Dreizehntes Kapitel
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Der Vater kam und saß an seinem Bett, Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war vom Morgen bis zum Abend um ihn, und der Arzt erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den Saal nur selten. Auf ihre Fragen nach seinem Befinden erhielten sie auch nur selten eine Antwort von John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. Meistens lag er ganz ruhig da, und die Fliegen umsummten seinen Mund.
Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff ihn entsetzliche Todesangst. Sich wild aufrichtend, umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief: »Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es geht!« Frau Zarnosky hörte es bis auf der Veranda; aber sie vermochte sich vor Schreck und Entsetzen nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel Chlodwig zu ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, damit er John von Gott und dem ewigen Leben spräche.
Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch die purpurnen Fenstervorhänge, als der Geistliche, hoch und würdevoll, in den Saal trat. Er war der Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben nicht leise auf. Als er durch den stärksten der roten Lichtströme ging, flammte sein rötlichbrauner Vollbart wie Zunder auf, und sein starkknochiges, fanatisches Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen Dimensionen anzuschwellen. Er war großartig anzusehen, wie er so durch den Glanz schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines Glaubens. Er fixierte John so lange, bis dieser verlegen die Augen niederschlug. »Wie geht's, mein lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch, während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.
John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung in die ausgestreckte feste Rechte des Pfarrers, murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.
»Wir haben den lieben Herrgott und unsern Herrn Christus vergessen, nicht wahr?« fragte der Geistliche in eindringlichem Flüsterton.
»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen und albernen Lachen.
»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar gelobten, nicht wahr, mein lieber John?«
»Ja.«
»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«
»Ja.«
»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«
»Ja.« – John war bereit, zu allem »ja« zu sagen, was der Pfarrer ihn fragte. Es ging eine faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus, der er in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. Vergebens suchte er seine Blicke aus denen des Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an sich. John lag wie gefesselt da, und seine Seele kämpfte erfolglos gegen den Starken an seinem Bett.
»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie aufrichtige Reue?« fuhr der Geistliche noch eindringlicher fort.
»Große Angst,« stammelte der Kranke.
»Wir wollen beten!« – Das klang wie ein gedämpfter Posaunenstoß, wie der selbstbewußte Ruf eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem Herrn. John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn reden, was er wollte. Er hörte kaum zu; aber seine Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen Strom von Glauben und Zuversicht, der sich mit den Worten des Betenden über ihn ergoß.
»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.
»Ja,« sagte John leise.
»Beten Sie auch mit?«
»Ja.«
»Wird Ihnen leichter ums Herz?«
»Ja.«
»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen barmherzigen und gnädigen Gott?«
»Ja.«
»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der Pfarrer, daß es dröhnte. Und dann leiser: »Wenn Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der Herr Ihre Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen zur ewigen Seligkeit.«
»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der Trinker.
»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu den Scharen der Seligen mit den goldenen Harfen.« Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.
»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte John wie ein Kind. »Und darüber ein Osterhimmel, nicht wahr?«
»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich der Geistliche.
John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, und der Pfarrer erhob sich.
»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen Frieden!« murmelte er voller Inbrunst, die große, feste Hand segnend über den Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen Schritten von dannen, umflossen von der Pracht seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens. Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, die Tür. Als er ihr die Hand hinstreckte, durchfuhr sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.
John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; seine Phantasie schuf Bilder auf Bilder. O ja, er hatte schon Lust, nach jenen Fluren auszuwandern, nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das waren schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.
»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, noch ganz heiß von dem Händedruck.
John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. »Wissen Sie was,« entgegnete er, »der Mövius hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben Gott.«
»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r Mann bei Ihnen ausjerichtet hat?«
»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und Lilien-Fluren,« spöttelte er weiter, »und eine goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«
»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie verdienen nich, im Himmel zu kommen! Sie werden auch nich!«
»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will hier bleiben und gesund werden. Es ist mir noch lange nicht genug!«
»Noch nich jenuch jetrunken, was?«
»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich die Augen aufreißend.
»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« sagte er nach einer Weile, »dann würde ich jetzt nicht hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«
»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. »Hat er nich alles für Sie jetan, was sein muß und sein kann?!«
»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.
