Viertes Kapitel
Reading edition
Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte; denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen, und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung sprengen zu wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche und eine Menge Mundvorrat enthielt – für den Amalie im geheimen gesorgt hatte.
Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe – und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche Handschuhe zu Dutzenden bekommen; aber jetzt – –! Immer wieder mußten sie alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten, sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.
Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige, baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte.
»Steigen wir 'runter?« fragte John.
»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See.
»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.
»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und setzte sich auf die nächste Bank.
Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend, brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges Knurren aus, als John »genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.
Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder, und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen – ohne weiße Glacéhandschuhe. Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre – –! Es tat ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und das Echo gab es verhaltener wieder.
Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.
Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne, als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand.
John war, als fahre die Mole unter ihm davon, als sie stehen geblieben waren und auf das Wasser blickten; sich auf Johannes stützend, schloß er erschreckt die Augen. Nun fuhr er mit; die Mole und die ganze Welt schien langsam mit ihnen davonzufahren. John hielt sich an Johannes, wie der Schiffbrüchige am Mast, und auf einmal glitt er lautlos zu Boden. Ein Schwindelanfall, der nur langsam vorüberging. »Ich bin schläfrig,« sagte er schließlich auf Pfarrers angstvolles Fragen mit seiner gewöhnlichen Stimme, und er streckte sich aus und ließ die Sonne auf seinen gelben Wintermantel brennen.
Der Schwachsinnige strich ratlos seinen Christusbart, er blickte scheu auf das große Wasser, dem er nun ganz allein gegenüberstand; am liebsten wäre er nach Hause gelaufen. Nach einer Weile hockte er sich neben seinem bereits schnarchenden Freunde nieder, der See den Rücken zudrehend, und sah unentwegt auf die Reisetasche: ihr Anblick war ihm eine Oase in der Wüste. Den Handschuh hatte er längst wieder abziehen müssen. John hatte ihm vor allen Leuten mit einer Backpfeife gedroht, wenn er es nicht auf der Stelle täte. Es war ihm nichts anders übrig geblieben, als zu gehorchen.
Pfarrers Phantasie sah auf der Tasche einen Mädchenkopf mit großen, lachenden Augen. Pfarrer hatte sich wieder einmal verliebt. Das eine der beiden Mädchen, die auf der Treppe an ihm vorübergesprungen, hatte es ihm angetan. Und nun glaubte er, sie immer wieder kichern zu hören; es war aber nur der Sand, der so klirrend von der Düne rieselte.
Es rieselte ... es rieselte, und die Wogen warfen sich mit eintönigem Geschrei gegen die Mole. Pfarrer legte das Gesicht auf die Reisetasche, da, wo er sich den Mädchenkopf dachte, und brummelte sich in den Schlaf.
Die Wellenpferde kamen laut herangejagt, sprangen an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; neue kamen, sprangen an der Mole hoch und brachen fauchend zusammen; neue kamen ... und die Sonne sah ihnen strahlend zu und segelte majestätisch ihren Weg.
Es war gegen halb sechs, als John endlich aufwachte. »Dore! Kaffee! Kaffee!« brummte er.
»Kaffee! Kaffee!« echote der Idiot.
John sah sich betreten um. »Pfarrer,« stotterte er, sich die Augen reibend, »was ist das hier?«
»Ostsee! Ostsee! Ostsee!«
Der Kranke verzog das Gesicht. »Ich säße jetzt lieber zu Hause,« sagte er mißmutig.
»Ich auch! Ich auch!« sagte Johannes.
»Da hinauf komm' ich heut' nicht mehr,« murmelte John, auf die Düne zeigend.
Johannes verfärbte sich. »Bleib nich! Bleib nich!« rief er entsetzt. »Graurig hier! Graurig hier im Dunkeln!«
»Ich werde schon Mittel und Wege finden, daß wir vor acht auf dem Bahnhof sind,« versetzte der Trinker mit seinem Imperatorenlächeln.
Und der Schwachsinnige vertraute seinem Ideal. »Is gut! Is gut!« sagte er beruhigt.
