso gefunden werden?‹ Und er erkennt: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, die kann nicht außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz ebenso gefunden werden.‹ {324} Das ist die dritte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: haben die Ordensbrüder irgendwie da oder dort Obliegenheiten auf sich zu nehmen, so ist er mit Eifer dabei, und innig ist er bemüht hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Gleichwie etwa, ihr Mönche, eine junge Mutterkuh die Hürde durchbricht und ihr Kälblein aufsucht: ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er mit Eifer an allen Obliegenheiten der Ordensbrüder theilnimmt und innig bemüht ist hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Und er erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die fünfte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

{325} »Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe hingegeben, offenen Ohres die Lehre hört. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die sechste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss der Lehre, zum verständnissvollen Genusse der Lehre gelangt. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die siebente Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr Mönche, hat seine Art genugsam geprüft, um das Ziel seiner Hörerschaft zu erwirken. Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr Mönche, hat das Ziel seiner Hörerschaft gefunden.«[36]

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

49.

Fünfter Theil

Neunte Rede

BRAHMĀS HEIMSUCHUNG

{326} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Eines Tages, ihr Mönche, weilte ich da bei Ukkaṭṭhā, im Lustwalde, am Fuße eines Königsbaumes. Damals aber, ihr Mönche, war der Brahmā Bako[37] zu der falschen Ansicht gekommen: ›Hier ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende, hier ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: denn hier herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und es giebt keine andere, höhere Freiheit als diese.‹

»Und ich erkannte, ihr Mönche, des Brahmās Bako Gedanken, und gleichwie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, ebenso verschwand ich da von Ukkaṭṭhā, aus dem Lustwalde, vom Fuße des Königsbaumes, und erschien in jener Brahmawelt. Da sah mich, ihr Mönche, der Brahmā Bako wie von ferne herankommen, und nachdem er mich gesehn sprach er also zu mir: ›Heil, o Würdiger, willkommen, Würdiger! Lange schon hab’ ich die Hoffnung gehegt, der Würdige werde hierherkommen. Denn hier, Würdiger, ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende, hier ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: hier herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und eine andere, höhere Freiheit als diese giebt es nicht.‹

»Hierauf, ihr Mönche, erwiderte ich dem Brahmā Bako: ›Verblendet, wahrlich, ist der liebe Brahmā Bako, verblendet, wahrlich, ist der liebe Brahmā Bako, da er ja was eben nicht ewig ist als ewig bezeichnen will, was eben nicht beharrend ist als beharrend bezeichnen will, was eben dauerlos ist als immerwährend bezeichnen will, was eben auflösbar ist als unauflösbar bezeichnen will, was eben vergänglich ist als unvergänglich bezeichnen will, und nun von dem, was da geboren wird und altert, stirbt und vergeht und wiedererscheint, behauptet, dass es nicht geboren werde, nicht altere, nicht sterbe und vergehe und wiedererscheine, dann aber jene andere, höhere Freiheit, die es giebt, leugnet.‹