»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten Augen ins Zimmer tretend.
»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.
Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder und ergriff still und mit den Tränen kämpfend ihres Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John am liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht kränken und auch nicht zeigen, daß ihm ihre Tränen eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat, als wolle er schlafen.
Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau Zarnosky ihren Tränen freien Lauf und sagte flüsternd zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«
»Neinei,« entgegnete diese.
»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« fuhr die Mutter fort. »Ich hab' wohl für ihn getan, was in meinen Kräften stand.«
»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.
John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu verbergen; aber es wollte ihm nicht gelingen: sein Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.
Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber Junge – –« stotterte sie.
Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab John Medizin ein und glättete seine Kissen, wobei ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. Trotzdem überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen an der Tür. »Das is der Pfarrerche,« sagte sie, resolut »herein« rufend.
Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie geht's?« fragte er, unter Verbeugungen näher tretend.
»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, und ihre weinerliche Stimme stand in lächerlichstem Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der Haut fahren mögen.
Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben bis zum Bett, setzte sich auf die Kante des Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot jejessen?« fragte er verschämt im Kreise herum.
»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner Mutter.
»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche liebes, nich wahr?« schmunzelte Dore.
Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? Wirst jefracht?« versetzte er indigniert.
Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit stummer Wollust ergriff. Seine langen, nicht ganz sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich. »Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit halbgeschlossenen Augen.
»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte ihn John ganz leise.
Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. »Noch e bißche warten; nächstes Jahr, nächstes Jahr.«
»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise fort, »Frau Kalnis soll zu euch ziehen, wenn ich tot bin.«
Johannes warf Dore ganz von untenauf einen unbeschreiblichen Blick zu. »Meinst, meinst?« entgegnete er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.
»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend.
Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste; eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.
Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm. »Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude. Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser als tot sein.
Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete, war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.
Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand? War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte tröstete?
Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!
Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«
Vielleicht kam er von Gott.
Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne, und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte – und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten.
Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal, das heißt seine Anlagen ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen. Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war, auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm – denn wer konnte die Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur. Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All: einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da.
Der Morgen rückte vor. Die Sonne wurde von grauen Wolken bedeckt; Regen fiel. Ein trauriger Wind zog leise klagend an den Fenstern vorüber. Dore saß jetzt am Krankenbett, strickend lauschte sie dem Wind und dem seltsamen Schnarchen des Kranken; in ihren Augen war eine dumpfe Angst vor der Zukunft. Plötzlich erwachte John und sah sie an – und verstand. »Du ziehst zu den Idioten, wenn ich tot bin,« flüsterte er. »Du kannst dir ja ein Mädchen halten. Der Vater wird dir ein Drittel meines Erbteils geben.«
»Aber Herr Johnche trautstes ...«
»Ruf ihn! Er soll es mir versprechen.«
Die Wärterin mußte gehorchen, und Herr Zarnosky kam, den Kamm in der Hand, herbeigestürzt. Er versprach alles, was John wollte, sich in der Bestürzung mechanisch weiterkämmend. Hustend und sich räuspernd, um seinen Schmerz und seine Rührung zu verbergen, starrte er dem Sohn wie gebannt ins Gesicht. »Möchtest du nicht was trinken?« fragte er einmal über das andere.
John schüttelte mit einem fremden Lächeln den Kopf.
»Champagner, wie?«
»Ich kann nicht mehr.«
»Na, es wird schon alles wieder besser werden,« sagte Herr Zarnosky mit rauher Stimme, und in diesem Augenblick hätte er alle seine andern Kinder hingegeben, wenn er John dafür zurückbekommen hätte, wie er vor zehn Jahren war. Sein Gewissen regte sich zum ersten Male laut und heftig diesem Ende gegenüber, er fühlte sich nicht mehr frei von aller Schuld beim Anblick seines sterbenden Sohnes. Und obgleich er sich sagte, daß vielleicht auch ein Stärkerer als er John gegenüber versagt hätte, so schien ihm nun doch nicht genug, was er um ihn getan hatte. »Nicht genug, nicht genug ...« das erhob sich wie ein Klingen in seinen Ohren, das nicht mehr enden wollte. »Hab' ich dich nicht immer gewarnt?« stieß er wie zu seiner Verteidigung unsicher hervor.
