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Der Trinker

Siebentes Kapitel

Reading edition

John hatte seinen herrlichen Kognak bis auf den letzten Tropfen genossen, und nun wollte er alles tun, um wieder gesund zu werden. Daß Peter wieder bei ihm war, flößte ihm neuen Lebensmut ein. Mit ihm zusammen sollte es nun auch wirklich in die Heilanstalt gehen.

Die Mutter begann zu weinen, als er ihr eines Morgens, stotternd und stammelnd, von seiner Absicht sprach. »Siehst du, siehst du,« sagte sie, »jetzt kommst du endlich zur Vernunft. Wie du dich gründlich ruiniert hast.«

»Meinst du, ich kann nicht mehr gesund werden?« fragte John mit schwankender Stimme.

»Was wirst du nicht wieder gesund werden können?!« versetzte sie etwas gewaltsam. »Wir müssen mit dem Doktor reden. Ich werde mit dem Doktor reden, was der zu deinem Plan meint.«

»Was warst du für ein gesundes Kind!« fuhr sie in vorwurfsvollem Tone fort. »Wie haben sie mich um dich beneidet! Du wogst neun Pfund, als du geboren warst.«

Diese Tatsache war John nicht neu, denn die Mutter erzählte sie mit Vorliebe. Doch selbst heute versäumte er nicht zu fragen, was er danach immer fragte: »Hatte ich auch schon Haare auf dem Kopf, als ich geboren war?«

Frau Zarnosky dachte siebenundzwanzig Jahre zurück, und ein naives Lächeln trat langsam auf ihr verweintes, immer etwas ängstlich blickendes Gesicht, dessen einstige Anmut die Jahre vergewöhnlicht hatten. »Ob du Haare hattest!« sagte sie stolz. »Dein ganzes Köpfchen war mit langen schwarzen Haaren bedeckt. Und die waren wie Seide. Und sie hatten dir einen Scheitel gemacht, als sie dich zu mir brachten. Einen Scheitel ...«

John lachte unter Kopfschütteln, so wie ein Mensch lacht, wenn er etwas höchst erstaunlich findet. Und doch kannte er die Geschichte von seinem ersten Scheitel schon über zwanzig Jahre. Er wie seine Mutter hatten die glückliche Gemütsanlage, daß sie sich mit solchen und ähnlichen Nichtigkeiten über den Ernst einer Situation hinwegtäuschen konnten. Sie waren wie Kinder: die vor Dunkelm die Augen schließen und am Rande des Abgrunds ahnungslos mit Blumen spielen. Und sie waren auch so leicht wie Kinder zu trösten.

»Wie ist es, hast du Schmerzen?« fragte Frau Zarnosky, noch ganz verträumt.

»Nur selten,« log John.

»Na siehst du!« sagte die Mutter beruhigt. »Dann ist es also nicht so schlimm. – Du bist ja jung,« setzte sie hinzu. »In deinem Alter –! Herrgott, da kann sich auch noch alles bessern! Ich werde gleich morgen mit dem Doktor reden, was er dazu meint.«

»Und wenn er sagt, ich soll nicht?« fragte John mit nervösem Lachen.

Frau Zarnosky fuhr sich erschreckt über ihr dünnes, glatt gescheiteltes Haar. »Dann wird er etwas andres wissen,« beruhigte sie sich und ihn.

Johns Miene wurde heller und heller. »Hast du nicht ein bißchen Kaviar?« fragte er verschämt.

»Wenn du nur noch immer Appetit hast,« sagte die Mutter und lächelte, »dann ist noch alles nicht so schlimm.«

»Wo wird es auch schlimm sein!« brummte der Trinker.

Aber der Arzt war anderer Meinung. »Nicht daran zu denken!« sagte er sehr ernst, als ihm Frau Zarnosky Johns Entschluß mitteilte. Sie starrte ihn an, als rede er dummes Zeug, denn sie hatte sich bereits den schönsten Hoffnungen hingegeben und schon dieses und jenes für die Reise vorbereitet. »Bei seinem Zustand? Nicht daran zu denken!« wiederholte der Arzt.

Frau Zarnosky verlor gleich alle Selbstbeherrschung. »Muß er denn sterben, Herr Doktor?« weinte sie laut heraus, obgleich sie sich hätte denken können, daß John an der Tür lauschte.

»Nur ein Wunder könnte ihn retten,« sagte leise der Arzt.

In den Ohren des Lauschenden erhob sich ein Brausen, das alle Geräusche um ihn verschlang. Er vernahm nicht mehr, was der Arzt und die Mutter noch weiter sprachen, einem Betrunkenen gleich taumelte er hinaus auf den Hof und begab sich in seine Wohnung. Dort warf er sich auf das Sofa, drehte sich nach der Wand und blieb so regungslos bis zum Abend. Kein Bitten, kein Klagen, kein Trost und keine Vorwürfe vermochten ihm ein Wort zu entlocken. Der Wasserfall, der in seinen Ohren zu brausen schien, ließ keinen Laut zu ihm dringen, und die Verzweiflung, die ihn gepackt hatte, lähmte seinen Körper und seinen Willen. Schließlich ließ man Peter zu ihm herein, der kläglich meckerte, weil man ihn tagüber zu füttern vergessen. Mit einem kecken Satz sprang das Tier auf den Tisch, mitten unter die Teller, einen zertretend, einen herunterwerfend, und machte sich an Johns Abendbrot. Da wandte sein Herr zum erstenmal den Kopf um. »Peter,« flüsterte er, »haben sie dir nichts zu essen gegeben?«

»Mämämämä ...« erwiderte klagend der Bock.

Sie werden ihn hungern lassen und werden ihn schlagen und fortgeben, wenn ich erst tot bin, dachte John entsetzt, und seine Willenskraft kehrte langsam zurück, und das Brausen in seinen Ohren schien schwächer zu werden. In seinem Kopfe reifte hastig ein Entschluß – der ihm ganz seltsam erschien, wie er das lebensvolle Tier so vor sich auf dem Tisch sah.

Peter sollte getötet werden, ehe sein Herr starb. John wollte eigenhändig diesem kräftigen jungen Leben ein Ende machen.

Sein Vorhaben entsetzte ihn beim Anblick des gierig fressenden Tieres. Wer gab uns die Erlaubnis, fragte er sich, mit dem Leben dieser Geschöpfe zu verfahren, wie es uns beliebt? Was ist der Mensch für eine Bestie! Aber Peter mußte sterben, wenn sein Herr einen ruhigen Tod haben sollte. Das Todesurteil war unwiderruflich gefällt. Zum Wohl des einen wie des andern.

»Junge,« flüsterte John, »sieh mich mal an!«

Der Bock hob den Kopf und sah seinem Herrn dumm und lieb ins Gesicht.

»Wenn du wüßtest, was über dich beschlossen ist!« dachte John.

Der Bock war mit dem Abendbrot fertig und sprang zu seinem Herrn aufs Sofa. Dore wagte heute nicht zu schelten. »Wollen Se nich auch was essen? Soll ich nich noch was holen?« fragte sie.

John sah sie an und wies stumm nach der Tür. Da ging sie leise hinaus.

Es wurde ganz still im Zimmer; Peter schlief ein, und sein Herr blickte regungslos durch das Fenster. Der Himmel war abendblau und doch noch hell. Die Sichel des Neumonds schwebte gleich einem silbernen Schmuckstück mit erikafarbenem Schimmer über dem Hof, auf dem ein paar Arbeitspferde des Ausspannens harrten, große, braune Pferde mit schönen, glasklaren Augen. Eine Menge Schwalben kreiste mit langen, süßen Schreien in der Luft; manchmal so tief, daß sie fast die hohen Köpfe der Pferde streiften. Aber die Pferde verharrten in majestätischer Ruhe, die großen klaren Augen friedlich geradeaus gerichtet. Das mußt du alles verlassen, dachte John, vielleicht, wenn der Mond rund geworden – ist das Trauerspiel schon aus. Er schauderte.

Gab es einen Gott und ein ewiges Leben? Unnütze Frage! Die Toten konnten keine Antwort geben und die Lebendigen nur darüber fabeln. Beides: Gott und ewiges Leben, das waren doch wohl nur Märchen – die schönsten Märchen, die die Menschheit sich erfunden. Zum Trost erfunden.

Märchen zum Trost! War das nicht zum Lachen und zum Weinen?! Und da wurden hohe Häuser gebaut und Lieder gesungen, um dieser Märchen willen, für diesen eingebildeten König, der nur schweigen konnte.

»Wenn du existierst, dann rufe!« flüsterte John, auf das Sofa schlagend. »Ich will's hören. Ich hab's nötig.«

– – – –?

– – – –?

Seine Hand erhob sich noch einmal; aber nicht mehr beschwörend: resignierend. Er seufzte.

»Die Macht des Todes kann niemand bezweifeln,« sagte er darauf laut. »Wenn Gott existiert, dann ist er ein Krüppel, denn er kann nicht sprechen; dann ist er unglücklich, denn er kann nicht helfen ... Der Tod – das ist ein andrer Kerl!«

Und ihm war, als sähe er den Tod auf sich zukommen, aus dem Dunkel einer Abendwolke, ähnlich einem Mann mit einem Lasso, der bereit ist, die Schlinge zu werfen. John schloß angstvoll die Augen und duckte sich auf dem Sofa zusammen. Es war aber nicht der Tod, der über ihn kam, der Schlaf übermannte ihn plötzlich.

Und ihm träumte: er stände lauschend auf einem weiten, dunkeln Feld, auf dem es nichts gab, was ihm zur Deckung dienen konnte – wenn der Tod kam. Denn der sollte kommen, der würde kommen, das fühlte John mit einer Angst, die ihm Tigerstärke gab. Eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn in das Feld des Todes getrieben, und nun stand er und wartete auf ihn mit angestrengtem Gehör und schreckensweiten Augen. In der Ferne erklang eine schauerliche Musik – die Musik seiner Nächte –, die ihm das Herz mit Angst und Grauen zu zerreißen drohte. Und plötzlich begann die Erde zu dröhnen von einem riesigen Gespann, das windgeschwinde herangebraust kam. Der Wagen war aus Erz, und aus Erz waren die hohen Räder und aus Erz die Füße der dunkeln Pferde. Und auf dem Wagen stand der Tod mit einer eisernen Sichel in der Hand, eine Flöte am Munde. Und die Räder und die Füße der Pferde waren rot vom Blut der Zerstampften und Überfahrnen, und die Sichel war rot vom Blut der Gemähten.

John sprang mit einem lauten Angstschrei auf den Rücken der Pferde und sah dem Tod ins Gesicht, nach einem Schimpfwort suchend, das all sein Entsetzen und seinen Abscheu zusammenfaßte. Der Knochenmann grinste und hob elegant die Sichel. Wie ein Balletmeister, dachte John, ihm in den Arm fallend und mit ihm ringend.

Wo der Tod hingriff, brannte es los wie Feuer, und brachen die Knochen wie dürre Halme. Ein Flammen und Splittern! John raffte seine letzte Kraft zusammen und brach seinem Gegner den Arm mit der Sichel ab. Dabei erwachte er.

»Ich verbrenne! Wasser! Wasser!« stöhnte er, nach Luft ringend. Peter meckerte kläglich.

Dore stand schon mit Selterwasser da und gab ihm zu trinken. John zeigte ihr stumm, was er in der Hand hielt. »Sein Arm,« flüsterte er, noch immer nach Luft ringend. »Ich hab ihn besiegt. Er wird so bald nicht wiederkommen.«

»Das is doch ein Stick Horn vom Ziegenbock,« murmelte die Wärterin mit schadenfrohem Lächeln. Aber John begriff nicht, was sie sagte.

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