»Da fuhr nun, ihr Mönche, Māro der Böse in einen der Götter vom Gefolge Brahmās und sprach also aus ihm: ›Mönchlein, Mönchlein! Hüte dich vor diesem, hüte dich vor diesem: das ist ja Brahmā, o Mönch, der Große Brahmā, {327} der Uebermächtige, der Unübermächtigte, der Allsehende, der Gebieter, der Herr, der Schöpfer, der Erschaffer, der Höchste, der Erzeuger, der Erhalter, der Vater von allem was da war und sein wird. Schon vor dir, o Mönch, gab es in der Welt Asketen und Priester, die Erdenfeinde waren, Erdenverächter, die Wasserfeinde waren, Wasserverächter, die Feuerfeinde waren, Feuerverächter, die Luftfeinde waren, Luftverächter, die Naturfeinde waren, Naturverächter, die Götterfeinde waren, Götterverächter, die Feinde des Herrn der Zeugung waren, Verächter des Herrn der Zeugung, die Feinde Brahmās waren, Verächter Brahmās: diese gelangten bei der Auflösung des Körpers, nach verbrauchter Lebenskraft, zu verstoßenen Daseinsarten. Und es gab vor dir, o Mönch, Asketen und Priester in der Welt, die Erdenfreunde waren, Erdenliebhaber, die Wasserfreunde waren, Wasserliebhaber, die Feuerfreunde waren, Feuerliebhaber, die Luftfreunde waren, Luftliebhaber, die Naturfreunde waren, Naturliebhaber, die Götterfreunde waren, Götterliebhaber, die Freunde des Herrn der Zeugung waren, Liebhaber des Herrn der Zeugung, die Freunde Brahmās waren, Liebhaber Brahmās: diese gelangten bei der Auflösung des Körpers, nach verbrauchter Lebenskraft, zu erlesenen Daseinsarten. Und so rath’ ich dir denn, o Mönch: hab’ Acht, Würdiger! Was dir Brahmā gesagt hat, das lass’ dir gesagt sein, auf dass du nicht dem Worte Brahmās widersprechest! Wenn du, o Mönch, dem Worte Brahmās widersprechen wolltest, so wär’ es als ob ein Mann an einen Felsen träte und mit einem Stabe dagegen schlüge, oder als ob, o Mönch, ein Mann, in einen Höllenabgrund stürzend, mit Händen und Füßen Boden zu fassen suchte: ganz ebenso, o Mönch, würd’ es dir hier ergehn. Hab’ Acht, Würdiger! Was dir Brahmā gesagt hat, das lass’ dir gesagt sein, auf dass du nicht dem Worte Brahmās widersprechest!

Siehst, Mönchlein, du nicht rings umher Den Götterkreis der Brahmawelt?‹

»Mit diesen Worten, ihr Mönche, führte mich Māro der Böse in den Kreis der Brahmagötter. Ich aber, ihr Mönche, sprach also zu Māro dem Bösen: ›Wohl kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren: ‚Er kennt mich nicht‘, Māro bist du, der Böse. Und dieser Brahmā da, Böser, und diese Brahmagötter, und diese Brahmaschaaren: alle sind sie in deiner Hand, alle sind sie in deiner Willkür. Du freilich, Böser, denkst nun: ‚Auch der soll in meiner Hand sein, auch der soll in meiner Willkür sein!‘ Ich aber, Böser, stehe nicht in deiner Hand und stehe nicht in deiner Willkür.‹

»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach der Brahmā Bako also zu mir: ›Ich nun, Würdiger, halte für ewig was eben ewig ist, {328} halte für beharrend was eben beharrend ist, halte für immerwährend was eben immerwährend ist, halte für unauflösbar was eben unauflösbar ist, halte für unvergänglich was eben unvergänglich ist; und wo kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen ist, da sag’ ich eben: hier, wahrlich, herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und weil es keine andere, höhere Freiheit giebt, desshalb sag’ ich: es giebt keine andere, höhere Freiheit. Vor dir, o Mönch, waren schon Asketen und Priester in der Welt, die sich die ganze Spanne Zeit eueres Lebens einzig der Kasteiung hingegeben hatten: die mochten vielleicht wissen, ob es eine andere, höhere Freiheit giebt oder nicht giebt. Darum lass’ dir, o Mönch, bedeutet sein: du wirst eine andere, höhere Freiheit gewiss nicht entdecken, und wenn du dir auch noch so viel Mühe und Quaal gäbest. Nimmst du, o Mönch, die Erde zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, das Wasser zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, das Feuer zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, die Luft zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, die Natur zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, die Götter zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, den Herrn der Zeugung zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, den Brahmā zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen.‹

›Wohl weiß auch ich es, Brahmā: nehm’ ich die Erde zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich das Wasser zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich das Feuer zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich die Luft zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich die Natur zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich die Götter zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich den Herrn der Zeugung zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich den Brahmā zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen. Wohl kenn’ ich, Brahmā, deine Art, kenne deine Herrlichkeit: hochmächtig ist der Brahmā Bako, hochgewaltig ist der Brahmā Bako, hochangesehn ist der Brahmā Bako.‹

›Inwiefern denn, Würdiger, kennst du meine Art, kennst meine Herrlichkeit: hochmächtig ist der Brahmā Bako, hochgewaltig ist der Brahmā Bako, hochangesehn ist der Brahmā Bako?‹