»Besser werden,« murmelte John, die Augen schließend.
Herr Zarnosky streckte die Hand aus und fuhr ihm mit ungeschickter, verzweifelter Zärtlichkeit über das Gesicht, dann drehte er sich wortlos um und ging, die Zähne zusammenbeißend, hinaus.
Abends gegen zehn verlangte John mit klaren Augen Champagner, und Dore beeilte sich, ihm das Gewünschte zu holen. Während des Trinkens riß er sich immer wieder am Halse, weil ihm das Schlucken sonderbar schwer fiel. »Will nicht mehr rutschen,« sagte er mit einer traurigen Grimasse. Dann legte er sich zurück, faltete die Hände und ließ wie in alten Tagen die Daumen umeinander laufen. Frau Kalnis holte ihr Strickzeug und setzte sich zu ihm ans Bett.
»Dore,« sagte er plötzlich, »war das alles: geboren werden, saufen und nun sterben?«
»Wie meinen Se, Herr Johnche?«
»Ich meine, ob das alles war, was ich erleben sollte?«
»Na–e ...« und mehr wußte sie nicht.
»Dann war mein ganzes Leben fünf Pfennige wert!« stieß John zwischen den Zähnen hervor.
»Aber vielleicht kommt doch noch etwas,« murmelte er dann. »Etwas muß doch noch kommen, es war doch noch so gar nichts, so gar nichts – – Vielleicht ist der Tod eine angenehme Überraschung,« setzte er mit Humor hinzu. Darauf sah er starr vor sich hin und sagte: »Vielleicht ist der Tod das einzige große Erlebnis im Leben der meisten Menschen.«
»Denken Sie auch an Gott?« fragte Frau Kalnis.
John hatte die Augen geschlossen und schwieg.
»Hörst du? Ach, hörst du?« murmelte er nach einer Weile.
»Ich her nichts,« entgegnete die Wärterin.
»Musik!« flüsterte er. »So traurig und so schön! Wie von vielen Wassern – – Wie von großen Wäldern – – Wie von Stürmen – – So schwer und so tief und so traurig schön!« Nach diesen Worten öffnete er rasch die Augen und sagte wie in einer plötzlichen Erleuchtung: »Weißt du, wozu ich gepaßt hätte, Dore?«
»Na?«
»Ich hätte Musik machen können.«
»Jewiß,« bestätigte die Wärterin, »was konnten Se doch bloß scheen d'n Flohwalzer spielen.«
John kicherte nervös vor sich hin; ein Kichern das wie ein Schluchzen klang. »Du hast es getroffen,« flüsterte er, »auf d'n Flohwalzer kommt es an.« Dann seufzte er tief und schloß die Augen.
Die Wärterin ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn an. Und es kam ihr vor, als verändere sich sein Gesicht, während sie ihn unverwandt anblickte. Sie saß wohl eine halbe Stunde so, das Strickzeug im Schoß. »Er jefällt mir gar nich,« murmelte sie, als Frau Zarnosky ans Krankenbett kam.
»Er schläft doch so schön,« sagte die Mutter.
Und die beiden Frauen standen und blickten stumm auf den Schläfer. Sie glaubten eine Ewigkeit so zu stehen, wie von unsichtbaren Mächten festgehalten. Draußen plätscherte der Regen, draußen war das Leben. Und im Zimmer war der Tod, das fühlten sie nun alle beide. John lag ganz still. Doch plötzlich wurde er unruhig: und während ein krampfhaftes Zucken durch seinen ganzen Körper lief und sein Gesicht sich verzerrte, schlug er die Augen auf und suchte mit großen, angstvollen Blicken die Mutter; er schien etwas sagen, etwas rufen zu wollen. Frau Zarnosky beugte sich tief zu ihm herab; aber er sagte nichts, konnte nichts mehr sagen. Sein Kopf sank ein wenig zur Seite, die Lider schlossen sich zur Hälfte über den glasig werdenden Augen – ein Röcheln, ein Ausstrecken, der Gesichtsausdruck wurde friedlicher – starr: John war tot.