John versuchte nun fröhlich zu sein; aber es wollte ihm nicht recht gelingen, und je näher der Abend kam, desto stiller wurden sie alle beide. Johannes begann wieder zu essen; doch diesmal ohne Genuß: die große Nähe des weiten, lärmenden Wassers bedrückte zu sehr sein Gemüt. Und John bedrückten Todesgedanken. Er kam sich vor wie ein Sterbender, der sich noch einmal in die Sonne gesetzt, der das Meer und die Sonne noch einmal sehen wollte, um von ihnen Abschied zu nehmen. Das Gebrüll der Wogen hatte seine Fröhlichkeit verloren. Sie klagten jetzt immer lauter und lauter und hohler: eine tragische Musik. John lehnte sich schwer an die kalte Dünenwand mit dem rieselnden Sande. Er hatte einen Ton im Ohr, der aus der Ferne zu kommen schien, aus einer Ferne, die nicht auf Erden war. Der Tod schlug mit der Sichel an. »Ich komme bald!« klang's aus der Ferne.
»Ich verreise nächstens,« sagte John plötzlich.
»Weiß! Weiß!« murmelte Johannes.
»Nicht in die Anstalt,« sagte der Trinker.
Der Schwachsinnige wieherte geheimnisvoll, so, als wisse er über alles Bescheid.
»Weißt du, zu wem?« fragte John.
»Zu wem? Zu wem?« stotterte Johannes.
»Zum Tode – Pfarrer.«
Der Idiot lachte verblüfft und ängstlich. »Ach ja –?!« sagte er mit ungläubiger Miene. Und dann halb scherzhaft, halb wißbegierig: »Hat er einen Garten? Einen Garten?«
»Einen großen,« erwiderte John, »mit einer hohen, blutroten Mauer herum.«
»Äpfel? Äpfel im Garten?«
»Nee! Mohnblumen, nichts als Mohnblumen.«
»Was tust mit Mohnblumen?!« sagte Johannes in wegwerfendem Tone.
»Du riechst sie,« murmelte John, »und dann vergißt du das Leben: alles, was dich geplagt hat.«
»Will nich verjessen! Will nich!« brummte Johannes trotzig.
»Aber eine Zigarre würdest du wollen, was?«
»Ja,« sagte der Schwachsinnige, treuherzig wie ein Kind.
Er bekam eine und sog wie ein Rasender an dem dicken, etwas feucht gewordenen Stengel, ohne ihn in ordentliches Glimmen zu bekommen. John lachte über Pfarrers verzweifelte Anstrengungen, aber seine Augen sahen nach Tränen aus; denn seine Schmerzen meldeten sich, und es begann ihn auch zu frieren, da die Sonne hinter großen Wolken verschwunden war. Die Wolken waren, kaum bemerkt, herangezogen und standen nun wie Elefanten am Himmel, See und Land beschattend und die Mole mit den beiden traurigen Träumern.
»Warum ließen sie mich zum Säufer werden?« stieß John nach langem Schweigen zwischen den Zähnen hervor.
Der Schwachsinnige wieherte kläglich.
»Warum ließen sie es zu?« wiederholte John fast schreiend in herzzerreißendem Tone.
»Iß! Iß!« stammelte Johannes in ratloser Bestürzung.
Die Elefanten schickten einen kurzen, klingenden Hagelgruß herunter, auf den ein harter, rascher Regen folgte. Die Tropfen tanzten zischend über die Frühlingssee und klapperten rhythmisch auf der Mole. Dann wurde es wieder still. Die Sonne schob ihr gelbes Kinn um die Ecke einer Wolke, und ein Regenbogen flammte groß und strahlend am dunkeln Himmel auf. Das war das Finale des kurzen Konzertes.
Auf John und Johannes wirkte der Regenbogen wie Regimentsmusik. Sie reckten sich die Hälse nach ihm aus und machten frohe Augen und schüttelten lachend den Regen ab, dem sie ganz regungslos standgehalten. »Es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte John nach einem tüchtigen Schluck aus der Kognakflasche, und nun mußte Johannes die Tasche nehmen, und dann ging es zu seinem Erstaunen von der Mole herunter, immer weiter in die Fremde hinein. Es war nicht leicht, durch den nassen Sand zu wandern, über diesen schmalen Strand, den von der Düne gestürzte Bäume und große Steinblöcke versperrten. Johannes wurde immer kleinlauter; John lachte, obgleich ihm die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Doch der Schwachsinnige vertraute auch jetzt seinem Ideal. Er fragte nicht einmal: Wohin gehen wir eigentlich? Gehen wir hier zur Bahn? Er trabte schweigend mit, die tote Zigarre im Munde.
So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene, die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See herunterzuschnellen.
Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter was die Büxen halten!«
Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande. »Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig.
Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach, ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die Höhe fahren.
Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und nur John stieg in die Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll, schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen.
Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum.