Drittes Kapitel
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Auf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter Birnbaum. Sein Stamm war so stark wie vier feiste Mönche zusammen, und seine mächtige Krone bildete eine Art chinesisches Dach über einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm lief ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden viel zum Sitzen benutzt, der Tisch noch mehr als die Bank.
Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John saß unter dem Birnbaum auf dem Tisch, die Füße auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken in die Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr alten rosa Häuschen, das mit dem Giebel an den Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges Fenster und sonst nichts als seine rosa Farbe. John war froh. Er hatte beschlossen, noch ein drittes Mal in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; denn: er wollte hinterher nie mehr einen Tropfen Alkohol über seine Lippen bringen, das hatte er sich mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum hoffte er nun, eines Tages wieder gesund, stark und schön zu sein, er hoffte, einst wieder zu den glücklichsten Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält man das Wunderbarste für möglich.) Bald nach Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt begleiten.
Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum und tanzte auf den Hinterbeinen. Plötzlich öffnete er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte eine dicke rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ...
»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, »deine Mama und auch dein Papa.«
Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang klirrend auf, und ein brauner Christuskopf lugte heraus. »John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«
»Ja, komm!« sagte der Trinker.
Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau, achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit, indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder, der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete ihre Zinsen, und zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner einfältigen Schwager.
»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand reichte.
»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der abwehrenden Geste des frommen Idioten.
»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes, sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner war.
»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius Pilatus.
»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre habe ich heute für dich.«
Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte ihm jedesmal eine große Freude, wenn man ihm eine ganze Zigarre schenkte; denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die Haushälterin auf.
Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«
Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht. John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf das nicht,« entgegnete er dann stets.
Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.«
Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab, indem er Johannes wie ein Folterknecht angrinste. »Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.
Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein um den lockigen Christuskopf des Idioten. Er stand da, die Hände um die Mütze gefaltet, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine Lippen bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er hatte schon tagelang nichts zu rauchen gehabt, und eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem so lange entbehrten Genuß. Dieser Zigarre gegenüber unterlag er der Versuchung, das fühlte er. »Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, »hab schon was jesacht. Hast bloß nich jehört, hast bloß nich jehört.«
»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der Trinker.
Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne schlugen leise klirrend zusammen. »Er – er – ist, ist – ein Esel!« stieß er plötzlich ganz kreidebleich hervor, als John schon dabei war, ein Streichholz zu entzünden, und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur ein ganz kleiner, nur ein ganz kleiner!«
John wollte lachen und konnte nicht. »Das war noch nichts Rechtes,« sagte er beinahe verlegen, »aber für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«
Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den Mund. John gab ihm Feuer.
Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen gern allerhand seltsame und boshafte Experimente vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin beklagten, ging er auf der Stelle hin und stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur Rede. Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen Respekt vor John, ja, sie zitterte förmlich vor ihm, da sie ihn zu allem fähig hielt. Zweimal in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen kosten. War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin die Drohung zu hören, daß er sie wegen Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes und Markus bewunderten Johns Mut aufs tiefste; er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er sie, die ewig Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn wie einen Vater und nahmen seine Neckereien und Quälereien so ruhig und ergeben hin, wie der Türke die Schicksalsschläge.
Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen Himmel herab, glutrot und groß. Johannes hatte sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte wie ein Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch der Welt gewesen, wenn er nicht die Gotteslästerung hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er leise, »meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«
»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete dieser. »Der hört doch alles!«
»Johnche, du lachst ...?«
»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht schlief'r auch schon. Is doch'n alter Mann.«
»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.
Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, die ganz seltsame, phantastische Formen hatten. Springenden Pferden mit Hörnern und Krallen ähnlich, wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.
»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer Kopfbewegung nach oben.
»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«
In die Augen des Schwachsinnigen kam ein sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins Paradies?« wiederholte er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich hin.«
»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«
Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird schon,« meinte er, »da jibt's doch alles umsonst. Zigarren – Bratäpfel – Glacéhandschuhe ...«
»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft schlürfend. »Ich werde wieder gesund werden. Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund zurück.«
Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.
Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen.
»Wieso?« fragte John.
Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand, der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.
Schweigen.
»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder – du müßtest sterben. Die Toten sind alle klug.«
»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!«
John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne. Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein Lied von der einzigen Wonne – zu leben.