Zwölftes Kapitel
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Es brannte eine Lampe im Saal, und Johannes saß bei John am Bett und unterhielt sich mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn draußen zog ein schweres Gewitter herauf. Es war drei Tage her, daß man John bewußtlos in der Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.
»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte Johannes, sich schüttelnd.
Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte der Kranke, wenn die Erde sich doch auftun möchte und uns alle miteinander verschlingen!
»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte Johannes hinzu.
»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht noch glänzend die Sonne. Zu denken!«
Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren Fingern. »Hab Angst, hab Angst,« stammelte er.
John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« murmelte er, »alles trüb und dunkel. Aber dahinter kommt vielleicht die Sonne – die nie mehr untergeht.« Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst du, wie es bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen mich entzwei, ohne daß sie mich anrühren, ohne die Hände zu bewegen.«
»Wer? Wer?«
»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das Zimmer seiner Brüder führte, und dann nach der Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.
Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den Tod, damit ich sie nicht länger geniere. Sie füllen mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich geh' nicht allein. – Hier ...,« er zog mit zitternden Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor und zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen habe, die ich für andre aufsparte. Ja ...« und er lachte wie ein Blöder, und der Schwachsinnige lachte mit.
Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt aufgerissen, und Markus, Johannes' Bruder, stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, ein Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender Stimme, indem er sich verschämt das eine Auge mit der Hand verdeckte.
»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus die Klugheit selbst dünkte und diesen immerfort schalt und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig halten wie seinen Bruder. »Scher dich raus!« herrschte er ihn an.
Der baumlange Markus prallte einen Schritt zurück; denn obgleich er eine ungeheure Kraft besaß, hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem älteren und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, Tante Anna sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen Kopf auf eine Seite gelegt.
»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« scherzte John.
Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante Zarnosky. Dieser heimtückische, wenig folgsame Idiot wurde unter ihren Blicken ein sanftes, aufs Wort gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus sich kreuzigen lassen. Er stieß einen Freudenschrei aus, als seine Angebetete in den Saal trat. »Tante Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, neue Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um die neuen Stiefel zu zeigen, so hoch in die Höhe, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.
Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo ins Eßzimmer zu gehen, da sein lautes Wesen den Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.
Johannes sah seinem Bruder mit rollenden Augen nach. »Idiot, Idiot!« schimpfte er, ganz rot im Gesicht.
»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, »wird deine ganze Gesellschaft sein, wenn ich erst tot sein werde.«
Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte ihn trotzdem. »Willst wirklich sterben?« fragte er leise.
Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders übrig bleiben,« entgegnete er.
»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr weh tut, komm ich auch.«
John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine Pistole geben?« fragte er freundlich.
»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte Johannes erschreckt.
»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall – und du bist weg und gleich im Himmel, wo es Zigarren und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis gibt.«
Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. »Im Sommer ...,« begann er auf einmal, und dann stockte er ratlos.
»Was ist im Sommer?« fragte John.
»So schön! So schön!«
»Und da möchtest du nicht weg! Was?«
»Nein,« flüsterte Johannes.
»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener Ruhe fort, »kann morgen, kann übermorgen sein, dann wirst du es schlecht haben. Für die andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird sich mit dir unterhalten? Und eure Marie, die wird für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn ich nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch hungern und frieren lassen ...«
»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« jammerte er.
»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm der arme, bestürzte Bursche leid. »Na,« sagte er, sich zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es auch noch einen andern Ausweg, als – ich will mal nachdenken, was ich noch für euch beide tun kann.«
»Ach ja! –« sagte Johannes, und seine ganze Todesangst und seine ganze Lebensgier war in dem Zittern seiner Stimme.
»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich will schlafen. Das Gewitter kommt noch nicht so rasch.«
»Und du wirst? Wirst ...?«
»Ja, ja ...«
Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß John die Augen und weinte.
Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein hilfloser, von allen verspotteter, armer Idiot hing am Leben – – es war so schön im Sommer ...
Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und Peter wollte er erschießen. Nein! Nein! Mochte Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was da leben durfte. Es war so schön im Sommer ...