›Soweit die Sonne strahlt, der Mond In voller Pracht die Räume durch, Ist tausendfach die reiche Welt In deinen Willen eingewiegt. ›Die Höh’n und Tiefen kennest du, Du kennst den Freien und den Knecht, So dieses Sein wie jenes Sein, Der Wesen Kommen, Wesen Gehn.‹

›Wenn dir, Würdiger, die Allheit des Alls keine Befriedigung gewährt hat, so mag eben vielleicht bei dir hohl sein, leer sein

Was Leuchtkraft des Bewusstseins war Und ganz und gar erloschen ist:[38]

da bleibt man von der Erde Erdheit unbefriedigt, von des Wassers Wasserheit unbefriedigt, von des Feuers Feuerheit unbefriedigt, von der Luft Luftheit unbefriedigt, von der Natur, den Göttern, dem Herrn der Zeugung, dem Brahmā, von den Leuchtenden, den Strahlenden, den Gewaltigen, vom Uebermächtigen, {330} bleibt von des Alls Allheit unbefriedigt. — Wohlan denn, Würdiger, ich werde dir jetzt entschwinden.‹

›Wohlan denn, Brahmā, so entschwinde mir, wenn du es vermagst.‹ Und nun, ihr Mönche, sagte der Brahmā Bako: ‚Entschwinden will ich dem Asketen Gotamo, entschwinden will ich dem Asketen Gotamo!‘, aber er konnte mir nicht entschwinden. Darauf sagte ich, ihr Mönche, zum Brahmā Bako:

›Wohlan denn, Brahmā, so werde ich dir entschwinden.‹

›Wohlan denn, Würdiger, so entschwinde mir, wenn du es vermagst.‹

»Und ich ließ nun, ihr Mönche, eine magische Erscheinung folgender Art sich fügen: ›Sei es dass der Brahmā und die Brahmagötter und die Brahmaschaaren meine Stimme hören aber mich nicht sehn!‹, also unsichtbar geworden sprach ich den Spruch:

›Das Leben acht’ als Leiden ich: Und allerhöchstes Leben selbst, Kein Leben lieb’ ich irgendwo, Kein Gnügen kann genügen mir.‹

»Da waren nun, ihr Mönche, Brahmā und die Brahmagötter und die Brahmaschaaren über das Außerordentliche, Wunderbare dieses Vorgangs erstaunt und bestürzt: ›Außerordentlich, wahrlich, wunderbar, wahrlich, ist des Asketen Gotamo hohe Macht, hohe Gewalt! Niemals noch, fürwahr, haben wir einen Asketen oder Priester gesehn oder von einem gehört, der so hochmächtig, so hochgewaltig gewesen wäre, wie dieser Asket Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat. Dem lebensfrohen Geschlechte, o Wunder, dem lebensfreudigen, lebenslustigen hat er das Leben mit der Wurzel ausgezogen!‹

»Aber Māro der Böse, ihr Mönche, fuhr nun in einen der Götter vom Gefolge Brahmās und sprach zu mir: ›Bist du, o Würdiger, also weise und weck, so ziehe dir keine Jünger heran, keine Nachfolger, so zeige nicht Jüngern die Wahrheit, nicht Nachfolgern, so ersehne nicht Jünger und Nachfolger. Schon vor dir, o Mönch, waren Asketen und Priester in der Welt, die sich für Heilige, vollkommen Erwachte ausgaben. Und sie zogen sich Jünger heran, Nachfolger, zeigten Jüngern die Wahrheit, Nachfolgern, ersehnten Jünger und Nachfolger. Und nachdem sie sich Jünger herangezogen hatten, Nachfolger, Jüngern die Wahrheit gezeigt hatten, Nachfolgern, Jünger ersehnt hatten, Nachfolger, starben sie und gelangten nach der Auflösung des Körpers zu verstoßenen Daseinsarten. Und schon vor dir, o Mönch, gab es Asketen und Priester in der Welt, {331} die sich für Heilige, vollkommen Erwachte hielten, aber keine Jünger und Nachfolger heranzogen, keine Wahrheit zeigten, keine Nachfolge ersehnten. Ohne Jünger und Nachfolger zu hinterlassen, ohne die Wahrheit gezeigt und Nachfolge ersehnt zu haben, starben sie und gelangten nach der Auflösung des Körpers zu erlesenen Daseinsarten. Darum lass’ dir, o Mönch, gerathen sein: höre, o Würdiger! Gieb dir keine Mühe, verweile so lange du noch lebst im ungetrübten Genusse deiner Heiterkeit, behalte das Aechte nur für dich, Würdiger, belehre keinen anderen!‹

»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach ich also zu Māro dem Bösen: ›Wohl kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren: ‚Er kennt mich nicht‘, Māro bist du, der Böse. Und nicht aus liebevoller Theilnahme redest du, Böser, also zu mir, sondern aus gehässiger Theilnahme; denn das, Böser, sind deine Gedanken: ‚Denen der Asket Gotamo die Wahrheit zeigen wird, die werden sich gegen meine Herrschaft auflehnen.‘ Doch unvollkommen erwacht, Böser, waren die Asketen und Priester, die dir erklärt haben: ‚Wir sind vollkommen erwacht.‘ Ich aber, Böser, der eben vollkommen erwacht bin, erkläre dir: ich bin vollkommen erwacht. Zeigt aber nun, Böser, der Vollendete Jüngern die Wahrheit: immer bleibt er der Selbe. Zeigt aber nun, Böser, der Vollendete Jüngern die Wahrheit nicht: immer bleibt er der Selbe. Zieht aber nun, Böser, der Vollendete Jünger heran: immer bleibt er der Selbe. Zieht aber nun, Böser, der Vollendete Jünger nicht heran: immer bleibt er der Selbe. Wie ist das möglich? Der Vollendete, Böser, hat den Wahn, den besudelnden, Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden, verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Gleichwie etwa, Böser, eine Palme, der man die Krone abgeschnitten hat, nicht mehr emporwachsen kann: ebenso nun auch, Böser, hat der Vollendete den Wahn, den besudelnden, Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden, verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann.«

So ist da Māro zum Schweigen gebracht und Brahmā heimgesucht worden; darum eben hat man diesen Bericht Brahmās Heimsuchung genannt.

50.

Fünfter Theil

Zehnte Rede

MĀROS VERWEISUNG

{332} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Mahāmoggallāno im Lande der Bhagger, bei der Stadt Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Damals nun erging sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno in einer Lichtung. Aber Māro der Böse war dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno in den Bauch gefahren und hatte sich im Darm festgesetzt. Da kam nun dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno der Gedanke: ›Was ist denn nur mein Bauch so schwer, wie etwa ein Sack voll Bohnen?‹ Und der ehrwürdige Mahāmoggallāno hielt seine Schritte an, ging in das Wohnhaus und setzte sich auf seinem Sitze nieder. Dort sitzend beobachtete sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno aufmerksam. Und der ehrwürdige Mahāmoggallāno sah Māro den Bösen in seinem Bauche, im Darme sitzen, und nachdem er ihn gesehn sprach er also zu ihm:

»Weiche von hinnen, Böser, weiche von hinnen, Böser! Nicht den Vollendeten plage, nicht des Vollendeten Jünger, auf dass es nicht dir zu langem Leiden und Unheil gereiche.«

Doch Māro der Böse dachte bei sich: ›Ohne mich wirklich zu kennen oder zu sehn spricht dieser Asket also zu mir; denn selbst Er, der sein Meister ist, hätte mich nicht so schnell erkannt: woher sollte mich erst dieser Jünger kennen!‹ Aber der ehrwürdige Mahāmoggallāno sprach also zu Māro dem Bösen:

»Allerdings kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren: ›Er kennt mich nicht‹, Māro bist du, der Böse. Du aber, Böser, denkst bei dir: ›Ohne mich wirklich zu kennen oder zu sehn spricht dieser Asket also zu mir; denn selbst Er, der sein Meister ist, hätte mich nicht so schnell erkannt: woher sollte mich erst dieser Jünger kennen!‹«

Da gedachte nun Māro der Böse: ›Er hat mich wirklich erkannt und gesehn, dieser Asket, der da also zu mir spricht.‹ Und Māro der Böse fuhr aus dem Munde des ehrwürdigen {333} Mahāmoggallāno hervor und stellte sich an den Thürbalken hin. Und der ehrwürdige Mahāmoggallāno sah Māro den Bösen gegenüber stehn, und bei diesem Anblick sprach er also zu ihm:

›Wahrlich kein Maaß hat Māro gekannt hier.‹

Bei jenem Blicke, Böser, zerging aber Dūsī der Māro auf der Stelle und erschien in einer Erzhölle wieder; in einer Hölle, Böser, die mit dreierlei Namen genannt wird: als Hölle der Sechs Sinne[39], als Hölle der Lanzenstarre, als Hölle der Innigen Pein. Da traten nun, Böser, Höllenwächter zu mir heran und sprachen: ›So oft sich, Würdiger, zwei Lanzen in deinem Herzen kreuzen, wisse, dass tausend Jahre deiner Höllenquaal um sind.‹ Und so litt ich denn, Böser, viele Jahre, viele Jahrhunderte, viele Jahrtausende in jener Erzhölle: zehn Jahrtausende litt ich allein im Höllenpfuhle, das äußerste der Gefühle, wie man es nennt, empfindend. Und mein Leib war da, Böser, wie etwa der eines Menschen, und mein Kopf wie etwa der eines Fisches.

»Was war es für ein Höllenort Wo Māro Dūsī Quaalen litt Als Frevel er an Wissenswalt Und seinem hehren Herrn gethan?

»Es blitzten hundert Lanzen blank Und jede stach mit eignem Stich: Das war des Ortes arge Pein Wo Māro Dūsī Quaalen litt Als Frevel er an Wissenswalt Und seinem hehren Herrn gethan.

Des Auferwachten treuer Sohn,

Den lasse, Frevler, unversucht,

Willst selber Leid nicht leiden du.

»Im Meere liegen Inseln hold, Ein Weltenalter stehn sie stand, Wie Edelsteine hell und rein, Ein funkelnd Feuer, glänzend klar: Und Nixen tanzen Tänze dort, Und jede lacht in eignem Licht.

»Wer dessen sich erinnern kann, Des Auferwachten treuer Sohn, Den lasse, Frevler, unversucht, Willst selber Leid nicht leiden du.

»Wer auf Geheiß des wachen Herrn Im Angesicht der Jüngerschaar Den Quaadergrund am Hirschenstein Mit seiner Zeh’ erzittern ließ:

»Wer dessen sich erinnern kann, Des Auferwachten treuer Sohn, Den lasse, Frevler, unversucht, Willst selber Leid nicht leiden du.

»Wer Sakkos Siegesbanner-Schloss Mit seiner Zeh’ erzittern ließ, Magiegewaltig witzbegabt Ein Götterbeben einst gebot:

{338}

»Wer dessen sich erinnern kann, Des Auferwachten treuer Sohn, Den lasse, Frevler, unversucht, Willst selber Leid nicht leiden du.

»Wer dann im Siegesbanner-Saal Den Götterfürsten Sakko frug: ›Doch kennst du, lieber Vāsu, wohl Das Heil versiegter Lebenslust?‹ Und dem der Gott nun Punkt für Punkt Bescheid auf seine Frage gab:

»Wer dessen sich erinnern kann, Des Auferwachten treuer Sohn, Den lasse, Frevler, unversucht, Willst selber Leid nicht leiden du.

»Wer fragend vor den Brahmā trat, im Saal der Säligen also sprach: ›Wähnst, Bruder, du hier immer noch Den Wahn, den du vorher gewähnt? Merkst nicht, dass auch der Glitterglanz Der Brahmawelt verwesen muss?‹

»Und dem nun Brahmā Punkt für Punkt, Wie sich’s gebühret, Antwort gab: ‚Nein, Würdiger, ich wähne nicht Den Wahn mehr, den ich einst gewähnt.

»‚Wohl merk’ ich, dass der Glitterglanz Der Brahmawelt verwesen muss; Wie achtlos hab’ ich doch geirrt, Zu wähnen, dass ich ewig sei!‘

»Wer dessen sich erinnern kann, Des Auferwachten treuer Sohn, Den lasse, Frevler, unversucht, Willst selber Leid nicht leiden du.

»Wer höchsten Berges Gipfelgrat Als Heiliger erobert hielt, Den östlichen Videher-Wald. Der Erde tiefste Höllen fand:

»Wer dessen sich erinnern kann, Des Auferwachten treuer Sohn, Den lasse, Frevler, unversucht, Willst selber Leid nicht leiden du.

»Hat wohl das Feuer je gedacht: ›Versengen will den Thoren ich‹? Der Thor, der flacke Feuersgluth Erfassen will, versengt sich selbst.

»So willst nun, Māro, fassen du, Willst sehren den Vollendeten, Wirst aber sengen nur dich selbst, Ein Thor, der Feuer fassen will.

»Verderben schürst dir, Māro, an: Willst fassen den Vollendeten, Und hoffest, Frevler, hoffensfroh, Dein Frevel werde frommen dir?

»Des Frevlers Frevel schichten sich Zu langem Leid, Verworfener! Verzweifle, Tod, am wachen Herrn, Heb’ von den Jüngern dich hinweg.«

So hat im wilden Schreckenswald Ein Mönch dem Māro einst gewehrt: Und plötzlich war der wirre Geist Am selben Ort verschwunden da.

Notes in this chapter

Note 1 · abhibhū, der Uebermächtige, der Ueberwältiger, ist nicht etwa eine Hypostase Brahmās (die ja sammt und sonders ad absurdum geführt werden, eNote 2 · anussaranti, praesens praeteriti soliti; cf. Ekaṃ samayaṃ... viharati u. a. m. — WHITNEY, Ind. Gramm. § 777.Note 3 · Die richtige Auslegung dieser Stelle verdanke ich GEORG BÜHLER; vergl. auch R. OTTO FRANKE in der Wiener Zeitschrift für die Kunde des MorgeNote 4 · Freie Brüder = Nigaṇṭhā, wörtlich Knotenlose, einer der Zweige der großen Sekte der Jainās die noch heute in Indien besteht, gegründet von NNote 5 · Vergl. Anmerk. 28.Note 6 · Der Text fügt hier als Kommentar, gleichsam in Klammern, hinzu: suttaṃ geyyaṃ veyyākaraṇaṃ gātham udānam itivuttakaṃ jātakam abbhutadhammaṃ Note 7 · sabbasaṇkhārasamathāya; cf. meine »Buddhistische Anthologie«, Leiden 1892, p. XXV.Note 8 · Die Umgebung von Benāres, wald- und wasserreich, ist flach: doch sieht man hier und da anmuthige kleine Erd- und Steintumuli, von mächtigen Note 9 · Mönchen und Nonnen, Anhängern und Anhängerinen.Note 10 · Einen trefflichen Auszug dieser Reden, die auch heute noch im Volke recht beliebt sind, giebt Asoko auf seinem 11. Felsenedikt.Note 11 · vibhavataṇhā; vibhavo = vibhu, vibhūti, ist hier positiv. Der Gebrauch κατ’ ἐναντιοτην findet sich ebenso oft, z. B. MN vol. I. p. 65: da isNote 12 · Vergl. die 30. Anm. Zur Fastenübung: Manus XI, 216/18, VI, 19/20. Der addhamāsiko pariyāyabhattabhojanānuyogo ist ohne Zweifel eine Gattung Note 13 · sotāpatti, die Hörerschaft, nicht von √sru, sondern von √śru, daher sotāpanno und ohitasoto: Der gehört hat und Der offene Ohren hat. — VergNote 14 · bako von √vak, vaṉk = kauṭilye im ursprünglichen Sinne: zickzacksein; entspricht volvi, volo [»fulmina volant«], τραπω, ἀστραπη. Daher wird Note 15 · lies: mā h’eva te rittakam eva ahosi tucchakam eva ahosi viññāṇam anidassanam anantaṃ sabbato paham. Siehe die Schlussverse des KevaṭṭasuttaNote 16 · s. g. weil jedem der sechs Sinne (vergl. die Anm. 31) nur Quaal zutheil wird: SN vol. IV. p. 126. Zu Seite 390, Zeile 11 v. o.: rittam, √ric
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